1 L1L? ^ V V & 8 DasSIattdecifcau Wöchentliche Beilage der Bberöessischen Volkszeitung m Nummer 25 Liehen, Freitag den 26. Juni 1914. 6. Sakrgang R5ESMRSMÄMÄRHfSSRSMRSMRS5!ÄMRSMÄMRSRMMÄMRSM?u53ÄMRS Eine Heichichle der chelchlechlsnwral *). (Schluß.) Tag „alles sittliche Gebühren in Theorie und Praxis bestimmten gesellschaftlichen Bedürfnissen entspricht", geht schon aus den bis jetzt gegebenen Beispielen hervor. Fuchs begründet diesen Leitsatz durch die Sittengeschichte aber noch eingehender, indem er die Moralanschanungen der verschiedenen sozialen Klassen, die sich ztir selben Zeit oft diametral gegenüberstandcn, als Folgen der wirtschaftlichen Sonderbedürfnisse dieser Klassen nachwcist. Zu diesem Zwecke führt er die Sittenanschauungen der Klassen der Handwerker und der reichen Kausleute des 16. Jahrhunderts auf ihre Wurzel zurück. Ter Handwcrkerfrau schrieben in dieser Zeit die Sittengesetze ihres Standes strengste Ehrbarkeit und Züchtigkeit, peinlichste Treue gegen ihre» Mann und rastlose Betätigung in ihrem Haushalte vor! Weshalb? Nur indem sie von früh bis spät ihre Wirtschaft überwachte, in peinlichster Ordnung hielt, indem sie die größtmöglichste Sparsamkeit auch im kleinsten übte, war die Existenzmöglichkeit der handwcrkerlichcn Faniilie sichergestellt. Eine liederliche Fra» hätte unbedingt ihren Ruin hcrbeiführen müssen. Deshalb mutz die Handwcrkerfrau jede Gelegenheit, die sie zur Vernachlässigung ihrer Pslickiten bringen konnte, wie die Pest meiden. Deshalb wird ihr das eingezogcne Leben vor- geschrieben, deshalb hat sie ihre weibliche Eitelkeit, die nach Putz und Schmuck verlangt, zu überwinden. „So erwächst in ihr der Typ der züchtigen Hausfrau, die „in Zucht und Ehren" ihr Leben verbringt, und so lautet daher auch das für sie gültige Sittengesetz. Tiefem Gesetz mutz sie ge- horchen bei Strafe des Unterganges." Es ist daher „das für sie gültige Sittengesetz. daß sie entweder zur züchtigen Hausfrau oder zur schlechten Hausfrau stempelt, eben nicht- anderes als der ideologische Ausdruck der wirtschaftlichen Basis, auf der sich die Existenz und Blüte des Handwerks aufbant. Ganz dasselbe gilt natürlich in entsprechender Weise auch vom Manne dieser Klasse." (Bd. I, St. 5t.) Ter reichen Kaustnannssrau oblagen andere Pflichten. Der Reichtum ihres Mannes enthob sie von der Tätigkeit im Haushalte. Sie hatte keine andere Ausgabe mehr, als die, ihrem Manne zu gefallen, ihin das Leben zu verschönern. Sie wurde zum „Lurrrsticrchen" des Mannes, statt ihm, wie beim Handwerker, trcusorgeirde Gefährtin zu sein. Natüc- lich formten sich auch die für sie und ihren Stand geltenden Moralanschauuligen entsprechend. Sie muß den Reichtum ihres Mannes sinncnfällig präsentieren — und auch, das gehört dazu, daß sic nur Werkzeug seiner Lüste ist. Ein Besitz erfreut natürlich umsomehr, je mehr er geneidet wird — also muß sich die reiche Frau auch anderen Männern als nur ihrem Gatten begehrenswert machen. Sie darf und muß daher durch ihr Gebaren durch provozierende Kleidung, die Rückschlüsse auf ihre körperlichen Reize erlaubt, jedem zeigen, wie begehrenswert sie ist, wie gut die Natur sie zum Licbcswcrke ausgestattct hat. „Und wahrend sie dos tut. wahrt sie den Anstand, den'von ihrer Klasse geforderten spezifischen Anstand. Durch ihre Sprache, durch die Ge- wähltheit ihres Ausdrucks steigert sie dies alles. Das Leben soll ein einziger Festtag sein, ist die aus dem Besitz, dem Uebcrfluß von selbst sich stets gebärende Logik und Forderung. Die äußere Erscheinung der Ftay ist daher vom frühen Morgen bis zum späten Abend nie anders als fest- täglich. Nichts an ihr erinnert an den Alltag; und alles, was daran erinnern könnte, ist aus ihrer Nähe verbannt. Um dies zu erreichen, scheidet man aus ihrem Leben alles aus, was diese Bestimmung beeinträchtigen könnte. Dazu gehört selbst ... der Mutterbcruf der Frau. Von dem Augenblick an, wo die Frau durch die ökonomischen Verhältnisse prinzipiell zum Genußinstrunient erhoben wird, schränkt sich die Neigung zum Mutterbcruf von selbst ein. Denn Kindergebären raubt die Frau der Gcscllsck)ost, zerstört die Fest- tagsstimnlung für lange, und beeinträchtigt vor allem die körperliche Schönheit. Also rückt dieser Teil des Ehezwecks in die zweite Reihe und wird schließlich zui» notwendigen Uebcl degradiert. Tie ideologische Ausstrahlung davon, wie sie in der Klasienanschauung zum Ausdruck kommt, ist, daß das persönliche Stillen des Kindes allniählich als „unanständig" gilt, und in noch höherem Grade eine häufige Schwangerschaft. . . . Analog formen sich alle anderen Anschauungen, gemäß dem anderen geschlechtlichen Gebaren. Der Ehebruch verliert seine soziale Gefahr. Denn die Frau, die in erster Linie Genußinstrument ist und in der Liebe nur die delikatesten Formen des Genusses sicht, erfüllt die Gesetze der Natur nicht in taumelnder Trunkenheit, sondern als Künstlerin, die auch beim gewagtesten Spiel die Spielregeln nicht vergißt, die alles gestatten und nur die Folgen ausschließcn, die an das Spiel die Last knüpfen. Weil der Ehebruch aber seine soziale Gefahr verliert, hört er auf, die größte Sünde zu sei». . . (Bd. I, St. 56.) Die Unterschiede in den Moralanschauungen verschiedener Klassen sind aber auch das Mittel gewesen, die Macht der jeweils herrschenden Klasse zu befestigen. Diese hat sich stets eine besondere Moral als Zeichen ihrer bevorrechteten. Stellung im Staate und in der Gesellschaft zugclegt. Sie tat das, um sich damit bei den übrigen Dolksgcnoffen gewissermaßen den Anschein besonders hochstehender Menschen zu geben, denen daher auch besondere Vorrechte, vor allem die Hcrrschatt im Staate zukomme. Ihre besondere Moral ist also wiederum „das aus ihrer historischen Stellung als- herrschende Klasse resultierende spezielle gesellschaftliche Bedürfnis . . ." Das spezielle geschlechtliche Gebaren und die entsprechenden sittlichen Satzungen einer Klasie sind immer eins der wichtigsten Klassenunterschcidungsmittcl gewesen. Während aber eine he reichen de Klasse für sich alles das als erlaubt und das mit als sittlich erklärt, was ihren speziellen Lebensbedürfnissen, ihren Genußmöglichkeiten, die ihnen der Besitz garantiert, adäquat ist, erklärt sie damit zu gleicher Zeit ganz dasselbe bei den von ihr beherrschten Klassen als unerlaubt und somit als unsittlich. Außerdem erklärt sie alles das als unsittlich, was ihre Herrschaft schmälern oder gar in Gefahr bringen könnte. . . . Dem Bauern, Hand- werker, Gesellen galt in der Tat, wie historisch an hundert Beispielen nachweisbar ist, iinmer alles das als unsittlich und unerlaubt, wodurch die Klassennnterfcheidung verwischt wurde. Ein solches Tun wurde mitunter direkt zum Verbrechen an der Sittlichkeit gestcnipclt, wenn es die Macht der herrschenden Klasse gefährdete.... Als in den Handwerken das Kleinbürgertum im 16. Jahrhundert zu einem immer ausgeprägteren Klaffenbcwußtsein gelangte und die öffentlichen Badestuben, wo man sich entsprechend der großen Rolle, big FqB BadcMen zu jener Zeit im Leben spielte, sowieso tagaus, tagein traf, dadurch ganz von selbst zu den Mittelpunkten der Opposition gegen ein unliebsam empfundenes Adels- oder Patrizierregiment wurden — in demselben Augenblick proklamierten die in ihrer Hcrrschaftsübung bekämpften und bedrohten Geschlechter das öffentliche Baden als der Sittlichkeit widersprechend und verboten es, wo sie die Macht dazu hatten. Dies der zweite Faktor (siehe oben), der neben der Syphilis der früheren Herrlichkeit des Badehauslebens im 16. Jahrhundert ein Ende bereiteteI ..." Genug der Beispiele, die aus abertausenden heraus- tzegriffen worden sind. Fuchs hat sie in den einzelnen Kapiteln seines Werkes durch ein außerordentlich reichhaltiges Tatsachenmaterial — zeitgenössische Flugschriften, Dichtungen, Pamphlete, Sittenmandate, Kleiderordnungen, Darstellungen der bildenden Kunst usw. — aufs eingehendste illustriert. Seine Sittengeschichte ist das erste Werk, welches die Geschichte der geschlechtlichen Moral vom Mittelalter bis in unsere Zeit im Zusammenhänge darstellt. Es ist aber zugleich auch ein Fundament geworden, auf dem die sittengeschichtliche Forschung getrost und mit Erfolg weiter bauen kann, um spezielle Fragen aus dem Gebiete der geschlechtlichen Moral zu unternehmen und aufzuhellen. Sie'hat sich eben immer nur der Tatsache — die Fuchs in seiner Sittengeschichte immerfort kraß herausstellt — zu erinnern, daß zur Erkenntnis und richtigen historischen Würdigung der Moralansichten unbedingt notwendig ist die genaueste Unter- suchung des wirtschaftlichen Milieus, das sie in ihren Besonderheiten gebar. Dies in seiner Sittengeschichte bewiesen zu haben, ist das große Verdienst von Eduard Fuchs — deshalb gehört sein Werk auch zu den Glanzleistungen der materialistischen Geschichtsschreibung, deshalb möchten wir den Arbeiterbibliotheken auch die Anschaffung der Sittengeschichte empfehlen, so kostspielig sic auch ist! Die öfajfe Zpolloilin. (Schluß.) „Ja," siel bi« Alt« Ivi«b«r ein, „und wenn si« noch ein Wochener zwo gewartet hätte, so war« das auch von selber geschehen, denn bas Kind hätt« keine vierzehn Tage mehr gelebt: das Hab' ich seinen «igenen Vater nachher mehr denn einmal sagen hören. Aber wenn's einmal mit einen, Menschen hinunter will, so ist der Tensel gleich bei der Hand und hält ihm die Leiter dazu." „Da hat Ihr Mund ein sehr roahres Wort gesprochen," sagte der Buchdrucker mit feierlichem Ernst. „So ging es auch mit der armen Apollonia, denn in den, unglückseligen Gemütszustand, von dem ihre Herrschaft keine Ahnung hatte, wurde sic eines Tages, da eben Besuch im Haus« war, in die Schenk« gesendet, um eine Flasche Wein zu holen." „Jetzt aber laßt mich ans Brett," unterbrach die Alte den Erzähler, „in dem Punkt weiß niemand so gut Bescheid wie ich. Ich bin sa dabei gewesen und habe jede Silbe mitangehört: denn der Wirt war mein Pater, und wo das blasie Appel« jene» Wein holte, das war meiner Eltern Haus und ich kannte sie recht gut, obgleich wenig mit ihr zu machen war. Ich seh' sie noch vor mir, wie sie z» uns hrreintrat und mit ihrer leisen Stimm« «ine Flasche Wein begehrt«: nämlich ihr Herr hatte sie aus Stolz ««schickt, weil sein« Gäste behaupteten, mein Bater schenke einen besieren Wein, als er einen im Keller habe, und nun wollte er einen Vergleich anstelle». Es ist thin aber übel bekommen. Wir hatten eben die Lichter an- «rzllndet und etliche junge Gesellen saßen um den Tisch. Wie nun manches unnütze Wort unter b«n Menschen geredet wird, zumal beim Wein, so ging's auch selbigsmal. Es ivar nämlich kurz zuvor der Fall vorgekommen, daß mit Mausgist in «inem Hause nahezu ein großes Unglück «»gerichtet worden wäre, und ein wohlweiser Rat, wie man dazumal sagt«, hatte ein Verbot an die Apotheker und eine Warnung an die Bürgerschaft ergehen lasten. Das Verbot aber wurde nicht groß beachtet und ick holte meinen Mäusen fort und fort ihr richtiges Futter, ohne daß mir jeniand etwas in den Weg gelegt hätte. Von dem Verbot aber war selbigen Abend die Rede. Die jungen Burschen schlugen auf den Tisch und machten «in groß Geschrei: der eine meinte, das Ding sehe aus, als ob man bi« ganz« Bürgerschaft für lauter Gistmischer hielte, der andere schrie, das gehe einen wohlweisen Rat einen Pfifferling an, und wieder einer sagte — das war der jibcrzwcrche Balthas, wiß ihr, er hatte so ein große Warze ans der Nase —: „DaS ist alles für nichts," sagte er, „die gestrengen Herren könne» verbieten Mausgist, Natten- Mst, — und da zählte er noch «in« Meng« Gifte her — „aber andere Sachen können sie nicht verbieten," sagte er, „und da gibt's noch genug Tränklein, die einen in die schwarze Schublade fördern können, ohne daß man sie für Gift ansgebcn kann. Wenn mir ein- nial des Lindenwirts Roter nicht mehr schmeckt, oder wenn ich sonst Wilrmcr im Hirn Hab," so geh ich in die Apotheke und kauf« mir Vitriolöl." „Schwefelsäure!" unterbrach sie der Buchdrucker etwas lndig. niert, denn «r hatte sich auch einig« chemische Kenntnisse angeeignet. „Meinetwegen auch Schwefelsäure. „Für einen Kreuzer," sagt« er, „krieg ich genug, um mit euch und der gaiizen Kameradschast ab. fahren zu können, ja vierspännig," hat er gesagt, und was weiß ich, was alles noch, es ist schon gar zu lange her. Di« anderen trieben ihren Schabernack mit seinem Geschwätz: ich hörte aber wenig aus sie, sondern schaute ganz verwundert dem blassen Appele zu, wie es mit starren A»g«n dreinsah. Ich meintc, es denke was ganz anderes, und habe von all den gottlosen Reden schier gar nichts vernommen. Aber, o mein Herr und mci» Gott! Wer hätt' sich das eingebildet, als meine Mutter aus dem Keller kam und nun das Mädchen mit seinem Wein von dannen ging! Es ist doch gar zu unglaublich, wenn ich wieder an das still« seine Kind mit dem blassen Gestchtlein denke. Aber deni Balthas ist's auch nicht gar wohl bekommen, ja wahrhaftig, es ist doch eigentlich der Grund, warum er das Leben lassen mußte: denn als eS hcrauskam, was er mit seinem losen Maul für «in Unglück angcrichtct hatte, und ihn alles in der Stadt dnim scheel anfah, so konnte er's am Ende selber nicht mehr aushalten und zog nach Holland und nach Amerika, und ivenn er bas nicht getan hätte, so könnte er heut noch da sein: so aber hat er unterivegs Schifsbruch ««litten und ist ersofsen, obgleich er In meiner Stube mehr als einmal geschworen hatte, das Wasser sollf ihm kein Leid antun." „Was tat denn aber das blass« Mädchen?" fragte ich. „Was wird sie getan haben?" versetzte di« Alte. „Aus dem Maule des jungen Burschen war der Geist in sic gefahren, und fort ging sie zum Apotheker. Nun, die Knochen will ich Euch zum Ab- nagen lassen, Nachbar." „Danke, will'? aber kurz damit machen. Das verwahrloste, verlassene, unsinnige Mädchen rannte allerdings in die Apotheke, denn leider trug sie ein paar geschenkte Kreuzer bei sich. Bei jenen Worten war ihr alles Denken und Fühlen vergangen; sie hatte nur noch einen dunklen gebieterischen Trieb. Eine Stimme, sagte sie nachher aus, habe ihr immer ins Ohr gerufen, sie müsse es tun. Leider war der Apotheker, wie es in solch verhängnisvollen Fällen zu gehen pflegt, arglos verblendet, und ihr sonderbarer Blick siel ihm nicht auf. Sie empfing das tödliche Mittel, brachte den Wein nach Hause, und während im Wohnzimmer fröhlich auf die Ge. nesung des Kinde?, auf das Gedeihen der Familie angestoßen wurde, eilte sic in die Schlaskammer, trat an das Bettchen und vollbracht«, ein kindischer Würgeengel, ihr abscheuliches Werk. Ein durch, dringender Schrei des Kinde?, der aber alsbald vcrstuinmtc, rief di« Mutter herbei, die, mit dem Lichte in der Hand, sich dem Bett« nähernd, schon von weitem ein gräßliches Bild erblickte. Di« schwächliche Natttr des- Kindes, di« sogleich unterlegen ivar, halt« die freilich unwissende Grausamkeit der bejammernswerten Mörderin vermindert. Man fand sie im entlegensten Wittkcl des Hauses. Di« Starrsncht ihres Gemütes, denn anders ivciß ich's nicht zu nennen, hatte nachgelassen. Sie lag auf den Knien, brückt« den Kopf an di« Wand und schluchzte beständig: „Tu bist jetzt ein Engel und wir kommen beide heim! Heim! Heim!" atittvortcte sie ans all« Fragen, die man ihr stellte. Bor den Mißhandlungen der Mutter schlitzt« sic der Bater mit Mühe: er fragte sie: „Wie hast du uns das antun könne» mit deinem unschuldigen Antlitz?" Sic gab nichts zur Ant- wort als „Heim!" Den herbeieilenden Behörden gestand sie ihr Verbrechen mit leisem, demütigem Kopfnicken. Das Sonderbarste ist, baß bald, ja gleich nach der Tat eine völlig« Verwandlung mit ihr vorging. Gegen die Gesät!genschaft, gegen die Einsamkeit de? .Kerkers hatte sie gar keinen Widerwillen. Nach den Ihrigen halt« sie keine Sehnsucht nichr: auch kam keines von ihnen zu ihr, ihr Vater verstieß und verfluchte sie. Der selige Herr Hanptprcdiger hat nachher oft gesagt, es sei ein merkwürdiger Geist in dem Mädchen gewesen, der nach dieser Tat der Finsternis auf einmal zum hellen Tag erwacht sei. Sie habe nicht nur ihr Verbrechen vollkommen erkannt und bereut, sondern auch über viele andere Tinge klar, vernlinstia und wie mit «iner Erleuchtung gesprochen. Jhni selbst sei durch dieses Mädchen manches klar geworden, waS er früher nicht begriffen oder an was er gar nicht gedacht habe. Dies sagt« er häufig, aber er sprach sich nicht näher darüber aus. Nur das erzählte er, daß sie gegen ihn geäußert Hab«, sie erkenn« nun deutlich, was es mit ihrem Heimweh gewesen sei." „DaS ist ihr geschehen?" fragte ich leise und stockend. „In ihrer Kindheit schon," sagt« das alte Deib, ,^ils sie «In» mal wegen ebnes kranken Schafes zum Scharfrichter geschickt wurde, soll sein Schivert von selbst nach ihr gezuckt haben. So sagte man, ich weiß nicht, ob es wahr ist: aber di« Herren vom geheimen Kollegium müssen eS geivußt haben, denn sie machten «in« Wahrheit draus." „Das war die Regierung und zugleich das Blutgericht," sagt« der Buchdrucker und nickte bedeutend init dem Haupte. Ich blickt« nach deni steinernen 4tau und ein unheimliches Licht begann mir aufzugehen. Tie Alte, die auf den Stufen saß, zeigte mit dem Daumen über die Schulter rückivärts. „Hier," sagte sie, „hat dar Schwert zum zweitenmal nach ihr gezuckt, denn damal? fuhr man mit de» Mörderinnen nicht so säuberlich wie jetzt. Hat deini das junge Bürschlein ni« was von. Käs gehört?" „Diese? Gemäuer," fügte der Buchdrucker hinzu, „war das Schafott in den späteren Zeiten der Reichsstadt. Den Reigen der Mörder und Uebcltäter, die hier gerichtet wurden, hat die blass« Apollonia beschlossen." „Fa, und recht freudig ist sie gestorben," sagte die Alte, indem sie mir gutmütig von ihren Erdbeeren onbot. Ich wies die rot« Frucht, so herrlich st« hustete, mit Abscheu znriick und warf einen Blick der Neugier und des Grauens aus di« Blutstätte. Längst ist das Gemäuer nun von der Erd« verschwunden und die Wildnis, die damals noch öd« und traurig, ohne Baum, mit niedrigem Gesträuch« bewachsen war, hat sich in blühende Gärten verwandelt, aus denen da und dort freundliche Gartenhäuser blinken. Die inlernalionate Drbeilerinttenvewegttng im Jahre 1912. Der zehnte Internationale Bericht über die Gewerkschaftsbewegung im Jahre 1912 zeigt in bezug auf die Art der Berichterstattung ein etwas anderes Bild als der des Vorjahres. Wir hatten im vorigen Jahre bedauert, daß nicht alle Länder die Zahl der organisierten Arbeiterinnen angebcn, sodaß der Bericht über die Beteiligung der Arbeiterinnen in den Gewerkschaften keine Auskunft gab. Diesmal ergibt sich ein etwas günstigeres Resultat. Für 1912 machen die Landeszentralen von Deutschland, Oesterreich, der Schweiz und den Niederlanden Angaben über die Zahl der organisierten Arbeiterinnen in den ein- zelnen Verbänden. Außerdem bringen die Landeszentralcn von Ungarn und Bulgarien (Weitherzige) die Ziffern der insgesamt organisierten Arbeiterinnen. Das allgemeine Resultat ist folgendes: Zahl der orgauisierlcu Im Vergleich zur Eesamtziffer Arbeiterinnen Prozent Deutschland . 8.6 Oesterreich. . 14,8 Schweiz . . ..... 8 487 9,8 Ungar» . . 5,8 Niederlande . 5,9 Bulgarien . . 5,3 Aus den übrigen Berichten geht die Ziffer der organisierten Arbeiterinnen nicht hervor. Verschiedene Landeszentralen machen auch Angaben über den Umfang der Frauenerwerbsarbeit im Lande. Deutschland bringt hierüber eingehendes Material durch eine Bearbeitung der letzten amtlichen Berufszählung. Hiernach ist die Hälfte der Zahl aller erwerbstätigen Personen heute Frauen, und in einigen Berufen hängt der Erfolg der gewerkschaftlichen Aktionen wesentlich von der Haltung der Arbeiter- innen ab. Die Bekanntgabe dieser Ziffern zeigt, ein wie wichtiges Kapitel für die Gewerkschaften heute die Organisierung der Arbeiterinnen sein muß. Den gleichen Beweis liefert die Schweiz durch den Nachweis der Tätigkeit von 11 Arbeitsämtern. Von diesen wurden gemeldet: Offene Stellen Arbeitsuchende Besetzte Stellen Männer Fronen Männer Fronen Männer Fronen 58 491 29 303 75 151 22 037 43 604 14 298 Auch hier spielt also die Frauenarbeit eine erhebliche Nolle. Dasselbe ist der Fall in Rumänien. Dort waren 1911 in der Groß- und Kleinindustrie 113 143 Männer und 20 743 Frauen beschäftigt. Selbst in Bulgarien, dessen Bevölkerung zu 80 Prozent landwirtschaftliche Tätigkeit ausübt, arbeiten in der Industrie unter 10 163 Personen 2907 Frauen. Auch hier gewinnt außerdem die Industrie immer mehr an Umfang und damit auch die Frauenerwerbsarbeit in diesen Berufen. Die wirtschaftlichen Tendenzen der Frauenarbeit sind bekannt und überall die gleichen. Sie werden besonders hervorgchoben in dem Bericht des internationalen Berufssekretariats der Buchbinder. In Rücksicht darauf dürfte sich deshalb eine genaue Berichterstattung über den Stand der Frauenarbeit und der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen auch von den übrigen Landeszentralen empfehlen. Erst dann werden auch Wirksamkeit und Erfolge der gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiterschaft in vollem Umfange zum Ausdruck kommen. Der zweideutige Wegenschirm. Ein Abenteuer mit nassem Anfang und trockenem Ende. Bon M. G. S a p h i r. Es war einer unserer schönsten Sommertoge, mir klapperten bi« Glieder in den kalten Zimmern: ich hüllte mich in «inen leichten Sommerpelz und zog durch di« Strotzen Wiens. Ich habe schon oben gesagt: es war einer unserer schönste» Sommertage, es fing also gleich zu regnen an. Ich trag« seit langer Zeit keinen Regenschirm mehr, erstens, weil ich keinen habe, zweitens — denn es gibt Menschen, die mit dem gründlichsten Grund nicht zufrieden sind — und drittens, weil ich nicht gern der Diener meines Regenschirms bin. der sich, wenn es nur ein bitzchen schlechtes Wetter ist, von mir tragen lätzt. Sobald ein Regenschirm erfunden sein wird, der bei schmutzigem Weiter mich tragen wird, schaffe ich mir auch gleich einen an. — Ter Regen sing an, dermaßen in Strömen hcrabzustürzcn, batz ich genötigt war, in ein Hcrustor zu treten, und müh. wie man hier sagt: unterzustellen. Tatz Regen und Sturm. Donner und Blitz der Liebe günstig sind, ist eine bekannte Sache. Wie hieß nur gleich die da? Tidol richtig! Sogar bas prosaische Ding im Lebe» kann einem Licbcsgenie zum glücklichen Slehelf werden: Zeuge dessen: der Rkantel. den Lei- ccster über den Morast legt«, damit Elisabeth darüber spaziere: Herr Loth ist sein« Frau los geworden, iveil sie sich nach einem Feuer- regen umsah: kurz, bas Grollen der Element« ist der Liebe günstig, so auch mir dieser Platzregen, dieser Regen und dieser Platz. Es war in der — Gasse, der Leser kann nicht fehlen, denn gerade über den, Haus« steht alle Abend, wenn der Himmel mit Wollen umzogen ist, das Sternbild: die Spika. Fch stand im Tor und sah zum Himmel empor, denn der Mensch richtet leider nur bann erst seinen Blick zum Himmel, wenn Sturm und llngewitter ihm droht. Da erblick ich plötzlich, auf dem Wege zwischen mir und dem Himmel, «in Fenster vis-ä-vis, und an dem Fenster — ach! an kein Fenster! — Nun meint der L«s«r gewiß, eS wird heißen: „lind au den, Fenster ein weibliches Wesen usw.?" nicht wahr, das meint der Leser? ES ist auch wahr, und an dem Fenster ein weibliches Wesen. Ein weibliches Wesen, ivie soll ich cs gleich schildern? Lieber Leser, schildere sie dir selbst, nach eigenem Belieben, ich bin mit allem zu- frieden. — Wie du sie schilderst, so soll sie gewesen sein. Sic saß am Fenster und — las? Nein! Begoß die Blumen? Nein! Tändelte mit der Nachtigall? Nein! — Ich will die Leser nicht täuschen. Ich bin in diesen, Augenblick Historiker und nicht Romantiker! Ich gebe historisch« Wahrheit! Sie saß am Fenster und spitzte sich die Nägel. Ich sah hinaus, sie sah herab, es war richtig: wir sahen uns, wir liebten uns, wir schwuren uns ewig« Treue! Alles durch Physiognomik! Die Scheibe! Tic Fenst«rsch«ibe! Tie verdammte Fensterscheibe genierte mich gewaltig. Der Mensch traue nie einer Fensterscheibe! Ein Mädchen hinter der Fensterscheibe ist ein ganz anderes Wesen alz ahne die Fensterscheibe. Tie Glasermeister haben die größten Illusionen im Leben hervorgebracht. Ein Mädchenkopf hinter einem Fensterglas bringt die größte optisch« Täuschung hervor! prima regula j„ris est (Die erste Sprachregel lautet): Mail verliebe sich nie, bevor sie das Fenster aufgemacht hat! Sie machte das Fenster ans! Ach, welche Schönheit! Sie war schön, wie, wie, siehe meine gesammelten und noch ungesamm-clien Schriften, Seit« 17, 39, 44, 67, 120, 201, 304. 506 und so weiter und wähle ein Muster — Honoratioren zahlen dafür nach Belieben. Sie sah zum Himmel empor und dann zu mir! Ich war ja auch ihr Himmel! — Daun macht« sie das Fenster wieder zu! Warum machte sic bas Fenster wieder zu? Weil es regnete! Richtig! Dse Leser wissen jetzt gleich alle?, man kann sie gar nicht mehr liber- raschen! Sie sah wieder herab, ans einmal sprang sie auf, eilte von» Fenster weg. blieb einig« Minuten weg, kam dann zurück und lächelte. In diesem Augenblick kam bi« beflügelt« Iris ober, um deutlicher z» sein, ihr Stubenmädchen, über die Straße gehüpst, bracht« mir einen R^en schirm und sagt«: „Das gnädige Fräulein sendet Ihnen hiermit «inen Regenschirm!" — Sagt's und verschivand, indem ich ihr noch nachrief: „Ich werde die Ehre haben, den Schirm mit meinem Dank dem Fräulein selbst zu überbringen." Man sag«, was man will, bi« Frauen sind liebenswürdiger als die Männer, auch sogar wie ich! Und si« wissen mit solchem ?ln- stand uns Gelegenheit zu geben, mit ihnen bekannt zu werden, daß wir Herren d«r Schöpfung wahr« Tölpel der Schöpfung dagegen sind. — Am andern Tag«, es war gerade gleich den Tog daraus, cs war sehr schönes Wetter, ging ich zu ihr. Welch' ein Unterschied: gestern und heute! Gestern ging ich in, Regen ohne Regenschirm, heute im Sonnenschein mit einem Regenschirm Ti« Natur ist reich an solchen sinnig«» Kontroversen! Ich ging hinauf, legte mein Herz an die Tür. es klopfte: „Herein!" rief «ine slötenweiche Stimme, und ich trat hinein. Sie. saß am Fenster! ich nahte mich, das Pfand der Liebe aus dem Arm, den Regenschirm. „Fräulein", sagte ich, und korrigierte mich sogleich«: „Halbes Fräulein! Im Leben gewährt der Mann den Frauen Schutz, und die Frauen den Männern Schirm!" Hier wartet« ich, um den Efftft dieser brillanten Introduktion abzuwartcn. Sie machte keinen Effekt. Sff>fl, dachte ich, ziehe das witzige Bramsegel ei», »nd pflanze den seniimentalen Fockmast auf! Ich begann also wieder: „Verehrtest« Holde, wie glücklich, wer »ach Lcbenssturm und stUs des Daseins Wolkenhimmel sich aus die glückliche Sonncnterrasse eines empfindenden Herzens sliichtcn kann!" Ich endete wieder, uni die Wirkung dieses empfindsamen Völlers zu beobachten. Er »erhallte wirkungslos! - Kurz, mein« Schöne blieb kalt, schroff, unzugänglich. Diese Heuchelei verdroß inich! Mir den Regenschirm zu schicken, mir sozusagen auf gut rcg«nschirmerisch anzudcuten. „Komin' mit ihm wieder!" und nun so die Spröde zu spielen. i Ich versuchte noch einige Anläufe, alles vergebens. Sie sagte: »Ich bitte Sie sehr, niich zu verschonen!" Das war zu groß. Ich entschuldigt« meine Kühnheit mit der Heftigkeit meiner Leidenschaft, uud ging endlich so weit, ihr zu sagen: „Die Güte, mit welcher Sie mir den Regenschirm schickten, nah ui ich jiir eine mich beglückende Einladung, mich dann selbst bei Ihnen vorzustellen!" Sie sprang auf, eine edle Röte iibcrslammte das holde Angesicht, und sie sprach: „O, ihr eitlen Männer! So wissen Sie denn, Ihr Anblick und Ihr Gegcniiberstchc» war mir so unleidlich, so zuwider, baß ich cö vorzog, Ihnen je «her je lieber den Regenschirm zu senden, um Tie nur recht bald von da drüben los zu werden!" Das; ich bei d eier Anrede ein verteufelt dummes Gesicht gemacht haben weit, iid man mir leicht glauben, doch raffte ich »och alle mein« Ironie e an::»«», um zu fragen: „Aber, mein holdes Fräulein, was hat Sic denn genötigt, am Fenster zu bleiben, wen» Ihnen ,mein Visavis io verhaßt war?" — Sie machte einen spöttischen Knix, und sagie lackend: „»nd wie, mein genialer Herr, wenn ich nun «leinen wirklichen Geliebte» erwartet hätte? Ich empfehle mich Ihnen!" »nd damit schlüpft« sic in ein Nebenzimmer. Ich machte recht, um und zog ab. indem ich den zweideutigen Regenschirm aus den Lisch legte. Darauf ichricb ich diese erbauliche Historia nieder, zur eigenen, öiicntliche» Selbstgcißelung, und zum moraliichen Krempel für die Eitelkeit und Eigenliebe sämtlicher Mannspersonen weit. — Äus und Leben. Die Ehcjcheidnnqszisskr der Kulturländer. Bis zu einem gewisse» Grade läßt sich der Kulturgrad eines Landes an der Zahl seiner Scheidungen ablesen, sofern nicht besondere Gesetze wie in Italien und Oesterreich der Ehctrenmrng hinderlich sind. Sonst aber führt die nnt der Kultur wachsend« Differenziertheit, vor allem der Frauen, daneben allerdings auch üblere Einflüsse der Kultrir, wie Verwilderung der Sitten, immer häufiger dazu, daß das angeblich sürs Leben geschlossene Band nach kürzerer oder längerer Zeit wieder zerristc» wird. Tr. Johann Müller hat sich in der Zeitschrift für Nationalökonomie und Statistik die Mühe gemacht, an der Hand des amtlichen Materials der verschiedenen Länder deren Schcidnngszifsern zu berechnen. Wir geben in nachstehcndcnr die Zahlen für die letzte Periode wieder und zwar nicht die absoluten Zahlen, die in diesem Fall« wenig besagen, sondern di« Zahl der Scheidungen berechnet auf die der jährlichen Eheschließungen. Es kamen ans je 1000 Eheschließungen Ehescheidungen: Deutschland (1900-10) 27 Italien (1906-09) 3,4 Preußen „ 27s Frankreich (1906—10) 38 Bayern „ 17 Niederlande (1900—10) 19 Sachsen „ 38 England (1881—85) 1,9 Oesterreich „ 10 Schweden (1906—10) 17 Ungarn „ 33 Ver. Staaten (1901—05) 84 Schweiz (1901—05) 45 Japan (1906—09) 146 Bei Italic» handelt cs sich übrigens um Trennungen von Tisch und Bett, da dieses Land keine gesetzlichen Scheidungen kennt. Ten Rekord an Scheidungen hat also Japan! ihm folgen die Vereinigten Staaten, sodann die Schweiz, Sachsen und Frankreich. Am Ende der Reihe steht bas bigotte England. Außer in Japan ist in allen Ländern die Ehescherbungsziffer in der Zunahme begriffen. In Deutschland hat sich die Zahl der Ehescheidungen pro 1000 Eh« schlicßungen seit der Periode 1881—85 erhöht von 15 ans 27, in Oesterreich von 3,6 aus 10, in Schweden von 8,0 aus 17, in den Vcr- cinigien Staaten von 65 (in 1891—05) auf 84. Dagegen hat Japan seit 1886—90 die Rclativzahl seiner Ehescheidungen von 337 aus 146 herabgesetzt. Fälschuiigen im Unterricht. Ausgehend von dem Grundsatz, das; für unsere Jugend gerade das Beste gut genug ist, jucht man in den Lehrmittelsammlungen unserer Schulen immer höusiger die Bikdertafeln für den biologischen Unterricht durch sogenannte Jn- scktenbiologicu, die die einzelnen Entwicklungsstadien der bctressen- bcn Insekten in natura zeigen, zu ergänzen. Leider lasse» jedoch kiele dieser Biologie» bei näherer Prüfung viel, manchmal sogar alle? zn wünschen übrig. Das neueste Heft des Schul,nuscums (Stuttgart) beschreibt einen besonders krassen Fall, der als bewußte Täuschung beurteilt werde» muß. Wir sehen dort eine Biologie, die in einer ersten Lchrmiticlhaiidlung gekauft wurde und den Hirschkäfer darstellen soll. An der ganzen Biologie ist aber eigentlich gar nichts echt. Statt eines schönen Hirschkäfer-Exemplars enthält die Biologie das Männchen und Weibchen der sogenannten Kümmerform des Hirschkäfers. Der Käfer ist kleiner und hat ein anderes Geweih. Derartige Kiimmerformcn, die auf mangelhafte Ernährung der Larven zuriickzufiihrcn sind, können doch nicht als mnstcrgiltiges Präparat des Hirschkäfers bezeichnet werden! Auch die in der Biologie gezeigten Larven sind sämtlich falsch: ob sie vom Eremit oder vom Goldkäfer oder von sonst einem Biatt- hornkäfer stammen, bleibt sich gleich. Das angebliche Pnppcngehänse des Hirschkäfers ist eine ziemlich ungeschickt angcfcrtigtc Nachbildung ans Torf und wahrscheinlich mit echten Exkrementen des Hirschkäfers überklebt. Wahrscheinlich! Denn auch die Exkremente brauchen nicht echt zu sein und können ebensogut auch vom Eremit sein. Endlich ist auch das kompakte Pnppcngehänse (in Wirklichkeit ist es ein hohles Gebilde) sehr schlecht zurcchtgcschnittcn »nd ziemlich »»natürlich montiert, so daß die Fälschung ohne weiteres auffällt. — Es bleibt unverständlich, wie manch« Schulvcrivaltungen für solch minderwertiges Material große Summen ausgeben können. Ein Kindergerichtshof. Ein intcrcssaittcr Versuch mit einem „Volksgerichishos" ist im „Münchener Jugendheim", einer Unter- knnftsftclle für obdachlose, gefährdete und straffällige Knaben gc- niacht worden. Uni die nötig« Ordnung in dem Unternehmen aufrecht zu erhalten, kam der Leiter auf den Gedanken, die Knaben selbst zur Mitarbeit hcranzuziche». Und so wurde ein Knadcn- gcrichtshof ins Leben gcruscn. Zum Stellen der „Strafanträge" und zur Aussprache darüber werden sämtliche Zöglinge versammelt. Das Urteil selbst wird in „geheimer Beratung des Gcrichtshoses" fertig gestellt. Zeugen auch, wie jetzt die Zcitschrijt Ter Säemann berichtet, die beantragten Urteile von übermäßiger Strenge, so sind doch mit der Einrichtung die besten Erfahrungen gemacht worden. Vor allem ist eine rege Anteilnahme sämtlicher Zöglinge zu vermerken. Sic arbeiten innerlich mit. Jeder denkt sich in die Lage hinein und überlegt sich, was er als Angeklagter für eine jämmerliche Rolle spielen würde. Oft wird noch stundenlang bei der Arbeit, bei der nicht die Psiicht bcs Slillschivcigcns herrscht, die Sache erwogen. Tic Knabe», die sich einander sehr genau und besser als der Erzieher kennen, trachten nach einem gerechten Sirasmaß. ES ist oft erstaunlich, so wird berichtet, welch feines Verständnis und Einfiihlcn in die Psyche ihrer Alters, und Schicksalsgenossen die jungen Leute haben. Mit unsehlbarcm Instinkt finde» sie die Strafe heraus, die den anderen am unangenehmsten treffen, ihn aber deshalb auch am frühesten zur Umkehr »nd Besserung bringen muß. — Diese Beobachtungen unterstützen nur die sozialdemokratischen Forderungen nach Temokratisicrnng unserer Strgfrcchts- pslcgc. Kür Kcnis «nd Kof. Laßt nicht zuviel junge Hunde und Kasten lebe»! Aber man merke sich, wie man die kleinen Wesen am schnellsten und ichincrzlosestcn zum Tode befördert. Das Ertränken neugeborener Hunde »nd Katzen ist tterquälerisch. Die Tiere sterben am leichtesten, wenn man sic durch wuchiigen Kopfichlag lötet! Doch überlaßt bas Abtun nicht Kindern, auch nicht Personen, die von Gemüt roh sind. (hdttlldkdlspffegc- Kalk gegen Schnnpse». Die Schwellung der Nasenschleimhaut und die starke Absondcruirg wird bei vielen Formen des Schnupfens als besonders unangenehme Erscheinung cmpsnnden. Gegen diese wendet Dr. Iannschke in Wien seit nichreren Jahren die Kalk- bchandlnng an und er konstatierte, daß am zweiten oder längstens dritten Tag der Bchandlnng die Schwellnng der Nasenschlcimhant und bi« fliiisige Absonderung sich bedeutend verringert oder ganz be. seitigt ivird. Es wird daher milchsmires Calcium icclösfelweise gegeben, sobald ein bcgininmdcr Schnupfen gespürt wird, linier den Patienten befinden sich viele mit chronischen Katarrhen der Nase und der Nasenhöhlen, ivclche früher jahrelang von häufigen Verschlimmerungen befallen würben. Seitdem sie den Kalk nehmen, sllhlcn sic sich von diesen Verschlimmerungen befreit.