wWissen istsnacht Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Volkszeitung Nummer lo Dienstag, den 10. März 19 la 3. Jahrgang Geburtenrückgang und Sozialdemokratie. Es ist die Art unwissender Eiferer, das, worauf sie ein— mal ihren Haß geworfen haben, für alle Uebel dieser Welt verantwortlich zu machen. Darum kann auch für den Frei⸗ herrn v. Steinäcker und ähnliche Geister, die sich im Drei— klassenhaus malerisch um dieses Zentrumslicht gruppieren, kein Zweifel darüber bestehen, daß die Sozialdemokratie an dem Geburtenrückgang die Schuld trägt. Auch oberflächlichen Kennern der nationalökonomischen Theorien sollte eigentlich bekannt sein, welche Rolle der So— zialismus und insbesondere der Marxismus auf dem Gebiete der Bevölkerungstheorie gespielt hat. Gegenüber den Ver— suchen des englischen Nationalökonomen Malthus, die Be— strebungen zur künstlichen Beschränkung des Volkszuwachses wissenschaftlich zu fundamentieren, hat die sozialistische Lehre entschieden den Sieg erzielt, indem sie auf die reichen Mög— lichkeiten hinwies, die Produktivität der menschlichen Arbeit zu steigern. Die malthusianische Lehre war eine wirkliche Gefahr, da sie in ihrer gemeinplätzlichen Fassung, es gebe eben zuviel Menschen auf der Welt, dem hausbackenen Ver— stand recht einleuchtend erschien, und man begreift daraus den ganzen Haß, mit dem Karl Marx„den Pfaffen Malthus und seine abgeschmackte Bevölkerungstheorie“ bekämpfte. In den berühmten Versen Heinrich Heines,„Es gibt hinieden Brot genug für alle Menschenkinder“, war die volkstümliche Ausdrucksform des sozialistischen Gedankens im Kampfe gegen den Malthusianjsmus gefunden. Unzähligemale sind diese Verse von sozialistischen Rednern und Schriftstellern zitiert worden. Bebel beschäftigt sich in seinem Buch„Die Frau und der Sozialismus“ in mehreren Kapiteln mit dem Thema„Be⸗ völkerungsfrage und Sozialismus“. Er kommt dabei zu folgendem Ergebnis:„Eine möglichst zahlreiche Bevölkerung ist nicht ein Hindernis, sondern ein Mittel der Kultur... Bis jetzt sind Völker wohl durch Rückgang ihrer Kopfzahl zu- grunde gegangen, aber niemals durch ihre Ueberzahl“(Jubi⸗ läumsausgabe 1910). Und geradezu humoristisch wirkt es, wenn Bebel in diesen Kapiteln u. a. gegen den Schriftsteller Ferdy polemisiert, der nach Bebels Darstellung als begeister— ter Malthusianer gegen die Sozialdemokratie folgendes aus führte: Die Sozialdemokratie bezwecke durch ihre Opposition gegen den Malthusianismus ein Schelmenstück. Die rasche Volksver⸗ mehrung begünstige die Massenproletarisierung und diese fördere die Unzufriedenheit. Gelänge es, der Ueberbevölkerung Herr zu werden, dann sei es mit der Sozialdemokratie zu Ende und ihr sozialdemokratischer Staat sei mit all seiner Herrlichkeit für immer begraben. Diese Sozialdemokratie, der man noch vor ein paar Jahren vorwarf, sie fördere in heimtückischer Weise die Be⸗ völkerungsvermehrung, soll jetzt nach der Weisheit des Frei— herrn v. Steinäcker die Religiosität der Frauen untergraben, um sie für den Gedanken des Geburtenrückgangs gefügig zu machen.. Obgleich nun beide närrische Käuze sind, kommt Ferdy der Wahrheit sicher ein gutes Stück näher als der Freiherr von Steinäcker. Die Sozialdemokratie hat niemals geglaubt, den Frauen vorschreiben zu können, wieviel Kinder sie zur Welt bringen sollten, solche Torheiten hat sie stets andern überlassen, sie hat aber auch niemals verkannt, daß eine starke Bevölkerungsvermehrung für sie günstiger ist als eine schwache oder gar ein Rückgang der Volkszahl. Rückgang der Volks- zahl bedeutet entweder Verminderung der Produktivität oder aber eine Ueberflutung des Landes mit ausländischen billi— geren Hilfskräften. Rücken Einwanderer von anderer Sprache oder gar anderer Rasse zu Millionen in das Land, dann wird trotz aller Internationalität der Gesinnung durch den Unter— schied der Bildung und der kulturellen Bedürfnisse eine Kluft innerhalb des Proletariats aufgerissen, die den solidarischen Zusammenhalt aufs schwerste gefährdet. Auch das soziale Mitgefühl äußert sich den Fremden gegenüber nicht so lebhaft, wie gegenüber den Einheimischen. Es wird immer leichter ein, durch eine Schilderung des Elends deutscher Heimarbeiter Eindruck auf die Oeffentlichkeit zu erzielen, als beispielsweise durch die Darstellung der Zustände, unter denen die einge wanderten flavischen Landarbeiter leben müssen. Denn bei diejen drängt sich doch immer die Erwägung auf, daß sie es daheim noch schlechter haben müßten, sonst wären sie nicht gekommen. Kein Zweifel also: für die gewerkschaftliche Arbeit, die sozialreformerische Tätigkeit und schließlich für den letzten großen Befreiungskampf des Proletariats bedeutet der Ge— burtenrückgang und die durch ihn bedingte Durchsetzung der Arbeiterklasse mit rückständigen Klassenelementen ein schweres Hindernis. Der Geburtenrückgang bedeutet keine Erleichte— rung, sondern eine Komplizierung und Erschwerung des Klassenkampfs. Natürlich kann es in einer so großen Bewegung, wie der sozialdemokratischen, nicht verhindert werden, daß Reste der alten malthusianischen Theorie sich da und dort von neuem zu regen beginnen, und daß der alte Irrtum von Einzelnen als neueste Wahrheit verkündet wird. Wo dies aber geschah, ist die Partei stets solchen Entgleisungen mit der gebotenen Entschiedenheit entgegengetreten. Zweierlei allerdings kann man von der Sozialdemo⸗ kratie nicht verlangen. Man kann erstens von ihr nicht ver— langen, daß sie durch ihre Agitation die Bevölkerungsbewegung im Sinne einer Zunahme zu beeinflussen versucht, denn die Sozialdemokratie weiß, daß dies ein gänzlich vergebliches Be— mühen sein würde. Gegenüber Entwicklungen, die in den gesamten wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen ihre Ursache haben, bleiben alle guten Ratschläge leere Worte, die in den Wind gesprochen sind. Und wenn es tausendmal wahr ist, daß jedes Elternpaar durch zahlreichen Nachwuchs der Gesamtheit nützt, so ist doch nicht minder wahr, daß es mit jedem neuen Kinde, das es in die Welt setzt, sich selbst und den älteren Kindern auf eine Reihe von Jahren hinaus den Nahrungsspielraum verkleinert. Das ist eine Tatsache, über die kein gerecht Denkender hinwegsehen kann. Zweitens kann man von der Sozialdemokratie nicht ver- langen, daß sie sich an dem dilettantischen Versuch beteiligt, den Geburtenrückgang durch Polizeigesetze aufzuhalten. Ueber diesen Versuch äußern sich soeben im Berl. Tagebl. vierzehn hervorragende Vertreter der ärztlichen Wissenschaft in derart absprechender Weise, daß die Haltung der Sozialdemokratie in dieser Frage kaum einer weitern Begründung bedarf. Will man einen Rückgang der Bevölkerung verhindern, so wende man brauchbare Mittel an, und für die wird die Sozialdemokratie stets zu haben sein. Man gebe den Ar- beitern durch bessere Löhne und billigere Lebensverhältnisse die Möglichkeit, mehr Kinder zu ernähren, man vermindere durch Säuglingspflege die Kindersterblichkeit, man entlaste durch Schulspeisungen die Eltern von den Sorgen der Ex nährung, man erhalte die Lebenden durch soziale Reformen und gemeinnützige Einrichtungen lebendig und leistungsfähig. Das alles will die Sozialdemokratie, an alledem wird sie aber auf Schritt und Tritt von ihren Gegnern, den Interessenten der kapitalistischen Ausbeutung, gehindert. Wem es ernst ist um die Erhaltung der Volkskraft, der wird nicht gegen die Sozialdemokratie, sondern mit ihr kämpfen. Die Fleischteuerungsfrage. Zu der nun schon seit Jahren immer gleich aktuell bleibenden Fleischteuerungsfrage veröffentlicht Prof. Dr. Joh. Conrad einen sehr wertvollen Artikel in der soeben erschienenen Nummer der Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik. Die Bedeutung der Arbeit liegt darin, daß hier von einem gerade in dieser Frage anerkannten Fachmann, der noch dazu gewiß nicht in Verdacht kommen kann, sozialistisch angehaucht zu sein, zu dem vorliegenden Problem in einer Weise Stellung genommen wird, die sich in den meisten Punkten eng mit dem von seiten unferer Partei hierzu eingenommenen Standpunkt berührt. Conrad leitet seine Untersuchung zunächst mit einer Uebersicht über die Bewegung der Fleischpreise in Deutschland im Laufe der letzten 100 Jahre ein. Die Preise für Rindfleisch(1 Kilo⸗ ramm im Kleinhandel) sind demnach gestiegen von 66 Pfg. in der Periode 1810½0 auf 183 Pfg. im September 1913 oder nahezu auf das Dreifache, die für Schweinefleisch von 79 auf 176 Pfg. oder auf das Zweieinhalbfache, die für Kalbfleisch(seit 1871/80) von 99 auf 203 Pfg. oder auf das Doppelte und die für Hammelfleisch(gleich⸗ falls seit 1874/80) von 109 auf 199 Pfg. oder nahezu das Doppelte. Conrad führt auch den Nachweis, daß diese Bewegung der allge— meinen Entwertung des Geldes weit vorausgeeilt ist, wie ja auch die Fleischprelse eine weit größere Erhöhung erfahren haben als die für andere landwirtschaftliche Produkte. In Halle stieg beispiels⸗ weise der Preis für Roggen gegenüber der Periode 1854/70 bis 1912 um 12 Prozent, der für Weizen um 4 Prozent, der für Rindfleisch dagegen um 107 Prozent und der für Schweinefleisch um 84 Prozent. Auch ein Vergleich mit England zeigt die Ungeheuerlichkeit der deutschen Preissteigerung. Dort haben sich nach Sauerbeck die Preise für auimalische Lebensmittel gegenüber der Periode 1867/78 bis zum Jahre 1912 um 4 Prozent verbilligt. Dabei sanken nach einer Berechnung Prof. Ballods der Preis für importiertes Fleif, auf den vierten Teil, während der für inländisches Fleisch stabil blieb. In der gleichen Zeit haben die deutschen Fleischpreise eine Steigerung von 50 bis 100 Prozent erfahren. Die Hauptursache für die Fleischteuerung in Deutschland sieht Conrad in dem Umstand, daß die Fleischproduktion nicht mit dem wachsenden Bedarf, wie es sich aus der Zunahme der Bevölkerung und ihrem steigenden Fleischbedürfnis ergibt, Schritt gehalten hat. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer Steigerung der Flei produktion. Wie ist diese zu erreichen? Als erstes kommt hier die Kultivierung der Oedländereien, der Moore und Heiden in Betracht. Wir haben in Deutschland 2 Millionen Hektar Moorland, von dem ein großer Teil kultivierbar ist, außerdem 15 Millionen Hektar kultivierfähiges Oedland, auf dem 8 Millionen Doppelzentner Lebendgewicht an Marktvieh alljährlich erzeugt wer⸗ den könnten. Verschiedentlich ist ja dieser Weg in neuerer Zeit be⸗ reits beschritten worden(Pommern). Ein zweites Hauptmittel wäre die Erweiterung der bäuerlichen Betriebe auf Kosten der Groß⸗ betriebe. Prof. Conrad verwahrt sich ausdrücklich gegen den Verdacht, daß er etwa ein Gegner des landwirtschaftlichen Großbe⸗ triebes wäre, oder die Rolle, die der Großgrundbesitzer im politischen und wirtschaftlichen Leben spiele, gering einschätze. Er singt im Gegenteil der politischen Bedeutung des preußischen Gutsbesitzer⸗ standes als Germanisierungsfaktor im Osten und seiner Bedeutung in wirtschaftlicher Hinsicht als Schrittmacher des technischen Fort⸗ schritts, als„befruchtender Lehrer“ ein Loblied. Trotzdem sieht er in der heutigen Ausdehnung des Großgrundbesitzes, besonders in Preußen, eines der schwersten Hemmnisse für eine ausreichende Fleischversorgung der Bevölkerung. Daß der Kleinbetrieb in bezug auf die Fleischproduktion leistungssähiger ist als der Großbetrieb, ist sogar vom preußischen Landesökonomiekollegium in den letzten Jahren mehrfach anerkannt worden, weshalb diese Körperschaft auch für die innere Kolonisation lebhaft eintritt. Nach der Betriebs⸗ zählung von 1907 kamen bei den Kleinbetrieben von 2 bis 5 Hektar 2 100 Hektar 95,5 Stück Rindvieh, 94 Schweine und 10,9 Schafe, agegen bei den Betrieben von über 200 Hektar auf dieselbe Fläche nur 30 Stück Rindvieh, 18,5 Schweine und allerdings 69,6 Schase. Auch der Federviehbestand ist bei den Kleinbetrieben ungleich größer. Bei einer Zerschlagung oder wenigstens Verkleinerung unserer Großbetriebe und Fideikommisse, die Übrigens auch auf dem Wege der Pachtung erfolgen könnte, wie dies in England und neuer⸗ dings auch in den Vereinigten Staaten und Dänemark geschieht, könnte unsere Viehproduktion leicht auf eine wesentlich höhere Stufe gehoben werden. Leider aber hat unsere Zollgesetzgebung, statt diesen Prozeß zu beschleunigen, ihn gehemmt oder gar in fein Gegenteil verkehrt. In der Zeit der landwirtschaftlichen Depression, die viele tiberschul⸗ dete Großgrundbesitzer gezwungen hätte, ihre Güter zu verkleinern, wenigstens die Außenschläge abzustoßen, hat man diesen Leuten durch die Agrarzölle wieder künstlich auf die Beine geholfen. Die Ge⸗ treidezölle haben die hindert und die konsumierende Bevölkerung gezwungen, den Landherren Milliarden in den Rachen zu werfen. Gleichzei 5 Einschränkung des Getreidebaues künstlich 5 rd 8 deutsche Volk zahlt zum zweiten Male die Kosten, wenn es die Summen zu bewilligen hat, die die polnische Anstedlungskommiss beim Aufkauf polnischer Güter zu zahlen hat. In Posen hal beispielsweise der von der Kommission pro Hektar gezahlte Preis von 636 Mark in den Jahren 1886/90 auf 1380 Mark im Jahre 1911 erhöht. Ebeuso wird durch unsere Zollpolitik die Bildung von Fideikommissen angeregt. Während es 1905 in Preußen nur 1045 Fideikommisse mit 2,1 Millionen Hektar Land gab, war ihre Zahl 1910 auf 1251, ihre Fläche auf 2,4 Millionen Hektar gestiegen. Die Zölle sind von interessierter Seite damit verteidigt worden, daß wir damit die heimische Produktion steigern und uns so unabhängig vom Ausland machen könnten. Conrad weist nach, daß sich in bezug auf das Getreide trotz Steigerung der Ernte unser Bezug vom Ausland zwar verschoben, aber nicht vermindert hat. In bezug auf die animalischen Produkte deckt die heimische Landwirt⸗ schaft jetzt zwar 94 bis 95 Prozent des Bedarfes, aber dieser Bedarf würde viel größer sein, wenn ihm nicht durch die zu hohen Preise und die Beschränkung der Einsuhr künstlich Schranken gezogen wür⸗ den. In gewisser Beziehung hat sich aber unsere Abhängigkeit vom Ausland sogar noch vermehrt. Unser Großbetrieb ist immer mehr auf die Zuziehung ausländischer Arbeitskräfte angewiesen und würde bei einem Kriege mit Rußland beispielsweise nicht in der Lage sein, die Saatbestellung und die Ernte, besonders der Hack⸗ früchte, durchzuführen. Den Höhepunkt des Widersinns aber stellt die Zollbe⸗ lastung der Futtermittel dar. 64 Prozent unseres Fleisch⸗ bedarses werden von den Schweinen gedeckt, zu deren Mästung die Hinzuziehung ausländischer Futtermittel unerläßlich ist. Taft dee ist auch unser Futterbezug vom Ausland trotz der zum Teil fehr hohen Zölle ständig gestiegen. Im Jahre 1912 wurden von den Futterverbrauchern an Zöllen gezahlt: für Gerste 35,8 Millionen Mark, für Hafer 14 Millionen Mark, für Mais 34,2 Millionen Mark, zusammen 84 Millionen Mark, wozu noch die entsprechende Ver⸗ teuerung der im Inlande erzeugten Futtermittel kommt. Conrad fordert daher in erster Linie die Aufhebung der Futter- mittelzölle, um unsere Fleischproduktion zu heben. Da diese trotz⸗ dem in absehbarer Zeit den ständig wachsenden Fleischbedarf ni wird decken können, so befürwortet er ferner die Einführung von Gefrierfleisch. In England werden 74 Prozent des Ge⸗ samtkonsums durch Gefrierfleisch und 10,8 Prozent durch gekühltes Fleisch gedeckt, ohne daß der Gesundheitszustand der Bevölkerung darunter litte. Auch in anderen Ländern wird die Einführung von Gefxierfleisch jetzt gefördert: die Schweiz hat beispielsweise ihren Zoll im Jahre 1912 von 25 auf 10 Fr. pro Doppelzentner herab⸗ gesetzt. Nur wir müssen noch einen Zoll von 35 Mark bezahlen. Die Befürchtung, daß durch die zollfreie Einfuhr ein plötzli Preissturz des inländischen Fleisches stattfinden könnte, ist un gründet, wie das Beispiel Englands beweist. Der Konsum würde sich erst sehr langsam an das weniger wohlschmeckende Gefrierfleisch gewöhnen. Endlich verlangt Conrad auch noch den allmählichen Abbau der Zölle auf lebendes Vieh und frisches Fleisch. Der Zoll beträgt heute 14 Mark pro Doppelzentner Lebendgewicht für Rinder, 11,25 Mark für Schweine und 27 bis 35 Mark für frisches Fleisch. Außerdem ist die Einfuhr aus Rück auf die„Seuchengefahr“ sehr erschwert. Conrad hält es für das beste, wenn nahe den Grenzen im Auslande Schlachthöfe errichtet und das frische Fleisch eingeführt würde. Der Versasser beschäftigt sich sodann noch mit einer Reihe von Vorschlägen, die von verschiedenen Seiten zur Linderung der 1 not gemacht werden und zwar tut er das an der Hand der Enquete, die die Regierung 1912/13 über die gegenwärtige Or⸗ ganisation des Vieh- und Fleischhandels und deren etwaiges Ver⸗ schulden an der Teuerung veranstaltet hat, und deren Protokolle soeben herausgekommen sind. Der Forderung, daß die Regierung elbst die Einführung des Fleisches in die Hand nehmen solle, steht er anläßlich der gemachten Erfahrungen skeptisch gegenüber. Frei⸗ lich spricht hier auch etwas der liberale Wirtschaftspolitiker aus ihm. Gewiß sind die Erfahrungen, die einzelne Städte, die im Winter 191213 Fleisch einführten und diese entweder durch eigens ange⸗ stellte Fleischer verkaufen ließen oder es den Privatfleischern unter besonderen Bedingungen zur Ausschlachtung überließen, nicht die besten gewesen. Es fehlte an geeigneten leitenden Persönlichkeiten; oder aber die Fleischer versagten. Städte wie Berlin und Frankfurt am Main haben sogar bei dem Vorgehen zugesetzt. Dagegen sind eine Anzahl kleinerer Städte, wie Posen, Metz, Offenbach, Halle usw. mit dem Erfolg zufrieden gewesen. Es geht u. E. jedenfalls nicht an, die Erfahrungen, die bei einem erstmalig unternommenen Versuch gemacht wurden, gleich zu verallgemeinern und die Bevölkerung durch diese Zölle der Wert der Güter dauernd gesteigert und 105. hätte sehr wohl erwarten können, daß die Versuche erst noch Über 4 einen längeren Zeitraum hin ausgedehnt würden. Viel ei und zugleich wirksamer wäre natürlich eine allgemeine und dau 5 zunächst Herabsetzung, später Aufhebung der Einfu Preisdruck würde sich dann ganz von selbst ergeben. Nun behaupt Agrarier frellich, an der ganzen Fleisch⸗ haupten unsere Ag frelli gang b teuerung seien die Viehhändler und di und der Aufhellung bleser Frage war ja au Regierungsenquste gewidmet. Wir wollen gewiß den tern keine Lorbeeren winden; wie jedes Privatge⸗ Privathandel, wirkt auch dieser verteuernd: Agraxiex, sich selbst als unschuldige Lämnichen M ben r die nu 2 rivatschläch⸗ 3 stellen und hrzölle. 8 erwähnte 1 — . * 1 1 4 l 1 1 1 Und wenn schon die Kirche, der er im Franziskanerorden an- unsere sonst so jubiläumssüchtige Zeit seiner ganz vergaß, so wird doch wenigstens das werktätige Volk, aus dem er hervor⸗ ging und für dessen Wohlfahrt er arbeitete und litt, ihm eine Stunde des Gedenkens weihen, wenn es erfährt, mit welcher Genialität Roger Bacon für den Fortschritt und ein menschen⸗ würdiges Dasein des Volkes 1 Schuld auf jene Leute abzuwälzen, muß nach den Ergebnissen der Regierungsenquéte doch als gründlich mißglückt angesehen werden. Kommisstoncre und Blehhändler sind, so lange sie nicht genossen⸗ stlich ersetzt werden können, unentbehrlich. Eine übermäßige erung durch die Viehhändler konnte jedenfalls nicht estgestellt werden. Die Zahl der Ladenfleischer aber hat sich im ltnis r Bevölkerung seit 40 Jahren nicht vermehrt. Im Gegenteil. amen 1875 noch 160 Fleischereigeschäste auf 100 000 Einwohner, so 1907 nur noch 138. Allerdings ist die Zahl der Erwerbstätigen im Fleischergewerbe gestiegen und zwar auch im Verhältnis zur Be⸗ völkerung(1882: einer auf 871 Einwohner, 1907: einer auf 280), aber dafür ist auch der Fleischkonsum, vor allem auch in den länd⸗ lichen Gegenden, nicht unwesentlich gewachsen. Ebensowenig kann eine Rede davon sein, daß, wie manchmal be⸗ hauptet wird, die zu hohen Gebühren der Schlachthäuser die Schuld an der Teuerung tragen. Es wurde in der Diskussion mit Recht rvorgehoben, daß der Ueberschuß der Städte aus dem Betrieb der lachthäuser nur gering ist und kaum Über Verzinfung und Amor⸗ tisation des Kapitals hinausgeht. Ebensowenig konnte die Kom- mission den Anschauungen beipflichten, die in den wachsenden An— Ipriichen auch der minderbemittelten Bevölkerung in Bezug auf gute Stücke oder in der eleganteren Ausstattung der Läden die eigent⸗ lichen preisverteuernden Momente sehen. Eine Abhilfe gegen das Uebel kann also nur die planmäßige Steigerung der Produktion, resp. die Erleichterung der Einfuhr bringen. Daneben können allerdings auch aufgenosfenschaft⸗ lichem Wege die Viehvermittlung und der Fleischverkauf rationell organistert werden. Conrad hält von dieser Tätigkeit der Genossen⸗ schaften ziemlich viel. Es würde sich dabei zunächst um Viehver⸗ wertungsgenossenschaften handeln, die den Landwirt vom Händler unabhängig machen. In Hannover gibt es 102 solcher Genossenschaften, die in einem Jahre für 45 Millionen Mark Vieh verkauften. Freilich ist die Tendenz dieser Organifationen die, den Gewinn den Landwirten zuzuführen. Sodann kämen Maßnahmen wie die in Ulm auf Anregung des Prof. Falcke durchgeführte in Be⸗ tracht. Die Stadt Ulm hat mit den Landwirten der Umgebung einen Kontrakt geschlossen, kraft dessen diese der Stadt alljährlich ein be⸗ stimmtes Quantum Schweine zu einem auf 5 Jahre festgesetzten Preis zu liefern haben. Die Tiere werden dann mit einem kleinen Aufschlag an die Metzger weitergegeden. Am rationellsten läßt sich die genossenschaftliche Organisation da verwerten, wo sie im In⸗ teresse des Konsums zu wirken hat. Prof. Conrad hebt anerkennend die großen Fleischereibetriebe der Konsum vereine hervor, von denen der in Hamburg(Produktion) 1911 einen Umsatz von 5 Millionen Mark hatte. Er will auch nichts davon wissen, daß man mit Rücksicht auf die Händler diese Betriebe einschränken solle, da nur diejenigen Erwerbstätigen eine volkswirtschaftliche Be⸗ rechtigung haben, die mehr leisten, als es die Konsumenten selbst vermögen. Aber obwohl er selbst es als ein Hauptergebnis der Enguste bezeichnet, daß die Genossenschaften auf diesem Gebiete außerordentlich günstige Existenzbedingungen haben, so glaubt er in seinem liberalen Herzen doch nicht an die Möglichkeit oder auch nur Wünschbarkeit einer Verallgemeinerung der genossenschaftlichen Fleischversorgung, wie überhaupt der genossenschaftlichen Warenver⸗ sorgung. Eine solche würde, meint er, dem individualistischen Be⸗ dürfuis des Menschen zuwiderlaufen. Wir wollen ilber diesen Punkt nicht mit ihm rechten, zumal ste ja hier auch nur Ansichten gegen Ansichten stellen lassen, über deren Richtigkeit oder Unrichtigkeit nur die Zukunft entscheiden kann. Ebensowenig vermögen wir natürlich auch seinen Schrecken vor einem Zustand zu teilen, den er als das unausbleibliche Ende der „Schraube ohne Ende“ bezeichnet, in der sich heute unsere Landwirt⸗ schaft bewegt. Die Agrarjer fordern höhere Zölle: diese steigern den Ertrag ihrer Güter und vermehren damit den Wert ber Güter. Da aber dieser Wert bei neu erworbenen Gütern in den Produkt- preisen wieder verzinst werden muß, so ist die Folge: Forderung erhöhter Zölle. Conrad fürchtet, daß diese Schraube ein Ende linden werde durch das Eingreifen der Staatsgewalt, zunächst durch Preistaxen, dann durch Verstaatlichung von Grund und Boden. Damit hätten wir aber die Grundlage zum sozialistischen Staat. Uns schreckt diese Aussicht, wie gefagt, nicht. Trotzdem sind wir be⸗ reit, allen Maßnahmen zuzustimmen, die eine Zuspitzung der Gegen⸗ sätze bis zu einem Punkte verhindern können und wir freuen uns, in Prof. Conrad einen so sachkundigen Vertreter aller von uns schon läugst aufgestellten Forderungen erhalten zu haben. Ein Naturforscherschicksal vor 700 Jahren. Von H. Falkenfels. Im Jahre 1914 jährt es sich zum siebenhundertsten Male, daß Roger Bacon zu Ilchester in England geboren wurde. gehörte, kein Wort der Erinnerung für ihn hat, und auch r ein erschreckendes Kulturbild spiegelt, das Licht darauf wirst, ten, wie sie sich heute in zu Jahr vollziehen. Man hat dem zwölften und dreizehnten Jahrhundert vorgeworfen, sie seien die„dümmsten aller Jahrhunderte“ gewesen, da nicht eine nennenswerte Lebensreform, kein wesntlicher Fortschritt, keine Erfindung von Bedeutung sich in ihnen vollzogen habe. Daß dies nicht an dem„Volk“ jener Tage lag, sondern an der Art seiner Regierung und Leitung, mag uns das Schicksal Roger Bacons weisen. Er trat, nachdem er unter Entbehrungen sich aus kleifsten Verhältnissen zum Studium emporgearbeitet, im Jahre 1240 in den Franziskanerorden ein. Man tat dies damals nicht aus Weltflucht, aus religiösem Dünkel oder Menschenscheu, wie später, als die Klöster sich in Gegensatz zur vorwärts drängenden Zeit zu Horten des Stillstandes und der Lebens abkehr gestalteten, sondern zu Beginn des 13. Jahrhunderts blieb einem Menschen, der sich wissenschaftlich betätigen wollte, und nicht als Herr eines Schlosses geboren war, nichts an- deres übrig, als in einen Orden einzutreten. Nur dort konnte man lehren und lernen. Es ist somit wahr, daß durch die Klöster die Wissenschaften aufrechterhalten und verbreitet wurden. Die Kirche hatte eben frühzeitig erkannt, welche Macht in ihnen liege. Darum trachtete sie von vornherein, Lesen, Schreiben und was sich dadurch erlangen läßt, zu ihrem Privileg zu machen. Dadurch konnte die Oberaufsicht über alles Wissen bewahrt, dieses selbst von allem„gereinigt“ werden, was dem kirchlichen Interesse zuwiderlief; auch war damit jede Neuerung, jeder Fortschritt unterbunden, die irgendwie gegen die kirchliche Weltanschauung verstießen. Das sollte Roger Bacon bald am eigenen Leibe erfahren. Nichts zog ihn so sehr an wie die Astronomie und Physik. Mit Scharfsinn erkannte er bald die Mängel, die dem Kalen⸗ der, der Zeitrechnung seiner Tage, anhafteten. Man rech⸗ nete damals noch so, wie das römische Reich nach ägyptischem Vorbild seit Julius Cäsar(julianischer Kalender) und hatte damit die Länge des Jahres nicht mit astronomischer Richtig⸗ keit erfaßt. Bacon setzte in einer Abhandlung auseinander, daß nach dieser Zeitrechnung je 129 Jahre um einen Tag zu groß sind(so daß schon zu seiner Zeit der Frühlingsbeginn auf den 13. März, statt auf den 21. März fiel), und legte einen verbesserten Kalender vor. Aber niemand hörte auf ihn. Erst fast 250 Jahre später, als die Widersprüche der Zeitrechnung zu auffällig waren, führte man seinen Kalender ein und ließ damals in der Nacht des 4. Oktober 1582 zehn Tage ausfallen, so daß die Menschen aus jener Nacht am 15. Oktober aufwachten. Nur wurde die große Reform nicht an Bacons Namen, sondern an den des Papstes Gregor XIII. geknüpft, obwohl auch nicht der, sondern der Italiener Lui gi Lilio den noch heute gültigen„gregorianischen Kalender“ ausrechnete. Roger Bacon arbeitete in seiner einsamen Zelle zu Oxford weiter. Er erfand die Vergrößerungsgläser. Eine neue Welt hat sich dadurch dem Menschen eröffnet und die zahl- losen Fortschritte der Biologie, namentlich die Bakteriologie, die Kenntis der Pflanzenkrankheiten und die gesamte heutige Medizin wären undenkbar ohne Mikroskope. Drei Jahr- hunderte früher hätten diese Fortschritte ihren Segen spenden können, wenn man Roger Bacon seinem Verdienst nach ge⸗ würdigt hätte. So aber erfanden erst am Ende des 16. Jahr- hunderts die Holländer neuerdings das Vergrößerungsglas? das seitdem in Gebrauch blieb. Nur die Brille kennt man seit Bacons Zeiten und wenn auch ihr Erfinder unbekannt geblieben ist, so mag vielleicht dieses Zusammentreffen nicht zufällig sein. Bacon war der erste, der im Mittelalter den Regenbogen wissenschaftlich als Lichtbrechung erklärte. Und seine Kloster⸗ genossen, Oxford, England, die Kulturwelt, alle die bisher gleichgültig und unverständlich seinem Genie gegenüberstan⸗ den, scheinen dadurch zuerst aus ihrer Ruhe erwacht zu sein. Warum? Die Regenbogenerklärung ging eben gegen die „Religion“. In der Bibel war der Regenbogen nicht physi⸗. kalisch, sondern„göttlich“ erklärt. Und nun begann man auf Jahrzehnten, in manchem von Jahr Sein Wesen und ich darin zugleich Ne zteuflischen—Künste des effenbar gefäbrlicken Mannen N warum das Mittelalter Jahrhunderte brauchte zu Fortschrit⸗ zu achten. Als„doctor misabilis“, als der„wunderbare Lehrer“ war er längst verschrien, nun witterten die Dunkel- männer Morgenluft. Man schritt gegen den Modernismus ein und ging nicht halb vor. Als erste Maßregel traf ihn das Verbot seines Ordens, seine teuflischen Künste niederzu— schreiben. Bacon aber war ein mutiger und aufrechter Mann. Auch er begnügte sich nicht mit halben Gedanken, sondern trat nun mit seiner Ueberzeugung hervor, daß solch un— wissende Geistliche nicht die geeigneten Lehrer des Volkes sein können. Er entwarf den Plan zu einer Reform der Bildung und forderte, daß sie auf Kenntnis der Natur und der antiken Schriften beruhen müsse, nicht aber auf dem theologischen Wust der Scholastik, an deren Stelle er die Sittenlehre als Hauptinhalt der Religion in den Vorder— grund stellte. Damit war der Bruch vollzogen. Man ließ sich nicht in einen Disput mit ihm ein— man sperrte den gefährlichen Denker und Forscher ein. Der aber hatte Verbindungen mit Rom, mit dem Papst lelbst und schrieb in seiner Rechtfertigung, nachdem ihn dieser freigelassen, nun erst recht sein Hauptwerk. Aber nicht Ein— ficht in das Unrecht, das ihm widerfahren, hatte ihn befreit, sondern nur persönliche Protektion. Kaum war also sein Gönner gestorben, ließ ihn sein Ordensgeneral neuerdings einkerkern. Und zehn Jahre lang, bis er ein alter und ge— brochener Mann war, währte seine Gefangenschaft. Er hat durch sie gelernt, welche Art von Menschen allein dort möglich sind, wo die Kirche herrscht und hat nichts mehr gelehrt und geschrieben. Die Flügel des Genius waren gebrochen, wenn auch nicht sein Genie. Denn in rührender Weise findet man in seinen Werken seine letzten Erfindungen in Rätselana⸗ gramme gekleidet. So spricht er von Salpeter, Schwefel und einem fehlenden Bestandteil, durch den man ein donnerarti— ges Krachen hervorbringen könne, und versteckt in diesem wunderlich verschnörkelten Satz ein Anagramm, dessen Lösung lautete: Carbonum pulvere! Roger Bacon bekennt sich somit in seinem Werk De Secretis operibus(Von geheimen Arbeiten) auch zur Er— findung des Schießpulvers, aber erst lange nach seinem Tode, um 1313, wird diese letzte Tatsache fruchtbar. Unbekannt woher(die Erfindung durch Berthold Schwarz ist sagenhaft) taucht das Schießpulver in Deutschland auf und um 1340 steht die erste Pulvermühle zu Augsburg. Um diese Zeit lebte Bacon nicht mehr. Mit welchem Gefühl aber mag dieser seltene Mann gestorben sein, der befähigt war, der Menschheit in so vielem zum Fortschritt zu helfen und dessen Leben zer— brach im Kampfe wider die Mächte seiner Zeit! Aus unserer Sammelmappe. Farben des Altertums. Von der Malerei des Altertums weiß man recht wenig, zumal mit Rücksicht auf die Völker, die in Europa damals die Hauptträger der Kultur gewesen sind. Reichlicher fließt die Kunde durch Ueberlieferung und durch die Erhaltung von Kunstwerken selbst aus Aegypten und auch aus dem Orient bis nach China hin. Professor Laurie von der Londoner Akademie der Künste hat jetzt eine große Zahl altertümlicher Farben untersucht. Er hat in diesen Forschungen berühmte Vorläufer gehabt, zunächst schon den großen Chemiker Davy, dann Berthelot, hat aber deren Ergebnisse in weitem Umfange vervollständigt. Trotzdem klaffen immer noch große Lücken in der Kenntnis der alten Farben, ins⸗ besondere für die Lackfarben, die in den vielen Abstufungen von Lila, Rosa, Rot und Purpur gebraucht wurden. In manchen Fällen läßt sich ihr Ursprung überhaupt noch nicht nachweisen. Von Blau sind nach den Angaben von Professor Laurie aus dem Alter⸗ tum bekannt, nämlich: Indigo, das ägyptische Blau, der aus Mine⸗ ralstossen hergestellte Azurit, das aus Lapis lazuli bereltete Ultra⸗ marin, das Bergblau und die Smalte. Diese sechs Farben sind nicht überall in Gebrauch gewesen, aber sie herrschen doch vom Altertum bis gegen den Schluß des 16. Jahrhunderts vor. Die wichtigste unter ihnen war das ägyptische Blau, das Professor Laurie nach Zusammensetzung, malerischen Eigenschaften und Be⸗ reitungsart sehr genau untersucht hat. Das bekannte preußische Blau kam erst mit dem Ansang des 18. Jahrhunderts auf, das Kobaltblau und das künstliche Ultramarin im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts, das Anlinblau um das Jahr 1870. In vielen Fällen wird eine genaue Prüfung der Farben nach den neuesten For⸗ schungen am ehesten zur Feststellung des Alters eines Bildes führen. Die Welterzeugung an Mineralien, Erzen und Metallen hat in den letzten Jahren einen ungeheuren Aufschwung genommen. Der Wert der jährlich geförderten Kohle beträgt etwa 8400 Millionen Mark, der Wert der Eisenerze 2900 Millsonen Mark, Gold 1700, tionen Mark. Die gesamten Bergwe sse können auf einen jährlichen Wert von 20 Willtarden Patt geschätzt werden. Davon entfallen auf Deutschland etwa 47 auf England 13 Prozent und auf Amerika 42 Prozent. dem gewaltig steigen⸗ den Verbrauch an Eifenerzen und den* Vorkommnissen drängt sich immer wieder die Frage auf, wie lange wohl die Eisen⸗ erzvorräte der Erde noch vorhalten werden. Die uns bekannten Eisenerzlager enthalten nach neueren Schätzungen über 17 Milliarden Tonnen, von denen 3,6 auf Deutschland entfallen, 43 auf Amerika, 3,3 auf Frankreich, 1,3 auf England, 1,2 auf Schweden und 3,8 auf die übrigen europätschen Länder. Der Jahresverbrauch der Welt an Eisenerz stellt 4 heute auf ungefähr 150 Millionen Tonnen, er steigert sich aber ständig, sodaß man mit einer Erschöpfung der bekannten Eisenerzvorräte in etwa 60—70 Jahren rechnen muß. Durch die Entdeckung neuer Lager, die vor allem in Asien und Afrika noch zu erwarten ist, durch die Verbesserung der Verhüttungs⸗ prozesse und endlich durch die steigende Verwendung von altem Eisen läßt sich die Zeit der Cisenerschöpfung bedeutend hinaus⸗ schieben, sodaß wir mit dem Ekntritt einer Eisennot vielleicht erst nach 100 oder 120 Jahren zu rechnen haben. Bis dahin aber muß die Menschheit einen Ersatz gefunden haben oder es muß sich ein vollständiger Umschwung in der gesamten Technik vollziehen, der das Eisen entbehrlich macht. Ob der Beton auf so einen Weg hin⸗ weist, läßt sich heute natürlich noch nicht voraussehen.— Von noch höherer Wichtigkeit als das Eisen ist die Kohle. Die Kohlen⸗ gewinnung der Welt stellte sich im Jahre 1911 auf 1185 Millionen f Tonnen, im Jahre 1012 in Deutschland auf 259 Millionen Tonnen, f Amerika 484 und England 264 Millionen Tonnen. Alle andern Länder der Erde blieben unter diesem Satz. Deutschland ist also mit etwa 21 Prozent an der gesamten Kohlenförderung der Welt beteiligt. Eine Erschöpfung der Kohlenschätze ist in den nächsten Jahrhunderten noch nicht zu befürchten. Das deutsche Normalmeter. Es ist das Verdienst der französi⸗ schen Revolution, ein Einheitsmaß geschaffen zu haben. Im Jahre 1790 beschloß die französische Nationalversammlung, daß künftig in ganz Frankreich der zehnmillionste Teil des Erdquadranten, d. h. des vom Pol bis zum Aequator reichenden Bogens, als Längen⸗ einheit zu gelten habe. Nach sorgfältiger Messung dieser Strecke wurde ein Urmaß angefertigt, ein Platinstab von 25 Millimeter Breite und 4. Millimeter Dicke, dessen Länge genau der gewählten Länge entsprach. Dieses Urmaß erhielt dann den Namen„Meter“. Ein genau nach dem Pariser Urmaß angefertigter Melerstab bildet das gesetzliche Grundmeter für das Deutsche Reich. Eine mit der peinlichsten Genauigkeit hergestellte Wiederholung dieses Grund⸗ meters befindet sich in der Physikalisch⸗Technischen Reichsanstalt in Berlin. Diese Reichsanstalt beschäftigt sich, wie die Mußestunden (Stuttgart) in einem interessanten Artikel ausführen, neben nur der Wissenschaft dienenden Untersuchungen auch mit der Prüfung 2 von Erzeugnissen der Industrie und Technik. Da wird gerade vort einer Fabrik ein metallener Meterstab eingeschickt. Ex ist dazu be⸗ stimmt, als Grundmaß für alle, auch die feinsten Messungen des Fabriklaboratoriums zu dienen. Durch Vergleich mit dem Grund⸗ 3 meter der Reichsanstalt kann nun noch eine Abweichung um den tausendsten Teil eines Millimeters festgestellt werden. Ein Appa⸗ rat, dessen wesentliche Bestandteile zwei Mikroskope bilden, wird zunächst so auf das Normalmeter eingestellt, daß beim Durchschauen durch die Mikroskope die beiden überaus seinen Endstriche des Meter⸗ maßes zu sehen sind, d. h. daß also der Abstand der beiden Mikro⸗ skope von einander genau 1 Millimeter beträgt. Jetzt wird an Stelle des Grundmeters der Prüfling untergelegt und zwar so, daß einer seiner Endstriche genau unter die Mittelachse des einen Mikroskops zu stehen kommt. Fällt nun der andere Endstrich außerhalb der Mittelachse des zweiten Mikroslops, dann stimmt sein Maß nicht mit dem gesetzlichen Grundmeter überein. Das zweite Mikroskop wird nun mit Hilfe einer ungemein feinen Mikrometerschraube so weit verschoben, bis seine Mittelachse den fehlerhaften Endstrich des Prüflings trisst. An der Mikrometerschraube lesen wir dann ein⸗ sach ab, um wieviel hundertstel Millimeter der Prüfling 2 stimmt. Diese langwierige Messung erfolgt unter allen möglichen orsicht⸗ maßregeln. Bekanntlich dehnen sich alle Körper beim Erwärmen aus. So verlängert sich ein Meterstab aus Platin⸗Jridium bei Er⸗ höhung der Temperatur von 0 Grad bis 30 Grad Celsius um 0,261 Millimeter, ein solcher aus Messing gar schon um 0,541 Millimeter. Bei unserer Messung muß deshalb alles, was irgendwie Wärme ausstrahlen könnte, sorgfältig ausgeschaltet werden. Sie geht in einem ganz verdunkelten Zimmer vor sich, in dem alle Wände tief⸗ schwarz angestrichen sind. Ganz abseits in einer Ecke hrennt eine Nernstlampe. Ihr Licht fällt jedoch nicht direkt auf die Metermaße, 5 denn sonst würden ja mit den Lichtstrahlen auch Wärmestrahlen darauf treffen. Der Lichtschein wird deshalb durch eine Reihe von Spiegeln, die sast nur Lichtstrahlen zurückwersen, zum Meßapparat geleitet, um dort die Endstriche der beiden zu vergleichenden Stäbe zu beleuchten. Noch eine andere Wärmequelle ist ebenfalls zu berück⸗ . der Körper des Beobachtenden selbst. Die von ihm aus⸗ trahlende Wärme wäre wohl imstande, eine verschiedene Längen⸗ änderung der beiden Stäbe und somit ein ungenaues Prilfungs⸗ ergebnis zu verschulden. Wenn es deshalb um Messungen udelt, bei denen es wirklich auf tausendstel Millimeter ankommt, egt man die Maßstäbe für eine halbe Stunde in ein Becken lließendem Wasser von gleich bleibender Temperatur. Wäh dieses Bades nehmen auch die beiden Stäbe eine völlig gleiche peratur an. Und dann kann man wieder messen, durch das Wa hindurch ist eine Wärmebeeinflusfung nicht mehr zu befürchten. Kupfer 1200, Silber 900, ginn 250, Blel 200 unh Star 220 Wil. 118 der Belt p ¹»¹¾»⅛ö