DasGIattdecifcau ivöchentlicke Seilage dec ivberkessiscken Vojkszeitung D k Kummer 29 Ließen, Freitag den 24. Suli 1914. 6. Sakrgang SKR 9995 99!RS3RS SKR SIRS SKR SJRSSJRSSBCSKR SKR SBC SBC SIRS SKR 951R SBC Was man mit Annoncen erleben kann. Mit dem Ausstieg der Menschheit auf eine immer höhere Stufe der Kultur haben sich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einrichtungen und die geistigen Anschauungen entwickelt. Daraus folgt, daß selbstverständlich auch die Ehe ihre Geschichte hat. Die heutige Ehe, die Einzelehe, ist mit dem Privateigentum entstanden. Ter Mann wurde zum Herrscher in der Familie. Der Ehemann ist der anerkannte Erzeuger der Kinder, die die berechtigten Erben seines Besitzes sind. Die Einzclehe ist natürlich ebenfalls nur eine vorübergehende Erscheinung, die zu gegebener Zeit von einer höheren Form des Geschlechtsverkehrs zwischen Mann und Frau abgelöst werden wird. Wenn die Einzclehe auch gegenüber den früheren Formen der Ehe einen Fortschritt bedeutet, so hat sie auch ihre Schattenseiten. Der verhältnismäßig freie Geschlechtsverkehr ist durch die Einzelehe keineswegs beseitigt worden. Ehebruch und Prostitution sind an der Tagesordnung. Männer betrügen ihre Frauen, Frauen ihre Männer. Die Keuschheit vor der Ehe ist eine seltene Erscheinung. Und die Ehen, die nicht aus gegenseitiger Zuneigung zustande kommen, sondern aus wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Berechnungen, sind schließlich auch nur Prostitution. Tie landläufige gesellschaftliche Moral will das alles nicht wahr haben, sie stützt sich auf Begriffe von Sitte und Ehre, die wundervoll romantisch sind und in der Luft schweben. Eine einzige große gesellschaftliche Lüge! Tie gesellschaftliche Moral verlangt unbedingt eheliche Treue und absolute Keuschheit vor der Ehe, von Mann und Frau. Neben dieser gesellschaftlichen Moral besteht aber noch eine kleine illegale Moral für den täglichen Bedarf. Allerdings nur für den Mann. Tie Geschlechtslicbe aus Leidenschaft ist ein zu starker Naturtrieb. Ter Mann, der vor der Ehe seine Keuschheit verloren hat, der als Ehemann treulos ist, verliert darum noch lange nicht seine Ehre. Zwar sittlich angefault, aber trotzdem ein Schwerenöter, ein heimlich bewunderter und oft beneideter Held mit einem pikanten Makel. Anders bei der Frau. Erliegt die Frau der Geschlechtslicbe au? Leidenschaft, dann ist sie moralisch erledigt. Mit dem Verlust ihrer Keuschheit verliert die Jungfrau ihre Ehre, er- wirbt sie die Schande. Tie Frau muß um jeden Preis ihre Schande verbergen. Tie Flucht der Frau vor der öffentlichen Schande ist häufig ein einziges Golgatha. -j- Und wie unter der kapitalistischen Wirtschaftsweise der Prosit der Zweck aller Unternehmungen ist, so haben sich auch Unternehmungen gebildet, die aus der Not und Verzweiflung gefallener Frauen Gewinn herauszuschlagen verstehen. Ter reichen Frau öffnen sich Zufluchtsstätten, wo sie die Früchte ihrer „Schande" heimlich los wird. Eine Ferienreise wirft Wunder. Alle Sünden sind vertilgt und keusch und rein von Schuld und Fehle tritt die reiche Frau in ihren alten Kreis. Die arme Frau muß ihre „Schuld" mit sich schleppen. Ihr blüht größeres Elend. Viele enden, verlassen von aller Welt, verachtet und gepeinigt, als Mörderinnen ihrer Kinder. Not bricht Eisen. Aber auch die Wallfahrt der reichen gefallenen Frau zum Keuschheitsbrunnen ist nicht gefahrlos. Wir dürfen die Unternehmungen zur Rettung solcher Frauen nur etwas näher betrachten. Tie Frau, die in „Schande" geraten ist und der die nötigen Mittel zur Verfügung stehen, erläßt gewöhnlich in einer bürgerlichen Zeitung ein Gesuch: „Dame in diskreten Umständen sucht Unterkunft." Die Wirkung bleibt nie ans. Zu Dutzenden flattern Angebote ins Haus. In Berlin erscheint sogar extra ein Internationaler Pcnsionsanzeigcr für solche Gesuche und Angebote. Was man nun auf dem Markt für „diskrete Angelegenheiten" erleben kann, das erzählt unS neuerdings Pfarrer Paul Bruns aus Straßburg i. E. int 10. Heft der in München erscheinenden Süddeutschen Monatshefte. Auf das Gesuch einer „Dame in diskreten Umständen" um „diskrete Unterkunft" in einer bürgerlichen Zeitung, machte ein Tr. S. aus G ... ein Angebot, aus dem anstandshalber nur folgende Sätze mitgeteilt werden können: „Mein Fräulein! Sie können in meinem behaglichen Heim einen schönen freien Aufenthalt genießen, wenn Sie mir dafür freien Geschlechtsverkehr gestatten. Ich bin Junggeselle — Arzt — und ich werde Ihnen natürlich nicht mehr zumuten, als Sie in Ihrem schwangeren Zustande vertragen können —, ich weiß aus meiner Praxis, daß vielen Schwangeren der Geschlcchtsgenuß bis kurz vor der Entbindung geradezu Bedürfnis ist. Schreiben Sie mir nur ganz offen, ungeniert und vertrauensvoll, ob Sie zum erstenmal schwanger sind, wie lange jetzt diese Schwangerschaft besteht, ob Leib und Brüste schon bedeutend schwellen" usw. (Nun folgte eine Schilderung seiner Leidenschaft für Schwangere, seiner körperlichen Beschaffenheit und Fragen nach derjenigen der Suchenden: und schließlich stellte er in Aussicht, das Kind eventuell zu adoptieren.) Auf einen weiteren Brief an die angegebene Chiffre erfolgte keine Antwort, weil die mitgeteilten Einzelheiten dent Arzt Wohl nicht zusagten. Es wurde darauf in derselben Zeitung ein anderes fingiertes Inserat ähnlichen Inhalts aufgegebcn in der Hoffnung, daß der Arzt sich wieder melden würde; aber er scheint unterdessen etwas Befticdigcndes gefunden zu haben, denn er reagierte auf diese Annonce nicht. Dagegen liefen 113 andere Angebote ein, parfümierte und rticftt parfümierte. Es meldeten sich ein „behördlich konzessioniertes Privat-Tetektiv- und Rechtsbureau", ein „Teut- scher Zimmer-Wohnungs-Pensions-Nachweis", andere „Pensionen", adlige Personen, Kaufleute, höhere Beamte, Oberlehrer, Architeften, Ingenieure, Apotheker, Arztschwcstern, verwitwete Rätinnen, Offiziere a. D., Pfarrerswitwen, Hebammen, Geburtshelferinnen, Frauen, deren Schwester, Tochter, Cousine oder Freundin Hebamme ist, Krankenschwestern, Heilgehilfen, Masseurinnen, Naturhcilkundige und Masseure, Aerzte. Masseurinnen empfehlen „Massagckuren gegen Korpulenz, Menstruationstropfen" und ähnliche „Heilmittel". Aerzte versicherten, daß es ihnen „ein leichtes ist, eine Frühgeburt schmerzlos und gefahrlos herbeizuführen". In 6 bis 3 Tagen ist die Sache gemacht. Hebammen erklärten, daß sie „die polizeiliche Konzession zur Geheimmeldung" besitzen, daß ihnen „die Aufnahme von Damen polizeilich konzessioniert ist und daß dadurch eine absolute Diskretion möglich ist", daß bei ihnen „ohne Heimbericht entbunden werden kann". Zahl- reich waren die Bereiterklärungen zur Aufnahme oder Adoption der Kinder. . . . . .• Tas von Pfarrer Bruns verarbeitete Aktenmatenal ent- hüllt dem Wissenden nichts Neues. Trotzdem ist es immer wieder verdienstvoll, die Fäulniserscheinungen der kapitalistischen Gesellschaft zu brandmarken, damit die Erkenntnis allgemeinere Verbreitung erlangt, daß die Kultur entarten muß, wenn sie nicht durch den Sozialismus geläutert und erhöht wird. Von der heutigen Gesellschaft ist nichts zu hoffen. Ihr ist der Profit das Heiligste. „Die Not so vieler Mädchen, die die Folge unserer auf die Sinnlichkeit bei Mann und Weib geradezu abzielenden und sie aufreizenden gesellschaftlichen Kultur ist, hat einen neuartigen Geschäftszweig entstehen lassen, der mit der Furcht und der Dummheit der nach unserer traurigen gesellschaftlichen Auffassung allein gebrandmarkten und geschädigten Mädchen rechnet, sie ausbeutet und enorme Gewinne erzielt, und der andererseits die Mädchen körperlich schädigt und sie moralisch noch tiefer herabdrückt . . . Dem allen sicht der Staat zu; er gibt, wenn man jenen Anpreisungen glauben darf, seine Sanktion dazu!" Der wissende Stadtschulrat. Kürzlich wurde in Magdeburg der Städte tag für Sachsen-Anhalt abgehalte». wobei der Stadtschulrat Dr. Gutsche-Ersurt ein Referat über „die Pflichtfortbilbungs- schulc für Mädchen" hielt. In einer langen Rede hat der Mann seine Meinung der Versammlung bckanntgcgcben und gesagt, warum die Mädchen besser unterrichtet und goschuit werden müssen. Kolossale Nebcrtrcibungcn hat sich dieser Vortragende nach dem jetzt vorliegenden Bericht zuschulden kommen lassen. Es ist «ine schwere Beleidigung für alle Arbeitercltern und alle die, die mit der Mädchcnerziehung zu tun haben, was da als wahre Behauptung von dem Stadtschulrat ausgestellt worden ist. Nach ihm sind die Arbeiterfrauen absolut unfähig zur geordneten Führung «ines Haushaltes und die Männer gerieten nur durch diese Unfähigkeit ins Unglück! Der Tr. Gutsche hat u. a. folgenden Unsinn geredet: „Wer einen Blick in die Verhältnisse getan hat, der weiß, baß gewerbliche Arbeiterinnen, die nicht imstande sind, sich einen Strumpf zu stopfen, «inen Schaden an Wäsche »nd Kleidung auszubessern, ein Hemd zu nähen, das Bügeleisen zu handhaben, ein genießbares Gericht hcr- zustellen, geschweige denn ein einfaches Kleid anzusertigen, scharenweise zur Ehe schreiten. Die w e n i g st e n der Arbeiterinnen haben Lust, sich, wenn sic überhaupt in ihrer Familie Wohnung behalten, nach Feierabend häuslicher Beschäftigung zu widmen: zu einer eingehenden Tätigkeit hommt es jedenfalls nur selten. Solche Mädchen bereiten, sobald sie heiraten, ihren Männern in einem schlecht geführten Hausstände, der oft auch aus Mangel an Ersparnissen ans schwankendem Grunde errichtet ist, «ine Stätte des Unbehagens und Zwistes. Gänzlich unvorbereitet pflegen derartige Mädchen i» die Ehe zu treten. Ohne im Besitz wertvoller Erfahrungen zu sein, müssen sie die Führung ihrer kleinen Wirtschast übernehmen, und es ist kein Wunder, wenn gleich zu Anfang, oft schon bei der Einrichtung, Fehler über Fehler gemacht werden. Wertloser Plunder wird vielfach planlos zusammengekauft, oft nur auf Abzahlung entnommen. Anstatt sich auf Beschaffung praktischer, nützlicher und unentbehrlicher Gegenstände zu beschränken, prangt ein Vertiko und auf ihm ein Grammophon in der Wohnstube. So geschieht es, baß manche Familie niemals auf «inen grünen Zweig kommt oder zu einem sorgenfreien Leben gelangt, wenn auch Mann und Frau durch ihrer Hände Arbeit zu verdienen suchen. Sobald keine Ordnung in der Wirtschast und im Haushalt herrscht, geht es rückwärts mit der Familie. Fleißige Männer sind nicht selten, sobald sie geheiratet habe», durch die Unfähigkeit der Frau, dem Hauswesen vorzustehen, ins Unglück geraten. Ta das Haus keine Stätte des Behagens für sie sein kau», gewöhnen sie sich an de» regelmäßigen Wirtshausbesnch. Und im Wirtshause werden nicht nur ein paar Glas Bier getrunken, sondern es wird auch — zu Hause gibt es ja nichts Genießbares — gegessen. So kommt es, daß der Mann einen unverhältnismäßig großen Teil des Verdienstes für sich verbraucht. Wie rasch Männer, die vor der Verheiratung solide und arbeitsam waren, auf der Bahn, durch die sie infolge ihrer Ehe geraten sind, abivörts gleiten, habe ich nur zu oft vou Arbeitgebern uild Männern, die in der Armcnvcr- waltung tätig sind, nicht zum mindesten von Geistliche», die Einblicke In solche zerrütteten und vielfach der Auflösung anheimfallcn- ben Ehen zu tun Gelegenheit haben, gehört." Sollte mau so einen Blödsinn von einem wissenschaftlich gebildeten Manne sür möglich halten? Hat er wirklich wahrheitsgemäß solche Feststellungen in Erfurt oder sonstwo machen können, oder erlaubt sich der Mann. Einzelfälle zu verallgemeinern, um den — Schulunterricht damit begründen zu wollen! Wir behaupten das Gegenteil von dem, was der Schulrat als klare Weisheit vorgc- tragen hat. Es ist im allgemeinen nicht so, wie er sagt. Es ist unwahr, daß die gewerblichen Arbciterimlc» scharenweise in die Ehe treten uild nichts können, keine Schäden an Wäsche und Kleidung ousbesseru, keinen Strumpf stopfen, kein Hemd nähen können usiv.I Die übergroße Mehrzahl der Arbeiterinnen kann das und ist mit Lust und Liebe um das häusliche Familienleben besorgt, andernfalls würden ja schreckliche Verhältnisse in Deutschland existieren. Der Stadtschulrat hat gar keine Ahnung davon, was rs heißt, die Frau eines armen Arbeiters zu sein. Wäsch«, Kleidung, Schuhwerk ufw. wird Im Arbeiterhaushalt ganz anders in Anspruch genommen, als bei Besserfituierten. Demzufolge mutz aber auch die arme Frau viel häuslicher und geschickter wirtschaften können, als im reichen Haushalt, wo für unbrauchbar gewordene Sachen leicht Ersatz zu schaffen ist! Wie «ine Künstlerin hält meistens bi« Arbeitcrsrau das Alte zusammen. Die Erfahrungen beseitigen schon die „Dummheit", wenn solche wirklich vor der Ehe bestand, denn mit Macht wirkt der Zwang der Umstände gerade aus die Frauen ein. „Wertloser Plunder" wird doch nur gekauft, weil gute Sachen zu teuer sind für Leute mit niedrigem Einkommen. Deshalb bemerken wir mitunter im Arbeiterhaushalt mehr „Plunder" wie nötig, weil erfahrungsgemätz „der billige Kram" schneller abgenutzt und dann meist wertlos geworden Ist. Zur hauswlrtschaftlichcn Grundlage gehört vor allein eine möglichst gesicherte Existenz, keine Arbeitslosigkeit, keine Krankheiten infolge zu starker Ansbeutcrci, damit die Familie nicht fortwährend ins Unglück gerät und bann «in „behagliches" Leben nie möglich ist. Der verheiratet« Maun läßt seine Frau recht gerne zn Hause, damit sie die Wirtschaft führt und dabei dazu lernt, was sie eventuell noch nicht kann: er läßt sie nur ungern mit auf Arbeit, nach Verdienst gehen, weil darunter die Wirtschaft leibet. Diese Tugenden gewöhnt aber der Kapitalismus und die Not dem Arbeiter beizeiten ab. Staat und Gemeinden errichten Kinder- bewahranstalten, weil die Eltern ihr« Arbeitskraft verwerten m ü sse n , um existieren zu können!! Das Ehe- und Familienleben wird dadurch aber nicht gefördert. Dann heißt es, ja seht nur, wie unfähig diese Arbeiterfrauen sind! Der Mann wird durch die ganz «lenden Verhältnisse mehr als sonst verleitet, bas Wirtshaus aufzusuchen. Mit der Arbeitsamkeit oder Lüderlich- kcit der Ehegatten hat das nicht das mindeste zu tun. Die Vorwürfe des Herrn Dr. Gutsche verraten wenig Talent, bestehende Uebelstände abzuschaffen. „Dämmerschlaf" Allem Anscheine nach ist die Zeit nicht mehr fern, in der dem alten Fluch, der auf dem Weibe lastet: „Mit Schmerzen sollst Tu Kinder gebären", ein Ende gemacht sein wird. Hente schon gibt es Tausende von Frauen, die ihre Kinder auf natürlichem Wege, ohne künstlichen Eingriff des Arztes zur Welt gebracht haben, und die dabei doch von dem furcht- baren Martyrium befreit blieben, das in den allermeisten Fällen mit dem Gcbnrtsvorgang verbunden ist. Der Zustand, in dein dies möglich ist, heißt Dämmerschlaf, und den Professoren Krönig und Gauß von der Frauenklnik der Badischen Universität in Freiburg, sowie ihren Assistenten, gebührt vor allem das Verdienst, die menschenfreundliche Methode bis zu ihrer jetzigen Vollendung ausgebaut »nd für ihre Verbreitung gewirkt zu haben. In der Neuen Generation, dem Organ des Bundes für Mutterschutz, finden wir einen höchst interessanten Artikel aus der Feder von Mary Sumner-Boyd, einer Frau, die selbst int Dämmerschlaf geboren hat, der eine Fülle außerordentlich instruktiven Materials enthält. Der Dämmerschlaf ist, wie schon der Name besagt, keine Narkose im gewöhnlichen Sinne. Er wird hervorgerufen durch eine Scopolamin-Morphium-Einspritzung unter die Haut und zwar werden die Einspritzungen von Zeit zu Zeit wiederholt. Der Dämmerschlaf ist nicht mit absoluter Bewußtlosigkeit ver- blinden, sondern er stellt einen Zustand getrübten Bewußtseins dar, in dem das Gehirn von den Reflexnerven des Rückenmarks abgeschnittcn ist und dadurch die Empfänglichkeit der Schinerzen verloren hat. Die Patientin bleibt dabei für Sinnescindrücke empfänglich: zur Herbeiführung des Schlafes ist daher auch absolute Ruhe und starke Verdunkelung des Krankenzimmers notwendig. Ebenso bleibt sic dem Einfluß des Arztes zugänglich und ist imstande, dessen Anordnungen, die sich auf den Hergang der Geburt vollziehen, zu befolgen. Der Schlaf hat also eine gewisse Aehnlichkcit mit hypnotischein Schlaf. Für die Feststellung des Eintretens der völligen Bewußt- losigkeit ist die „Gedächtnisprobe" maßgebend. Man fragt die Patientin, ob sie sich an Eindrücke, die einige Zeit vorhey stattgefunden haben, noch erinnert. Ist dies nicht mehr der Fall, so ist die Bewußtlosigkeit ausreichend. Die Durchführung des Dämmerschlafes stellt in den Takt und die Fähigkeit des Arztes, sich in eine andere Individualität hincinzufühlen, große Anforderungen. Fast jede Patientin reagiert in etwas anderer Weise und die Dosen müssen daher genau reguliert, die ganze Behandlung ständig überwacht wer- de». Birgt auf der eine» Seite eine ungenügende Dosierung die Gefahr einer zu geringen Betäubung und daher Aufrecht- erhaltung der Schmerzcmpfindlichkeit, fo droht auf der anderen Seite die Gefahr einer zu tiefen Einschläferung bis zu völliger Bewußtlosigkeit und Aussetzung der Wehen. Auf der Schwierigkeit, auf diesem schmalen goldenen Mittelweg zu bleiben, beruhen denn auch alle Anfeindungen, die die Methode bis jetzt, gerade auch von ärztlicher Seite zu erleiden hatte. Professor Gauß hat eine statistische Beobachtung von 3600 in Freiburg durchgeführten Fällen vorgenommen. Dabei zeigte es sich, daß bei 65 Prozent aller Behandelten voller Dämmerschlaf erreicht wurde, bei 22 Prozent teilweiser Dämmerschlaf, während nur 13 Prozent keine Schmerzlinderung zeigten. Dabei ist noch zu berücksichtigen, daß viele Frauen, deren Fall vom Arzt als teilwciser Dämmerschla f charakterisiert wurde, von sich selbst aussagten, daß nach ihrer Uebcrzeugung die Geburt schmerzlos gewesen sei. Die 13 Prozent Fälle von Mißerfolg sind vor allem auf die weniger günstigen Umstände zu setzen, unter denen die Geburten vierter Klasse erfolgen. Es liegen da immer mehrere Kreisende in einem Zimmer, die sich naturgemäß gegenseitig beim Einschlafen stören. In den Krankenzimmern erster Klasse wurde bei fast 85 Prozent aller Patienten der volle Dämmerschlaf erzielt. Zum Teil ist allerdings auch die Veranlagung der Patientin manchmal an dem Mißerfolg schuld. Aber in den leidenschaftlichen Kontroversen, die sich uni den Dämnierschlaf erhoben haben, ist der Methode auch der Vorwurf gemacht worden, daß sie für Mutter und Kind Gefahren berge. WaS das crstcre anbclangt, so ist bis jetzt bei "allen Anwendungen von Scopolamin noch kein einziger Un- glllcksfall vorgckommen. Gesunde, kräftige Frauen vertragen seine Anwendung so gut wie schwache, kranke. Da die Gebärende bei seinem Gebrauch keine Schmerzen mehr leidet, so ist dabei der Mutter und Kind schädigende Eingriff mit der Zange, der sonst zur Abkürzung der Leiden immer häufiger angewandt wird, fast vollkommen überflüssig geworden. An Stelle der Zange wendet man bei den Scovolamin-Geburteii das die Wchentätigkeit befördernde Pituitrin an. Man kann in aller Ruhe die natürliche Entbindung abwartcn, da man die Patientin ohne Gefahr selbst mehrere Tage lang im Dämmerschlaf erhalten kann. Ein besonderer Vorteil dieser Methode ist aber die schnelle Erholung der Mütter. Tie im Dämnierschlaf entbundenen Frauen können bereits am Tage nach der Geburt kurze Zeit das Bett verlassen und schon einige Tage später ausgehen. Es zeigt sich, daß die nervöse Erschöpfung und die langsame Erholung der Frauen nach der gewöhnlichen Geburt in erster Linie auf Rechnung der furchtbaren Schnicrzcn zu setzen ist, die sic auszustehcn haben. Die Frau, die sonst nur mit Grauen an die Geburtsstunde zurückdenkt, tut dies jetzt, wenn ihr überhaupt eine Erinnerung geblieben ist, mit dem Gedanken an eine angenehme Muskel- anstrengung. Bliebe noch die Schädigung des Kindes. Bei den 10 000 bis 12 000 Geburten, bei denen der Dämmerschlaf zur Anwendung gelangt ist, kam bis jetzt nur ein einziger Todesfall vor, der dem Scopolamin-Morphium zur Last gelegt werden kann auf grund des Sektionsbcfundes. Im übrigen hat eine Statistik von 421 Dämmerschlafkindern sogar er- chiesen, daß die Sterblichkeit dieser Kinder im ersten Lebensjahr um 4,4 Prozent hinter der des Turchslbnitts im Groß- hcrzogtum zurückbleibt. 80 Prozent dieser Kinder kommen frisch und munter zur Welt, 16 Prozent zeigen Atembcschwcr- den, die aber bald vergehen und 5 Prozent kamen asphyktisch, d. h. scheintot zur Welt, ein Prozentsatz, der nicht größer ist als bei gewöhnlichen Geburten. Die geringen Spuren von Scopolamin im Körper des Kindes werden erfahrungsgemäß innerhalb 2 Stunden ausgeschieden. So bleibt denn gegen die Dämmerschlaf-Methode kein EinDand, es sei denn der tatsächlich von religiös-katholischer Seite erhobene, daß die Frau sich damit gegen den ihr von Gott aufcrlegten Erbfluch wehre. Mit ihm haben wir uns nicht zu beschäftigen. Eine Schwierigkeit, die allerdings der schnellen allgemeinen Einführung der Methode gegenübersteht, liegt in den nicht unerheblichen Kosten, die die Einrichtung entsprechenden Entbindirngsräume verursacht und in der Not- Wendigkeit, erst ein Ärztpersonal mit den genügenden Erfah- rungen heranzubilden. In der Freiburger Klinik wird jeder Frau, die dorthin zur Einbindung kommt, auch der ärmsten, die Entbindung im Dämmerschlaf vorgeschlagen. Besser situierte Frauen können es sich auch heute schon leisten, nach Freiburg zur Entbindung zu reisen. Auch in verschiedenen anderen Städten praktizieren schon Schüler von Professor Krönig nach seiner Methode. Vielleicht wird die Furcht der herrschenden Kreise vor dem Geburtenrückgang, der ja zum Teil wenigstens durch die Angst der Frau vor den Geburtsschmerzen verursacht ist, sein Teil dazu beitragen, die Ein- führung einer Methode zu beschleunigen, die in einer Zeit, wo man sonst den Schmerz bei den kleinsten operativen Ein- griffen durch entsprechende Maßnahmen zu beseitigen sucht, längst den Beifall aller Acrzte hätte finden müssen. Wenn diese Aerzte nicht Männer wären und unsere ganze Zivilisation nicht vom Interesse des Mannes beherrscht wäre. Der fortschreitende Sozialismus wird auch das ändern. Aas erste Aßenteuer. Die rauhe», regnerische,, Tage, in denen die Sonne sich ganz von der Erde gewandt, hatten die Menschen auch trllb und mtid« gemacht. Es war gar kein Schwung mehr in ihnen, sie wollte» nichts unternehme» und versanken grämlich in ihren sardluse» Negcnkleidern. Alles war Io ohne Lust und Freude. Die Bäume steckicn ihre Arme gleichgiltig von sich, die Kronen erhoben sich nicht, sondern hingen gelassen. Fn den Gräsern tummelte sich kein Spiel, keine Farbe durchwogte sie. Sie standen eben da, grün in grün. Und dann, eines Morgens, schon ln der Nacht hatte sich da» geheimnisvoll vorbereitet, ivar der Himmel strahlend. Ueoer und über blau, nirgends die Spur eines Wölkchens. In der dunkelste» Ecke des Hausflurs war der Steinboden hell von der Sonne beschienen und breitete Wärme um sich. Ti« Bank unter dem vor- springcndcn Dach war grell weiss, ein paar wilde Nebenblätter bewegten sich in ihren Schatten aus dem Sitz. Die Sträucher d«S Jasmin warfen ihre Blüten lachend in der Welt umher. Tie Büsche waren übermütig vor Glück. Sie wuchsen wie hemmungslose Genusssüchtige von ihrem Boden fort zu fremden Bäumen hin. Blüte an Blüte fas, an ihren gebrechlichen Zweigen, zart und weih. Aus der Ucbcrflllle löste sich manchesmal ein Blättchen und verbreitete einen feinen, gelben Staub, der sich golden unter den Gräsern verlor. Wie im Tanze schivangcn sich die kleinen roten Kletterrosen am Hause hinaus. Sic platzten fast vor Farbenpracht. Tie hellrote» Geranien schielten zu ihnen hinunter und die blauen Begonien brückten sich durch das Gitterwerk des Balkons, um nur einen Gruh zu ihnen zu schicken. Tiefe glühend roten Rosen halten in sich Kraft und Schönheit gesammelt. Sie strotzten vor Leben: alle Wesen des Gartens sahen zu ihnen hinauf und richteten sich in der Glut ihrer Schönheit wie im Zwange enipor. Alles Leid, alle Stürme, alle Entbehrung, das alles war gewichen vor dem sonnigen Lachen. Was zugrunde gegangen ivar, das schien vergessen, weil nun das Leben in seiner Entfaltung stand. Durch die Vorhänge und Läden war die Tonne gedrungen und hotte die Kinder geweckt. Edith schreckte plötzlich die Schwester aus mit dem Ruf: «Endlich die Sonne!" Tann hüpften sic beide aus den Betten, zogen den Stoff von den Fenstern ivcg und stieben die Läden zurück. Ta stürzte sich eine Welle Licht in die Stube, dass die Kinder die Köpfe geblendet senkten und nur mit der vorgehaltcnen Hand sich langsam an die Lichtfülle gewöhnten. Sic drangen ins Zimmer der Eltern und zupfte» an den Kopfkissen. Tie Klein« begann zu kichern und beide legten sich leise aus den Teppich. Aber sie konnten ihr« Freude nicht mehr unterdrücken und brachen bald in lautes Gelächter aus. „Was ist denn los?" fragte bi« Mutter. Tann sah sie di« beiden vcrknäult am Boden liegen. Ihre Frage erregte neue Heiterkeit. „Tie Sonne... hihi... scheint doch so," stiess Edith hervor. «Und da, hähä...," fuhr Auguste fort, „dürfen wir doch hinaus, hat Papa uns versprochen". „Ten Fahrplan." sagte der Vater noch halb im Schlafe. Auguste ftlirzte davon und nahm die Schleppe ihres Nachthemdes über den Arm. Gleich war sie wieder mit dem Buche zurück, und als der Vater die Züge nachsah. setzten di« Kinder ihr Gelächter auf dem Balkon fort. „Alle Rosen sind angekommen," schrie Edith. „Ganz dick!" „Nein," meinte Auguste, „sie sind doch nicht mit dem Zug an- gckommcn, sie sind hcrausgeschlüpft". „Mutter, sie find über und über rot." „Ach," sagt« sie nach «iner kleinen Weil«, „sie sind doch nicht so rot". „Warum sind sie doch nicht so rot?" wollte Auguste wissen. „Weil ja Grünes dabei ist." „Des zwegcn," lachte Augusts, „sind sie ja gerade so rot. Und viel schöner ist's auch, wenn was Grünes dabei ist". Die zwei begaben sich ins Badezimmer zur Reinigung. „Deine Kniee sind anders dreckig," tadelte Auguste. „Ist ja nicht wahr," wehrte sich Edith, „weil ich sie gestern abend gewaschen Hab'". Trotzdem rieb sie die Kniee tüchtig mit dem Seife"läpuche"^ „Sie sind boS) Stettin* meinte sie. „ich bin nachts im Gebirg gekraxelt und Hab' bie Kniee tm Schmutz angestoßen". «Aber Tu bist ja garnicht dreckig gewesen," sagte Auguste jetzt. „Weilst Dich auch nicht angestohen hast." „Anzieh'n, keine Unterhaltung," rief der Vater. «Hähä... hihihi... Die Kinder wickelten ihre Hemden zusammen und liefen nackt davon. „Was zieh» wir an?" fragten sie die Mutter. ,,<5’ Blumenkleidchen?" „Edith: Ja, Blumenrock und rosa Jacke. Auguste neue Socken, Kittel und Rock." „Sandalen?" „Ja, und die Stiefel in den Rucksack." „Braucht d' Mama den Jodlerhut?" Auguste ging auf den Speicher und holte den Gebirgshut und die Stöcke herunter. Für den Vater die kurze Hose. Dann zogen istch die Kinder an und halfen einander. Währendessen erzählten sie: „Du, Auguste, mit der Wadlhose sieht der Papa doch viel schöner aus." „Ja, und daß Hemd mit dem breiten Kragen ist auch so schön, tveil man den Hals steht. Solche Hemden, Edith, hat Mama gesagt, und Hosen, kriegen wir auch einmal, wenn wir erst richtig kraxeln können." „Hihihi... Auguste, bei die Schneeberge gibt's im Sommer Schnee. Lausen wir auch draus herum? Und deswegen, hat Papa gesagt, wird's dann bei uns im Sommer so kalt und regnet. Und -nachher wird's wieder im Gebirg kalt und schneit..." Run gingen sie mit den Kämmen und Bürsten zur Mutter, die schon im Kleid und in den Stiefeln war. „Ich will z'erst, ich bin auch zuerst ausgewacht." sagte Edith. „Auguste, richte Du derweil die Hut'." Auguste beeilte sich, das zu tun und liest sich dann ihre Zöpfe flechten. „Großmutter hat gesagt, Dein Haar sei krumm," neckte sie Edith. „Das sind Locken," erwiderte die Kleine stolz und ' liest sich nicht aus der Fassung bringen. „Aber Tu hättest nur Haare wie Schnittlauch. Und wenn sie sagt, sie seien krumm, möcht sie mich nur ärgern." „Hinunter in die Küche." machte die Mutter dem Gespräch ein Ende. Es wurde kalte Milch getrunken und die frischen Semmeln eingesteckt. In wenigen ?lugenblicken war die Familie aus dem Weg zum Vorortbahnhof. Die Kinder sprangen voraus. Edith flüsterte zu Auguste: „Heut ist er nett." Sie steckten die Köpfe zusammen. „Wer denn. Tith?" „Der Papa," lachten beide. Der Zug fuhr in eine üppige Welt hinein. Tie Wiesen waren dujtend und tausrisch. Verbiühte Gräserftreisen zitterten sah! über das schwere Grün bin und richteten sich goldüberstrahlt vor der Sonne auf. Tie Büsche wuchsen zusammen, dicht und ausladend, hohe Tannen standen friedlich und liehen ringsum die Sonne in ihre kühle» Glieder eindringen. Dann schien es, als schlöffen sich die hängenden Zweige, um die Sonne zu behalten. Die Tannen waren mit einemmal zu einem Waldsaum aneinaudergerückt und sei» Schatte» schlürfte soviel Sonne, daß ein warmer Duft aus den alle» Stämmen strömte. Ter Wald ging zu Ende. Aus einem lieblichen Tal schauten Bauernhäuser hervor, deren Fenster ganz von Blumenschmuck überdeckt waren. In einer Lichtung von Wiesen und Feldern sah man fern die Berge ansteigen. „Die Berge," sagte Edith gedehnt. Die Kinder wurden still. „Können wir denn oben auf die Spitzen rauf?" fragte Auguste fast iveinerlich. „Sie sind ja so weit weg." Man stieg aus und geriet in eine strahlende Stadt, !n der die Blumen leuchtender waren als zu Hause, als irgenwo. Seltsame Blumen wuchsen da und überall standen sie umher, in allen leeren Winkeln der Gärten und Häuser, hinter- und übereinander auf besonderen Gestellen zur Schau ausgebreitet. Und jede Pflanze entfaltete ihre eigene Pracht. Eine breite gepflasterte Gaffe führte herab zu einer Brücke hin. Und all die Häuser waren mit Bildern bemalt. Ein Riesenkerl stapfte mit einem Knäblein auf dett Schultern durch eine gemalte Flut, lieber seinem Kops war ein Sprüchlein gemalt. Stockend las es Auguste der kleinen Schwester vor, dann standen sie und wunderten sich. Sie wußten garnichts mehr zu sagen Uber eine Stadt mit solchen Häusern und diesen Leuten, die so nett gingen. Tie Mädchen in ihren Hütchen und Jacken und Schürzen. Auf der Brücke mutzten die Kinder schauen, wie das Wasser rist. Wie an den Ufern die Häuser so dicht aneiitanderklebten und jedes Haus ein lustiges Geschichtlein erzählte. Die Kleinen liefen voraus und konnten garnicht viel mehr sagen, so war das eine Welt. Als man im Hotel unter den modisch gekleideten Gästen das Mittagessen nahm, wurde es hastig halb gegessen, halb stehen gelassen. Edith nickte Auguste verständnisinnig zu: „Nachher steigen wir hinauf." (Schluß folgt.) Aus Wett und Leven. Uneheliche Mütter. Die Kölnische Zeitung brachte am 25. Juni diese beiden Meldungen: Celle, 24 . Juni. sTelegr.) Die Braut eines jungen Kaufmannes, die von ihrem Bräutigam verlassen war, sprang heute vormittag aus Verzweiflung mit ihrem drei Monate alten Kindchen, bas sie an sich gebunden hatte, in die Aller. Der Vorfall wurde von Vorübergehenden beobachtet, jedoch kam die Hilfe zu spät, Mutter und Kind konnten nur als Leichen geborgen werben. E l b e x f e 16. 24. Juni. sTelegr s Eine 22jährige Kellneritk, die in Trier beschäftigt war, erschoß heute hier ihr dreijähriges Kind, welches in einer hiesigen Familie in Pflege war, und bann sich selbst. I» diesen wenigen Zeilen offenbart sich eine Welt von Leib und Verzweiflung, offenbart sich das ganze Elend der unehelichen Mütter. Die diesen neuesten voraufgegangene Riesenzahl ähnlicher grausiger Tragödien hat nicht vermocht, da» Gewissen der Gesell« schaft zu wecken und die heuchlerische Minderbewertung der unver« heirateten Mütter auszugeben, hat immer noch nicht vermocht, die öffentlichen Gewalten zu zwingen, für die hilflose Mutter und ihr Kind auskömmlich zu sorgen. Die Gesellschaft beharrt bei ihrer feigen Heuchelei und in ihrer brutalen Gleichgültigkeit, diese Gesell« schaft, in der die Hu,che der Wohlhabenden besser leben als die große Mehrheit der besitzlosen Klasse. Jawohl: es ist feige Heuchelei, wenn man die unverheiratete, verlassene Mutter als Auswurs der Menschheit behandelt und sie hilfslos hinausstöstt. In der Schar derer, die vor jenen Unglück« lichen Geschöpfen ausspeien, gibt es nicht einen Mann, der nicht mehr als einmal bereit gewesen wäre, ein Weib seines Geschmacks zu verführen und zu betöre», gibt es nicht einen, de» aus sittlichen und ethischen Erwägungen vor dem außerehelichen Sexualverkehr zurückgeschreckt wäre. Nur Furcht vor familiären und anderen Un« gelegenheiten, Angst vor blamabler Zurückweisung und Züchtigung, Besorgnis vor etwaiger Ansteckung und dergleichen mehr hat die Moraltrompeter veratilastt, auf den Pfaden der Tugend zu bleiben. Wer von Euch Herren wagt zu widersprechen? Und Ihr deutschen Frauen, die Ihr die „Gefallene" beschimpst und verdainmt, wie war es mit Euch! Es gibt eine Statistik der Erstgeborenen, und aus der ergibt sich, daß mehr als die Hälfte von Euch allen vor der Ehe von der verbotene» Frucht genascht hat. Tenn woher sonst die hohen Prozentzahlen der Kinder, die vor Ab« laus des neunten, achten, siebenten usw. Monats nach der Eheschließung zur Welt gekommen sind. Alle Klassen und Berufe ohne ?lusnahme sind daran beteiligt. Und wer will behaupten, daß In diesen Zahlen der wirkliche Umfang der vorehelichen Freuden zum Ausdruck kommt! Nicht aller Verkehr hat Folgen; unschätzbar ist die Zahl der Beseitigungen und von der Verhütung sei erst gar nicht geredet. Also Schluß mit der erbärmlichen Heuchelei, und her mit einer gründlichen Fürsorge für verlassene, unverheiratete Mlltter und deren Kinder! Kesundyettspffege. Haarschwund, der von den Zähnen ausgeht. Der französische Zahnarzt Putreux konnte zwei Fälle von Haarschwund seskstellen, die einen merkwürdigen Ursprung aufweisen. Aus dem eingeleiteten Heilverfahren ergab sich nämlich, dast der Haarfchwnnd von den Zähnen ausging. Ter erste Fall betraf einen Patienten, der eine kahle runde Stelle im Barte aufwies. Der Zustand im Munde zeigte ein tadelloses Gebiß mit Ausnahme einer unbedeutenden Zahnfleischentzündung, die von Zahnstein herrührte. Als diese nach sorgfältiger Reinigung zur Heilung gelangte, stellte sich nach zwei Monaten ein neuer Haarwuchs ein. Im zweiten Fall handelte es sich um einen 42jährigen Knaben mit Haarfchwund, dessen untere Backzähne stark angefressen waren. Die beiden Zähne wurden gründlich behandelt und schon nach vier Wochen zeigte der neue .Haarwuchs feine ersten Spuren. Nach weiteren zwei Monaten war der Haarboden wieder hergestellt. Kür Kaus und Kof. Gurkenzucht in Eierschalen. Zum Keimen der Gurken lassen sich Eierschalen von Hühner-, Enten- und Gänse-Eiern mit großem Vorteile verivende». Nachdem das obere Viertel oder Drittel hinweg« genommen, iverden im März die Schalen mit Erde angefllllt und in jede ein Gurkenkern gepflanzt. Die so bestellten Schalen werden dicht nebeneinander in eine Kiste gestellt und die Zwischenräume mit Sand gefüllt. Die Kiste wird an einen warmen Ort gebracht. Tie Sämlinge entwickeln sich in diesen Miniaturtöpfen prächtig, ber mir immer besser als in Töpfen und wenn es aus Auspslanzengeht, so ist für prächtige Balle» bestens gesorgt, da sie durch die «sqnle gehalten werden. Diese wird leicht entfernt oder durch leichten Truck gesprengt und darum gelassen. Sollte sich die Auspflanzung der Gurken durch Witterungs- oder andere Einflüsse einmal verschieben, daß die <Ä)alen ibesonders bes Hühnereiern) zu klein würden, so entserne »tan auch den unteren Teil der Schale, so daß die Wurzeln sich darunter ausbreiten können und verpflanze sie in größere Töpfe. Auch dann bleibt der Vorteil de« festen Ballens und des ungestörten Anivachsens und WeiierwachsenS.