85 mit Wasserklosett und Bad, vermietet wurden. wilsen ist mach Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung ilummer 26 Dienstag, den 30. Juni 1914 3. Jahrgang Gemeindesozialismus. In Bradford, einem Hauptsitze der Textilindustrie in Mittelengland mit 300 000 Einwohnern, geht die Beteiligung der Sozialisten an der Gemeindearbeit, von der W. Leach im Labour Leader erzählt, auf den Anfang der neunziger Jahre zurück. 1891 wurden zuerst zwei Kandidaten aufge— stellt, die unterlagen. 1892 wurde bei einer Nachwahl ein Vertreter ohne Gegenkandidaten, bald darauf F. W. Jowett jetzt Vorsitzender des Parlamentarischen Komitees der unabhängigen Arbeiterpartei, mit ansehnlicher Mehrheit gewählt. Heute zählt die Fraktion 20 unter 84 Stadtverord— neten. Sie leidet unter der Wahlbezirkseinteilung; nach der Stimmenzahl müßte sie 36 Mitglieder zählen, also der Mehr⸗ heit nahe sein. Indeß hat die stetig wachsende Fraktion, wenngleich eine Minderheit, in planvoller und grundsätzlicher Arbeit eine Reihe wichtiger Verbesserungen, zum Teil als erste in England, durchgesetzt. Wohl waren eine Anzahl Ge— meindebetriebe, so die Erzeugung von Gas, Elektrizität, Wasserversorgung, Bäder, Bibliotheken, Friedhöfe, Kranken- haus, Märkte, Müllbeseitigung, schon vorhanden, ehe die Partei entscheidenden Einfluß erhielt, doch hat sie an deren gewaltiger Ausdehnung erheblichen Anteil. Der erste große Sieg wurde nach hartem Kampfe 1898 erfochten, als der Ge— samtbetrieb der Asche⸗ und Abfallbeseitigung von privaten Unternehmern auf die Stadt übertragen wurde. Die Arbeits- und Lohnbedingungen der Arbeiter wurden gründlich verbessert: ein Verdienst des sozialistischen Stadt⸗ rats Hayburst, der mehrere Jahre Leiter des Verwaltungs— komitees dieses neuen Betriebes war. 1899 wurde die Ge- werbeschule städtisch, 1902 die Straßenbahnen übernommen, das erst nach hartem Kampfe gegen die führenden Mitglieder beider bürgerlichen Parteien, viele davon selbst Aktionäre, gelang. Eine glänzende Entwicklung städtischen Straßenbahnen gibt Zeugnis von dem Werte sozialistischer Gemeindewirtschaft. 1903 folgte eine städtische Milchwirtschaft, die indeß von den Bürgerlichen auf den Vertrieb von sterilisierter und Kindermilch beschränkt wurde. Kindermilch wird zum halben Selbstkostenpreise, an arme Mütter unentgeltlich abgegeben, sodaß dabei natürlich Geld zugesetzt wird. Ein großer Schritt vorwärts geschah durch städtischen Wohnungsbau. Unter Jowetts Vorsitz veranstaltete die Gesundheitsokmmission eine Wohnungsuntersuchung, die schreckliche Dinge zutage förderte. Darauf wurde die Errich— tung von zunächst 66 Arbeiterhäuschen beschlossen, die 1904 fertig und für wöchentlich 5½ Sh.(23½ Mark monatlich), Diese Häuser gaben Anlaß zu einem heftigen Kampfe der Bodenspekulanten, der die Errichtung weiterer 130 Mietwohnungen, die demnächst 5 a 200 steigen sollen, durch die Gemeinde nicht gehindert hat. Anmerbin ist es dem Einflusse des Bodenkapitals gelungen, energische Maßregeln hintanzuhalten.„Das Wohnungs- und Städtegesetz ist tatsächlich bisher toter Buchstabe geblieben trotz unserer wiederholten verzweifelten Versuche, mit seinen schwächlichen, verwässerten Vorschriften etwas anzufangen.“ Die bedeutendsten Erfolge erzielte die Partei auf dem Gebiete der Schule, namentlich dank dem begeisternden Einflusse, den Margaret Memillan in den neunziger, Jahren ausübte. Von ihr ging der Gedanke der Schul— speisung aus, der für England neu war und jetzt nahe daran ist, das ganze Land zu erobern. Erst 1906 wurde auf Antrag der Arbeiterfraktion den Städten das Recht gegeben, diese Einrichtung zu schaffen. Die Agitation hierfür war von Bradford ausgegangen. Durch sie wurde auch verhindert, daß der Vollzug des Gesetzes den Armen, statt den Schulbehörden zugewiesen wurde. Bradford war auch die erste Stadt, die das Gesetz zur Anwendung brachte, und es setzte sich hierbei über manche engherzige Bestimmungen hinweg, namentlich die Be— grenzung der Ausgabe auf die Halbpennyrate(4 Pence Mehr ⸗ steuer auf ein Pfund Einkommen, also ein Fünftel Prozent). Ebenso war es die erste Stadt, die eine Schulklinik und zahnärztliche Versorgung der Kinder einführte. Heute sind 5 Aerzte, 2 Zahnärzte und 5 Pflegerinnen beschäftigt. Es besitzt die größten und besteingerichteten Schwimm- und Brause bäder. Eine Reihe weiterer Verbesserungen ist auf dem Wege, darunter Landschulen, mehr Freiluft⸗ schulen mit Wohn gelegenheit, eine Krüppelschule, ein umfassendes System von Bezirkskliniken. Inzwischen zeigt sich die Wirkung des Geschaffenen in wesentlicher Steige— rung von Gewicht, Länge und Brustumfang der Kinder der Stadt.— Es gibt 13 Mittelschulen, von denen 8 der Stadt gehören, die auch die anderen unterstützt. In den städti⸗ schen Schulen gelang es der zähen Agitation, den Anteil der Freiplätze, der sonst kaum viel mehr als die vom Gesetze geforderten 25 Prozent betragen würde, auf 70—80 Prozent zu erhöhen, und die volle Unentgeltlichkeit steht in naher Aus— sicht. Wichtig ist auch die städtische Säuglingsbera⸗ tungsstelle, die zwei Aerztinnen und eine Reihe Pflege- rinnen beschäftigt und sich in rascher Entwicklung zu einer städtischen Kinderklinik, der ersten im Lande, wenn nicht überhaupt, befindet. „Hervorragenden Anteil am Wachstum der Bradfordet Arbeiterbewegung hat die prächtige Gemeinschaft zwi⸗ schen der Unabhängigen Arbeiterpartei und dem Ge⸗ werkschaftskartell. In den Augen der Gegner sind beide nicht zu unterscheiden, und so soll es auch sein. Unter gemeinsamem Banner für dieselbe Sache kämpfend, hat die Gesamtbewegung in jeder Weise Worteil gehabt und fährt fort, zu wachsen und zu treiben. Partei und Gewerkschaften haben einander geholfen und dabei beide gewonnen.“ Wesen und Werden der Technik. 1 Von Richard Wolbt, Nie der Kapitalismus als Wirtschaftsform in ber Menschheits⸗ geschichte keine Vorläufer hatte, so unterscheidet sich auch die kapi⸗ tallstische Technik ihrem Wesen nach von der Technik früherer Wirt⸗ schaftsperioden. Am Anfang dieser Entwicklung stand die primitive Technik. Der Mensch weiß im technischen Arbeitsvorgang noch weiter nichts als seine eigene Körperkraft, die Kraft vom Tier, die Elementarkraft des Wassers oder des Windes einzusetzen. Auf dieser Stufe befand sich die Technik bei den Griechen und Römern des Altertums. Zwar waren schon die einfachen Arbeitsformen bekannt: Wagen und Pflug, man benutzte den Wind zum Segeln der Schiffe. Aber die rein physische Arbeitskraft des Menschen war doch noch die wichtigste Vorbedingung gewerblichen Schaffens. Von den römischen Berg⸗ werken erzählt Plinius, daß die Förderung der Erze von Hand zu Hand geschah:„man schaffte sie Tag und Nacht auf den Schultern herüber, indem man sie in der Finsternis immer dem Nächststehen⸗ den Überließ, nur der letzte sah das Tageslicht“. Wohl sind die Bauwerke der Alten, ihre Tempel und Viadukte, Pyramiden und Straßen auch noch für unsere Zeit und für unsere Techniker zum Teil Riesenbauten, die Jahrhunderte überdauert haben; aber bei der Ausführung mußten die unterjochten Völker Sklavendienste ver⸗ richten. Von dem Bau der Cheops⸗Pyramiden berichtet Herodot, daß 10 mal 10 000 Mann im Dienste des Königs Cheops 3 Monate hindurch die Steine vom Gewinnungsort zum Nil zusammentrugen, während eine gleiche Anzahl das über den Fluß gebrachte Bau— material zum Bauplatz schafften. Und diese Sklavenheere bauten vorerst 10 Jahre an dem Wege, auf dem sie dann die Steine zogen. Alle Wunderwerke und Riesenbauten der Technik der Alten konnten nur durch rücksichtslos ausgenutzte Menschenhände vollbracht werden. Kennzeichnet sich also die primitive Technik darin, daß man noch nichts vermag, als vorwiegend die Arbeitskraft des Menschen einzuspannen und auszubeuten, so bedeutet die empirische Technik eine höhere Entwicklungsstufe. Von den technischen Vorgängen ist schon eine Vorstellung geschaffen worden, die Arbeitsmittel und Ar⸗ beitsverfahren haben eine gewisse Vollendung bekommen, dem Menschen ist das verfeinerte Werkzeug in die Hand gewachsen. Nicht mehr mit rein physischer Körperkraft, sondern mit Ueberlegung und Handgeschicklichkeit wird jetzt der Arbeitsprozeß gemeistert. Die reinste Form der empirischen Technik findet sich in der Arbeitsstube des zünftigen Handwerkers. Jeder Beruf hat seine Arbeitsmethoden und seine Arbeitsmittel, seine eigenen Kunstregeln und seine Handgeschicklichkeit. Man bekommt einen Begriff von dieser handwerklichen Tätigkeit, wenn man die Schätze des germani⸗ schen Museums in Nürnberg durchwandert. Hier sehen wir in den Werkzeugen und Arbeitsmethoden, daß die ganze handwerkliche Ar⸗ beitstechnik ein Können ist. Nicht ohne Grund ist in der Zunft⸗ verfassung an Wanderzwang, Gesellenstück, Meisterprüfung festge⸗ halten worden. Der Handwerker sollte und mußte seine rein manuelle Arbeitsgeschicklichkeit kultivieren, das technische Können war auf die Empirie, die Einzelerfahrung des Menschen, aufgebant, wurde von Meister zu Meister, von Geschlecht zu Geschlecht durch die persönliche Lehre übertragen. Unter dem Zeichen des Kapitalismus sind nicht nur die Hand⸗ werksbetriebe als Wirtschaftsunternehmungen zerschlagen worden, sondern auch die Technik hat sich in ihrer Wesensart geändert, es ist das dritte Entwicklungsstadium, die rationelle Technik. Jetzt wird die Maschine in die Arbeitsstätten überall hinein⸗ gebracht, die Maschine soll Menschenkraft und Menschenarbeit er⸗ setzen und verdrängen. Unabhängig von der Willkür der Natur, von der Unbeständigkeit der Naturkräfte werden die Arbeitsformen planvoll nach bestimmten Gesetzmäßigkeiten entwickelt, die Technik wird zu einem wissenschaftlichen Verfahren ausgebildet: rationell wird überall zu arbeiten gesucht, mit dem Erfolge der höchsten Wirt⸗ schaftlichkeit. Am Anfang der kapitalistischen Entwicklung in der Anwendung der rationellen Technik stand die Dampfmaschine. Matschoß nennt in seinem großen Werke„Die Geschichte der Dampfmaschine“ die Erfindung der Dampfmaschine im 18. Jahrhundert„die Nutzbar⸗ machung der Sonnenenergie vergangener Jahrmillionen für mensch⸗ liche Bedürfnisse, eines der bestimmenden Ereignisse in der Welt⸗ geschichte, deren weittragende Bedeutung man kaum überschätzen lann. Jetzt begaunen die unzähligen eisernen Sklaven, die uner— müdlich Tag und Nacht ihre. Brot zufrieden sind, in den während die großen englischen Künstler des 18. vornehm müßigen Herren und schönen lächelnden m bauten die Ingenkeure und Arbeiter in entlegenen rußigen stätten der neuen Zeit der Arbeit ihr eisernes Kleid“. Gerade bei der Dampfmaschine läßt sich die Verwirklichung bes rationellen Prinzips und der kapjtalistischen Technik klar erkennen. Die Dampfmaschine ist eine Kraftmaschine. Wärme, die in der Kohle seit Jahrmillsonen aufgesparte Sonnenenergie, wird in mechanische Arbeit umgewandelt. Mechanische Kräfte und Kraft⸗ maschinen hat auch die frühere Volkswirtschaft gebraucht, der Wind ist zum Treiben von Windmühlen und Segelschiffen verwendet, das Wasser in Wasserräder geleitet worden. Die Verwendung dieser Kraftmaschinen in der kapitalistischen Wirtschaft aber ist schon aus dem Grunde ungeeignet, weil Wind- und Wasserräder unbeständig sind. Der Wind kann ausbleiben, das Wasser austrocknen oder ein⸗ frieren. Es ist keine Ordnung in diese eigenwilligen Naturkräfte zu bringen. Ferner sind wir bei der Verwendung dieser Kraft⸗ maschinen an örtliche Grenzen gebunden: wo die Windmühle und das Wasserrad steht, müssen wir die erzeugten mechanischen Kräfte abnehmen, Standort und Größe der verfllgbaren Kräfte wird uns also von der Natur vorgeschrieben. Ein regelrecht modern organi⸗ sierter Betrieb im kapitalistischen Sinn läßt sich mit solchen Hilfs⸗ mitteln nicht durchführen. Dem gegenüber die Dampfmaschine! Unabhängig von der Willkitr der Natur und unbeschränkt in ihrem Standort, können wir die Dampfmaschine überall aufstellen, wir geben ihr Kohle zur Nahrung und sie arbeitet. Es war den Dampfmaschinenbauern möglich, die Maschine zu vergrößern, viele Krafteinheiten zusammen⸗ zudrängen, eine Kraftsteigerung durchzuführen. Als für den Verg⸗ bau die Dampfmaschine die Retterin aus der Not im Kampf gegen das Grubenwasser sein sollte und später für Förderzwecke Verwen⸗ dung fand, da mußte die Dampfmaschine eine Kraftsteigerung mög⸗ lich machen. Die Arbeit vieler Haspelzieher, Grubenpferde, Pferdejungen, Pferdeknechte sollte einer Maschine übertragen werden, einer ein⸗ zigen Kraftquelle! Und in ihrer Arbeit sollte diese Kraftmaschine ökonomisch wirtschaften, keine unnötige Kraft vergeuden, keine un⸗ nötige Minute verfäumen, in ihrem Anschaffungspreis, in ihren Betriebskosten, im Kohlenverbrauch billig und sparsam sein, mög⸗ lichst viel Arbeit zuverlässig und regelmäßig leisten. So entsteht also auch im Zeitalter des Kapitalismus ein ga neuer Repräsentant der Technik: der moderne Ingenieur. Er 1 kein Künstler und Baumelster wie zu den Zeiten der alten Griechen und Römer, kein Kunstmeister und Empirkker wie noch in der früh⸗ kapitalistischen Technik, er ist ein wissenschaftlicher Mietling im Dienste des Kapitalismus geworden. Denn die Technik ist jetzt eine Wissenschaft. Schulen werden gegründet, technische Schulen. Wunderbar organisiert arbeitet Wissenschaft und Praxis zusammen. Die Er⸗ fahrungen der technischen Arbeit werden jedermann zugänglich, wer⸗ den gelehrt und gepredigt. In immer neuen Erscheinungssormen bildet die Technik für die Praxis Arbeitsmaschinen und Arbelts⸗ methoden aus, das Prinzip der höchsten Wirtschaftlichkest herrscht, Zahlen regieren die Welt der Technik, ruhelos und ungestüm poll⸗ zieht sich der Kampf um den technischen Fortschritt, um die befferen Maschinen, um die leistungsfählgeren Arbeitsmittel, um den Sieg des Ratlonalismus. Eine christliche Betrachtung über den Sozialismus. In der„Christlichen Welt“ unterfucht Pfarrer Kötschke die Frage„War Jesus sozial?“. Er bejaht diese Frage. Ge⸗ legentlich dieser Erörterung über die soziale Seite der christ⸗ lichen Lehren werden über den Sozialismus im abe. 5 die folgenden Ausführungen gemacht: „Das Christentum ist regelmäßig in Pharisäismus ver⸗ fallen, wenn es unsozial geworden ist. Natürlich hat Jesus keine Anweisungen gegeben, wie die unteren Schichten in die Höhe kommen könnten. Er war kein Politiker. Bei ihm sollte das Reich Goltes durch überweltliches Eingreifen Gottes errichtet werden. Aber das bleibt bestehen, daß Jesus der. * hältnifse wie sie damals waren, für unvereinbar hielk mit göttlicher Gerechtigkeit, und daß er die Frommen dazu berief, sie von Grund aus umzugestalten. Deshalb sehen wir ja auch in der ersten christlichen Gemeinde einen weitgehenden Kom- munismus entwickelt, der sicher dem Sinne Jesu entsprach, und der im Kreise der Jünger Jesu schon begonnen hatte. Dieser Sozialismus war nur religiös, aber es war So⸗ zialismus. Und auch als er verschwand, blieben die sozialen Anregungen des Christentums ungeheuer. Die Ar⸗ mut galt nicht als verächtlich, sondern als ein Vorzug. Diese Theorie klingt noch nach im heutigen Katholizismus. Aber empfindet nicht jeder Christ auch heute die be⸗ stehenden Verhältnisse als unchristlich? Inneres und Aeuße— res gehört eben immer zusammen. Gerade aus dem Evan— gelium wird der Christ noch heute die stärksten Auregungen, die Dinge zu ändern, entnehmen, gleichviel welcher Partei er angehört. Er wird sagen, auch heute noch müßten die Dinge oft umgekehrt werden, müßten die letzten die Exzellenzen sein z und manche arme Witwe den Wilhelmsorden erhalten.... Der religiöse Sozialdemokrat wird sagen: Um meines Christentums willen bin ich Sozialdemokrat geworden. Hier entgehe ich am leichtesten den Konflikten. Wer nicht Sozial- demokrat wird, wird andere Wege finden, umgestaltend zu wirken. Aber auch er wird sagen, das Evangelium schärft mir den Blick und gibt mir die Anregung, mich zu entäußern und die Andern wirtschaftlich zu heben, und so mein Solidaritäts⸗ gefühl sozial zu betätigen. Was z. B. die Kirche betrifft, so hätte diese allen Grund, bei den Amtshandlungen nicht nur jeden Unterschied etwa nach der Bezahlung zu beseitigen, son— dern die Armen dabei in der Regel zu bevorzugen. Denn im Reiche Gottes sollen die Maßstäbe durchaus anders sein wie in der Welt.— Ich erzählte bereits in Nürnberg, daß mir der alte Björnson einmal gesagt hat: wenn die Sozialdemokratie heute geradezu die Alleinherrschaft anstrebt oder anstreben würde, so sollte man das nicht nur verstehen, sondern man sollte das als ausgleichende Gerechtigkeit hinnehmen; denn, wenn die oberen Schichten so lange die Herrschaft gehabt haben, so müßten die unteren nun auch mal an die Reihe kom- men. Ganz der Gedanke vom reichen Mann und, dem armen Lazarus.— Jedenfalls aber ist das ein Unding, daß ein Geist⸗ licher nicht Sozialdemokrat sein dürfe, oder ein Sozialdemo⸗ krat nicht Mitglied des Evangelisch-sozialen Kongresses. In beiden Fällen müßten diese geradezu bevorzugt sein.“ Kapitalskonzentration in der österkeichischen Eisenindustrie. 4 Die Prager Maschinenbau⸗Aktiengesellschaft ist mit den S ko d a⸗ Werken in Pilsen vereinigt worden. Die Maschinenbaugefellschaft ist aus einer Fabrik in Karolinenthal bei Prag entstanden, die in eine Aktiengesellschaft verwandelt wurde und 1910 Maschinen⸗ fabriken einer Firma in Königgrätz und Adamstal erwarb. Damals wurde die alte Fabrik in Karolinental geschlossen, dafür die in Königgrätz erweitert. 1911 wurde die Maschinenfabrik, Kessel⸗ und Kupferschmiede Ringhoffer in Smichow erworben und eine enge Verbindung mit der Vaterländischen Maschinenbau-⸗A.⸗G. in Ungarn angeknüpft, so daff nun vier Betriebe verbunden waren. Da man den Vorbesitzern und den Banken, die die Gründungsgeschäfte ver⸗ mittelten, zuviel gezahlt, also ein übergroßes, aus dem vereinigten Betriebe zu verzinsendes Aktienkapital geschaffen hatte, geriet die Gesellschaft in Verlegenheit, die nun von den Skoda⸗Werken benutzt wird. Diese verkaufen formell ihre Maschinenfabrik an die Prager, erhalten aber als Preis die Mehrheit der Aktien jener Ge⸗ sellschaft, die also nun ihrem Machtbereiche einverleibt ist. Die Skoda-Werke⸗A.⸗G. besitzen neben der Pilsener Maschinen— fabrik mit Gießerei. Brückenbauanstalt und Kesselschmiede, die jetzt . Maschinenfabrik Zielengwert in Crakau, die auch d f l e e e n t 0. Wes Maschinenfabrik in Sanok gekauft hat. Sie sind auch an der Grün⸗ bung der ungarischen Kanonenfabrik in Raab beteiligt und errichten jetzt eine Gießerei in Petersburg. Dazu nun dle Herrschaft über die größten böhmischen Maschinenfabriken. Die Mittel zu alledem verdanken sie der treibhausmäßig geförderten Heeres⸗ und Flotten rüstungspolitik, die ihnen riesige Auf⸗ träge und Riesenprofite zuwendet. Die Arbeiter⸗Zeitung legt den technischen Fortschritt dar, der mit dieser Konzentration verbunden ist, zeigt aber auch ihre sozialen und politischen Wirkungen minder erfreulicher Art: Arbeitslosigkelt zahlreicher Arbeiter und Beamten als Folge der Betriebsver⸗ legungen. Gewaltige Steigerung der Macht des vereinigten Kapi⸗ tals gegenüber den Arbeitern.„Die Arbeiter werden ihre Organi⸗ sation viel mächtiger als bisher ausbauen, sie werden vor allem ihrem Kriegsschatz weit größere Mittel als bisher zuführen müssen, wenn sie dem übermächtigen Kapital nicht wehrlos preisgegeben sein sollen. Der nationale Separatismus wird heller Wahn⸗ sinn, sobald die deutschen Arbeiter in Wiener⸗Neustadt, die tschechi⸗ schen in Prag, Pilsen, Königgrätz, die polnischen in Krakau, die italienischen und slovenischen in Triest demselben Kapital fronen.. Die Gewerkschaft kann nicht trennen, was das Kapital selbst ver⸗ einigt hat.“ Dazu die Wirkungen auf politischem Gebiete. In der jetzt wieder zu entscheidenden Zoll frage dreht es sich neben den Ge⸗ treide⸗ namentlich um die Eisenzölle, die nicht nur allen Kon⸗ sumenten den Unterhalt, sondern auch den Maschinen- und sonstigen Verarbeitungsindustrien das Rohmaterial verteuern und sie dadurch vom Weltmarkt abschneiden. Diese Industrien müßten im Vorder⸗ treffen gegen diesen Zoll stehen— aber wie können sie es, wenn sie von den Großbanken beherrscht werden, die mit dem Eisenkartell verbunden sind? Die Verwüstung der Riesengewinne der Rülstungs⸗ firma Skoda—„soll Herr Skoda dagegen protestieren, daß der Staat Eisenbahnwagen und Lokomotiven nicht bestellen kann, weil er immer neue Schiffskanonen bestellen muß? Die Gewinne an den Schiffskanonen haben es ihm ja ermöglicht, einen so großen Teil der Maschinenindustrie anzukaufen! Die Konzentration der Maschinen⸗ industrie ist zugleich ihre Unterwerfung unter das Rüstungs⸗ kapital!“ Wir erhalten damit einen hübschen Einblick in das wahnsinnige Getriebe unserer heutigen„Volkswirtschaft“: Dem Profitinteresse einer winzigen Zahl privilegierter Monopolisten wird nicht nur— wie heute selbstverständlich— die Lebensintetessen der großen Arbekter und Konsumentenmasse, sondern auch das Gesamtinteresse der in⸗ dustriellen Entwicklung geopfert. Bedenkt man dabei noch, daß jene auf den wohlrentierenden„Patriotismus“ gebauten Unter⸗ nehmungen der Rüstungslieferanten international organisiert sind, daß Skoda mit Krupp und Schneider-Creusot, mit Armstrong und Vickers usw. am selben Strange zieht, dann wird es erst klar, wie selbst die nationalen Grenzen heute schon von der kapitalistischen Entwicklung gesprengt wird. Und merkwürdig ist es, wie vor allem jene Industrie, die auf Nationalgefühl und Völkerverhetzung aufge⸗ baut ist, die mit Hilfe der jedem Kosmopolitismus feindlichen Re⸗ gierungen auf Kosten der wirklichen Interessen der Nationalwirt⸗ schaft üppig wuchert, die Internationalisterung der Industrie, die Schaffung einer einheltlichen Weltwirtschaft in die Wege leitet. Warum sterben wit? Ein Traum der Menschheit ist es von jeher gewesen, da. Leben möglichst zu verlängern, besonders wenn die Verlän⸗ gerung mit der gleichzeitigen Erhaltung ewiger Jugend ver knüpft wäre. Daß es auch den Fortschritten der sozialen Me⸗ dizin und Hygiene gelungen ist, das menschliche Durchschnitts⸗ alter bedeutend zu erhöhen, ist eine bekannte Tatsache, und wir können vielleicht damit rechnen, daß in einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten die große Mehrzahl der Menschen das mit jenen anderen zu einem Betriebe vereinigt werden, direkt oder durch Aktienerwerb oder Bankeinfluß die Herrschaft über einen großen Teil der österreichischen Eisenindustrie: die Mehrheit der Aktien der Daimler⸗Werke in Wiener⸗Neustadt, einen Teil der Aktien des Cantiere Navale(Schiffswerft) in Triest und der biblische Alter erreichen wird, was heute nur Wenigen ver⸗ gönnt ist. Aber eine Grenze ist doch gesetzt. Alles was da entsteht, wächst und reift, unterliegt auch den Gesetzen des Ver⸗ falls, des Abstieges, des Todes. Nur daß wir bis jetzt noch — nicht wissen, warum das so ist und sein muß, warum ein Organismus, den wir in die besten Lebensbedingungen ver— setzen, dem wir alle Schädigungen fernhalten, stets mit aus— reichender Nahrung versehen, schließlich doch zugrunde geht, warum er nicht ewig am Leben bleibt. Immerhin hat die biologische Forschung uns bis jetzt so viel erkennen lassen, daß es Entartungsvorgänge in den ein— zelnen Zellen sind, die das Altern und schließliche Sterben des Organismus bedingen. Besondere Bedeutung haben in dieser Beziehung die Forschungen von Dr. M. Mühlmann, der sich seit Jahren mit dem Problem des Alters der Zelle be— schäftigt. Er hat darüber verschiedene Arbeiten veröffentlicht, über deren Ergebnisse er zusammenfassend in der„Umschau“ berichtet. Eine Verwirklichung des Unsterblichkeitstraumes haben wir im einzelligen Organismus. Dieser stirbt nie; er teilt sich, wenn er genügend gewachsen ist, in zwei Teile, die in derselben Weise weiter wachsen und sich teilen. Die Lebensbedingungen des einzelligen Organismus müssen aber wohl günstigere sein und wir dürfen annehmen, daß dies auf der Tatsache beruht, daß der einzellige Organismus mit der ganzen Körperoberfläche Nahrung aufnehmen und Stoff— wechselprodukte ausscheiden kann, während die Zellen des mehrzelligen Organismus erst vermittelst anderer Zellen er— nährt werden, die ihnen gewissermaßen den übrig gebliebenen Rest ihrer eigenen Nahrung zuführen. Dabe sind im komplizierten Wirbeltierorganismus am günstigsten die Haut- oder Schleimhautorgane gestellt, die Haut, die Lungen, der Darm und die Gefäße, in denen die Zellen bis zum höchsten Alter Wachstums- und Teilungser— scheinungen zeigen. Früher als diese hören die Muskeln und das Skelett auf zu wachsen und am ungünstigsten endlich sind die Organe des Zentralnervensystems gestellt, die sich am ent— ferntesten von der Nahrungsquelle befinden. Das Gehirn des Menschen erreicht seine maximale Größe bereits im Puber— tätsalter; von da ab beginnt die Einschrumpfung. Eine Ver⸗ mehrung der Nervenzellen findet überhaupt nur in der frühe— sten Embryonalperiode statt; später wächst noch die einzelne Zelle, aber ohne sich mehr zu teilen. Hand in Hand mit der Rückbildung der Nervenzelle findet deren fettige Entartung statt. In der kindlichen Nervenzelle finden sich nur ganz vereinzelte Fettkörper, während die Nervenzelle des Greises fast ganz damit angefüllt ist und dadurch eine gelbliche Farbe erhält. Das Fett setzt sich dabei an Stelle des die Funktionen des Organismus beherr— schenden Protoplasmas. Die Ansammlungen von Fettkörnern in der Nervenzelle ist in gewisser Beziehung gleichbedeutend mit dem Altern, so daß man in den Nervenzellen durch Krank— heit oder Erschöpfung frühzeitig gealterter Personen unver⸗ hältnismäßig starke Anhäufungen findet. Ergreift die fettige Entartung die die Herztätigkeit beherrschenden Zellen des ver— längerten Markes so stark, daß diese ihre Funktion nicht mehr erfüllen können, so tritt der Tod ein. Dr. Mühlmann hat des weiteren untersucht, welche Ver— änderungen in den Nervenzellen bei einzelnen Krankheiten vor sich gehen. Er fand in allen Fällen fettige Degeneration des Nervenapparates; bei Infektionskrankheiten waren vor— wiegend die Nervenzellen selbst, bei Verbrennungen die Nervenfasern, bei Tuberkulose, Krebs beide angegriffen. Bei allen Erkrankungen wurden Veränderungen im Vaguskern, d. h. im Herzzentrum des Markes gefunden und es ist daher zu vermuten, daß sowohl der Tod durch Altersschwäche, als auch der durch Krankheiten durch das Ergriffensein des Zentralnervensystems bewirkt wird. Aus unserer Sammelmappe. Woher kommen Farbe und Geruch der Rosenblüte? Nun blühen sie wieder auf, im kleinsten Gärtchen wie im stolzesten Park, unsre 8 Rosen, leuchtend und duftend, ihre Umgebung verzaubernd und die Menschenherzen bezaubernd. Und mit viel Gefühl sagt man aller⸗ orten:„Noch sind die Tage der Rosen!“ Ist es da nicht beinahe prosaisch, ja profan, wenn man, statt sich einfach all dieser Pracht zu freuen, neugierig fragt: Woher kommt es, daß die Rose so herrlich duftet und woher hat sie ihre schöne Farbe? Nein, so schlimm ist die Sache nicht; deshalb brauchen wir uns die Freude nicht verderben zu lassen, und wenn wir dabei auch ein Rosenblättlein abreißen und unters Mikroskop legen müssen— was schadet das? Wir sehen da⸗ für etwas ganz Besonderes: wir sehen nämlich, wenn wir eine rote Rose benützen, wie da alle Zellen von einem schön roten Saft er⸗ füllt sind, und da und dort können wir auch beobachten, wie in dieser Flüssigkeit kleine rote Kristalle oder Brocken herumschwimmen, manchmal auch kleine Klumpen. Das bedeutet dann, daß die Lösung des Farbstoffes so dicht, so konzentriert geworden ist, daß sich ein Teil in sester Form auskristallisiert hat, ähnlich wie wir das auch an einer Soda- oder Salzlösung jederzeit beobachten können, wenn wir z. B. in der Wärme lösen und dann abkühlen lassen. 1 Solche Stellen, an denen der Farbstoff in größerer Menge sich ab⸗ geschieden hat, sind oft schon mit dem bloßen Auge als rote Punkte zu erkennen. Die rote Farbe der Rosen lund auch der Nelken) rührt also nicht etwa wie das Grün der Blätter von Farbstoff⸗ körnern her, sondern von einer Lösung des Farbstoffes im Zell⸗ saft.— Wir können auf einem solchen Schnitt aber auch sehen, woher der Geruch kommt. Da sind noch andere Kristalle da und dort, in den Zellen verteilt, die stark Licht brechen; es können auch einfache Tropfen sein, die wie kleine Oelkugeln aussehen. Und das sind sie auch wirklich! Diese glänzenden Kristalle und Tröpschen sind ätherische Oele, Substanzen, die leicht verdunsten und eben dadurch für den Geruchssinn wahrnehmbar werden. So, nun haben wir's also schon, woher Geruch und Farbe der Rosen kommen— und ist das wirklich so prosaisch? Knöpfe aus Milch. Eine junge Dame soll einmal den Kopf geschüttelt haben, als sie auf dem Programm einer Kunstausstellung auch eine Büste von Rauch verzeichnet fand. Sie hatte noch nichts von dem berühmten Bildhauer Chr. Rauch gehört, andererseits konnte sie nicht begreifen, daß man eine Büste aus Rauch, dem Sinnbild der Vergänglichkeit alles Irdischen, modellieren könne. Aehnlich geht es wohl manchem Leser, wenn er hört, daß große Fabriken damit beschäftigt sind, Kämme, Knöpfe, Klaviertasten und ähnliches aus Milch herzustellen. Um genauer zu sein: Man ver⸗ wendet dazu das gehärtete Kasein, das beim Gerinnen der Milch 5 in Klumpen ausfällt und sich am Boden des Gefäßes absetzt. Derr Weg von der frischgemolkenen Milch bis zum gebrauchsfertigen 5 Knopf ist weit genug. Die Milch hat sich einer Reihe chemischer 55 wird sie durch Lab zum Gerinnen gebracht, der entstehende Quark J 8 Prozesse zu unterziehen, ehe sie sich zum Knopf eignet. Zunächst wird getrocknet und gemahlen. Das griesartige Mehl wird dann angefeuchtet, bei Bedarf auch gefärbt, ausgewalzt und unter hohem hydraulischen Druck gepreßt. Schließlich wird die Masse, die noch i knetbar ist, in wässerigem Formaldehyd gehärtet. Das Endprodufñtk sieht dem früher viel verarbeiteten Horn sehr ähnlich; unter dm Namen„Gallalith“ ersetzt es Horn, Schildpatt, ja sogar Elfenbein. 1 Niemand sieht ihm mehr an, daß es einmal irgendwo auf einern Alm kuhwarm gemolken wurde. i — Nansens neuer Seeweg nach Sibirien. Ist die Schiffahrt um 5 Nordeuropa herum dauernd möglich? Das war die Veranlassung der letzten Reise des berühmten Nordpolfahrers nach der Mündung der Jenissei. Seine Beobachtungen und logische Schlüsse führen zur Bejahung der auch für Deutschlands Handel wichtigen Frage. Nansen befährt den Zenissei, die transsibirische Bahn und studsert das Amurgebiet bis zum japanischen Meere. In einem neuen Buche „Sibirien, das Land der Zukunft“, wird er im Herbst seine Erlebnisse und Vorschläge der Welt unterbreiten. Die deutsche 2 Ausgabe erscheint bei Brockhaus. 8 5 8