Verzerrung und satanischer Ueberhitzung, 3 Wissen istsnacht Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung Nummer 30 Dienstag, den 28. Juli 1914 3. Jahrgang Wedelinds Welt. Zum 50. Geburtstag des Dichters(24. Juli). „Das Fleisch hat seinen eignen Geist.“ 9 Wedekind, Ueber Erotik. Aus schideren persönlichen Pubertätserlebnissen ist das künstlerische Lebenswerk Frank Wedekinds erwachsen. Mit 50 Jahren noch sieht er die Welt, wie er sie mit 16 Jahren erblickt haben möchte.(Die literarischen Versuche des 17jäh · rigen sind freilich von einer vergnügten bubenhaften Ge⸗ schlechtlichkeit erfüllt, aber es ist nur die produktive Un⸗ erwachsenheit und Unselbständigkeit, die ihn für das ge⸗ spenstische Grausen seiner Gesichte noch nicht den gestaltenden Stil finden, nicht einmal den Inhalt seiner wirklichen Vor- stellungen als dichterischen Stoff wählen ließ.) Ernste, grüblerische, im Innersten sittlich wahrhaftige Knaben und Mädchen pflegen in der drängenden Unrast der dämmernden Geschlechtsreife das erotische Getriebe, das ihnen legitim als Familienöde und Heimlüge, frei als menschliche Ge— meinheit und soziales Elend entgegenstarrt, als die Fratzen⸗ schrecken einer ewigen Walpurgisnacht zu empfinden. Dieses ursprüngliche Gefühl beherrscht das ganze literarische Da⸗ sein Wedekinds, seine sittliche Anschauung, sein stoffliches In⸗ teresse und nicht zum mindesten seinen künstlerischen Stil. Es hat einen sonderbaren, geheimnisvollen Reiz, zu erforschen, wie die künstlerische Form, zu der sich der Dichter durchrang, bei aller bewußten Reife und Fertigkeit doch ganz in der ebenso primitiven wie elementaren Anschauung verblieben ist, in diesem Stil des Hetzenden, Stoßenden, Bildflüchtigen, nächtig⸗-schlaflos, Ueberhitzten, Sichselbstfremden, Bruchstück⸗ haftem, der die Erlebnisse der Pubertät in der Wirklich ⸗ keit gestaltet. Wenn Wedekind diesem Stil des eindringlich gesteigerten Fragmentarischen, in dem das Zufällige zum logischen Schicksal wird, zu entrinnen sucht, wie in der nach beruhigterer Form strebenden letzten Versdichtung Simson und Delila, wird er leicht zum blassen Epigonen klassischer Sprache. Der erotische Spuk des erswachenden Jünglings bestimmt die Weltanschauung und die Kunst des Mannes. Aber in- dem der jugendliche Affekt durch die Erfahrung der Jahre Verdrängt wird, ohne innerlich erledigt zu sein, erwächst aus diesem Konflikt jene Tragikomik erotischer Lebensansicht, die Wedekinds Kunst beherrscht, und die furchtbare Krankheit, die das geschlechtliche Leben unserer Zeit erfüllt, diese Ver⸗ derbnis, Beschmutzung des lebenzeugenden Triebs des Men- schen, diese tausendfältige soziale Hemmung der reinen und starken Sinnlichkeit findet in Wedekind trotz aller krampfigen ihren stärksten Bildner, der auf der Bühne zum Agitator seiner Sehnsucht nach Befreiung und Gesundung wird. Im Zwang der Schule wird Wedekind zuerst das unlös. bare Problem fühlbar. Immer und überall wird die natür⸗ lich menschliche Sinnlichkeit bedrängt, entweiht, verstümmelt. In der frischen, noch unverdüsterten Komödie, die der 25jäh⸗ rige schrieb, Die junge Welt, tummelt sich im Vorspiel die anmutige Schar junger Schulmädel, die einen Bund zur Emanzipation von ihrer Geschlechtlichkeit gründen und die herangewachsen— durch bunte Irrungen den Weg zu ihrem Weibrecht finden. Ein Jahr darauf wirft er die geniale Knabentragödie Frühlings Erwachen in die stumm und achtlos bleibende Welt; es bedurfte fast zwei Jahrzehnte, bis dieses ganz ursprüngliche, inhaltlich ohne jedes Vorbild erwachsene, literarisch wohl von Georg Büchner beeinflußte, explosive Werk das deutsche Publikum zu inter⸗ essieren begann. Es begründet die Dauer Wedekinds und ist nur einmal noch, in seinem reichen Schaffen, übertroffen worden, in dem Martyrium des Königs Nikolo Gzuerst: So ist das Leben betitelt). Nach der Schule wird für Wedekind das Kabaret, der Zirkus, der Simplizissimus bestimmend. Er greift zur Laute und singt im Bänkelsängerton frech melancholische Moritaten und ungemein witzige und kräftige politische Satiren. Der Zoologe von Berlin ist die derbste und lustigste Ver⸗ spottung der Majestätsbeleidigungen. Die soziale Lyrik bleibt ihm nicht fremd; er findet einen natürlicheren Volks. ton, wie die meisten andern, bisweilen möchte man glauben, etwas vom alten Lenoren⸗Bürgerwerde wieder wach. Spricht die Mutter zur Tochter: Sieh, mein Herzblatt, den grünen Wald, Drin der Vögel Gezdditscher erschallt; Wie das so lieblich ist anzuschaun! Hast du kein Geld für das morgige Brot, Dir sind alle die Vöglein tot, Und der Wald ist ein schrecklich Grauen! Geld ist Schönheit! Mit recht viel Geld Nimmst dir den Mann, der dir wohlgefällt, Keinen Häßlichen, keinen Alten, Sieh, der Reichen Hände, wie weiß! Wissen nichts von Frost und von Schweiß; Haben keine Schwielen und Falten. Im Zirkus fesselt ihn das Gewimmel abenteuerlicher Gestalten, das Losgelöste von der bürgerlichen Ordnung, das brutal Triebhafte, die verwegene, hemmungslose Kraft. Er erkennt den echten volkstümlichen Humor in den Clown⸗ späßen, und in den wirksamen aber platten Possen wie dem Liebestrank bringt er den Zirkusgeist auf die Bühne. Er tritt in den Kreis des Simplizissimus, der eben begründet war. Ihm graut vor der Berufsarbeit der Witz⸗ bolde und Karikaturisten; in Oaha, einer seiner schwächsten, witzlosen und bewußtlos gehässigen— die dumme Verhöh⸗ nung Björnsons!— Arbeiten rechnet er später mit dieser Episode ab. Sein Kampf um Befreiung und Reinigung des Eroti⸗ schen gewinnt eine besondere Färbung dadurch, daß der Dich⸗ ter sich verkannt und verfolgt sieht. Sittenpolizeiliche Bor- niertheit und gerichtliche Befangenheit quälen ihn. Die Zensur schikaniert ihn, auch nachdem er sich endlich durchge⸗ setzt und den Weltruf des Berüchtigten erworben hat. Noch schlimmer setzt ihm eine Gefolgschaft zu, die nur das Erotische kitzelt und die nicht den schwerblütigen, im tiefsten unsinn⸗ lichen Grübler erfaßt. Als im Herbst 1898 Wedekinds Erd⸗ geist zum ersten Male öffentlich im Münchener Schauspiel⸗ haus aufgeführt wurde, schrieb einer, der selbst ein Dichter ist, in einer angesehenen literarischen Zeitschrift:„Der ge⸗ ringe(wohl Freunde-) Applaus wurde am Ende dieser„Tra⸗ gödie“ durch Lachsalven und pfeifende Schlüssel erdrückt. Es sbar in der Tat eine Grausamkeit des Publikums, daß es die Schauspieler nicht früher ihrer kraurigen Pflicht entband; ihr mißmutiges und unsicheres Spiel war eine fortwährende Bitte darum. Nur der Autor, der die männliche Hauptrolle gab, hielt sich heldenmütig.— Man nennt das Stück ver⸗ rückt. Das ist es. Aber etwa ein genialer Exzeß? Leider nein! Eine langweilige Reihe blöder Plattheiten. Im Mittelpunkt steht eine Frauengestalt, die Wedekind einem Großen nachgestümpert hat, ein Nana⸗Charakter.“ Das war vor 15 Jahren. Aber schlimmer noch ist das heutige Mode— geschrei, das auch das Schwächste als die höchste Offenbarung beschwatzt, die Bedeutung und die Begrenzung dieser Er— scheinung, die zwar die gesamte deutsche Bühnenliteratur der Gegenwart in Originalität und hochgespanntem Willen hinter sich läßt, die aber doch nur ein Torso ist, der in den Zerr— gebilden seiner Welt das Leid eines Menschen überpersönlich stammelt, nicht aber das Schicksal der Menschheit formt. Die Größe des Torso heischt Achtung. Es ist eine wilde Kraft in dieser Einseitigkeit und Verengung. Wenn Wedekind im Hochstapler einen wertvolleren Menschen sieht als den Philister, wenn er den Triumph des Geschlechts bis zu den letzten Paradoxen und Delirien verkündet, in Fäulnis und Zerstörung selbst die göttliche Kraft verehrt— das Bor— dell wird zu einem höllischen Paradies, der Mädchenhändler zu einem Befreier—; wenn er— Die Büchse der Pan- dora— dem„Fluch des Unnatürlichen“ ein menschlicher An⸗ walt wird, und die Unersätlichkeit des Triebes erst mit dem Messer Jack des Aufschlitzers stillt; oder wenn er in Hidalla in krausen Menschenzüchtungen mit tragischer Selbstverspot⸗ tung rumort— so sind das alles nur leidenschaftliche Aeuße— rungen einer verzweifelten Sehnsucht nach einer gereinigten und natürlichen, kindhaften Welt; eine Sehnsucht, die so stark und naiv ist, daß die ausschweifende Wüstlings⸗ und Dirnen⸗ fahrt schier im Gartenlaubenidyll endigen möchte(Fran- 8 is ka). So sird Wedekind im erotischen Prophetentum auf seine Art aus einem sozialen Ankläger zu einem sozialen Er— neuerer in der Sprache und Form einer Kunst, die die voll- kommene Herrschaft über den Stoff nie ganz erreicht. Die sechs schönen Bände, in denen jetzt der Münchener Verlag von Georg Müller den Ertrag einer fünfundzwanzig⸗ jährigen Schriftstellertätigkeit zusammenfaßt, enthalten eine bewunderungswürdige Fülle von Gestalten und Gesichten, die aus innerem redlichen und trotzigen Drang geschaffen, in Hieroglyphen, in heiligen Zeichen einer urerzeugten, eigen⸗ willigen Kunst wie mit den Lauten einer fremden Sprache gleichwohl ein Stück unserer Welt zum Reden bringen. Der Dichter freilich, der mit fünfzig Jahren sich von lärmender Berühmtheit geschäftig umringt sieht, gehört in die tragische Reihe jener innerlich Gehetzten, Besessenen, die durch ihre Kunst, wie sie sich selber nicht zu befreien vermoch⸗ ten, auch die Menschheit nicht über sich erheben. Kurt Eisner. Wann lerut der Mensch sehen? Für die meisten Menschen gilt es wohl für selbstverständlich, daß das Kind schon mit dem ersten Augenaufschlag nach der Geburt auch zu sehen anfängt. Genaue Beobachtungen namhafter Forscher haben aber festgestellt, daß in den allerersten Tagen nach der Geburt nicht einmal Lichtempfindungen bei den Neugeborenen vorhanden sind, sondern daß das Auge sich nur sehr allmählich an das ein⸗ dringende Licht gewöhnt und auch dann erst langsam zwischen den sich einstellenden Lichtempfindungen zu unterscheiden, das heißt zu sehen lernt. Darwin und später Genzmer, Roßmaul und in neuerer Zeit besonders Preyer haben über diesen Gegenstand interessantes Material gesammelt, das uns das erste Empfindungs⸗ leben jedes Menschen in ganz eigenem Lichte erscheinen läßt. Wohl jeder hat schon die Erfindung gemacht, daß, wenn er nach längerem Verweilen in einem dunklen Raum plötzlich ins helle Tageslicht oder in einen glänzend erleuchteten Saal trat, er wie geblendet dastand und zunächst nichts deutlich sehen konnte. Nicht anders, aber nur in besonders verstärktem Maße ergeht es dem Neuge⸗ si borenen unmittelbar nach der Geburt. Es kommt wie alle Säuge⸗ tiere aus einem dunklen Raum, wo es höchst wahrscheinlich mit geschlossenen Augen lebte; bei manchen Tieren wie Hunden, Katzen usw. bleiben ja die Augen noch 8 bis 9 Tage nach der Geburt] A geschlossen, und nun nach der Geburt strömt plötzlich das Tageslicht oder Lampenlicht mit voller Macht in das noch völlig ungewohnte Auge des jungen Menschenkindes. Um wieviel intensiver, kräftiger muß die Wirkung bei diesem sein, da doch infolge der völligen Neu⸗ t zu überblscen war. Er wandte ih aber ab. Ihm war der Malte wiberlih. Später, als er sprechen heit der Lichtempfindung die 5 des Neugeborenen selbstver n ständlich ganz außerordentlich empfindlich ist. Infolge dieser großen Empfindlichkeit kneifen Neugeborene bei hellem Tageslicht die Augen zusammen, ja schon mehrere Tage alte schlafende. —— fahren 7—*.* 7—— m Auge geräuschlos genähert wird. du ne blendendes Licht oder durch vlboliche grelle Beleuchtung können sie zum Schreien gebracht werden. So erklärt sich auch die Beob⸗ achtung, daß bei Neugeborenen, besonders bei Kindern, die ins Freie getragen werden, schon in den ersten Stunden nach der Ge⸗ burt sich die Pupille stark verengt, wenn man dem Auge eine Licht⸗ quelle, z. B. eine Kerzenflamme, nähert, während sie sich bei Ent⸗ fernung des Lichtes wieder erweitert. Bei solcher Empfindlichkeit der Netzhaut ist es also nicht möglich, daß das kleine Menschenkind in der allerersten Zeit irgend welchen hellen Gegenstand deutlich sieht. Es kann während dieser Zeit von bewußten Lichtempfindungen überhaupt keine Rede sein. Deswegen reagiert auch das Auge des Neugeborenen in den ersten Tagen nicht, wenn z. B. die Hand schnell gegen sein Gesicht bewegt wird. Wenn nach anderen Veob⸗ achtungen Neugeborene mäßiges Licht zu suchen scheinen, indem sie 1 B., wenn man sie gegen ein Fenster mit Zwielicht hält, die lugen öffnen und schließen, oder wenn sie dem Dämmerlichte zuge⸗ wendet, die Augen lebhaft bewegen, so erklärt sich dieses Verhalten als die Folge eines Lustgefühls, das die mäßige Erregung der 4 haut durch nicht zu starkes Licht auslöst, wie ja auch operierte Blind⸗ geborene beim ersten Eindringen des Lichtes in ihre Augen große Freude bezeugen. 5 Erst nach einigen Tagen gewöhnt sich das Neugeborene an das zerstreute Tageslicht und erst dann kann vom Beginn des Sehens gesprochen werden. Während in den ersten Tagen die Augen⸗ bewegungen noch völlig ungeordnet sind und der Blick nicht dem bewegten Kerzenlicht folgt, fängt das Kind im allgemeinen am neunten Tag an, ein etwa in einem Meter Entfernung vorgehal⸗ tenes Kerzenlicht anzustarren. Der starre Ausdruck des Auges und das Aufhören der Unruhe oder des Schreiens verraten dann die Lichtempfindung. Frühestens vom 23. Tage an wird ein ge⸗ schwungener Gegenstand mit den Augen verfolgt, oft aber auch sehr viel später. Ebenso können erst bei Kindern von 2 bis 6 Wochen Anpassungsbewegungen des Auges beobachtet werden, so daß bei Annäherung eines Lichtes die Blicklinien zusammen laufen, d. h. das Kind schielt. Das Zusammentreffen dieser drei Bewegungsvorgänge mit dem Auftreten der Empfindung des Hellen leitet das Sehenlernen ein, denn auch das Sehen muß buchstäblich erst nach und nach gelernt werden. Es sind im ersten Anfang weder die Bedingungen für das Zustandekommen eines scharfen Netzhautbildes vorhanden, no würde, wenn es zustande käme, der betreffende Gegenstand sogleich gesehen werden können. Zu all dem bedarf es einer langsamen Erfahrung. 5 Was der Säugling am ehesten deutlich erkennt, ist das Gesicht 5 seiner Mutter, weil diese am häufigsten in die deutliche Sehweite 1 kommt und überhaupt am meisten sich auf der Netzhaut abbildet. 2 Ganz ausgeschlossen ist, daß eine gelegentlich vor das Kind gehaltene 75 Kerzenflamme in der ersten Zeit als solche gesehen wird. Das 5 Kind wird nur die Empfindung des Hellen haben und weiter 3 also auf keinen Fall die Empfindung der Gestalt der Flamme. Die 9 Meinung, das Kind sähe die Flamme, ist daher falsch. a. g l Ganz besonders beweisen aber die Beobachtungen, die neuer⸗ l dings an operierten Blindgeborenen gemacht wurden, daß das N Sehen gelernt werden muß. So erwähnt Professor. Leyden ein⸗ mal die zwei berühmt gewordenen Fälle der erwachsenen Blind⸗ f g geborenen Cheselden und Wardroß, die durch Operation sehend ge⸗ 2 macht wurden. Aus den an diesen beiden Männern angestellten 1 Beobachtungen ergibt sich, daß diese Patienten keineswegs sofort, 8 nachdem sie das Augenlicht hatten, imstande waren, zu sehen. Es 5 vergingen Monate, ehe sie vermochten, die e e e g 5 nach Form, Lage und Größe der Objekte richtig zu beurteilen. Im Anfang konnten sie das, was sie sahen, nicht einmal erkennen. Dem einen kam es vor, als ob die Gegenstände, welche er 5 das Auge g berührten, ebenso wie die Gegenstände, die er fühlte, die Haut. 5 Besonders auffallend war, daß sie erst langsam lernten, die Wahr⸗ 8 nehmungen des Gesichtes mit dem in Einklang zu bringen, was sie durch den Tastsinn wahrnahmen. Durch diesen vorher sehr geübten Sinn erkannten sie die Gegenstände leicht, aber beim Sehen ohne gleichzeitiges Fühlen erkannten sie diese nicht oder verwechselten sie. Bezüglich des Farbensehens neugeborener Kinder ist es le be. N 8 3 unbestreitbar, daß ein grünes Licht von ihnen von vornherein anders empfunden werden muß als ein rotes, blaues oder gelbes. Später macht es freilich den Kindern noch jahrelang Schwierigkeit, sie richtig zu benennen. Daraus aber schließen zu wollen, die 5 Kinder empfänden die Farben nicht in ihrer Verschiedenheit, wäre 1 falsch. Wenn es auch noch an sicheren Angaben bezüglich des Zeit⸗ 1 punktes fehlt, in dem die Kinder die Farben deutlich unterscheiden 5 und zugleich die Formen und Erntfernungen erkennen, so ist sovlel 1 r, daß sie die Farben der Außenwelt und ihrer Verschiedenhett lebhaft empfinden. Das bewiesen wieder die durch Operation sehend gemachten Blindgeborenen. 25 spricht dafür eine merkwürdige Aeußerung des unglücklichen Kafpar Dauser, welche seine⸗ nselm Feuerbach mitteilte, als er erzählte: 1 re 1832 sollte Kaspar Hauser bald nach seiner Ankunft in Nu 138 im Vestner Turm nach enster sehen, von dem eine w 10 farbenreiche Sommerlan er, befragt, die Erklärung: Wenn ich nach dem es immer so aus, als wenn ein Laden ganz nahe vor meinen Augen aufgerichtet sei und auf diesem Laden habe ein Tlüncher seine verschiedenen Pinsel mit Weiß, Blau, Grün, Gelb und Rot alle bunt durcheinander gespritzt. Einzelne Dinge darauf, wie ich 2* Dinge sehe, konnte ich nicht erkennen und unter⸗ scheiden. war dann gar abscheulich anzusehen.“ Und dieser Ausspruch— 5 Ubließlich durchaus eine merk⸗ — 8 zwölf Jahre vor dem Auftreten des Kaspar Hauser vor⸗ „ von Schopenhauer niedergeschriebene Aeußerung: unte jemand, der vor einer schönen, weiten Aussicht steht, auf einen Augenblick alles Verstandes beraubt werden, so würde ihm von der ganzen Aussicht nichts übrig bleiben, als die Empfindung einer sehr mannigfaltigen Affektion seiner Netzhaut, welche gleich⸗ der rohe Stoff ist, aus welchem vorhin sein Verstand jene An⸗ schauungen schuf.“ 1 ener al 1 Bad und Baden in vergangenen Tagen. Vortrag von Landeskonservator Prof. Dr. Goeßler, Stuttgart, in der Ausstellung für Gesundheitspflege 5 Stuttgart 1914 am 12. Juli. AJgn der Geschichte des Bads sind zwei Höhepunkte hervor— bduheben: die Zeit der römischen Kaiserthermen und das . Mittelalter mit seinem hochentwickelten, freilich technisch sehr 8 unvollkommenen Badewesen. Im alten Orient sind Bäder und Waschungen in ö Bei den alten Griechen kommt schon in einem Palast aus bpomerischer Zeit das Hausbad vor. Eine speziell griechische Forderung war dann das Schwitzbad, angeblich den Spar⸗ tanern verdankt. Vor allem aber haben die Griechen Palästra und Gymnasion in steter Verbindung mit dem Bade ins antike Volksleben eingebürgert. Hausbad und öffentliche Badeanstalten, dann auch Heilbäder sind aus dem alten Griechenland in Menge bekannt. Die Römer haben dann unter dem Einfluß Griechenlands das Bad vervollkommnet. 15 Mit der zunehmenden Verbesserung der Wasserversorgung, dem Steigen des Wohlstandes und der Lebensansprüche wurde das Bad zu einem der unentbehrlichsten Hilfsmittel der Gesundheit und des Lebensgenusses. So verschiedenartig auch die einzelnen Bautypen und die Bedürfnisse der Bau- herren waren, so bauen sich doch alle die zahllosen römischen 8 Bäder vom Luxusbad des kaiserzeitlichen Rom bis zum ein— N fachsten Bad römischer Soldaten oder Bauern in der Provinz 1 in gleicher Weise auf dem Bedürfnis auf, ein warmes Wasserbad, ein kaltes Wasserbad, ein Aufenthalt in warmer Luft und einen Raum für die Abreibung zu haben. Würt⸗ temberg in der Kaiserzeit weist eine große Anzahl von römischen Bädern auf. Die Stuttgarter Ausstellung für Ge— sundheitspflege zeigt Pläne von solchen, wie auch Modelle. vor allem des Bades in Weinsberg. Die Römer haben auch das Verdienst, die Zentralheizung erfunden zu haben, d. h. die Möglichkeit, eine Anzahl Räume und auch die größ- ten und entferntesten von einer Feuerstelle aus gleichmäßig zu erwärmen. Das ist die sogenannte Hypokaustenheizung. Einige der Thermen in Pompeji und Rom werden im Bilde vorgeführt. Die Klöster des Mittelalters übernahmen zwar nicht das Bad in dieser entwickelten Form, aber zum Teil wenigstens das antike Heizsystem. Dafür ist ein besonders wertvolles Beispiel das„Kalefaktorium“ in Maulbronn Das deutsche Mittelater kennt vor allem die eine Art des Privaten Bads, das Wannen- oder das Kübelbad, das z. B. auf der Ritterburg jedem ankommenden Gast von Stand ge⸗ reicht wurde. Das deutsche Bürgertum schloß sich in diesen Badebedürfnissen durchaus an das Rittertum an. Im Mittel- aalter waren bei Bürgern, Handwerkern und Bauern in Stadt und Land Hausbadestüblein eingerichtet. Größer und be— haglicher wurde das im 11. Jahrhundert, von wo ab das diesen öffentlichen usammen und allmählich 45 nicht mehr der Gesundheit und HPiorm von religiösen Vorschriften seit urältester Zeit zu Hause. zan badete auch viel zu lange und das! häufige Aderlassen und Schröpfen, was der„Bader“ vor- nahm, wurde immer unhygienischer. Dazu hat im 15. Jahr- hundert das kolossale Steigen der Holzpreise den Bädern den ersten Todesstoß versetzt. Der dreißigjährige Krieg hat dann durch Seuchen und Verarmung diesen Untergangsprozeß zum Abschluß gebracht. Mittlerweise war freilich längst ein 5 Ersatz da: die bei uns vom 14. Jahrhundert an entdeckten Mineralbäder. Seit dem 16. Jahrhundert waren diese „Badenfahrten“ so beliebt, daß die Damen vornehmen Stan- des ohne sie gar nicht leben zu können glaubten. Das Baden wurde immer mehr ein Luxus und blieb das bis ins 19. Jahr- hundert. Die neuzeitliche Bewegung begann unter dem Ein- fluß weitsichtiger Philanthropen, wodurch Schwimmen Gegen— stand des Unterrichts wurde. Aus England stammt die neue Bewegung, welche uns als notwendige Ergänzung des Frei— bads, was bei unserem Klima nur ein Teil des Jahres mög— lich ist, die geschlossenen Badeanstalten mit Warmwasser ge— bracht hat. In Deutschland ging die Bewegung aus von Hamburg, wo im Jahre 1855 das erste öffentliche Bad er⸗ öffnet wurde. Stuttgart kann sich in diesem Punkt mit Ehren sehen lassen. Es war ein berechtigter Stolz, mit dem vor kurzem das 25. Jubiläum des Stuttgarter Schwimm⸗ bades gefeiert wurde. Die Erlebnisse eines Gedankens. (Schluß.) 5 Die Menschen draußen in allen möglichen Variationen, arm⸗ und reichgekleidete, schlecht⸗ und gutgenährte, Männer, Jünglinge, Frauen, Mädchen, Kinder, wogten laut durcheinander wie Samstags auf dem Wochenmarkt. Dem Gedanken war dies alles neu und unbekannt. Was sollte dieses ganze Gewühl mit Gold und Geld. Ja, er sah sogar, wie einzelne Betten, die doch sicher zum Ruhen gemacht waren, auf einen langen Tisch hingaben und nachher Geld dafür nahmen. Nein, nein, das war ihm zu rund und er mußte wissen, was dieses Treiben be⸗ deuten solle. Eben wollte er dem Dicken in die steinblauen Augen dringen und ihn fragen, da zwinkerte dieser hastig mit den Lidern und knüpfte, den lästigen Gedanken einfach nicht achtend, ein Gespräch mit seinem Nachbar, dem Schreiber, über einen anderen Schreiber und dessen Eheleben an. Der Gedanke setzte sich an die ziemlich großen, fleischigen Ohrmuscheln des Menschen. Die waren kalt wie ein Eisschrank und schienen verstopft. Schließlich versuchte er noch, sich in eine Falte seines Schädels zu nisten, die waren aber so flach, daß er herunterzufallen drohte. Also gab er seine Vemühungen auf und trat, ohne bemerkt zu werden, einen ehrenvollen Rückzug an nach der Tür, durch die er gekommen war. Hinter ihm drein kam aber auch schon wieder der Dicke mit seinem gefüllten Kästchen auf seinen kurzen, schaukelnden Beinen und steuerte den Eisentüren zu. Schnell machte sich der Gedanke aus seiner Ecke hinter ihm her ins Gewölbe, wo der Dicke diesmal keinen andern Mauerschrank öffnete und in einem fast noch leeren Fach die Schätze nebeneinander legte. Das tat er ebenso gleichgültig wie vorhin; nicht einmal warf er den Dingern, die er da ins Dunkel einsperrte, einen Abschiedsblick zu. Der Gedanke wollte sich darüber ärgern, fand aber keine Zeit dazu. Vielmehr mußte er sich beeilen, im letzten Moment noch an seinem stumpsen Nasenhügel vorbei in den Schrank zu gelangen, in den er sich eine Zeitlang einspexrren lassen wollte, um vielleicht auf diese Weise hinter das geheimnisvolle Treiben dieses Hauses zu kommen. Als sich leicht knackend die Tür hinter ihm geschlossen hatte, machte er sich's zuerst einmal auf einem breiten, funkelnden Brillanten bequem, der aber sofort laut opponierte. Einige plebejische Uhren tuschelten lustig drauflos und höhnten den Brillantenschmuck, der sich vor Wut nicht mehr zu helfen wußte. Dann hörte man eine ganze Zeit nichts als das Herzklopfen der vielen Uhren in der Runde. Wieder ließ sich der Brillantschmuck vernehmen, diesmal etwas leiser:„Wo hätte ich je gedacht, daß ich einmal in eine solche gewöhnliche Höhle und in eine solche Gesell⸗ schaft käme. Pfui, eine solche Gesellschaft. Und wie es hier riecht.“ Obwohl der Brillant sehr leise gesprochen hatte, hörte es doch eine silberne Uhr in der Nähe, die gab ihn sogleich dem allgemeinen Spott preis, indem sie laut rief:„Wenn's dir hier nicht gefällt, geh' doch wo anders hin. Hier wird kein Unterschied gemacht zwischen Plebejern und Aristokraten. Ueberhaupt, was geht uns das daß deine schöne Durchlaucht auf den Hund und du ins Pfandhau gekommen bist.“ In dem allgemeinen Gelächter schnappte der Ge⸗ danke eben noch das mysteriöse Wort Pfandhaus auf, um es sich fi seinen Bericht zu merken. Zum wenigsten wußte er jetzt auch, w er war. N Seine Durchlaucht der Brillant alühte vor lauter Aerger. Er wollte noch etwas sagen von Unbildung oder dergleichen. Kaum wurde jedoch seine Stimme hörbar, so übertönte ihn auch schon ein Chronometer, der, nach seinem groben Organ zu schließen, wahr⸗ scheinlich einem Scemann gehörte, mit den Worten:„Halt's Maul, wir sind zur Erholung und zum Schlafen da, nicht zum das, Fuß Hier herrscht Gleichheit bei den Versilberten, merke dir das, Dur laucht. Für mich hat mein Herr nur vier Mark bekommen. und die waren mehr wert als die hundert, die deine Gnädige bekommen hat. Mein Herr war am Verhungern, das hörte ich am Magen⸗ knurren von der Westentasche aus— deine Madam hat zu essen mehr als genug, aber auch so viel Schulden, daß solche wie mein Herr, nicht Pferdewurst zu knappern brauchten, wenn sie das Geld hätten. Also muckse nicht, du hast gar keine Veranlassung dazu. Uns ist diese Gefangenschaft auch kein Vergnügen—.“ Allgemeiner Beifall lohnte diese treffliche Rede. Der Gedanke saß tief gebeugt und sann. War da nicht wieder das Gesicht, das ihn den ganzen Tag verfolgte. Oder träumte er nur? Neben sich hörte er im Umdrehen einen leisen Gesang, der, als er näher lauschte, deutlicher wurde. Eine kleine goldene Uhr war es, und das trau⸗ rige Lied klang wie ein Reigen der Gnomen, die in der Erdgefangen⸗ schast nach Licht und Freiheit rusen. So unheimlich, zerrissen klang das traurige Lied, daß er sich richtig freute, als er den Schlüssel rasseln hörte und das freundlich abgerundete Gesicht des Dicken sah, der wieder mit neuer Beute in seinem Kästchen vor ihm stand. Ohne sich lange zu besinnen, huschte er über seinen settfleckigen Aermel inweg zur Kellertür und durchs Schlüsselloch hinaus ins Helle. icht sehen wollte er und aufatmen. Also machte er sich auf zur Bodenkammer, dieweil es auch Zeit war, daß er heimwärts flog. Oben ließ er sich erst noch einmal zwischen zwei Ballen nieder, um sich auszuruhen. Aber auch hier wurde er bei genauem Lauschen nicht von Gesprächen verschont. Aus dem einen Ballen klang es zu dem benachbarten:„Weißt du, ich komme über die Sache gar nicht zur Ruhe. Und ich fürchte wirklich, meine Leute haben sich ein Leid an⸗ getan. Man hört ja jetzt so viel von Not und Elend. Jeden Tag wird es hier bei uns mehr, statt weniger, bald komme ich unter den Hammer und werde wer weiß wohin verschlagen.“ Ja, ja, es sind schlimme Zeiten,“ sagte der andere Ballen,„und das schlimmste ist, wir liegen hier und keiner sieht die Not. Ach, es ist ein Unglück.“ Sie stöhnten beide und dämmerten wieder weiter wie vorher. Es dunkelte draußen, die Tauben, kamen hereingeflogen, steckten den Kopf tief in ihre Federn und fingen an zu träumen. Der ganz traurig gewordene Gedanke hockte da, fröstelnd, entblößt und arm. Die Fratze tauchte wieder vor ihm auf und schrie:„Flieh, flieh!“ Er erhob sich und schwang sich durch's Fenster. Draußen flimmerte ihm zu Füßen ein Lichtermeer, das sah er sich eine Weile an. Im gleichen Besinnen tauchte auch schon wieder die Fratze hoch auf dem First des Daches auf, nur noch häßlicher und größer als vorher. Je länger er hinsah, desto deutlicher wurde sie. Aus einem knochigen faltigen Schädel glühten grünfeurige Augen, aus denen über die hohlen, grimmigen Wangen fort und fort Tränen liefen, die unten auf zwei dürren Lippen zu Eisperlen erstarrten und herunterfielen. 82— dies Gesicht unbeweglich auf dem First des geheimnisvollen uses. Der Gedanke faßte sich und rief:„Wer bist du, Schrecklicher?“ Und ohne daß sich Lippen oder Zunge bewegten, klang es hohl zurück:„Ich bin die Not. Flieh, flieh!“ 2 wd du!“ rief der Gedanke zurück.„Flieh, oder ich vertreibe „Du vertreibst mich nicht. Ich bin ich: und du bist du. Versuche es, wenn du magst, aber rüste dich wohl, wenn du mit mir anbinden willst, Wahnwitziger!“ Iich werde kommen“, rief noch einmal stolz und laut der Ge⸗ danke und entschwand durch die Lüfte zu seinem Herrn und Gebieter zurück. Auf der Reise verirrte er sich noch einmal, geblendet durch das viele Licht, in ein prachtvolles Haus; da rief ihm aber schon von Ferne ein Gesicht, das ihn lebhaft an den Dicken erinnerte, zu: „Mach', daß du fortkommst, du bist mir lästig!“ Sein wirklicher Herr aber— er saß gerade über den Tisch ge⸗ beugt und schrieb— empfing ihn mit hohen Ehren, ließ sich alles be⸗ richten und sagte zu ihm:„Ja, da hast du diesmal den schlimmsten Feind, den Urheber alles Bösen, getroffen. Die Menschen fliehen vor ihm und doch holt er sie leicht ein, und sind sie ihm erst einmal unterworfen, rasch sind sie seine Verbündeten, das Verderben und der Tod, hinterdrein und vollenden, was er begann. Aber wir werden gegen diesen Schattenfürsten Not, im Bunde mit Tag und Sonne, alle guten Gedanken, Willen und Taten zu einem Heere rüsten, ihn von den Feldern und Dächern vertreiben und ruhelos, wie es ihm gebührt, zu den Wölfen in die Steppe verbannen.“ Und damit gab sich der Gedanke einstweilen zufrieden. Aus unserer Sammelmappe. Das Nachtlämpchen im Vogelnest. Auf eine merkwürdige Ent⸗ deckung, wie sie die Tierkunde selten erlebt hat, macht Wilhelm Bölsche in einer naturwissenschaftlichen Plauderei aufmerksam, die er in der bei der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erscheinenden Zeitschrift Ueber Land und Meer veröffentlicht. Es handelt sich dabei um ein Vöglein von juwelenhafter Herrlichkeit des Gefieders, um die Amadine, die zu der Vogelgruppe der Webefinken gehört. Rücken und Flügel dieses entzückenden Tieres sind von durchsichtig⸗ stem Grasgrün, das gegen die dunkeln Schwanzspitzen in ein zartes Himmelblau verdämmert, am Halse durch ein ähnliches Blauband und einen schwarzen Samtstrich davon getrennt, eine leuchtend blut⸗ rote Kopfkappe, die tief bis über die Wangen herabfällt und pracht⸗ voll gegen das Elfenbeinweiß des Schnabels und die schwarze Kehle steht; zu diesem Grün und Rot aber steht die Brust mit einem breiten Felde bes unvergleichlichsten Lila in schönem Gegensah, unh ble ganze Farbenharmonie wird vollendet durch das satteste Dottergelb des Bauches. Es war den Zoologen schon lange aufgefallen, daß die kleinen, noch nicht flüggen Nestjungen dieser und verwandter Pracht. finken in den Mund⸗ und Schnabelwinkeln beiderseitig gewisse dick vorspringende Kugeln zeigten, die bei den ausgewachsenen Tieren seltsamerweise vollständig verschwanden. Es war dies also eine Besonderheit der Kinderstube der Jungamadinen, und zwar stellte es sich heraus, daß diese kleinen Kugeln leuchteten, so wie die Nacht⸗ lämpchen in einer menschlichen Kinderstube. In dem fast geschlosse⸗ nen Webernest dieser Finken ist es nämlich dunkel, und so würde der alte Vogel zur Atzung ber Jungen kein Licht haben, wenn nicht diese kleinen Lichtlein leuchteten, die höchst sinnreicherweise von der Natur gerade dahin gesetzt sind, wo sie am besten der Nahrung den Weg weisen: nämlich in die Schnabelwinkel der kleinen Schnäbel selbst. Was ist das nun für ein Leuchten in der Kinderstube der Amadine? Darauf konnte man erst Antwort geben, nachdem überhaupt das Leuchten der Tiere in der Natur mehr erforscht war. Nicht nur die Glühwürmchen und Leuchtinfusorien verbreiten ja im Dunkel einen grellen Glanz, sondern auch allerhand Tieraugen, wie die der Katzen und Eulen. Katzenauge ein„Eigenlicht“ habe. Erst Prevost hat nachgewiesen, daß es sich beim Leuchten des Katzenauges um eine ganz zufällige Reflexerscheinung für den Beschauer handelt, die mit eigner Leuchk⸗ kraft des Tieres nichts zu tun hat. Diese Feststellung erschien zu nächst so ungeheuerlich, daß noch der große deutsche Physiologe Johan⸗ nes Müller in eingehenden Erperimenten die Tatsache beweisen mußte. Einer der genialsten Schüler Müllers, Brücke, konnte dann zum erstenmal zeigen, daß auch das menschliche Auge, wenn man es im dunkeln Raume mit einer Blendlaterne bestrahlt und dann einen Beobachter an dieser Lichtquelle vorbei hineinblicken läßt, für diesen Beobachter leuchtet. Es war ein andrer großer Physiologe und Schüler Müllers, du Bois⸗Reymond, in dessen Auge zuerst das „Katzenlicht“ gezeigt wurde. Und an dies Experiment schloß sich einer der größten medizinischen Fortschritte aller Zeiten, die Er⸗ findung des Augenspiegels durch Helmholtz, der einen Hilfsapparat konstruierte, um die Brücksche Theorie des menschlichen Augenleuch⸗ tens seinen Schülern möglichst anschaulich zu zeigen, und dabei zu seiner großen Freude plötzlich die menschliche Netzhaut beobachten konnte. Auch die„Nachtlämpchen“ der Amadine leuchten nun, wie Chun dargetan hat, nach der Methode des Katzenauges. Die winzigen blauen Glühbirnen, die das finstere Nest des Finken illuminieren, wirken als ein raffinierter Reflektierapparat, indem sie die schwachen Stäubchen Dämmerlicht der nicht absolut dunkeln Neststube konzen⸗ trieren und hell zurückstrahlen. Das Wunderbarste ist aber, daß dieses reflektierte Licht hier im Dienst eines bestimmten Nutzzweckes steht und von der Jungamadine zu ihrer eignen Fütterung ange⸗ zündet wird.— 5 Gewürze und Ernährung. Bei der Mischung von Nahrungs⸗ mitteln zu Speisen ist die Zufügung eines sog. Gewürzes wesentlich, d. h. eines Stoffes, welcher durch gewisse reizende Eigenschaften zur Anregung der Absonderung von Verbauungssäften besonders ge⸗ eignet ist. Durch sie wird die Nahrung überhaupt erst genießbar. Ihre Wirkung im Organismus wird am ehesten verständlich, wenn man sie mit der Schmiere einer Maschine vergleicht. Die Maschine läuft besser, wenn sie aut geschmiert wird. Gewürzstoffe und Genuß⸗ mittel lassen sich nicht leicht von einander trennen. Die Gewürze sind wohlschmeckende und wohlriechende Substanzen, die entweder in den gewöhnlichen Nahrungsmitteln enthalten sind oder denselben vor dem Essen zugesetzt werden. Die Gewürze, abgesehen von Zucker und Salz, die zum Teil als Nahrungsmittel aufzufassen sind, verdanken ihre Benutzung meist dem Gehalt an ätherischen Oelen oder Bitterstoffen. Genußmittel sind mehr diejenigen Stoffe, welche durch ihren Uebertritt ins Blut das Nervensystem beeinflussen und daher weniger auf Geschmack und Geruch wirken. Die Gewürze und Genußmittel besitzen gewisse spezifische Eigenschaften. Sie ver⸗ mögen die Nahrungsaufnahme angenehm zu gestalten durch psychische Wirkung, wie z. B. die Riechstoffe der Fleischbrühe, des Bratens, sehr wahrscheinlich der Vanille. Unmittelbar wird die Speichel-, Magen⸗ und Darmabsonderung beeinflußt, wie dies z. B. der Pfeffer tut, das Kochsalz, die Bittermittel. Andere Gewürze wirken auf die Darmflora, wie z. B. die Zwiebel, der Knoblauch und der Senf. Kochsalz, Pfeffer, Kaffee, Zichorienaufguß beein⸗ flussen den Stoffwechsel. Kaffee, Tee, Kakao, Alkohol, Vanille haben dann noch einen gewissen Einfluß auf das Nervensystem. In quali⸗ tativer Hinsicht sind zur Ernährung Nahrungs⸗ und Genußmittel nötig, erstere geben dem Körper das Material, mit welchem sich der⸗ selbe auf seinem stofflichen Bestand erhält, letztere reizen zum Genuß und zur schnellen Ausnlitzung der Nahrung an. Bis vor etwa 100 Jahren glaubte man nun, daß das 6 FTTCCCFffwCcccc/ ˙ eee 8