wifssen istsnacht wowöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung ne 3 3 . F 5 . 4 . . Nummer 5 Dienstag, den 3. februar 1914 3. Jahrgang 8 in der sinnlichen Fülle bunter und wirrer Gestalten taumelt, mit Wie läßt es sich leben, wenn man die Wahrheit der erlösten Welt Der lebendige Fichte. Zum 100. Todestage. 1814— 29. Januar— 1914. Von Kurt Eisner. Ich kann mir die gegenwärtige Lage der Mensch— heit schlechthin nicht denken, als diejenige, bei der es nun bleiben könne; schlechthin nicht denken, als ihre ganze, und letzte Bestimmung. Dann wäre alles Trauim und Täuschung; und es wäre nicht der Mühe * wert, gelebt, und dieses stets wiederkehrende, auf nichts ausgehende, und nichts bedeutende Spiel mit getrieben zu haben. Nur inwiefern ich diesen Zustand betrachten darf, als Mittel eines bessern, als Durch gangspunkt zu einem höhern, vollkommenern, erhält er Wert für mich; nicht um seiner selbst, sondern um des Bessern willen, das er vorbereitet, kann ich ihn tragen, ihn achten, und in ihm freudig das Meinige vollbringen. In dem Gegenwärtigen kann mein Ge— mit nicht Platz fassen, noch einen Augenblick ruhen; unwiderstehlich wird es von ihm zurückgestoßen; nach dem Küustigen und Bessern strömt unaufhaltsam hin mein ganzes Leben. Fichte, Die 2 e des Menschen, 1800. Die Tragödie Fichtes, des wahren Christen, hat sich in leibhaftig schaut, wenn alle Triebkräfte in dieser einen Sehnsucht nach Befreiung verschmelzen und verrinnen, da doch die Dinge und die Menschen hartsinnig unbeirrt ihren fremden feindlichen Weg nehmen! Beide suchten die gleiche Lösung: Einmal im äußeren tätigen Dasein die unbewehrte Brust unablässig dem Feinde heraus⸗ fordernd darbieten, handeln und schaffen, als ob morgen schon die Erfüllung aller Ideale möglich wäre; dann aber bergen sie ihr inneres Wesen in die leuchtende Sicherheit einer christlichen Mystik, die freilich bei Tolstoi sich in der schlichten Weisheit und Einfalt der Bergpredigt befriedigt, während Fichte in die luft⸗ dünnen Jenseitshöhen neuplatonischer Gottideen emporsteigt. Und endlich: Fichte und Tolstoi fliehen vor uns aus ihrer Zeit, für deren Umgestaltung sie doch selbst ihr Leben herauszugeben bereit sind. Als Fichte in der dumpfen Zeit unmittelbar vor der preußi⸗ schen Katastrophe, als deren hellsichtiger Prophet er vorher in Berliner Vorträgen die„Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters“ entwarf, an allem verzweifelte, entwickelte er vor seiner Gemeinde seine Religionslehre; die„An weisung zum seligen Leben“. Als soziales Mitglied des damaligen preußischen Staates verzeichnete er sich auf dem Titelblatt der gedruckten Vorlesungen als„der Philosophie Doktor, königl. Preuß. ordentlicher Professor der Spekulation an der Friedrich Alexander— Universität zu Erlangen, der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften Mitglied“. Was aber an Fichte geistig und wesent— lich war, das lebte, unversehrbar in dem Gottesreich der Idee, ein unserer Zeit wiederholt, nur daß den deutschen Philosophen ein früher Tod auf der umwetterten Höhe des Mannesalters dem Zusammenbruch rettungs— loser, vor sich selbst fliehender Verzweif— lung entzog, die den greisen russischen Dichter in nächtiger Angst würgte: Tolstoi. Das ist die tiesste Tragik des Menschen— schicksals, das furchtbare Problem der Lebenspanik: Wie erträgt ein Mensch, der im Innersten erfüllt und bewegt ist von der tätigen Zukunftsgesinnung erlösten Menschheit, ein Daseln, in dem all sein Wollen und Sehnen zerbricht an den stumpsen Widerständen einer blinden Welt? Unsere Zeit wurde von der Schlußszene der Tolstoitragödie einen Augenblick er— schüttert: Der sterbende Greis, der vor seinem Ende endlich, ehe es zu spät ist, ein wahrer Christ sein will; der Heim und Familie verläßt, irgendwohin in die Ein— samkeit zu seinem eigentlichen unge⸗ brochenen, mit sich selbst einsgen Selbst suchend flüchtet und den Tod findet. Der Nachlaß Tolstois hat das wilde Grausen 5 dieses Daseins enthüllt. In dem dramati— e 2 schen Fragment:„Das Licht, das im Dunkel Cohomn leuchtet“, treibt Nikolaf Iwanowitsch, der Narr, der wie ein Urchrist leben will, alles, was er berührt, ins Unglück. Da stöhnt er, qualvoll zerrissen:„Sollte ich wirklich auf Irrwegen wandeln? Sollte es ein Irrtum sein, daß ich an Dich glaube, mein Vater? Nein, nein— hilf mir, o mein Gott!“ Und als er von der Mutter eines durch seine Lehre in die Nacht des Kerkers und der Irrenzelle getriebenen Jünglings erstochen wird, da sieht er sterbend noch die Duchoboren, in deren Bewegung er den Anfang des Heils erkennt, und in Freuden geht er dahin, daß sein Leben doch noch einen Sinn bekommen. Fichte ist aus härterem Stoff geschassen als Tolstoi. In der großen Schule der wissenschaftlichen Philosophie gebildet, hat sein Bewußtsein jenes seste Gerüst höchster und reinster Gedanken, das ihn stützt und hält, ist er geistiger Künder und Schöpfer der Vollendung der Menschheit in der radikalsten Form staatlicher Organisation, während der slavische Weltdichter unserer Zeit mitten ganz einfachen Gefühlen und Vorstellungen dieses ungeheure und unermeßliche Dasein zu bewältigen sich müht und um eine Welt jenseits aller Kultur ringend ein Leben sucht, das halb wie ein wild melancholisches Zigeunerlied, halb wie die Gottinbrunst einer urchristlichen Legende verklingt und emporrauscht. Aber beiden gemeinsam ist dieses Grundgefühl ihres Daseins: Weltbürger im ewigen Licht. Nur auf Wunsch seiner Freunde hatte er seine lebendigen Worte in Druck gebracht.„Denn ich,“ so schreibt er, wie zänzlich erdentrückt,„für meine Person, bin durch den Anblick der unendlichen Ver— wirrungen, welche jede kräftigere Anregung nach sich zieht, auch des Dankes, der jedem, der das Rechte will, unausbleiblich zu Teil wird, an dem größeren Publikum also irre geworden, daß ich mir in Dingen dieser Art nicht selber zu raten vermag und nicht mehr weiß, wie man mit diesem Publikum reden soll, noch, ob es überhaupt der Mühe wert sei, daß man durch die Druckpresse mit ihm rede.“ Nur zwei Jahrzehnte umfaßt das öffent⸗ iche Wirken Fichtes. Im letzten Jahrzehnt schrieb er keine Bücher mehr, die doch ins Leere hinausgingen, nur mit der Macht seiner Beredsamkeit rang er noch, der Welt der Zukunft einige Baumeister zu gewinnen. Er war der erste politisch⸗philosophische gitator Deutschlands, in einer Zeit, die keine Parlamente, keine politische Presse, ted 0 keine Parteien hatte, deren einzige organi- Y Fiche. sierte Wirkungsbezirke die Universitäten, Akademien und ihre Umgebungen um⸗ faßten, deren einziges Publikum ein loser Haufen von Professoren, Gelehrten, Studenten, Schriftsteller war. Seine mächtige Propheten— stimme rief ins Nichts. Sein Wirken fiel in die Zeit gewaltiger von außen über die deutschen Grenzen flutender Bewegung: zwischen der großen Revolution und den Freiheitskriegen. Immer schien das kreisende Chaos eine neue Welt zu gebären; und jedes⸗ mal scheiterte die tatrüstende Hoffnung. Fichte stürzte sich in jede Bewegung und wurde immer von ihr ausgestoßen. Niemand hat in Deutschland so kühn und seurig das Recht der französischen Revolution verkündet. Dem verwegenen Jacobiner bietet sich in Jena eine Stätte der Propaganda. Er unterliegt in einem elend gehässigen Religionsstreit und wird verzagt. Er schaut noch die deutsche Revolution, als die er den Freiheitskrieg wider Napoleon auffaßt, für den er deshalb begeistert. Er stirbt in der ver⸗ zweifelten Ueberzeugung, daß abermals Volk und Menschheit um den Ertrag ihrer Blutopfer betrogen werden würde. Dennoch ergreift er auch jeden Schein von neuem Leben. Die Tat ist alles. Wer handelt, kann nie in Verzweiflung versinken. Scheinen die Mächte der Finsternis unüberwindlich, so muß eben ganz von neuem abseits und sern das Heil gewonnen werden. Außerhalb der Zeit schaffen, wenn die Zeit selbst nicht zu retten ist,— das ist die praktische revolutionär-utopische Philosophie Fichtes. So entwirft er, als die verwiistenden Handelskriege —.. England und Frankrei uropa ermöglichen, jenes sozialpolitische chlossenen Handelsstaats“, in dem Deutschland aufgefordert wird, ch von aller Welt abzuschließen und nur durch Verwendung eigener aturerzeugnisse jedem Bürger ohne Unterschied die Notdurft des Lebens zu sichern— 2 den grausamen Raubhändeln der Welt⸗ mächte, unberührt und unabhängig von ihnen. So will er, nach dem Untergang bes alten Reichs und Preußens, die junge, von der st verdorbenen Wesens unberührte Generation in abgesonderten ziehungsprovinzen für den Weltberuf des staatlos gewordenen Deutschtums vorbereiten und befähigen. Was aber gibt dem handelnden Denker letzten Endes die Kraft, im Scheitern aller Pläne, im Zusammenbruch der Hoffnungen, in der quälenden Bitternis wioͤriger Lebensumstände unerschrocken und unbewegt dennoch für die Zukunft zu werben, dennoch in Not und Verfolgung selig zu leben. Dies Prophetengeheimnis unver⸗ wundbarer Messiaskraft hat Fichte in jener Religionslehre vom seligen Leben entdeckt, die in der mystischen Glut einer an der Offenbarung Johannis entzündeten Bildersprache die Liebe des begeisterten, zukunstsgewissen Schaffens verkündet als den unver- sieglichen Urquell menschlicher Befrelung. Diese seltsamen Vor— lesungen, die lange verschollen waren, sind neuerdings in die Hände ratloser Theologen gefallen, die den Tiessinn dieser Religion der Erlösung auf Erden durch Vermengungen und Vergleichen mit dem landläufigen Christentum verwirrten. Das selige Leben, in dem Fichte die Ruhe, Kraft und Be⸗ geisterung seines Wirkens in einem Zeitalter der„Verwesung“ findet, ist das erhabene Weltgefühl des Ewigen, der Rauschzustand der Zukunftsschöpfung und Zukunstsgewißheit, geschaut und ge⸗ fühlt im Gegenwärtigen, aber nicht eigentlich von diesem einzelnen zufälligen Ich, sondern— nach Vernichtung des Ichs, das heißt gerade durch völlige Aufhebung des Individuums, von einer un⸗ zerstörbaren Ausstrahlung des allumfassenden, befreiten, reinen Menschengeistes und Erdensinns. Das ist Fichtes„Gott“, oder das„absolute Ich“; Gott verdrängt das Ich des Individuums und gibt ihm die höchste Sicherheit und Seligkeit eines im Schauen der reinen letzten Idee zum tätigen Leben ermutigenden, verpflichtenden und begeisternden„Liebe“ zum Menschengeschlecht in seiner tiefsten Umfassung. Fichte beschreibt in solchen visionären Abstraktionen das tatsächliche Bewußtsein jener Menschen, die in der Zukunft leben und deshalb für sie leben können. Daher es auch eine platte, mißverständliche Auffassung theologisch befangener Kritiker ist, daß ein Widerspruch sei zwischen der Vernichtung des Ichs! und dem Ich als Schöpfer aller Tat. Freilich meint Fichte nicht etwa bloß die Vernichtung des Schlechten im Ich, worin jene Vorbeiredner und Vorbeischreiber eine Lösung des nur in ihren Köpfen vorhandenen Widerspruchs sehen würden, es ist in der Tat die radilale Austilgung des Ich in seinen zufälligen materiellen Beziehungen und zeitlichen Hemmungen, die Auflösung des Ich im Allgesühl der Menschheit, in der Freiheit, in„Gott“. So ver- steht man, wenn anders man selbst einen Hauch der Begeisterung für das Zukünftige, für die Erlösung des Menschengeschlechts auf Erden zu empfinden vermag, daß in dieser weltflüchtigen Reinigung des sterblichen Menschen zum Göttlichen, in dieser Vernichtung des Ichs gerade der tiefste Urquell allen tätigen Lebens strömt: das Lebensprinzip des einzelnen Revolutionärs wie revolutionärer Klassen. In Wahrheit, diese Religion des seligen Schauens ins Gött⸗ liche ist so wenig tatenlose Schwärmerei, daß sie vielmehr alles Handeln ermöglicht, treibt, leitet. In den letzten Vorlesungen, die Fichte in Berlin hielt, im ersten Sommer der Freiheitskriege — sie werden als„Staatslehre von 1813“ zitiert— bezeichnete er als die Aufgabe der Wissenschaft die Philosophie der Tat:„Alle Wissenschast ist tatbegründend; eine leere, in gar keiner Beziehung gur Praxis gibt es nicht.... So kann der Spruch: Dies mag in der Theorie wahr sein, gilt aber nicht in der Praxis, nur heißen: für jetzt nicht; aber es soll gelten mit der Zeit. Wer es anders meint, hat gar keine Aussicht auf den Fortgang, hält das Zufällige, durch die Zeit Bedingte für ewig und notwendig: er ist... Pöbel.“ Das zielte auf die Herrschenden Preußens, die den Krieg gegen Napoleon führten, um die alte Tyrannei von Fürsten und Adel wiederherzustellen. Wenn er gleichwohl scheinbar in die Abgründe religlöser Mystik sich verliert und in Geistersprache redet, so eben deshalb, weil hier das Licht war, das im Dunkeln seines Lebens flutete, das ihm den Mut gab, trotz der Verzweiflung an jeder unmittel⸗ baren Wirkung, seine Gedauken auszusprechen,„damit sie nicht untergehen in der Welt“. So heißt es in dem Entwurf einer Schrift aus dem Frühjahr 1813, in dem ex den Aufruf Friedrich Wilhelm III. An mein Volk soztalistisch beantworten wollte. II. keine* friedlicher Arbeit in Johann Gottlieb Fichte entstammt jener sächsischen Hand— werkerschicht, an dem sich zuerst das Schicksal des Industrie⸗ proletariats vollzog. Als Sohn eines Bandwebers wurde er am 19. Mai 1762 in dem Dorse Rammenau in der Oberlausitz geboren. Eine trübe Kindheit. Die Familie ist halbbäuerlich. Es lastet auf ihr also auch die Unmenschlichkeit der Erbuntertänigkeit. Die Mutter frömmelt und zankt. Schon dem Kinde entsteht wohl der Zweifel an der Autorität der Familie, und früh mag in ihm der Grundsatz seiner Weltanschauung aufgedämmert sein: Nichts darf in der menschlichen Gesellschast dem Zufall überlassen bleiben. Denn er selöst war völlig dem Zufall ausgeliefert. Ihm erschloß sich der einzige Weg des Ausstsegs, der damals möglich war: er ukunftsbild eines„ge⸗ 8 sand einen adligen Gönner. Die Gutsherren hatten B. 8 farrern, denen die Aufgabe zufiel, ihre Untertanen in 8 licher Unterwürfigkeit zu erhalten. Ein Freiherr v. Miltitz n. der Gönner des Knaben, auf den er aufmerksam geworden sein — weil er die Sonntagspredigt des heimischen Pfarrers fertig erzusagen verstand. Der zwölfjährige Fichte, der bisher die Säue 8 oder mit den Bändern des Vaters hausterte, wurde erst in le Stadtschule zu Meißen, dann in das Schulkloster Pforta(bei Naumburg) verbracht. Aber noch im selben Jahre stirbt sein Schutzherr. Seitdem sorgt niemand mehr für ihn; er ist nun ganz auf seine eigene Kraft angewiesen. In Pfsorta herrscht die Tyrannei der ältern Schüler. Der jüngere Schuler ist eine Art Sklave des Obergesellen, dem er zu⸗ geteilt ist. In dieser Zeit schreibt Fichte, statt seines Namens, den Horazischen Trutzspruch in seine Bücher: Si fractus illabatur orbis, impavidum serient ruinae, wenn die Erde zusammenbricht, die Trümmer treffen einen Furchtlosen. Schon in diesem frühen Alter finden sich die beiden Triebe Fichtes nebeneinander: Auflehnung und Fluchtneigung; dem Bestehenden die Stirn oder den Rücken bieten! Desoes Robinson entzündet in ihm die Sehnsucht nach der fernen Insel, wo der Mensch ganz aus sich selbst sein Dasein— geschichtslos— neu zu schaffen vermöchte. Er wird aber zurück⸗ geholt und erhebt sich Über das Elend, indem er die streng ver⸗ botenen Schriftsteller liest: Wieland, Lessing, Goethe. Mit 18 Jahren wird er Theologie-Student in Jena, treibt aber nicht eigentlich irgend ein Fachstudium, sondern rafft unruhig, sehn⸗ süchtig durch die Fakultäten schweifend, Allgemeinbildung. cht Jahre gehen in dem leeren Elend eines öden Hauslehrertums in, das dem Mittellosen, den ewigen Studenten den Hunger notdür tig fristet. Dann ist seine Krast erschöpft. Aber er will dem brutalen Zufall sich nicht beugen, sondern in Freiheit über sich selbst ent⸗ scheiden. Er ist entschlossen, seinen 28. Geburtstag nicht mehr zu erleben. Am Vorabend wird er seinem Leben ein Ende setzen. Da — in letzten Augenblick— bietet sich ihm ein Erziehungsamt in der Schweiz. Er geht nach Zürich und hier schlägt sein Leben Wurzel; findet auch in einer Nichte Klopstocks die Freundin und spätere verständige und hochgemute Lebensgefährtin. 1790 ist Fichte wieder in Deutschland, wieder in Leipzig: hauslehrert und hausmeistert. Wieder ein Zufall entscheidet Über seine geistige Richtung. Er soll einen Junker in Kants Philosophie einführen; so versenkt er sich selbst in sie und inmitten schwerster Bedrängnis, führt er zum ersten Mal ein seliges Leben im Geiste der Wahrheit. Die Kritit der reinen Vernunft, die er 1 selbst später in den verschiedenen Entwürfen seiner„Wissenschafts⸗ 5 lehre“ weiterbildet, erzieht ihn zur Strenge wissenschaftlich be- wußten Denkens. Aber seine Art wird mehr bestimmt durch die praktische Vernunft, die soziale Ethik Kants, in der die Idee der gleichen und freien Menschheit zum ersten Mal die wissen⸗ schaftliche Grundlage gesellschastlich handelnder Sittlichkeit bildet. Von hier aus entwickelt sich dann sein Lebenswerk; In feinen Systemen der Sittenlehre und des Staatsrechts wie in seinen auf volkstümliche Wirkung berechneten kleineren Schriften und Vor⸗ 5 lesungen(Bestimmung des Menschen und Geschlossener Handels⸗ 5 staat 1800), Rede an die deutsche Nation(1808) wirkt sich immer klarec und tiefer die Idee und das Bild einer sozialistischen Ge⸗ f sellschaft aus. In einem adligen Hause zu Warschau soll er Erzieher werden. Aber abgewidert durch den feudalen Dünkel der Herrschaft wirft er sosort den Bettel hin. Er war ja eigentlich doch nur nach Warschau gegangen, um die Möglichkeit zu gewinnen, in Königs⸗ 2 berg zu sein und Kant persönlich kennen zu lernen. Bald ist er in Königsberg und durch ein in stürmischer Hast hingeworfenen „Versuch einer Kritik aller Offenbarung“ gelingt es ihm, das Ver⸗ 7 trauen des zurückhaltenden Alten zu gewinnen. Der verschafft ihm auch einen Verleger. Die ohne Namen erscheinende Offen: barungs⸗Schrift wird für ein Werk Kants gehalten und deshalb e gelobt. Dies Mißverständnis begründet seinen Ruhm. 5 Inzwischen ersaßt wie Kant auch Fichten mit hinreißender Gewalt das ungeheure Schauspiel der französischen Revolution. Wieder in der Schweiz wird er zu ihrem sprachgewalt Propheten. So lodern seine kühnen Jugendschriften auf, in d er von den Fürsten die Denkfreiheit zurückfsordert und die Anschau⸗ ungen des Publikums über die französische Revolution“ bericht— Schon 1792, als die Zensur in Halle die Drucklegung der Offen⸗ barungskrittk untersagte, hatte er in einem Brief die kecke Regel all seiner künftigen Schriftstellerei und Gedankenpropaganda auf- gestellt:„Ich für meine Person spreche der preußischen Inquisttloen unter der Nase Hohn“. 1 5 Die geringe Meinung, die man am klassischen Musenhof zu Wel⸗ mar, von der Echtheit und Dauer politisch⸗ revolutionärer Tempera⸗ mente in Deutschland hatte, veranlaßte das Mißverständnis seiner Berufung nach Jena. Man brauchte einen Lehrer, der Studenten und also auch Geld nach Jena zöge. Es gab keine zugkräftigere Be⸗ redsamkeit als die Fichtes, des Propheten. Und die„demokratische Phantasie oder Phantasterei“ würde er sich schon in Brot und Wür⸗ den ebenso abgewöhnen, wie alle andern, die einmal jung gewesen 5 und für Freiheit und Menschenerlösung unreif geschwärmt. So gänz⸗ lich fremd war den Aestheten von Weimar die Vorstellung, einn Menschen könne Politik unlösbarer Daseinsinhalt und Lebensernst ein. Der Erfolg des Lehrers entsprach mehr als den— 4 g Die Jugend strömte begeistert zu dem Propheten der Freiheit,. auch das Geld sich häufte. Und all das Gluck und all den Glang 4 Daseinsklugheit anzupassen. Eine Au 2 1 Giaue schreitet immer drohender der Schreckensruf: Ein Jacobiner fasser sich bemüht habe,„das Dasein Gottes als eines selbständigen Aber in keinem preußischen Buchladen sei das Journal zu finden, Schriften,„die der Au die Gott zu einem persönlichen Weltschöpfer, Menschenlenker und Trristenz unvereinbar mit der erhabenen Gottesidee Fichtes war. So mußte allerdings Fichte für das Kirchenchristentum ein Atheist sein, weil dieses ihm selbst niedrigster Atheismus schien. Die Wei⸗ flährlichsten Augenblicke kleinen, bequemen Akt der Nachgiebigkeit die Stellung zu retten. Diiesem geistigen Selbstmord kam Goethe zuvor, dem dieses ganze un⸗ bändige Treiben längst zuwider war; er opferte als Minister den ward, den Fichte anfangs als den Vollstrecker der Revolution ver— ehrte, bis er ihn als ihren Abtrünnigen haßte. Die Verhandlungen mit Frankreich blieben ergebnislos. Die(damals preußische) Uni⸗ radikalste Verneinung des Zeitalters, heute würde man sagen, den 2 semester in Königsberg, geht nach Kopenhagen und kehrt nach Berlin Hiäsche te der Unsinnige aufs Spiel. Seine Jeneuser Jahre treiben Kon— kt auf Konflikt. Die Verbindungsstudenten stört er in ihrer rüden Zügellosigkeit. Das neidische Professorentum hetzt er gegen sich auf, ie Weimarische Regierung wird ängstlich. Durch dle deutschen auf einem deutschen Lehrstuhl! Aufsätze in den von Fichte heraus⸗ gebenen philosophischen Journal wurden des Atheismus angeklagt. Das Journal wird in einigen hundert deutschen Vaterländern ver⸗ boten. Dieses Ruhmesblatt preußischer Freiheit ist freilich zerfetzt, seitdem man die Kabinettsordre Friedrich Wilhelm III. vom 25. Mai 1799 kennt: Der König ist zwar auch peinlich berührt, daß der Ver⸗ Wesens wegzuräsonnieren“, auch bemitleidet die Majestät höhnisch die„Halbphilosophen, die ihre Vernunft in dem Grade verlieren“. ebenso wenig ein Anhänger seiner traurigen Lehre, wofern die smerksamkeit der Regierung ganz unwürdig sind, nicht durch öffentliche Schritte aus der Dunkelheit hervorgezogen werden, in der sie bisher garnicht bemerkt wurden“. Preußen duldete Fichte, weil der vertrackte Träumer kein Unheil anrichten konnte, das Asul, das dieser Staat dem Verfasser dann bot, ist die altpreußische Vorliebe des Hoses für gelehrte Narrenfreiheit zu ver⸗ danken. In Schriften von mächtiger Ueberzeugungskraft hatte Fichte die Anklage des Atheismus den Anklägern selbst entgegengeschleudert, Strafrichter gottlästerlich erniedrigen. Ein solcher Gott, wie ihn die Kirche lehrte, war für Fichte, nicht nur, wie Kant lehrte, als Inhalt eines Glaubens für die Philosophie, als die Wissenschaft von den Wissenschaften, unbeweisbar, das Nicht⸗Dafein eines solchen Gottes war für ihn vielmehr schlechthin erwiesen, da eine solche göttliche marische Regierung zögerte. Als aber Kursachsen den Boykott der Universität androhte, wußte man, was zu tun. Das waren die ge⸗ in Fichtes Dasein. Einen Augenblick schwankte der Mann, ob es nicht schließlich doch vernünftiger wäre, das irdische dem ewigen Seelenheil voranzustellen und durch einen Prosessor, indem er einen unverbindlichen Privatbrief Fichtes als n Entlassungsgesuch stempelte und allerhöchst genehmigen ließ. Fichte stand bürgerlich wieder im Leeren, aber aufrecht. Nie wieder latte er Anwandlungen zu überstehen, seinen Charakter der icht bietet ihm die neue Uni⸗ versität der französischen Republik: Mainz. Eine seltsame Fügung wollte es, daß ein Jenenser Schüler Fichtes Sekretär Bonapartes versität Erlangen nimmt ihn eine Zeit lang auf. Nach Berlin über⸗ siedelt, fristet er seine Existenz durch Privatvorträge, in denen er die Umsturz des Staates und der Gesellschaftsordnung predigt. Napo⸗ leon gestaltet sich ihm zum Inbegriff alles Bösen: er hat den revo⸗ lutionären Ausfschwung der Menschheit zerstört. Darum bietet er sich schon 1806, ebenso vergebeus wie 1813, dem preußischen Könige an, mit dem Heere als Feldprediger des wahrhaften Krieges zu ziehen. Nach dem Zusammenbruch Preußens wirkt er ein Winter— zurück, wo er angesichts des Feindes und in klarer Erwartung, den . rn und dem Tode ausgeliefert zu werden, in den Reden an die deutsche Nation zur Massenerhebung gegen die „Universalmonarchie“ Napoleons aufruft. 7 Nichts ist eine so grobe und so sinnlose Fälschung, als das Ge⸗ rode von der Wandlung Fichtes vom vaterländischen Weltbürger und Revolutionär zum nationalistischen Patrioten der preußischen Mo⸗ narchie. Fichte ist der gleiche geblieben, nur hat er unter veränderten Deitumständen das Zentrum seiner Wirksamkeit verlegen miissen. die Revolution war im Kaiserreich zugrunde gegangen, die Idee der nschheit schien verloren, die Großmächte der Erde in Raubtiere verwandelt, die einander zerfleischten. So konnte, das war Fichtes Gedanke, die Rettung der Welt nur von einem Volke kommen, das . de wegen der Auflösung seines staatlichen Daseins blos noch üstig existierte. Das Ziel der deutschen Kriege gegen Napoleon var ihn nach wie vor der Völkerbund sozfalistischer Staaten. Diese neue Welt“, dieses„Vernunftreich“ ist der Gipfel, zu dem— mitten 4* Freiheitskriegen— Fichte noch in seinen letzten Vorlesungen „Die Reden an die deutsche Nation sind nur ein Kapitel einer sozlalistischen Utopie. Sie fordern die Erziehung der jungen Gene⸗ ation in abgesonderten Erziehungsanstalten, in denen nach Pesta⸗ lozzis Lehre Menschen gebildet werden; eine von Grund aus das hengeschlecht erneuernde Erziehung, die nicht etwa nur den Mut e zur bewährten Massenerhebung gegen die Fremdherrschaft, bie Zöglinge reif machen sollte, Bürger der so ialistischen dem Siege solgen würde. In der ge⸗ u herausgab, deuten darauf Lebens an einer Schrift er ein umfassendes Bild des Zukunftsstaates ent⸗ warf. Das scheint offenbar der Grund zu fein? warum der in der königlichen Bibliothek zu Berlin verschlossene Nachlaß Fichtes immer noch nicht vollständig veröffentlicht ist. III Seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts wuchs Fichtes Drang, sein persönliches Dasein mustisch zu vergrübeln, und im reinen Geiste zu sichern, in demselben Maße, wie das Ungestüm, unmittelbar prak— tisch in die Zeit zu wirken. g In der Epoche der schlimmsten Demütigung Preußens benutzten die kleinlaut gewordenen Hlerrschenden eine Zeit lang auch Fichtes Prophetenmacht. Als 1810 die Universität Berlin gegründet wurde, gab man ihm eine Prosessur. Es ging ihm nicht anders wie in Jena. Im zweiten Jahre der Universität wurde er Rektor, mußte das Amt aber, nach heftigen Kämpfen mit einem preußischen Stallknecht von Kultusminister bald aufgeben. Hätte er 1815 überlebt, wäre er seiner Prosessur entsetzt worden und im Kerker geendet. Fichte kannte sein Schicksal, das ihm bevorstand. zum Kriege aufrief, war er sich klar, daß dieser Krieg nicht„wahr⸗ haftig“ werden würde, kein Krieg für die Freiheit. Damals schrieb er:„Wenn sich nun hinterher doch zeigte, daß es nicht Ernst gewesen wäre, wenn nach Errettung im Kampfe abermals die Selbständigkeit der Nation dem Vorteile der Herrscherfamilie aufgeopfert würde, wenn sich zeigte, daß der Herrscher zwar wollte, daß für seine Herr⸗ schaft das edelste Blut seines Volkes flösse, er dagegen für die Selbst⸗ ständigkeit desselben seine Herrschaft nicht wagen wollte, so könnte unter einem solchen der Vernünftige durchaus nicht bleiben. Ein solcher Staat befindet sich im Zustande der Verstockung, er hat öffent⸗ lich das Siegel der Verwerfung sich selbst aufgedrückt. Der Edle rettet sein unsterbliches Leben, indem er flieht.“ Er glaubte nicht an den Beruf eines freien Preußen unter Führung Friedrich Wilhelms und der Junker. Ein Lazarettfieber, das sich seine Frau bei der Pflege der Verwundeten zugezogen, über⸗ trug sich auf Fichte, und raffte ihn am 29. Januar 1814 fort. Dem toten Fichte aber ward nun zum erstenmal lebendige Wirkung beschieden. Die wiedererstarkten Machthaber entdeckten in Fichte den Urheber aller revolutionären Verwirrung der Jugend, und als sie sich auschickten, die Freiheitskämpfer von 1813 aufs Schaffot zu schleppen, in Festungshöhlen zu begraben, in Verban⸗ nung zu jagen, marschierte dem Zug der Demagogen der Geist Fichtes voran. Zwar verstand man Fichte nicht, niemand las auch, seine verstaubten Bände, aber man ahnte die Gefahr eines kämpfen⸗ den Denkers, der dem sozial und politisch unterdrückten Volke das Sittengebot zurief:„Das vernünftige Wesen ist nicht zum Lastträger bestimmt!“; der eben erst in der Staatslehre von 1813 bis zur Er⸗ kenntnis des Klasseustaates und des Klassenkampses vorgedrungen war:„Die Menschheit zerfällt in zwei Grundstämme: die Eigen⸗ tümer und die Nichteigentümer. Die ersteren sind nicht der Staat. sondern sie halten den Staat, wie ein Herr sich einen Bedienten hält, und der letztere ist in der Tat ihr Diener.“ 1821 nach den Karls⸗ bader Beschlüssen riesen die Ratgeber Friedrich Wilhelms III. in einer Denkschrift den König zur Vernichtung der Umstürzler auf. Darin wird Fichtes verderbliche Wirkung also dargestellt:„Du sollst Gott mchr gehorchen als den Menschen, wird nach diefer neuen Moral so gedeutet, daß, da Gott im Menschen selbst oder nichts an⸗ deres als des Menschen tiefstes Wesen, seine innerste Ueberzeugung sei, dieser Ueberzeugung, mehr als allen Gesetzen zu gehorchen ist... Daher entspringt denn also auch für die Bekenner dieser Moral die absolute Notwendigkeit eines gesetzgebenden Volksrepräsentation: so wie sich für selbige andrerseits aus dem Grundsatz der Nichtigkeit aller Autorität, selbst der göttlichen Gesetze der Offenbarung; und aus dem Grundsaßh des absoluten gleichen Wertes der Menschen als Inhaber des böchsten göttlichen Wesens die notwendige For⸗ derung der Universität des Volkes gibt.“ In solchen Meinungen sei zdeutlich die Hand des Verderbens zu erkennen, der die schwachen Menschen durch solche Vorspiegelungen zum ewigen Unheil zu ver⸗ führen sucht, indem er das Zauberbild einer libermenschlichen Voll⸗ kommenheit ihren betörten Augen vorgaukelt“. Von den Berliner Vorlesungen Fichtes, heißt es in dieser amtlichen preußischen Biographie Fichtes weiter, schreibe sich„die gänzliche Zerstörung der christlich⸗religiösen und moralischen Gesinnung her, welche weiterhin unter einem großen Teil der hiesigen Staatsbeamten, Gelehrten und Jugendlehrern zur Erscheinung gekommen ist.“ „Die Haud des Verderbens!“ Auf sie weist auch der Bericht des Inqussitionsgerichts des deutschen Bundes hin, der Mainzer Zentral- Untersuchungskommission. Als Ursache der Umsturzbewegung wer⸗ den in der Einleitung des Berichts, vor den Polizeiakten der noch lebenden, also quälbaren Demagogen, Fichtes Reden an die deutsche Nation genannt. Und 1824 wurde die Neu⸗Ausgabe der Reden als „eines verführerischen, leere Phantome nährenden Buches“ verboten. Das war die höchste Ehrung Fichtes, die er in der bürgerlichen Welt erregte. So lange man ihn verfolgte, ward dort seine Größe und Bedeutung anerkannt. Dann aber kam der furchtbare Absturz. Man putzte den ver⸗ schollenen Revolutionär als einen ordinären preußisch⸗deutschen Spießbürger auf, mit christlich⸗patriotisch⸗königstreuer Normal- ing das Fichteseiern los. Der große Unbekannte ward Spuren in den Werken, die sein Sohn hin, daß Fichte in der letzten Zeit seines arbeitete, in der ö Als er 1819 gesinnung. Nun g 0 Reden ind diese Leitgedanken an entscheldende der Zensur verstsimmelt worden, ü sogar, wenn auch unter Schwierigkeiten, denkmalsreif, Da— hundert Jahre nach seiner Geburt— erwachte Fichte zum Leben. Mit ihm begann Ferdinand Lassalle 1862 den „wahrhaften Krieg“ um die Erlösung der Menschheit in der Be— freiung des Proletariats. Der in seinem wirklichen Wesen auf⸗ erstandene Fichte ward lebend in der sozialdemokratischen Bewegung. Mehr noch: seine Prophezeiung vom deutschen Weltberuf der Freiheit erhielt eine wunderbaren Erfüllung, insofern der wissen— schaftliche Sozialismus deutschen Ursprungs war: Marx, Engels, Lassalle und die Nachfolger Fichtes, und die erdumspannende Be- wegung des Proletariats gestaltete aus dem Zukunftsenthusiasmus des einsamen Denkers eine stetig wachsende Gewißheit. Das sozialdemokratische Proletariat spricht nicht Fichtes Sprache, denkt nicht in den Formen seines Geistes, in ihm aber lebt tatzeugend, das höchste Wollen und Sehnen des Mannes. So er⸗ füllten die deutschen Sozialisten in Wahrheit das so seherische Ver⸗ mächtnis von 1813: „So wird von ihnen(den Deutschen) aus erst dargestellt werden ein wahrhaftes Reich des Rechts, wie es noch nie in der Welt er⸗ schienen ist; in aller der Begeisterung für Freiheit.... für Frei⸗ heit, gegründet auf Gleichheit alles dessen, was Menschengesicht trägt.“ Die Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters. Von J. G. Fichte. Aus den Berliner Vorlesungen, die Fichte im Winter 1804/05 hielt und in denen er sich mit dem vor dem Zusammenbruch herrschenden Zeitgeist aus— einandersetzte, sind die nachfolgenden lebendigen Ge— danken wiedergegeben. Der Endzweck. Der Zweck des Erdenlebens der Menschen ist der, daß sie in demselben alle ihre Verhältnisse mit Freiheit nach der Vernunft einrichten. Die Religion muß dem Volke erhalten bleiben! Wenn ein innsrlich religionsloses, grob materielles Zeitalter den übersinnlichen Inhalt eines vorhandenen Religionssystems bei— behält, so wird diese Schonung ganz allein dem Bedürfnisse eines Zaumes für den ungezügelten Pöbel, dessen der Gebildete nicht be— darf, und dem Mangel eines zweckmäßigeren Ergänzungsmittels der Polizei und des gerichtlichen Beweises verdanken. 1 Person und Gattung. Sonach besteht das vernünftige Leben darin, daß die Person in der Gattung sich vergesse, ihr Leben an das Leben des Ganzen setze und es ihm aufopfere; das vernunftlose hingegen darin, daß die Person nichts denke, denn sich selber, und ihr ganzes Leben lediglich ay ihr eigenes persönliches Wohlsein setze: und falls das, was ver⸗ nünftig ist, zugleich aut, und das vernunftswidrig ist, zugleich schlecht sein dürfte,— so gibt es nur eine Tugend, die— sich selber als Person zu vergessen, und nur ein Laster, das— an sich selbst zu denken. Märtyrer. Wir selber, mit allem, was wir sind, sind das Resultat der Auf⸗ opferung aller früheren Generationen, und besonders ihrer würdig⸗ sten Mitglieder. Unsterblichkeit der Entwicklung. Alles, was zum Gefühle des Daseins gekommen, falle zum Opfer dem ins Unendliche fort zu steigernden Sein; und dieses Gesetz waltet unaushaltbar, ohne irgend eines Einwilligung zu er⸗ parten. Nur dies ist der Unterschied, ob man mit der Binde um das Haupt sich zur Schlachtbank wolle führen lassen; oder frei und edel, und im vollen Vorgenusse des Lebens, das aus unserem Falle sich entwickeln wird, sein Leben am Altar des ewigen Lebens zur Gabe darbringen. Idealismus. Die Idee, und allein die Idee füllet aus, befriedigt und be⸗ seligt das Gemüt; ein Zeitalter, das der Idee entbehrt, muß daher notwendig eine große Leere empfinden, die sich als unendliche, nie gründlich zu hebende und immer wiederkehrende Langeweile ofsen— bart; es muß Langeweile so haben, wie machen. Meinung und Wahrheit. Ein Endurteil fällen und durch dieses Endurteil zur Wahrheit kommen, bei der es nun bleibe auf immer und ewig, will dieses Zeiltalter nicht, denn dazu ist es zu verzagt: nur einen Reichtum von Materialien der Meinung will es, unter denen es die Auswahl habe, falls es etwa dermaleinst zum urteilen kommen sollte; und da ist ihm denn jeder willkommen, der diesen Vorrat vermehrt. Dadurch geschieht es, daß der einzelne nicht nur ohne Scham, son⸗ dern sogar mit einer gewissen Selbstgefälligkeit auftritt und ver⸗ kündigt: sehet da meine Meinung, und wie ich für meine Person mix die Sache denke, der ich übrigens sehr wohl zugebe, daß jeder andere sie sich wiederum anders denken könne, und daß dieser ein⸗ zelne dabei noch sehr bescheiden zu sein glaubt; indeß vor der wahr⸗ haft wissenschaftlichen Denkart es die größte, Arroganz ist, zu glau⸗ ben, daß unsere persönliche Meinung irgend etwas bedeute und daß jemand interessiert sein könne, zu wissen, wie wir, diese wichtigen Personen, etwas ansehen; und ohnerachtet vor dem Richterstuhle dieser Denkaxt keiner das Recht hat, eher seinen Mund zu öffnen, ehe er nicht sicher ist, daß sein Ausspruch nicht der seinige, sondern der der reinen Vernunft sei: und daß schlechthin jeder, der ihn nur verstehe, und der den Rang des vernünftigen Wesens behaupten wolle, diesen Ausspruch wahr und richtig finden müssse. 8 3 „ 7 l Der Slaal.. 1 Der absolute Staat in seiner Form ist eiue künstliche Anstalk, alle individuellen Kräfte auf das Leben der Gattung zu richten und in demselben zu verschmelzen.:: a a Es wird dadurch gefordert: erstens, daß alle Individuen, durch⸗ aus ohne Ausnahmen eines einzigen, in benen genommen werden; zweitens, daß jedes mit allen seinen indivi⸗ duellen Kräften, ohne Ausnahme und Rückhalt eines einzigen, in denselben Anspruch genommen werde. Daß in dieser Verfassung, wo alle als Individuen der Gattung aufgeopfert sind, zugleich allen, ohne Ausnahme eines einzigen, in allen ihren, als Vestand⸗ teile der Gattung zukommenden Rechten, alle übrigen Individuen aufgeopfert sind, folgt aus dem ersten von selbst. Denn worauf sind die Kräfte aller gerichtet? Auf die Gattung: was aber ist dem Staate die Gattung? Alle seine Mitbürger, ohne Ausnahme eines einzigen. Somit geht in dieser Verfassung ganz und durchaus die Individualität aller auf in der Gattung aller, und ein jeder erhält seinen Beitrag zur allgemeinen Kraft, durch die all⸗ gemeine Kraft aller übrigen verstärkt, zurück. Der Zweck des isolierten Individuums ist eigener Genuß; und er gebraucht seine Kräfte als Mittel desselben: der Zweck der Gattung ist Kul⸗ tur und derselben Bedingung wlürdige Subsistenz: im Staate ge⸗ braucht jeder seine Kräfte unmittelbar gar nicht für den eigenen Genuß, sondern für den Zweck der Gattung; und er erhält dafür zurück den gesamten Kulturzustand desselben, ganz, und dazu seine eigene würdige Subsistenz. So sind keineswegs die Regierenden der Staat, sondern sie sind Mitbürger desselben, sowie alle übrigen; und es gibt im Staate überhaupt keine Individuen, außer Bürger. Bildung. Es gibt keine Art der Bildung, die nicht von der Gesellschaft, d. i. vom Staate im strengsten Sinne, ausgehe, und die nicht wieder l in dieselbe zurückzulaufen streben müsse; diese Bildung ift daher selbst Staatsgweck. Die Gleichheit im Staate. 5 Es ist nicht verstattet, daß der eine sage: ich bin stärker als alle übrigen, leiste darum dem Ganzen mehr, und muß eben darum auch im Genusse etwas vor den übrigen voraus haben; denn die Vereinigung und Verschmelzung aller zu einem Ganzen ist durch⸗ aus unbedingt: das dieser eben der stärkste ist, ist zufällig: wäre er der schwächste, so würde für ihn nicht weniger gesorgt sein; oder wird er durch Zufall einst schwach oder krank, so daß er gar nichts mehr 81 könnte, so wird immer auf dieselbe Weise für ihn ge⸗ sorgt sein. i Kunst und Friede. 8 Während des Krieges vermag die Kunst kaum aufzuleben, viel weniger aber unaustilgbar und nach einem sicheren Plane fortzu⸗ schreiten: Krieg aber ist nicht nur, wenn Krieg geführt wird, sondern die allgemeine Unsicherheit aller vor allen, und die daraus erfolgende immerwährende Vereitschaft zum Kriege, ist auch Krieg, und hat für das Menschengeschlecht sast dieselben Folgen, als der geführte Krieg. Nur der wirkliche, d. h. der ewige Friede wird 3 die Künste.. gebären. Religion ist Privatsache. Religion, Wissenschaft, Tugend können nie Zwecke des Staates werden. Das römische Recht. In diesem vielhundertjährigen Streite des mit dem höchsten Witze versehenen Strebens nach Gleichheit des Rechts, gegen die mit nicht geringerem Witze ausgerüstete Begierde nach Ungleichheit, ent⸗ stand eine Meisterschaft in der bürgerlichen Gesetzgebung und in der innneren und äußeren Staatsverwaltung, und eine beinahe er⸗ schöpfende Uebersicht aller möglichen Auswege, das Gesetz zu um gehen, wie sie vor den Römern keine Nation besessen. Es war auf eine höchst künstliche Weise gesichert, Gleichheit des Rechts: kein a wegs aber noch, teils wegen des rastlosen Strebens der Aristo⸗ kraten, teils durch den Zufall, den die Verfassung nicht aufzuheben vermochte, fand Gleichheit der Rechte statt. 7 g Religion und Staat.. l Die Religion soll nie die Zwangsanstalt des Staates für ihre Zwecke in Anspruch nehmen: denn die Religion ist, so wie die Liebe des Guten, innerlich im Herzen und unsichtbar, und sie erscheint nie in der äußeren Handlung, welche, obwohl sie dem Gesetze gemäß ist, aus ganz anderen Triebfedern hervorgegangen sein kann; die Reli⸗ gion ist Liebe, der Staat aber zwingt; und nichts ist verkehrter, als Liebe erzwingen zu wollen. Ebensowenig soll der Staat sich der Religion für seine Zwecke bedienen wollen... er muß erzwingen können, was er begehrt, und nichts begehren, als das, was er er⸗ zwingen kann. 4 Privilegien.— Ein auf Vergrößerung seiner Kraft unablässig hinarbeitender Staat ist genötigt, die allmählige Aufhebung aller Begünstigungen zu wollen; somit die Rechte aller vollkommen gleichzustellen, damit nur er, der Staat selber, in sein wahres Recht eingesetzt werde, in das Recht, den gesamten Ueberschuß aller Kräfte— Sta bürger ohne Ausnahme für seine Zwecke zu verwenden. 3 Besitzgleichheit. Seinen Rechtsanspruch auf Eigentum dieser Rechtsanspruch aller ist gleich: das tum zu Machende, müßte daher von Rechtswe geteilt werden; diese gleiche Teilung en, w„ ungleich derselben Natur den Staat die Not und die Sorge für fe Selbsterhaltung.* 7