Dasßlatl Wöchentliche Leilage der L berkess ergrau ischen Lolkszeitung ! Nummer 19 ! «Siejien, Freitag den 15. i!Nai 1914. 6. öakrgang Wulterschuh vor 100 Jalken. Der Gedanke des Musterschutzes beginnt heute Gemeingut aller zivilisierten Nationen zu werden. Ist es auf der einen Seite die zunehmende Berufsarbeit der Frau, die das Bedürfnis nach Maßnahmen, die die werdende Mutter und ihr Kind vor den Schädigungen dieser Berufsart schützen, stärker geltend macht, so ist es auf der anderen Seite der in allen Kulturländern zu beachtende Geburtenrückgang, der einen solchen Schutz als nationale Notwendigkeit erscheinen läßt. Aber die Not und die Schutzbedürftigkeit der schwangeren Frauen ist nicht erst neueren Datums. Auch schon in früheren Zeiten mußten die Frauen der Bürger und noch viel mehr die der Bauern oft bis in die-letzte Stunde vor ihrer Niederkunft so harte und ungesunde Arbeit ansüben und konnten sich nach der Entbindung so wenig schonen, daß sic schwere körperliche Schädigungen davontrugen und oft zeitlebens in Siechtum verfielen. Neben dem Zwang der Verhältnisse war es (und cs ist ja heute noch oft genug) die Unwissenheit oder Bequemlichkeit der Männer, die die schonungsbedürftigen Frauen zu solchem selbstmörderischen Tun nötigte. Und so sind denn auch schon in früheren Zeit Stimmen laut geworden, die vor solchem Raubbau an Leben und Gesundheit der Frauen warnten und gesetzliche Abhilfsniaßregeln dagegen verlangten. Das Organ des Deutschen Bundes für Mutterschutz, „Die neue Generatio n", bringt über diese Bestrebungen einen sehr interessanten Artikel aus der Feder von Dr. med. Alfons Fischer, dem wir folgende Tatsachen entnehmen. Einer der ersten, die einen systematischen Mutterschutz forderten, war der berühmte Leibarzt des Bischofs von Speyer, I. P. Frau k, in dem 1779 erschienenen ersten Band seines „Systems einer vollständigen niedizinischen Polizey" schreibt er folgendermaßen: „Ter Bürger- und Bauernstand bürdet oft seinen schwangeren Weibern, lange nach zurück- gelegter. Hälfte, große und beschwerliche Arbeiten auf; und wenn der zu jeder anderen Zeit geschäftige Landmann, während der Winterszeit, hinter dem Ofen müßig auf seiner Haut liegt: da sieht man oft sein hochschwangeres Weib m der größten Külte und nicht selten bei dem gefährlichsten Glatteise, das nötige Wasser tragen, das Holz in die Küche schleppen, die Oefen einfeuern; weil diese Stände überhaupt ihre Weiber als ihre ersten Mägde betrachten und behandeln. Es wäre also nützlich daraus zu denken, daß keine Schwangere in den letzten zween Monaten ihre Standes zu allzuschweren Arbeiten, besonders zu dem Fruchtausdröschen, welche eine auf dem Lande auch unter dem Wcibsvolk so gewöhnliche und Hochschwangeren so »achtheilige Beschäftigung ist, unter Strafe angehalten werden dürste." Frank hat aber nun sehr wohl so viel Sinn für die sozialen Verhältnisse, daß er dem Ehemann nicht allein die Schuld an dieser Ueberarbeit der Frau zuschiebt. Sehr häufig muß die arme Taglöhnersrau. wenn sie noch dazu das Hans voll kleiner Kinder hat, ini Haushalt schwer arbeiten, weil eben der Mann den ganzen Tag auswärts zu schaffen hat. Der Bauer aber muß hinaus, uni seinen Frondienst bei dem Gutsherrn zu leisten. Ta meint denn Frank: „In den Badischen Landen, ist eine Stute, in den letzten. 6 Wochen ihrer Tragzeit und 6 Wochen nach dem Fo hlen, frohnfrei, oder ihr Eigentümer wird nicht mehr zu frohnen wegen solcher angehalten: warum ist es nicht auch der Bauer, wenn sein Weib auf dem Ziel geht? . .. eben dann, wenn ec den ganzen Tag für andere arbeiten muß, so liegt jener alle Last allein auf dem Halse. Sollte nicht also der Ehemann einer jeden Schwangeren, damit er solcher mehr gegenwärtige Beihilfe leisten könne, von den Personalfrohnen, wenigstens während der letzten 6 Wochen, gänzlich frei seyn?" Frank wendet sich hier also mit Recht gegen die Moral einer Gesellschaft, die trächtige Tiere, weil sie Wertobjekte darstellen, vernünftig schont, während sie die schwangere Frau rücksichtslos schuften läßt. Ganz modern mutet sodann der Gedanke an. daß jede Schwangere gesetzlich berechtigt sein sollte, die doppelte Portion eines Bürgers begehren, „welcher weder durch Arbeiten noch mit Betteln sein Brot suchen kann und doch beschäftigt ist, das Wohl des Staates nach seinen Kräften zu befördern". Aber nicht nur für die Schwangeren, auch für die W ö ch- n e r i n n e n ruft Frank die Hilfe der Gesellschaft an. Er bezieht sich dabei auf eine im Jahre 1776 in Florenz geschaffene Einrichtung, durch die jede arme Gebärende aus den Mitteln des Großherzogs zunächst eine Mutterprämie von 6 Lire erhielt. Ferner wurde in jedem Stadtviertel eine Hebamme besoldet, die verpflichtet war, armen Kreisenden unisonst beizuspringen. Frank wünscht solche Einrichtungen auch in Deutschland eingeführt und fordert des weiteren, daß die Polizei ein Auge darauf haben solle, daß die armen Wöchnerinnen nicht oft schon kurze Zeit nach der Entbindung wieder schweren Arbeiten obliegen. Aehnliche Anschauungen wie Frank äußerte auch der Leipziger „öffentliche Lehrer" E. B. G. H e b e n st r e i t in seinen Lehrsätzen der medizinischen Polizeiwisscnschaft. Er verlangt die Hilfe des Staates für alle Schwangeren und Gebärenden und zwar nicht nur für die ehelichen, sondern auch für die unehelichen, die dieser Hilfe um so mehr bedürften, und die er auch gegen öffentliche Beschimpfung geschützt sehen will. Der mecklenburgische Hofrat C. F. L. Wildberg forderte gleichfalls das Eingreifen der Gesetzgebung im Sinne des Mutterschutzes und cnipfahl sogar die Einrichtung öffentlicher Entbindungshäuser mit Gratisunterkunft für arme Mütter. Einen Schritt weiter ging noch der Heidelberger Gynäkologe und Universitätprosessor Franz Anton Mai, der 1800 selbst einen sozialhygicnischen Gesetzentwurf vorlegte, der in manchen Punkten heute noch vorbildlich ist. Besonders interessant sind in diesem Entwurf die Bestimmungen über die unehelichen Mütter. Zunächst werden alle Mißhandlungen der Eltern oder Dienstherrschaften gegen ihre ge- fallenen Töchter oder Dienstboten und ebenso alle öffentlichen Geld- oder Beschimpsnngsstrafen eheloser Mütter verboten, „welche nach der Erfahrung das Laster der Unkeuschheit nie besserten, wohl aber die Verheimlichung der Schwangerschaft sowohl als der Geburt, und sogar den Kindermord beförderten". Dagegen soll der Polizeiarzt oder der Seelsorger, dem die Mädchen ihre Schwangerschaft nach Wahl mitteilen können, verpflichtet sein, nicht nur das Geheimnis zu wahren, sondern auch dem Mädchen zur weiteren Verheimlichung der und Geburt behilflich zu fein. Uni dies zu ermöglichen, soll. Las Zaus jeder Hebamme und jedes Geburtshelfers bis zur Errichtung eines allgemeinen Geburtshauses für diese Un- glücklichen ein Zufluchtsort sein und zwar soll jede Hebamme, die eine solche aufnimmt, die Bewirtung und Beköstigung sowie die Entbindungskosten vom Staate vergütet erhalten Die Kinder der ehelosen bedürftigen Mütter aber „sollen als Weisenkinder oder Stiefkinder des Staates angesehen, und unter kinderlose unfruchtbare Eheleute, wie in dem VI. Gesetz geboten ist, zur Erziehung verteilt werden". Der Gesetzentwurf Mais wäre vielleicht zur Annahme gelangt, denn der damalige bayerische Kurfürst Max Josef stand ihm sehr freundlich gegenüber, wenn nicht die politi- schon Umwälzungen der Zeit, die Heidelberg an Baden fallen ließen und so Mai einen anderen Landesfürsten gaben, dem im Wege gestanden hätten. Leider dauerte es trotz des Eintretens all dieser Männer noch dreivicrtel Jahrhunderte, bis im Jahre 1877 in der Schweiz der erste gesetzliche Mutterschutz eingeführt, und sogar bis zum Jahre 1883, bis in Deutschland im Anschluß an die Krankenversicherung der Beginn einer staatlichen Mutterschaftsversicherung zögernd in die Wege geleitet wurde. Aie ^SmiDciiüofontc *). Eine Frühjahrsbetrachtung f!ir soziale Leute. Von Paul West heim sBerlln). Vom „sozialen Grün", von Volksparks mit Bürgerwiese», Planschbecken, Spiel- und Sportplätze» ist nun auch bei uns ersrcu- lich oft die Red«. Die großen Städte dehnen sich, Straße reiht sich an Stratze, Haus pfercht sich an Haus, das Land mit feinem Wachsen und Blühen wird immer weiter aufgesogcn von dem wuchernden Stcinmecr. Menschen leben da, gehen ihren Gesck>äften nach, verdienen Geld, gründen «inen Hausstand, haben Frau und Kind, und bei allem Komfort haben ste fauch wenn sic kein Wort darüber verlieren) bas Gefühl, als ob ihnen etwas fehle, etwas gleicherweise für Leib und Seele Unentbehrliches: die freie Gottcsnatur, die grünt und blüht, die lebt und Lebende verjüngt. Jedes Frühjahr, wenn über die Brandmauern hinweg die ersten Sonnenstrahlen in die Höfe ihrer Mietshäuser hincinblinzcln, geht durch die versteinerte Großstadtmcnschheit ein Aufzncken. Wie Erinnerungen aus der Kindheit, wie ferne Ahnungen, die vom Vater und Großvater her noch im Blut pulse», konimen Feld und Wiese und Wald auf einmal herein in ihre Phantasie, füllen sie mit Wünschen und Sehnsüchten, machen sic gierig nach einem Grashalm, einem Pflänzchen, das für sie, für ihr Auge nur wächst. Nun erst fühlen sie sich als die Entwurzelten. Und wie bas Samenkorn, das ein widriger Wind auf allzu steinigen Grund verweht hat, beginnen auch sic nach dem Fleckchen irgendwie noch erreichbarer Erde auszugrcifcn. Rührend, wie das mit jedem überflüssigen Groschen hinauszieht an das Wasser, in den vorläufig noch nicht abgeholztcn Wald. Rührender noch die Anstrengungen, die gerade die kleinen Leute machen, um ein winziges bißchen lebenden Grüns vor sich zu haben. Wo sie hinauflangcn können über die ihnen gesetzte Baufluchtlinie — und sei cs auch nur die Handbreite eines Balkons — da reizt es sie. ihr Schicksal zu betrügen, sich mit ein paar Stcngclchen Wein, ein paar rankenden Bohnen oder etlichen blühenden Töpfe» aus ihrer Mietskafcrncneristenz herauszuillusio- nieren. Vielleicht besser und liebevoller als ein Kind wird das bißchen Kraut Tag um Tag. morgens und abends besorgt. Die große, für die meisten nie erfüllte Sehnsucht aber sind ei» paar Quadratmeter wirklicher Erde, heißt in dieser Welt Laubenkolonie. Irgendwo nach der Peripherie der Stadt zu ist ein Stück Land den Maurern entgangen, die Entwicklung hat den Weg zu dem Terrain noch nicht genommen, «in Spekulant will warte», bis auch diese Gegend für die hoben Preise reif geworden ist oder was sonst für Gründe es für eine liegen gebliebene Parzelle gibt. Dieser Zwischenraum zwischen zwei Brandmauern wird der Sommcrluxus der kleinen Leute. Die pachten ihn, fangen an zu düngen, zu jäten, zu graben, zu pflanzen, zimmern sich, wenn di« gröbste Arbeit getan ist, aus ein paar Latten eine Laube und erleben nun mit de» anderen Kolonisten, die Teil habe» an dem Fetzen Land, von: Saatkorn bis zum Erntefest die Wunder des trächtigen Bodens. Tie Laube ist stärker als Kasse und Kneipe, macht glücklicher als Kino und derlei Ergötzungen. Aber das Glück ist vergänglich. Eines Tages, noch che das Kartoffclbcct abgcerniet, noch che ein Bäumchen sein« paar Früchte getragen, ist die Parzelle verkauft und die Kolonie muß wandern weiter hinaus an eine Stelle, die, wie man hofft, in ein paar Jahren erst von den Bauleuten ausgcschachtct werden wird. Das ist bas tnpischc Schicksal der Laubenkolonie. Die Leute wissen — es steht ja deutlich genug in ihren Pachtkoutraktcn — daß sse jeden Tag, den der Herr schicken mag, ohne die Wimpern zu *) Harry Maas,: „Ter Deutsche Volkspark der Zukunft »Laubenkolonie und Grünfläche". Frankfurt a. O., Trowitzsch u. Sohn. zucken, ohne Entschädigung aus ihrem Gärtchen vertrieben werden können, wissen, daß sie In diesem Falle die Kosten für di« Aussaat und den etwaigen kleinen Gewinn ohne weiteres elnbllße», was alles ste aber doch nicht abhalten kann, immer wieder das Grabscheit anzu- setzcn und immer wieder elendigen Großstädtboden urbar zu machen. Sie werden von Zwischenpächtern auf alle Weise bedrängt: die Polizei sicht in ihnen ein besonderes Objekt für ihre Reglementierungen. Es wird verboten, die Lauben häuslich einzurichten, in ihnen zu kochen, zu schlafe» und am Sonntag, der den Leuten für ihre Gartcu- bestelluug recht eigentlich geschenkt Ist, darf aus dem Ländchen nicht gearbeitet werden. Trotzdem lassen sie sich's nicht verdrießen, trotzdem suchen sie sich für jeden Sommer wieder ein Plätzchen tm Freien. Dieses Laubenleben ist eine deutsche Eigentümlichkeit. Schon in den mittelalterlichen Stadtgemeinden hatte der Bürger vor den Festungstorcn Gartenland: die Frelweidc», di« Gänse-Anger, Vogelwiesen, Brinks und dergleichen gehabt. Das Bearbeiten eines solchen Gärtchens entspricht unserem Volkscharakter vielleicht mehr als bas Leben auf den Spiel- und Sportplätzen, das die Leidenschaft der Engländer und Amerikaner ist, die wir ja schon angesangeu haben, uns zum Vorbild zu nehmen. Aber die Laubenkolonie, dieses merkwürdige Dokument einer trotz Fabriken und Werkstätten noch nicht ganz erloschenen Liebe zur Natur, kennen unsere Städtebauer nicht. Sie sehen in ihr so etwas wie ei» nicht wegzutilgendes Nebel. Gewiß, so sehr feudal, so besonders prachtvoll wie die Prachtstraben, für die unsere Stabtbaunieister schwärmen, muten ste nicht an. Die Lauben sind oft mehr als provisorisch: unangenehme Gerüche werden entwickelt usw.: das alles aber sind zum größten Teil doch nur Folgen des provisorische» Charakters dieser Siede« lungen. In ihrem Grün könnte man vielleicht ein« gar nicht reizlose Bereicherung des Großstadtbildcs habe», wenn es gelänge, ihnen eine gewisse Dauerhaftigkeit zu geben, sie als etwas organisch Gegebenes in das Stadtbild einzubcziehen. Ein Gedanke, für den ein Büchlein: „Laubenkolonie und Grünfläche" des Lübecker Gartcndirektors Harry Maaß werben möchte Ei» Gedanke, der sich unschwer verwirklichen ließe von allen Kom- munen. die — wo wäre das heute nicht das Ziel? — bestrebt sind, einen Teil des vorhandenen Bodens in ihrer Hand zu haben und zu behalten. In den dichter bevölkerten Quartieren, die sowieso ja über die sbekanntlich nicht allzu billig zu unterhaltenden) Parks und Spielplätze hinaus nach Grünflächen verlangen, könnte man von diesen Kolonisten noch ein paar „Lungen" mehr anlegcn lassen. Maas; macht in einer Reihe von Planskizzcu sehr hübsche Vorschläge, wie diese Laubenanlaaen geradezu zur Erweiterung der städtischen Grünanlagen bienen könnten. Ilm eine Bürgerwiese oder einen Spielplatz legt er sie wie einen Gürtel herum. Einen Gürtel, der gewiß sympathischer anmutct als der Kranz von Mietskasernen, der diese Anlage» heute zu umschließen pflegt ltnb der der Stadt eigentlich nichts kosten würde. Diese Leute sollen nämlich nichts geschenkt erhalten, ste zahlen wie jetzt auch ihre Pacht, durch die, wie hier ati einem Beispiel berechnet worden ist, bei dem normal zu nennenden Jahreszins von 18 Psennigcn für das Quadratmeter anßer den llnterhaltiingskostcn das Anlagekapital mit 4 Prozent verzinst und in 55 Jahre» amortisiert ivird, ja, durch die sich sogar vom 55. Jahre ab noch ein Reingewinn von über 40 000 Mark ergäbe. Die. Schrebcrvercine in Leipzig, die in ihren 15 000 Kleingärten nicht iveniger als 60—100 000 Großstadtmenschc» gesunde Beschäftigung in frischer Luft bieten, haben einmal scstgestclli, baß für eine städtische Parkanlage in der Größe Ihrer Schrebergärten nicht iveniger als 400 000 Mark, abgesehen von 36 000 Mark jährlicher Unterhaltungskosten, gebraucht würden, wohingegen ihre Laubcn- gärten nicht nur keine Unterhaltung kostcicn, sondern sogar noch eine Pachteinnahme von 15—20 000 Mark cinbrächten. Das einzige, ivas den Leuten gewährleistet werden soll, ist eine gewisse Sicherheit in ihrem Pachtverhältnis, eine Stetigkeit, bi« ihnen erlaubt, auch aus Jahre hinaus Aufwendungen zu machen. Aufgabe der städtischen Parkvcrwaltungcu aber wäre es, diese Kleingärten derart zu organisieren, daß sic über ihre soziale und hygienische Zweck- funktion hinaus zu einem ansprechenden Schmuckwert würden. Bei aller Freiheit, die für den einzelnen Besitzer unbedingt zu fordern ist, könnten einheitliche Hecken angelegt, könnten in rhythmischer Folge größere Bäume gepflanzt werden. Die Wege entlang könnten Steinobst-Alleen entstehen, die im Frühjahr allen Stadtbewohnern zur Freude zu blühen anfangen würden, lind das alles brauchte sich nicht einmal auf die nnteren Klassen z» beschränken. Wie viel« aus dem sogenannten Mittelstand wären froh, so «in paar Quadratmeter Garten für sich und ihre Kinder zu haben. Statt dessen geht in unseren Kommunen die Siebelungspolitik gegen diese Laubcngärten. Am liebsten möchte man sie gar nicht auskommcn lasse». Und da di« Leute, die nichts anderes wollen, als ein paar Blumen und etwas eigenen Kohl pflanzen, als den Sommer über ein bißchen frische Lust einatmen, nicht zu den Schreiern gehören, haben die Stadtväter Besseres z» tun, als sich um solche Sehnsüchte zu kümmern. Tie Steinwüst« aber, die diese soziale Not erzeugt, die diesen Grllnhungcr entfesselt hat, wird aus sich heraus früher oder später Abhilfe schaffen müssen. Deshalb ist cs Sache aller sozial gesinnten Stadtmenschcn, diesen Leuten beizu« stehen in ihrem Kampf um ihr armseliges Fleckchen Laubenlaird. sFrankf. Ztg.) Arauenemanzipation und Hrassenl-ygien. Es kann nicht Wunder nehmen, daß ein so wichtiges Problem, wie die moderne Frauenbewegung, von unseren Rassenhygienikern unter die kritische Lupe genommen wird, und daß man festzustellen sucht, ob diese für die Rasscn- hygiene ein günstiges oder ungünstiges Moment darstellt. Meist lauten die Urteile ablehnend. So glaubt Reibmayer, daß die heutige Frauenemanzipation bis zu einem gewissen Grad der natürlichen Ausmerze ungeeigneter Individuen entspricht. Sie kommen nur in Zeiten eines Degenerations- Prozesses zur Entstehung, welche ja gewöhnlich mit Wirtschaft- lich abnormen Zuständen kombiniert sind. In gesunden Zeiten haben die Frauen auch bei schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen nie das Bedürfnis, ihre geschützte Stellung in der Familie zu verlassen, sich in den Kampf ums Dasein zu stürzen und in Konkurrenz mit dem Mann zu treten. Diese; abnorme, unnatürliche Trieb ist aber eines jener merkwürdigen Mittel der Natur, die Vermehrung degenerierender Individuen zu verhüten und sie zur Ausmerze zu bringen. M. Dieze findet die Grundursache der Früucnemanzipation in der Ungebundcnheit, der Sucht nach Wohlleben und sinnlichen Vergnügungen der männlichen Jugend. Ein im zermürbenden Erwerbsleben abgcarbcitetes, schlecht ernährtes und schlecht gepflegtes Weib kann keine gesunde Rasse ver- erben. Das Weib, in den wirtschaftlichen Kampf gezogen, degeneriert noch rascher als der Mann. Die moderne Frauenbewegung wird eine gesunde Generation der Zukunft schuldig bleiben. Sie sollte sich zur Aufgabe machen, die Ehe befestigen zu helfen, sie sollte nicht ihre Bestrebungen darin erfüllt sehen, die Frauenwelt in die Männerberuse hineinzn- drängcn. Die Männer müßten sich organisieren, um mit vereinten Kräften eine Bezahlung für ihre Arbeitsleistung zu erzielen, die für die Bestreitung des eigenen Haushaltes mit Weib und Kindern erforderlich ist. Der Gelderwerb sei allein Sache des freien Mannes, denn ein Weib liebt im Grunde seiner Seele die Lohnarbeit nicht. Hans Tehlinger findet, daß man in den Ländern, wo die Frauenemanzipation am meisten vorgeschritten ist, die meisten männlichen Frauentypen findet. Die Frauenemanzipationsbewegung kann nur verschwinden, wenn die Verhältnisse wieder jene Personen am meisten begünstigen, die ein starkes Muttergcfühl haben. Das beste Mittel, die Geburtenziffer zu heben, ist eine Steigerung der Produktivität der Männerarbcit, die de: Frau die Rückkehr ins Haus und zur Mutterschaft ermöglichen würde. Damit würde die Wertschätzung der Frau als Mutter steigen und die Wertschätzung von weiblichen Personen müßte sinken, bei denen der Trieb zur Mutterschaft schwach entwickelt ist, die cs vorziehcn^ mit dem Mann aut wirtschaftlichen! und politischem Gebiet in Wettbewerb zu treten. Demgegenüber glaubt Dr. Goldstein in Königsberg, daß die Fraueneinanzipation für die Rasse nicht schädlich sei, weil in der zweckmäßigen Mitarbeit der Frau mit dem Manne ein hoher Vorteil für die Rasse liege. Die Wciöerfierrschaft. Männer haben, nach der herrschenden Ansicht, die Weltgeschichte gemacht. Sic waren die Herrscher, die Heerführer, die Träger der Wisienschast. die Ausiiber der Kunst. Wo in diesen Beziehungen eine Frau austritt. gilt sie immer als eine Ausnahnic von der Regel. Es mag daher als sonderbar erscheinen, bah in einem großen Werke von der Wciberhcrrschaft gewindelt wird.*) Es ist hier natürlich von der Macht die Rede, die das Weib als Gcschlcchts- wesen in den verschiedenen Stufen der menschlichen Entwicklungs- geschichtc ansgeübt hat, die selbstverständlich immer gleich groß gewesen ist. Dabei Ist cs völlig gleichgiltig, ob die jeweilige Periode, wie man zu sagen pflegt, „sittlich" oder „ausschweifend" war, höchstens baß die Formen des geschlechtlichen Lebens eine gewisse äußerlich geändert« Art dieser Macht vortänschen. Mit einer gewissen Beschränkung kann man also mit Fug und Recht von einer Wciberherrschaft reden, denn einer der stärksten menschlichen Triebe, der GcschlechtStrieb, hat immer «ine große Rolle gespielt. Die alten, vorchristlichen Kulturen haben sich in naiver Erfassung des Geschlechtslebens von aller Muckcrei ferngehalten. Ter *> Eduard Fuchs und Alfred Kind. Die Weiberherrschast in der Geschichte der Menschheit. Mit 666 Tertillustrationen uni 90 Beilagen. München. A. Langen. 1. vd., X, l—348 S., 2. Bd. 849—712 S. GO. 40 M, ' ’ Zeugungstricb war nicht religiös geheiligt, seine Symbole wurden gewöhnlich öffentlich verehrt. Das waren nach christlicher Auffassung „unsittliche" Zeiten. Aber das Christentum hat doch nicht recht Wandel erzeugen können. Aber es hat der europäischen Menschheit die naive Offenheit geraubt und die natürliche Freude am Geschlecht, indem es sie ächtet«, ins Verborgen- getrieben. Di« christliche Askese hat zwar „Heilige" gemacht, die die Sinnenfreude flohen und dabei vielfach in das Laster des Schmutzes verfielen, aber sie auszurotten war sie nicht imstande. Ja die christlick,« Ohrenbeicht« gab den Priestern vielfach Gelegenheit, pflichtgemäß, wie sic meinten, i» die Abgründe des Geschlechtslebens einzubringcn. War der Sinncngenuß überhaupt eine Sünde, so mußte man ihr nachforschen bis in ihre letzten Winkel. „Das ganze Dase'u mit all seivem Tun und Lassen mußte durchdrungen, erforscht, kb'-tzitet und sc nach Bedarf unterdrückt oder angefpornt werden. Für den Priester stellt« cs sich bald heraus, wie vielfach und verschlungen die Motive menschlichen Handelns aufs Geschlechtlich« zurückgehen, wie hier vielleicht der stärkste Hebel anzusehen sei. Nicht jedes Mitglied der Gemeinde kommt zu Gewisscnsqual und Reue, weil «S Mord und Totschlag verübte oder Tiedstahl und Unterschlagung oder auch nur, weil cs verleumdet« oder falsches Muß gab Aber jeder kam in Kollision mit der „sündigen Fleischeslust". Das Gebiet war umso wichtiger, als es sich bcini näheren Studium als höchst mannigfaltig herausstellte und der Richter wohl immer in der eigenen Subjektivität befangen war. lieber andere ethische Konflikt« zu urteilen war ein leichtes. Aber die Interna des eheliche» Lagers oder die ersten erotischen Gcdankenrcgungen einer Jungsrau svon denen die heutige außerkatholische Moral will, daß sie keinen Tritten was anzugchen haben), die machten zuerst ein ratloses Kopfzerbrechen. Das Ingenium der Jesuiten überivanb auch diese Schwierigkeiten und schuf zum erstenmal, wenn wir von den antiken und orientalischen Jahrbüchern der sogenannten Liebeskunst absehen, eine richtige Scxnalwissenschast, deren tatsächliche Feststellungen uns ebensoviel Anerkennung abnötigtcn, wie uns der ganze Zweck der Hebung und die unglaublich sinnenfeindliche Tendenz empören. Elarct, Tebreyne, Liguori, Gury, Sunchez, Busenbaum sind ein paar der Hauptmatadore dieser lateinisch geschriebenen Theologia moralis, aus der sich noch heute die angehenden jungen Priester in den Seminaren über alle möglichen und, man kann beinahe sagen, unmöglichen Einzelheiten deS Sexuallebens unterrichten, um vor- kommendensalls zu wissen, wie über die Angelegenheit zu entscheiden ist... Es liegt in der Natur der Sache, daß dieses priesterliche Wissen vom menschlichen GeschlechtSlcbcm niemals Gegenstand einer allgemeinen und öffentlichen Diskussion gewesen ist. Jeder einzelne wurde zivar in der Beichte ausgefragt, während beute in der ärztlichen Sprechstunde nur ein verschwindend kleiner Prozentsatz der Gesamtheit zur psychischen Untersuchung kommt und noch dazu alles „Patienten", die entweder unter einem Extrem der erotischen Veranlagung leide» oder wegen eines Verstoßes gegen die Sittlichkeits- Paragraphen des Strafgesetzbuches ein Gutachten über die beliebte vorübergehende Störung der Geistestäiigkcit uachsuchen. Aber das priesterliche Wissen ist immer ein Gcheimwissen geblieben, das dem Laien ebensowenig z,Island wie das Lesen der Bibel. Kein Wunder, daß das Römertum in unserem Gcisteslcbc» sich heftig gegen solche Diskussionen erhebt, weil es sich in seinem Alleinbesiv geschädigt sieht, genau so, wie die Geheimbünde der Südsec, zum Beispiel der Tuk-Tuk, den Uneingeweihten bei Todesstrafe verbieten, hinter das Abrakadabra ihrer Maskenzeremonien zu kommen." Die moderne Welt steht den Gcschlechtsfragcn aller Art viel freier gegenüber als das Mittelalter. Es wäre aber falsch, zu glauben, daß daS Mittelalter sittlicher gewesen wäre als etwa unsere Zeit. Trotz kirchlicher Bekämpfung des „Fleisches" hat sich dieses im Mittelalter noch immer offen und ösfentlich ausgelebt. Das beweist die Literatur, das beweisen Baulichkeiten und Denkmäler sman denke an bildliche Darstellungen >.n der Außenseite der Sebal- duSkirche in Nürnberg). DaS Fleisch war stärker als die Lehre, nicht allein an den Rittcrhöfen sznm Beispiel insbesondere der Provence), sondern auch bei den Bürgern in den Städten und bet den Bauern auf dem Lande. Heute debattiert man über die Zulassung oder bas Verbot sogenannter össcntiichcr Häuser. Im Mittelalter hatte jede Stadt, die etivas auf sich hielt gewöhnlich in eigener Verwaltung ein Freudenhaus, und wenn groß« Herren kamen, stellten sie cs ihnen wohl unentgeltlich zur Verfügung. Daran änderte auch die Marienverchrung nichts. Tenn diese errichtete zwar ein neues Ideal der Jungfräulichkeit, aber so sehr dieses geeignet war, den Gedanken der Askese zu fördern, so erwies sich der Kcschlechtstrieb doch stärker als die Idee. Außerdem führte dieses Ideal ein neues Moment in das Gcscllschastslcben, insbesondere der ritterlichen Stände «in: die allgemeine Frauenver- chrung, die in dieser Gestaltung nur km westeuropäischen Kulturleben sich vorfinbct. Von der allgemeinen Frauenvcrchrung ließ sich der Gedanke des Geschlechts niemals trennen, höchstens daß er in seinen verschiedenen Aeußernngen eine verfeinerte Form annahm. Im allgemeinen blieb die Sinnenfreude aufrecht, sie wurde offen zur Schau getragen und erst cingedämmt durch die furchtbar« Franzosenkrankheit, die Las Eingehen der meisten so zahlreichen Babcstuben zur Folge hatte, die legitim« Stätten frohen Geschlechtsverkehrs gewesen waren. Tenn Ende des sechzehnten Jahrhunderts war halb Westeuropa von dieser Krankheit verseucht. Und gewiß ist sie heute noch die wirksamste Abhaltung. Es wurde je länger je mehr unschicklich, von dieser Krankheit zu sprechen (Ulrich von Hutten und Benvenuto Ecllini, später Easanova tun eS noch ganz naiv). Erst die neueste Gegenwart ist da wieder freier geworden und erörtert diese Seuche wie die Frage der Prostitution ln vollster Oeffentlichkcit. Wir sinh aller Scheu und Heimlichkeit ledig ge- worben und Somit auf dem rechten Wege zur Heilung der Schäden, die durch unvernünftig unterdrückte oder auf falsche Wege geleitete Geschlechtlichkeit hcrvorgcrufcu wurden. Wir sind Somit wieder leichter in die Lage versetzt, in natürliche Bahnen zu kommen. Zu dieser Freiheit der Anschauungen auf dem Gebiet des Geschlechtslebens zu gelangen ivar nicht leicht,, „Betrachten wir an einem Beispiel, wie der Versuch eines weitblickenden Gelehrten ab- .lief, um die Wende des siebzehnten Jahrhunderts die sexuelle Frage wenn auch nicht in aller Form aufs Tapet zu bringen, so doch unbefangen zu streifen, Pierre Bayle gab anno 1007, als er selber fünfzig Jahre alt war, seinen Dictionnaire historique et critique heraus, ein gigantisches Werk gelehrten Fleißes in vier eng bedruckte» Folianten, bas für alle späteren Enzyklopädien vorbildlich geworden ist und in alphabetischer Reihenfolge die wichtigsten Fragen des damaligen allgemeinen Wissens behandelte. Es ist klar, daß in solchem Werke unter anderem juristische, mythologische und geschichtliche Dinge berührt werden mußten, die .ins Sexuelle hinüberspielten. Darob Geschrei und Entsetzen auf der ganzen Linie der Perückcnträgcr, Eine Flutwelle von Beschimpfungen brach Uber den Verfasser herein. Wie konnte er den „Schmutz" aus der Gosse sammeln, ein wissenschaftliches Werk zur Kloake machen, die Gemüter der llnschuldigen vergiften usw,! Bayle aber zog tapfer vom Leder, Er gab einer späteren Auslage einen Anhang bei „lieber die Obszönität", in dem er die Heuchler nur so nieder- säbclle. Er wies nach, daß die Sexualität im Hirn sitze und mit uns geboren werde, was jetzt eben erst die Frcudsche Schule der Scclenforschung von neuem ermittelt hat. Er wies itach, das; es ganz unmöglich sei, erotische Vorstellungen zu vermeiden, weil sie von innen heraus und von selber entstehen. Wer die Ascxualität so sportmäßig betreibe, daß er jede und jede obszöne Vorstellung von der Psyche fernhaltcn wolle, der müsse nicht nur taub und blind werden, sondern sich ans der Hirnrinde alle „diesbezüglichen" Er- inncrungsbikder hcranstrcpanicren lassen. Solange man noch alles, ivas da fleugt und kreucht, mit Auge» ivahrnimmt, solange man mehr als drei Dutzend Wörter einer Sprache versteht: so lange sei auch die Möglichkeit eines aiexucllen Vorstcllungslebens ein frommer Wunsch, Dem Bcwußtwerdcn der Begriffe stehen wir machtlos gegenüber, sobald uns die Sinne von irgend einem adäquaten Objekt einen Eindruck übermittelt haben. Der eigene Wille sei dabei vollkommen ausgeschaltet. Wäre für die Sittlichkeit das Vermeiden solcher Eindrücke Lebcnsbedingung, so müßte er entschieden vom Kirchcnbcsuch abratcn: da werben Fehltritte getadelt, Verlöbnisse verkündet, vor der Begierde nach des Nächsten Weib gewarnt und so fort. Sei das nicht Anstoß zu weiteren Gedanken, die niemand verhindern könne? Ucberhaupt sührt er an anderer Stelle aus, fei die angeblich sittlichere Sprache der Gegner, ja das Wortgctuc der Prüden und Preziosen nur eine Maske, Begriff und Vorstellung seien immer die gleichen. Früher, in der „guten alten Zeit", habe man „Hure" gesagt, wie die Lateiner alleweil und unbedenklich von „merctrix" sprachen. Jetzt klebe man eine neue Etikette darauf und nenne so eine Person Hofdame, „Kurtisane", Wie lange wird es dauern, bis auch dieser Titel anstößig sein werde? Dann könne man ja, wie cs ein besonders zimperlicher Historiker schon jetzt tue, von Frauen reden, die sich „heiliger Werke enthalten". Ob aber deshalb die Vorstellung von der Sache eine andere sei? Ob der Ausdruck „eheliche Pflichten" eine andere Vorstellung erzeuge als jenes Wort, das Hans Stosfel auf dem Torfe gebrauchen würde? Alle Worte der Sprache seien bloß entweder fein oder ordinär, aber in bezug auf die Jdecnassoziationcn gleichwertig. Und dann komme in Betracht: es sei geradezu gerichtsnotorisch, daß wissenschaftliche Werke wie das scinlgc nicht den Vereinskränzchcn konfirmierter Jungfrauen als Lesestoff zu dienen pflegen und daß cs etivas anderes sei, ob ein erwachsener Mensch mit Willen ein derartiges Buch kaufe ober ob man etwa eine Dame, die gar nicht begehrt, in ihren Gedanken auf einen gewissen Punkt gelenkt zu werden, im Salongcspräch mit der Darstellung eines sexuelle» Themas belästigt, das vielleicht in jenem Buche durchaus am Platze ist," Bayle hat nun allerdings an der Wende des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts gelebt. Aber die falsche Schamhastigkeit hat bis in die neueste Zeit geherrscht und cs ist nicht sehr lange her, daß die medizinische Wissenschaft, die Hygiene und der wachsende Rationalismus in Leben und Wissenschaft die Lust von den Schwaden der Heuchelei und der Geheimtuerei etwas gereinigt haben. Aber die Widerstände der alten Mächte sind noch immer stark. es, A, Kind lgrt den Text geliefert, E, Fuchs fat den Jllustrationsstoss ausgcivählt. Er hat mit seiner i» demselben Verlag schon früher crschincncn „Sittengeschichte" bewiesen, wie sehr SS über den gesamten Bildstoss unterrichtet ist und wie sehr er es versteht, das Eharaktcristischc ausznwählcn, Das schon in diesem großen Werke bewiesene Geschick betätigt er hier auss neue. Er bietet uns von den ersten und bedeutendsten Kunsterscheinungen der verschiedenen Zeiten prächtig ansgcführte Proben und geht mit Recht bis zu bezeichnenden Zeitkarlkaturen, So ist dieses Werk ein« Ergänzung der „Sittengeschichte". Die Nachbildungen sind auf das geschnwckvoliste hergestellt, sowohl was die großen selbständigen Blätter als die im Texte eingestrcuten Bilder anlangt, ,_ (W. ^lrb.-Ztg.) Aus Well ititb Leöeil. Speise», die man nicht mehr ißt. Wie der Geschmack über- Haupt, so ist auch der Geschmack im eigentlichen Sinne des Wortes, nämlich der der Zunge, einem ewigen Wechsel unterworfen. Die Kunst der Küche hebt Speisen auf den Ehrenplatz der Tafel, die dann ein späteres Geschlecht achtlos und für immer in die Tiefen der Vergessenheit fallen läßt. Die „Knnstiverke" der Gaumcn- knltur, die aus den hohen Schulen der mittelalterlichen Kochkunst, den Klöstern, hcrvvrgingen, verlangten einen guten Magen und eine ausgepichte Zunge, Solch ein deutsches Klosterkochbuch vor 300 Jahren, ivie cs erst kürzlich bei einem Klvstcrabbruch in Leipzig in einer verniaucrten Nische gesunden wurde, wartete mit ganzen Auerochsen und Elentieren in Wcinsod auf, ließ die Pfauen im vollen Schmuck ihrer Federn braten, wobei das Gefieder durch oft genetzte Tücher während der Drehungen am Spieße geschützt wurde. An starken Gewürzen fehlte cs nicht, und der Schlund ivurde erst durch Bcrtrani, Myrtenbcercn, Pfeffer und Safran tüchkig gereizt, bevor man die brennende Zunge durch einen tüchtigen Trunk oder ein „schwebend Gallart" kühlte. Die Gelees beherrschten lange die Tafel, Das Nürnberger „Kllchcnmaysteray- Buch" von 1531 nennt ein solches „Galrabt" von gepreßtem Schwcinskopf „ein höfliches Essen" und rät für seine Bereitung sonderbare „Talse" an, „aus Agrcst, Raute, Ampfer, Knoblauch, Zymctplüt und Bumeranzcn". Andere Fleisch- oder Fischgelees wurden durch „ein gerecht Schäflciu", d, h, ein feines Sieb, getrieben und in phantastische Formen gestürzt. Ilcbcrhanpt legte man aus die äußere Gestalt der Speisen ein großes Gewicht, und so gab es künstlich gefärbte Schaugcrichte, die nicht nur durch Bestreichen mit Hvnigwasser und Schaumgold herrlich glänzten, sondern auch in bunten Farben prangten. Eine „gcschachzabelte Torte" stellte man z. B, mit fünf Feldern her, indem man die geschlagenen Eier mit Safran, Petersilie, Kornblume», Rosen und brauner Butter färbte, und das „Osnabrückcr historische Kochbuch" gibt ein „blaues Mohs" an, einen Reiscream, der aus Kornblumen gewonnen wurde. Solche künstliche» Zutaten erweckten sogar den Hohn, und eine Würzburger Pergatncnthandschrift des 14. Jahrhunderts rät den Feinschmeckern „ein gut lecker Köstlein" aus StichlingSmagcn und Mückcnfüßen, aus Meisenbeincn und Lo- vinkenzungen an. In Ghnlichcr Weise empfahl der große Koch La Varcnne ein wundervolles Gebäck ans Butter, Salz, Pfeffer und — Ofcnruß. * Hesundljeitspffeqe. Die Verhütung von Runzeln. Wenn das Alter naht, so nimmt, ivie dies insbesondere bei mageren Menschen der Fall ist, die Elastizität der Gesichtshaut ab, sic wird schloss und weit und cs entstehen die bedenklichen Fallen und Runzeln der Haut, die als Altersboten sehr ungern gesehen werden. Wie SanitälSrat Jcßner in seinem Buche „Kosmetische Hantlctdcn" sWürzburg, Kabihsch) aussührt, geschieht dies bei deni einen Menschen früher, bei deni andern später, je nach Anlage und Lebensweise. Ruhiges Leben, tüchtige Körperbewegung. reichlicher Schlaf, vcrnünstigc Ernährung, sorgcnsrcics Dasein sind die besten Vorbeugungsmittel der gesürchtcteu Runzeln, die aber wenige anwcndcn können und anwenden wollen. Es gibt aber auch Fälle, in denen vor der Zeit, in relativ jungen Jahren, Runzeln und Falten, insbesondere um die Augenlider, sich bilde», ohne daß Lebenssehlcr nachweisbar sind. Allerdings sprechen oft Sorgen und Kummer mit. Kür Kaus imb Kof. Schont Leu Maulwurs! Er ist im allgemeinen ein nützliches Tier, Wo er aber, wie in Gärte», durch Ausweisen von Hügeln unangenehm wird, sei folgendes Mittel, ihn ohne T ö t u n g zu vertreiben, bestens empfohlen: Denn der Maulwurf einen Hügel aufgeworfen hat, ebne man denselben und stecke in die Lausrohre einen mit Petroleum getränkten Lappe», der Geruch vertreibt dann die Tiere. Maulwürfe zu töten, um aus ihnen Pelz- werk herzustellen, ist ein Frevel, der sich, im Großen betrieben, an den Feldern bitter rächt.