1 Wissenistsnacht Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung Nummer 21 Dienstag, den 26. Mai 1914 3. Jahrgang Wie liest man das„Kapital“? 4 Der erste Band des„Kapital“ von Karl Marx ist in der Voltsausgabe erschienen und gewiß schon in den Händen vieler Arbeiter. Mit Freude und Stolz betrachten sie nun das monumentale Werk, aus dem sie ihre tiefste Kenntnis der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und die unverwirr— bare Ueberzeugung von der Notwendigkeit des Kampfes und Sieges der Arbeiterklasse schöpfen, als ihr Eigentum. Mit großem Eifer hat sich inzwischen wohl schon mancher an das Lesen des Werkes begeben; aber mancher wird es wohl auch schon, die Schwierigkeiten des Studiums erkennend, halb ver— zagt wieder beiseite gelegt haben. Dazu jedoch schafft man sich keine Bücher an, um sie wohlverwahrt in das Bord zu stellen. Bücher sollen lebender und lebenspendender Besitz sein: sie sollen unseren Geist bereichern, unser Seelenleben vergrößern und vertiefen. Und ganz besonders ist das vom „Kapital“ zu sagen, dessen Inhalt gleichzeitig die schärfste Waffe im Kampf der Arbeiter ist. Wie aber sollen wir den ungeheuren Gedankengehalt dieses Riesenwerkes bewältigen? Wie soll der Arbeiter, der doch nicht daran gewöhnt ist, schwere wissenschaftliche Speise zu sich zu nehmen, systematisch wissen⸗— schaftlich zu arbeiten, wie soll der Arbeiter den kolossalen In⸗ halt des„Kapital“ geistig bezwingen? Hierüber macht nun Genosse Karl Renner in der Mai-Nummer des Kampf sehr bemerkenswerte Ausführungen, die wir im folgenden etwas gekürzt wiedergeben. Genosse Renner schreibt: Die Volksausgabe hängt der Arbeiterklasse den ersten Band ein, der bisher nur den bürgerlichen Büchereien und den vordersten Parteimännern zugänglich war. Der erste Band schildert und erklärt den Produktionsprozeß des Kapitals, die Werkstätten des Industriekapitals, in denen der Mehrwert erzeugt wird. Was mit diesem Mehrwert ge— schieht, wie er auf die Gesellschaft verteilt wird, der lange Prozeß, in dem er vom Handelskapital in Bewegung gesetzt, vom Leihkapital und vom Grundbesitz zu stets wachsenden Teilen beschlagnahmt wird, wie er dazu verwendet wird, die kapitalistische Gesellschaft auszubauen und ihr die Welt unter⸗ tan zu machen, das alles ist der überübergroßen Masse der Arbeiterklasse noch unbekannt. Und doch bedarf sie dieser Kenntnis von Tag zu Tag mehr. Ein großer Zweig der Be— wegung, die genossenschaftliche, bedürfte dringendst der Popularisierung des zweiten Bandes, der den Zirkulations⸗ prozeß des Kapitals aufdeckt. Weil ihr darin jedes sichere Wissen fehlt, tappt sie völlig im Dunkel kurzsichtiger Empirie, erfaßt nicht den ganzen Ideengehalt ihres Wirkens und gibt dem oberflächlichsten wissenschaftlichen Dilettantismus und unberechenbaren Experimenten in der Praxis einen willkom— menen Tummelplatz. Den dritten Band vermittelt und er— gänzt Hilferdings„Finanzkapital“ in einigen zurzeit wesent— lichen Punkten; das aber, was in der Zeit des Agrarismus am meisten gebraucht würde, die Popularisierung der Grund— rententheorie und der Lehre von der Durchdringung der Land— wirtschaft durch das Kapital, steht noch aus. Ein reicher Weinberg ladet zur Arbeit, aber es fehlt an Kräften. Freuen wir uns wenigstens dessen, was wir nun schon besitzen, und fragen wir, was der erste Band in der Hand des Arbeiters soll. An dieser Stelle nicht, wie er dem Gelehrten dient, kämpfende Arbeiter aus ihm schöpft. Da er den Produktionsprozeß des Kapitals erforscht, interessiert uns sondern nur, was der wendet er sich vorerst an den Arbeiter als Gewer kschaf⸗ ter, nicht als Genossenschafter oder Politiker. Der gewerk⸗ schaftliche Zweig der Arbeiterbewegung, der älteste und stärkste, findet gerade in diesem Band sein goldenes Buch der Theorie und Praxis und leider hat er es noch viel zu wenig ausgeschöpft, viel zu wenig daraufhin gelesen. Große Hin⸗ dernisse türmen sich dem Gewerkschafter allerdings auf: Das Buch ist gelehrt und zunächst für den Wissenschafter geschrieben. Wie ein Felsblock liegt der erste Abschnitt„Ware und Geld“ vor dem Tor des Gartens, in welchem die Früchte für den Gewerkschafter wachsen. Er kann jedoch das Buch nicht wie ein Gelehrter mit dem Interesse des Systematikers lesen, er bleibt in den ersten Sätzen, also im Eingang stecken. Auf die Gefahr hin, den wissenschaftlichen Kopf mit meinem Rat zu verdrießen, empfehle ich dem Arbeiter, die Einleitungen und den ersten Abschnitt frischweg zu überschlagen und im wei⸗ tern über systematische Ausführungen mit halbem Ohr hin⸗ wegzulesen, dafür aber sich ganz in das zu vertiefen, was ihn dann mit unmittelbarer Gewalt packt, die nackte Dar- stellung und Erklärung des Arbeiterlebens selbst. Hier wird er sich mit einem Male besser zu Hause finden, als der beste Akademiker. Denn was dargestellt, was erklärt wird, ist sein alltägliches Dasein, sein Leib und seines Leibes Kräfte, die Arbeit seiner Arme, die Gedanken seines Gehirns und die Leiden seines Herzens. Daß ihm die Sache trotzdem manchmal schwer wird, verdrieße ihn nicht. Weiß er doch besser als alle Gelehrten der Welt, daß alles Gute und Große mühselig erarbeitet werden muß, mag es auch den Günstlingen des Kapitals ohne eigene Plage in den Schoß fallen. Auch Verständnis muß verdient werden und die Schalen der Wissenschaft sind um so bitterer, je süßer und heilsamer ihr Kern. Der Arbeiter beginne also auf Seite 104 mit der Ver— wandlung von Geld in Kapital und suche die bittere Schale, so gut es geht, durchzubeißen und, so gut es geht, sich klar⸗ zumachen die widerspruchsvolle Frage, in der auf Seite 122 am Ende vom Punkt 2 die Untersuchung ausläuft: die Er⸗ scheinung des Mehrwerts muß auf dem Markt(das ist in der Zirkulationssphäre) vor sich gehen und kann doch dort nicht vor sich gehen— wo also geht sie vor sich? Genug, wenn er diese Problemstellung begriffen hat, dann geht er sofort zu Punkt 3 über und spürt sofort, jetzt ist er bei sich selbst zu Hause:„Kauf und Verkauf der Arbeitskraft.“ Sofort erfährt und versteht er, daß er in der Welt des Kapi⸗ tals Mensch zu sein aufgehört hat und als bloße„Ware“ in Betracht kommt. Ware aber ist er nicht, weil er gut oder böse, schön oder häßlich, von unsterblicher Seele und ein An— wärter des Himmels oder der Hölle ist— alle diese mensch⸗ lichen und geschichtlichen Eigenschaften legt er ab und wird etwas Aehnliches wie der Akkumulator im Elektrizitätswerk, Akkumulator von Arbeitskraft. Und nicht lange wird er lesen und sich selbst sagen: Ja, das bin ich! Das ist es, was mit mir vorgeht und wodurch ich mich vor allen anderen Arten Menschen in dieser bürger⸗ lichen Welt unterscheide. Ich bin nicht mehr ein Mensch mit* seinen tausendfältigen Freuden und Hoffnungen, ich bin ein⸗ fach eine„ökonomische Kategorie“ und ich bin sogar ein Wert in dieser wirtschaftlichen Welt und finde auf Seite 128 die Formel für dieses mein Dasein als ökonomischer Wert. Als Wert finde ich auch meinen Liebhaber, den Kapitalisten, auf dem offenen Markte, und ich mit ihm, als die zwei Figuren N J * * des Dräpias(Seite 123), als zwei zusammengehörige ökono- mische Kategorien, verlassen den Arbeitsmarkt und gehen miteinander heim in die Werkstatt:„Der ehemalige Geld⸗ besitzer schreitet voran, als Kapitalist, der Arbeitskraftbesitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der eine bedeutungsvoll schmunzelnd und geschäftseifrig, der andere scheu, widerstreb⸗ sam, wie einer, der seine eigene Haut zu Markte getragen und nichts anderes zu erwarten hat als die— Gerberei“! Von dieser Stelle ab schwinden die ernsten Schwierig- keiten der Lektüre. Der Gewerkschafter erschrecke nicht vor der geheimnisvoll drohenden Ueberschrift:„Dritter Abschnitt. Die Produktion des absoluten Mehrwerts. Fünftes Kapitel. Arbeitsprozeß und Verwertungsprozeß.“ Sie sind für den Gelehrten und Systematiker. Er merkt sich nur eines: Ge⸗ schildert wird nun der Arbeitsprozeß, den er ja selbst Tag für Tag, neun, zehn und mehr Stunden mitmacht, den er also wohl verstehen muß. Neue Forschungen aus der Himmelskunde. Neue Trennungen in den Saturnsringen— Die„Höhlen“ in der Milchstraße als dunkle Nebelwolken und als Sternleeren— Das Flächenhafte des astronomischen Sehens— Kann man unendlich weit sehen oder begrenzt eine Stosserfüllung den Weltraum unsern Aus- blick— Zur griechischen Erde zurück, die weniger bebt— Noch elwas von der Sonne. Während des ganzen Winters bis jetzt haben wir uns des schönen Anblicks des Planeten Saturn erfreuen können, der im Fernrohre einen wahrhaft überraschenden Eindruck macht. Man sieht ja nicht bloß die übliche Kugel im dunklen Raume schweben, sondern, diese ist von einem Ringe umgeben, der wie der gerade Rand eines Strohhutes um den Aequator des Planeten liegt. Wir wissen auch, daß diese Ringerscheinung durch zahlreiche Einzelkörper⸗ chen erzeugt wird, die durch ihre Unzahl den Eindruck gleichmäßigen Leuchtens hervorbringen. Es ist ferner bekannt, daß in dem Ringe seine dunkle ringsumlaufende Linsen vorhanden sind, die also an⸗ scheinend von solchen Körperchen frei sind; man nennt sie„Trennun⸗ gen“. Die gröbste dieser Teilungen heißt die Cassinische; man sieht sie bereits in jedem 3 zölligen Fernrohre. Der innere Ring ist weißer, als der äußere, mehr goldig aussehend. Auf dem Außen⸗ ring erkennt man in größeren Rohren noch eine seine nicht so scharse Trennung, die Enckesche, während sich an den inneren Ring nach innen zu der seine Flor- oder Kreppring ansetzt. Man vermutet nun seit langem, daß noch weitere Trennungen in dom Ringe vorhanden sind, und M. Maggini auf der Sternwarte in Arcetri hat tatsächlich in dem glänzenden Ringe nahe bei der Cassinischen Teilung, etwa um die doppelte Breite derselben gegen den Planeten hin, eine neue gefunden. Er sah sie schon mit einem Fernrohr, dessen Objektiv 10,8 Zentimeter Durchmesser besaß. Auch in dem zwischen ber Encke⸗ schen und der Cassinischen Trennung liegenden Ringe ist dicht neben der Enckeschen eine weitere Trennung vorhanden. Diese Trennun⸗ gen stehen im engsten Zusammenhange zu den Abständen der zehn einzelnen Monde von dem Planeten. Sie sind durch die An⸗ ziehungswirkungen derselben bedingt. Besonderer Aufmerksamkeit der Astronomen erfreuen sich neuer dings die merkwürdigen dunklen Stellen, die in der Milchstraße wie schwarze Höhlen gerade in recht hellen Partien austreten. In den größeren pokulären Büchern findet man jetzt vielfach Wieder⸗ gaben schöner Himmelsphotographien aus der Milchstraße und auch solche, die diese Erscheinung deutlich zeigen. Man hat daher Ge⸗ legenheit, diese Objekte selbst in Muße zu studieren. Was sie nun eigentlich sind, darüber ist man sich so wenig einig wie selten. Einige fassen sie als wirkliche Höhlen in den Sternzügen der Milchstraße auf, andere als dunkle nichtleuchtende Massen, die der Milchstraße in dem betreffenden Planeten vorgelagert sind und so die hellen Sterne verdecken, die dahinter ebenso vorhanden sind, wie sonst überall. ö. Knox Shaw betrachtet die dunklen Stellen als aus heißen leuchtenden Nebeln ausströmende kalte Gase, die das Licht der dahinter liegenden Sterne und Nebel verschlucken und diese unsichtbar machen. Er führt als Beleg dafür den Umstand an, daß innerhalb dieser dunklen Stellen erscheinende Sterne vielfach als in ihrer Helligkeit veränder⸗ lich erkannt sind. Seine Anschauung soll aber nicht die einzig mög⸗ liche Erklärung für die Existenz der dunklen Stellen sein. Für ein⸗ zelne dunkle Stellen, besonders für die kleinen, scharf begrenzten und nicht in unmittelbarer Nähe von Nebeln stehenden, hält Shaw dle Erklärung als Oeffnungen, durch die wir in den dunklen Raum blicken, für möglich. Auch Prosessor Barnard, der Gelegenheit hat, mit den besten und größten Instrumenten zu beobachten, die es gibt, also mit den 3 großen Refraktoren des Lick- und des Nerkes-Observatoriums, lenkt von neuem die Ausmerksamkeit auf diese Erscheinungen. Er meint, daß die dunklen Oeffnungen, sich viel leichter als dunkle das Licht des Himmelsgrundes abhaltende Massen auffassen lassen, denn als Oeffnungen, durch die wir in die Leere blickten. Einen dunklen Fleck in einer der Sternwolken im Schützen beobachtete Barnard mit dem größten Fernrohr, dem Nerkes-Refraktor. Die nachfolgende begrenzte Seite des Fleckes, die in der Photographie ganz dunkel erscheint, schlen ihm sehr schwach leuchtend und erweckte überzeugend den Ein⸗ druck; daß hier wirklich ein mehr oder weniger dunkler Körper vor⸗ handen sei. In der Mitte des dunklen Fleckes stehen mehrere iso⸗ lierte Sternchen, von denen man also annehmen muß, daß sie vor dem dunklen Körper und mithin auch vor dem hellen Hintergrunde des Himmels— als den wir den sternenerfüllten Weltraum bezeichnen — stehen. Es wäre leicht, das Problem zu lösen, wenn wir auf irgend eine Weise raumlich(stereoskopisch) im Weltraum sehen könnten. Das ist aber zu gleicher Zeit nicht möglich. Weun wir beobachten; sehen wir alles platt. Schon in viel geringerer Entfernung, als in Sternweiten, lönnen wir nicht mehr räumlich sehen, selbst mit unsern besten Hilfsmitteln nicht. Die Sonne erscheint uns immer als flache Scheibe, nie als Kugelkörper, allein der Mond zeigt sich in Fern⸗ rohren als plastischer Körper. Wollen wir daher Probleme, wie die erörterten zur Entscheldung bringen, so müssen wir immer zu physi⸗ kalischen und astronomischen Kunstgrifsen unsere Zuflucht nehmen und auf mühsame und komplizierte Weise hinter die einfachen Dinge zu kommen versuchen. 5 Mit den eben erörterten Fragen hängt noch eine andere eng zusammen, nämlich die, ob der Weltraum leer oder mit Stoffen an⸗ gefüllt ist, die das Licht ferner Sterne verschlucken, oder doch so stark schwächen, daß man sie nicht mehr sehen kann. Wäre der Weltraum mit einem Mittel erfüllt, der das Sternenlicht auslöschte, so wäre unsere Blickweite im Weltraum begrenzt; sie hörte auf, wo die Sterne so weit von uns entfernt sind, daß ihr Licht durch die dazwi⸗ schen liegenden feinen Stoffe ausgelöscht wird. Für die Wissenschaft ist es natürlich von höchster Bedeutung zu entscheiden, ob wir be⸗ grenzten Blick haben oder ob wir ungehindert bis zu den fernsten Sternen und Körpern blicken können. Auch zur Eutscheidung dieser Frage müssen wir komplizierte Forschungen austellen. Der hervor⸗ ragende Astronom Kapteyn schlägt zur Entscheidung dieser Frage vor, das Licht von Sternen physikalisch genau zu verfolgen(spektral⸗ analytisch, photometrisch und sonstwie), die in derselben Höhe über dem Horizont stehen, ungefähr gleiche Helligkeit haben, der Art ihres Lichtes nach gleich oder nahe verwandt sind(denselben Spektraltypus besitzen) ufw. W. S. Adams hat das versucht und Andeutungen da⸗ für gefunden, daß der Weltraum dem Lichte keinen ganz ungehln⸗ derten Durchgang gestatte. Leider aber köunen dlese Messungen nicht alle Zweisel daran beheben, daß die Ursachen für die erwähn⸗ 5 ten Andeutungen nicht doch anderer Art sind. So wird diese Frage, wie auch viele andere noch lange unentschieden bleiben. Eine Frage, die zwar nicht astronomischer Art ist, die aber auf der Athener Sternwarte zur Entscheidung gelangt ist, betrifft die Häufigkeit der Erdbeben in Griechenland. Es hat sich aus den Aufzeichnungen der Erdbebenregistrirapparate des Athener Observatoriums ergeben, daß die Häufigkeit der griechischen Erdbeben seit den neunziger Jahren eine starke Abnahme erlitten hat. Auch hier scheint, wie so vielfach in der Natur, ein periodisches Auf und Ab vorzuliegen. Eine jährliche Bebenperlode gibt es in Griechenland jedenfalls. Im Frühjahr zeigt sich nämlich eine größere Erdbebenhäufigkeit, eine solche geringster Veben-Tätigkeit dagegen im Winter. Auch bei der Sonne, die jetzt anscheinend eine neue Periode größerer Tätigkeit zu entwickeln beginnt, da sich wieder Flecke in größerer Zahl zu zeigen beginnen, läßt sich eine Periodizität, der Protuberanzen, der Hervorragungen, die wie vulkanische Ausbrüche erscheinen, seststellen. Die Arbeiten sind noch zu sehr im Flusse, als daß jetzt zweckmäßig darüber zu berichten wäre. W N —— Ein mißachteter Proletarier der Natur. u Andreas Schlüters Gedächtnis.(Gest. Ende Mai 1714.) Berlin verdankt sein bedeutendstes Bauwerk und sein hönstes Denkmal: das Schloß und das Reiterstandbild des roßen Kurfürsten, Andreas Schlüter. Beides ist für den kuhm der Hohenzollern geschaffen, im Auftrag des lächer⸗ chen ersten Königs von Preußen. Baumeister und Bild⸗ auer stehen anders zu den Höfen, wie die Dichter. Schlösser, it chen und allenfalls Rathäuser sind die einzigen Bauwerke roßen Stils, die die Vergangenheit kennt. Nur die Herr- henden kamen auf diesem Gebiete als Auftraggeber in Be— racht. Der höfische Dichter ist ein Lakai, den die Kunstge⸗ chichte mit Verachtung ausstößt. Das Genie der bildenden kunst aber fand nur an Höfen Nahrung und Arbeit. Und umgekehrt: keiner Kunst bedarf der Hof mehr als der der gaumeister und Bildhauer. Man denke sich Schlösser und denkmäler fort, und mit den symbolischen Gehäusen höfischer No cht versinkt die Bedeutung der Fürstengewalt selbst. Die Ronarchie wohnt nicht nur in Schlössern, sie lebt von ihnen, ind erst in den Bronzegüssen glaubt man fürstliche Größe. die Schöpfer der Schlösser und Denkmäler sind so die Schöpfer der Monarchie. Aber in der sozialen Wirklichkeit fer Höfe kehrt sich das natürliche Verhältnis um, ähnlich wie seute die Wertung von Unternehmern und Arbeitern. Der Rünstler wird zum Knecht und der Fürst zum erhabenen Schutzherrn, obwohl er zu dem Werke nichts anderes leistet, s die Störungen seines Unverstandes und den Arbeitslohn, aus der Notdurft des Volkes gewonnen ist. Vor zweihundert Jahren endete die Gesindetragödie des sreußischen Hofbaumeisters Andreas Schlüter. Sein Schloß im der Spree preist man heute als das bedeutendste deutsche gauwerk des Barock. Sein großer Kurfürst gilt als das ge— waltigste Reiterdenkmal aller Kunst neben Verocchios Folleoni. Die erhabenen Masken sterbender Krieger, die er ür das Berliner Zeughaus erfand, sind unsterbliche Blut⸗ gen wider den kriegerischen Mord. Der aber all dies Herr— iche geschaffen, ist elend zu Grunde gegangen. Bis vor kurzem galt Andreas Schlüter als ein Ham— urger und sein Geburtstag wurde auf den 20. Mai datiert. darnach würde sein 250. Geburtstag mit seinem 200. Todes— ag zusammenfallen. Aber diese Annahme stützt sich lediglich uf den Eintrag eines Andreas Schlüter ins Hamburger Taufregister. Neuerdings ist diese Ueberlieferung mit guten Fründen entkräftet worden; vor allem widersprechen eigene Angaben Schlüters der Behauptung, daß er erst 1664 ge— boren sei. Er scheint vielmehr um 1640 in Danzig geboren u d derselbe zu sein, den ein Eintrag im Danziger Gesellen— eg ister der Maurer, Steinhauer, Bildhauer und Steinmetzen de zeichnet:„Anno 1656 d. 9. Maij.. endres Schliter, Stein⸗ auer ein Dantziger, auß d'Lehr.“ Schlüter ist von Haus us Bildhauet, er ist nie ein gelernter Baumeister gewesen; nit der Phantasie eines Bildhauers hat er gebaut, und den Nangel an berufsmäßiger Ausbildung im Baufach hat man h vorgeworfen, als er gestürzt wurde. In den achtziger Jahren baut Schlüter in Warschau und Danzig für den N önig Johann Sobieski von Polen. 1694 kommt er als Hof üldhauer und Lehrer an der Baldhauerakademie nach Berlin. de Kurfürst von Brandenburg, der bald sich zum Könige önen sollte, schickt ihn 1696 nach Italien, um Abgüsse an- kaufen. Auf dieser Reise empfängt er entscheidende Ein⸗ isse der italienischen Barockkunst. Zu seinen ersten Berliner N zuwerken gehört die Alte Post. 1698 begann der Schloß. — u. König Friedrich I. gab seinem Baumeister 1705 ein rinkgeld von 8000 Talern zur Belohnung für treugeleistete jenste.(Eine Lustjacht, die die preußische Majestät zu dieser it auf der Spree fahren ließ, kostete 100 000 Taler!) Er itte inzwischen auch(1698 bis 1703) das Denkmal des oßen Kurfürsten vollendet. Bald darauf stürzte der Künst⸗ r zerschmettert in die tiefste höfische Ungnade. An der ordwesteck des Schlosses sollte auf bereits vorhandenen N indamenten ein Turm erbaut werden. Der König ge— ö hmigte Schlüters Entwurf. Der Bau begann 1702, ein Jahr später ergab sich, daß die Fundamentierung zu schwach Jar, der Turm zeigte Risse. Schlüter entwarf sofort einen zen Plan, nachdem die Fundamente verstärkt wurden. 1 Als der Turm 1706 bis zur Höhe von 60 Metern gediehen war, senkte er sich so gefahrdrohend, daß Schlüter heimlich in der Nacht mit dem Abbruch beginnen mußte. Er legte dem König einen neuen Entwurf vor. Aber die Hofkabalen über— wanden ihn jetzt. Eine Untersuchungskommission wurde ein⸗ gesetzt, der sein Nachfolger Eosander von Goethe angehörte, und sie sprach ihn schuldig. In dieser Zeit schreibt er einem Gönner den klagenden Brief:„Ich habe über die dreißig Jahre mit großen Arbeiten Tag und Nacht zugebracht, und ist unter all denen Werken kein Fehl begangen, auch habe ich in Berlin schon erwiesen, daß man ja wohl sehen kann, ob ich ein Meister gewesen.“ In den folgenden Jahren verschwindet Schlüters Name völlig. Er ist verschollen. Erst 1713 taucht er wieder auf, in Petersburg, als Baumeister des Zaren Peter. Er rieb sich in fieberhafter Arbeit auf. In dem Tagebuch eines Freundes liest man, nach seinem Tode(Ende Mai 1714): „Er hatte zu dieser Zeit eine große Zahl von Geschäften in seiner Hand, indem er Paläste, Häuser, Akademien, Manufak— turen, Druckereien usw. baute. Schlüter war von schwacher, kränklicher Konstituation, und da er überbürdet wurde mit immerwährenden Geschäften, so ward er krank und starb, nachdem er nur ein Jahr in Petersburg gewesen.“ Schlüters Name erscheint zuletzt nur in Bettelbriefen der Witwe an den Zaren— er hatte die Familie in tiefstem Elend, in Schulden in Berlin zurückgelassen, als er nach Petersburg ging— und in Urkunden, die zeigen, daß er seinen Gehilfen den Lohn schuldig bleiben mußte. Kein Bildnis zeigt uns die Züge des Meisters. Der größte deutsche Künstler seiner Zeit ging im Dunkel dahin— ein Proletarier. Hohenzollerisches Mäzenatentum. Von H. Falkenfels. Seit den Zeiten, da der den Erscheinungen der Natur sich nur mit abergläubischen Begriffen nahende Urmensch die Fruchtbarkeit der Erde als ein Geschenk der Götter auffaßte, hat sich der Gedanke eingebürgert, sie als eine selbstverständliche zum Wesen der Erd⸗ gestaltung überhaupt dazugehörige Naturtatsache aufzufassen. Es blieb nur im engen Zirkel der Naturwissenschaften, und auch die wußten es erst seit kaum anderthalb Menschenaltern, daß Pflanzen auf der Erde nur dort wachsen können, wo ihnen gewisse Tiere vorgearbeitet haben. Der Bauer hat darüber aus seiner einfachen aber untrüglichen Erfahrung schon mehr Erfahrung. Er kennt sehr wohl den„rohen“ Boden, auf dem nichts wächst und weiß, daß im Gegensatz dazu der Acker desto mehr Säcke Korn, desto größere Kartoffeln und zucker⸗ reichere Rüben liefert, je„fetter“, krümeliger, besser durchgearbeitet er ist. Aber auch ihn ist der unermüdliche Arbeiter unbekannt, der in seinem Acker Tag und Nacht schafft, den Boden durchwühlt, durch⸗ einandermischt, zerkleinert, ihn„aufschließt“ und dadurch fruchtbar macht. Dieser Arbeiter ist der Regenwurm. Ein häßliches, mißachtetes Tier, ein wahrer Proletarier der Natur, dem man keine Rechte ge⸗ währt, dessen Arbeit man als selbstverständlich hinnimmt, bessen Kulturwert immer übersehen und auf die Rechnung von vornehmer auftretenden Nichtstuern geschrieben wird. Die Bedeutung des Regenwurmes wird jedem Zweifler sofort klar, wenn er an folgende Tatsachen denkt: Jedes dieser bis an 1 bis 1½ Dezimeter lana werdenden Tiere stopft sich zeitlebens mit Erde voll. In zahllosen Gängen durchwült es sein Lebensgebiet, setzt die„durchverdaute“ Erde in kleinen feinkrümeligen Häufchen nächtlich auf die Oberfläche des Bodens ab und besorgt so eine Um⸗ schaufelung. Diese Tätigkeit kann man nicht hoch genug anschlagen, da in einem Hektar Boden bis an hunderttausend Regenwürmer leben. Natürlich frägt man sich, was wohl die Würmer in der Erde mit solch emsiger Tätigkeit suchen? Und hierauf haben die Praktiker, namentlich die Gärtner eine sehr bestimmte und nicht gerade freund⸗ liche Antwort. Sie behaupten, daß der Regenwurm jedermann an⸗ gehe, der auch nur ein kleines Gärtchen pflegt oder gar bloß ein paar Topfpflanzen. Weil die Würmer die Pflanzenwurzeln ab⸗ beißen, sich sogar an grünen Blättern vergreifen und Steckzwiebeln ausziehen, also wahrhafte Schädlinge sind. Den Beweis dafür er⸗ lebt man oft genung. Jeder Blumenfreund wird es bestätigen, daß A Topfpflanzen plötzlich abwelken, wenn sich die Regenwürmer in ihrem Topf vermehren. Und darum macht sich der Gärtner auch gar kein Gewissen daraus, den Regenwürmern unbarmherzig mit der Schaufel eines zu versetzen, so oft er sie beim Umgraben auf⸗ wirft. Aber er tut Unrecht damit. Von seinem Standpunkt aus begeht er sogar einen Unsinn damit, wenn er die Würmer zerstückelt, denn gerade sie sind Musterbeispiele von Lebenskraft. An sich ist ihre Zerstückelung offenbar keine besondere Grausamkeit, denn der Regenwurm ist das leibhaftige Münchhausensche Pferd. Man hat beobachtet, daß fressende Tiere sich gar nicht stören lassen, wenn man ihnen die hintere Hälfte abschneidet. Es geschieht ihm auch nichts besonderes Arges damit: rasch wächst das fehlende Stück wieder zu. Und auch aus dem abgehackten wird ein neuer vollständiger Wurm, so daß man sogar aus zwölf Regenwurmstücken zwölf neue Regen— würmer entstehen sah. Die Regenwurmfeinde haben deshalb Unrecht, weil das arme Tier völlig unschuldig an den ihm zur Last gelegten Verbrechen ist. Das zeigt sich aus einer neuen Arbeit, die das schon durch ver— schiedene wertvolle Arbeiten in jüngster Zeit hervorgetretene Biolo— gische Institut München soeben veröffentlicht.“) R. Aichberger hat den Regenwürmern in den Magen ge— schaut, um zu sehen, ob es wirklich wahr ist, was man bisher all⸗ gemein glaubte, daß sie welke und frische Pflanzen fressen. Und er hat gefunden, daß man ihnen Unrecht getan hat. Es finden sich nur gelegentlich Pflanzenreste, dagegen zeigte sich bei diesen offenbar sehr mühevollen Untersuchungen, bei denen der Darminhalt Körnchen für Körnchen durchsucht werden mußte, daß der Regenwurm von den in dem Erdboden seit kurzem nachgewiesenen Kleinpflanzen, Pilzfäden und Kleintieren lebt, denen zuliebe er also ständig solche Massen von Erde in sich hinein— schlingt und durchverdaut, was sonst kein einziges der vielen in der Erde wühlenden und arabenden unterirdisch lebenden Tieren tut. Diese überraschende Bereicherung des Naturwissens mag als unbedeutend erscheinen. Sie ist es aber nicht, wenn wir uns nur di ganz kolossale Bedeutung des Regenwurmes für die Land- und Forstwirtschaft vor Augen rücken. Wenn man von den Statistikern vernimmt, daß die Fruchtbarkeit der Erde dem Menschen jährlich Produkte im Wert von 3600 Millionen Mark spendet, wird man bald verstehen, daß jeder Fortschritt der Kenntnisse in Fragen der Landwirtschaft unmittelbaren Geldes wert besitzt. Wenn es also nicht wahr ist, daß der Regenwurm die saulenden Pflanzenteile im Boden aufsucht und verzehrt(das Gelbwerden der Blätter in regenwurmbesiedelten Blumentöpfen wird demnach nun bald andere Ursachen ergeben), dagegen andererseits so nützlich ja unentbehrlich ist, um den Boden möglichst fruchtbar zu machen, so erscheint es nicht unmöglich, nun, da man seine Lebensbedingungen besser kennt, auf ihn in einer u vere Interessen fördernden Weise einzuwirken. Immer mehr gestaltet sich so die ehrwürdige Urbeschäftigung des Menschen zu einer wissenschaftlich gelenkten und kontrollierten Art von„Naturindustrie“ und immer schwieriger wird dadurch die Lage der Rückständigen, die da glauben, auf ihrer Scholle auch im 20. Jahrhundert nach Urväter Art hausen und ihren Acker bestellen zu können. Die Naturwissenschaften besorgen dadurch auf ihre Weise, unab— sichtlich aber umso fühlbarer die Aufgabe, ein Werkzeug des sozialen Fortschritts zu sein. Denn wenn sie den Bauern zwingen, sich aus Gründen der Lebensnotwendigkeit mit ihnen bekannt zu machen, sorgen sie gleichzeitig dafür, daß er auch sonst ein moderner Mensch wird. Wollte er's nicht sein, würde er untergehen im Wettbewerb mit denen, die seinen Beruf intensiver auszuüben verstehen. Und so spannt sich zuguterletzt ein Band fester Beziehungen vom Prole⸗ tarier unter der Erde zu den großen Fragen, die unser Jahrhundert zu lösen hat. Aus unserer Sammelmappe. Praktischer Vogelschu. Von Dr. Wilh. R. Eckardt. Mit 52 Ab⸗ bildungen. Broschiert 1 Mk., geb. 1.60 Mk.; für Mitglieder der D. N. G. 0,75 Mk., geb. 1.20 Mk. Deutsche Naturwissenschaftliche Gesellschaft, Geschäftsstelle Theod. Thomas Verlag Leipzig. Bei unserer letzten Besprechung der Natur erwähnten wir be⸗ reits, daß das hier angezeigte Werk mit Heft 8 der Zeitschrift als ) R. v. Aichberger, untersuchungen über die Ernährun des Regenwurms.(Arbeiten a. d. Biolog. Institut München Nr. 19 Zeitschrist der deutschen mikrol. Gesellschaft. 1914. 2. Buchbeilage den Mitgliedern der D. N. G. kostenlos wurde. Wir hatten davon Abstand genommen, das Buch in der gemeinen Besprechung ausführlicher zu behandeln, weil wir es f wertvoll genug halten, daß es in die weitesten Kreise dringt. Eckardt, welcher den Lesern der Natur und sicher auch unser Lesern kein Fremder mehr ist, gibt hier in verständlicher und leis faßlicher Form einen Ueberblick über alle Fragen des Vogelschutz Er bespricht die Zweckmäßigkeit oder Untauglichkeit der einzeln Nisthöhlen-Systeme, gibt Anregungen zum vorteilhaften Aufhäng der Nistgelegenheiten, erzählt über Fütterung und Vogeltränke kommt auch auf die Feinde der Vogelwelt zu sprechen und auf der Vernichtung und Unschädlichmachung und läßt schließlich in einem jeder Hinsicht beachtenswerten Nachworte„Vogelschutz und Schul seinen Unmut über gedankenlose Ausrottung von bestimmten Vog arten aus und zeigt gleichzeitig den Weg, wie durch vernünftig Schulunterricht die Jugend für die Frage des Vogelschutzes i teressiert werden kann. Es existieren bereits eine große Anza Schriften über das gleiche Thema. Und doch möchten wir den unserer Leser, welche schon dieses oder jenes Werk besitzen, emp sich auch das Buch von Eckardt noch anzuschafsen, da es uns eines d wertvollsten zu sein scheint, welches je über den Gegenstand geschr ben wurde. Es ist trefflich geeignet, für unsere kleinen gefied Freunde, welche durch die zahllosen Nachstellungen in erschrecken Weise vernichtet werden, Liebe zu wecken. Unsere Leser, welche Stück Gartenland ihr Eigen nennen, Eltern und Jugenderzieher, Jugend selber sollte zu diesem Buche greisen, das helsen will, d Natur ein Stück ihrer besonderen Eigenart, welche zu vergehen d zu erhalten. Reinigung des Wassers durch ultraviolette Strahlen. Die unserem Genossen Dr. Arons erfundene Quecksilberlam bei der in einer Röhre aus geschmolzenem Quarz Quecksilberdämp durch den elektrischen Strom zum Glühen gebracht werden, wegen ihres außerordentlich geringen Stromverbrauchs(4 W pro Hefnerkerze) schon eine weitgehende Anwendung in der Tech gefunden. Sie wird vor allem zur Beleuchtung von Arbeits räum usw. benutzt, während sie sich zu allgemeinen Beleuchtungszwec weniger eignet wegen der Leichenfarbe, die ihr an roten Strahl armes Licht den Gesichtern verleiht.(Durch Beimischung von an ren Metallen hat man übrigens dem Licht der Quecksilberle. schon eine freundlichere Färbung zu geben versucht). Ein sich neuerdings eröffuendes Gebiet ist die Reinigung von Wasser f Trink- und sonstige Haushaltungszwecke. g Das Licht der Quecksilberlampe ist außerordentlich reich ultravioletten Strahlen, die für unser Auge unsichtbar, doch zu d wirksamsten Strahlen gehören, die wir kennen. Die Quarzu hüllung der Lampe läßt diese Strahlen ungehindert nach auf dringen, während bei den Aronslampen der ursprünglichen Ke struktion, die Glas für die Röhren verwandte, alle ultraviole Strahlen durch dieses verschluckt wurden. Das ultraviolette L übt auf lebendes Gewebe eine zerstörende Wirkung aus. Die A strahlung einer solchen Lampe ruft selbst noch in einigen Dezime Entfernung Hautverbrennungen, Sonnenstich und heftige Aug entzündungen hervor. Auf dieser Eigenschaft der ultraviole Strahlen beruht ihre eben erwähnte Anwendung zur Reinig Trinkwassers. Wirft man das vergrößerte Bild eines Waß tropfens mittels einer starken Lichtquelle auf einen Schirm, so! man deutlich das Leben der Infusorien, ihre raschen Bewegun und grotesken Kämpfe beobachten. Enthüllt man nun plötzlich e in der Nähe befindliche Quecksilberdampflampe, so dauert es wenig Sekunden und jene ganze Welt im Kleinen ist erstarrt! tot. Alle Bazillen und Mikroben, die harmlosesten so gut wie gefährlichsten Typhus⸗, Eiter- und Syphilisbazillen werden die ultravioletten Strahlen im Augenblick abgetötet. 4 Unsere Großstädte geben heute schon riesige Summen für Reinigung ihres Trinkwassers aus. Paris hat beispielsweise diesen Zweck schon 600 Millionen Franes geopfert und ist im Be weitere 400 Millionen zu opfern. Schon seit einer ganzen! von Jahren ist von verschiedenen französischen Ingenieuren Vorschlag gemacht worden, die Quecksilberlampe zur Reinigun Wassexs zu verwenden. Man hat auch praktische Experimen dieser Richtung angestellt. Es wurde Wasser aus dem Kanal Marseille genommen, aus dem in weniger als einem menschliche und 1139 Tierleichen gefischt worden waren. Die 9 tate waren durchaus ermutigend. Voraussichtlich wird sich al Trinkwasserreinigung durch ultraviolette Strahlen bald einen o * bo neben der durch Filter, Wärme, Ozon oder chemische Mittel 8 8