i Wissenistsnacht Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Volkszeitung Nummer 12 Dienstag, den 23. märz 1914 3. Jahrgang Eigentum und Enteignung. In einer Beilage des Berliner Tag, die dem Schutz der deutschen Grundbesitzerinteressen gewidmet ist, zieht der Oberlandesgerichtsrat Gusinde aus Hamm in der aller— schärfsten Weise gegen die Feinde der bestehenden Eigen— tumsordnung zu Felde. In heftigen Worten beschwert sich dieser hohe preußische Richter über„Angriffe auf das Privateigentum“, von denen er befürchtet, daß sie bald Schule machen würden. Das Schwert des Damokles, so ruft er, schwebe dauernd über den Grundbesitz. Langsam aber sicher, klagt er, gehe es dem Zukunftsstaat ent— gegen! Also auf zum Kampf gegen die revolutionäre eigen— tumsfeindliche Sozialdemokratie! Das, meint man, müsse nun die unvermeidliche Schlußfolgerung des Herrn Gusinde sein. Aber fehlgeschossen! Von der Sozialdemokratie steht in seinem Artikel kein Wort. Der Hauptfeind des bürgerlichen Eigentums ist für Herrn Gusinde der preußische Staat, und die ihn in seinen eigentumsfeindlichen Be— strebungen am eifrigsten unterstützen, das sind die natio— nalliberalen und freikonservativen Abgeord— neten, die nach einem dem Reichstag zugegangenen Antrag Bassermann⸗Schröder bei Grundstücksveränderungen ein Vorkaufsrecht des Staates zu Zwecken der inneren Kolo— nisation einführen wollen. Der Angriff auf das Privat— eigentum, den Herr Gusinde meint, und von dem er be— fürchtet, daß er Schule machen werde, ist das im Jahre 1908 von der preußischen Regierung beantragte und von beiden Häusern des Landtags angenommene antipolnische Enteignungsgesetz. Herrn Gusinde sind die fort— währenden Bedrohungen des Privateigentums durch den preußischen Staat so unerträglich, daß er diesem Schrecken ohne Ende ein Ende mit Schrecken vorzieht und schreibt: „Wenn Zweck und Ziel der inneren Kolonisation wirk— lich... so schwerwiegend sind, daß die Bodenverteilung und Wirtschaftsgestaltung dem freien Spiel der Kräfte im öffentlichen Interesse entzogen werden muß, dann lieber eine ehrliche, offene Enteignung und zwar für alle in Be⸗ tracht kommenden Flächen und mit einem Schlage, als das ungleichmäßig eintretende, ungleichmäßig behandelnde, zeitlich und räumlich nicht beschränkte und darum nur Ver— bitterung und Unsicherheit schaffende Vorkaufsrecht!“ Dieser Vertreter der Grundbesitzerinteressen findet also die Enteignung nach sozialdemokratischer Methode immer noch besser als die Enteignung nach preußisch-national⸗ liberalem Rezept. Und doch ist erst dieser Tage einem Ge— meindeschöffen durch das preußische Oberverwaltungsgericht endgültig sein Amt aberkannt worden, weil er bei der Land— tagswahl sozialdemokratisch gewählt und damit zu erkennen gegeben habe, daß er„ein Feind der bestehenden Staats- und Rechtsordnung“ sei. Der Staat bleibt bei der Bekämpfung der Sozialdemo— kratie noch immer bei der gedankenlosen alten Schablone, während sich die Welt ringsumher und nicht zum mindesten er selbst gründlich gewandelt hat. Als vor zwei Menschen⸗ altern der junge Sozialismus der bestehenden Eigentums- ordnung den Krieg erklärte, ging ein Schreckensschrei durch die ganze bürgerlich⸗besitzende Welt, alle Hände krampften sich um die Geldsäcke, und der frechrevolutionären Parole gegenüber, die das Eigentum für Diebstahl erklärte, wurde die Heiligkeit des Eigentums verkündet. Man stellte sich die Sache damals ungefähr so vor, daß eines Tages eine wohlorganisierte sozialdemokratische Räuber— bande über alle Besitzenden herfallen, sie gründlich aus— plündern und dann die Beute unter sich verteilen wolle. Aehnlichen kindischen Unsinn kann man selbst heute noch in den Reichsverbandsschriften lesen, und in entlegenen Gegenden soll es sogar noch Leute geben, die diesen Unsinn glauben. In Wirklichkeit will die Sozialdemokratie garnichts anderes, als was der preußische Staat mit seinen Enteig— nungsgesetzen auch will, nur in viel weiterem Umfang— was auch der Herr Oberlandesgerichtsrat Gusinde für viel praktischer hält— und zu ganz anderen Zwecken. Die So— zialdemokratie will nicht enteignen zum Schaden eines Volks stammes und zugunsten eines andern Volksstammes, sondern sie will enteignen im Interesse des ganzen Volkes„offen und ehrlich und mit einem Schlage“. Sie will den Reichtum, der sich in den Händen einer Minderheit angehäuft hat, in den Vesitz der Allgemeinheit überführen, es fällt ihr aber nicht im mindesten ein— etwa wie es in antisozialdemokratischen Räuberromanen geschildert wird— die Besitzenden rechtlos und nackt aus ihrem bisherigen Besitztum jagen zu wollen. Die Enteignung ist ja überhaupt keine Erfindung der Sozialdemokratie. Enteignungen vollziehen sich alle Tage, sei es auf wirtschaftlichem Wege, sei es durch gesetzliche Be— stimmungen. Die häufigste Form der Enteignung ist die auf wirtschaftlichem Wege: durch den Konkurrenzkampf. Indem ein Kapitalist einen schwächeren Kapitalisten niederkonkurriert, enteignet er ihn. Die Kartelle und Trusts der Gegenwart sind in Wahrheit nichts anderes als Verbände zur Enteignung der Außenseiter. Die Expropriateure wer— den expropriiert. Jede neue technische Erfindung bezweckt eine Expro⸗ priation, eine Enteignung der Nutznießer älterer Methoden. Millionenvermögen können auf diesem Wege in kurzer Zeit auf Null reduziert werden. Zu diesen rein wirtschaftlichen Enteignungsformen treten die halbpolitischen. Durch den Beschluß einer Gemeinde oder eines Staats, dem Verkehr neue Wege zu eröffnen, können Grundstücke und ganze Industrieansiedlungen ent wertet werden. Die bloße Verlegung eines Bahnhofs— um nur ein Beispiel zu gebrauchen— bedeutet den schwersten Vermögensverlust für alle Hoteliers, die sich in der Um⸗ gebung des alten angesiedelt haben. Ebenso kann durch sozialpolitische Gesetze der Wert von industriellen Kapitalien erheblich eingeschränkt, unter Um— ständen— durch Verbot bestimmter Betriebsweisen— sogar vernichtet werden. Auch jede Steuer bedeutet den Ueber— gang von Stücken des Privateigentums in das Eigentum des Staates. Dazu kommen dann schließlich die eigentlichen Ent eignungsgesetze, die den Staat berechtigen, Privateigentum gegen eine mehr oder minder hohe Entschädigung des Eigen⸗ tümers an sich zu ziehen. Wir sehen also, daß das ganze wirtschaftlich-politische Getriebe immerzu Eigentum schafft und Eigentum zerstört, gleichwie die Meeresströmung an der Küste Land fort ⸗ schwemmt, um es auf der andern Seite anzuspülen. Inner⸗ halb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung vollzieht sich dieser Prozeß aber so, daß unaufhörlich das Eigentum der Kleinen zerstört, das der Großen ins Riesenhafte vermehrt wird. Dreihundert Männer, sagte jüngst ein konservativer Redner im preußischen Dreiklassenhause, beherrschen die Volkswirtschaft ganz Europas! Vierzehn Männer, konnte ein paar Tage später ein Sozialdemokrat hinzufügen, sind die Herren über achtzig Prozent aller im Ruhrrevier ange— siedelten Bergarbeiter! Dieser Despotie des goldenen Kalbs will die Sozial- demokratie durch eine großzügige Enteignungspolitik ein Ende bereiten. Darum wird sie eine Feindin des Eigen⸗ tums gescholten. Daß sie aber wegen ihrer„Feindschaft gegen die bestehende Staats- und Rechtsordnung“ von niemandem fanatischer bekämpft wird als gerade von demselben so ent— eignungslustigen Dreiklassenstaat— das ist der Humor von der Geschichte! Wie eine große Tageszeitung entsteht. Die Berliner Morgenpost konnte vor einiger Zeit melden, daß e den 400 000. Abonnenten erhalten habe. Vierhunderttausend Übonnenten eines Blattes, das ist schon immerhin ein Ereignis und nachahmenswertes Ziel, des Schweißes der Edlen wert. Der Ver⸗ lag hat aus diesem Anlaß eine Festnummer herausgegeben, die recht interessante Beiträge enthält. U. a. unternimmt Dr. Albert Neu⸗ burger in einer Schilderung einen technischen Rundgang durch den ungeheuren Betrieb des Zeitungsunternehmens und gibt denen, die einen modernen Zeitungsbetrieb nicht kennen, ein anschauliches Bild von der Größe, der Vielseitigkeit und dem Interessanten einer Tageszeitung. Ehe man mit dem Drucke beginnt, schreibt Dr. Neuburger, muß man natfirlich den zu druckenden Stoff beisammen haben. Aus allen Teilen der Welt strömt er in der Redaktion zusammen, an allen Orten sitzen einer oder mehrere der ständigen Berichterstatter und Korrespondenten, die brieflich oder telegraphisch und telephonisch alles melden, was sich an bemerkenswerten Dingen ereignet hat. Dazu kommt die riesige Schar der gelogentlichen Mitarbeiter, die Zohl der von Augenzeugen irgend eines Vorsalles einlaufenden und seitens der Redaktion gern honorierten Meldungen, dazu kommen die Beiträge der speziellen Mitarbeiter wie des ärztlichen, des militäri⸗ schen, des technischen, des kommunalpolitischen und wie sie alle heißen mögen. Des weiteren gesellt sich die Menge von sportlichen und Börsennachrichten usw. usw. hinzu— kurzum, es läuft im Laufe eines Tages eine Unmenge von Manuskripten, von Korrespondenzen und Telegrammen ein. Um den gesamten Einlauf der Zeitung zu sichten, muß eine eigene Postzentrale geschaffen werden, die täglich etwa 15000 Postsachen behandelt. Die Telegramme gehen dabei noch nicht einmal durch die Postzentrale. Es findet vielmehr ein direkter Verkehr mit dem Haupttelegraphenamt statt, der darin besteht, daß die Telegramme mit Hilfe dreier sogenannter„Ferndrucker“ in das Haus tele⸗ graphiert und dort von diesen Apparaten sofort in Schreibmaschi⸗ nenschrift niedergeschrieben werden. In umgekehrter Weise werden auch die von der Redaktion aus aufgegebenen Telegramme mit Hilse des Ferndruckers und ohne jede Verwendung von Boten an das Haupttelegraphenamt abtelegraphiert. Und dieser Telegramme sind wahrlich nicht wenige! Wo irgend etwas passiert, da müssen die Spezialberichterstatter zu sofortigen Recherchen aufgefordert, es müssen genaue Informationen eingeholt, es müssen eingehende Ver⸗ haltungsmaßregeln gegeben werden usw. usw.— fast alles auf tele⸗ graphischem und telephonischem Wege. So groß ist aber oft die Plötlichkeit der Ereignisse, daß auch in der Redaktion selbst tagtäglich, ja fast stündlich, die raschesten In⸗ formationen nötig sind. Um sie zu vermitteln, besitzt die Verliner Morgenpost ein besonderes Archiv, dessen technische Anordnung schon an und für sich ein vorbildliches Meisterwerk darstellt, ermög⸗ licht sie doch im Verlaufe von wenigen Minuten alles für einen plötz⸗ lich notwendig gewordenen Artikel Zweckdienliche zur Stelle zu schaffen. Nehmen wir an, es komme aus China die telegraphische Nachricht, daß irgend ein hoher Würdenträger, der vielleicht vor 10 Jahren einmal eine Rolle spielte, plötzlich gestorben sei. Wenn auch die chinesischen Korrespondenten sich sofort bemühen, Näheres zu er⸗ fahren und es unter großen Kosten zu telegraphieren, so würden in Anbetracht der weiten Entfernung diese Telegramme doch vielleicht nicht mehr rechtzeitig bis zur Fertigstellung der nächsten Nummer eintreffen. Da muß das Archiv eingreifen. Eine telephonische Be⸗ nachrichtigung— und mittels eines ständig auf dem Laufenden ge⸗ boltenen, Hunderttausende von Nummern umfassenden Zettelkata⸗ loges ist in wenigen Minuten alles gefunden, was über den be⸗ treffenden Mann von Anbeginn seiner Laufbahn an geschrieben wurde, ja sogar Bildnisse aus seinen verschiedenen Lebensjahren oder von wichtigen Vorgängen, denen er beiwohnte, sind vorhanden. Noch sind keine fünf Minuten seit der Benachrichtigung des Archivs vergangen, und schon liegt das ganze Material in der Redaktion, wo es gesichtet und bearbeitet wird. Die Bilder aber gehen hinauf in die Zeichensäle, wo ständig hervorragende und gewandte Zeichner und Maler sitzen, die sie in einer zur Reproduktion geeigneten Form umzeichnen oder retouchieren. Dann wandert das so gewonnene Bild hinauf in das photographische Atelier in dem stets vier große Reproduktionskameras bereit stehen, die bei künstlichem Licht die Platten schaffen, nach denen der Druckstoff hergestellt wird Auf diese Weise ist es möglich, Nachrichten, die noch ganz kurz vor Redaktionsschluß eingehen, mit eingehenden Erläuterungen und bild. lichen Darstellungen zu versehen.„ Natürlich läßt sich diese Geschwindigkeit nur durch eine bis in das kleinste ausgedachte und nach großzügigen Gesichtspunkten durch⸗ Nut Regelung des inneren und äußeren Verkehrs bewerk⸗ stelligen. 1 Das ganze in der Redaktion bearbeitete Material strömt mit dem, was die Inseratenabteilung von sich aus oder aus den Filialen liefert, in der Setzerei zusammen. Es sei bemerkt, daß einzelne Nummern oft nicht weniger als 5500 verschiedene Anzeigen ent⸗ halten. Hier in den Setzersälen würde man nun niemals sertig werden, wollte man nach alter Weise die Texte mit der Hand schön gemächlich durch Aneinanderreihen von Buchstaben an Buchstaben herstellen. Nur jene Juserate, die in den mannigfachsten Zierschrif⸗ ten gesetzt werden, für die also sogenannter„Akzidenzsatz“ nötig ist, werden in der Handsetzerei, wo eine außerordentlich reichhaltige Auswahl von verschiedenen Schriftarten aller möglichen Größe und Ausstattung zur Verflüsgung steht, angefertigt. Alles übrige, ins⸗ besondere aber der ganze textliche Inhalt der Zeitung, eutsteht auf Setzmaschinen, auf„Linotypes“, deren nicht weniger als 32 vorhanden sind. Die Einrichtung dieser Linotypes ähnelt der einer Schreibmaschine, nur mit dem Unterschied, daß hier nicht Papier⸗ bogen beschrieben werden, sondern daß Zeile um Zeile fix und fertig in Metall gegossen aus der Maschine herauskommt. Durch das An⸗ einaderreihen dieser Zeilen wird der fortlaufende Text gebildet. Man hat berechnet, daß zur Herstellung von 15 Textseiten nicht we⸗ niger als 520 000 Tastenanschläge auf den Linotypes nötig sind. Ehe nun der Satz zum Druck geht, muß er korrigiert werden, was durch eine Anzahl von Korrekturen geschieht, die in einem besonderen Saal sitzen und dort eifrig auf Druckfehler fahnden. Wollte man nun die Abzüge des Satzes durch die Boten zu den Korrektoren und umgelehrt von diesen wieder nach dem Setzersaal schaffen, so würde hierdurch zu viel Zeit verloren gehen. Man hat deshalb eine besondere Schießvorrichtung angebracht, durch die die Korrekturabzüge aus der Setzerei nach dem Korrektorensaal geschossen merden. Natürlich schießt man nicht mit Pulver und Blei, sondern mit einer Art jener Maschinen, wie sie schon die alten Römer bei Belagerungen anwandten und die man„Katapulte“ nennt. Früher machte man vom Satze mit Hilfe einer Bürste einen Abzug, den so⸗ genannten„Bürstenabzug“, an dem daun die Korrekturen angebracht wurden. Jetzt wird dieser Korrekturabzug mit Hilfe einer Maschine hergestellt, was bedeutend schneller geht. Dann gibt man ihn in eine Kapsel, und nun kommt die Kapsel an das Katapult, das oben an der Decke des Setzersaales angebracht ist, und von dem aus eine aus feinem Stahldraht bestehende Leitung durch Säle und Korridore hindurch nach dem Korrektorensaal läuft. Nach dem Auslösen der Abzugsvorrichtung des Katapultes fliegt die auf Rädern laufende Kapsel— diese Schwebebahn en miniature— am Stahldraht ent⸗ lang nach dem Korreltorensaal, von wo sie nach der Verbesserung des Satzes wieder auf dem gleichen Wege in die Setzerei zurück⸗ gelangt.. Sind hier die nötigen Korrekturen ausgeführt, so kann der Druck beginnen. Nun hat man aber ja nur ein einziges Exemplar des Satzes. Damit wiirde man nicht sehr weit kommen, wenn man 400000 Zeitungsnummern davon herstellen wollte. Es handelt sich also darum, den Satz zu vervielfältigen, so daß von einer ganzen Anzahl von Maschinen gleichzeitig weggedruckt werden kann. Zu diesem Zwecke macht man Bleiabgüsse des Satzes, sogenannte „Stereotypplatten“, die früher durch Handguß gewonnen wurden, wobei zur Fertigstellung einer einzigen Platte bis zu 15 Minuten nötig waren. Die Firma Ullstein u. Co. war die erste, die auf dem europäischen Kontinent eine Maschine aufstellte, durch die auch dieser Teil der Arbeit mit einer früher ungeahnten Geschwin⸗ digkeit besorgt wird. Diese Maschine, die„Autoplate“, braucht noch nicht den dritten Teil von Personal und Zeit wie der alte Hand⸗ guß und liefert in der Minute drei vollkommen fertige Stereotyp⸗ platten. Für eine einzige Nummer werden oft 13001500 Druck- platten hergestellt, die etwa 16 500 Kilogramm wiegen. 8 Und nun bann nach all diesen Vorbereitungen der Druck be⸗ ginnen! Ehe wir auf seine Einzelheiten näher eingehen, sei bemerkt, daß alle Druckmaschinen durch eine eigene Maschinenanlage in Be⸗ trieb gesetzt werden, die aus drei Dampfmaschinen und einem Diefelmotor besteht, die zusammen 1200 Pferdestärken leisten. Den Dampf liefern vier große, im dritten Stockwerk auf⸗ gestellte Kessel, von denen einer stets zur Reinigung frei stehen 5 Die Kohle für dtese Kessel lagert im Keller des Hauses und wird mit Fahrstühlen nach oben befördert. Zum Antrieb der verschiedenen Maschinen dienen nicht weniger als 150 Elektromotoren. Auch die elektrische Beleuchtung des ganzen Hauses und aller Ar⸗ beitsräume wird durch eine eigene Elektrizitätsanlage geliefert. Natürlich sind die zur Verwendung kommenden Druckmaschinen stets sosche des allerneuesten Systems und von der höchsten Leistungs⸗ fähigkeit. Es sind nicht weniger als 39 Zeitungs⸗ und Jl⸗ lustrations⸗Rotationsmaschinen vorhanden, von denen einzelne auf einmal 64—96 Zeitungsseiten zu drucken vermögen, wo⸗ bei sie inder Stunde 12000 Exemplare fertigstellen. Ein gewaltiges Farbereservoir ist mit sämtlichen Maschinen verb! 5 und führt ihnen ständig die zum Druck nötige Schwärze zu. Außer den Schnellpressen sind noch 120 Hilfsmaschinen der verschi 3 Art vorhanden. 7 5 3 225 Von der gewaltigen Größe der Maschinena, kaun man sich dann am besten einen Begriff machen, wenn man bedenkt, da eigene Waschanstal muß b elne t te, die lediglich dem o en cinen verwenteten Maschlneuticher Zwecke dient, die an den 3 vier Wasch⸗ und Publappen zu wa maschinen, eine Zentrifuge und einen Trockenapparat mit acht Kam⸗ mern, der jedoch nur für Putzlappen benutzt wird. Die großen Ma⸗ schen. Die Waschanstalt ante schinentücher werden auf dem Boden an der Luft getrocknet. Pünktlich um 1 Uhr 30 Minuten in der Nacht beginnt der Druck der 400 000 Exemplare, und pünktlich 2½ Stunden später mit dem Glockenschlag vier Uhr ist er beendet. Aber schon 10 Minuten nach dem Beginn des Druckes, um 1 Uhr 40 Min., fahren die ersten Automobile mit den ersten Exemplaren nach den Filialen, 10 Minuten nach Schluß des Druckes, also pünktlich um 4 Uhr 10 Minuten morgens, ist das letzte für die Abonnenten be⸗ stimmte Exemplar aus dem Haufe. Um dieses Wunderwerk an Schnelligkeit der Herstellung und Beförderung zu vollbringen, sind besondere Einrichtungen nötig. Die Maschinen werfen die Zeitungen berelts abgezählt und in gefalztem Zustande aus. Das Verpacken zu Paketen erfolgt mit Hilse hudraulischer Pressen, deren nicht weniger als 6 Stück vorhanden sind, für die ein besonderes Wasser⸗ reservoir aufgestellt ist. 5 Von den Packmaschinen aus kommen die zusammengepreßten und verschnürten Pakete in Abfallröhren, in sogenannte„Rutschen“, von wo aus sie direkt auf den Hof und auf die hier bereitstehenden Wagen hexunterrutschen, die sofort, nachdem sie ihre Ladung aufge⸗ nommen haben, abfahren. Zur Expedition stehen gegenwärtig 31 Autos zur Verfügung, für die in Tempelhof eine besondere Garage gebaut wurde, die 50 derartige Autos— darunter große Lastwagen D aufzunehmen vermag. Das für den Betrieb diefer Autos nötige Benzin lagert in einem gewaltigen Tank, der 3500 Liter davon auf⸗ zunehmen vermag und durch befondere Einrichtungen gegen Feuers— und Explosionsgefahr geschützt ist. 0 r manchmal kommt es vor, daß nach Beginn des Druckes, mitten in der Nacht noch eine äußerst wichtige Nachricht eintrifst, von der man natürlich die Leser noch auf alle Fälle in Kenntnis letzen will. Dann ergeht von der auch um diese Zeit noch anwesen⸗ den Nachtredaktion aus der telephonische Ruf:„Alle Maschinen — Halt!“ in den Maschinensaal. Ein Griff von seiten der Ma⸗ schinenmeister nach den elektrischen Ausschaltern, und sämtliche Ma⸗ schinen stehen still. Unterdessen arbeitet die Nachtredaktion se nach den Umständen unter Herbeiziehung des Archivs fieberhaft, und schon nach kurzer Zeit geht ein Stück des Textes in die Seßeerei. Rasch wird er hier fertiggestellt und in den bereits in den Maschi⸗ nen befindlichen Satz eingefügt. Nur wenige Minuten sind seit ihrem Stillstehen vergangen, dann wieder ein Griff nach dem Ein— schalter— und weiter surren und drehen sich Hunderte und aber Hunderte von Rädern! Die Zeitungsexemplare, die schon in den Pack wagen der Morgenzilge liegen oder die von seiten der Filialen schon an die über 2000 Botenfrauen hinausgegeben sind, kann man freilich nicht mehr zurückholen— aber was von jetzt ab in die Welt geschickt wird, enthält bereits die letzte, die aller neueste Nachricht!. So vollzieht sich das scheinbar Unglaubliche, daß 400 000 Zeitun⸗ gen in 2½ Stunden fertiggedruckt, und daß sie bereits eine halbe Stunde nach Beginn des Druckes nach den verschiedensten Richtungen der Stadt verteilt oder unterwegs und nach den Morgenzügen ex— pediert sind. Ein großer Teil der 5000 Angestellten des Hauses Ullstein u. Co, ist an der Zusammenstellung, dem Druck, der Expedition usw. usw. dieser Zeitung beteiligt, also, wie man wohl Agen kann, die Bevölkerung einer kleinen Stadt.— 6 Schatzgräber im alten Rom. i Zur Geschichte der Ausgrabungen. 5 Auf die Frage, wer die ersten Ausgrabungen mehr oder weniger archäologischen Charakters unternommen habe, ant⸗ wortet Professor Christian Hülsen in einem interessanten g Aufsatz, der, im Florentiner Marzocco erschienen, eine kurz 1 gefaßte Geschichte der Ausgrabungen bietet. Die ersten Aus- grabungen haben unbedingt die Christen Roms gemacht, als sie, um ihre Katakomben zu graben, den Boden der ewigen Stadt durchwühlten, und dabei auf die verschiedensten Reste heidnischer Zeit, vor allem auf Gräber stießen. Was von diesen Funden brauchbar war— in erster Linie Marmor- material— wurde zur Ausschmückung der Katakomben und Basiliken verwandt. 8 Zweckmäßiger begann man erst nach dem Jahre 1000 zu graben; damals wurden die Fora und die Kaiserpaläste ihrer Marmorbekleidung beraubt, aus der dann Kalk be⸗ reitet wurde. Daß diese Beraubung der Ruinen nicht unge⸗ fährlich war, beweist eine ganz neue Entdeckung in den Caracallathermen; in einem 12 Meter unter der Erde ge⸗ legenen Raum fand man hier im vergangenen Sommer ein zusammengestürztes Gewölbe und darunter die Skelette von acht Menschen, die es unter sich begraben hatte. Es waren das Schatzgräber des Mittelalters gewesen, die in so großer Tiefe wohl etwas besonders Kostbares zu finden hofften. Besondere Anziehungskraft übten seit dem frühen Mit alter die Gräber der- Rolserzeit aus, au denen die Im- — gebung Roms so reich ist— man denke nur an die Via Appia und Via Latina. Während in den Gräbern aus republikani⸗ scher Zeit— dank dem Zwölftafelgesetz— keine großen Schätze zu finden waren, wurden solche später in den Grab⸗ kammern geradezu aufgestapelt. Den größten Fund dieser Art machte man unter dem Pontifikat Pauls III., als an— läßlich von Bauarbeiten für die Peterskirche Arbeiter auf den Sarkophag der Kaiserin Maria, Gemahlin des Honorius, stießen. Ihr letzter Wunsch war es gewesen, in der Nähe des Apostelfürsten begraben zu werden; tausend Jahre lang lag sie in ungestörter Ruhe inmitten fabelhafter Schätze. Von ihnen geblendet, warfen sich die Finder darauf, rissen alles auseinander und zogen der Kaiserin das kostbare Gewand aus. Es war aus einem Goldstoff gewebt, aus dem man, nachdem man ihn verbrannt hatte, 40 Pfund Gold gewann. Mehr als vierzig goldene Ringe staken an den Fingern der Kaiserin; der schönste Ring umfaßte einen großen Smaragd mit dem Bild des Honorius. Ohrgehänge und Goldketten lagen haufenweise umher, und ein fein gearbeitetes, silbernes Schmuckkästchen, das einen halben Meter lang war, enthielt eine Unzahl köstlichster Bibelots, darunter eine Lampe aus Bergkristall. Von all diesen Kostbarkeiten existiert nichts mehr; Paul III. nahm es den Findern ab, schickte das Gold in die Münze und schmückte mit den Juwelen Mitren und Kirchengeräte. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts war das Ausgraben zu Rom geradezu eine Art von Spekulation geworden, die von allen Gesellschaftsschichten, vom Kardinal bis zum Vor— stadtbewohner, fieberhaft betrieben wurde. Man assoziierte sich zu diesem Zwecke, man gründete Gesellschaften, man lief zu Wahrsagerinnen, um besonders ergiebige Plätze heraus— zusinden. Es gab natürlich ganz unfehlbare Methoden, wie beim Lotto, und Ende des 17. Jahrhunderts erschien ein Ver— zeichnis von über 400 Plätzen, in denen sich Schätze befinden sollten. Merkwürdigerweise hat der wissende Herausgeber selbst keinen Versuch zu ihrer Hebung gemacht. Das Zeitalter der großen künstlerischen Funde begann, als das Rom der Renaissance aus den Ruinen der alten Stadt erwuchs, als neue Straßen angelegt, Kirchen und Paläste in allen Stadtteilen gebaut wurden. Die zahllosen Funde dieser Zeit legten den Grund zu den römischen Samm— lungen. Man grub, seit Künstler wie Bramant und Raffael sich dessen angenommen hatten, nicht mehr zufällig, sondern planmäßig, und damit hatte das Zeitalter der Schatzgräber aufgehört, das der Archäologen aber begonnen. Den größten Plan trug Raffael in sich: er wollte die bedeutendsten Bau— werke des alten Rom, Kaiserpaläste, Fora, Theater, Amphi— theater und Thermen ausgraben und hierauf, nachdem man dies alles wiedergefunden, einen Plan der Kaiserstadt ent— werfen, der dem Beschauer ihre Schönheit vor Augen führen sollte,„als wenn er wirklich vor ihr stünde“. Enthusiastische Stimmen erhoben sich für diesen Plan, der mit dem frühen Tod des Urbinaten fiel, aber noch den späteren Geschlechtern genügend Anregung bot. Der weiße Schrecken. Von Anton Fendrich. Die letzten Nachrichten über die niedergehenden Lawinen im Hochgebirge, die trotz der gewaltigen Summen aus Staatsmitteln für Lawinenverbannungen immer noch großen Schaden anrichten und dieser Tage in Tirol einen ganzen Zug patrouillterender Sol⸗ daten verschüttete, lassen bei den Lesern immer wieder die alten folschen Vorstellungen vom Zustandekommen der Lawinen aufleben, wonach diese gewaltige, im Rollen befindliche Schneebälle seien, die— 92 der Abwärtsbewegung zu ungeheuren Dimensionen anwachsen. Wenn man sich über die Entstehung von Lawinen klar werden will, muß man sich vor allem die Beschaffenheit des Lawinen⸗ materials vor Augen halten. Der Schnee ist eine leichte, lockere Ware, der größten Veränderung fähig und ein wahrer Proteus unter den metereologischen Erscheinungen. Seine Verwandlungs⸗ fähigkeit im Hochgebirge ist fast unbegrenzt. Denn auch das glas. harte Gletschereis ist nichts als unter Druck und Kälte einge⸗ schmolzener Schnee. Aber so, wie ex vom Himmel fällt, ist er ein äußerst zartes, gebrechliches Kristallgebilde, das keine sehr große Festigteit gewährleistet, wenn Wände daraus gebaut werden. Solche eren und hängenden Schneewände aber baut der fallende Schnee liberall im Hochgebirge. Ist der Untergrund flach und eben, se sind es Schneedecken, die bis zu vielen Metern Höhe auwachsen können. Bildet der Untergrund dagegen eine schiefe Ebene, so kommt immer mehr, je stärker der Neigungswinkel ist, die Wand- formation zur Geltung, wobei die Schneemassen nicht nur den Untergrund belasten, sondern auch auf ihre eigene Basis einen starken Druck ausüben. Die Technik der schiefen Wände wird einem am ehesten klar, wenn man bei Gebirgsbahnen die oft sehr hohen Befestigungen des Bahnkörpers betrachtet, die aus der Talrinne bis hinauf zur Ge— leisanlage sich erstrecken und aus lose auf dem schiesen Hang über⸗ einandergelegten Steinen bestehen. Im Anfang des modernen Berg— bahnbaues, als die Arbeiter mit der Technik dieser Zyklopenmauern noch nicht vertraut waren, geschah es manchmal, daß ein oder mehrere eingefügte Steine an der Basis durch die über ihnen ruhende Last herausgedrückt wurden, so daß der ganze Steinbeleg 80 dem schiefen Hang ins Rutschen kam und in sich zusammen— irzte. Genau so entstehen, mikrotechnisch gedacht, Lawinen, wenn die lose Struktur einer auf einem stark geneigten Hang aufliegenden Schneewand unten in der Talrinne an ihrer Basis durch Fußgänger oder Skiläufer gestört wird, wie es der Fall bei der verschütteten Patrouille war. Es werden dabei viele Millionen der kleinen Kristalle, die den Schneebelag von unten bis oben in stabilem Gleichgewicht erhalten, aus ihrer stützenden Position entfernt. Der nachrutschende Schnee, der die durch den Ski eingeschnittenen Zwischenräume ausfüllt, bringt alsdann den losen Aufbau der ganzen Schneewand in Unordnung und. in Bewegung, so daß der gesamte Schneebelag oder Teile von ihm mehr oder weniger rasch abrutschen, abfließen, abkollern, abstäuben, je nach Beschafsenheit des Schnees und dem Neigungsgrad des Hanges. So entsteht, grob schematisch geschildert, eine Lawine, in diesem Fall durch„Lostreten“, wie der bergsteigerische Ausdruck lautet. Natürlich kann eine Lawine auch durch Störungen in ihrem oberen Teile zustande kommen: doch müssen die dabei wirkenden Kräfte um so stärker sein, je mehr sich der Lawinen bildende Vorgang dem obersten Bande des Schneebelags nähert. In diesem Fall sind abstürzende Steine oder auch die Trümmer von zusammenstürzenden Eistürmen die Veranlassung zu Lawinen. Diese gehen jedoch auch von selbst nieder, wenn der Reibungswiderstand zwischen Schnee— belag und seiner Unterlage nicht mehr groß genug ist, um die auf dem Hang lagernden Schneemassen zu halten, von deren Gewicht sich der Laie keine zutreffende Vorstellung machen kann. So seder⸗ weich und flaumleicht die fallende Flocke sich ansieht, so brutal ist die Macht ihres Druckes wenn sie in gewaltigen Schneelagern die winterlichen Berge schmückt. Ein Kubikmeter frisch gefallenen Schnees wiegt durchschnittlich 80 Kilogramm. Sein Gewicht steigt, je mehr er sich setzt. Zusammengepreßter Altschnee hat schon das Gewicht von 500 bis 600 Kilogramm auf den Kubikmeter. Von dem Druck, den ein auf ein Meter hohem Altschnee stehender Ski⸗ läufer auf den Boden ausübt, ist der des Menschen selbst der aller⸗ geringste: denn das mit seinen Skiern gemessene Quadrat Erdboden trägt ungefähr die Last von zwölf Zentnern. Angesichts dieser nüchternen Zahlen verschwinden ein wenig die schönen poetischen Vorstellungen von der bräutlich weißen Decke, die der Winter über die Berge legt. Sie ist zu schwer, um darunter zu schlafen, und der. den die Braut umarmt, der erstickt unter ihren Liebkosungen. Die Lawinen sind die weißen, schlafenden Ungeheuer der Berge, und wehe dem, der sie weckt! Sie haben in ihren Bewegungen das Lauernde und Schleichende und im Angriff auf ihre Opfer das Heimtückische und Ueberraschende, das fast alle großen Raubtiere auszeichnet. So wie bei allen Naturerscheinungen gibt es auch bei den Lawinen keine scharf von einander getrennten Formen und Arten, wohl aber bestimmte Grundtypen, die sich bei ganz cha rak⸗ teristischen Eigentümlichkeiten nicht verkennen lassen. Die schönste, aber auch gefährlichste aller Lawinen ist die trockene Neuschneelawine, die sich, wenn sie in ihrem Verlauf auf eine steile Absturzbahn kommt, zur Staublawine entwickelt. Sie entsteht nur, wenn bei starker Kälte viel Schnee in lockeren, trockenen Massen sich am steilen Hang anhäuft, besonders in der Form des sogenannten Schneeschilds. Ein Stockschlag oder ein Fußtritt gensigt, um die leichte Decke zum Bersten zu bringen, und nun gießt die Urne des Todes ihren weißen Schrecken über den Felshang hinab in den Abgrund. Eine dem Schneeschild ähnliche Form latenter Lawinen sind die Schneebretter. Sie werden wahrscheinlich bei Schneetreiben aus lockerem, trockenem Schnee durch den Sturm, der an den dazu geneigten Stellen mit besonders konzentrierter Gewalt wirkt, zu⸗ sammengepreßt und liegen dann oft wie sehr dicke und fehr harte Deckel von großer Ausdehnung auf tiefen Lagern von weichem Schnee. Dem Ueberfahrenen erscheinen sie wie eine einladende und besonders günstige Gelegenheit, um nach langem Stampfen wieder einmal auf sicheren sesten Untergrund zu kommen. Aber wenn bei einem solchen Versuch das Schneebrett einbricht und in große Schollen zerspringt, die in die Tiese gehen, so fährt meistens auch der unter ihrer trügerischen Decke verborgene Schnee als Lawine ab. Die gewaltigste, wenn auch nicht schönste Form ist die Grund⸗ oder Schlaglawine. Sie gehört zum alten Lawinenadel. Denn sie kann warten. Sie wächst von Schneefall zu Schneefall und hält . eee Haus mit ihren Kräften. Aber wenn im Frühjahr tender Föhn die Luft erschüttert und die aus der Erde quellen⸗[f den Wasser der ansehnlich dick gewordenen alten Lawinendame so⸗ Aaken den Grund unter den Füßen wegwaschen, dann kann shres Blefbens nicht mehr länger auf den Höhen fein. Sie kommt auf dem glatten, glitschig gewordenen Untergrund in Bewe 0 und reißt im Zorn, da ihr das Gehe 2 Es ist hier nicht der Platz, um vom Schutze der Menschen, ins⸗ besondere der Hochtouristen, gegen Lawinengefahr zu reden. Nur das eine sei gesagt, daß der beste Schutz das Erkennen und Umgehen der Gefahr ist, was allerdings eine langjährige Schulung, eine gute Geländekenntnis und sehr viel von dem verlangt, was man Berg⸗ instinkt heißt. Was die Häufigkeit des Vorkommens von Lawinen betrifft, so hängt dieselbe natürlich in erster Reihe davon ab, ob die Winter schneereich oder schneearm sind. Kalte regnerische Sommer sind im Hochgebirge richtige Lawinensommer. Zieht man dabei in Rechnung, daß jeder etwa fiber 25 Grad geneigte Hang in den Alpen lawinengefährlich werden kann, so kann man sich schon eine Vorstellung davon machen, daß Lawinen etwas Häufiges in den Hochregionen sind. Die jetzt während der Frühjahrsstürme niedergehenden Grundlawinen sind Elementarereignisse, mit welchen der Gebirgler rechnet wie mit Hochwasser. Sie können jahrelang das Dasein ganzer Dörfer bedrohen, und welche dramatische Rolle eine Lawine im Schicksal der Bevölkerung eines ganzen Alpentals spielen kann, das hat J. C. Heer in seinem Hochgebirgsroman„An heiligen Wassern“ wirkungsvoll geschildert. Aus unserer Sammelmappe. Wie man sich davon überzeugen kann, daß das Licht Wellen wirft. Die Freude des spielenden Jungen an den bunten Farben der von ihm geblasenen Seisenschaumkugel mündet gar bald in * Vater, warum entstehen auf der Seifenblase so schöne Farben? In solch alltäglicher und harmloser Form spielt sich eine der größten Rätselfragen der Natur in unser Leben hinein und kein noch so scharfsinniger Kopf hätte auf solche Kinderfrage eine wirklich inhaltsvolle Antwort geben können. Heute ist uns das hübsche Spiel einer der zwingendsten Beweise für die Wellennatur des Lichts und damit ist für den Menschengeist geradezu ein 8 geöffnet, um in den geheimnisvollen Vau der Welt hinein- zusehen. Was man Farbenspiel der Seisenblase nennt, bezeichnet die Wissenschaft als Interferenz- Phänomen und versteht darunter folgendes: Wenn der Weg des Lichtstrahls eine Wellen⸗ linie ist, dann muß es sich ereignen wie auch bei jeder Wasserwelle, daß zwei zusammentreffende Wellen sich verstärken, wenn beide im Siadium des Wellenberges zusammenprallen; sie werden aber in. 7 zusammenfallen, wenn ein Wellenberg auf ein Wellental f trifft. Nun besteht das Licht, wie uns der Regenbogen fast nach jedem Gewitter vordemonstriert, aus einem Gemenge von sieben Farben. Jede dieser Farben hat eine andere Wellenlänge: am längsten sind die roten, am kürzesten die violetten und blauen Lichtwellen. Man hat diese Längen sogar gemessen und hat gefunden, wie L. Wunder in der„Natur“(1914) schreibt, daß jeder Lichtstrahl, der in Wellen von 11800 Millimeter schwingt, rot erscheint, jeder der in 13700 Millimeter langen Wellen dahinzieht, als violett sichtbar wird. Die Werte der anderen Farben liegen zwischen diesen Extremen. 2 Nun können wir zu unserer Seifenblase zurückkehren. Ein Lichtstrahl, der sie trifft, wird von ihrer spiegelnden Oberfläche zu⸗ rückgesendet. Ein anderer dringt in sie ein und wird von der Innenseite ihrer dünnen Haut gespiegelt. Auf seinem Rückweg in unser Auge ist er aber um die Dicke der Seifenblasenhaut gegen den ersteren Strahl im Nachteil. Diese beiden Wellen beeinträch⸗ tigen sich also, bald löschen sie sich aus, bald verstärken sie sich. Und dieser Vorgang läßt sich mit seinen Folgen leicht berechnen. 20 3. B. die Seifenblase 19600 Millimeter dick, so wird die Seifenblase grün erscheinen. Warum? Weil dadurch die roten Lichtstrahlen ausgelöscht werden. Sie sind, wie wir schon wissen, 1/1800 Milli⸗ meter lang, bei je 13600 Millimeter haben sie ihren Wellenberg, es stoßen von den gespiegelten zweierlei roten Strahlen also stets Berg und Tal ihrer Wellenbewegung zusammen mit dem Erfolg, daß das Rot ausgetilat wird, weil seine Wellen zum Stehen kommen. Uebrig bleibt nur seine Komplementärsarbe, nämlich das Grün, mit dem zusammen rot als weißes Licht erscheint. Es wird demnach, wenn auf die Seisenblase weißes, d. h. Tageslicht fällt, diese jetzt grün schimmern. 1 Nun bleibt die Wand der Seifenblase nicht eine Sekunde lan von gleicher Dicke. Wenn sich die Kugel vergrößert, wird 4 dünner, wenn sie sich verkleinert, verdickt sich ihre Wand. Woraus dann das wechselnde Spiel ihrer Interferenzfarben leicht zu ver⸗ . ist, kommen doch dadurch immer andere Wellenlängen in B racht. 1 1 So ist die Seisenblase der klassische Beleg für die Richtigkeit der Wellentheorie des Lichts geworden. Als aber die Wissenschast diesen Beweis in der Hand hatte, konnte sie den Schritt vorwärts wagen, und die Identität von Licht und elektrischen Wellen, kurz ge⸗ agt von Sonnenlicht und Elektrizität anehmen und gelangte da⸗ durch auf die Bahn der modernen. 1 10 dle Elektrizität das Urphänomen aller Aenderungen ist, die in unserem Bewußtsein als„Erleben der Welt“ spiegeln. 5