Mä2 Mtfi 26Äß Mß MÄZ M82 SflMSSM S ^DastölaftbecfFcnu Wöchentliche Geilage der iDderkesfischen Volkszeitung m i % Nummer 16 Sieften, fccifog den 24. Npri! l9I4. 6. Jahrgang m mtmtmsrnymmsm »j i>Ao.ii Gelernte Arbeit im Kaule. Die gewerkschaftliche Organisation der Hausangestellten stöbt in Deutschland ans mannigfache Schwierigkeiten, die zum großen Teil ihren Grund in der Gebundenheit der im Berufe tätigen Mädchen an das Hans und in dem häufigen Stellenwechsel haben. Ein Mädchen, das im Hause des Arbeitgebers wohnt, keine geregelte Arbeitszeit hat und auch nach Beendigung der eigentlichen Arbeit sich iinnicr noch bereit halten muß, irgend welche von ihm verlangten Dienste zu verrichten, ist natürlich sehr viel schwerer für den Organisationsgedanken zu gewinnen als Frauen, die in der Fabrik oder in Werkstätten mit Berufsgcnossinnen zusammenarbei- ten, die nach der Arbeit freie Verfügupg über ihre Zeit haben und die auch viel eher in der Lage sind, Versammlungen zu besuchen, in denen über Berufsangelegenheiten gesprochen tvird. Ein weiterer großer Uebelstand für die Organisation der Dienstboten ist das beständige Zuströnien junger, unerfahrener Mädchen vom Lande in die Stadt, die in ihren ersten Stellen lernen wollen, sich mit niedrigen Löhnen zufrieden geben und dadurch natürlich die Lohnsteigerung der andern mit verzögern. Der Gedanke, die Unterbietung der „gelernten" Hausangestellten durch die „ungelernten" unmöglich zu machen, und gleichzeitig den gemeinsamen Forderungen der Berurs- angehörigen nach geregelter Arbeitszeit durch eine Organi- sation größere Kraft zu geben, führte in Dänemark im Jahre 1899 zur Gründung der „Dienstniädchen-Vereinigung". Die drei Hauptpunkte des Programms bei der Gründung waren: Verbesserung der Löhne. Festsetzung geregelter Arbeitszeit, Hebung des Berufes. Selbstverständlich hatte die dänische Dienstmädchen-Vercinigung schwer zu kämpfen, vor allem gegen das Vorurteil der Hausfrauen, aber auch gegen die Gleichgültigkeit der Hausangestellten selbst. Alle Mühe schic» zunächst vergeblich zu sein, bis man den Versuch machte, auf indirektem Wege zum Ziel zu gelangen. Es wurden Kurie eingerichtet. Erfahrene Mitglieder erteilten den jüngeren Unterricht in den Hausarbeiten. Tie Köchinnen lehrten in einer gemietete» Küche das Kochen, Hausniädchcn vermittelten die erworbenen Kenntnisse im Servieren, Tischdecken. Zimmerreinigen. Eine Stellenvermittelung wurde aufgetan, und nun gaben die Kopenhagcncr Hausfrauen ihren Wider- stand und ihre Abneigung gegen die Organisation auf. Im Jahre 1906 konnte die Vereinigung auf eine breitere Basis gestellt werden: sie gründete eine Fachschule, in der 32 Mädchen wohnen und Unterricht im Koche», Hansreinigen, Waschen und Servieren erhalten. Das Schulgeld ist niedrig — etwa 11 Mark im Monat. Die Fachschule erzielt außer dem gewisse Einnahmen aus der ihr angegliedertcn Restauration, in der die in der Küche von den Schülerinnen hergestellten Speisen verkauft werden, und aus der Wäscherei. Ein kleiner Zuschuß wird regelmäßig von der Regierung gezahlt. Inzwischen ist die Forderung einer täglichen Arbeitszeit von 10y 2 Stunden, und wöchentlich ein halber freier Tag durchgesetzt worden. Die Organisation zählt jetzt über 1009 Mitglieder. In Deutschland liegen die Dinge etwas anders. Die wesentlichste Arbeitsleistung der Organisation liegt hier aus dein Gebiete des Rechtsschutzes. Das hat seine guten Gründe in einem Lande, in dem Ticnstbotenmißhandlungen und Ausnutzung jugendlicher Arbeitskräfte noch au der Tages- ordnung sind. Aber man wird sich auch bei uns ernstlich fragen müssen, ob es nicht zweckentsprechend ist, die berufliche Schulung der Hausangestellten in das Arbeitsprogramm aufzunehmen. Die Schwierigkeiten, die der Erfüllung einer solchen Aufgabe im Wege stehen, sind groß, aber ihre lieber- Windung würde sicher neben der allgenieincn Hebung des Berufes eine wesentliche Lohnsteigerung und eine Stärkung der Organisation zur Folge haben. Es ist klar, daß manche Hausfrauen, die heute Mädchen „anlernen" und sich diese nur allzu häufig höchst unvollkommene Ausbildung durch die Verrichtung der Hausarbeit gegen einen minimalen Lohn bezahlen lassen, sich bereit finden würden, einer gelernten Hausangestellten, die alle im Hause vorkommenden Arbeiten gründlich versteht, einen weit höheren Lohn zuzugestehcn. Des weiteren würde auch die Festsetzung einer bestinimten Arbeitszeit dadurch erleichtert werden, daß die gelernte Kraft die Arbeiten in kürzerer Zeit und besser verrichtet, als ein unerfahrenes Mädchen, das den Kopf verliert und nicht versteht, die Arbeit cinzuteilen. Von der Organisation aus müßte daun nur Wert darauf gelegt werden, daß die Zahl der Arbeitskräfte in einem Haushalt nach der vorhandenen Arbeit bemessen wird und nicht einer einzigen Angestellten soviel Arbeit aufgeladen wird, daß sie in der vereinbarten Zeit nicht damir fertig werden kann. Durch die Ausbildung der Mädchen in eignen! Betriebe und durch die damit verbundene Stellenvermittlung würde ein fester und ständiger Zusamnienhang mit der Organisation geschaffen werden. Vorbedingung wäre allerdings, daß die Berufsausbildung nicht durch irgendwelche kapitalistische Institution vermittelt würde, sondern durch eine Unternehmung der Gewerkschaft selbst, die keinen Gewinn erzielen will, sondern nur die einfache Kostendeckung der notwendigen Ausgaben hcrauszuschlagen braucht. Durch die Berufsausbildung der Mädchen würde der Zentralverband für Hausangestellte aller Wahrscheinlichkeit nach d i c Vermittlungsstelle für geschultes weibliches Hauspersonal werden und sowohl von Angestellten wie von Hausfrauen gesucht werden. Seine Machtstellung würde dadurch eine ganz andere; er wäre in der Lage, nach und nach zum mindesten für die aus seiner Schule hervor- gehcndcn Mädchen, wahrscheinlich aber darüber hinaus für alle Angestellten, mit hauswirtschaftlichen Kenntnissen, gesunde Arbeitsbedingungen durchzusehen. Aie Erziehung des Kindes. lieber. das Kind, sei» Wesen, seine Erziehung und seine Entartung sprach dieser Tage i» Fürth in Berolzheimcrianuin an> Einladung des Filrther Bolksbildungsocreins der bekannte «rinn« „aipsychologc Amtsgerichtsrat Tr, Wulf feil ans Zwickau, Es mochte zunächst vielleicht sonderbar erscheinen, daß c,n Krimiital- Psychologe ein derartiges pädagogisches Theina belsandelte: aber tatsächlich ist die Moralpädagogic, wie der Boriragciidc selbst an»- führte, ein Grenzgebiet, das sehr wohl einen Krimliialiste» zur Be- handliing reizen kann, und bei dein die Behandlung durch einen Kriminalpsychologeil ivcrtvolle Ausschliisse zu bringe» vermag. TaS gesamte mcnschliche Seelenleben gliedert sich in Vorstellungen, Gedanken »nd Gefühle. Die B o r st« l I u » g e n wachsen heraus ans siiiiilichci, Enipsindungeu. Die sinnlichen «n p|,,’&»»gct» kr Sinder sind nicht so kräftig wie die der Erwachsenen. Im allgemeinen erscheinen Mädchen empfänglicher als Knabe» für Empstndungßreize: bas birgt bei ihnen aber auch wieder die Gefahr einer gröberen Oberflächlichkeit in sich. Ter Borstcllungsschatz der Linder ist nur beschränkt: trotz einer gewissen Neugier zeigen sie wenig Bestreben nach Erweiterung; auch aus ethischem Gebiete ergibt sich ein gewisses Beharrungsvermögen. Natürlich ist der Vorstellungsschatz nach dem Milieu verschieden. Wie die Mädchen empsänglicher für Empfindungsreizc sind als die Knaben, so bilden sie sich auch leichter Vorstellungen, doch sind dies« dafür auch wieder nicht selten etwas flüchtig und unklar. Beim Schulantritt pflegen die Knaben mehr als die Mädchen zu wissen, aber in sozialen und religiösen Fragen sind meist die Mädchen überlegen. Mit der Aufmerksamkeit ist cs bei den Kindern im allgemeinen schlecht bestellt. Zerstreutheit kann verschiedene Gründe haben. Mitunter geht die Zerstreutheit aus körperlich« Ucbel zurück. Auch die Beobachtung häuslicher Zwiste führt Kinder zur Zerstreutheit. Wer ein zerstreutes Kind erziehen will, muh zunächst die Ursache ermitteln. Tic Zerstreutheit steht durchaus nicht immer im geraden Verhältnis zur Begabung, eher im umgekehrten. Will man ein Kind zur Aufmerksamkeit erziehen, so suche inan seine Neigungen auf, die einen nützlichen Charakter trage»; an ihnen bilde man die Aufmerksamkeit des Kindes aus, dann übertrage man die so geübte Aufmerksamkeit auch aus andere Gebiete. Es ist ein von Juristen häufig gemachter, aber deshalb doch falscher Schluß, bei einem jugendlichen Ucbeltäter zu sagen: Weil er seine Tat so raffiniert ausführt«, deshalb mußte er die Erkenntnis der Strafbarkeit besitzen. Das Kind denkt nicht wie der Erwachsene. Logisches Denke» liegt dem Kinde scrn. Das Kind ivird sich nicht anstrengcn. wenn es gilt, sich Gebote des Sittengesebcs vorzustellen. Die Gedanken der Kinder sind oft sprunghaft. Tie Gedankenverbindung ist impulsiv, mehr von Gefühlen als von der Logik diktiert. Das Kind denkt mehr in konkreten, sinnlich wahrnehmbaren Vorstellungen als >n abstrakten. Gerade die Sittenlehre arbeitet ja ober mit unsinnlichen, abstrakten Begriffen sRecht, Verbrechen usw.) Das alles bewirkt, daß ein Kind, selbst wenn es eine Tat noch so geschickt, scheinbar durchdacht, begangen hat, sich deshalb doch noch nicht ihre Zulässigkeit beziv. Strafbarkeit klar gemacht zu haben braucht. Sehr wichtig ist für die Ausbildung dieses Denkens die Zeit vom 14. bis zum 20. Fahre. Hier ist cs von hächster Bedeutung, daß den jungen Menschen ein« Anleitung zuteil wirb. Daraus folgt die Notwendigkeit eines ausgedehnten Fortbildungsunterrichts der Knaben und Mädchen. Viele Verbrechen würden dadurch verhindert werden: denn die allermeisten entspringen nur Unkenntnis und Leichtsinn, find Zeichen von Fahrlässigkeit und nicht von Logik. Die Phautasietätigkeit des Kindes darf nicht durch den Lernzwang erstickt werden: sic ist für jeden Beruf wichtig, auch moralisch bedeutsam. Ohne Phantasie würde es kein« neuen Entdeckungen und Erfindungen geben. Tie Phantasie ist es auch, die zum Mitleid und Mitgefühl führt, indem sie dem Menschen die Möglichkeit gibt, sich in die Lage des andcren hineinzuversetzc». Bei Phantasiearmut sollte der Erzieher durch Spielsachen, Modellarbeiten, Märchenerzählungen, Musik und geeignete Auswahl der Lektüre nachhelscn. Ueberwuchernd« Phantasie ist freilich zu beschränken, da sie gefährlich werden kann und auch zum Graue», ja zum Verbrecherischen binleitet. Ueberphantastischc Kinder soll man nicht allein laffeu; man soll sie in beschränkter Wirklichkeit sehen und hören laffeu, soll ihnen mit Bedacht nüchtern« Geschäfte austragen: ebenso ist auch hier die Lektüre zu überwachen. Bis zum 13. Lebensjahr pflegen die Mädchen ein bcffcres Gedächtnis zu haben als die Knaben: dann ändert sich das Verhältnis. Vom 13. Fahre ab läßt sich ein erstaunliches Steigen des Gedächtniffcs beobachten. Das Gedächtnis ist wichtig für die Ge» in ü tsb i l d u n g. Undankbarkeit ist eigentlich nichts anderes als «in Sich-Nichterinnern. Kinder erinnern sich oft nicht, daß Tiere und Menschen leiden wie sie selbst, sic vergeffen in unglaubl--' kurzer Zeit Mahnungen, die ihnen zuteil werden, so daß der Er- ivachsene leicht geneigt ist, ein „Fch Habs vergessen" als Unwahrheit zu nehmen, was jedenfalls nicht der Fall zu sein braucht. S ch u l le i stu n ge n und Intelligenz decken sich nicht. Ter Gesundheitszustand spielt bei den Schulleistungen eine wesentlich« Nolle. Dazu kommt die sogenannte Schulfaulheit. Ihre Ursache« richtig zu erkennen, ist wichtig, daun läßt sie sich durch planmäßige Erziehung zur Aufmerksamkeit und Stärkung des Selbstvertrauens bekämpfen. Di« Höhe der Schulleistung«« bleibt sich lm allgemeinen gleich, da ja auch die Begabung gleich bleibt. Deshalb ist «S für die Schule am vorteilhaftest«», die Kinder nach ihrer Begabung in Abteilungen zu gliedern, wie es bereits in dem Mannheimer Schul- lnstem geschieht, bas nicht vom Lernstoff, sondern vom Schüler und dem Höchstmaß des von ihm zu bewältigenden Stoffes ausgcht. Dadurch werden die Unlustgefuhle beim Lernen ausgeschaltet, eine individuelle Behandlung wird möglich. Allgemein verbreitet haben sich ja schon die Hilfsschulen, di« falsch« Triebe ausrotteu solle» und auch kriminalpolitisch, vorbeugend, wichtig sind. Daß aus Musterschüler» nichts wird, oder daß Schulletzle später an erste Stellen gelangen, ist gemeinhin nicht zutresfcnd, wen» cs auch Ausnahmen gibt. Fm allgemeinen werden Fntelligcnz- wcrte von Ellern und Großeltern vererbt. Sind sie bei den Elter» verschieden, so nähern sie sich beim Kinde mehr denen der Mutter v», doch scheinen größere inIrNektueNc Fähigkeiten auch eine größere Pcrcrl'iingssähigkeit zu besitzen als geringere. Der Charakter «ines Menschen wurzelt nicht so sehr In feinem Vorstellungsleben, als in seinem Gefühlsleben. Die Gefühle sind es, die den Gedanken Kraft und Lebendigkeit verleihen. Als primitivste Gesühlsregungen sind die Instinkte anzu- sprechen — durch Generationen ererbte Arten aus das Milieu zn reagieren. Wenn die Instinkte bewußt werben, spricht man von Trieben. Einer der ersten Triebe des Kindes ist der S p i e I t r i c b. Et dient der Ausbildung, indem er Ererbtes zum Erworbenen vervollständigt. Darum bedürfen die Kinder des Spielzeugs. Das modern« Spielzeug ist freilich meist zu vollkommen, so baß die Phantasie nicht genügend Raum findet. Durch Spielzeug und Spiele ist es möglich, antisoziale, b. h. verbrecherische Trieb« im Kinde zu entlade». Bandendiebstähle von Kinder» gehen meist aus einem Spieltrieb hervor, den sie sonst nicht befriedigen konnten! das zeigt sich dem Kriminalpsnchologen deutlich genug aus der Art, wie meist wahllos, »hne Rücksicht auf den Wert, alles mögliche zu- sammengcrafft wird. Mit dem Spieltrieb wirkt oft zusammen der Zerstörungstrieb, auch ein Urinstinkt des Menschen, von Lustgefühlen begleitet. In Anschlägen au> Bahnen und Brandstiftungc» zeigt sich im Kriminellen dieser Zerstörungstrieb. Tie „erperimentclle Witz» bcgicrde" des Kindes gehört hierher, die man so oft in der Zerstörung deS Spielzeugs beobachtet, die aber auch dazu führen kann, daß das Kind seinen Zerstörunastrieb gegen menschliches Leben richtet und es die schwersten Verbrechen begeht. lim den kriminellen Spieltrieb zu korrigieren, soll man ihm an Stelle der unsoziale» soziale Ziele stecken. Nirgends ist dieses Prinzip mehr durchgesührt als in Amerika, wo man schon jugendliche Bahnhojsdiebe dazu verurteilt hat, ans denselben Bahnhöfen die Reisenden gegen Diebstähle zu schlitzen, aus denen sic bis dahin die Reisenden gepliindert hatten. An die Stell« des einen Spieles wurde ihnen ein anderes aesetzt, dem di« jungen Leute nun nicht weniger eifrig oblagen. Auch hier zeigte sich wieder, daß es sich nicht um eine schlechte Vcranlaoung gehandelt hatte. «Schluß folgt.) Die Lage der Krankenschwestern. gg. Wer jemals gezwungen war, einige Zeit in einen! staatlichen oder städtischen Krankenhaus zuzubringcn, der wird beobachtet haben, daß die Lage der Krankenschwestern nicht die rosigste ist. Meist rekrutieren sich diese Pflegerinnen aus Mädchen vom Lande oder aus unbemittelten „besseren" Familien dcS Bürgertums. Tie rcligiös-kirchliche Form, in der sie gewöhnlich organisiert sind, und die ihnen gegebenen strengen Regeln, die jede persönliche Freiheit erdrücken, verhindern fast jede Möglichkeit zur Besserung ihrer Lage. Nur so ist es zu erklären, daß dieser aufopfernde Beruf seiner, sozialen Lage nach gleich nach dem Elend der Heimarbeiterinnen kommt. Unterstützt von der Autorität der Kirchen kann sich auf diesem Gebiet die kapitalistische Gesellschaft die krasseste Ausbeutung der weiblichen Arbeitskraft erlauben. In der Tat ist eine 12- bis 16stündige Arbeitszeit jahraus jahrein keine Seltenheit. Wie groß das Krankeuschwesternelend heute ist, erhellt wohl am besten daraus, daß ein Aufruf von bürgerlicher Seite sich jetzt an das ganze deutsche Volk zur Linderung der Not wendet. Alle die Mißstände und Schäden, auf welche die Sozialdemokratie seit langem in staatlichen, städtischen und privaten Betrieben hingewiesen hat, um ihre Beseitigung herbeizuführen, werden in diesem bürgerlichen Hilferuf vollauf bestätigt und erneut mit reichem Zahlenmaterial belegt. Die festgesetzte Arbeitszeit für die Krankenschwestern, die mit 11 bis 13 Vij Stunden an sich schon viel zu hoch ist, wird in weitestem Maße überschritten. Da die meisten Krankenhäuser über viel zu wenig Pflegepersonal verfügen, nicht zuletzt infolge der hohen Anforderungen und schlechten Bezahlung, ist eine Ueberbllrdung mit Tag- und Nachtarbeit eine ständige Erscheinung. Die Folgen sind bei diesem Dienst, der nicht nur an den Körper, sondern bei seiner hohe» Verantwortlichkeit auch an die geistigen und seelischen Kräfte schwere Anforderungen stellt, häufige eigene Erkrankungen, wodurch die Kolleginnen noch mehr belastet werden und mehrstündige Ueberschreitung der vorgesehenen Arbeitszeit die Regel wird. In manchen Krankenhäusern steigt die festgesetzte Arbeitszeit durch ganze und halbe Nachtwmhen möcfH'ntlicf) regelmäßig einmal auf 16% Stunden, vielfach sogar auf 18% Stunden aller vier Tage. Nach unangreifbarem statistischen Material beträgt der Dienst in 19 großen städtischen Krankenhäusern nicht unter 11 Stunden: in den Irren- und Pflegeanstalten erreicht er eine unglaubliche Ans- dehnung. In einer Privatklinik wird sogar die Leistung von 41 Stunden innerhalb 48 Stunden verzeichnet: bei 500 Schwestern kommen mit der Nachtwache ein- bis dreimal monatlich, aber auch öfter 30 bis 40 Stunden Dienst hintereinander vor. Etwa 700 Anstalten gewähren keine Pausen in der Arbeit, die nur durch das notwendige Einnehmen der Mahlzeiten unterbrochen wird; etwa 250 Anstalten geben nicht einmal hierzu regelmähige Gelegenheit zu festgesetzten Stunden. Schlimmer fast ist oft noch das Los der Gemeindeschwestern und deren Ueberbürdung. Als Beispiel nur, daß eine Stadt von 70 000 Selen „zwei" Schwestern hält, die zu ihren Krankenbesuchen 4 bis 6 Treppen steigen, für sich selbst kochen und die Hauswirtschaft besorgen müssen. Etwa 3000 Pflegerinnen steht keinerlei Urlaub zu, und 1000 kennen nicht einmal einen Ansgang: dieser Zustand ähnelt dem Leben der Gefangenen. Der Rücksichtslosigkeit in der Ausnutzung der weiblichen Arbeitskräfte entspricht die Rücksichtslosigkeit in der Bezahlung. Diakonissen, deren es rund 14000 gibt, erhalten ein Taschengeld, von dem sie sich Schuhe und Unterkleidung beschaffen müssen, von durchschnittlich 10 Mark monatlich, wobei Schwankungen von 6 Mark (Nürnberg) bis zu 20 Mark (Guben) Vorkommen. Dafür werden im Alter und bei Dienstunfähigkeit noch allerlei Dienstverrichtungen verlangt, wen» sie in Altersheimen untcrgebracht werden wollen. Das Rote Kreuz, etwa 3000 Schwestern, kündigt Bezüge von 300 bis 600 Mark an: daran halten sich aber über Frauenvercin 240 bis 480 Mark, und zwar dies Höchstgehalt Frauenverin 240 bis 480 Mark, und zwar dies Höchstgehalt nach 20 Jahren, Piel 240 bis 420 Mark, ebenfalls nach 20 Jahren, Kassel nach 18 Jahren 500 Mark. Nach 10 Dienstjahren tritt bei Dicnstunfähigkeit ein Ruhegehalt ein, daS mit 450 bis 500 Mark als Durchschnitt ungefähr rUstig angegeben zu sein scheint. Es gibt aber auch Häuser, die dafür jeder Schwester mit 300 Mark Gehalt 50 Mark und mit 500 Mark Gehalt 200 Mark abziehen. Dabei erlischt dieser Pcnsionsanspruch beim Ausscheiden einer Schwester aus dem einen Hause; tatsächlich gehen dadurch die meisten Schwestern der Pension und des abgezogenen Betrages verlustig. So Ware» bei einem Verbände des Roten Kreuzes von 120 Schtvcstcrn 10 Jahre später nur noch 12 dort. Die der (nicht kampffähigen) Berufsorganisation angehörenden 3300 Schwestern sind darauf ange- tviesen, sich selbst zu versichern. Je nach dein Alter des Beitritts gehen vom Gehalt hierfür einschließlich Unfall- und Invalidenversicherung 120 bis 240 Mark ab. Sie erhalten dann bei voller Dienstunfähigkeit oder spätestens nach dem 55. Lebensjahre etwa 600 Mark Pension. Für die dann noch verbleibenden, keiner Organisation angehörendcn Schwestern, etwa 25 000, kann man nur Rückschlüsse auf ihr Einkommen und ihre Altersversorgung niachcn. Besser stehen sie sicherlich nicht da. Daneben erhalten die fest angestellten Schwestern freie Wohnung und Verpflegung und von den Krankenhäusern in der Regel auch Obcrkleidnng oder ein bescheidene? Kleidergcld. Bei diesen kläglichen Bezügen sind in einzelnen Anstalten noch Strafgelder bis zu 50 Mark eingeführt; vielfach werden Kautionen verlangt: es müssen bis 600 Mark Lehrgeld bezahlt toerden, trotzdem auch die Schülerin den vollen Dienst niittnt. Und schließlich kommt noch der Steuereinnehmer! Ungünstiger noch stehen sich die G e m e i n d c - schwcstern, im besten Falle auf 700, 800 bis 1000 Mark, davon müssen sie sich kleiden und beköstigen. Es gibt aber auch solche, die mit 30 Mark Wirtschafts- und 10 Mark Taschengeld im Monat auskoinmen müssen. So sieht die Lage der Krankenschwestern ans, die die hehre Pflicht erfüllen sollen, der leidenden Menschheit beizn- stehen. Unsere Stützen der Gesellschaft, die so viel das Wort von der W ü r d e d e s W e i b e s ini Munde führen, schämen sich nicht, dem weiblichen Geschlecht nicht nur die schwersten vielfach auch ekelhaftesten Dienstverrichtungen znzuinnten und sie dafür in einer Weise zil entlohnen, die jeder Würde bar ist. Was Wunder, daß dabei der iveibliche Körper infolge Ueberanstrengung und Ansteckung vielfach vorzeitig zugrunde geht. Gibt es etwas Beschämenderes für unseres heutige Gesellschaft und etwas Bedenklicheres für unsere Kranken als die Tatsache, daß bei den Krankenschwestern die Sterblichkeit 2% mal so groß ist, wie sonst bei der weiblichen Bevölkerung, und daß davon 70 Prozent anTuberkulose starben? Noch einen dunklen Schatten werfen die überanstrengenden Anforderungen auf diesen Beruf: unter seinen Angehörigen grassiert der Selbstmord aus Verzweiflung am Leben. In dem einen Jahre kamen auf 35 Todesfälle 9 Selbstmorde, in einem andern auf 12 Todesfälle 5 Selbstmorde. Jetzt endlich haben sich auch diesen Berufsangehörigen die Augen geöffnet über ihr schmachvolles Dasein. Sie sehen ein, daß ihnen von oben keine Hilfe kommt, daß diese nur von unten, ans den eigenen Reihen möglich ist. Ihre Forderungen, die sie jetzt in der Oeffentlichkeit erheben, sind überaus bescheiden. Beschränkung der Arbeitszeit auf „ein vernünftiges Maß". Einen vollen freien Tag in jeder Woche. Eine den hohen Anforderungen entsprechende Bezahlung und ein Ruhegehalt vom 65. Lebensjahre ab. Fürsorge während Krankheit und Urlaub. Schließlich eine angemessene Behandlung, besonders durch die Aerzte: nicht mehr bloß als Nummern zu gelten, sondern als weibliches. Wesen. Diese Forderungen, deren Hauptpunkte wir hier hervor- gchoben haben, sind so selbstverständlich, daß man e§ nur als ein trauriges Mcrknial hinstellen muß, daß sie erst erhoben werden müssen. Minzen und Minzestinnen. Bon Dr. Robert SB tun.* Am 30. Januar i>. I. waren seit dem Drama im Jagdschloss Meycrling fünfundzwanzig Jahre vergangen. Statt nun dieses Er. cignis, dessen Granenhafttgkeit tn der Geschichte einzig dasteht, mit Stillschweigen zu übergehen, hoben katholische Zeitungen «s dazu bennht, sentimentale und frömmelnde Redensarten über den bedauernswerten Kronprinzen, die Kaiserin Elisabeth und andre in die Welt zu setzen. Brachten e? diese Blätter vor fündundzwanzig Jahre» doch sogar fertig, zn behaupten, der Naturforscher Alfred Brehm habe mit seinen materialistischen Anschauungen den Kronprinzen Rudolf verdorben! In der Hofbnchhandlung von E. S. Mittler und Soh» in Berlin erschien 1887 der erste Band des auch kulturgeschichtlich äusserst wertvollen Werkes: „Ans meinem Leben. Aufzeichnungen des Prinzen Kraft zu Hoherilohe-Jiigelfingen, weiland General der Artillerie und Generaladjntant S. Majestät des Kaisers und Königs Wilhelms I." Wim lese man in diesem Werre die Schilderung der hohen und höchsten österreichischen Gesellschaft, dann wird man das Drama von Mcyerling begreiflich finden. Es ging schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts in der Wiener Hofburg so zn wie in Versailles. Trianon lind andern französische» Königsschlössern, lind wie dort verhüllten die feudalen Herrschalten ihre Cochonnerien mit dem Deckmantel der Frömmigkeit. Und di« Ehen dieser Kreise, zusammengekuppelt aus Staats- und Staude?-, Geld- »nd Reil» gionsriicksichie»: wie sollten die glücklich anssallc»! lieber den Kronprinzen Rudolf gibt »ns nun ein Buch AnSschsnh, welches vor kurzem in dem angesehenen Verlag von I. Fontane u. Eo. ln Berlm-Dahlsm erschienen Ist: „Maria Freiin von Wallersee ci devant Gräfin Larisch. „M «ine B ergangen- heit". In der Vorrede sagt die Gräsi» Larisch: „Ein Retz voik Lüge» ist >nn meine Miischnid an deni Tode meines Vetters, des Kronprinzen Rudolf von Oesterreich, und der Baronin Mary Vetters gewoben worden. Bisher habe ich den Verleumdungen über niich. als meiner Beachtung unwürdig, nicht widersprochen. Aber nachdem mein Sohn George Larisch sich infolge der Lektüre eines dieser Lügenbiicher erschossen hat und das Lebe» meiner Töchter durch all dl« unwahren Berichte über meine Rolle in dem Drama verbittert worden ist, habe ich mich entschlossen, bas Schweigen von slinsiuidzwanzig Jahren zu brechen und der Welt die Wahrheit der Ereignisse vor und nach der Tragödie von Meyeriing bekannt zu geben." Dieses Buch trägt in jeder Zeile den Siempel von Wahrheit. Aber wir wollen nicht tu den Sumpf, den es ansdeckt, hinabstcigen. Wir bemerken mir, dass wir aus ihm zu misenn nicht geringe» Erstaunen sehen, wie sehr auch die gefeierte Kalsertn Elisabeth der Unmoral erlegen ist. Sie betrieb die Ehcbrlichelei ebenso sports- mähig wie die Fuchsjagden und wahrte dabei nicht einmal das sog. Dekorum. Die Leidenschaftlichkeit der Mutier wütete auch i» dem Sohn. Allerdings geriet diese Frau erst dann ans die abschüsstg« Bahn, als sie Beweise der Untreue ihres Gatte«, de? Kaisers Franz' Josef, erhielt (a. a. O. S. 90). Schliesslich dachte die Kaiserin kn Liebessragen so frivol, dass sic für ihren Mann selbst eine „Gesellschaftsdame" anssuchte, nämlich die Schauspielerin Kalharina Schratt, die den alten Franzl auch jetzt »och tröstet, lieber manch« * Ans der Frankfurter Halbmonatsschrift Das Freie Wort. Serenissimi des habsburgischen und bayerischen Hauses gilt das Buch der Gräfin Larrsch derartige Ausschlüsse, das, man sich ob solcher Verkommenheit entsetzen muss. Die Gräfin Larifch hat bei einem Äenkontre im Jagdschloß Gödvllö ihren Better Rudolf eine» Schuft genannt und ihn geohrseigt. Wie ein geivaltiger Schuft hat der Kronprinz denn auch an ihr ch»ü der bedauernswerten Baronin Vetscra gehandelt. Letztere war '«In enthusiastisches Kind. Der Kronprinz erniedrigte sie zur Dirne Mid riß sie in sein schmutziges Ende mit hinein. Aber während niau dem in das StaatSornot prunkvoll gekleideten Mörder und Selbstmörder Bot seiner Beisetzung an geheiligter Stätie alle kirchlichen Ehren zuteil werden lies;, wurde die arme Mary Vctsera. deren einziges Vergehen ihre Liebe war, ohne Leichentuch, ohne Gottesdienst. von Polizisten und Mönchen, bei Nacht und Nebel au der Kirchhofsmaucr der Zisterzienser-Abtei Heiligenkreuz wie ein Hund verscharrt ja. a. O. S. 227—230.) Die Gräfin Larifch ist über alle Vorkomnniiss« deshalb so genau lenterrichtet, weil sie zwischen dem Kronprinzen und der Baronesse Vetsera die Vermittlerin war: allerdings nicht zu dem Zweck, um sie zusammenzubringen, sondern um das Unheil, das die Leidenschaft beider amrichten konnte, zu verhindern. Sie geleitete die Betsera auch in die Hofburg, aber daß diese von hier nach Meyerling entführt wurde, war ein Gaunerstreich des Kronprinzen, auLgesithrt Unter Bedrohung nitt dein Revolver. lieber die Mordtat selbst ist viel gefabelt worden. Ten Berich!, de» die Gräsin Larifch darüber gibt, erhielt sie aus dem Munde des Hosarztes Wiederhoser, der in Meyerling den Leichenbefund vorgenommen hat. Unter dem Zimmer, worin der Doppelmord stattfaud, pok,liierte eine ausgelassene Jagdgesellschaft, darunter Prinz Philipp von Koburg. Als Gemahl der Schulbenprinzessin Luise von Belgien, die noch immer mit ihren Affären die Weit skandalisiert, war der Kobnrger der Schivager des Kronprinzen Rudolf, der mit Stephanie, der Schwester der Luise, verheiratet war. Wie Leopold II., der Vater beider, mit seiner Frau, der österreichische» Erzherzogin Maria Henriette, und seinen Töchtern stand und was er sich sonst gestattete, ersieht man aus dem Buche „Tie Liebschaste» des Königs von Belgien". lNach den Mitteilungen des Brüsseler Blattes Le Peuple, die deutsche Uebersctzung erschien in Budapest, Verlag von G. Grimm). Der Kronprinz Rndolf war ein Rone von Jiinglingsbeinen an. König Albert von Sachsen wollte die katholischen Herrscherhäuser Wcttiu und Habsbnrg in engste Verbindung bringen, und zwar durch Heirat des Kronprinzen Rndols mit der Prinzessin Mathilde von Sachsen, der Tochter des Bruders des Königs Albert. Rudolf nahm ailf sein« Verlobungsreise »ach Dresden eine seiner Mätreffen mit. Das kam heraus, und ans der Heirat wurde nichts. Eine andre Nichte des Königs Albert, Prinzessin Josefa, heiratet« de» Erzherzog Otto. Die Ehe war tief unglücklich. Ja, die Prinzessin erfuhr seitens ihres Gatte» eine so empörende Beleidigung, daß sic von Wien zu ihren Eltern nach Dr:sdc» zurückslnchtete. De» Erzherzog Otto, einen Neffen des Kaisers Franz Josef, senilen seine Leidenschaften in ein frühes Grab. lSchlnß folgt.) MS Welt und Leben. T«s Ende der Marketenderin im srayzösische» Heer«. Nun ist das Ende der französischen Markedenderin endgiltig besiegelt. Nach einer Mtttcilnng, die der französische Kriegsminister dieser Tage der Kammer machte, haben sie aufgchört, zn existiere». Schon seit einige» Jahren vermißte man bei bei» Tnrchniarsch der Truppen hinten das malerische Gefährt, ans dem die „Mutter de§ Regiments" thronte. Aber man glaubte, dast sie im Ernstfall doch wieder erscheine» würden, diese kühnen »nd trotzige» Frauen in ihrer bunte» Uniform, die einst mit dem Ruhnie der französischen Waffen so innig vcrsch,visiert gcwcscii waren. Tie „Annalcs" er- inner 11 , nun da die Tage der Marketenderin für immer dahin s»id, an diese ihre Glanzzeit im sranzösischcn Heere. In der Grosse» Armee des erste» Napoleon gehörten auch diese tapferen und hilss- bcreiten Frauen, die i» zahlreichen Liedern und ans vielen Bildern verherrlicht worden sind. Beranger hat die treue Kameradschaft besungen, die sic mit den Soldaten hielten, und Bcllange ln einer weitverbreiteten Lithographie be» alten Gardisten dargestcllt, bei dein der Kaiser auf seinem Gang« durchs Lager einen Lössel Suppe aus dem Kochtopf genießt. Seine Fra», die Marketenderin des Regiments, bringt dem Herrscher ihre Söhne, und der alle Soldat stellt vor: „Das sind meine Kinder, und das ist meine Frau, die die Pyramiden und den Tajo gesehen hat." Besonders während des furchtbaren Guerillakrieges in Spanien und bei dem grausige» Rückzug ans Rußlands Schneewilstc» haben die Marketenderinnen ihreit Heldenmut bewährt, und unter ihnen ragen wieder einige leuchtende Beispiele der Tapferkeit hervor. Bekannt ist die Gc- schichle der Katharina Rohmer, einer tapferen Elsässerin, deren Vater ans dem Schlachtfeld siel und deren Mittler In der Schlacht von FleurnS gelötet wurde. Mit 11 Jahren alle!» zurückgeblieben, wollte sie das Regiment, dem ihre Eltcrii angehört hatten, nicht ver- laffcn, uiid so ersetzte das Regiment ihr Vater und Mutter; sie machte mit der Garde all« großen Feldzüge Napoleons mit. Bei der Belagerung von Saragossa und in der Schlacht von Wagram wurde sie verwundet; während des Rückzuges aus Rußland erhielt sie vier oder fünf schwere Blessnren, aber wie durch ein Wunder entkam sie dem lintergang, der die meisten ihrer Kameradinnen in den Eis- wüsten .bahinraffte. Eine andere Marketenderin, die ans Rußland glücklich nach Hanse kam, Marie Tötc-be-Bois, fiel bei Waterloo. Sie hatte 17 Feldzüge mitgemacht und oft im Feuer gestände». Tie hatte einen Grenadier geheiratet, der bei Monttnirail starb; ihr Sohn, schon mit 10 Jahre» Tambour, wurde bei der Vertcibiguug von Paris 1811 von einer tödliche» Kugel getroffen. Die Mutter, die ihn mit ihrem Körper hatte schützen wollen, stürzt« schwervcrwnndct über ihn. Aber die Tapfere wurde »och einmal geheilt, und bei Waterloo befand sie sich in einem jener berühmten Karrees der Garde, die fast bis aus den letzten Mann niedergemachr wurden. Eine Kugel trifft sie im Gesicht und richtet sie entsetzlich zu. Neuerungen im Warenhaus. AuS Ncwyork wird der Frank- furter Zeitung geschrieben: Etwa alle 2 Jahre wird hier ciizz Kaufhaus eröffnet, das sich durch eine Reihe von „epochemachende» Neuerungen" einen Teil des Geschäfts der alten Konkurrenz zu sichern hofft. Heuer ist cs eine der alten Firmen, die in ihrem neuen Laden Einrichtungen zeigt, an die man bisher nicht gedacht hat. Gleich in den Anslageii ist man nach einem ganz andern Prinzip verfahren als bisher. Sie sind nichts als Lists, die in einer Minute inS Souterrain bcsördcrt werden können; in einer weiteren Minute erscheint dann eine neue Auslage, die natürlich vorher gehörig arrangiert worden ivar. Diese Einrichtung hat neben andern Vorzügen auch den, baß sie sozusagen aufs Wetter gestimmt werden kann, was namentlich in Ncwyork ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist. ^st morgens der Himmel hell und klar, mögen jetzt Jrüh- jahrshiite, Toniienschirme und ähnliche an die wärmere Jahreszeit erinnernde Dinge sich dem Auge präsentieren. Kommt dann gegen Mittag ein Regen oder gar ein Schneetreiben, verschwinde» einig« der Frühlingsauslage», um einer gewaltigen Kollektion von Regenschirmen, Guiuminiänlcin und dito Schuhen Platz zu machen. Will die Dame ein Rcilkleid anprobieren? Sie kann dies ans einem mechanisch die üblichen Pfcrdegangarten machenden Holz- p s c r ü tun. Ter Lade» hat einen Siab von Probicrmamscllcn jedes Alters und jeder erdenklichen Körpergestall, die ans Verlangen jedes der Figur einer Kundin entsprechende Kleid anziehen und die Farbenesfckte bei Tages- und bei künstlichem Lichte zeigen. Eine besondere Abteilung ist für Personen geschaffen, welche nicht nach Hanse gehe» wollen, um Abendtoilette zu »lachen. Man läßt am Morgen die notwendige Garderobe von Hause abholen, ivechsclt im Warenhaus seine Kleider »nd findet am nächsten Tag seinen Geschäftsanzug zu Hanse vor. Das ist eine, namentlich den Vorstädtern beiderlei Geschlechts sehr willlommcne Einrichtung. Natürlich gibt's in dem Hiiuse Barbiere, Frisettrsalons und Mani- kuristiunen, ja einen besonderen Friseur sür Kinder. Für diese ist überhaupt sehr gut gesorgt; so zum Beispiel findet man einen großen Spielsaal, wo zwei Älndcrgärttieriniien ihres Amtes ivalten. Tie Firma beschäftigt drei Acrzlc, zwei, die stets Im Labe» sind, nud einen, der krankes Personal besucht. Kesundßeitsplsege. Belegte Brötchen. Pros. Rubner in Berlin rechnet ans Grund neuerer llntersnchnngcn die belegten Brötchen zu öcu nicht billigen Speisen, iveil Butter und Tiersctt und der Fleischbelag in den Preisgeldwerten der Nahrungsmittel eine ungünstige Stellung ein- nehme». Ter Einkaus im Gasthaus« bedingt sür de» nicht verheirateten Arbeiter eine erhebliche Steigerung des Preises. Ter Erfolg, den die Brötchen In der Ernährung speziell der niederen kauf- schwachcii Bevölkerung erzielt haben, besteht darin, baß sie sozusagen in jeder beliebigen Menge tierische Nahrungsmittel bieten. Tie nngnttstigen sozialen Folge» sind da zu spüren, >vo bei geringem Einkommen die Brötchcnkost so viel an Aufwand verschlingt, daß zu wenig Gelb übrig bleibt, um anderweitige genügend warme Nahrung zu beschasfen. Auch bei besser Situierte» ■uäve es oft richtiger, wenn da? Fleisch statt als kalte Küche z» figurieren, in der Küche regelrecht Verwendung fände.