Wissenistsnacht Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Polkszeitung Nummer 11 Niensfag, den 7. März 1914 3. Jahrgang . 1 Will der Sozialismus teilen? Wenn einmal die Geschichte des sogenannten„Kampfes mit geistigen Waffen“ geschrieben werden wird, den die bür— gerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie führen, so wird sich dabei herausstellen, daß wie jedes andere Ding auch die Lüge dem Wechsel der Mode unterworfen ist. Nach Ibsen wird eine solide Wahrheit dreißig Jahre alt, glücklicherweise hat aber auch der Schwindel eine begrenzte Lebensdauer, und darum würden sich die meisten Gegner heute doch schämen, den alten Unsinn ihrer geistigen Vorfahren zu wiederholen, daß die Sozialdemokratie durch eine große Teilerei die allgemeine Glückseligkeit herbeiführen wolle. Dies alte Mißverständnis— soweit es sich um ein solches und nicht um einn bewußte Irreführung handelte— war auf die Mißdeutung eines nationalökonomischen Be— griffs zurückzuführen, der jedem volkswirtschaftlich Gebildeten geläufig ist. Weil die Sozialisten aussprachen, daß sie eine andere Güterverteilung wollten, nahm man an, daß nach dem sozialistischen Plan alle Güter auf einen Haufen gelegt und in gleichen Teilen verteilt werden sollen. Die so dachten, wußten nicht, daß in jeder Gesellschaftsordnung eine be— stimmte Art der„Güterverteilung“ stattfindet, nicht im roh mechanischen Sinn einer allgemeinen Aufteilung, wohl aber im Sinn einer organischen Ueberleitung bestimmter Güter— mengen an alle einzelnen Mitglieder der Gesellschaft. Und was der Sozialismus anstrebte, war eben auch keine mecha⸗ nische Güteraufteilung, sondern eine Regulierung der schon bestehenden Güterverteilung nach sozialistischen, statt nach kapitalistischen Grundsätzen. In jenen Zeiten war es ein Hauptargument der So— zialistengegner, daß sich bei der Geringfügigkeit des all— gemeinen sogen.„Nationalvermögens“ im Verhältnis zur Kopfzahl eine allgemeine Teilung überhaupt nicht verlohne. da der auf jede Einzelperson entfallende Teilbetrag viel zu klein sei. Tausendmal wurde die Anekdote vom alten Baron Rotschild erzählt, der von einem„sozialistischen“ Arbeiter aufgefordert wurde, mit ihm zu teilen, und der daraufhin seinem Widerpart ein Markstück überreichte mit den Worten: „Ich habe vierzig Millionen Mark, Deutschland hat vierzig Millionen Einwohner, also kommt auf jeden eine Mark: Hier ist sie!“ Ueberhaupt war es ein Sport, möglichst geringe Beträge auszurechnen, die bei einer allgemeinen Verteilung des Nationalvermögens auf jeden einzelnen ent⸗ fallen würden, und es war schon ein Fortschritt, als der liberale Volkswirtschaftler Alexander Meyer den berühmten„goldenen Kaffeelöffel“ erfand, den er als ideelles Eigentum jedem Deutschen zuerkannte. Diese alten Geschichten werden jetzt wieder in der Er— innerung lebendig, wenn man in einer jüngst erschienenen Schrift von Arnold Steinmann⸗Bucher eine umständliche Berechnung liest, nach der das deutsche Volksvermögen zur Zeit 376 bis 396 Milliarden Mark betragen soll. Der Berliner Nationalökonom Gustav Schmoller hatte in früheren Jahren den immer schon ganz anständigen Betrag von 200 Milliarden errechnet. Diese Schätzung wurde dann wieder vom Direktor der Deutschen Bank, Dr. Helfferich, überboten, der das ge⸗ samte Vermögen des deutschen Volkes auf 331 bis 332 Milliarden angab, während nun Steinmann-Bucher aber mals zu einem weit höheren Betrag kommt. Nehmen wir einmal an, es wäre mit dem Märchen von der sozialistischen Teilerei ernst, so kämen wir heute zu ganz anderen Ziffern als die Gegner von anno dazumal. Denn nach den Angaben von Steinmann-Bucher entfielen auf jeden Kopf der Bevölkerung rund 6000 Mk., auf eine fünfköpfige Familie käme im Durchschnitt ein Vermögen von rund 30 000 Mk. Man sieht, aus dem goldenen Kaffeelöffel Alexander Meyers ist schon eine ordentliche goldene Suppen⸗ kelle geworden, und das einfache Teilen würde sich für die ungeheure Mehrheit der Bevölkerung ausgezeichnet lohnen — wenn es(was die Sozialisten nie behauptet haben) tech- nisch durchführbar wäre. Jeder Deutsche könnte dann ein eigenes Häuschen besitzen und dort mietfrei wohnen, und mit jedem Kinde würden ihm weitere 6000 Mk. zuwachsen: ein ausgezeichnetes Mittel, den Geburtenrückgang aufzu⸗ halten! Was will nun die Sozialdemokratie in Wirklichkeit? Sie will nicht und sie kann nicht das deutsche Volksvermögen in 65 Millionen kleine Anteile zerschlagen, wohl aber will sie, daß dieses sogenannte Volksvermögen ein wirkliches Ver— mögen des ganzen Volkes werde, während es sich jetzt zum größten Teile in den Händen einer kleinen Minderheit be— findet. Sie will keine Vermögenstei lung, sondern eine Vermögenssammlung in den Händen der organisierten Allgemeinheit, und sie will an Stelle des heutigen Systems der Güterteilung, die das Produkt der Arbeit zwischen Ar— beiter und Kapital ist, ein anderes System der Güterver— teilung, das den Anteil des arbeitslosen Kapitalbesitzers be⸗— seitigt und ihn der Masse der Arbeitenden zugute kommen läßt. An diesem Punkte stößt man auf einen andern Irrtum der Sozialistenbekämpfung, wonach die sozialistische Güter— verteilung nur die körperliche Arbeit berücksichtigen will, während angeblich die geistige Arbeit leer ausgehen soll. Dieser Unsinn wird jetzt noch vielfach in antisozialistischen Reden und Schriften gepredigt, aber hoffentlich kommt bald die Zeit, wo auch er so lächerlich geworden sein wird, daß jeder Gegner sich schämen wird, ihn vorzubringen. Denn von Anfang an ist ja gerade der Respekt vor der geistigen Arbeit ein hervorstechendes Kennzeichen der sozialistischen Arbeiter bewegung gewesen; der weitschaffende Charakter der geistigen Arbeit ist auch niemals von einem sozialistischen Theoretiker verkannt worden. Dagegen hat sich die sozialistische Lehre freilich desto entschiedener gegen die Unterstellung gewendet, als ob das arbeitslose Kapitalseinkommen der Lohn für ge- leistete geistige Arbeit wäre. Der Sozialismus will, daß jede Arbeit, die des Hirns wie jene der Hand, mit dem Anspruch auf eine menschen⸗ würdige Existenz belohnt werde. Er will dieses Ziel er⸗ reichen durch eine vernünftige Organisation der Güter⸗ erzeugung, die eine weitere Steigerung der menschlichen Produktivkraft ermöglicht, und durch die Beseitigung der arbeitslosen Rieseneinkommen, die heute einen nicht un⸗ beträchtlichen Teil des allgemeinen Volkseinkommens ver⸗ schlingen. Heute kann man nicht mehr sagen, daß alles Ver⸗ mögen der Besitzenden, in die ungeheure Masse der Armut geschüttet, nur wirken würde wie der Tropfen auf dem heißen Stein. Wir müssen vielmehr mit der Tatsache rechnen, daß sich in diesem Deutschen Reich, dessen Bevölke⸗ tung zum größten Teil vollkommen besitzlos ist, ein ganz ungeheurer Reichtum angehäuft hat. Diesen Reichtum, der heute den Machtgelüsten einer herrschenden Klasse dient, der organisierten Volksmacht zu unterwerfen, und ihn zu einer Quelle der Wohlfahrt für alle zu machen, ist die Aufgabe des Sozialismus. Die Zusammensetzung des dentschen Volkes. Von H. Falkenfels. 1 Wenn es nicht bereits tägliche Erfahrung lehrte, so können wir nach den Untersuchungen der Anthropologen und Sprachforscher (Familiennamen!) nicht daran zweifeln, daß das deutsche Volk in seinem heutigen Bestand längst nicht mehr rein deutsch, vielen Ortes sogar nicht einmal überwiegend deutsch auch an den Orten ist, die schon seit Herausbildung von Deutschland zu diesem Begriff ge⸗ hörten. In jeder deutschen Stadt, ja in jedem Dorf finden sich Zahl⸗ reiche, die durch dunkle Haut⸗, Haar⸗ und Augenfarbe, durch Rund⸗ köpfigkeit und kleinen Wuchs sich als„urdeutsch“ in ethnologischer Beziehung verraten, da man übereinstimmend mit den Berichten des Tacitus Caesar und Ammia mus Marcellinus als Tupus der deutschen Rasse die langgewachsenen, blonden, blau⸗ äugigen und langschädeligen Menschen betrachtet. Woher stammen nun die fremden Bevölkerungselemente, welche Bedeutung haben sie für den Volkskörper, in wie sern haben sie den Begriff deutschen Wesens beeinflußt? Die Antwort auf die Fragen gehört zum Bildungsbesitz, denn nur sie verschafst uns ein sicheres Urteil in einer Zeit, in der man es immer zielbewußter versucht, durch überspannte Rassebegriffe eine impertalistische Verhetzungspolitik zu treiben, nachdem das kon⸗ 1 Motiv schon so sehr bei diesen Hetzern an Zugkraft ver⸗ oren hat. Da ist es denn sehr lehrreich, die Germania des alten Tacitus aufzuschlagen, um aus ihr zu sehen, daß schon er inmitten der Deutschen einige Mischvölker kannte. So erzählt er, daß am Erz⸗ gebirge Völker mit gallischer und paninischer Sprache säßen. Er kennt Veneden(Wenden) als Nomadenhorden, und Suionen in Schweden, die er nicht für deutsch hält; auch wird von den scharf⸗ blickenden Römern bereits erkannt, daß auch im reindeutschen Volk eigentlich zwei Völker verborgen sind: ein germanisches Herrenvolk der Freien und ihre nichtdeutschen Sklaven, die offenbar die unter⸗ jochten Reste der ursprünglich, vielleicht keltischen Urbevölkerung— die uns Stein⸗ und Bronzegeräte und Pfahlbauten hinterlassen hat— waren. Da sie als Hörige das Ackerland bebauten und im Hause die Geschäfte besorgten, müssen sie wie stets jede Sklavenkaste zahlreicher gewesen sein, als ihre Herren. Diese Urbevölkerung ist nicht ausgewandert, sondern im Lauf der Zeiten mit den Deutschen verschmolzen. Diese Tatsache versetzt dem Rassedünkel der Alldeutschen den ersten Stoß. Wenn uns Caesar und andere die Gallokelten am Rhein schil⸗ dern, beschrieben sie uns das launig⸗lustige, regsame Wesen der heutigen Rheinländer, woraus sich ergibt, daß wenigstens hier die Kelten dauernd das deutsche Wesen beeinflußt haben. Dazu kamen nun mit Beginn der christlichen Aera die Römer, die zu Hunderttausenden in Süddeutschland einwanderten. Wenn ihre Städte Augusta, Regin acastra, Castra batava, Brigantium, im Rheinland Trier, Colonia in Augsburg, Regensburg, Passau Bregenz und Cöln noch die alten Namen er⸗ halten haben, kann man daraus ermessen, daß ihr Einfluß stark und nachhaltig war. In einzelnen Gegenden, z. B. im Tal von Garmisch, will man die besonderen Gesichtstypen allen Ernstes auf das Blut römischer Legionäre zurückführen. Tatsache ist, daß um Salzburg. das ja auch eine Römerstadt war, noch im 11. und 12. Jahrhundert viele Bauern lateinisch sprachen und Bauernhöfe noch heute antike Namen flihren. Der Südwesten Deutschlands hat also keine Ursache, sich beson⸗ ders reindeutschen Blutes zu rühmen. Noch weniger aber der Osten und Nordosten. Dort wanderten nach dem Abzug der Goten und Burgunden, der Bojer und Sem⸗ noner Slaven aus Rußland ein bis zur Elbe, darüber hinaus nach Thüringen, an der Donau, fast bis zum Harz. Wenn man Karl, den die Geschichtsschreiber den Großen nennen, als Vorkämpfer des Deutschtums seiert, so beruht dies darauf, daß er mit vollem Nach⸗ druck den Kampf gegen die Slaveneinwanderung aufnahm. Er hat ihn auch durchgesetzt. Ein volles halbes Jahrtausend haben Deutsche und Slaven um die Herrschaft östlich der Elbe miteinander gerun⸗ gen, bis sich der heutige Zustand herausgebildet hat, in dem tzwischen Oder und Weichsel noch immer die Slaven in geschlossener und ihrer Rasse bewußter Masse sitzen, und auch Sachsen, das eigentliche Altpreußen, ihr Deutschtum in manchem nur als Ueber⸗ kleid um einen slavischen Kern tragen. Wieder sind es Städte und Ortsnamen, die dafür laut zeugen. Dresden, Leipzig, Breslau, Gör⸗ litz sind slavische Namen und der reiche Kranz fremdklingender Vor⸗ orte um Leipzig(Plagwitz, Zschocher, Stötteritz, Schkeuditz, Gautzsch, Leutzsch, Wiederitzsch u. a.) verrät, wie mühsam sich die deutschen Eroberer die eingebürgerten Namen auf ihre Weise zurecht machten. Die Slavenkämpfe hatten aber noch eine andere, bis in die Gegenwart sehr wenig beachtete Folge. Ein Lieblinasakt der Willkür jener Zeiten war die Auswurze⸗ Sachsen aufs Bitterste erfahren, als ste Karl dem 8 lung widerspenstiger Stämme und Bevölkerungen. Das a Willen waren. In ganz Deutschland wurden sie versetzt und 4 wo sie in geschlossener Ortschafst der andersgegrteten Bevölkerung als Fremdkörper aufgepfropft wurden, hat sich auch das gleich in Ortschaftsnamen wiedergespiegelt wie z. B. enhausen 1 85. über Frankfurt a. M. oder in Sachsenkam beim Tegernsee mitt im altbayerischen Land. 3 Dasselbe Schicksal erfuhren nun die besiegten Slaven. Wieder ereignete sich dasselbe, was die keltische Urbevölkerung Deutschlands erfahren hatte. Sie wurden zur Hörigenkaste herabgedrückt. Aber die Menschheit hatte einen„Fortschritt“ seitdem gemacht. Die Men⸗ schenkraft hatte man als verhandelbare Ware schätzen gelernt. Und so begann zwischen dem 9. bis 12. Jahrhundert ein lebhafter Handel mit gefangenen Slaven. In den deutschen Hafenstädten waren ganze Märkte und Versteigerungen für diese lebendige Ware, und wenn sie gegen Ende des 12. Jahrhunderts langsam aufhörten, kam das vor allem daher, daß man um diese Zeit nicht mehr viel eroberte. Slave war soviel Sklave— die Geschichte dieses Wortes allein sagt alles iber dieses Kapitel deutscher Rassengeschichte. Und die not⸗ wendige Folge war, daß in gang Deutschland bis zum 14. Jahrhun⸗ dert überall flavische Elemente in die Bevölkerung gestveut wurden, die auch wieder damit verschmolzen. II. 5 Im 13. und 14. Jahrhundert, von deren kerndeutschen Bürger⸗ tum die idealisierende alldeutsche Geschichtsschreibung so gern schwärmt, setzte sich das deutsche Volk in sast allen zum„römischen Reich deutscher Nation“ gehörigen Ländern aus einem oft über⸗ wiegenden Teil einer nichtdeutschen Urbevölkerung, einem nicht un⸗ erheblichen Teil versklavbter Slaven und aus deutschen Stammes, angehörigen zusammen. Die drei Elemente vermischten sich und es ging aus ihnen ein neuer Typus von Menschen hervor, der die in der Kulturgeschichte so gewichtigte Arbeit des Deutschtums voll⸗ brachte. Es war aber wohl kaum eine Familie darunter, die ihren Stammbaum durchaus rassenrein erhalten hatte. Hierzu kamen aber seit dem 9. Jahrhundert, besonders zahlreich aber im Zeitalter der Türkenkriege auch Einsprenglinge turanischer, nämlich astatischer Herkunft. Es stellt sich wohl nur ein Schulfunge geschichtliche Vor⸗ gänge wie die Schlacht auf dem Lechfelde gegen die Ungarn so vor, daß die magyarischen Reitervölker in geschlossener Reihe bis Augs⸗ burg zogen, dort bis auf den letzten Mann niedergehauen wurden, also spurlos verschwanden. In Wirklichkeit bedeutete ein solcher Einfall eine jahrelang dauernde Jufiltration des ganzen Donau⸗ tales bis ins Herz von Bayern mit Asiaten, die Schlacht selbst hinterließ auch tausende von Leichtverletzten, die sich gezwungen sahen, ein Unterkommen im deutschen Land zu finden und dann oft genug dauernd ansässig blieben. Am Chiemsee bezeichnen sich die durch dunklere Hautfarbe und eigenen Tupus auffallenden„Hummel⸗ bauern“ selbst als die Nachkommen von Hunnen, wie die Ungarn damals genannt wurden. Dieser Vorgang, zu dem eine zwangswelse Ansiedelung versklav⸗ ter Gefangener kam, wiederholte sich mit Avaren, Tataren, in ge⸗ wissem Sinn auch mit den Türken. Endlose Kolonnen von Gefan⸗ genen wandern in Ketten auf diese Weise in Deutschland ein. Z. B. in München allein mehrere hundert mit dem„Sieger von rad“, die dann zu Erdarbeitern verwendet, schließlich in der Vorst an⸗ gesiedelt wurden, wo sie Milnchnerinnen heirateten. Ein Volks⸗ glauben meint dort noch heute die Türkenabkömmlinge unterscheiden zu können, was wirklich nicht unmöglich ist. In ganz besonderem Maße aber drangen nichtdeutsche„Bluts⸗ 1 tropfen“ durch den 30jährigen Krieg und die Napoleoufeldzüge ein. Schiller und neuestens Ricarda Huch in ihrem„großen Krieg“ haben es schon für weite Kreise plastisch geschildert, mit was für„Völkern“ das Haus Habsburg das ungllickliche Deutschland überschwemmten. Kroaten, Pandurxen, halbtürkisch gewordene Ma⸗ gyaren und natürlich immer wieder Slaven bildeten die entmensch⸗ ten Rotten, die dreißig Jahre lang über die deutschen Städte her⸗ fielen und den grauenvollen Nachwuchs hinterließen, den wir auf Callots Meisterbildern so unlbertrefflich dargestellt finden. Auf diesen Kupferstichen sieht man zwar, wie die Bauern die Räuber und Marodeure zu Dutzenden erschlagen und henken, um sich endlich Ruhe vor den plündernden Banden zu verschassen, der Großteil die⸗ ser vertierten Vaganten, denen man die östliche Abstammung meist sogleich ansieht, ist aber doch im Lande geblieben und hat wieder eine ehrliche Existenz gefunden. Das Deutschtum hat sie aufgenom⸗ men, ebenso gut wie die vielen Schweden, die nach dem Krieg sich hier ansässig machten. Man denke nur daran, daß Stralsund jahrhun⸗ dertelang eine schwedische Stadt blieb. 5 Ganz bedeutungsvoll für die Rassenmischung waren nebst dem siebenjährigen Krieg die Napoleonfeldzüge. In einer ganzen An⸗ zahl von Kunstwerken ist die Verheiratung von Angehörigen der französischen und anderen Rassen behandelt— man denke an Kleist's N Marquise von O. oder Donizettis Oper: Die Regiments⸗ tochter— und noch mehr Familienchroniken wissen aus Anlaß der Napoleonseldzüge zu berichten, wie ein verwundeter Ahne im 2 den Land irgendwo aufgenommen, gepflegt und dann auch gllicklich verheiratet wurde. a N Hierzu gesellt sich dann eine friedliche Vermengung der Nach⸗ barn mit Deutschen. Die Wirkung des Ediktes von Nantes hat der deutschen Kultur außerordentlich genützt. 300 estanten hat die Unduldsamkeit aus Frankreich 1 ihnen ist nach Brandenburg, Hessen und in ische Länder gewandert, hat sich dort vermischt mit Deutschen und hieß seitt verjagt und ein großer Teil von 3 Volk. Zahllose französische Sprachlehrer und Tanzmeister, ger und Gesanglehrer, Schweizer Kon⸗ ditoren, ruf und polnische„Sachsengänger“ und sonstige Land⸗ arbeiter sich im letzten Jahrhundert allein in Deutschland dauernd ansässig gemacht und seit Eröffnung des Weltverkehrs, also seit fünfzig Ja hat eine allgemeine Vermengung aller Rassen bt. 7 iese lange Geschichte gibt uns den Schlüssel des Verständnisses, wie es kommt, daß nirgends in Deutschland unter den Schulkindern ber beutsche Blondkopf mehr als 54 Prozent der Gesamtzahl er⸗ 5 deutsche 8 ttalienische Erdarbeiter, Sän reicht, während in ganz Bayern, Baden, Hessen, natürlich im Elsaß die der rein Brdnetten über 20 Prozent, oft bis 30 Prozent der tbevölkerung beträgt. Wenn die offizielle Reichsstatistik(1900) bei 780 000 Auslän⸗ dern 4210 000 Personen angibt, die als nichtdeutsche Reichsange⸗ börige betrachtet werden, so stellt diese Zahl nur den noch nicht assilfmierten Rest der fremden im deutschen Blut vorhandenen Ele⸗ mente dar. Im großen und ganzen kann man mit gutem Recht be⸗ haupten, daß der heutige Deutsche mit den Deutschen des Tacitus fehr wenig gemeinsames hat. Am meisten rein erhalten haben sich noch die Friesen, Überhaupt die Bevölkerung in dem Viereck von den Mündungen der Ems und Weser bis zur Elbe, im Süden reichend bis zum Thüringer Wald und zum hessischen Bergland— aber auch ste haben die keltisch⸗prähistorische Urbevölkerung in sich aufgenom⸗ men. Die Wissenschaft hat also einen kalten Wasserstrahl für allen Rassenstolz, die überspannten Vorstellungen und Ansprüche aller „A nenschwärmer“ und Teutschtümler bereit. Sie bietet keine anderen Grundlagen als für die Ueberzeugung, daß keine veinen Rassen existieren, daß Völker historisch⸗politische aber nicht zk biologische Individuen“ sind und daß Curopa rapid der Heraus⸗ FBuüldung eines einheitlichen„europäischen Kulturvoltes“ zueilt. Mit 3 Vorsicht ist daher alles aufzunehmen, was über die Vorzüge Reinrassigkeit und die Nachteile der Rassenmischungen behauptet wird. Das Problem ist ungeheuer schwierig und Sicheres hierüber wissen wir heute eigentlich garnicht. ö Der Regenwurm, ein wichtiger Gehilfe des Landwirts. In dem seltsamen Reich der Würmer gibt es wohl kein bekannteres Tier als den Regenwurm, denn fast jeder Spatenstich im Garten, jede auf dem Felde gezogene Furche fördert ihn zutage und außerdem ist er der beliebteste und verbreitetste Köder für die Angel zum Fange aller möglichen Fische. Man sollte nun meinen, daß die Lebensweise dieses allbekannten Tieres für niemanden mehr Geheimnisse birgt; das ist aber durchaus nicht an dem, denn der Regenwurm wird heute selbst noch in landwirtschaftlichen und gärtnerischen Kreisen falsch beurteilt. Vielfach wird heute noch geglaubt, daß er die Wurzeln der jungen Pflanzen angreife und da— durch zum Schädling werde, der vertilgt werden müsse, wo man ihn trifft. Der Regenwurm ist aber, wie in der illustrierten Zeitschrift Der Stein der Weisen(Berlin S. 42) erläutert wird, gar nicht imstande, solch frisches, widerstands— fähiges Gewebe mit seinen schwachen Kauwerkzeugen zu be— wältigen, er kann nur ganz weiche, halb in Verwesung über— gegangene Pflanzenteile, vor allem Blätter, zernagen und als Nahrung in sich aufnehmen, und gerade dadurch tut er nicht nur keinen Schaden, sondern wird zum wichtigen Ge— hilfen des Landwirts, dem er großen Nutzen bringt. In feuchtwarmen Sommer- und Herbstnächten kommt der Regenwurm aus seinem recht tief in die Erde hinab⸗ gehenden Bohrloch mit dem größten Teil seines Körpers heraus, nur das Schwanzende bleibt als Stütze und Dreh⸗ punkt in dem oberen Teil des Loches. Nun windet sich der Wurm nach allen Seiten hin und ergreift mit seinem Vorder— ende alle Blätter und Blattreste, die er erlangen kann. Er dieht diese Blätter in sein Wohnloch hinein und hier in dem feuchten Erdreich gehen die Pflanzenteile rasch in Verwesung über, daß heißt in den Zustand, in dem der Wurm sie mit seinen Freßwerkzeugen zerkleinern und seinem Magen zu⸗— führen kann. Die Spuren dieser Tätigkeit können wir nach jeder feuchten Nacht in Garten und Feld beobachten; wir sehen dann viele Löcher, aus denen Blätter, Grashälmchen und andere Pflanzenteile herausragen, und zwar sind die Blätter immer zusammengerollt und stecken mit der Spitze in dem Loche. Nach und nach zieht der Wurm sie in seine Röhre hinunter und verzehrt sie. Wird er bei dieser Tätig⸗ keit überrascht, was sehr häufig vorkommt, da die Angler ihn ur ab 8 1 * blitzschneu in das Loch zurück. Er hat die Fahigkeit, ich mu werkwürdiger Leichtigkeit in die Erde einzubohren, und das hat seinen Grund darin, daß sein ganzer Körper, besonders die Bauchseite, mit sehr vielen winzigen, rauhen Leisten besetzt ist, so daß er sich anfühlt wie eine feine Feile, wenn man vom Schwanzende nach dem Kopf zu mit dem Finger über ihn wegstreicht. Wenn sich der Wurm nun mit dem Schwanzende gegen die Erde stemmt, dann schiebt sich das zugespitzte Kopfende mit Leichtigkeit nach vorn unter Ent— wickelung einer ziemlich bedeutenden Kraft. Legen wir eine, oft bis zu einem Meter lange Wurm— röhre offen, so sehen wir, daß die Wände und der Boden mit einer schwarzen Erdschicht bedeckt sind, die aus kleinen Krümelchen besteht; es sind die Endresultate der Verdauung des Regenwurms, und sie bestehen lediglich aus Humus und stellen damit einen ganz vorzüglichen Dünger dar. Die Menge dieses für die Pflanzen so wichtigen Humus, der von den Regenwürmern produziert wird, ist nun durchaus nicht gering. Wie vielfache Versuche dargetan haben, befinden sich auf einem Hektar durchschnittlich 150000 Würmer, die zusammen das bedeutende Gewicht von über 900 Pfund haben und in 24 Stunden etwa 150 Pfund Humus hervor— bringen, also eine Menge, mit der schon sehr zu rechnen ist. Zieht man in Betracht, daß die Regenwürmer den größten Teil des Jahres hindurch in dieser Weise für den Landwirt arbeiten, so geht schon hieraus allein ihre Bedeutung für die Kultivierung des Ackers hervor. Außerdem lockern sie aber durch ihre vielen Röhren den Boden ganz ungemein, so daß die Luft in die Ackerkrume ebenso gut eindringen kann wie die Niederschläge. Die Pflanzen benutzen nun mit Vor⸗ liebe die Wurmlöcher, um möglichst tief in das Erdreich hinabzugehen. Sobald eine Wurzel eine solche Röhre er⸗ reicht hat, geht sie in ihr abwärts und entwickelt zahlreiche Saughaare, die den Humus der Röhrenwände aufsaugen und so der Pflanze außerordentlich viel Nahrungsstoff zu- führen, so daß sie üppig gedeihen kann. Da der Regenwurm während seines Lebens Kohlen— säure ausatmet, die ebenfalls von den Pflanzen verwendet wird, so zeigt er sich auch hierdurch nützlich, und selbst nach seinem Tode dient er noch dem Wachstum der Pflanzen; denn sein verwesender Körper bildet ebenfalls einen guten Dünger. Wir sehen also hieraus, daß wir den Regenwurm als einen durchaus wichtigen und nützlichen Gehilfen des Landwirtes ansehen müssen, der ihm eine Arbeit verrichtet, die durch nichts anderes ersetzt werden kann. Er ist der beste Freund des Landwirtes und sollte daher überall nach Mög- lichkeit geschont werden, besonders da er natürliche Feinde genug hat, die ihm ohne Unterlaß nachstellen. Der schlimmste derselben ist der Maulwurf, der ungezählte Mengen von Regenwürmern verzehrt, der aber trotzdem auch ein Freund des Landwirtes ist, da er ebenso sehr unter den Schädlingen, besonders unter den Engerlingen und anderem Ungeziefer aufräumt, so daß ihm das Verzehren der Regenwürmer zu— gute gehalten werden muß. Da die Regenwürmer eine außerordentlich zahlreiche Nachkommenschaft in die Welt setzen, so ist durchaus nicht zu befürchten, daß sie von ihrem schlimmsten Feind ausgerottet werden. Der Wurm kennt übrigens diesen Feind sehr gut, was man am besten daran sehen kann, wenn man die wühlenden Bewegungen des Maulwurfs nachahmt. Steckt man einen Spaten oder einen Stock in die Erde und bewegt ihn hin und her, daß die Erde erzittert, dann fliehen in ungeheurer Angst sämtliche Regen⸗ würmer im Umkreis schleunigst zur Erdoberfläche empor, um sich vor ihrem grimmen Vertilger zu retten. Die Wurm— sucher benutzen diese Angst, um auf möglichst bequeme Weise die Würmer zu fangen. Aus uuserer Sammelmappe. Die Wirkungen des Höhenklimas auf das Blut. Die Frage, ob die Zusammensetzung des Blutes unter der Einwirkung des Höhen⸗ klimas sich verändere, war bis jetzt noch eine offene. Beobachtun⸗ gen, die eine Vermehrung der roten Blutkörperchen bei Auffuchung größerer Höhenlagen festgestellt hatten, standen andere gegenüber, die dies verneinten. In einer sich über viele Jahre hin erstreckenden ends und nachts mit der Laterne suchen, so zieht er sich! Unterfuchung bak un Prof. Dr. K. Burker endlich iichere Relul tate für diese sehr interessante und medizinisch bedeutsame Frage ge⸗ wonnen, über die er in der Umschau berichtet. Die erste zu erfüllende Aufgabe war die Auffindung einer ganz zuverlässigen Methode für die Zählung der Blutkörperchen und für die Bestimmung des Hämoglobingehalts. Das Blut besteht bekannt⸗ lich aus einer Plasma genannten farblosen flüssigen Substanz, in der die roten und die weißen Blutkörperchen schwimmen. Die roten Blutkörperchen sind winzige Scheiben von 0,008 Millimeter Durch⸗ messer; in 1 Kubikmillimeter Blut sind ihrer 5 Millionen und in einem Menschen etwa 16 Billionen enthalten. Die roten Blut⸗ körperchen bestehen zum größten Teil aus Hämoglobin, einem sehr kompliziert zusammengesetzten Eiweißkörper. Das Hämoglobin be⸗ sitzt infolge seines Eisengehaltes die Fähigkeit Sauerstoff aus der Luft aufzunehmen und diesen dann an die Gewebe abzugeben. Das Hämoglobin, das dem Blut seine rote Farbe gibt, bietet dem Sauer⸗ stoff eine Fläche von nicht weniger als 2048 Kubilmeter in einem Menschen. Die an Zahl viel geringeren, aber größeren weißen Blutlörperchen bilden die Schutztruppe, die den Organismus gegen den Uebersall feindlicher Lebewesen(Bakterien) zu verteidigen und unlösliche Stoffe fortzutransportieren haben. Prof. Dr. Bürler hat nun an vier Versuchspersonen, deren eine er selbst war, im Jahre 1910 von Mitte August bis Mitte September täglich Versuche angestellt, deren Resultat das war, daß das Höhen⸗ klima eine entschiedene Wirkung auf das Blut hat, indem unter seinem Einfluß die Blutkörperchenzahl und der Hämoglobingehalt nicht nur relativ, sondern auch absolut zunahmen. Die Versuche wurden auf der 1874 Meter hoch gelegenen Schatzalp gemacht; als Vergleichsort diente Tübingen, das 314 Meter über dem Meere ge⸗ legen ist. Alle Fehlerquellen waren ausgeschaltet. Von den 4 Ver⸗ suchspersonen machten drei den Höhenwechsel durch, während eine dauernd in der Höhe blieb. Die Versuchsperson 1 zeigte in Tü⸗ bingen 4,95 Millionen rote Blutkörperchen in 1 Kubikmillimeter Blut, in der 1. Weche auf der Schatzalp stieg der Gehalt auf 5,36 Millionen, in der 2. auf 5,50, in der 3. auf 5,46, in der 4. auf 5,52; er sank in der nächsten Woche nach der Rückkehr nach Tübingen zu⸗ nächst auf 5,26 Millionen, um in der übernächsten auf 5,70 zu steigen. Die übrigen Personen reagierten ähnlich, wenn auch nicht ganz so kraß. In gleicher Richtung variierte der Gehalt an Hämoglobin. Wie ist nun diese Erscheinung zu erklären. Je höher hinauf, desto dünner wird die Luft, desto geringer also auch die den Lungen zur Verfügung stehende Sauerstoffmenge. Außerdem trennt sich bei geringerem Luftdruck der Sauerstoff leichter vom Hämoglobin. In⸗ folgedessen leidet der Organismus Sauerstoffhunger im Hochgebirge. Der Körper sucht nun diese Schädigungen auszugleichen, indem er die Zahl der roten Blutkörperchen und damit ihre aufnahmefähige Fläche vermehrt und gleichzeitig den Hämoglobingehalt im Blut steigert. Wir haben also in der beobachteten Erscheinung eine Schutz⸗ anpassung zu sehen. Die für den Organismus günstige Wirkung hält aber, wie die Versuche erwiesen haben, auch noch im Tiefland an, wenn auch zunächst ein Rückgang an roten Blutkörperchen und Hämoglobingehalt stattfindet, sodaß der Gewinn für den Organis⸗ mus ein dauernder oder wenigstens eine gewisse Zeit dauernder ist. Somit wäre der Wert des Aufenthaltes im Hochgebirge für Leute mit schlechter Blutzusammensetzung, Bleichsüchtige, an Stoffwechsel⸗ krankheiten Leidende erwiesen. Der Mann ohne Gehirn. Die Aufklärung der Gehirntätigkeit ist der höchste Ehrgeiz der Naturwissenschaften, die sich mit dem Studium des menschlichen und tierischen Körpers beschäftigen. Unter allen Aufgaben, die sich darauf beziehen, ist die wichtigste wiederum die Feststellung des Sitzes der verschiedenen geistigen Fähigkeiten im Gehirn. Die Erfolge, die in dieser Richtung erstritten worden sind, haben sich über ein bescheidenes Maß bisher nicht erhoben, und auch in diesem Umfang scheinen sie noch unsicherer zu sein, als im allge⸗ meinen zugegeben wird. Als der größte Triumph der Gehirn⸗ forschung galt immer die Entdeckung des Sprachzentrums in der Brocaschen Windung, die unter den Stirnwindungen die dritte auf der linken Seite ist. Daß dort das Sprachvermögen seinen Sitz hat, ist daraus geschlossen worden, daß mit der Zerstörung oder Ver⸗ letzung dieses Gehirnteils ein Verlust oder eine Schädigung in der Sprache eintritt. In den letzten Jahren ist auch diese Lehre er⸗ schüttert worden, und Dr. Robinson hat jetzt der Pariser Akademie der Wissenschaften einen vielleicht einzigartigen Fall vorgelegt, der noch mehr zur Vorsicht in der Beurteilung der geistigen Obliegen⸗ heiten der einzelnen Gehirnteile mahnt. Ein älterer Mann, der einer sogenannten Bluterfamilie angehörte, hatte eine Wunde am Hinterkopf erhalten, die aber wider Erwarten wenig blutete. Der Unfall geriet infolgedessen in Vergessenheit, bis nach längerer Zeit eine Sehstörung eintrat. Außerdem war auch die Geisteskraft und das Gedächtnis etwas beeinträchtigt, ebenso die Sprache, während die anderen Sinne normal waren. Das Augenlicht nahm immer mehr ab. Schließlich, etwa ein Jahr nach dem Unfall, starb der Mann bei einem epileptischen Anfall. Bei der Oeffnung des Schädels wurde das Gehirn stark vergrößert gefunden, und bei einem Ein⸗— schuitt entleerte sich soviel Eiter, daß nur eine dünne Schale von Gehirnmasse übrig blieb. Die ersten Stirnwindungen, die Schläfen⸗ windungen, die des Seitenbeins und die des Hinterhaupts waren zum großen Teil zerstört, so daß es nach der bisherigen Auffassung von den Aufgaben der einzelnen Gehirnteile ganz unfaßlich erschien, wie dieser Mann mit einem so kleinen Gehirnrest fast ein Jahr ohne den äußersten geistigen Verfall zu leben vermochte. Ausgedehnte Gehirnzerstörungen ohne die erwarteten schlimmen Folgen sind in letzter Zeit auch von anderer Seite berichtet worden. Der Unsichtbare. Es ist von eigenartigem Reiz und gewährt des öfteren bemerkenswerte Einblicke, wenn man ein physikalisches“ Geseb auf Dinge anwendet, an denen man es nicht gewohnt ist. Als Röntgen seine neuen Strahlen entdeckte, die der Menschheit schon so unendlich viel Segen gebracht haben, war es für die meisten unmög⸗ lich, sich vorzustellen, wie Strahlen einen undurchsichtigen Körper durchdringen könnten. Dabei ist daran garnichts Merkwürdiges, denn die durchsichtigen Körper werden ja auch von Strahlen durch⸗ setzt. Eigentümlich ist höchstens, daß es gelingt, die durchgegangenen Strahlen sichtbar zu machen, sodaß man nachher Schattenbilder des durchsetzten Körpers zu sehen bekommt. In der Tat tritt eine unter⸗ schiedene Schattenwirkung ein, derart, daß alle Unterschiede in der Dichte zum Ausdruck gelangen. Dünne oder zarte Fleischtesle werden allerdings so gut wie ganz unsichtbar. Auch bei den gewöhnlichen Lichtstrahlen ist das der Fall. Wirft man z. B. gewisse Glassorten ins Wasser, so werden sie darin ganz unsichtbar. Der Grund dafür ist darin zu suchen, daß das Licht beim Uebergange aus dem Wasser in den betreffenden Körper keine Brechung, keine Zurückwerfung usw. erleidet. Ist das im Wasser liegende Glas von derselben optischen Dichte wie das Wasser, d. h. bricht es den eintretenden Lichtstrahl genau ebenso wie Wasser, so kann man das Glas nicht sehen, gleichgültig, welche Form es hat. Diese optische Tatsache hat ein englischer Schriststeller benutzt, um eine groteske Geschichte aufzubauen.(H. G. Wells, Der Unsicht⸗ bare. Deutsch von Winternitz. Julius Hoffmann Verlag Stuttgart. Preis geh. 3 Mk.) Er läßt einen Physiker Griffin dazu gelangen, sich durch chemische Prozesse unsichtbar zu machen, und schildert nun die Erlebnisse dieses Mannes. Griffin hatte große Vorteile davon erhofft und muß nachher erfahren, daß das keineswegs der Fall ist. Er kommt in Situationen, die ihn immerwährend gefährden, und als größtes Hindernis steht ihm die Unwissenheit und der Unver⸗ stand der Menschen entgegen, sodaß er daran schließlich, und zwar sehr bald, zugrunde geht, nachdem er nichts als Unheil anzustiften vermocht hat. Wells hat es verstanden, die ganze Geschichte in die Form eines spannenden und witzigen Romanus zu kleiden. Es ist sehr lustig zu erfahren, wie alles ganz anders ist, als man sich vor⸗ stellt, wenn jemand unsichtbar ist, weil er ja nichts anderes ift, als daß sein Körper unsichtbar wird. Er kann nicht fliegen oder durchs Schlüsselloch wandern, während man immer geneigt ist, der Unsichtbarkeit auch diese luftigen Eigenschaften zuzuschreiben. Hunde wittern den Unsichtbaren. Man kann ihn fassen und halten, er kann fassen und halten, seine Kleider umhüllen ihn wie einen anderen Menschen, man sieht sie auch, nur von seinen Gliedmaßen kann man nichts sehen. Alles was er trägt, schwebt scheinbar in der Luft. Wenn er etwas entwendet, sieht man den entwendeten Gegenstand sich fortbewegen, ohne gewahr zu werden, wie das geschieht. Wenn der Unsichtbare Nahrung zu sich nimmt, so ist die Nahrung auf ihrem Wege sichtbar und bleibt es, bis sie sich dem Körper assimiliert hat, bis sie also verdaut ist, ja, mancher Umstand läßt sich hier nur schlecht erörtern, z. B. der, daß sich doch nicht alle Nahrung assimi⸗ 1 daß diese solange sichtbar bleibt, wie sie sich im Körper efindet. Solche Tatsache als Grundlage eines Romanus zu nehmen, hat unleugbar den Vorzug eine ganz neue Nuance in die Unterhaltungs⸗ lektüre zu bringen. Jules Verne und andere haben das ja schon mit glänzendem Erfolge getan. Wenn's richtig geschieht, so ist daran für viele etwas zu lernen, ganz abgesehen von den eigenartigen Reizen des Grotesken, zu dem sich alle solche Geschichten auswachsen müssen. Es liegt auf der Hand, daß man unter Zuhilfenahme und Kombinationen gewisser vhnsikalischer Tatsachen noch viel tollere Geschichten ersinnen kann, Geschichten, die jedenfalls vor den reinen Gespenstergeschichten den Vorzug haben, daß sie eine annehmbare Grundlage besitzen und nicht völlig in der Luft hängen. Man braucht nur ins Makrokosmische oder ins Mikroskopische zu gehen, um da schon Erscheinungen und Verhältnisse kennen zu lernen, die uns 7 eigentümlich erscheinen, daß sie für unsere Verhältnisse und Maß⸗ stäbe ganz außerhalb der Wirklichkeit zu liegen scheinen, während sie doch wahr sind. F. Linke. Die Desinsektionskraft der Metalle. Durch sehr eingehende Ver⸗ suche mehrerer Forscher ist sestgestellt worden, daß Metalle und deren verschiedene Legierungen sowie gemünztes Geld rasch und energisch Keime vernichten. Alle Versuche ergaben, daß Kupfer die stärkste bakterientötende Kraft besitzt, dann kommt Messing, auf welche Silber und Gold folgen; hieran schließen sich die anderen Metalle in ab⸗ steigenden Verhältnissen an. Die Frage, ob die Metalle nur als reines, also blankgeputztes, oder auch mit ihren Ueberzügen aus Oryd und Schmutz diese keimtötenden Eigenschaften habe, beant⸗ wortet Prof. Bitter dahin, daß das schmutzigste Zweipfennigstück, die viele Wochen nicht geputzte Türklinke ebenso die Kraukheitskeime tötet, wie ganz neue, nie gebrauchte Gegenstände gleicher Zusam⸗ mensetzung. So ergibt sich die sichere Tatsache, daß wir in den M⸗ tallen und deren Legierungen Körper besitzen, die dank ihrer bak« terientötenden Eigenschaften der Verschleppung von Krankheitser⸗ regern auf den von ihnen gesertigten Gegenständen einen energi⸗ schen Widerstand entgegensetzen. Es steht fest, daß die Krankheits⸗ erreger auf den aus Metall gefertigten n e rascher zugrunde gehen, wie auf den aus anderen Materfalien, z. B. aus Holz gefertigten, und die kleineren, am meisten im Verkehr be⸗ findlichen Münzen desinfizieren am besten. Immerhin muß be⸗ sonders bei Epidemien mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß eine Uebertragung von Krankheitskeimen eintreten kann und gerade die aus Zinkblech, Stahl und Zinn hergestellten gewöhnlichen Eß⸗ geräte desinfizieren am wenigsten, auch das emaillierte Blech und Eisen verhält sich nicht besser. —— U