— Wissen istsnacht Wöchentliche Beilage der Oberhessischen Dolkszeitung 5 7 Nummer 2 Dienstag, den Js. Januar 19 14 3. Jahrgang tariats gleichstünde; 5 Die geschichtliche Bedeutung der internationalen Ehrung Bebels. Von Paul Axelrod. Mit einem Gefühl tiefer Befriedigung und proletarischen Parteistolzes verfolgte ich alle Kundgebungen der Solidarität der vorgeschrittenen Arbeiter Rußlands mit der inter— nationalen Sozialdemokratie während der gemeinsamen Trauer über den unersetzlichen Verlust des ältesten und be⸗ deutendsten ihrer Führer. Wie stark und tief mußten sie diesen Verlust empfinden, wenn selbst die Gefahr, sich den Verfolgungen der Polizei und der Unternehmer auszusetzen, wenn selbst der maßlose Druck und die grenzenlose Willkür verbunden mit der Gefahr, auf das Pflaster zu fliegen und brotlos zu bleiben, 5 2 ihm fast als Zwerge? Ja, weil sie keine bringen kann. Die Bourgeoisie strebungen, Interessen und einem solchen Riesenmaß überragend für sie.... Indem die bürgerliche Presse das große Talent und die hervorragenden Vorzüge Bebels unterstrich, seine inter— nationale Bedeutung als erstklassiger Politiker offen an— erkannte und ihre Hochachtung vor seiner Person und ihre Trauer über sein Dahinscheiden kundgab, überging sie mit völligem Stillschweigen die keineswegs unwichtige Tatsache, daß die überragende Rolle dieses proletarischen Führers auf dem Gebiete der Politik bedingt war durch die über— ragende Rolle, die das Proletariat selbst heute auf diesem anderen hervor- mit ihren heutigen Be— Idealen kann keinen Führer von wie Bebel haben. Er wäre zu Kampsplatze spielt. — sie nicht davon zu⸗ rückhielten, ihre herz ⸗ liche Liebe zu Bebel und ihre tiefe Trauer über seinen Tod öffentlich kund— zugeben. In diesen Kundgebungen trat die geistige und indeelle Gemeinschaft der sozialdemokrati— schen Avantgarde der russischen Arbeiter mit dem Proletariat der gesamten zivili⸗ sierten Welt mit be⸗ sonderer Deutlichkeit zu Tage. Aber diese Ge⸗ fühle und der impo⸗ sante Ausdruck, den sie fanden, sprechen 5 4 5 l N Die Organe der bürgerlichen Parteien heben allerdings den unmittelbaren Zu— sammenhang hervor, der zwischen Bebels Weltruhm und sei— ner unermüdlichen Arbeit im Dienste der von ihm ge— führten Volksmassen bestand. Aber diese Massen selbst, die Klasse, die durch ihre zielbewußte historische Aktivität ihren Führer in den Vordergrund der Geschichte gerückt hat und ihm die Mög- lichkeit gab, eine der ersten Rollen dort zu Hussslamd 220 O nsch, Jo J noc eee ee, C dlond bud Fund- db g gg gn, Glerneici nicht nur zugunsten des dahingegangenen Führers der internationalen Armee des Proletariats, sondern auch zugunsten dieser Armee selbst. Sie entspringen nicht nur den seltenen individuellen Eigenschaften Bebels und auch nicht allein seiner proletarischen Herkunft und seinen unge— heuren geschichtlichen Verdiensten vor dem Proletariat. Sie zeugen auch von der hohen geistigen, kulturellen und politi— schen Entwicklung jener breiten Arbeitermassen, denen er mehr als je einer nahestand, und die so aufrichtig seinen Tod betrauert haben. 5 Man sagt gewöhnlich: sage mir, mit wem du umgehst und ich werde dir sagen, wer du bist. Mit nicht geringerem, ja sogar mit noch größerem Recht darf man sagen, daß man nach den Führern und Helden eines Volkes oder einer Klasse die Höhe deren kultureller und politischer Entwicklung be— urteilen kann. Die sittlichen Vorzüge des Führers, seine geistige und intellektuelle Höhe zeugen mehr oder minder auch von der Entwicklungshöhe jener sozialen Schicht oder jener parteipolitischen Gemeinschaft, deren Mitglieder moralisch und geistig ihrem Führer nahe stehen. Ich frage nun, weshalb hat die Bourgeoisie keinen ein. zigen Führer, der dem dahingegangenen Führer des Prole weshalb erscheinen ihre Führer neben Nellstafbflt der. ele A e spielen, figurieren in den Nekrologen der bürgerlichen Presse gleichsam in der Rolle einer zahlreichen Menge von Gläubigen, denen das Schicksal einen aus⸗ nehmend guten Hirten oder einen gewaltigen Propheten ge— sandt hatte... Hier fehlt der Hinweis darauf, daß dies keine Zufallserscheinung war, sondern vor allem und haupt- sächlich ein Ergebnis der geschichtlichen Bewegung des Prole- tariats, seiner Entwicklung aus dem geschichtlichen Nichtsein zu der Rolle einer Macht, die die Menschheit auf dem Wege des kulturellen, geistigen und politischen Progresses bewußt vorwärts treibt. Im unmittelbaren, unzerreißbaren Zu⸗ sammenhange mit dieser Entwicklung wuchs auch der be— deutendste der proletarischen Führer, der aus dem Schoße der Arbeiterklasse selbst hervorgegangen war. Die Geschichte kennt Beispiele, wo begabte Söhne des Volkes sich zu bedeutenden, ja sogar zu überragenden Führern auf verschiedenen Gebieten des öffentlichen Lebens empor⸗ geschwungen haben, und zwar unabhängig von der inneren Entwicklung und den Schicksalen der tieferstehenden sozialen Schichten, aus denen sie hervorgegangen waren.... Alle diese Söhne des Volkes waren Söhne der ganzen Nation, unmittelbare Erzeugnisse ihrer inneren Entwicklung als Ganzes, soweik die privilegierten Stände, keineswegs aber die Vorwärtsbewegung der unteren sozialen Schichten, die diese Männer hervorgebracht hatten, als die Träger der ge— schichtlichen Entwicklung hervortraten. Die Rolle und die Bedeutung dieser Söhne des Volkes in der geistigen und kulturellen Entwicklung des Landes kann für das geistige und kulturelle Wachstum der enterbten und entrechteten Volksmassen nicht als Maßstab dienen, und darum hat die Würdigung ihrer Verdienste nicht jene histori⸗ sche Bedeutung, die sich hinter den Sympathiekundgebungen selbst bürgerlicher Ideologen der gesamten Kulturwelt für die Person und die Tätigkeit Bebels verbirgt. Indem die bürgerliche Presse anerkennt, daß nicht nur das Proletariat, sondern die ganze Menschheit in der Gestalt des verstorbenen sozialdemokratischen Führers einen unge⸗ heuren, unersetzlichen Verlust davongetragen hat, beugt sie sich, ohne daß sie dessen bewußt wird, auch vor der geschicht⸗ lichen Weltrolle der Klasse, die, alle Hindernisse auf ihrem Wege forträumend, sich unter gewaltiger Kraftanspannung eine imponierende, einflußreiche Stellung in der Geschichte erkämpfte und dadurch ihren Führer zu der Stellung eines allgemein anerkannten überragenden Politikers emporhob. Aber die offene Anerkennung des unmittelbaren Zu- sammenhanges zwischen der internationalen Bedeutung Bebels und dem Emporsteigen der von ihm geführten Klasse zu der Rolle einer erstklassigen kulturellen politischen Macht ist gleichbedeutend mit der Anerkennung der Tatsache, daß das Proletariat in seinem Streben nach der geistigen und politischen Führerschaft über die Welt zu ihrer Befreiung aus dem Druck und der Ausbeutung der einen Menschen durch die andern ein gewaltiges Stück vorwärtsgerückt ist. Die öffentliche Anerkennung dieser Tatsache ist gleichbedeutend mit der moralischen Kapitulation vor der sozialistischen Armee des Proletariats. 5 0 Aus diesem Grunde haben die journalistischen und politischen Vertreter der Bourgeoisie aller Länder, die das Andenken Bebels gewürdigt und an der Trauerfeier des internationalen Proletariats direkt oder indirekt Anteil nahmen, zwar den„persönlichen Charakter“ dieses Führers gewürdigt, seine seltenen individuellen Eigenschaften, seine selbstlose unermüdliche Arbeit im Dienste des„Volkes“ an⸗ erkannt, aber sie haben bewußt oder unbewußt verschwiegen, daß die geschichtliche Laufbahn der Arbeitermasse auf die Bebels mehr oder minder zurückgewirkt hat. Die Sozialdemokratie jedoch hat ein großes Interesse daran, daß das enge unzerreißbare Band zwischen der sozial⸗ politischen Bedeutung ihrer großen Führer und dem kulturellen und politischen Wachstum der Arbeiterklasse in dem Bewußtsein der breiten Arbeitermassen und der anderen demokratischen Schichten und ihrer Ideologen umso tiefer und deutlicher sich einprägen soll. Die umfassende genaue Vorstellung von diesem Zusammenhang ist nicht nur wichtig vom Standpunkte der Entwicklung des sozialen und geschicht⸗ lichen Selbstbewußtseins der Arbeitermassen, sie ist auch wichtig für die Ausbreitung der Erkenntnis in den Reihen der Arbeiterklasse hinsichtlich des Wachstums ihres moralischen und politischen Einflusses in jedem einzelnen Lande und in der ganzen zivilisierten Welt.. (Aus der Neuen Arbeiterzeitung, Petersburg.) Kircheuaustritts-Bewegung und Sozialdemokratie. Paul Göhre veröffentlicht in der Neuen Zeit wertvolle Darlegungen über die Stellung der sozialdemokratischen Partei zur Kirchenaustrittsbewegung. Es wird erwartet, daß eine weitere Diskussion die völlige Klärung der Meinungen über das schwierige Problem herbeiführen wird. Gö hre führt aus: Die bisherige Haltung der Partei fußt auf dem bekannten Ab⸗ satz G des zweiten Teiles des Parteiprogramms. Dieser Satz richtet sich deutlich nach zwei Seiten. Der erste Satz desselben fordert vom Staat die endliche Durchführung des Grundsatzes: Erklärung der Religion zur Privatsache. Religion soll ausdrlicklich privateste An⸗ gelegenheit jedes einzelnen Staatsblirgers, nicht mehr Staats⸗ u Zwangssache sein. Bis heute ist aber noch durchaus das letztere der normale Zustand in Deutschland. Beweise dafür sind unter an⸗ derem der Zwang der heranwachsenden Jugend zu einem staatlich vorgeschriebenen Religionsunterricht, die religlöse Bearbeitung eitagen in nnd in München geschehen. Auch wo sonst einzelne lokale Partelg gibjer Wäsche. Der verfassungsmwäzig gewährleistete Grundlag Religionsfreiheit steht zurzeit in Deutschland noch durch f ebenso nötige wie aktuelle Angelegenheit. Nun war es von jeher ein ehrenvoller Grundsab unserer Partei,. daß sie das, was sie von anderen verlangt, auch innerhalb ihrer eigenen Reihen selbst zu verwirklichen versucht. Demgemäß war es für sie seit je selbstverständlich, daß jeder Parteigenosse innerhalb der Organisation in bezug auf Bewegungsfreiheit besitze. g Nichts war der Partei an einem neu eintretenden Mitglied bis⸗ her fo gleichgültig wie seine religiöse oder nichtreligiöse Gesinnung. Die Partei als solche stand und steht noch heute der religtösen Ueber⸗ zeugung jedes einzelnen ihrer Anhänger völlig neutral und tolerant gegenüber.. 5 Die Folge dieser eisersüchtig gewahrten religiösen Neutralität ist eine scharse Unterscheidung unserer Paxtel von allen anderen in Deutschland. Alle anderen großen politischen Parteien sind zugleich auch einseitig religiös und kirchlich festgelegt und gebunden. Die konservative Partei deckt sich fast völlig mit der kirchenpolitischen Gruppe der protestantischen Orthodoxie; das Zentrum ist ausschließ⸗ lich Partei der deutschen Katholiken: die Natlonalliberalen und die Fortschrittliche Volkspartei sind identlsch mit dem kirchlich-liberalen Teil der protestantischen Bourgeoisie. Nur innerhalb der Fort⸗ schrittlichen Volkspartei besteht in religiösen Dingen schon eine etwas größere Bewegungsfreiheit; Beweis ist die Zugehörigkeit zahlreicher jüdischer Mitbürger zu dieser Partei. Vollste religiöse Gedanken⸗ und Vetätigungsfreiheit herrscht aber allein innerhalb der Soztal⸗ demokratie: Christen, Heiden, Juden und Dissidenten, unter den Christen wieder Katholiken, Lutheraner, Reformierte, Unierte und Angehörige der maunigfa Parteigenossen einmütig nebeneinander für die Emanzipation des Proletariats. Und die Juternationale repräsentiert noch deutlicher als die deutsche Partei diesen Charakter völligster religiöser Neu- tralität und Toleranz. a Die zwei anderen Sätze des von uns erwähnten Programm- absatzes beschäftigen sich dann mit den religtösen Gemeinschasten, den Kirchen. Auch hier wird nur eine Forderung erhoben: Tren⸗ nung von Kirche und Staat in polltischer, sozlaler, personeller und vor allem sinanzieller Beziehung. Im übrigen keinerlei Urteil über Wert und Unwert dieser Kirchen und Religionsgemeinschaften: keinerlei Aufforderung weder zu ihrer Unterstützung noch zu ihrer 1 vielmehr auch ihnen gegenüber völligste Toleranz und eutralität. 85 — seine religiöse Ueberzeugung völlige 0 2 Papier: die Forderung 1 2 Programms ist also we den ein W ltigsten Sekten arbeiten und kämpfen als Aus dieser Haltung ist die Partei immer nur da herausgetreten, wo sie von Religionsgemeinschaften oder offiziellen Vertretern der⸗ selben, das heißt in praxi von Geistlichen höheren oder niederen Ranges direkt oder indirekt angegriffen wurde. 2 hat sie dann stets wie jeden Angriff von irgendeiner anderen Seite mit schärfster Gegenwehr und rücksichtslosem Gegenangriff erwidert. Trotz alledem pflegt man ihr auch heute noch gegnerischerseits immer wieder den Vorwurf erbittertster Religions⸗ zu machen. Nichts ist verlogener als dieser Vorwurf. Er wider- spricht nicht nur, wie gezeigt, ihrem Programm und ihrer bisherigen Praxis, sondern auch— und das bedeutet für viele noch mehr— shrem innersten und eigensten Interesse. Die P einem Siege nur gelangen, wenn sie die erdrückende Mehrheit der kapitalistisch ausgebeuteten Volksmassen hinter sich sammelt. runter gehören auch diesenigen Schichten. die bis heute starke reli giöse Bedürfnisse bewahrt haben, insbesondere in den vorwiegend katholischen Bezirken des Reiches. Diese werden nur daun dauernd ranz, den die Partei bisher eingenommen hat, fest begründet. seit je einzelne. und auch einzelne führende Parteigenossen den Kampf gegen Religion oder und noch führen; daß sie aus ihren Religionsgemeinschaften aus⸗ traten und daß sie andere, zu einem gleichen Schritt zu veranlassen versuchten. Denn das, was sie in dieser Beziehung taten, geschah auf eigene persönliche Faust und Verantwortung, in ihren persönlichen Namen, nicht im Namen der Partei. Ihrem Vorgehen entgegen- zutreten hatte die Partei also weder Veronlassung noch eln Recht. Hätte sie es getan, so hätte sie gerade gegen den eigenen, von bisher peinlich bewahrten Grundsatz religiöser und tralttät gegenüber den eigenen Anhängern gehandelt. Sie hat des ⸗ halb immer nur dann eingegriffen, wenn solche einzelnen Partei- genossen den Versuch machten, die Partei von ihrem abzudrängen und auf ihren besonderen, privaten kirchen⸗ oder reli⸗ gionsfeindlichen Standpunkt sestzulegen. Das 21 Beis 1 aller Form und Nachdrüicklichkeit auf den Part und schaften die Autorität ihrer Organfsation hergegeben haben, um er rivaten Agitatlon solcher gegen Kirche und, Religlon nossen Nachdruck und Folie zu verleihen, sind sie stets, bemerkt worden ist, von den Partesinstangen zur Ordnung denter Rekruten beim Militär, angewandte Forderung an leden Beamten auf Führung reiner reli⸗ dissi⸗ die stillschweigend, aber wü le w den. 5 1 2 ag aledem hebt olyo die deulrolidgt und Kale artei ist in erster Linie eine ökonomische und politische Klassenbewegung. Sie kann zu für bie Partei gewonnen werden, wenn ihre religtöse Gesinnung aufs peinlichste respektiert wird. Also sowohl aus grundsätzlichen wie aus taktischem Interesse, aus Theorie wie aus Praxis heraus ist der Standpunkt der religiösen und kirchlichen Neutralität und Tole⸗ n Solche Angriffe und Gottesfeindschaft 1 Mit alledem steht auch die Tatsache nicht in Widerspruch, daß Kirche oder gegen beides geführt haben Parteigenossen wie Nichtparteigenossen, * kirchlicher Neu⸗ neutralen Boden 1 2 5 * 75 3 — owohl gegenüber der religlösen Ueberzeugung und Betätigungsfrei⸗ t der eigenen Parteigenossen wie gegenüber Kirchen⸗ und Reli⸗ gonsgemeinschaften unantastbar fest. Sie ist sogar eine so peinliche, daß man geradezu von einer bewußt passiven und defen⸗ ven Neutralttät reden muß. 2 8 Nun muß zugestanden werden, daß in der letzten Zeit die Zahl derjenigen Parteigenossen,— 4 eigene Faust und Verantwortung den Kampf gegen Kirche, Christentum oder Religion überhaupt zu führen begonnen haben, sich stark gemehrt hat. Noch mehr: sie haben ch neuerdings auch schon mehr oder weniger fest zusammen⸗ ossen und den Kampf gegen Kirche und Religion in eigenen rorgantsationen organisiert. So sehr auch das ihr gutes Recht ist, so verändert doch gerade dieser Umstand eines nicht nur sehr ver⸗ ftärkten, sondern auch organisierten und sustematisch geführten Kampfes von Genossen gegen Kirche und Religion die bisherige Situation bedeutend. Wenn je das Wort recht hat, daß die Sum⸗ ation von Einzelkräften in eine neue Qualität umschlägt, so gilt es hier. Es sind infolgedessen heute Gesichtspunkte dem ganzen Problem gegenüber in den Vordergrund getreten, die früher entweder gar nicht—— oder doch nur gelegentlich und dann nebensächlich uftauchten. 5 Man kann gegenwärtig drei solcher neuen Gruppen mit mehr oder weniger neuen oder doch neuformulierten Gesichtspunkten fest⸗ stellen. Die eine Gruppe ist die der sogenannten prole⸗ tarischen Freidenker. Sie ist in ihrer Ideenwelt die radl⸗ kalste von allen. Sie hält nicht nur die Kirchen, sondern auch die Religionen für völlig überlebte Angelegenheiten. Sie sieht ihre Kulturaufgabe darin, die stürzenden noch zu stoßen. Sie will an die Stelle religtöser Organisationen solche setzen, die ausschließlich die lege von Wissen innerhalb der Arbeiterschaft betreiben. Sie brängt, wenigstens in ihren Führern, neuerdings wieder mit Macht darauf, daß die Partei sich mit ihrem Standpunkt identifiziere. Sie seugnet, daß die Forderung der Partei an den Staat„Erklärung der igion als Privatsache“ irgendwelche Konsequenzen für die Partei st habe: diese sei schlechterdings nicht gebunden, die gleiche Hal— ng, die sie vom Staate verlange, selbst einzunehmen. Im Gegen- teil, die Konseguenz der modernen Weltanschauung, mit der die dartel durchtränkt sei, führe zu einer Verpflichtung aller Partei⸗ genossen auf eine nicht bloß kirchenfeindliche, sondern auch antireli⸗ öse, religionsfreie Stellungnahme. Sie hat in Konsequenz dessen noch auf dem Parteitag zu Chemnitz sehr hartnäckig, wenn auch erfolglos, versucht, das kirchenpolitische und religsöse Problem in brem Sinne aufzurollen. Ihr bürgerliches Gegenstück ist die moni⸗ sche Vereinigung so, wie sie sich neuerdings wenigstens unter Führung des Professors Ostwald zu entwickeln begonnen hat: auch lese kämpft nicht nur gegen die Kirchen und die christliche Religion, ondern die Religion überhaupt, indem sie an ihre Stelle die Pflege einer monistischen Weltanschauung setzen will. Ich erwähne sie hier, il wir nachher uns nochmals mit ihr beschäftigen müssen. 5(Fortsetzung folgt.) Vom Seelenleben der Arbeiter. Eine verdienstvolle Arbeit ist jüngst erschienen; sie be⸗ titelt sich„Die Arbeiterfrage“) mit besonderer Be— rücksichtigung der sozialpsychologischen Seite des modernen Broßbetriebes und der psychologischen Einwirkungen auf die Arbeiter. Besser möchte ich es nennen„Vom Seelenleben er Arbeiter“. Der Verfasser ist Adolf Levenstein— erselbe, dem wir auch die große psychologische Erhellung der lrbeiter⸗Dilettantenkunstausstellung verdanken. Mit dem Wort Chamberlains:„Was hier geschrieben steht, ist erlebt“, beginnt dies in seiner Art eigenartige Buch. Levenstein hat ie Stummen zum Reden gebracht, und das Werk ist eine waltige Fundgrube für Nationalökonomen, Juristen, ologen, Volksbildner usw. 2 Um authentisch kritisches Material zur Beurteilung der irbeiterspyche zu schaffen, hat Levenstein an 8000 Arbeiter: gergarbeiter im Ruhr-, Saargebiet und Schlesien, Textil- beiter in Berlin und Forst(Lausitz) und Metallarbeiter in zerlin, Solingen und Oberstein auf einem mit 26 Fragen efüllten Bogen über Dinge examiniert, die das intimste enleben deiser Menschen berührt. Sier der Fragebogen: 1. Name? 2. Alter? 3. Beruf? Wie viel Kinder haben Sie? 5. Verheiratet? 6. Durch⸗ mittlicher Wochenverdienst? 7. Wie viel Stunden arbeiten ie täglich? 8. Arbeiten Sie im Akkord, Gruppenakkord oder tundenlohn? 9. Was ist Ihnen lieber, Akkord oder Stunden— und warum? 10. Wie viel Stunden würden Sie gern n? 11. Was würden Sie tun, wenn Sie täglich ge⸗ für sich hätten? 12. Arbeiten Sie an Maschinen, Maschinen sind dies? 18. Macht Ihnen Ihre flag Ernst Riennhardt, Nünchent — beiten Arbeit Vergnügen oder haben sie kein Interesse an der⸗ selben? 14. Was würden Sie sich für Dinge anschaffen, wenn Sie das nötige Geld hätten? 15. Welche Art Arbeit möchten Sie am liebsten verrichten? 16. Arbeiten Sie immer dasselbe oder an verschiedenartigen Dingen? 17. Verspüren Sie irgendwelche Ermüdung oder sonstige Beschwerden durch immer dieselbe gleiche Arbeit? 18. Denken Sie bei Ihrer Arbeit, und an was denken Sie,— oder ist es Ihnen über— haupt unmöglich, dabei zu denken? 19. Finden Sie Ihr Vergnügen mehr in der Familie oder im Wirtshaus und halten Sie den Genuß von Alkohol für entbehrlich, oder können Sie nach dem Genuß desselben besser arbeiten? 20. Was drückt Sie mehr, der geringe Lohn oder daß Sie vom Arbeitgeber so abhängig sind, so wenig Aussichten haben, im Leben weiter zu kommen, Ihren Kindern gar nichts bieten zu können? 21. Welche Bücher haben Sie gelesen? 22. Welchen Einfluß hat auf Sie die politische und Gewerk— schaftsbewegung? Haben Sie dadurch Hoffnung, daß es bald besser für Sie wird? 23. Oder sind Sie hoffnungslos, und warum? 24. Glauben Sie an den lieben Gott, oder sind Sie, und aus welchen Gründen, aus der Landeskirche ausgetreten? 25. Gehen Sie oft in den Wald? Was denken Sie, wenn Sie auf dem Waldboden liegen, ringsherum tiefe Einsamkeit? 26. Welche Hoffnungen und Wünsche haben Sie? Diese seelenforscherische Tätigkeit hatte lediglich den Zweck, zu untersuchen, welche Art Menschen die moderne Großindustrie prägt, ob die Entgeistigung der Arbeit teil— weise ein Maximum erreicht, ob die Gebundenheit an die Maschine die psyychologische Tatsache der Lebenshemmung in sich birgt. Auf die komplizierten Resümees näher einzu— gehen, muß ich mir natürlich ebenso versagen, wie eine detaillierte Zahlenwiedergabe. 63 Prozent der Erhebungs- formulare kamen wieder zu dem unermüdlichen Vivisektor zurück. Um die geistige Struktur der eingegangenen Formulare zu skizzieren, teilte der Fragesteller folgende vier Kategorien ein: 1. intellektuelle Schicht, 2. kontemplative, 3. verbildete, 4. Massenschicht. Von den vier Schichten soll uns hier besonders die kontemplative interessieren, die im Geiste Vereinsamten. 5 Und nun zur Sache selbst, zu den Arbeiterantworten. Im Rahmen der Untersuchung kommen lediglich, wie schon er⸗ wähnt, Berg-, Textil⸗ und Metallarbeiter in Betracht. Ein nicht geringer Teil der befragten Arbeiterkategorien be— kundete die größte Freude darüber, sich endlich einmal aus- sprechen zu können. So schreibt ein Bergarbeiter: Es freut mich, Dich kennen zu lernen, ob persönlich oder schriftlich, das ist gleich, und zweitens hab ich endlich jemand gefunden, dem ich mein Herz anvertrauen kann. Ein Metallarbeiter: Seit einem Jahre liegt der Fragebogen auf der Kommode, und erst jetzt habe ich den Mut, Ihnen mein Herz auszuschütten. Ich habe noch keinen Menschen gehabt, dem ich in ähnlicher Weise etwas hätte andeuten können. Das stete Gefühl des Unverstandenseins erstickt das Bedürfnis, sein Fühlen jemand zu sagen, erzieht sogar direkt zum Schweigen usw. Von allen Bergarbeitern beantworteten den Fragebogen 2084, von allen Textilarbeitern 1153, von allen Metallarbeitern 1803, in Summa also 5040 gleich 63 Prozent. Leider muß ich mir ein näheres Eingehen auf ver- schiedene hochwichtige Fragen versagen, zum Beispiel wie viel Arbeitern die Freude an der beruflichen Arbeit überwog und bei wie vielen die Unlust vorherrschte. Umfangreiche Statistilen, in Lohn- und Altersklassen eingeteilt, geben darüber erschöpfende Auskunft. Unter den Forster Webern konstatierte Levenstein in 157 Fällen, daß der Arbeiter dadurch, daß ihm die Maschine gewisse Arbeiten abnimmt, geistig gewinnt. Ein Forster Weber verrichtet seine Werktagsarbeit mit Freude und, kommt zu dem Resultat, daß die systematische Bewegung des Maschine sich auf ihn überträgt. Er gedenkt des Goethe- wortes: Und nach dem Takte reget, und nach dem Maß be⸗ weget sich alles an mir fort. Anders ein Berliner Plüsch⸗ weber, der den regelmäßigen Gang der Maschine verflucht Die Maschine ist ganz aus Stahl, schreibt er, nur aus Stahl! hat weder Herz noch Nerven, kennt keine Müdigkeit. Lins r — Angst, keinen Schmerz, keine Wut. Dieses verdammte Stahl— geschöpf, herausreißen möchte ich ihr Stahlherz, das so unbarmherzig und leidenschaftslos schlägt. Wesentlich für die Geistes- und Seelenentwicklung der Arbeiter ist die Frage nach Ermüdung. Auch darüber informieren uns umfangreiche Ermüdungstabellen. Kurz hebt Levenstein auch den gemütsbedrückenden Einfluß der Berufskrankheiten auf die Arbeiterschaft hervor. Ein er— schütterndes Kapitel ist dasjenige vom Denkprozeß bei der berufsmäßigen Arbeit und im Zusammenhang damit die Frage: Was drückt Sie mehr, der geringe Lohn oder daß Sie vom Arbeitgeber so abhängig sind, Ihren Kindern gar nichts bieten können?— Da waren schon gänzlich Automaten geworden: von den Bergarbeitern 8885 gleich 42,8 Prozent, von den Textilarbeitern 176 gleich 14,8 Prozent, von den Metallarbeitern 242 gleich 13,3 Prozent.— Levenstein widmet dem Abhängigkeitsverhältnis vom Arbeitgeber ganz be— sondere Aufmerksamkeit. Er sagt: Wir haben vollkommen vergessen, daß Barzahlung nicht die einzige Beziehung unter menschlichen Wesen bildet. Ohne daran zu zweifeln, denken wir, daß sie alle menschliche Verbindlichkeiten löst und schlichtet. Wie lodert es aus den Worten eines Berg— 3 die noch viel viel kleinen deckung sührte, daß es Masseuteilchen gäbe, sind als die Atome. Es ist dies zum erstenmal gelungen bei den eingehenden Untersuchungen über die Kathodenstrahlen, an deren Ersorschung die bedeutendsten Physiker aller Länder all ihr Wissen und Können gesetzt haben. Von Strahlen können wir bei den Kathodenstrahlen freilich nur noch in dem Sinne sprechen, wie wir etwa von einem Wasserstrahl oder noch besser von einem Sandstrahl reden. Denn sie bestehen nicht wie Licht⸗ und Wärmestrahlen aus Aetherschwingungen, sondern vielmehr aus kleiusten, allerkleinsten materiellen Teilchen, Elektronen genaunt, die mit negativer Elek— trizität geladen sind und mit außerordentlicher, z. T. sast mit Licht⸗ geschwindigkeit fortgeschleudert werden. Wie verträgt sich aber, wird der Lale fragen, mit dieser Vor⸗ stellung die Tatsache, daß die Kathodenstrahlen, also materielle Teilchen, durch seste Körper, selbst durch Metall hindurchgehen können, ohne diese zu beschädigen oder selbst Schaden zu erleiden? Das wird offenbar nur möglich sein, wenn eben diese Partikelchen so winzig klein sind, daß sich selbst so sestgefügte Körper, wie etwa Holz oder Metall, ihnen gegenüber verhalten, wie ein weitmaschiges Netz. Auf den ersten Blick mag es allerdings unnatürlich er— scheinen, daß Körperteilchen durch f J ö arbeiters: Wie ein Hund ge— füttert zu werden, muß ich unter dem Druck ökonomischer Kalamität vermodern, weil ich abhängig bin usw. Wie beschämend und demütig äußert sich ein Textilar⸗ beiter: Wenn ich mehr Ach— tung kriegen täte, aber der Fabrikant grüßt mich nicht! Den Gegensatz bildet ein Metallarbeiter: Ich bin kein Sklave, Mensch, wirklicher Mensch! Lieber fresse ich trockene Brotkrusten, als mich Föenbohn- Unterführung. Cisen- und Stahlplatten hindurch 4 sozusagen ein- und ausfliegen. Aber wir überlegen uns ja, es handelt sich nur um Relativ zahlen. Ein Elefant, um ein recht deutliches Beispiel zu ge⸗ brauchen, bedarf einer Tür von mindestens 3 Meter Höhe und Meter Breite. Und doch wird er vielleicht durch diese weite Oeffnung weniger leicht und be⸗ a quem hindurchkommen, als die meisten Bakterien durch die mil⸗ lionenmal engeren Maschen des feinsten Haarsiebes. Was hindert 8 — — 2 5 uns nun, uns Gebilde zu denken, entwürdigen zu lassen. Und der Gedanke 11 11 Zukunft Foersuosder auser tor bruch dle wieder millionenmal lleiner 1 der Kinder bildet ein be— f sind, als die kleinsten Bakterien sonderes schmerzliches Resü— uff. Direkt die Masse eines mee: Der Gedanke, daß meine Kinder als Arbeitssklaven zur Welt kommen, schmerzt mich am meisten. Warum wurden sie geboren? 5 Noch viele, beinahe schmerz⸗ lich-ernst Gespräche führt Levenstein mit der Arbeiter— seele, wenn er über Fragen Auskunft verlangt und er⸗ Kathodenstrahlpartikelchens oder Elektrons zu messen, ist natürlich unmöglich, noch weniger möglich 5 als beim Atom. Aber durch scharfsinnige Kombination ver⸗ schiedener Beobachtungen ist man imstande gewesen, die Größe eines solchen Elektrons mit der — hält: Finden Sie Ihr Ver⸗ gnügen mehr in der Jamilie oder im Wirtshaus? Eine nebeldicke, stickige Atmosphäre steigt da auf. Immer kehrt es wieder: Bei abstumpfender Ar— beit, in einer elenden Wohnung, inmitten einer großen Kinderschar kann von Vergnügen nicht die Rede sein. Kapitalismus zerstört jedes Familienleben, und darum gehe ich ins Wirtshaus.(Schluß folgt.) or * Aus nuserer Sammelmappe. Wie groß ist ein Elektron? Von Otto Debatin, Stuttgart. kos. Seit der Wende des Jahrhunderts bilden die durch dle Entdeckung der radioaktiven Erscheinungen angeregten Unter⸗ suchungen über den Aufbau der Materie eines der interessantesten Gebiete unserer modernen Phusik. Noch im vorigen Jahrhundert betrachtete man die schon in ihrem Namen die vermeintliche Un⸗ teilhaftigkeit andeutenden Atome(atomos Sunteilbax) der zahl⸗ reichen chemischen Elemente als die stets fertig gegebenen, unwau⸗ delbaren Bausteine des Universums, die wir mit aller Kunst ver⸗ gebens zu ändern versuchten. Ein großer Jortschritt wurde er⸗ Buder rom Beriin-Hesimer S n He Eberowaldte. Lielt. als das Studium der radioaktiven Erscheinungen zu der Ent⸗ *. eines Atoms zisfernmäßig zu vergleichen. Wir müssen uns darnach die Masse eines Elektrons noch mindestens tausendmal klei ner vorstellen, als die des Was⸗ serstofsatoms der kleinsten aller bekannten Atome. Man achte wohl: tausenfdmal kleiner als diejenige Größe, die, wie der Name „Atom“ ja so scharf zum Ausdruck bringt, nach unseren bisherigen Vorstellungen unteilbar sein sollte! 2 Die Entdeckung der Elektronen und die Feststellung ihrer Größe führten auch zur Beantwortung der Frage„Woher nimmt d 8 Radium seine Energie?“, ein Problem, über das sich jahrelang dit Physiker der ganzen Welt den Kopf zerbrochen haben. Auch dleses Rätsel kann heute als gelöst angesehen werden. Wir wissen, af von dem Radiumotam ständig Elektronen absplittern. Bei ein 1 derartigen Prozeß müssen aber gang gewaltige Energiemengen fre werden. Und so darf es auch nicht überraschen, daß wir 5 Radium sehr bedeutende Wärmemengen erhalten und wegen Kleinheit der fortgeschleuderten Teilchen trotzdem nicht im sein werden, mit der Wage eine Abnahme der Nadiummenge zu weisen. a