e Wissen istsnachtf Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung Nummer 25 Dienstag, den 23. Zuni 1914 3. Jahrgang Die„unrichtige“ sozialistische Lehre. Die Verteilung des versteuerten Ein ⸗ kommens hat im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte eine Verschiebung erfahren, auf die seitens der Hauptnutznießer des herrschenden Systems bei jeder passenden und unpassen⸗ den Gelegenheit als ein Beweis für die„Unrichtigkeit der sozialistischen Lehren“ hingewiesen wird. Man bedient sich dabei vornehmlich der Ergebnisse der preußischen Einkom- mensteuerstatistik. Nun ist ja nicht zu bestreiten, daß die Menge der Zensiten mit einem steuerfreien Einkommen (nicht über 900 Mk. jährlich) erheblich geringer geworden ist. Nach Mitteilungen des preußischen Finanzministeriums entfielen auf je Tausend der Gesamtbevölkerung des Staates 1896: 672, 1913: 381 mit einem Jahreseinkommen von nicht über 900 Mk. Das Bild wird aber schon ungünstiger, wenn man nur die Haushaltungsvorstände und selbständigen Einzelpersonen herausgreift. Dann bleiben unter der steuerpflichtigen Einkommengrenze von 1000 1896 1913 im Staate überhaupt 751 505 in den Städten 692 441 in den Landgemeinden und Gutsbezirken 803 583 Ueber die Hälfte aller Haushaltungsvorstände und selbständiger Einzelpersonen im Staate hatten demnach selbst 1913 noch nicht das Existenzminimum, welches der Fiskus selber als steuerfrei erklärt hat! Und das in einer Zeit, wo des Rühmens über den gewaltig gestiegenen„Natio— nalreichtum“ kein Ende ist. Nur 1,4 pro 1000 der Zensiten hatten 1913 ein Jahreseinkommen von 30 500 bis 100 000 Mark und 0,3 pro 1000 gaben ein steuerpflichtiges Einkom- men von über 100 000 Mk. an. Die Deklaration zur Wehr⸗ steuer hat den Nachweis gebracht, daß ungeheure Ein⸗ kommens⸗ und Vermögensbeträge bisher der regelrechten Besteuerung entzogen wurden. Hingegen kann man die Be⸗ steuerung der gewerblichen Arbeitermassen als mit ihrem Einkommen übereinstimmend betrachten, da die Unternehmer gesetzlich verpflichtet sind, der Steuerbehörde die Lohnsumme ihrer Arbeiter auf Heller und Pfennig mitzuteilen. Da so auch die Ueberschichtverdienste, die in den letzten Jahren nachweislich erheblich waren, zur Steuer herangezogen wer— den, so wird schon aus diesem Grunde die geminderte Zahl der steuerfreien Mindesteinkommen in ein ungünstigeres Licht gestellt. Nun gibt aber die amtliche Zeitschrift für die preußische Statistik auch die Bewegung der Lebensmittelpreise im Staate an und da stellt sich folgendes heraus. Es wurden in Preußen durchschnittlich bezahlt für: 1896 1913 Verteuerung. Weizen, 1000 Kilo 153 Mk. 196 Mk. 43 Mk. Roggen 1000„ 122„ 165„ 3 5 1000 130 b 3 8 artoffel,—— 5 Pfg. 8 Pfg. 3 Pfg. Rindfleisch,„ Hammelfleisch, 1 121 12„ 76„ Kalbfleisch, 1 1 201„ 82„ Schweinefleisch 1 20„ 1 53„ Eßbntter, 1 210„ 3— Eier, 1 Schock 336„ 499„ 153„ Diese Preissteigerungen bedeuten im einzelnen eine Entwertung des Geldlohnes von bis fast 70 Prozent, oder im Mittel von zirka 40 Prozent im Laufe der fraglichen Zeit. Nehmen wir auch nur ein Drittel an, so ist damit gesagt, daß 1913 ein Einkommen von 1200 Mk. nicht mehr Kauf- kraft besaß, wie 1896 das 900 Mark⸗Einkommen! Dement⸗ sprechend müßte die steuerfreie Einkommenshöhe wenigstens auf 1200 Mk. begrenzt werden, was die sozialdemokratischen Parlamentsmitglieder wiederholt beantragten. Würde aber die Steuerbefreiung gemäß dem gesunkenen Geldwert er— folgen, dann stellte sich heraus, daß die jetzige Steuerstatistik ein viel zu günstiges Bild von der wirtschaftlichen Lage der breiten Volksmassen bietet. Eine schweizerische Arbeiter-Kunstausstellung in Zürich. a. K. Der kulturelle Aufstieg der Arbeiterklasse findet in ihrer steigenden Anteilnahme an Literatur und bildender Kunst einen deutlichen Ausdruck. Ist es auch selbstverständlich, daß nur in ganz vereinzelten Fällen Proletariersprossen unter dem Drucke von Ar⸗ beit und Not Zeit und Kraft zu großen Kunstleistungen gewinnen können, die bei aller Begabung doch auch der äußeren Bedingungen von Ausbildung und Muße bedürsen, so beweist allein die Tatsache, daß dort in erheblichem Maße ernsthaft künstlerische Bestrebungen gepflegt werden, daß hier Grundlagen einer neuen, höheren Massen⸗ kultur vorhanden sind, auf denen sich unter gesunden Gesellschafts⸗ verhältnissen bisher ungeahnte Menschenwerte werden gewinnen lassen. Nachdem die tschechische Sozialdemokratie schon seit einer Reihe von Jahren durch große Gewerbe- und Kunstausstellungen den Anteil der Arbeiterklasse an der Kulturarbeit ins Licht gesetzt hatte, war es in Deutschland zuerst Dr. Levenstein, der durch eine private Veranstaltung in gleicher Richtung wirkte, zudem auch durch Beschaffung von biographischem Material und Selbstbekennt⸗ nissen(worin Paul Göhres große Sammlung von Arbeiter- biographien vorausgegangen war), Beiträge zur Erkenntnis der Seele des heutigen Proletariats lieferte. In räumlich beschränkter, aber inhaltlich erweiterter Weise wurde in der Ausstellung für Hessen und Nassau in Frankfurt a. M. weiteres Material bei⸗ gebracht. Und nun soll durch die am 7. Juni im großen Kunsthause in Zürich eröffnete schweizerische Arbeiterkunstaus⸗ stellung in eigenartiger Weise ein neuer Ausblick eröffnet und zugleich weitere Arbeit gefördert werden. Es handelt sich dabei, wie das Volksrecht schreibt, nicht um eine Kunstausstellung im herkömm⸗ lichen Sinne, sondern um eine Art Arbeiter⸗Kultu rausstellung, bei der nicht allein die ausgestellten Werke selbst, sondern der ganze Eutwicklungsgang und das ganze Innenleben des schaffenden Ar⸗ beiters zu dem Besucher sprechen sollen. Daher hat jeder Aussteller einen kurzen Lebenslauf beizufügen und einen ausführlichen Fragebogen zu beantworten, der die äußeren Umstände und die inneren Motive seines Schaffens klarlegen soll. Daher wird u. a. gefragt:„Was hat Sie zur Kunst geführt? Lag Ihnen daran, nur Lin schönes oder interessantes Bild zu schaffen, oder wollten Sie durch das Bild irgend einem Gefühl, einer Absicht oder einer Idee Ausdruck geben?“ Von 1800 eingesandten Arbeiten wur⸗ den 680 von 260 bis 280 Urhebern angenommen. Die Ausstellung bezweckt in keiner Weise dem künstlerisch schaffenden Arbeiter die Fata Morgana einer auf die Kunst auf⸗ gebauten Existenz zu öffnen. Alles, was in diese Richtung leiten könnte, ist vermieden. Wohl aber soll, um den befähigten Arbeitern die Höherentwicklung zu erleichtern, eine ständige Organisation der Arbeiterkünstler geschaffen werden. Diese soll nur solche Künstler aufnehmen, die ihre Kunst als Mußebeschäftigung neben einer Berufsarbeit ausüben.„Sie soll die prole⸗ tarische Kunstbetätigung als solche vertiefen, ihr Stil und Richtung geben und ihr ein Betätigungsfeld suchen, auf dem sie sich selbst genügt. Ihr Ideal wird eine Kunst sein, die in der industriellen oder kaufmännischen Erwerbsarbeit des Künstlers kein Hemmnis seines Schaffens, sondern eine Quelle seiner Eigenart und Kraft findet.“ Wobei freilich Voraussetzung ist, daß diese Berufsarbeit nach Art und Dauer einer freien Kunstübung keine allzu großen Hemmnisse bereitet. Wie das vorliegende Material ergibt, lassen sich zwei große Hauptrichtungen erkennen: die eine mit Vorliebe für das Einfache mit Vermeidung aller Probleme, bei anderen eine Neigung zu äußerst komplizierten und selbst phantastischen Problemen. So stellte ein Eisenbahner ein einziges Bild aus, das unter einem burch eine Sandwlüste schreitenden nackten Manne das Leben des Proletariats versinnbildlicht. Er sagt dazu: „Das Leben des Proletariats gleicht einer endlosen Wüste, es ver⸗ geht Tag und Jahr in derselben Eintönigkeit, keine Freude, nur Leid ist ihm beschieden, von allem bleibt nur seine blutige Fußspur, welche die Zeit gleich verwischt. Sein Ende gleich einem glanzlosen trüben Tag, wie die Sonne verwölkt untergeht, so endet auch sein Leben.“ Dieses Bild soll eines der schönsten sein. Die Ausstellung, an der nur Schweizer oder in der Schweiz lebende Arbeiter beteiligt sind, wird drei Wochen dauern. Wenn der Verein zustande kommt, sind regelmäßige Veranstaltungen ins Auge gefaßt.„Wenn die Hoffnungen, daß die in Verbindung ge⸗ brachten Arbeiterkünstler sich selbständig und eigenartig anregen und befruchten werden, sodaß ihre Kunst, statt ein schlechter Abklatsch der großen Kunst zu bleiben, sich zu einem bodenständigen Eigen⸗ gewächs entwickelt, das aus seinem anders gearteten Nährboden auch ganz andere Kräfte saugt und andere, aber in ihrer Art nicht weniger wertvolle Früchte zeitigt, wenn diese Hoffnungen nur zum Teile in Erfüllung gehen, dann wird die beiterkunstausstellung sich vielleicht ein gutes geschichte erobern. Weniger durch das, was sie augenfällig zeigt, als durch das, was sie angedeutet und als erste bewußt angeregt haben wird.“ So wird auch diese Ausstellung ein Beitrag zum großen Werke der ene einer neuen Menschheit sein, im Sinne der Dichter⸗ worte: „Die Schönheit, auf Unrecht aufgebaut, ist keine Schönheit! Es ist ein häßlicher Flecken an ihr, der sie zugrunde richtet. Darum ist die Schönheit Griechenlands untergegangen, Denn sie war gebaut auf Sklaverei. Die Schönheit, die wir aufrichten wollen, Soll gebaut sein auf Menschenliebe, Und darum wird sie leben bleiben.“ Der Tintensisch. Von Prof. Dr. Konrad Guenther. Ravigno heißt ein Felsennest, das in der österreichischen Küstenprovinz am blauen adriatischen Meere auf einsamer Kuppe aufsteigt, von einer schönen Kirche gekrönt. Weithin schaut der hohe Turm über das Meer, die Statue der heili⸗ gen Euphemia bildet seine Spitze, und der Fischer kann, fern draußen, ehe er seine Netze legt, zu der über den Fluten sichtbaren Schutzpatronin um reichen Fang flehen. Von der eigentlichen Stadt führt ein steinerner Quai am Meere entlang zu einem Gebäude, das eine zoologische Station beherbergt und der Kaiser Wilhelms ⸗Stiftung ge⸗ hört. An diesem Quai sieht man oft schlanke Burschen gehen mit einer Harpune in der Hand. Aufmerksam spähen die dunklen Augen in das klare Wasser. Plötzlich erhebt der Mann gedankenschnell die Waffe und schleudert sie wuch— tig in die krystallene Flut. Und schon hat er sie wieder in der Hand und lachend schüttelt er von ihrer Spitze ein weißlich⸗graues Tier ab. Klatschend fällt es auf das Stein- pflaster. 5 Es ist ein eigenartiges Wesen von länglich⸗flacher Ge⸗ stalt und mit einem wohlabgesetzten Kopf, an dem zwei große Augen sitzen, während vorn zehn mit Saugnäpfen besetzte Arme die Mundöffnung umgeben. Während die Arme suchend und tastend um sich greifen, laufen fortgesetzt farbige Wellen über den von der Harpune aufgerissenen Körper. Ein zähes Leben besitzt das Tier, und der Tod tritt erst ein, wenn es in der Küche zerschnitten und in die Pfanne ge⸗ worfen wird, um mit Butter gebräunt zu werden, eine dem Italiener liebe und auch in der Tat recht wohlschmeckende Speise. Kalmar heißt der sonderbare Bewohner des Meeres. Er gehört zu den Tintenfischen, oder besser Tintenschnecken, denn mit den Fischen haben die Wesen nichts zu tun, sind hingegen mit den Schnecken verwandt. Es sitzt auch eine Art Schale unter der weichen Haut, die bei einer Art, dem eigentlich Tintenfisch, stark entwickelt ist, und als Sepia⸗ schulp dazu verwandt wird, dem Kanarienvogel Gelegenheit zu geben, seinen Schnabel zu wetzen. Es ist nicht leicht, einen almar zuharpunieren, denn rasend schnell kann das Tier dahinschwimmen. Der eigentliche Tintenfisch hingegen rettet sich auf andere Weise. Mit scharfen Augen hält er Wacht und erblickt er Gefahr, so stößt er plötzlich aus einem Beutel eine schwärzliche dicke Flüssigkeit aus, die im Augen lick das Wasser dunkel färbt und den Gefährdeten unsicht⸗ dar macht. Diese Flüssigkeit ist die echte Sepia, auch ist sie ein begehrter Artikel für den Menschen. g Plätzchen in der Kunst⸗ (Leopold Jacoby.) erste schweizerische Ar⸗ „Von den kleineren Bewohnern des Meeres werden die Tintenfische sehr gefürchtet. Besonders die das Krebschen über den steinigen Grund, die langen Stiel⸗ augen forschend nach allen Seiten wendend, die Scheren zur Abwehr bereithaltend. Da plötzlich stürzt eine weißliche Masse über das Tier, zehn Arme umschlingen seinen Körper und schnüren alle Beine so eng zusammen, daß die Scheren sich nicht mehr öffnen können. Und schon beginnen zwei scharfe hornige Zangen den Panzer des Unglücklichen aufzu- brechen und in das weiche Innere einzudringen. Und öffnet sich die furchtbare Umschlingung, dann fallen statt des lebens- vollen Tieres nur einige Schalen auf den Boden. Verkehrstechnische Rundschau. Die Funkentelegraphie im Eisenbahnsignaldienst— Zeitgemäße Bahneinrichtung, natürlich nicht bei uns— Endlich ein guter Motor⸗ schlitten— Luftschraubenantrieb von Autos— Der„Wüstenwagen“ spannender Gleichstrom statt Einphasenbetrieb, was jeder preußische Abgeordnete wissen sollte!— Die fliegende Magnetbahn. Ein Eisenbahnzug ohne Signal ist wie ein Blinder im Walde, jeder Schritt vor⸗ oder rückwärts kann Gefahr bringen. Unser Land wird selten von Naturereignissen heimgesucht, die den Eisen⸗ bahnverkehr durch Zerstörung des Signalwesens ganz lahmlegen, anders in Amerika, wo die langen Ueberlandleitungen allen Un⸗ bilden der Stürme ausgesetzt sind, die sich auf den gewaltigen Ge⸗ bieten frei entwickeln und austoben können. Winter hat z. B. ein furchtbarer Schneesturm den Eisenbahnbetrieb im Osten der Vereinigten Staaten schwer geschädigt, well er die Signalleitungen und Masten zerstörte. Nur die Delaware⸗, Lacka⸗ wanna- und Western-Eisenbahn die Bahnen von Newyork über Buffalo hinaus in den Staaten Pennsylvania und Newyork betreibt, war in, der Lage, ihren Betrieb aufrecht zu erhalten, weil sie den Signaldienst durch Funkentelegraphie ausübte. Dieser Erfolg hat die Bahngesellschaft veranlaßt, noch weiter zu gehen und ihre Züge mit funkentelegraphischer Aus rüstung zu versehen. Mit einem dieser Hauptzüge kann sie auf diese Weise bis auf 160 Kilometer Ent⸗ fernung in Verbindung treten. Die Anlage hat ihre Betriebssähig⸗ keit erwiesen und scheint auch durch die elektrischen Starkströme der Beleuchtung nicht gestört zu werden. Man wird also nun wohl bald auch dahin gelangen, bei den großen Ueberlandfahrten die wichtigsten Begebenheiten im fahrenden Zuge ebenso schnell zu erhalten, wie die Zeitungsredaktionen selbst. In Luftfahrzeugfragen ist Frankreich noch immer voran; von dort gehen wichtige Anregungen und die Initiative aus. So wird neuerdings durch Beschaffung besonderer Eisenbahnwagen zur Be⸗ förderung von Luftfahrzeugen daflür gesorgt, daß die Apparate un⸗ beschädigt und unberührt durch die bei uns übliche bureaukratische Placke rei verschickt und transportiert werden können. Bei uns ist man noch nicht so weit. Was die weise Bahnverwaltung nicht hat, schreitet die Bahnverwaltung souverän über die Entwicklung hin⸗ weg, bis sie schließlich—— selbst unter die Räder kommt. Nachdem Prof. Oswald Flamm durch seine einfache und schöne Erfindung gezeigt hat, daß und wie man die schädliche Wirkung der Schiffsschraube auf die Kanalsohle und das Strombett aufheben kann, ist man von dem Luftantrieb von Schiffen mittels Luft⸗ schrauben ganz abgekommen. Man hat überhaupt den Luftantrieb durch Schrauben von anderen als Luftfahrzeugen zumeist als mit ihm beschäftigt. Dennoch hat der Luftantrieb bei einem Be⸗ förderungsmittel einen unleugbaren Vorzug, nämlich beim Schlitten. Für den Schlitten hatte die frühere Technik keinen geeigneten motorischen Antrieb, das Segel war das einzige, was an mechani⸗ schen Hilfsmitteln ernsthaft in Frage kam. Seitdem es aber dle Luftschraube gibt, und seitdem man gelernt hat, gutwirkende Luft⸗ propeller herzustellen, ist dieses Hilfsmittel der ideale Antrieb für den Schlitten. Aber auch noch an anderer Stelle benutzt man ihn in neuester Zeit mit großem Vortell. Zeder Radfahrer weiß, daß er auf losem Sand mit feinem Rade nicht weiterkommt, well der Sand unter dem angedrehten Rade wegrutscht. Ebenso geht es dem Automobil: auf lockerem Sande ist es verraten und verkauft, weil das Rad sich darin wohl dreht, aber nicht„faßt“, nicht in den Boden leinen Antrieb nicht durch die Räder, fondern von außen, z. B. durch Pferde oder durch Luftschrauben, so kommt es auch im losen Sande wie auf Schnee vorwärts. Man muß dort also jebes Hilfsmittel be⸗ grüßen, das ilberhaupt einen motorischen Antrseb ermöglicht. ö hat sich die französische Heeresverwaltung in Algier zunutze ge J 1Sie läßt leichte enwagen, so Wllstenwagen, bauen, munteren Krabben haben viel von ihnen zu leiden. Vorsichtig klettert — Das Pflasterproblem— Eine wichtige Richtigkeit— Hochzu⸗ Im vergangenen das kann man nicht benutzen und darf nicht verlangt werden. So Spielerei angesehen und sich recht und angelegentlich überhaupt nicht greift, weil es also keine Schubkraft gewinnt. Bekommt der Wagen — . die vorn den Motor tragen, der mit durchgehender Welle und Ketten— raduntersetzung eine an einem hinten angebrachten festen Bock sitzende Luftschraube antreibt. Die Nabe derselben ist so eingerichtet, daß man an sie zwei, drei, vier oder sechs Flügel ansetzen kann. Je nach dem vorhandenen Wege wählt man diejenige Flügelzahl aus, die dem Wagen den vorteilhaftesten oder schnellsten Vortrieb ermög⸗ licht. Mit einer sechsflügeligen Schraube hat man Geschwindig⸗ keiten bis zu 60 Kilometern in der Stunde erreicht. Ein großer Vorteil dieser nicht durch die Räder angetriebenen Wagen besteht in der sehr viel geringeren Abnutzung der Luftreifen. Denn wenn die ganze Maschinenkraft durch die Pneumatiks auf die Fahrbahn übertragen werden muß, so werden diese außerordentlich stark be— ansprucht, die Mäntel verschleißen stark. Das fällt beim Luftautrieb fort.— Der Motorschlitten steht ganz auf Skis, vorn auf zwei, hinten auf einem lenkbaren: der Propeller sitzt vorn, weil sie zeigt, daß ein gezogener Schlitten besser und sicherer läuft als der ge— schobene. Die Vereinigung der verschiedenen Eigenschaften guten und haltbaren Pflasters bildet noch immer ein nicht ganz gelöstes Problem. Granitwürselpflaster ist zwar bei guter Herstellung sehr gut, haltbar und kann bei großen Steigungen angewendet werden, aber es ist sehr teuer, sehr geräuschvoll und erschwert das Anfahren außerordentlich. Asphalt hat wieder den Nachteil, bei nassem Wetter schlüpfrig zu werden, Holz ist teuer und wenig haltbar. Man ist⸗ nun in Amerika dazu übergegangen, reinen Stampfbeton als Straßenpflaster zu verwenden. Diese Art der Pflasterung hat den Vorzug großer Rauhigkeit, sodaß man darauf dle stärksten Steigungen nehmen kann: es ist billig, aber bei großem und schwerem Verkehr wenig haltbar. Man legt es daher bei Straßen, die noch nicht zu sehr befahren werden, jetzt ein paar Zentimeter tiefer, als die Straßendecke einmal werden soll. Stellt sich dann schwerer Ver— kehr ein, so legt man eine Asphaltdecke zum Schutze darüber. Schöner und sauberer ist Asphalt unbedingt, sodaß mit dem bloßen 5 Stampfbeton kein erheblicher Vorteil gewonnen sein dürfte. 4 In den Vereinigten Staaten führt sich mehr und mehr eine Neuerung ein, die sich auf die Steuerung des Motorwagens bezieht und für den Straßenverkehr und seine Sicherheit von erheblichem Belang ist. Es ist in den meisten Kulturstaaten die Regel, daß man auf der rechten Straßenseite fährt und vorherfahrende Fuhrwerke links überholt. Man ordnet daher die Steuersäule des Motor- wagens auf der linken Seite des Führersitzes an. Dann hat näm— lich der Wagenführer beim Ueberholen besseren Ausblick auf die Straße, weil sie ihm durch den vorausfahrenden Wagen nicht ver⸗ deckt werden kaun. Beim Umdieeckesahren überblickt der links sitzende Führer die neue Straße früher, als der rechtssitzende, er kann einen Unfall also leichter verhüten. Da schließlich der Sitz rechts vom Führer freibleibt, kann er von einem Fahrgaste bestiegen werden, ohne daß dieser den Bürgersteig verläßt. Die Amerikaner haben es sich längst an den Schuhsohlen ab— gelaufen, daß es mit dem vielgerühmten Einphasenbetrieb bei Fern— bahnen nichts ist, und sind reumütig zum Gleichstrom zurückgekehrt. Sie bauen ihre Fernbahnen für hochgespannten Gleichstrom. So hat jetzt die Chicago, Milwaukee and St. Paulbahn beschlossen, auf der 180 Kilometer langen Strecke der Lodge⸗Three Mountains im . * 5 8 N 1 1 ein Bild von der Erfindung machen. 7 5 5 * nicht bloß Reporterenthusiasmus ist, sagen wir doch vorerst: Abwarten! i ZJelsengebirge elektrischen Betrieb mit Gleichstrom von 2400 Volt ein⸗ zuführen. Wir verpulvern hierzulande erst noch Geld für Versuche, die längst abgetan sind. Nach ein paar Jahren werden die preußi⸗ schen Abgeordneten erfahren, daß„das Neueste“ und„Veste“ der— hochgespannte Gleichstrom ist. Hoffentlich ist's dann noch nicht zu spät. Die Londoner Zeitungen sind jetzt voll von sensationellen Nach— richten über die fliegende Magnetbahn des in London lebenden Franzosen Bachelet. Da Nachrichten aus Fachjournalen oder von duverlässigen Fachleuten noch nicht vorliegen, kann man sich schwer Wie sie in den Zeitungen dargestellt wird, erscheint der Plan höchst phantastisch. Man mag nicht leugnen, daß sich dergleichen im Modell wirklich ausführen läßt, em Großen liegen die physikalischen Verhältnisse doch wohl anders. Nach dem, was sich ein Physiker oder ein Ingenjeur denken kann, würde der Stromverbrauch einer solchen Bahn geradezu ungeheuer⸗ lich sein, abgesehen davon, daß die Konstruktion Kosten verursachen würde, die eine Rentabilität von vornherein ausschlössen. So sehr wir wünschen, daß wenigstens etwas Gutes an der Sache ist, daß — 5 ** 2 2* 1 Die Aschenbrödelrolle der graphischen Künste. Welch ungeheure Bedeutung der Kupferstich und der Holzschnitz nicht nur im großen Rahmen der Kunstgeschichte, sondern als Ver⸗ mittler eines Teiles der Weltgeschichte zu einer Zeit erlangt haben, da das Buchdruck- und Zeitungswesen noch lange nicht auf der Höhe standen wie heute, ist längst und hinreichend bekannt. Wohl keinem Gebildeten ist das berühmt gewordene Signum oder Monogramm Albrecht Dürers unbekannt geblieben, mit dem er unter all seine mit unermüdlichem Fleiß geschaffenen Bilder und Bildchen gewisser⸗ maßen den Schlußpunkt setzte. Dürer hatte mit seinen Passions⸗ folgen, seinen von kühner Phantastik und philosophischen Gedanken erfüllten Blättern die unbegrenzten Ausdrucksmöglichkeiten der Schwarz⸗weiß⸗Kunst gewiesen. Er hatte ebenso meisterlich den Ver— zückungen seines Künstlergemütes die ihm geeignet erscheinende Form gegeben, wie den Szenen des Alltags mit ihren wunderlichen Er⸗ scheinungen, und hatte selbst vor den unscheinbarsten Dingen mit der Begeisterung des wahren Künstlers, nicht Halt gemacht. Hans Holbein war ihm mit seiner Totentanzfolge ein geistesverwandter Kunstgenosse geworden. Dann kamen die Kleinmeister, kamen die beiden Behams, mit ihren köstlichen, heute so glänzend bezahlten Blättern, und noch viele andere mehr, die das Jahrhundert des Kupferstichs schafsen halsen. In gewaltigen Kurven ging die Entwicklung weiter. In Italien fanden sich Meister des Kupferstichs, die in der Wiedergabe vorzügliches leisteten, es sei nur an Longhi, Volpato und Raphael Morghen erinnert, und im Frankreich des 18. Jahrhunderts fand die galante Kunst der Fraginard, Boucher und anderer liebens⸗ würdiger Zeitgenossen ebenfalls in ihm einen willkommenen Inter⸗ preten. Im 19. Jahrhundert stand wiederum Deutschland an der Spitze. Max Klinger, Stauffer-Bern, Liebermann, Orlik und andere waren die Vertreter, um die sich eine Schar glänzender und tüchtiger Jünger der Schwarz⸗weiß⸗Kunst zusammenschloß. Aber Frankreich und England traten erfolgreich in Wettbewerb. Die impresstonistische Anschauung in der Malerei hatte auch bei den Graphikern begeisterten Widerhall gefunden und besonders die inzwischen siegreich in den Vordergrund getretene Radierung sah sich ungeahnten Perspektiven gegenüber. Whistler und Pennel, Holroyd und Seymour⸗Haden, französischerseits der von genialer Keckheit beseelte Rops und Raffaelli, sie schusen ihre wundervollen Improvisationen, bei denen man nicht wußte, was man mehr bewundern sollte, die geistige Beweglichkeit oder die technischen Kniffe, aus deren wunder— lichem Zusammenwirken sich vordem nie geschaute Eindrücke er⸗ gaben. Und selbst im kühleren Schweden erstand in Anders Zorn einer, der in leidenschaftlicher Sprache, in lapidarer, fast brutaler Kürze, der Welt Schwarz auf Weiß, den Nachweise ihres Daseins lieferte. So war von Dürer bis zu diesem in seiner Art auch wieder vereinzelt dastehenden Vertreter der Graphik, dessen Knappheit und Selbstzucht zur Bewunderung zwang, eine Geschichte des Kupfer⸗ stichs in vier Jahrhunderten entstanden. Aber wie sehr auch die graphischen Künste sich zu einem für unser Empfinden denkbar höchsten Niveau emporentwickelt hatten, die Anteilnahme, die man ihnen entgegenbringt, ist noch heute herz⸗ lich bescheiden. Wohl darf es nicht verschwiegen werden, daß die literarische Werbearbeit nicht umsonst gewesen ist. Wohl haben wir in Deutschland eine Menge Sammler, die aus Liebhaberei und viel⸗ leicht auch aus wirklicher Freude an der Sache große Kapitalien für die Graphik übrig haben. Die großen Auktionen der letzten Jahre haben Riesenpreise gebracht und zwar nicht nur für die Werke alter Meister, sondern auch für die der Lebenden sind ansehn⸗ liche Summen gezahlt worden. Aber der Kreis der Liebhaber und Juteressenten, der Leute, die sich die Mühe geben, der Original- graphik, ihren Werten und künstlerischen Reizen näher zu kommen, ist im Verhältnis zu dem, der sich für die Oelmalerei interessiert, und sei es auch die schlechteste, in verschwindender Minderheit. Besonders die graphischen Abteile der großen Kunstausstellungen liefern immer wieder die deutlichsten Beweise dafür. Selbst das schwächste Oelbild, ja gerade dieses, findet seine Bewunderer und Beschauer. Das feine stimmungsreiche Blättchen eines modernen Radierers, der mit wenigen Strichen Eindrücke von enbloser Weite hervorzaubert, eine Lithographie oder Algraphie, die freilich niemals von solchen handgreiflichen Reizen sein kann, wie ein in Oel gemaltes Bild, bleibt unbeachtet. Sie spielen eine Aschenbrödel⸗ rolle, werden kaum der Mühe wert gefunden, sich mit ihnen zu be⸗ schäftigen, und mit Verwunderung muß man sehen, wie selbst in den gebildeteren Schichten der Bevölkerung, selbst bei denen, die gern 7 elwas von Kunst verstehen wollen, den graphischen Künsten gegen— über eine vollkommene Hilflosigkeit herrscht. Aber nicht in die wohlberechtigten Klagen der Künstler einzustimmen soll hier der Zweck der Uebung sein. Jetzt, wo sich die Massen wieder monate⸗ lang durch die großen Kunstausstellungen wälzen werden, jetzt, wo die Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik in Leipzig die graphische Kunst der ganzen Welt in reicher, nie dagewesener Voll⸗ ständigkeit und Reichhaltigkeit vereinigt, auf die künstlerischen und ästhetischen Werte aufmerksam zu machen, das ist viel wichtiger. Wieviele unserer wohlhabenden Zeitgenossen setzen so gern ihren Ehrgeiz darein, ein Original zu besitzen. Für ein gutes Gemälde reichts nicht oder man will nicht soviel zahlen und flugs tritt der elendeste erbärmlichste Kitsch an seine Stelle. Aber für jene be⸗ sonderen Schönheiten, für die Arbeiten, die das intimste Schaffen des Künstlers vermitteln, hat man in Deutschland nichts übrig Das ist betrüblich, besonders wenn man weiß, wie in Frankreich, in England und auch in Amerika selbst der bescheidene Kunstfreund viel mehr dafür zu haben ist. Der Maler des deutschen Kleinbürgertums. Wohl kein anderer deutscher Maler hat so den Beifall und die Verehrung des Kleinbürgertums errungen als Adrian Ludwig Richter, dessen 30. Todestag sich am 19. Juni gejährt hat. Klär⸗ licher Weise! Aufgewachsen in dem spießbürgerlichen Dresden des Vormärzes, war er gleich dem Titanen Hebbel dazu verurteilt, in einer Zeit sein Talent zur Entfaltung zu bringen, in der die klein— bürgerliche Weltanschauung noch einmal ihre letzten Triumphe feierte, von der Hebbel in seinem Gyges das treffende Worte vom „Schlaf der Welt“ sprach. Diese schlafende Welt hat die Künstlerhand Richters in seinen Schilderungen deutschen Familienlebens und sonniger Kinderspiele festgehalten. In ihm fand das Kleinbürgertum einen seiner liebenswürdigsten Vertreter, dessen Persönlichkeit freilich ebenso wie seine Klasse unter ihrer ideologischen Beschränktheit litt. Der Keim zu Richters Künstlertum wurde in seinem Vaterhause gelegt. Am 28. September 1803 als Sohn des in bescheidenen Verhältnissen lebenden Kupferstechers C. A. Richter geboren, mußte er schon sehr früh in der Werkstätte seines Vaters mitschaffen und zwar durch Radieren von„Ansichten und Prospekten“. Mehr noch als die mangelhafte Kunstunterweisung, die ihm sein Vater geben konnte, wirkte auf den jungen Richter das eigentümliche Familien-Milieu, in dem er aufwuchs. Sein Großvater, ein alter Kupferdrucker, Uhrenliebhaber und Alchymist und auch die Großmutter galten als Originale, deren Wohnung der Treffpunkt anderer stadtbekannter Dresdener Persönlichkeiten war. Dies Familientreiben, von dem uns Richter in einer lesenswerten Selbstbiographie ein ergötzlich Bild entwarf, erklärt uns manches Charakteristische an seiner Kunst. In seinen späteren Zeichnungen und Radierungen hat er viele der gutmütigen Philister und komischen Käuze, mit denen er in seiner Jugend in Berührung kam, verewigt. Ehe er jedoch jene Höhe erklomm, die ihn zum Gestalter der im Elternhause eingeatmeten Athmosphäre werden ließ, hat er lange studiert. Nach kurzen Reisen in Frankreich und in den Alpen war es ihm durch die Unterstützung seines väterlichen Freundes— des „Papa Arnold“— möglich, von 1823 bis 1820 in Italien malerischen Studien zu obliegen. Er geriet anfänglich in den Kreis der„Naza⸗ rener“ und anderer Maler, die eine neue monumentale Kunst schaffen wollten, löste sich aber bald von ihnen ab, da er als sein ureigendstes Gebiet die Gestaltung deutscher Natur und deutschen Volkslebens erkannte. Züruckgekehrt erhielt er 1828 eine An⸗ stellung an der Zeichenschule der Meißener Porzellanfabrik, 1830 eine solche an der Dresdener Akademie, um dann der Verherrlicher deutscher Eigentümlichkeiten bis an sein Lebensende zu bleiben.— Vor allem ist Richter die Wiederbelebung der alten Holzschnittkunst zu danken. Seine geringen Einkünfte als Maler— er bezog in Meißen nur 200 Thaler Gehalt— zwangen ihn, durch Illustratio⸗ nen von Märchenbüchern und Kalendern seine Verhältnisse zu ver⸗ bessern. Eifrigste Uebung machte ihn zum Meister der klaren, ein⸗ fachen Holzschnitttechnik. Sie lag ihm auch mehr als die Schaffung großer Oelbilder. In ihr konnte er seine Kindheitserinnerungen stilgemäß wieder aufleben lassen, jene Kinder und Greise. die uns in ihrer philiströsen Originalität in seinen Lebensschilderungen charakterisiert werden. Denn das ist das Auffallende an den Richterschen Zeichnungen. daß uns die Menschen nur im Stadium. der Kindheit oder des höchsten Greisenalters gezeigt werden. Den aufrechten, selbstbewußten Mann oder die reife Frau suchen wir vergebens. Es ist, als ob in den niedrigen Stuben und der stickigen Luft der Reaktionszeit ganze Menschen nicht zur Entfaltung kom⸗ ö men könnten. Deshalb können uns die Kinderbilder Richters ein Sinnbild für die politische Kinderstube sein, die Deutschland damals war. ö So zeigt uns auch die Würdigung dieses deutschesten aller Maler des 19. Jahrhunderts die Zusammenhänge auf, die selbst zwischen der bildenden Kunst und den gesellschaftlichen Zuständen eines Landes bestehen. Richter ist hochbetagt am 19. Juni 1884 zu Loschwitz bei Dres⸗ den gestorben. Seine bekanntesten Werke sind:„Ueberfahrt beim Schreckenstein“ und„Frühlingslandschaftemit Brautzug“ in der Dresdener Galerie, der„Blickim Riesen⸗ gebirge“ in der Berliner Nationalgalerie u. a. Sehr bekannt geworden sind vor allem seine Illustrationen der Bechsteinschen und Musäusschen Märchen, sowie seine Harzlandschaften und lusti⸗ gen Kinderszenen. Aus unserer Sammelmappe. Grundeigentum. 5 Ellis O. Jones erzählt im Brüsseler Peuple(Volk) von einem f Marsbewohner, der während seiner Reisen in ein schönes und a großes Land unserer Erde kam. Majestätische Flüsse bewässerten den Boden und, wohin der Blick auch traf, überall sah der Mars⸗ mensch eine reiche Fruchtbarkeit. Er ging fröhlich singend seines Weges, da begegnete ihm ein Bewohner der Erde, dessen Angesicht eine tiefe Bedrücktheit zeigte. „Guten Tag!“ rief der Marsianer. „Guten Tag!“ f „Was fehlt Ihnen denn?“ f „Ich habe Hunger.“ „Warum essen Sie denn nicht?“ N ö „Kein Geld!“ l „Arbeiten Sie doch, dann haben Sie welches.“ ö „Ich kann keine Arbeit finden.“ f „Aber dann arbeiten Sie doch auf den kultivierten Ländereien. Säen Sie Getreide. Mais, pflanzen Sie Kartoffeln und andere nütz⸗ liche Pflanzen. Machen Sie doch das!“ „Der Grundbesitzer weigert sich, mich einzustellen.“ „Was?“ „Ja, der Grundbesitzer läßt mich das Land nicht bebauen.“ „Wer ist dieser Besitzer von Grund und Boden?“ „Der, dem das Land gehört.“ „Das verstehe ich nicht! Ihr sagt doch hier auf Erden, daß Gott die Erde geschaffen habe?“ „Ja, so sagt man.“ „Und hat er die Erde dann nicht für alle seine Kinder ge⸗ schassen, damit sie ihre Nahrung gewinnen?“ „Ich habe davon reden hören. Es ist möglich. Ich aber weiß davon nichts“ „Wie kommt es denn, daß sich so ein Individuum zum Land⸗ und Grundeigentümer aufwirft?“ „Das Gesetz gibt ihm das Recht dazu.“ „Und wer macht das Gesetz?“ „Nun, wir!“ „Wer sind die„Wir“?“ „Die Wähler— ich und die anderen.“ „Und ihr, das souveräne Volk, ihr macht Gesetze, die ein großes fruchtbares Land einem einzigen Menschen überliefern, und zwar mit der Machtbefugnis, euch zu verhindern, diesen Grund und Boden zu bearbeiten. Und ihr anderen lauft umher, bettelt um Arbeit, sterbt vor Hunger— ist denn das möglich?“ 5. „Es ist so, Herr!“ a „Nun, wenn ihr so verrückt seid, daß ihr lieber zugrunde geht vor Hunger, als es zu machen, wie es auf allen anderen Welten* Fall ist— dann geschieht euch recht.“ 0 1 n 1 „Wie soll ich das verstehen?“ 8 „Nun,“ sagte der Marsianer,„ich habe einige Millionen Welten besucht bisher: aber diese Erde ist die erste, wo die Bewohner dumm g genug sind, zu erlauben, daß sich einige Leute in den Vesitz von Grund und Boden setzen und die große Mehrzahl hindern, das Land 1 zu bebauen, so daß sie sterben vor Hunger.“ 12