Z Wissen istsnacht Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung Nummer 6 Dienstag, den Io. Februar 1910 3. Jahrgang Krise und Fortschritt. Einen klaren Einblick in das Wesen und die Ursachen der Krise verrät ein Artikel im Jannarheft der bürgerlichen Finanzzeitschrift Die Bank. Der Inhalt des Artikels ist kurz solgender. Der sogenannte„gesunde Menschenverstand“ hat sich eine sehr einfache Krisentheorie zurechtgemacht, nämlich eine moralische. Lediglich der Torheit der Kapitalisten sei es zuzuschreiben, daß sie zu Zeiten guter Konjunktur die Produktion immer weiter ausdehnen, immer neue Fabriken gründen, die vorhandenen Anlagen immer mehr vergrößern. Dadurch werde das Angebot weit über die Nachfrage hinaus gesteigert, und natürlich müsse es eines Tages zum Zusammen⸗ bruch kommen. In Wahrheit liegen die Dinge denn doch etwas anders. Die täglich erzielten Gewinnüberschüsse drängen zur Anlage in irgend einer Form. Selbstverständlich wird die profitabelste Anlage gewählt, und die besteht darin, daß Fabriken modernster Konstruktion errichtet werden.„Der Regel nach ist jedes neue Unternehmen den älteren Unter— nehmungen gleicher Art überlegen. Alle wertvollen Er— findungen, alle maschinellen Verbesserungen kommen bei ihm zur Anwendung.“ Es ist also leistungsfähiger als die schon vorhandene Konkurrenz, zwischen die es sich hineinschiebt. Es kann demnach selbst dann errichtet werden,„wenn der Markt mit den Waren, die es herzustellen bestimmt ist, gesättigt er— scheint, denn es ist ja in der Lage, diese Waren preiswerter oder besser zu liefern, also das Absatzgebiet der älteren Unter— nehmen an sich zu reißen.“ So werden denn Jahr für Jahr neue Unternehmungen gegründet.„An die Seite der alten Werke, die Kolbenmaschinen fabrizieren, stellen sich neue Dampfturbinenfabriken, neben diese wieder ganz neue Werke zur Herstellung von Dieselmotoren.“ Natürlich bleibt nun den alten Werken auch nichts weiter übrig, als dieselbe Bahn zu beschreiten. Sie müssen ihre Anlagen umbauen, moderni— sieren, nach dem neuesten Stande der Technik einrichten. Die fortwährende Steigerung der Produktion, die sich daraus er— gibt, ist also keineswegs das Resultat menschlicher Torheit und Unvernunft oder auch blinder Habgier, sondern vielmehr das Ergebnis kaufmännischer Voraussicht, ja kaufmännischer Notwendigkeit. Wenn selbst der Leiter eines solchen Unter— nehmens wissen sollte, daß der Markt überfüllt ist, was soll er tun?„Ihm bleibt ja nur die Wahl, ob er mit der Waffe des Fortschritts die anderen über den Haufen rennen oder ob er sich seinerseits umrennen lassen will.“ Der eigentliche Krisenerreger ist demnach der Fortschritt, und wenn man nicht auf den Fortschritt verzichten oder ihn der privaten Initiative abnehmen und damit die kapitalistische Wirtschaftsweise abdanken will,„so wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als die mit unserer Wirtschaftsweise nun einmal untrennbar verbundenen Krisen mit in Kauf zu nehmen“. Es ist gewiß sehr viel, in einem kapitalistisch geleiteten Blatt einen so klaren Nachweis dafür zu finden, daß es— der Kapitalismus ist, der den Segen des Fortschritts in einen Fluch verwandelt. Denn das liegt doch klar auf der Hand, daß die fortwährende Ersetzung alter Maschinen durch nene, die fortdauernde Verbesserung der Technik usw. unerläßlich ist für den Fortschritt. Ohne Fortschritt auf wirtschaftlichem Gebiete ist kein Emporsteigen der Menschheit auf der Leiter der Zivilisation möglich. Nicht einmal ein Stillstand ist hier denkbar. Denn da die Menschen an Zahl wie an Bedürfnissen unausgesetzt zunehmen, so würden sie ohne gleichzeitigen wirt— schaftlichen Fortschritt ins Barbarentum zurücksinken müssen. Wirtschaftlicher Fortschritt aber bedeutet Steigerung der Produktion. Und auf diesem Gebiete hat der Kapitalismus denn auch Gewaltiges geleistet und leistet täglich aufs neue Gewaltiges. Soeben hat das Kaiserliche Statistische Amt die Ergebnisse der deutschen Produktionserhebungen veröffent- licht. Wir erfahren daraus, daß in der kurzen Spanne Zeit von 1908 bis 1912 die Jahresproduktion einiger wichtiger Industrien wie folgt gesteigert worden ist: Steinkohlen von 146 000 000 auf 175 000 000 Tonnen, Eisenerz von 18 800 000 auf 27 200 000 Tonnen. Für die folgenden Industrien liegen nur erst die Zahlen von 1908 bis 1911 vor. In diesen vier Jahren stieg die jährliche Produktion der Hochöfen von 10 700 000 auf 13 700 000 Tonnen, Eisen- und Stahlgießereien von 2400 000 auf 3 000 000 Tonnen. Walzwerke von 11 800 000 auf 16 500 000 Tonnen, Benzin von 94000 auf 165 000 Tonnen. Diese Steigerung der Produktion ist nun aber nicht er— reicht worden durch entsprechende Vermehrung der Arbeiter— zahl, sondern durch Verbesserung der Maschinen und Arbeits⸗ methoden. Dies im einzelnen darzulegen, würde uns zu weit führen. Nur ein sprechendes Beispiel sei genannt. Im Jahre 1908 gab es in Deutschland 75 Vigognespinnereien. Diese haben in demeinen Jahre von 1908 bis 1909 ihre Spindel⸗ zahl verringert von 712 500 auf 700 200. Mit der ver⸗ ringerten Spindelzahl aber steigerten sie die Produktion von 30 900 000 auf 32 300 000 Kilogramm! Man braucht sich nun bloß ein wenig in den Mechanis⸗ mus der kapitalistischen Wirtschaft hineinzudenken, um zu er⸗ kennen, daß von ihm dieser Fortschritt auf keine andere als die geschilderte Art vollzogen werden kann. Alle Produktions- mittel gehören den Kapitalisten, und selbst, wo sie öffentlichen Körperschaften gehören(Eisenbahnen, Gaswerke), werden sie kaptitalistisch betrieben. Der Profit, der Ueberschuß ist ihr Zweck. Dieser alltäglich den Kapitalisten zuströmende Ge⸗ winn ballt sich zu neuen Kapitalien zusammen, und die neuen Kapitale— suchen wieder nach Verwertung, d. h. nach der Gelegenheit, Uebrschuß zu machen. Nun späht der Kapi⸗ talist— oder der Finanzmann, der sein Geld verwaltet— nach Gelegenheit zu profitabler Anlage, und diese geschieht so, wie die„Bank“ es darstellt: Neue Fabriken werden ge— gründet, alte erweitert und umgebaut, aber natürlich nach den modernsten Konstruktionen; denn sonst würden sie keine Aussicht haben, sich einen Absatz für ihre Produkte zu erobern. Wer an eine Vorsehung glaubt, der kann es bewundern, wie sinnreich das Profitstreben der Kapitalisten in den Dienst des Fortschritts gestellt ist. Nur freilich darf er über dieser Be⸗— wunderung nicht die ungeheuren Schäden vergessen, die dar⸗ aus erwachsen. Und deren gibt es zweierlei. Einmal die Krise. Denn auf diese Art geschieht der Fortschritt nur unter Vernichtung ungeheurer Werte und unter Anrichtung unge⸗ heuren Elends. Sodann aber ist dieser Fortschritt auch wie⸗ der an das Verwertungsbedürfnis des Kapitals geknüpft und dadurch eingeschränkt: es wird nicht jede Maschine eingeführt, die Arbeit erspart, sondern nur solche, die dem Kapital Un“, kosten ersparen. ˙ Wenn demnach die„Bank“ sagt, der Fortschritt sei die Krisenursache, so ist das doch nicht ganz richtig. Die wirkliche Ursache liegt vielmehr in dem Umstand, daß das Kapital den Fortschritt nicht anders als im Dienste seines Profitbedürf— nisses bewerkstelligen kann. Woraus sich denn freilich ergibt, daß der moderne Kapitalismus ohne Krisen nicht existieren kann. Daraus folgt aber keineswegs, daß die Menschheit bis ans Ende der Tage die Krisen aushält, sondern vielmehr, daß sie den Kapitalismus beseitigen muß. Kirchenaustrittsbewegung und Sozialdemokratie. (Schluß.) Der Weg, den sie auf diesem Gebiet in Zukunft einzuschlagen bat, kann meines Erachtens nach alledem nur folgender sein: 5 1. An dem Wortlaut des Absatzes des Parteiprogramms über Religion und Kirche wird nichts geändert. 2. Der Grundsab unbeschränkter Neutralität und Toleranz der Partei muß unter allen Umständen auch in Zukunft bestehen bleiben. Nicht nur die überaus günstigen Erfahrungen, die die Partei seit Jahrzehnten mit dieser Taktik gemacht hat, verlangen das, sondern noch mehr ein Blick in die Zukunft. Gerade wenn richtig ist, daß dle kommende Zeit infolge einer stetig zunehmenden Kirchenaustritts— bewegung eine bisher nicht gekannte Buntheit religiöser Anschau— ungen und Organisationen auch für Deutschland bringen wird, ist die Beibehaltung dieses Grundsatzes auch für die Partei erst recht notwendig. Denn nur dann werden Reibungen und Gegensätze auch unter den Parteigenossen vermieden, die sonst sicher, und zwar zum großen Schaden der Partei eintreten würden. Schließlich ist diese Neutralität auch darum künftig weiter unbedingt notwendig, weil nur unter ihren Fittichen eine erfolgreiche Propaganda für die sozialdemokratischen Ziele unter der ländlichen und besonders der katholischen Bevölkerung möglich ist. 3. Die Neutralität und Toleranz der Partei muß aber in Zu⸗ kunft eine andere Betonung und Wendung, einen anderen Inhalt und ein anderes Ziel bekommen. Ich habe am Anfang dieses Ar— tikels die bisher geübte religiöse und lirchliche Neutralität eine passive und defensive genannt. Ich möchte die neue, die ich meine und vorschlage, im Gegensatz dazu eine aktive und aggressive neunen. Während die Partei ihre Neutralilät auf diesem Gebiet bisher vor⸗ wiegend dahin verstaud, daß sie sich am liebsten überhaupt nicht um kirchliche und religiöse Dinge kümmerte und sich mit ihnen nur be⸗ schäftigte, wenn Gegner sie in dieser Beziehung angriffen, muß sie in Zukunft bei allen Parteigenossen darauf drängen, daß diese auch in religiösen und kirchlichen Angelegenheiten für sich und ihr Verhalten im Leben künftig klare Entscheidungen treffen und daß sie den be— stehenden Problemen auch auf diesem Gebiete nicht gedankenlos, gleichgültig oder feige aus dem Wege gehen. Die Partei verfährt ja auch sonst immer so. Sie verlangt von allen, die sich ihr an— schließen, tätige Anteilnahme am politischen Kampf, Anschluß an Ge⸗ werkschaft und Genossenschaft, regelmäßige Zeitungslektüre, ununter⸗ brochene Weiterbildung durch Studium von Broschüren und Büchern, Zuführung ihrer heranwachsenden Kinder in die proletarische Jugendorganisation, Anschluß an die proletarischen Kunst⸗ und Sportvereine, sittliche Selbstsucht, tadelloses Familienleben, ehren— hafte Lebensführung; auf allen anderen wichtigen Lebensgebieten drängt also die Partei ihre Anhänger positiv und energisch auf klare Entscheidungen und Ziele, auf Entschlüsse und Taten hin. So muß sie das in Zukunft auch in religiöser und kirchlicher Beziehung tun. Dementsprechend muß sie den Paxteigenossen erklären: auch Religion und Kirche gegenüber ist Unklarheit, Lauheit und Gleichgültigkeit eines Genossen ebenso unwürdig wie in wirtschaftlichen, geistigen und politischen Angelegenheiten. Sie muß fordern: entscheidet euch auch religiös und kirchlich und handelt dann nach eurer Entscheidung; aber entscheidet euch allein nach innerem Bedürfnis und eigenster Ueberzeugung. Kein anderes als dies persönliche Moment und Motiv darf gelten. Denn Religion oder Nichtreligion ist die aller⸗ persönlichste Sache der Welt. Wessen religlöses Leben innerlich ab— gestorben, wer mit Religion überhaupt oder doch mit der von der Kirche verkündigten Religion fertig ist, dessen Pflicht und Schuldig⸗ leit ist es, Kirche und Religionsgemeinschaft, welche immer es auch sei, zu verlassen. Tut er es nicht, so ist er entweder ein Heuchler oder ein Mensch, der durch sein Bleiben in der Kirche auf allerlei niedrige Vorteile spekuljert: ein Sozialdemokrat, ein Klaslen⸗ und Zukunftstämpfer soll keines von beiden fein; die Partei bedarf, um der Erreichung ihrer Ziele willen, aufrechter, ehrlicher, wahr⸗ haftiger, mutiger Männer und Frauen. Wer aber aus innerem Ve⸗ dürsnis und ehrlicher Neigung in seiner Kirche glaubt, bleiben zu müssen, der soll sich innerhalb ihrer in Zukunft auch betätigen, und zwar als ein frommer, freier, tapferer Sozialdemokrat. Die Grund⸗ sätze und Ideale der Sozialdemokratie soll er versuchen, mit Leiden⸗ schaft und Nachdruck auch in seiner Kirchengemeinschaft zur Geltung und Anwendung zu bringen. Das ist in diesem Falle um so leichter möglich, als ja demokratischer Sozialismus und reines, das heißt ursprüngliches Christentum in vielen Vezlehungen enge Berührung miteinander haben. Natürlich müßten solche in der Kirche bleibende und tätige Genossen unter sich ein religiöses und kirchenpolitisches Programm für ihr Verhalten schaffen. In diesem Programm müßten dann unter anderen mindestens folgende Forderungen stehen: Ausmerzung der alten Weltanschauungsbestandteile aus der religiösen Verkündigung: 5 Rückkehr zu den paar alten schlichten religiösen Lehrsätzen Jesu: Rückkehr zu den sittlich-sozialen Grundsätzen der urchristlichen Gemeinden; Erklärung der Religion zur Privatsache; Trennung der Kirche vom Staat: Trennung der Schule von der Kirche; Dezentralisatson des Kultus: Einführung des allgemeinen, gleichen, geheimen, direkten Wahl- 0 rechts zu allen kirchlichen Vertretungskörperschaften; Abschaffung der Militärgeistlichkeit N Selbstverständlich sind diese Vorschläge weder bindend noch er⸗ schöpfend. Sie zu korrigieren und zu ergänzen müßte Sache der⸗ jenigen Parteigenossen sein, die in den Kirchen bleiben und weiter in ihr zu bleiben gedenken. Auch bleibt es natürlich höchst zweifel⸗ haft, ob solche Genossen jemals auch nur ein Stück ihres Zieles er- reichen werden. Das ist jedoch eine Angelegenheit, die die Partei als solche nichts angeht. Mißlingt sie, so hat sie davon wahrlich keinen Schaden, die Kirchenaustrittsbewegung aber nur Nutzen, weil ihr neue Anregungen daraus erwachsen. Was die Partei allein an⸗ gehen kann, ist der Umstand, daß die Paxteigenossen auch religiös so wenig schlafen wie in anderer Beziehung, und daß sie durch Taten die Konsequenz ihrer Ueberzeugung ziehen. Beide geschilderten Formen religlöser und kirchenpolitischer Be⸗ tätigung würden nicht nur dem bisherigen Grundsatz der Neutrali⸗ tät, sondern auch der revolutionären Tradition der Partei durchaus entsprechen. Indem die Genossen sie in Massen anwenden, revolu⸗ tionieren sie auch Kirchen und Religionen. Denn sie nehmen damit die bisher sprödesten, konservativsten, reaktionärsten Gebilde der Gegenwart von zwei entgegengesetzten Seiten her unter einen an⸗ 5 haltenden, konsequenten Massendruck, zerstören— durch den Massen⸗ austritt— an ihnen, was ohnehin dem Tode geweiht ist, und bilden — durch innerkirchliche Politik— zu modernen Organisationen um, was, aus den Tiesen des unverwischbaren religiösen Bedürfnisses eines Teiles der Menschen heraus, ohnchin weiter lebensfähig bleiben wird. 5 Jedenfalls bleibt in alledem die Partei sich selbst und ihrer bis⸗ herigen erprobten Taktik der Neutralität und Toleranz getreu. Sie entwickelt diese nur entsprechend den neuen Verhältnissen folge⸗ richtig weiter, indem sie die bisher rein passiv und desensiv gehaltene Neutralität in eine aktive und aggressive umwandelt. Sie bleibt dabei als Partei unantastbar; sie ermöglicht weiter wie bisher jede Agitation und Propaganda für unsere Zlele selbst in den aller⸗ frömmsten Gebieten und Volksteilen; sie trägt andrerseits der zu⸗ nehmenden Massenkirchenaustrittsbewegung der Parteigenossen klug und entschlossen Rechnung; und sie entbindet mit alledem auch auf dem Gebiet der Kirche und Religion einen neuen Fortschritt. Das Kaniuchenblut als Detektiv. Von Dr. A. Hasterlik, München. 5 „Erzogen in Paris, riecht's ewig nach dem Kohl, den man es fressen ließ.“ Mit diesem vernichtenden Epigramm hat man den harmlosen Stallkaninchen zu Boileaus Zeiten jede Daseinsberechtigung als Spender der damals hoch in Blüte stehender Tafelfreuden absprechen wollen. Hätten unsere Physiologen und Bakteriologen sich des geduldigsten aller Geschöpfe nicht angenommen,— Gott weiß, ob wir noch heute, unter Heranziehung staatlicher Unterstützung, an die * 4 „ 7 — 8* 1— krrichtung besonderer Naturschutzvarke für Stallkaninchen schreiten müßten! Denn das Stallkaninchen wird in einem geordneten Staatsleben immer unentbehrlicher. Das ist kein Scherz, sondern in des Wortes vollster Bedeutung: bluti- ger Ernst.. So notwendig der Hund dem Jäger ist, so unenbehrlich ist dem modernen Strafrichter in vielen Fällen das Kaninchen. In diese Ehrenstellung haben die Physiologen es eingesetzt, seit sie, im Verein mit den Biologen, im Blute des Kaninchens höchst wertvolle Eigenschaften entdeckten. Spritzt man einem Kaninchen in die Ohrvene Menschenblut ein— man wählt diese Einfuhrstelle, weil sie bei der Länge und Dünne des Ohres die Arbeit des Einspritzens erleichtert und dem Tier keine Schmerzen verursacht— so wird an dem Tier kaum etwas zu bemerken sein. Umso merkwürdiger sind aber die Vorgänge, die sich in seinem Blute abspielen. Es hat näm— lich die Eigenschaft angenommen, mit untrüglicher Sicherheit zu entscheiden, ob eine Blutspur, die der Kriminalist irgend— wo entdeckt, vergossenes Menschenblut oder harmlosen Un— sprungs ist. a Im Blute des Kaninchens sind als Folge der Ein— spritzung mit dem„ganz besonderen Safte“ Menschenblut neue Körper entstanden, Körper, die darin vorher nicht kreisten. Präzipitine nennt sie die Wissenschaft, d. h. aus⸗ fällende Substanzen, die ein Präzipitat, d. h. einen Nieder— schlag, einen Bodensatz bilden, wenn man das Blut des so vorbehandelten Kaninchens mit Menschenblut mischt. Man ennt diese Arbeitsweise eine Präzipitinreaktion, und weil das Reagenz nicht aus dem Laboratoriumsschrank entnommen werden kann, sondern dem lebenden Körper entstammt, spricht man von einer biologischen Arbeitsweise. Sie besteht darin, daß man dem Versuchskaninchen, nachdem man ihm durch eine Reihe von Tagen immer steigende Mengen von Menschen— Aut eingespritzt hat, nun das gesamte Blut entzieht. Dann läßt man es freiwillig gerinnen, wobei sich die Blutkörperchen 'on der Flüssigkeit, in der sie schwimmen— dem Blutwasser— Serum— sondern. Dieses Serum bildet das Reagenz, es vird in sierilisierten Röhrchen abgefangen und ist jederzeit gebrauchsfertig. Löst man die Blutspur, die sich irgendwo befand und von der Verdacht besteht, sie sei Menschenblut, in einer wässe— igen Kochsalzlösung auf, versetzt diese Lösung mit einigen ropfen des oben erwähnten Serums, so wird, wenn Men— chenblut vorlag, eine Trübung der Mischung stattfinden; eibt die Mischung klar, dann war der Verdacht nicht gerecht⸗ igt. Man hat den Kaninchen in gleicher Weise verschie— enes Eiweis eingespritzt und jedesmal gefunden, daß das im nur immer auf das gleichartige Eiweis reagierte. ahm man Hühnereiweis, so erhielt man nur in einer ühnereiweislösung, nicht aber in einer Fleischeiweislösung nen Niederschlag, nahm man Pflanzeneiweis, nur in der ösung eines Eiweises pflanzlichen Ursprunges, Niederschläge. ie anfänglich nur die Schwerverbrecher überführende Me— ode, wurde auch für die kleineren Missetäter hinter dem dentisch gefährlich. Ein vor zirka 3 Jahren mit großer klame und dem entsprechenden Verdienst auf den Markt worfener konzentrierter Fleischsaft, der die Quintessenz von usend Ochsen enthalten sollte, erwies sich mit Hilfe dieser aktion als— chinesisches Eiereiweis. Man lüftete das nge Inkognito mancher Pferdewurst, die als„Cervelat— st“ auf Reisen ging und man ist oben daran, den farben— digen Teigwarenfabrikanten besser auf die Finger sehen können, als mit Hilfe der chemischen Untersuchung bisher glich war. Wird nämlich geschlagenes Hühnereiweis in siologischer Kochsalzlösung einem Kaninchen durch einige ige eingespritzt, dann erhält das Serum dieses Tieres die senschaft in Auskochungen von Teigwaren(Nudeln, karoni usw.) nur dann Niederschläge zu geben, wenn diese ren tatsächlich mit Eiern, und nicht mit einem diese vortäuschenden gelben Farbstoff hergestellt wurden. In sserteigwaren, d. h. in eifreien Teigwaren, tritt keine auf. Man kann mit Hilfe des Serums aber nicht Anwesenheit von Eiern bestimmen, sondern man ag auch aus dem sofortigen Auftreten des Niederschlages kennen, ob die untere Grenze des Eigehaltes eingehalten 3 f r J N e 5 c 2 wurde, die bei Ware, die mit Recht den Namen Eierteigware führen darf, 8—4 Eier auf ein Kilo Teig beträgt. Unserer schwer kämpfenden Bienenzucht, die unter dem Wettbewerb des Kunsthonigs leidet, ist in dem Serum des mit Bieneneiweis vorbehandelten Kaninchens ein Mit- kämpfer entstanden. Ein solches Serum gibt nur mit einem Honig Niederschläge, der tatsächlich den Bienenmagen passierte und dort sowohl wie im Bienenstock zu dem Produkte umge- wandelt wurde, dem von altersher der Namen Bienenhonig gebührt. Honige, die auf Rübenfeldern wuchsen oder deren Stammbaum auf dem Kartoffelacker wurzelte, geben keine Trübungen. So hat sich das harmlose Kaninchen zu einer wichtigen Stütze unserer Rechtspflege entwickelt und ist zum Schrecken aller derer geworden, für die Uhland vergeblich die Mahnworte schrieb:„Ueb' immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab.“ Sind die Naturgesetze veränderlich? Von Henri Poincaré f. Wie wäre es, penn die Menschheit durch längere Zeiträume be⸗ stehen könnte, als gewöhnlich angenommen wird; lange genug, um die Naturgesetze unter ihren Augen sich verändern zu sehen? Oder noch besser, wenn die Menschen dazu gelangten, genügend empfind⸗ liche Instrumente zu bauen, um die Veränderung, so langfam sie auch sei, schon im Verlaufe weniger Menschenalter wahrnehmbar zu machen? Dann wären es nicht mehr Schlüsse und Folgerungen, sondern unmittelbare Beobachtung, auf der unsere Kenntnis von den Aenderungen der Naturgesetze ruht. Würden dann nicht alle vorangegangenen Ueberlegungen, alle frühere Naturforschung, zu nichte? Die Aufzeichnungen, in denen die Erfahrungen unserer Vorfahren niedergelegt wären, wären dann auch nichts anderes als Ueberreste aus der Vergangenheit, die uns von eben dieser Ver⸗ gangenheit nur eine indirekte Kenntnis vermitteln würden. Die Urkunden der Vergangenheit sind für den Geschichtsforscher das, was die Versteinerungen für den Geologen sind, und die Werte der Forscher vergangener Zeiten waren eben auch nichts anderes, als Urkunden aus der Vergangenheit. iSe würden uns über das Denken jener Forscher nur in dem Maße Aufschluß geben, wie diese Menschen von einstmals denen von heute ähnlich waren. Wenn die Naturgesetze sich wirklich ändern würden, dann wäre das Universum in allen seinen Teilen diesem Einflusse unterworfen, und auch die Menschheit könnte sich ihm nicht entziehen. Selbst wenn man an⸗ nimmt, daß sie in der neuen Umgebung hätte weiterleben können— so hätte sie sich doch notwendigerweise ändern miissen, um sich ihr anzupassen. Und so wäre uns die Sprache der Menschen von einst⸗ mals unverstäudlich geworden; die Worte, derer sie sich bedient haben würden, hätten keinen Sinn mehr für uns, oder doch einen anderen. Geschieht Aehnliches nicht schon nach wenigen Jahr⸗ hunderten, obwohl die Naturgesetze indes ungeändert geblieben sind? Und so verfallen wir stets in den gleichen Zweiselszustand: Entweder bleiben die Dokumente von ehedem uns vollkommen ver⸗ ständlich, und das wird dann der Fall sein, wenn die Welt sich gleichgeblieben ist—, dann werden sie uns aber auch nichts Neues lehren können. Oder aber sie sind zu entzifferbaren Rätseln ge⸗ worden, dann lönnen sie uns überhaupt nichts anderes lehren, als daß die Gesetze sich geändert haben, wir wissen, daß nicht einmal soviel nötig ist, um sie uns zu toten Buchstaben zu machen. Uebrigens würden solche Menschen von einstmals, ebenso wie wir, stets nur eine bruchstückenweise Kenntnis der Natur haben be⸗ sitzen können. Wir werden stets ausreichende Mittel finden, um zwei Bruchstücke, selbst wenn sie unversehrt sind, passend aneinander⸗ zufügen; um wieviel eher noch, wenn uns von der fernen Ver⸗ gangenheit nur ein verblaßtes, ungenaues und halbverwischtes Bild erhalten ist? Ich nehme eine Welt an, deren Bestandteile eine so vollkom- mene Wärmelcitsähigkeit besitzen, daß sich die Temperatur ganz ausgliche. Dann wäre überall in ihr die Temperatur gleich. Die Bewohner dieser Welt hätten keine Vorstellung von dem, was wir Temperaturunterschied nennen; in ihren Abhandlungen über Physit gäbe es kein Kapitel über Temperaturmessung. Stellen wir uns nun vor, daß diese Welt sich durch Wärme⸗ ausstrahlung langsam abkühle. Die Temperatur wird überall gleich⸗ förmig verteilt bleiben, sie wird aber im Laufe der Zeit finken. Angenommen, ein Bewohner dieser Welt verfalle in einen Schlaf. aus dem er nach Jahrhunderten erwacht: wir wollen, da wir schon so vieles angenommen haben, noch die Möglichkeit einräumen, er auch in der etwas kälteren Welt zu leben vermöchte, und sich die Erinnerung an den früheren Zustand bewahrt haben wiirde. Er würde sehen, daß seine Nachkommen fortfahren, physitalische Ab⸗ handlungen zu schreiben, daß auch sie nicht von Temperaturmessun reden, daß aber die Gesetze, die sie lehren, durchaus verschieden Kab von jenen, die er kannte. Ihn z. B. hatte man gelehrt, daß Wasser unter einem Drucke von 10 Millimeter Quecksilberfäule t; die neuen Physiker aber würden beobachten, daß, um es zum Kochen bringen, der Druck bis auf 5 Millimeter herabgefetzt werden muß Körper, die er einst flüssig kaunte, werden sich nunmehr iu keltei Zustande vorfinden und so fort. Die gegenseitigen Beziehungen der Bestandteile dieser Welt, die von der Temperatur abhängen, wer⸗ den, da diese sich geändert hat, durchaus umgestoßen sein. Sind wir nun aber sicher, daß es nicht irgend eine physikalische Größe gibt, die uns ebenso unbekannt ist, wie die Temperatur den Bewohnern jener eingebildeten Welt? Wissen wir, ob jene Größe sich nicht stetig ändert, wie die Temperatur einer Kugel, die ihre Wärme durch Strahlung verliert, und ob nicht diese Aenderung eine Aenderung aller Naturgesetze nach sich zieht?——— So vollkommen die Wärmeleitfähigkeit auf jenem Planeten sei, so wird sie doch zweifellos nicht ganz vollkommen sein, so daß Temperaturunterschiede, wenn auch außerordentlich geringe, immer noch möglich sein werden. Sie würden lange Zeit der Beobachtung entgehen, aber es käme vielleicht der Tag, wann man noch empfind⸗ lichere Meßapparate ersinnen und ein genialer Physiker diese fast unmerklichen Unterschiede der Beobachtung zugänglich machen würde. Eine Theorie würde aufgestellt werden; man würde erkennen, daß diese Temperaturabweichungen Einfluß auf alle physikalischen Er⸗ scheinungen haben, und schließlich würde irgend ein Denker, dessen Auffassung den meisten seiner Zeitgenossen gewagt und kühn er⸗ scheinen würde, die Behauptung aussprechen, daß die mittlere Tem⸗ peratur der Welt sich im Laufe der Vergangenheit geändert haben könne, und mithin auch alle damit in Verbindung stehenden Natur⸗ gesetze. Können wir selbst nicht auch eine ganz ähnliche Sache erleben? Die Grundgesetze der Mechanik z. B. wurden lange Zeit hindurch als absolut betrachtet. Heute sagen manche Physiker, daß sie ge⸗ ändert, oder vielmehr erweitert werden müssen; daß sie nur mit großer Annäherung richtig sind für die Geschwindigkeiten, an die wir gewohnt sind: daß sie aber aufhören werden, es zu sein für Ge⸗ schwindigkeiten, die mit der Lichtgeschwindigkeit vergleichbar sind. Sie stützen ihre Auffassungsweise auf gewisse, mit Hilse des Radiums gewonnene Erfahrungen. Die alten Gesetze der Bewegungslehre bleiben nicht weniger praktisch richtig für die Welt, die uns umgibt. 5 Unter dem Titel„Letzte Gedanken“ ist vor einigen Wochen eine deutsche Ueberfetzung der letzten Vorträge und größeren Aufsätze von Henri Poincars bei der Akademischen Verlags⸗ gefellschaft in Leipzig erschienen(Preis 4.50 Mark), denen Wilhelm »Ostwald ein Geleitwort gibt, in dem er den erschütternden Eindruck schildert, den die Todesnachricht im Sommer 1912 auf die gahl⸗ reichen, zur Vierteljahrtausendseier der Londoner Königlichen Wiffenschaftlichen Gesellschaft versammelten Gelehrten aller Länder machte. Henri Poincaré war wohl der Bedeutendste aus der Ge⸗ lehrtensamilie dieses Namens— der jetzige französische Präsident ist sein Bruder—: er war einer jener seltenen universell gebildeten Männer, die nicht bloß ihr Spezialgebiet beherrschten, sondern auch die angrenzenden großen Wissensgebiete, und in allen Fächern der exakten Naturwissenschaften ihre schöpferische Tätigkeit entfalteten. Poincaré war nicht bloß einer der größten Mathematiker, sondern auch eine erste Größe auf den schwierigen Gebieten der Himmels⸗ mechanik, sowie der theoretischen Physik. Was er anrührte, bekam daher stets einen ausnehmend allgemeinen Charakter, umsomehr, als er die wissenschaftliche Sprache mit großer Eleganz handhabte. Naturgemäß schwebte der große Forscher immer auf den obersten Höhen seiner schwierigen Wissenschaften, so daß es dem Unbe⸗ wanderten leider meist unmöglich ist, dem genialen Gedankenfluge zu folgen. Aber gerade diese„Letzten Gedanken“ bieten einige all⸗ gemein verständliche Aufsätze, bei denen der Laie Gelegenheit hat, sich mit Genuß darein zu versenken. Versenken ist allerdings nötig, das beweisen auch die hier wiedergegebenen gekürzten Stücke aus dem ersten Auffatze:„Sind die Naturgesetze veränderlich?“. Mit Recht betont Poincaré gleich zu Anfang seiner Ausführungen, daß zie Annahme der Veränderlichleit der Naturgesetze für die Forscher ausgeschlossen bleiben muß, weil sie sonst die Möglichkeit einer Forschung von vornherein leugnen würden. Aber welche Gedanken⸗ jülle er selbst trotz dieser feststehenden Ablehnung auch bei diesem Gegenstande beizubringen vermag, dafür gibt dieser erste Aufsatz ein glänzendes Zeugnis. F. Linke. Aus unserer Sammelmappe. Die Lese, Wochenzeitschrift für das deutsche Volk, herausgegeben von Theodor Etzel im Leseverlag, Stuttgart, legt uns ihr viertes diesjähriges Wochenheft vor. Es enthält, wie man es bei dieser vortrefflich geleiteten Zeitung nachgerade gewohnt ist, eine Menge hochwertiger, fesselnder Beiträge. Besonders erwähnt seien der Artikel von S. G. Kallenberg über den Musiker Johannes Brahms, der hübsche Romanausschnitt Nanny Lambrechts„Wie der Pastor von Mohren das Kaplänchen aufklärt“, der Brief„Eginhards an Emma“ aus Strindbergs historischen Miniaturen und schließli⸗ noch der große Roman des Franzosen Gustave Flaubert„Salambo“. — Da die Lese nur anerkannt guten und gediegenen Lesestoff bringt und die seichte„Unterhaltungslektüre“ sorgsam meidet, ist es nicht verwunderlich, daß ihre Leserzahl von Nummer zu Nummer steigt. Probenummern der Lese gibt jede Buchhandlung ab. Wo keine am Platze, wende man sich an den Verlag der Lese, Stuttgart, Ludwig⸗ traße 26, der auch bereitwilligst jede weitere Auskunft erteilt. * — Ansteckende Krankheiten und Hygiene. Wie sehr die hugienischen Verhältnisse auf die Erkrankungsziffer und die Sterblichkeit an⸗ steckender Krankheiten von Einfluß sind, davon hat man im Münchener Kinderspital ein beweisendes Beispiel erlebt. Im Jahre 1909 wurde die Scharlach- und Masernabteilung des dortigen Kinderhospitals gänzlich umgebaut und die hugienischen Aufenthalts⸗ bedingungen von Grund aus geändert. Der Krankensaal der alten Masernabteilung war dunkel, dumpf, hatte hölzerne Fußböden, keine Ventilation, Krankenzimmer, Schwesternzimmer, Bad und Kloset bildeten einen gemeinsamen Raum, der nur durch mannshohe Wände abgeteilt war. Im Neubau dagegen sind die Räume licht und luftig, an den Längsseiten mit sehr großen Fenstern und Ober⸗ lichtern zur Ventilation. Die Nebenzimmer sind getrennt. Im Krankenzimmer und Vorraum sind bequeme Wasch- und Desinsek⸗ tionseinrichtungen geschaffen. Prof. v. Pfaundler hat nun den Ein⸗ fluß der verbesserten hugienischen Verhältnisse ziffernmäßig festge⸗ stellt. Zum Vergleich wurden drei Jahre vor und drei Jahre nach dem Umbau herangezogen. Dabei ergab sich, daß die Sterblichkeit auf der Masernabteilung ungefähr auf die Hälfte herabgesunken war und zwar hauptsächlich durch die Abnahme der so gefährlichen Nebenkrankheiten, besonders der Lungenentzündungen. Für dieses Ergebnis waren, wie festgestellt wurde, nicht etwa äußere Griinde maßgebend. Auch in der üblichen Behandlungsweise hatte sich nichts Wesentliches geändert. 3 Ein Mensch ohne Gehirn. Der Begriff eines lebenden Tieres 3 ohne Großhirn ist den Naturforschern sehr wohl geläufig, seltdem 1 es dem berühmten deutschen Seelenforscher Goltz gelungen ist, drei Jahre hindurch einen Hund, dem das gesamte Großhirn 3 4 sernt wurde, zu beobachten. Die Leistungen dieses Tieres, das ja nach der herrschenden Ansicht nicht fühlen, sehen, riechen, hören, noch weniger„denken“ konnte, waren erstaunlich. Er kletterte, lief* eifrigst umher, schlief wie sonst, fraß auch normal und konnte dabei sogar noch einiges lernen. Bedingung feines Weiterlebens war 4 allerdings, daß das sogenannte Urhirn unversehrt blieb, weil dieses alle Betätigungen des rein animalischen Lebens reguliert. Daß das Großhirn des Menschen nun für seine Existenz keine wesentlich andere Bedeutung habe, wie für die höheren Säugetiere, glaubte man daraus schließen zu können, daß bei Neugeborenen noch gar keine tätigen Nervenfasern zwischen diesem Urhirn und dem Großhirn vorhanden sind. Immerhin war es von sehr großem Jnteresse, daß nun in„Pflügers Archiv der Anatomie“(1913) von den Nervenforschern L. Edinger und B. Fischer der erste Fall mit⸗ geteilt wird, in dem ein Kind 3% Jahre lang lebte, bei dessen Sek⸗ tion sich ergab, daß ihm das Großhirn und alle von ihm aus⸗ strahlenden Nerven vollständig fehlten und in wasserhältige Blasen umgewandelt waren. Dieses unglückliche Wesen verhielt sich nun aber ganz anders als der von Goltz beobachtete Hund. Die ganzen Jahre lang lag es fast bewegungslos im Schlafe da und benützte niemals seine Hände zu Instinktsbewegungen. Vom zweiten Jahre an schrie es ununterbrochen, doch konnte das Geschrei durch An drücken, namentlich des Kopfes, sofort gestillt werden. Ganz ausge⸗ schlossen war es, das Kind irgend etwas zu lehren, überhaupt irgend ein Zeichen seelischer Betätigung an ihm zu finden. Sein Dasein ging über Nahrungsaufnahme, Verdauung, Schlafen und Schreien nicht hinaus. Es ergab sich also deutlich, daß der Mensch von dem Behälter seelischer Erfahrungen, wie man das Großhirn genannt hat, viel mehr abhängig ist als auch die höchstentwickelten Tiere, daß offenbar die ganze mit ihm vorgegangene Entwicklung sich nur au sein seelisches Leben konzentriert hat, so daß sich auch der Natur forscher eine noch größere Steigung des Typus Mensch sich nur als zunehmende Verfeinerung seines bewußten Lebens vorstellen kann Großschiffahrtsweg Leipzig⸗Berlin. Nach dem Bauplan dlese neuen Wasserstraße, der von Havestadt u. Contag in Berlin en worsen ist, erhält der Kanal eine Länge von 103,5 Kilometer; Kosten sind auf 64 Millionen Mark veranschlagt. Der Schiffahrt, weg soll nördlich von Leipzig abzweigen, Eilenburg berühren un mittels einer Schachtschleuse von 11 Meter Gefälle bei Groitzsch z Mulde absteigen, die etwa 6 Kilometer weit benutzt wird; da schließt sich eine Kanalstrecke von 27,1 Kilometer Länge etw parallel zur Eisenbahn Eilenburg-Torgan. Die Elbe wird bis 1 Einmündung der Schwarzen Elster verfolgt. Hinter der Elbe ste der Kanal zum Fläming empor und führt über Seyda, Jüterbo Luckenwalde zur Havel bel Potsdam. Im ganzen sind 11 Schlen zur Ueberwindung des Höhenunterschiedes erforderlich. —