. Wissen ist nach Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolks zeitung mummer 18 Dienstag, den 5. Mai 1914 3. Jahrgang Liberalismus, Anarchismus, Sozialismus. Von Julian Borchardt. Fragen der Taktik lassen nicht selten die Tatsache in den Hintergrund treten, die doch zum theoretischen Verständnis des Sozialismus unentbehrlich ist, die Tatsache nämlich, daß der eigentliche und wesentliche Gegensatz, der unserem modernen wirtschaftlichen und politischen Leben zugrunde liegt und aus dem heraus sich die Tatsachen des politischen Kampfes erst richtig erklären, der Gegensatz zwischen Liberalis⸗ mus und Sozialismus ist. Der Liberalismus trat seiner Zeit— in Deutschland vor rund 100 Jahren— auf als Kämpfer gegen die persönliche Gebundenheit in jeder Form. Gewerbefreiheit und Freizügigkeit waren seine Forderung, die Freiheit der Persönlichkeit war sein Ideal. Es ist in der sozialistischen Presse oft genug nachgewiesen worden, daß diese Forderungen und dieses Ideal Hand in Hand gingen mit den wirtschaftlichen Bedürfnissen derjenigen Klasse, deren politische Vertretung der Liberalismus war, nämlich des be— sitzenden Bürgertums. Entgegen den damals herrschenden Zuständen, die die wirtschaftliche Betätigung, wenigstens zum großen Teil, an gewisse Vorrechte der Geburt banden, brauchte die emporstrebende Bourgeoisie die Möglichkeit der freien Betätigkeit für jedermann. Die Sprengung der alten feudalen Fesseln, die Befreiung der Persönlichkeit war des⸗ halb ihre historische Aufgabe. Aber es läßt sich nicht ver⸗ kennen, daß sie damit in der Tat auf ein Ziel hinstrebte, das die Konservativen als„Atomisierung“ oder„Entgliederung“ der Gesellschaft bezeichnen. Die Einzelperson völlig auf sich selbst zu stellen, sie völlig vom Zusammenhang mit anderen loszulösen, ist in der Tat das theoretische Ziel des Liberalis⸗ mus, wie es in der Manchesterlehre vom freien Spiel der Kräfte zum reinsten Ausdruck gekommen ist. Wir brauchen nun nicht zu wiederholen, daß der von einigen liberalen Idealisten erträumte Zustand der Freiheit für jedermann auf diesem Wege nicht erreicht worden ist. Im Gegenteil, indem für die Besitzenden die persönliche Frei⸗ heit wirklich erstritten wurde, sah sich die Masse der Be⸗ völkerung, das Proletariat, in um so härtere Fesseln ge— schlagen, und wie einst das Bürgertum gegen den Feudal— adel, so muß heute das Proletariat gegen die Bourgeoisie um seine Befreiung kämpfen. Dabei muß es aber, entsprechend den geänderten Verhältnissen, den gerade entgegengesetzten Weg einschlagen, wie das schon der Name Sozialismus deut⸗ lich zeigt. Der Liberalismus will die Entgliederung der Ge— sellschaft,„die Verweisung eines jeden auf sich selbst“(wie es einst der liberale Führer Schulze⸗Delitzsch treffend aus— drückte); der Sozialismus will im geraden Gegensatz hierzu eine neue planmäßige Gliederung. Durch Verweisung auf die eigene Kraft der Einzelpersönlichkeit hat sich das liberale Bürgertum aus den Fesseln des Feudalismus befreit; durch Zusammenschluß, durch Solidarität, durch Organisation will sich das Proletariat aus den Fesseln des Kapitalismus be⸗ freien. Womöglich noch schroffer zeigt sich der feindselige Gegensatz im Ziel. Die liberale Bourgeoisie hat die Staats- form geschaffen, die sie haben wollte und die dem Besitzenden ja wirklich Unabhängigkeit und Lebensgenuß sichert. Eben diese liberale Staatsform muß das Proletariat zu zer⸗ trümmern trachten, um in einer neuen sozialistischen Staats- form auch für diejenigen, die heute besitzlos sind, Freiheit und ein menschenwürdiges Dasein zu schaffen. Es ist also ganz speziell und direkt der Liberalismus, der von den Sozialisten bekämpft wird, und alles andere ist nur Beiwerk. Dies wird, wie gesagt, nur allzu oft durch die ver— wickelten Vorkommnisse des politischen Tageskampfes ver⸗ dunkelt, und deshalb ist jede Gelegenheit zu begrüßen, die diesen Zusammenhang in helles Licht rückt. Eie solche Ge⸗ legenheit bieten einige Aufsätze, die der Professor Lujo Brentano gegenwärtig im Berliner Tageblatt über die länd— liche Arbeiterfrage veröffentlicht. Zwar ist die Arbeit noch nicht beendet, aber wo sie hinaus will, ist bereits zu erkennen, zumal man ja auch ohnedies weiß, was die Liberalen zur Lösung der ländlichen Arbeiterfrage zu sagen haben. Nach Herrn Brentano liegt die Ursache der ländlichen Leutenot im Saisoncharakter der Landwirtschaft: im Sommer werden einige Wochen lang sehr viel Arbeiter gebraucht, für die nach⸗ her keine Beschäftigung mehr vorhanden ist; sie sind also im Winter brotlos, wandern deshalb in die Städte ab und sind dann auch für die dringenden Sommerarbeiten nicht mehr zu haben. Aber, fügt Herr Brentano hinzu, dies alles gilt nur,„wo der Grundbesitz größer ist, als daß er mit Hilfe der eigenen Familienangehörigen bewirtschaftet werden kann.“ Das ist ja auch ganz richtig. Eine Bauernfamilie, die keine fremden Arbeitskräfte braucht, wird im Winter nicht brotlos und leidet im Sommer nicht an Arbeitermangel. Anderer- seits konnte auch für den großen Grundbesitz die Leutenot erst nach der Bauernbefreiung akut werden. Früher hatte er in Leibeigenen und Hörigen die nötigen Leute zur Verfügung. „Der ländliche Arbeitermangel ist also die natürliche Folge einerseits eines Grundbesitzes, der größer ist, als daß er mit Hilfe eigener Familienglieder bewirtschaftet werden könnte, andererseits der Freiheit der Arbeiter.“ Soweit ist zur Stunde, da wir dies schreiben, die Arbeit des Herrn Brentano gediehen. Da er als liberaler Mann natürlich nicht einer Beschneidung der persönlichen Freiheit das Wort reden wird, so wird er zweifelos, gleich allen Liberalen, das Heil in der sogen.„inneren Kolonisation“ erblicken, d. h. in der Schaffung von kleineren Besitztümern, die der Bauer mit der eigenen Familie bewirtschaften kann. Die Schaffung eines Standes kleiner, selbständiger Besitzer wird er vermutlich zur Lösung jener Schwierigkeiten vor- schlagen. Hier nun begegnet sich der Liberalismus auf das deut- lichste mit seinem Sohne, dem Anarchismus. Freilich will der Anarchist viel weiter gehen als der Liberale. Er will die Freiheit wirklich für alle, also insbesondere für die heute geknechteten Proletarier. Aber er will sie auf demselben Wege wie der Liberale, nämlich durch Verweisung des Ein⸗ zelnen auf sich selbst; der Einzelne soll unabhängig von den andern sein Brot und damit seine Freiheit gewinnen. Auch der Anarchist will dem Einzelnen soviel Produktionsmittel geben, daß er, ohne andere auszubeuten und ohne selbst von anderen ausgebeutet zu werden, davon leben kann. Der Sozialist dagegen hat erkannt, daß auf diesem Wege die Freiheit nicht errungen werden kann. Abgesehen von den realen Mächten des Wirtschaftslebens, d. h. von den großen Kapitalsmächten, die eine solche Selbständigmachung der großen Masse gar nicht dulden können, weil ihnen dann die Arbeiter fehlen würden, die sie für ihre Betriebe— in Industrie wie Landwirtschaft— brauchen, würde auf solchem Wege auch die Produktivität stark sinken. Ohne uns hier in die Frage zu mischen, ob in der Landwirtschaft der Groß⸗ pder der Kleinbetrieb produktiver sei, möchten wir nur be⸗ tonen, daß die ganz kleinen Betriebe, die ohne fremde Ar— beitskräfte auskommen, auch in der Landwirtschaft immer mehr an Bedeutung verlieren. Zugenommen haben bei den bisherigen Zählungen die mittleren Betriebe von 5—20 Hektar, für die die Leutenot unter Umständen noch drückender ist als für die großen. Die kleinen Betriebe von 2—5 Hektar haben an Flächenraum zugenommen, an Zahl aber abge⸗ nommen; ein Zeichen, daß sie sich zu Mittelbetrieben auszu⸗ dehnen streben. Es ist eben die gesellschaftliche Arbeit not⸗ wendig, um jene Produktivität zu erreichen, die den Wohl⸗ stand für alle ermöglicht. Daraus folgt, daß die persönliche Freiheit in der alten Form, indem jeder von eigener Arbeit an eigenen Produktionsmitteln lebt, nicht mehr denkbar ist. Wer danach strebt, ist ein Utopist, und zwar ein reaktionärer Utopist; denn Hungersnot und um so schlimmere Knechtschaft wäre die Folge solcher Versuche. Es gilt vielmehr, den neuen Verhältnissen entsprechend, die persönliche Freiheit auf einer neuen Grundlage zu errichten und zu sichern. Diese Grund— lage ist der gemeinschaftliche Betrieb mit gemeinsamem Besitz der Produktionsmittel. Wie schützen wir uns vor Schwindsucht? Von Dr. Blümel, Halle Ghee Spezialarzt für Lungenkrank⸗ eiten. Die Tuberkulose der Lunge ist eine übertragbare Krankheit, die in ihrem Verlauf zur Schwindsucht führt. Sie steckt vom Menschen zum Menschen an. Gegenüber dieser Gefahr kommen andere An- steckungsquellen wie Milch, Butter usw.— es sei denn für jüngere Kinder— viel weniger in Betracht. Die Tuberkulose ist aber auch eine Krankheit, die sich vermeiden läßt. Wenn wir, trotz eines Rückgangs der Tubekulosesterblichkeit von 50 Prozent doch noch soviel Menschen an Tuberkulose erkranken und sterben sehen, so liegt das zum großen Teil daran, daß die Ratschläge für eine Verhütung der Krankheit zu wenig beachtet werden. Wie schützt sich der Gesunde vor Tuberkulose, der nicht in der un⸗ mittelbaren Nähe oder im eigenen Hause eine Ansteckungsquelle hat? Die kürzeste Antwort ist: Durch Hebung der Widerstandsfähigkeit seines Körpers und Geistes und durch Vermeidung von allem, was dem zuwider läuft. Dahin gehört: 1. Eine gesunde Wohnung. Sie muß trocken, sonnig und groß genug sein. Kleine, feuchte und lichtlose Räume bedingen eine vermehrte Krankheitsbereitschaft. Wer tagsüber sich in seinen Wohnräumen wenig aufhält, wähle das beste und größte Zimmer als Schlafzimmer. 2. Sauberkeit. Die Zimmer sollen seucht aufgewischt und gut abgestäubt werden. Reinigung des Körpers, Reinhaltung der Kleidungsstücke, genügend häufiger Wechsel der Wäsche, Mundpflege durch Benutzung der Zahnbürste und saubere Eß- und Trinkgeschirre sind von großer Wichtigkeit. Zur Sauberkeit gehört auch ein fleißiges Lüften der Zimmer. Eingeschlossene verbrauchte Luft begünstigt die Entwicklung von Krankheiten, vermindert den Appetit usw. Saubere Betten sind nötig, wenn irgend möglich für Jeden ein eigenes. 3. Zweckmäßige Ernährung. Bier und Wein sind keine Nahrungs-, sondern Genuß mittel. Als Nahrungsmittel in größerer Menge genossen, wirken sie sogar schädlich. Ihr Preis steht in keinem Verhältnis zu ihrem Nährwert. Wer also mit seinen Einnahmen haushalten muß, lege kein Geld für Alkoholika an. Milch und Kakao sind wesentlich nützlichere Getränke. Sie dienen gleich⸗ zeitig der Sättigung und Ernährung. Wem Gemüse in manchen Jahreszeiten zu teuer wird, der erinnere sich, daß Reis, gelbe und grüne Erbsen, Linsen und weiße Bohnen einen außerordentlich hohen Nährwert haben im Verhältnis zu dem dafür bezahlten Preis. Fleisch ist ein sehr teures Nahrungsmittel. Wo gespart werden muß, ist sein Verbrauch auch ohne Schaden einzuschränken. Käse ist ein billiger Fleischersatz, ebenso Fische. Kartoffeln sind ein billiges Nahrungsmittel, ebenso Graupen. Gries, Mais Maccaroni und Nudeln. Besonders wertvoll ist das Brot, jedenfalls viel zweck— mäßiger als die soviel von Leuten mit gesunden Verdauungsorganen an seiner Stelle genossenen Nährpräparate, wie sie auch heißen mögen, als Sanatogen, Bioson, Biomalz u. a. Der für solche Mittel gezahlte Preis entspricht nicht ihrem Wert für die Ernährung sonst Gesunder, während sie natfirlich bei Kranken nach ärztlicher Verord— nung schon angezeigt sein können. 4. Ruhe und Arbeit. Wer tagsüber angestrengt arbeitet, braucht nachts seine 8 Stunden Schlaf; Kinder brauchen entsprechend mehr. Ausgedehnter Wirtshausbesuch, Zechgelage, Tanzereien, ver⸗ kürzen die notwendige Ruhezeit und schwächen den Körper wie jeder unsolide Lebenswandel. Auch das übermäßige Rauchen gehört hier⸗ her. Gesunde Arbeitsräume und ein ruhiges Arbeiten erhalten die Freude an der Arbeit und die Kraft. Ein immer weiterer Ausbau der gesetzlichen Vorschriften nach dieser Richtung ist ja zu erwarten. Leute, deren Gesundheit durch Schädigungen in diesem oder jenem Beruf gefährdet ist, sollen ihn rechtzeitig wechseln. 5. Abhärtung. Darunter ist zu verstehen: a vaschung des Körpers mit kaltem Wasser, Luftbäder im Zimmer r im Freien, Wasserbäder in Schwimmhallen oder in Flüssen. Gewöhnung an Luft(nicht soviel Stubenhocken!). Ausgedehnter Luftgenuß auf Fuß⸗ wanderungen an Sonn⸗ und Feiertagen, beim Turnen, Rudern, Schlittschuhlaufen und andern körperlichen Uebungen, Schlafen in kühlen Räumen bei geöffneten Fenstern erhöht die Widerstands⸗ fähigkeit des Körpers. 6. Gesunde Kleidung. Sie soll nicht zu dicht und nicht 1 reichlich sein. Ein Unterhemd und ein Unterbeinkleid genügen; flür die Frauen ist ein Unter-Rock, wenn das Beinkleid warm hält, aus⸗ reichend. Männer sollen keinen Gürtel, Frauen kein Korsett tragen und natürlich auch keine Rockbänder. Alle Kleidungsstücke sollen von den Schultern herunter entweder an Trägern, die sich auf dem Rürken kreuzen, oder an Unterleibchen getragen werden. Die angegebenen Maßnahmen zur Erhaltung der Widerstands⸗ fähigkeit des Körpers gelten in besonderem Maße für die Kinder. Für sie ist Sauberkeit, sind helle, weite Wohnräume, Genuß der Luft, zweckmäßige Ernährung ein Haupterfordernis. Ist die eigene Woh⸗ nung eng, sind bei bescheidenen Verhältnissen für Säuglinge Krippen, für größere Kinder die Bewahranstalten tagsüber, und nachts Schlaf⸗ * pavillons— wie sie in der Heilstätte Ludwigsstraße vorhanden ind— in Anspruch zu nehmen. Gefährdete und schwächliche Kinder erreichen durch Kuren an der Nord- und Ostsee, in Solbädern und Ferienkolonien eine Festigung ihrer Gesundheit. Wie schlitzt sich die Umgebung, vor allem der Angehörigen von Schwindsüchtigen vor Ansteckung? Die Antwort lautet: am schlechtesten dadurch, daß sie den Kranken fliehen und meiden wie einen Aussätzigen. Arbeitskollegen, die einen Lungenkranken aus Angst vor Ansteckung aus seiner Stellung drängen, tun bitter unrecht. Denn der Kampf gegen die Tuberkulose darf niemals zu einem Kampf gegen die Tuberkulösen ausarten. Der Schutz vor Austeckung mit Tuberkulose ist überall dort nicht schwierig, wo der Kranke sauber ist und die äußeren Umstände ginstig sind. Bedrängt man die Kranken, erreicht man nur, daß sie die Krankheitserscheinungen unterdrücken, ihre Tuberkulose verbergen, und so den Gesunden eine Gefahr werden. Wer sich von der Benutzung der Spuckflasche entsetzt, erreicht nur, daß der Kranke in sein Taschentuch oder auf den Boden spuckt. Was ist denn an der Tuberkulose ansteckend? Die mit dem Hustenstoß verspritzten, bazillenhaltigen Tröpfchen und der Auswurf, wenn er so entleert wird, daß er verstäuben kann. Schon aus all⸗ gemeinen Anstandsrlcksichten hält sich der Hustende die Hand vor den Mund und wendet sein Gesicht ab. Aus demselben Grunde wird er in geschlossenen Räumen nicht auf den Boden spucken. Also eine Gefahr für Mitarbeiter und andere, die nicht gerade mit hustenden Kranken eng zusammen leben, ist nicht vorhanden, wenn sich der Kranke öfter die Hände wäscht und nicht auf den Boden spuckt. Der Schweiß des Kranken, der seinen Dunstkreis anfüllt, die Luft, die er ausatmet, sind ungefährlich und enthalten keine Ansteckungsstoffe. Eine erhöhte Ansteckungsgesahr bedeutet der Kranke für seine Familie, aber auch die kann sich durchaus schiitzen. Wird der Auswurf nur in ein mit Flüssigkeit gefülltes Gefäß entleert, oder in die täglich zu säubernde Spuckflasche, so bleibt nur noch die Gefahr zu vermeiden, die die mit den Hustenstößen verspritzenden Bazillen ver⸗ ursachen. Um ihrem verderblichen Einfluß zu entgehen, dürfen Ge⸗ sunde nie mit Lungenkranken das Bett teilen. Jeder Tuber: kulöfesollein eigenes Bett haben. Der Fußboden muß in den von ihm benutzten Zimmern sauber gehalten, die Bettwäsche oft gewechselt werden. Da für Kinder, se jünger sie sind, die An⸗ steckungsgefahr um so größer ist, müssen sie aus dem gemeinsamen Schlafzimmer entfernt, ja möglichst auch am Tage fern von dem Kranken gehalten werden. Deshalb ist die beste Vorbeugung zur Verhütung der Ansterkung mit Tuberkulose ein eigenes Zimmer für den Kranken. Tagsüber werden ja größere Kinder durch den Schul⸗ besuch von der Wohnung ferngehalten, kleinere sollen durch aus⸗ giebigen Aufenthalt im Freien, oder wo die nötige Aufsicht fehlt, durch Aufnahme in Krippen und Bewahranstalten vor zu inniger 3 Berührung mit dem kranken Familienmitglied geschützt werden. Die Kleidung des Kranken ist besonders sauber zu halten, die Wäsche durch sorgfältiges Kochen und Plätten keimfrei zu machen. Eß⸗, Trink- und Waschgeschirr soll der Kranke für sich allein benutzen. Lungenkranke Mütter dürfen Neugeborene nicht stillen, und eigentlich auch nicht pflegen, denn Säuglinge stecken sich am leichtesten an, und ihre Krankheit ist kaum einer Heilung zugänglich. Ebenso ist es zu verwerfen, wenn lungenkranke Männer oder andere An⸗ gehörige die Kinder besorgen. Viel richtiger und zum Schutze der Familie notwendig ist es, wenn man solche Kranken, die nicht den größten Teil des Tages und die Nacht über von den Kindern ge⸗ trennt gehalten werden können, zu kinderlosen Familien bringt, in Krankenhäuser oder Pflegerheime gibt, oder wenn sie umhergehen können, recht viel außerhalb des Hauses hält. Die Kranken sollen sich vor solchen Maßnahmen nicht sträuben, nicht überflüssig und leichtfertig ihre Familie gefährden, sondern selbst ein Opfer bringen zum Schutze der Ihrigen. Leider bringt nur zu oft mangelnde Rück⸗ sicht des Kranken und salsche Rücksicht der Angehörigen auf die Kranken ganze Familien in Lebensgefahr und zum Aussterben. Außer diefen Vorsichtsmaßnahmen ist nötig, daß für Kinder Milch nur abgekocht gegeben wird, um eine Uebertragung der Rinder⸗ tuberkelbazillen zu verhüten. Für Erwachsene ist die Gefahr, sich mit Rindertuberkulose anzustecken, sehr gering. Fassen wir also noch einmal kurz zusammen, worauf es bei der Verhütung der Tuberkulose ankommt, so ist es: 1. gesundheits⸗ mäßiges Wohnen und gesundheitliche Lebensführung; 2. Unschädlich⸗ machen des Auswurss; 3. Verhültung des dichten und dauernden Zu. menlebens in Wohn- und Schlafräumen mit Gefunden, besonders stücksicht auf die Kinder; 4. Abkochen der Milch. . gehört zu den heilbarsten Krankheiten, enn die Behandlung—* eingeleitet wird. Wer deshalb sucht bemerkt, wie dauernden Husten, A. Fiebergefühl, Nacht⸗ schweiße, Kurzatmigkeit und Bluthusten, wende sich rechtzeitig an enen Arzt. Angehörige von Lungenkranken, besonders Eltern, Kinder und Geschwister von an Tuberkulose Leidenden oder Ver⸗ storbenen follen sich in regelmäßigen Zwischenräumen ärztlich unter⸗ suchen lassen, um rechtzeltig auf eine eingetretene Ansteckung auf⸗ ierksam zu werden. Der Erlösungsgedanke in wisseuschastliche . Beleuchtung. Am Abend seines Lebens hat der greise Philosoph Wil— helm Wundt noch ein Buch herausgegeben, das die tiessten fragen des Lebens in streng wissenschaftlicher und dabei ver— hältnismäßig recht leicht verständlicher Weise behandelt, wie letzteres in philosophischen Werken nicht gerade häufig der Fall ist. Das Buch ist betitelt„Sinnliche und übersinnliche Welt“.“ In dem Buche, auf das wir noch manchmal zurück— zukommen gedenken, wird u. a. das Weltbild, das Verhält— der Sinnenwelt zur Ideenwelt, die Einheit des Seins, as Unendliche und zum Schluß der Erlösungsgedanke be— handelt, der ja besonders in der Religion eine große Rolle spielt und auch für die Kunst außerordentlich befruchtend ge— wesen ist, wie zum Beispiel in der Musik die Werke Richarb Wagners beweisen. Wie kam die Menschheit auf den Erlösungsgedanken? f Schon als die Menschen und dementsprechend auch ihre Religionen noch völlig in phantastischen Zaubervorstellungen befangen waren, glaubte man bereits an einen„Heilsbringer“, der, was sich mit der Wirklichkeit oft genug decken wird, in voraufgegangenen Zeiten den Menschen ein Wohltäter ge— wesen sei, und auch nachher noch als Helfer in der Not galt. Der„Heilsbringer“ hat den Menschen zum Beispiel das Feuer vom Himmel gebracht, oder sie gelehrt, es sich selber zu bereiten; er hat sie im Gebrauche der Werk— zeuge und Waffen unterwiesen, oder ihnen die Regeln mit— geteilt, nach denen sie ihr Leben ordnen. Solche Heilsbringer stellt man sich bald als Tiere, bald als Menschen, bald als phantastische Zwitterwesen vor. Dann werden sie im Ideen⸗ kreise der Völker zu Helden mit übermenschlichen Kräften und Fähigkeiten, und schließlich zu Göttern. Aus seinem Schutzbedürfnis heraus schafft sich der Mensch der frühesten Zeit seinen Heilsbringer, und da das Schutzbedürfnis sehr mannigfaltig ist, so entsteht nach und nach eine Vielheit von Heilsbringern, von Göttern, von denen jedes seinen mehr oder weniger bestimmten Wirkungskreis hat.(Ein Nach⸗ klang davon hat sich im Heiligenkultus der katholischen Kirche halten.) Wohl in demselben Maße, als die Menschen Zeit fanden, sich in Vermutungen über eine jenseitige Welt zu er⸗ gehen, kommen sie dann auf den Gedanken, daß ein Haupt— gott, und schließlich, daß nur ein Gott existiere, und dieser wird nun als höchster Heilsbringer verehrt. Dann kommt in die Heilsbringer-Idee ein neuer Zug, der den ursprünglichen Göttermythen fremd war. Der Gott, der bisher half, wußte selbst nichts vom Erdenleid. Er stand viel zu hoch, als daß ihm das kleine Treiben der Menschen virklich hätte nahegehen können. Nur, wenn man ihm reich— lich opferte, wurde seine Aufmerksamkeit erregt. Wie nun, venn der Gott selber Leid erlitt? Dann müßte er den Men— ja viel näher kommen. So wird der im wesentlichen heldische, kampffrohe, heilbringende Gott der ersten Zeit zu em leidenden, sich vom Leide selber befreienden, heilbringen⸗ en Gotte der späteren Zeit, zum Erlöser seiner selbst und um Erlöser der Menschen. Im Sonnengott hatte man da⸗ ür ja ein Beispiel: der Lauf der Sonne am Himmel wird im Laufe des Jahres kleiner und kleiner(im Polarkreise, an en B. die germanische Sage Erinnerungen bewahrt hat, serschwindet die Sonne auf ein halbes Jahr sogar ganz), bis e sich aus eigener Kraft wieder erhebt. Vermutlich hat diese 2 Verlag von Alfred Kröner in Leipzig; Preis broschiert 8 Mk, bunden 9 Mk, 8 che astronomische Tatsache die Grundlage zu der Idee vom leiden den und sich selbst erlösenden Gotte abgegeben, denn nur auf Grund einer Tatsache, die auf der ganzen Erde zu bemerken war, konnte die Erlöseridee in den verschiedensten Gegenden unseres Planeten entstehen und sich entwickeln. Wundt er— wähnt in diesem Abschnitt seines Werkes den Einfluß der Astronomie auf die Entwicklung der Religionen zwar nicht, aber daß dieser Einfluß wahrscheinlich sogar maßgebend ge— wesen ist, wenigstens für die großen, systematisierten Religio— nen, dafür darf als Beweis wohl gelten, daß bei den Griechen, Persern und Aegyptern, alles Völkern, die astronomische Kenntnisse hatten und dem Sonnengott huldigten, auch die Idee vom leidenden und sich selbst erlösenden Gotte vorhan- den war: der Dionysos der Griechen, der Mithras der Perser, der Osiris der Aegypter sind solche Götter. War nun der göttliche Heilsbringer durch sein eigenes Leid dem Menschen viel näher gerückt, so konnte der Glaube an ihn auch viel inniger, viel religiöser werden. Immerhin blieb noch eine Kluft: ganz nahe kommt den Menschen nur, wer unter ihnen lebt, Leid und Freude mit ihnen teilt. So ist im Christentum der Heilsbringer zu einem wirklichen Men- schen geworden, der allerdings göttlicher Abstammung ist und nach seinem irdischen Tode selber zum Gotte wird, wäh⸗ rend der Buddhismus, der die Idee eines persönlichen Gottes nicht kennt, in seinem Stifter Buddha, bis auf die gleichfalls unbefleckte Empfängnis, die Erlöseridee noch vermenschlichter darstellt. Wundt unterscheidet in der Entwicklung der Religionen, drei Stufen: die mythologische Auffassung sieht die erlösende Tat in dem in menschlicher Gestalt zur Erde herabgestiegenen Sohne Gottes verwirklicht, der als Mensch gelitten und durch seinen Tod sich selber als Opfer hingegeben habe für die Menschheit. Diese mythologische Vorstellung assimiliere die uralte mythologische Opferidee, indem sie die beiden Formen. in denen sich diese entwickelt hat, in sich aufnimmt: in der des Zaubers und in der des Geschenks an die Gottheit. Die symbolische Deutung legt, im Gegensatz zu der mythologischen, im Doppelbegriff des Gottmenschen den ent- scheidenden Wert auf den Menschen. Der Erlöser ist ihr das Symbol hingebender menschlicher Liebe für den Nächsten und das Vorbild der Hingabe an die übernommene Pflicht. Die philosophische Deutung verwandelt diese an das. individuelle Ideal gebundene Auffassung in die allgemeine menschliche Richtschnur: Mensch, erlöse dich selbst! Löse dich aus den Fesseln der Selbstsucht, diene der Pflicht nicht mit Widerstreben, sondern aus frefer Neigung, und gib, wo es not tut, dein eigenes Leben hin für bie ideale Aufgabe, die dir das Leben gestellt hat! „So erhebt sich,“ sagt Wundt am Schluß,„aus dem, trüben Zwielicht des Glaubens an erlösende Götter, deren, Wille durch Zauber zu binden und deren Gunst durch Opfer zu gewinnen ist, in dem Bilde des menschlichen Erlösers ein religiöses Ideal, das unmittelbar zu einem sittlichen Ideal wird. Damit gewinnt jene Idee des Unendlichen, die die letzte Wurzel aller Religion, aber zu unbestimmt ist, um dem religiösen Triebe im wirklichen Leben feste Ziele zu zeigen, ihre inhaltliche Ergänzung in der Idee der menschlichen Er⸗ lösung und ihrer Weiterführung zur Idee der Selbsterlösung durch die eigene Tat.“ f (Chemnitz. Volksstimme.) Die schwarze Lichtbilderei. Ungefähr achtzig religions⸗ und kirchengeschichtliche Lichtbilder⸗ vorträge sind in der Lichtbilderei des Volksvereins für das katho⸗ liche Deutschland vorhanden, die alle überhaupt nur denkbaren Themen behandeln. Jesus sind natürlich gleich ein halbes Dutzend verschiedener Serien gewidmet, dann lernen wir die Heiligen, Päpste und Bischöfe im Bilde kennen, und schließlich illustrieren zahlreiche andere Vorträge den Inhalt des Christentums und das Wirken der katholischen Kirche. Nun werden durchaus nicht bloß„religiöse“ Lichtbildervorträge verliehen— auch der Frömmste ist nicht ständig in der zum Betrachten solcher Bilder notwendigen Stimmung— darum besitzt die Lichtbilderei daneben noch ein großes Lager„welt⸗ licher“ Themen aus dem Gebiet der Geschichte, der Literatur, der Kunst, der Technik, der Länderkunde und sogar der Naturwissen⸗ schaft. Welchen Geist diese sogenannten wissenschaftlichen Vorträg atmen, soll eine kleine Probe darlegen. Das Textbuch zu der Ser „Bau und Tätigkeit des menschlichen Körpers“ beginnt mit dem Sabe:„Der menschliche Körper, nach Gottes Ebenbild geschaffen, ist ein Wunderwerk, das in allen seinen Teilen die Weisheit und Macht des Schöpfers kündet.“ Wenn danach überhaupt noch ein Zweifel an der Tendenz des M.-Gladbacher Instituts möglich ist, wird er endgültig zerstreut durch eine Bemerkung, die sich in einem der letzten Jahresberichte des Volksvereins für das katholische Deutschland befindet. Dort heißt es sehr deutlich: Die Bilder und die entsprechenden Vorträge(der Lichtbilderei) sind durchgesehen von Mitgliedern der Zentrale und für die Zwecke des Volksvereins be⸗ rechnet. Die Lichtbilderei hat sich also zur Aufgabe gewählt, den Volksverein oder, was dasselbe bedeutet, das Zentrum bei seiner Arbeit zu unterstützen. Lichtbilderei und Volksverein verknüpfen tatsächlich die engsten Bande. Der Volksverein empfiehlt die Licht⸗ bilderei seinen Mitgliedern, half sie gründen, beherbergte sie zu⸗ nächst in seinen Räumen und stellt noch heute alle ihre Drucksachen in seiner Druckerei her. Dr. August Pieper steht als Generaldirek⸗ ter an der Spitze des Volksvereius, sein Bruder, Dr. Lorenz Pieper, itt Vertreter der Lichtbilderei und Redakteur der von ihr heraus⸗ gegebenen Zeitschrift. Nun hatte man anscheinend die Beobachtung gemacht, daß den vom Volksverein vertriebenen Flugschriften, Pfennigblättern und Volksbriefen doch nicht mehr die alte Ueber⸗ zeugungskraft innewohnt und daß auch schon das Juteresse für die Serien der Lichtbilderei abzuflauen beginnt, und man sah sich nach einer besonders starken„Attraktion“ um. Unsere Ultramontanen kennen die Volksseele, sie verstehen, daß gerade der unwissende, in der Tretmühle der täglichen Arbeit abgehetzte Mensch nach einer alle Sinne aufpeitschenden Abwechflung verlangt, und so entschieden sie sich für das Kino. Seit ungefähr zwei Jahren verleiht die Lichtbilderei auch Filme, und das Geschäfts geht vorzüglich. Heute besitzt man bereits gegen 1500 Filme und mehrere Wanderkinos; im Saar⸗ gebiet, in Schlesien und Bayern sind Filialen eingerichtet worden. Unter den Filmen befinden sich verhältnismäßig wenige mit religiösem Inhalt: das Verzeichnis aus dem Jahre 1912 zählt nur dreizehn auf, darunter allein vier, die das Leben Jesu darstellen. Seine Geburt, ebenso seine Kindheit werden in ungefähr 170 Metern gezeigt, seine Wunder und sein Wirken in 225 Metern, und sein Leiden und seinen Tod schildert ein fast doppelt so langer Bilder⸗ streifen. Größer ist die Zahl der militärischen und patriotischen Filme, fast so groß wie die der naturwissenschaftlichen; noch häufiger wird die Länder- und Völkerkunde behandelt. Den Hauptbestand⸗ teil der ganzen Sammlung bilden jedoch die dramatischen Filme, wohl tausend hat man sich zugelegt. Durchaus keine„christlichen“ Filmdramen, aber doch solche, die den schristlichen Arrangeuren wohl⸗ gefällig sind und sich für ihre Zwecke brauchbar erweisen. Ein rein religiöses Programm würde niemals„ziehen“, es könnte höchstens auf die ganz Einfältigen Eindruck machen, und auf die nur das erste⸗ mal: auch sie würden bald die Absicht merken. Nur eine Nummer darf einen frommen Inhalt haben, eine andere vielleicht einen patriotischen, alle übrigen müssen Dramen gewöhnlichster Sorte sein. Die sind vor allem das große Lockmittel, das die Massen auf die Beine bringen und in jung und alt erst einmal die Gier nach dem Kino wecken soll. Daneben kann das Filmdrama von unseren Klerikalen recht wohl noch als Erziehungsmittel benützt werden. Denn gewöhnlich unterliegt doch der Bösewicht, und der Tugendhafte wird stets aus der höchsten Not gerettet, wenn er nur vorher sein Leid still ertragen hat: die Handlung trieft von süßlicher Sentimen⸗ talität wie die Gartenlaube-Romane und ist innerlich durch und durch unwahr: der Grafensohn heiratet das arme Fabrikmädchen, der fleißige Handwerker wird ein reicher Wann, der Wucherer schenkt sein Geld der hungernden Witwe usw. Von dem nie ge⸗ störten Schlemmerleben des Ausbeuters, von dem tapferen Kampf des selbstbewußten Arbeiters gegen Unterdrückung um ihre Existenz ist im heutigen Filmdrama nirgends die Rede. Die Tendenz ihrer neuen Gründung haben die M.⸗Gladbacher durch die Art der Zusammensetzung ihrer Filmsammlung so geschickt wie nur möglich verschleiert, ebenso schlau haben sie auch jeden Zweifel an der Lauterkeit ihrer so plötzlich erwachten Freundschaft fürs Kino schon im Keime zu ersticken versucht. Sie haben sich von vornherein als die edlen Kinoreformer aufgespielt, als die weit⸗ sichtigen Volkserzieher, die ein wundervolles, leider heute wenig beachtetes und falsch angewendetes Anschauungsmittel gerade für die untern Schichten zur allgemeinen Anerkennung bringen wollen. Die seit März 1912 von der Lichtbilderei herausgegebene Zeitschrift „Bild und Film“ tritt in der Tat für eine Reform der Lichtbühne ein; hier werden alle Anwendungsmöglichkeiten des Kinos aufge⸗ zeigt und die Auswllchse des heutigen Kinowesens bekämpft mit recht schönen und eindringlichen Worten. Es ist allerdings bei den Wor⸗ ten geblieben, die Taten stehen im schroffsten Gegensatz zu den seier⸗ lichst proklamierten Grundsätzen. Ein paar Beweise! Der Leiter der Lichtbilderei, Dr. Lorenz Pieper, erklärt in seiner Zeitschrift (II, 5), als er seine Stellung zum Kinodrama darlegt:„Zu ver⸗ werfen sind natürlich arundsätzlich die Vergewaltigungen klassischer Dramen durch Umarbeitung für das Kino“; seine Filmsammlung zieren heute noch„Hamlet“,„Parsifal“ und„Die Braut von Messina“. Mehrfach Dat man ganz entrüstet die Geschmacklosigkeit gebrandmarkt, die Großen des Volkes, zu denen alles mit tiefster Verehrung emporblickt, im Kintop vorzuführen; so liest man zum Beispiel bei der Besprechung des Richard Wagner⸗Film.(III, 2): „Selbst bei täuschendster Aehnlichkeit wollen wir keinen Wagner, thoven oder Lenau. den ein Kinoschauspieler mit Perücke und Kostüm mimt. Das überklebt unser Herzensbildnis unkorrigierbar.“ Man follte meinen, daß jeder fromme Katholik, wenn er nicht ganz beschränkt ist, in der Darstellung des„Heilandes“ durch einen ge⸗ schminkten und gepuderten Schauspieler, der jede Gebärde vor dem erblicken müßte: schon einem Ungläubigen scheint diese Theate überaus widerwärtig. Das preußische Oberverwaltungsgericht kürzlich erst das polizeiliche Verbot erklärt, weil die Leidenszeit Christi, durch den Film 0 das religiöse Gefühl der Zuschauer in einem Kulturstaat aufs tie verletzen müsse— sicherlich auch die Ansicht aller Unbeteiligten. Das religiöse Gefühl der M.⸗Gladbacher ist anders geartet: sie führen mehrere derartige Filme. Iu majorem Dei gloriam!(Zur höheren Che Gottes!) Und wieviel hat man nicht schon gegen die blut⸗ rünstige Kinotragödie und die alberne Kinoposse geschrieben! Doch aus den Programmen der Lichtbilderei hat man solche Schundware immer noch nicht gestrichen. Was für minderwertiges Zeug heute noch verliehen wird, davon geben allein schon die Filmtitel eine Vorstellung. Die letzte Liste empfiehlt u. a.:„Nelly, die Tier⸗ bändigerin“(950 Meter: der Fabrikant schreibt dazu: Ein Schlager, den man gesehen haben muß: spannend und aufregend gespielt, ver⸗ einigt er in sich alle Nervenkitzel, die gerade bei Tierdramen ver⸗ langt werden);„Im Lande des Löwen“(612 Meter; hier wird ein eingefangener Löwe auf eine unuschuldige Farmerfamilie losge⸗ lassen):„Die schwarze Maske“(975 Meter);„Um ein Weib“(807 Meter);„Bumke ist kitzlig“(233 Meter);„Kulicke ist zu 8 (135 Meter);„Piefke heiratet eine Frauenrechtlerin“(172 Meter): Mona Lisa mit dem Schnurrbart“(193 Meter);„Frauchen zieht 1— Meter). Das also ist die Kinoreform, die aus M-Glad⸗ ach komm Könnten unsere Schwarzen den Kinematographen nur in neu⸗ traler Weise verwenden, sie wären niemals so begeistert für ihn eingetreten, und würden die Filme der Lichtbilderei nicht dazu be⸗ stimmt sein, die Zwecke des Klerus zu fördern, man hätte für sie niemals diese wahrhaft bewundernswerte Reklame inszeniert. In allen möglichen Kinoreformkommissionen sitzen die Vertreter der Lichtbilderet, die Mitarbeiter der Zeitschrift„Bild und Film“ weisen immer wieder auf das„musterhaste“ Filmverleihinstitut hin, und der Volksverein empfiehlt es nachdrücklichst seinen 800 000 Mit⸗ gliedern. Die katholischen Arbeiterverbände und Vortragsver⸗ einigungen beschäftigen sich auf ihren Tagungen mit der Kinofrage, und in den Resolutionen ergeht an alle angeschlossenen Vereine die Aufforderung, zwecks Einleitung praktischer Reformarbeit mit der Lichtbilderei Fühlung zu nehmen. Die besonders Schwerfälligen und konservativ Veranlagten, die danach immer noch nicht die außerordentliche Bedeutung des Lichtbildtheaters für die klatholische Kirche erkannt haben, sind schließlich durch die großen Autoritäten auf den beiden letzten Katholikentagen überzeugt worden. Wahr⸗ scheinlich haben den stärksten Eindruck die Argumente des Professors Mansbach gemacht, der seinerzeit in Aachen darlegte, daß der wahre, erleuchtete Eifer sich nicht in unfruchtbarer Negation erschöpfe, son⸗ dern mit Hand ans Werk lege, um„moderne Gebiete für die christ⸗ liche Kultur zurückzuerobern“. 1 Die Lichtbilderei in M.⸗Gladbach 5 unter den Katholiken Deutschlands mit Filmen agitiert, aber nicht das einzige. Einen Teil der Arbeit haben ihm andre, ähnlich ge⸗ artete Einrichtungen abgenommen, die mit bestimmten Schichten des katholischen Volkes in innigerer Verbindung stehen. So hat der Katholische Frauenbund sich eine eigne Sammlung von Lichtbildern und Filmen angeschafft, und der Verband süddeutscher katholischer Arbeitervereine besitzt in München eine besondere Abteilung, die neben Lichtbilderserien Filme sowohl weltlichen wie geistlichen 95 eines solchen Film für— vorgeführt, ist das größte Institut, das halts verleiht. Seit mehr als einem Jahre verfügt auch schon dis Zentralstelle des Bayrisch⸗christlichen Bauernvereins über ei Wanderkino mit eianem Filmmaterial. Es zieht von Dorf zu Dorf und erfreut nachmittags die Schulkinder, abends die Erwachsenen. Natürlich kein Tendenzkino. Von der Probevorführung in Regens⸗ burg wird u. a. berichtet:„Hier fesselte das Auge ein trantes Familienbild, dort schaute es das Großstadtelend der Millionenstadt.“ Die Not der bayrischen Bauern und das Massensterben ihrer Säug linge hat man selbstverständlich nicht am lebenden Bild erläutert. (Dr. Drucker, Neue Zeit.) Aus unserer Sammelmappe. Die Wirkung des Radiums auf bie Pflanzen. Unsere schnell⸗ lebige Zeit begnügt sich nicht mit der Beobachtung der Naturgesetze, sie will die Pflanze auch zu einer Zeit wachsen lassen, während der sie sonst zu ruhen pflegt. Mittel, um die Pflanzen vorzeitig aus ihrem Winterschlafe zu locken und zugleich zu schnellem Wachstum anzureizen sind zwar schon bekannt und wie beispielsweise die Aetherbehandlung auch vielfach in Gebrauch, in neuester Zeit konnte ihnen jedoch der bekannte Forscher Prof. Molisch ein neues hinzu: fügen: die Radiumbestrahlung. Knospen von winterruhendem N Flieder bestrahlte er mit Gamma- und Betastrahlen, worauf sich schon nach kurzer Zeit schöne und kräftige Blattriebe entwickelten, und noch glänzender war der Erfolg, als Molisch das vom Rad um ausgehende Gas, die Emanation, auf die Zweige einwirken ließ. Wenn auch vorläufig solche Radiumbestrahlungen natürlich noch eine allzu kostspielige Sache darstellen und damit auch praktisch kaum ausführbar sein dürften, so zeigt uns diese Entdeckung doc wieder eine neue geheimnisvolle Eigenschaft des Radiums. Spiegel sorgfältig einstndiert hat, geradezu eine Gotteslästerung