DasGIattderLmu I Sfl 9 Wöchentliche Deilnge der Gderkeffischen Volkszeitung fk Nulnmec 15 löieften, Freitag ven 17. Rpri! 1914. 6. Salsrgang 5H35RflCRR5S®C55R5RRSRRS5H^RRR5555R5W5RB53C533R3RR5Sß3®C Schuld und Sükue. Cur alltäglicher Roman aus dem Leben hat sich dieser Tage vor einer Berliner Straskammer abgespielt. Auf nicht weniger als 3 Verbrechen lautete die Anklage: Diebstahl, Betrug, Urkundenfälschung. Schaudernd wendet sich der ehrbare Bürger ab. Was für ein verkommenes Menschenkind muß das sein, dem so viele Schandtaten zur Last gelegt werden, und das sie nicht einmal leugnet! Doch sehen wir näher zu. Angeklagt ist eine 22jährige Arbeiterin, die mit einem 50jährigen Arbeiter ein „Verhältnis" hat und bei ihm wohnt. Ob es sich dabei um gegenseitige Liebe handelt, wobei das Verhältnis weit sittlicher sein könnte als so manche regelrecht abgeschlossene und sogar vom Pfarver eingesegnete Ehe, das ging ans der Verhandlung nicht hervor. Bei dcni großen Altersunterschied freilich läßt sich die Vermutung, nicht von der Hand weisen, daß das junge Mädel nur deshcüb zu dem alten Mann hält, weil eS dadurch eine Erleichterung seines Lebensunterhalts erhofft. Auch damit tut sie ja nichts anderes als so manche hoch ehrbare und sittliche Ehefrau. Aber allzu viel Vorteil hat sie jedenfalls nicht davon. Der Ar- beiter nämlich hat eine Wohnung gemietet, die nur ans einer Stube und einer Küche besteht. In der Stube schläft er m:t dem Mädchen, die Küche ist noch abverniietetl Nicht einmal eine so kleine Wohnung zu bezahlen, reicht das Einkommen zweier Personen, die beide arbeiten I In der Küche also „wohnt" noch eine Frau mit einem 10jährigen Knaben. 7 Mk. zahlen die beiden pro Woche, aber nicht etwa als Miete, sondern als vollständiges Kostgeld. Was die Angeklagte durch eigene Arbeit verdient und wieviel ihr der Mann dazu gab, das erfuhr nian aus der Verhandlung nicht. Jedenfalls aber wurde fcstgestellt, daß es ihr nicht möglich war, mit dem borhandcnen Gelbe sich und die andere» satt zu machen. Da ließ sie sich denn, >vic ein bürgerliches Blatt berichtet, verleiten, Kleidungsstücke, die ihr nicht gehörten, zu versetzen, „uni mit dem Erlös Brot und Kartoffeln zu kaufen". Lange reichte das natürlich auch nicht, und da nahm sie das Geld, das ihr übergeben war, um dem Hauswirt die Miete zu bezahlen, und kaufte dafür Fleisch und Gemüse. Nun mußte sie doch aber die Quittung vorzeigcn, die sie vom Hauswirt natürlich nicht hatte. Deshalb machte sie die Unterschritt selbst mit gefälschtem Namen. Ties war der Tatbestand. Dies die Urkundenfälschung, der Betrug, der Diebstahl. Der Staatsanwalt beantragte 5 Monate Gefängnis, das Gericht ließ cs bei zwei Monaten bewenden, weil die Sünderin für ihre eigene Person nur tvenig Vorteil ans ihren Taten gezogen hatte. Mit dem Gericht wollen wir nicht rechten. Das hätte keinen Sinn, denn die Herren würden uns einfach antworten, sie seien an die bestehenden Gesetze gebunden, und soweit möglich, hätten sie ja Rücksicht genommen. Aber vom Standpunkt einer höheren Moral wird man wohl fragen dürfen, ob denn hier überhaupt eine Schuld vorliegt. Worauf basier! letzten Endes jede Rechtsvorstellung, jedes RcchtSgcsühl und folglich auch jedes Gesetz? Auf dein ersten und ursprünglichsten aller Rechte, auf dem Recht zu leben. Sowie ein junges Menschenkind geboren ist, hat cs den Anspruch und das Recht, in seiner Existenz erhalten und geschützt zu werden. Das erkennen ja sogar die Gesetze an, und jedenfalls beruhen auf diesem ursprünglichen, instinktiven, uns sozusagen eingeborenen Rechtsgefühl alle komplizierten Rechtsverhältnisse und alle Gesetze. Ein jedes Gesetz hat letzten Endes, direkt oder indirekt, den Zweck, den Menschen in seinem Recht zu leben, zu schützen. Am klarsten sieht man das bei den Gesetzen, die Mord, Totschlag, Körperverletzung verbieten. Aber zum Leben^gehört ja auch Nahrung und Unterhalt, die die Menschen aus dem Eigentum ziehen. Deshalb sind Gesetze da, die das Eigentum gegen Diebstahl, Betrug, Unterschlagung, Fälschung schützen sollen. Und auch d:e Zivilgcsetze, die den Verkehr mit Mein und Tein regeln wollen die Existenz der Menschen gegen Verkümmerung und Vernichtung sichern. Das ist die Theorie. Jedoch „Vernunft wird Unsinn. Wohltat Plage". Da ist eine junge Arbeiterin, die nicht ans noch ein weiß, die mit dem Geld, das sie hat, sich und die ihr Anbefohlencn schlechterdings nicht ernähren kann. So nimmt sie anderes, das ihr irgendwie in die Finger gerät, ohne ihr zu gehören. Tut sie Recht oder Unrecht? Du Rcchtsgelehrten schwanken keinen Augenblick mit der An!- wort: sie tut Unrecht; denn einmal schädigt sie dadurch andere Leute in ihrer Existenz, und zwar gerade im vorliegenden Fall Leute, die selbst arnie Teufel sind und nichts übrig haben; sodann aber, was noch schlimmer ist — wollte man eine solche Praxis, ein solches Recht, einfach zu nehmen, was einem in die Finger kommt, allgemein zugestchen, so hört» lebe Rechtssicherheit auf und jedes Menschen Recht z» leben wäre aufs ärgste gefährdet. Dem allgemein Notwendigen aber muß der Einzelne weichen. — Wir hören's und wir glaubcn's. Aber betrachten wir doch auch die andere Seite. Hätte die junge Arbeiterin nicht das fremde Geld genommen, um Brot und Kartoffeln, Fleisch und Gemüie zu kaufen, so wäre sie mit ihren Pflegebefohlenen nicht satt geworden, und bei einiger Fortdauer dieses Zustandes wären sie allesamt an Hunger zugrunde gegangen. Das Gesetz also, das in Wahrheit alle Menschen in ihrem Recht zu leben schützen'soll, dieses selbe Gesetz hätte ihr das Recht zu leben entzogen! Welches ist nun das wahre Recht? Und will man cS den Armen, den Aermsten, wirklich so sehr verdenken, wenn sie dieses Recht, daS für sie das Gegenteil dessen bringt. daS es angeblich bringen soll, nicht immer achten? Wohlverstanden, cs handelt sich nicht etwa darum, mildernde Um- stände für ein in der Not begangenes Vergehen aufzufinden, 'andern darum, zu zeigen, wie das Rechtsgcfühl unter solchen Umständen eine vollständige Umkehrung erleiden muß. Die Aermsten in solcher Lage können gar nicht die Vorstellung haben, daß sie ein Unrecht tun, wenn sie ihr Recht zu leben sichern mit denjenigen Mitteln, die ihnen gerade zu Gebote stehen. Wir zweifeln nun keinen Augenblick daran, daß die Rcchtsgelehrten mit Leichtigkeit in schön gesormtcn Sätzen alle diese Zweifel und Widersprüche beheben werden. Nur daran zweifeln wir, daß sie damit auf die Hungrigen irgend welchen Eindruck machen können. Wenigstens so lange nicht, als der herrschende NechtSzustand den fortgesetzten Eingriff in die Lcbcnsrechte der Armen duldet, die wir jeden Tag erleben. Weit strafbarer als die junge Arbeiterin, die sich au fremdem Gelde vergriff, scheint cs uns zu sein, daß sie trotz aller Arbeit des Lebens Notdurft nicht befriedigen konnte. Dichtende Kinder. Sie haben alle einmal einen Angenblick, La sie fühlen: bie Sprache ist doch mehr alö nur Verständigungsmittel. Einmal kommt iiber sie alle der Reiz der Form, die Freude mit den Worten zu spielen. Denn so sänat's an, wenn Kinder dichten: „Da komnit der alte Kaspermann Und sagt guten Tag. Er sagt schön' guten Tag, Dann macht er wieder ei» Kompliment zu früh Hat er kein' Kassee müh . . Hat er kein' Kassee müh... so ist's recht. Denn noch ist's gleich, was man sich dabei denken soll, ivenns gleichklingt, wenn sich s reimt. Und von diesen Äleinkinderreimen bis zum Tagebuch der jungen Dame, bis zur iveltschmerzlichen Dichtung des Achtzehnjährigen ist ein weiter Weg. den uns erst jetzt einer eröffnet hat. mit allen Kurven, Eck und kleinen Nebenwegen. Fritz Giese hat Im Verlag von F. A. Barth sLeipzig 1914) „Das freie literarische Schaffen bei Kindern und Jugendlichen" untersucht. Es ist ein stattlicher Band geworden; denn er enthält nicht nur eine gute und scharfe Untersuchung über diese seltsame Literatur, er enthält etwas, bas uns in dieser Vollständigkeit noch nie geboten worden ist. Er bringt 502 Proben einer „Jugendliteratur", bie aus kleine Zettel und Heftseiten geschmiert, ängstlich versteckt wurde, und nur gelegentlich von stolzen Müttern ans Licht gezogen wurde. In Zeitschristen und kleinen Bücher» waren ja schon Ansätze zum Sammeln gemacht, aber eine solche Ausführlichkeit hat noch keiner erreicht. Es handelt sich, wie der Verfasser an einer Stelle scharf betont, hauptsächlich um das Schassen 'deS guten Durchschnitts, um diesen periodisch auftanchenden Drang, einmal anders als das tägliche Leben zu sein, einmal Verse zu schreiben oder eine feierliche Prosa. Und gerade das macht diesen Band so unendlich reizvoll; denn schließlich haben wir ja noch kaum zu wissen bekommen, wie es denen ums Herz ist. die nicht durch bedeutende dichterische Leistungen ihre Jugend vergessen machen. Hier ist die tppische Leistung des geistig angeregten Kindes, die man — wie Giese mit Recht warnt — ja nicht überschätzen solle. Er gibt zu, das; sich schreibende Kinder wohl immer später einmal mit intellektuellen Dingen befassen wer- beti. „Doch wäre es falsch, sogleich an eine Bedeutung in der Dichtung selbst zu denken." Hört's, Tanten, bie ihr das „kluge Kind" auf den Tisch stellt und es seine VerSchen herplappern laßt 1 Und so hat denn auch in den meisten Fällen nicht der literarische Kritiker eine Freude an diesen Dichtungen, sondern immer nur der tastende Psychologe und vor allein der Pädagoge, der viel, viel aus diesem Band lernen kan». Ein riesiges Material türmt sich auf. Es ist unmöglich, hier auch nur den kleinsten Teil zu bewältigen. Da sind die Märchen der Kleinsten, die oft an die Phantastik des Herrn Scherbart streifen. „Geschichte von einem Mann, der einen Bauch hatte, so lang wie die Hohenzollernstratze, weil er immer eine» großen rote» Käse nach dem andern aß. Und er war auch einmal ans der Eisbahn. Und da platzte sein Bauch, und rollten alle Käse raus." Und da ist die Geschichte von der leeren Stadt, „in der wohnte kein Mensch, nicht einmal ein Viertelmensch." Und da ist ein ganz kleines Prosastück „Die Here in London", das braucht man nur neben Grimms „Unke" zu stellen, und wir haben den gemeinsamen Grunbton aller Volks- und Kinderromantik. Worte, Worte — aber zusammenae- hälten durch einen straffen Rhythmus, der alles Wirre der direkten Reden und subjektiven Berichte überwindet. Interpunktionen gibt's nicht, dafür aber eine so starke Empfindung für das Grauen im Herenkeller, erlöst durch das harmlose Wort „Mehlsack", das man liest und liest, und nicht weis;, von wannen es kommt. Da sind die Junaens, die in freien Rhythmen an Arno Holz gemahnen, da sind die Mädchen, die iveichere Töne finden, volksliedhaft, aber durchaus nicht süßlich. Da entpuppen sich schau frühzeitig die Reimtalente, die flotte Refrains erfinden. Da sind Reminiszenzen . . .! Ach, hie Erinnerungen a» die Lektüre! Bierbauni, Hölderlin, die Tageszeitung, Busch, Lilieitero» . . . bas geht noch alles bunt durcheinander. Und der Gipfel wird erreicht, wenn die Tanzstunde kommt, die erste Liebe: Pubertät. afft also die Bedingungen neuer Industriezweige und kann sogar bedenkliche Schwankungen des Geschäftsganges in einzelnen Gewerben Hervorrufen. Weniger unabhängig von „plötzlichen Interessen" ist das, was als Objekt allerrcalsten Interesses zum Standard of life im Haushalt des Kindes gerechnet werden kann. Also alle die Dinge, die mit der besonderen Ernährungsweise des Kindes, vor allem des Säuglings, im Zusammenhang stehen. Aber dieses stabile Verhältnis zwischen Produzent und Konsument hört da auf, wo das Spielbcdürfnis des Kindes in Betracht kommt. Das spielende Kind ist heute sehr anspruchsvoll. T-as war nicht immer so. Als die jetzige Generation der Erwachsenen in Kinderschuhen umherlief, war das „Jahrhundert des Kindes" noch nicht angebrochen. Man verschonte das Kind mit „individueller" Erziehung und „individuellem" Spielzeug; dafür zeigte das Kind sich dankbar, indem e§ das Wenige und verhältnismäßig Priniitive, das man ihm gab, mit Hilfe seiner Phantasie zum Gegenstand reicher, ans Wunderbare grenzender Erlebnisse gestaltete. Wie hat sich das alles geändert. Auf dem Spiclwarenmarkte werden heute Tinge verlangt, die mit den tatsächlichen, im Gebrauch befindlichen Objekten ddr T e ch n i k niöglichst photographische Aehnlichkeit besitzen sollen. Indem man diese fertige Ware dem Kind übergibt, nimmt man ihm die Möglichkeit persönlicher Anregungen, verkümmert die kindliche Phantasie, dic mit der exakt konstruierten Hochbahn oder dem tadellos funktionierenden Kinematographen nicht viel anzufangen weih und bald ihrer überdrüssig wird. Also müssen neue Spielwaren angeschafft werden, und der Industrie erwächst die Aufgabe, solche auf den kindlichen Geschmack abgestimmtc zu erfinden und herzustellcn. DaS seinerzeit mit Enthusiasmus begrützte Diabolo-Spiel, das einige Monate alle öffentlichen Straßen und Plätze unsicher machte, verschwand ebenso schnell, wie es entstanden war. Der deutlichste Beweis der Abhängigkeit der Produktion vom tonangebenden Ge- schmack des Kindes. Es sei noch besonders auf die neu erstandene Rcklameniarkenindustrie verwiesen. Dieselbe Erscheinung nimnit konkrete Formen an im Umkreis des S p o r t l i ch e n. So war es z. B. mit den R o l l - s ch u h e n I Zuerst jener lebhafte Verkehr und Lärm auf den von Rollschnhlänfern „bevorzugten" Straßen, Gründung von Rollschuhbahnen uslv.; allmählich wurden die Rollschuhtöne schwächer und schwächer; dann war alles wieder ruhig. Im Zusameninhang mit dem Sportlichen stehen die neuerdings so stark im Aufschwung befindlichen Jugendbewegungen der Pfadfinder und Wandervögel. Wieder treten neue Anforderungen an die Industrie heran, diesmal namentlich an die Konfektion, die Musikinstrumentenindustrie (Laute und Gitarre) sowie die Herstellung von Feldflaschen, Kochgeschirr usw. Es werden Betriebsvergrößerungen vorgenommen, neue Arbeiter eingestellt und das große Rad volkswirtschaftlicher Zusammenhänge ins Rollen gebracht. Doch der ganze Apparat gerät ins Stocken, sobald Las auslösende Moment — hier also die Jugendbewegung — an Zugkraft einzubützen beginnt. Auch aus ganz anderem Gebiete stellt der kindliche Konsument seine kategorischen Bedingungen. Auf dem Büchermarkt entstehen der Produktion Probleme, die nur mit genauester Kenntnis der kindlichen Seele gelöst wer- den könnem Eine versuchte Reform der Jugendliteratur muß, ob sie will oder nicht, auf den Geschmack und die Interessen des Kindes Rücksicht nehmen. Sonst tvird sie an das „Kindliche" eben überhaupt nicht herankommen können oder der Schundliteratur das Feld räumen müssen, die nur allzu gut mit den kindlichen Instinkten zu rechnen versteht. Z)ie ganz feinen Damen. Neulich hat in der Kölnischen Bolkszeituna, dem Zentrums- blatt, jemand Beschwerde aeslihrt über „die unhöflichen Berliner": ein anderer hat mit Geaenbeispicle» geantwortet. Darauf nahm am Freitag der erste Einsender wieder das Wort. Er schreibt: „Ich mutz sagen, batz mein Gegner auch recht hat. Aus seinen Darlegungen geht hervor, datz er hauptsächlich mit Personen aus dem Arbeiterstands in Berührung gekommen ist. Dafür spricht auch feine Stadtbahnfahrt in einem Abteil für Reisende mit Traglasten, also dritter Klasse. Tie Berliner Arbeiter sind allerdings mit ganz vereinzelten Ausnahmen gefällige und hölliche Leute, und ich habe in meinem ersten Artikel eine Nnterlasiung begannen, datz ich dies nicht ausdrücklich festgenagelt habe. Ich bin selbst schon Studien halber mit Arbeiterzügen gefahren, und das Verhalten der Leute hat auf mich immer einen guten Eindruck gemacht. Mein« Beschwerden bezogen sich, wie der Inhalt meines Artikels ergibt, auf die höheren Klassen. Ich hatte dabei besonders die Damen im Auge, die Dame» wenigstens noch mehr als die Herren. Zur Illustration will ich noch ein paar Beispiele anführen. Neulich begleitete ich eine Dame, die einige Karten mit Ansichten aus der Umgegend Berlins kaufen wollte, in ei» Warenhaus. Die Verkäuferin hatte zahlreich« Kartons, in denen die Karten nach ihrem Gegenstände gruppiert waren. Während wir noch niit der Auswahl beschäftigt waren, kam in schwerer Seide eine jener Damen herangerauscht, die in der Wahl ihres Gatten sehr vorsichtig gewesen sind: sie haben sich z. B. einen Millionär aus der Tauentzinstratze oder so etwas Aehnliches geheiratet. Sehr viele von ihnen tun nichts, absolut nichts: nur die wirklich gebildete Mitglicderiahl lieh, schreibt, malt oder spielt. Ick lmb« aber eine ganze Anzahl kennen gelernt, die das ganz« Jahr über nichts tun, und da sie auch vom Haushalt nichts verstehen, widmen sic einen grotzcn Teil ih-er Zeit der Betrachtung der Neuigkeiten in den Warenhäusern. Also die erwähnte Dam« stürzt« aus die Ansichtskarten zu und begann darin zu wühlen. Nur aus Neugierde, denn sie wollte augenscheinlich nichts kaufen, wie sie auch, ohne etwas gekauft zu haben, ivicder fortging. Ich stand vor dem Ladentisch und sic drängte sich ganz nahe an mich heran, osfenbar in der Absicht, mich vom Ladentische fortzustotzen, wenn ich nicht freiwillig fortaing. Sie wollt» das sehen, was vor mir lag und dachte wohl, ich würde unwillkürlich oder aus Höflichkeit ihr den Platz räumen. Darauf bitz ich aber nickt an. sondern sagte ihr in ruhigem Tone: „Bitte, lasse» Tic mir mehr Platz." Nun tat sie. als ob sie bas überhöre und starrte wie rin Taubstummer in die Luft. Dann griff sic nach den Postkarten und in kurzer Frist hatte sie alle Kartons umacstülpt und die Karten kunterbunt durcheinander geworfen, worauf sie fortaing. Die Verkäuferin weinte fast und sagte: „Jetzt brauche ich wohl ein bis zwei Stunden, um die Karten wieder zu ordnen." Aus meine Frag«, ob so etwas wohl öfter vorkomme, antwortete sie: „Wohl jcdc Woche, aber eine einfache Frau tnt's nie und ein Herr tut'S auch nie, cs sind imnier nur die ganz feinen Damen." Nicht minder empörende Szenen sieht man fast täglich, wenn nun diese reichen Damen, die nichts tun, mit der Stratzcnbahn wieder nach Hause fahren. Haben sie den halben Tag hcrumgebummelt, so sollte cs ihnen auch mit der Rückfahrt nicht so cilia sein, aber da sieht mau «in anderes Bild. Wenn an einer Haltestelle viele Personell warten, so wollen sie absolut die ersten sein. Ick, habe selbst mit eigenen Augen gesehen, daß müde, abgehetzt« Geschästsmadchen, die abends nach Hanse fahren wollten, voll dicken, aufgepuhten „Kommerzienrätinucn" kaltblütig weggedrängt und an der Mitfahrt verhindert ivurden, indem die „Dicken" selber cinstiegcn. Kommen sie danli in de» Wagen, bann wollen sic auch gleich sitzen und mustern die anwesenden Herren wie ein Oberst, der Parade abnehinen will, sei» Regiment. Der Blick besagt: „Steht auf, ihr Schurken, setzt ivollen wir nnS placieren!" Wenn Herren darauf nicht reagieren. lveLdeii sic manchmal sogar ausgelacht und höhnisch geiuustert. Als dies neulich einmal geschah, «lltstand unter den Herren eine Diskussion darüber, ob mall vor Damen aufstehell lniissc, vor alte» ober auch vor jungen. Zwei mir aegenübersitzende jllllgc Herren fragten mich um meine Meinung und ich sagte: „Dar Alter ist wohl nicht allein maßgebend, eS kommt hauptsächlich darauf an, ob jemand erschöpft und abgearbeitet ist." Dann machte ich sic ans zwei elend aussehende Fabriklnädchcil aufmerksam und sagte: „Diesen beidcli armen Geschöpf,,, können Sic ruhig den Platz abtrcten." Sie taten das, und die beiden vornehmen Damen, welche stehen bleibe» »lutztcn und die Unterhaltung gehört hatte», warfen mir Basiliskenblicke Ist. In meinem letzten Artikel llgltc ich sagen walle», datz Ist de» Kreisen der sogenannten gebildeten Gesellschaft die Höflichkeit gegen Unbekannte in immer steigendem Matz« abnimmü Das halte ich aufrecht und, um einer abermaligen Mitzdeutnng vorzubeugen, hebe ich es ganz klar und deutlich hervor. Und ivenn Sie mit Leuten, welche die Berliner Verhältnisse genau kennen, darüber sprechen, verehrter Leser, so wird man es Ihnen in den aller,neisteil Fällen bestätigen." Ter Mann hat la so recht. Aber um die Sorte der „ganz feinen Damen" kennen zu lernen, braucht man nicht nach Berlin zu gehen. Mutter. Ein Wechselgefpräch. Von Nadja Straffer. Tu mutzt dich wiederfinden, Marie. Ich verstehe deine Klagen wie niemand anders. Ich weiß, wie stolz und hoffnungsvoll du ins Leben hinausgetretcn bist, und wie grausam die Tinge sich dir zeigten. Aber sieh, du bist Mutter, gibt dir nicht deine Mutterschaft Freude und Lebensinhalt genug? Mutter, Mutterschaft ... Es ist mir beinah, als hörte Ich eS aus ivcitcr Ferne. Ja — früher. Als Geo noch klein ivar. Da war cs sein vollklingendes, beglückendes Gefühl: ich bin Mutter! Damals —! Weißt du: wenn ich di« kleine», zarten Glieder fühlt«, wenn ich die unbeholfenen Bewegungen, die dummen flatternden Händchen sah, dieses ganze süße, neue Wesen, das nichts und olles war — wie Hab ich es da angebctct, ganz einfach angebctct! Ich war wie berauscht, wenn ich den zarten Körper an mich drückte und mit tausend Küssen bedttktc. Dieser rosige Klumpen Mensch, den andern so unbedeutend lind unwesentlich, flötzle mir säst Ehrfurcht ein. Und ivenn plötzlich in mir der Gedanke auftaucht«, klar und eindringlich, als wäre er vom Hinimcl hcradgekommen: das ist dein, ganz dein, cinfoch ein Stück von dir, bas sich losgelöst und eigene Form angenommen hat — das war mir wie ein Klang, wie ein süßer, goldener Klang. Ich konnte niederknien vor dem lachenden Tierchen, das nichts wußte, und weinen vor Glück, weil cs da war, weil ich es hatte. . . . Aber liebe Marie, du wirst doch auch später Freud« an deinem Kinde erlebt haben. Ich keime dich und weiß, wie fähia bn zur Lieb« bist. Als ob es darum sich handelte! Als ob ich meinen Ge» jetzt zu wenig liebte! Aber damals war noch ettvas dabei, ettvas ganz anderes, was reich gemacht hat und froh. Ob du mich recht verstchcir kannst? Znm Beispiel, wie Geo zum erstenmal gegangen ist..... Weißt bn, Ick> Hab so daraus gewartet, es kan, mir fast »nwahrschein- lich vor. daß diese kugelnmben, ungeschickte» Füßchen, die zu gar nichts taugen und noch soeben in der Luft gezappelt hatten, stch i,un regelrecht und selbständig a,lf dem Boden belvegen werden und ich sehnte mich kindlich danach. Und als er wirklich endlich einmal, ganz plötzlich, hinter mir in das andere Zimnicr hercingctrippclt kam — triumphierend, überrascht, daß cr's nun kann, baß cr's doch zustande gebracht — da ivar's mir . . . nein, das ivar ein Frehgesühl, das ick, mit keinem andern vergleichen kann. Ein Jauchzen des Herzens, als wär's auch vierzehn Monate alt. Das ist Muttcrglück, ganz reines, ohne Zutat von Reflerionen und Romautik. Das da . . . Nein, sichst du: gerade an diese Sei!« habe sch nicht gedacht. Das weiß ich. Und doch . . . Oder auch später! Wie Geo zum erstenmal mit dem Rainen auf dem Rücken zur Schule ging. Da war ich so ergriffen, möcht ich sagen. Nun ivar er Mensch, mit Pflichten und Sorgen, die ihn nie, nie mehr sreilassen würden, er, der erst gestern — schien eS mir — nicht wußte, wo feine Hand und fein Bein ist, und beides in den Mund steckte. Wie ich da zur Schule begleitete und auf dem runden ApfelgcslH! die ernst besorgte Miene sah, die nervöse Erregung, die nichts war als versteckte Angst. Als ich fühlte, wie er sich in seinem Inner» an mich klanrmert«, bei mir Schub suchend, vor dem Unbekannten und Fremden, bas ihn erwartete ... Ich weiß noch, wie ich feine Händchen in die meinen fest drückte, und sie küßte, di« rührenden,, unschuldigen Händchen, die ganz kalt waren, iveil zum erstenmal das kleine Herz bange schlug... Da — weiß du, liebte ich das Kind mit Io schmerzhaft wonniger Liebe. — Und wenn da einer gekommen wäre, und gesagt hätte: verzichte für diesen Augenblick auf auf dein« Mutterschaft oder büß« einen Teil deines Lebens ein — ich hätte ohne Bedenken letzteres gewählt. Solche Momente — und es gab ihrer so viele — beschienen wie Sonnenstrahlen die Tage, gaben ihnen Fülle und Farbe. Aber das ivar früher. So lange das Menfchiverden im Kinde auch an mich neue Anforderungen stellte, mich znm Helfen, znm Mittun ouffor» dcrte, solange ich bas körperliche im Kind körperlich mit empfand. Jetzt ist es ans damit. Geo ist ein Mensch siir sich. Er ist einer, der mir wie kein anderes Wesen »ahestcht, aber er ist nicht mehr — ich. Was mich mit ihm verbindet: Pflicht, Mitgefühl, menschliches Verständnis und so weiter, dar reicht aus für manch« Freude und manches Leid, ober Mutterglück ist cs nicht nichr, nein ... — Wenn ich mir aber deinen Geo auschc und mir denke, ivaS du ihm bist, wie er dicht in allem und jedem braucht —. Nein, komm mir nicht damit, du nicht. Ach, dieses sichnotwendig Fühlen, dieses Dienen der Liede — wie Hab ich es satt! Ich trug Jahre hindurch diese Fron und Hai!« das Gefühl eines Toten, der feinen Grabstein tragen muß. — Und auch jetzt: es füllt wohl den Alltag an?, wie die Buchstabe» eines Gedichtes das Papier auSfttllen, aber ist es das, ivaS bcfriediat, waS über das Kleinliche erhebt, was den Feierabend der Seele heiligt? . . . Geo hal lausend Tinge, dir ttjm mehr sind, nl§ ich, Sie für ihn wichtiger und für feine weitere Entwicklung größere Bedeutung und gröberen Wert hüben. Jeder Schulfreund dann ihm eine ganze Welt werden, jeder Junge, den er beim Spielen trifft, jedes neue Buch kann ihm zu einer Quelle von Anregung und Erlebnissen werden. Es ist das einfache Gesetz der Tinge und ich wäre betrübt, wenn'S bei ihm anders wäre . . . Aber wo bin nun ich? Und in den stillen Stunden, wenn wir so ganz deutlich in uns die innere Stimme hören, dieser Tag verdrängt — da suhle ich mich — obwohl ich mein Kind unter meinem Tache habe, jo allein, dass mich ein Schwindel übcrkommt. Wie im Dunkeln auf einen, einsamen Felsen, umringt von Tiefen. . . . Ich habe es wiederholt gehört, und es waren nicht die schlechtesten, Männer, die es geäußert haben: die Mutter ist gerade dem Heranwachsenden und erwachsenen Manne ost so viel und immer kommt ein Tag, an dem der Sohn zu seiner Mutter zuriickkehrt, ihr? weißen Haare küßt und ihr seine Seele öffnet. Mag sein, dieser Tag mag auch iffiin fein. Aber? . . . Ich will nichts davon sagen, wie wenige der Mütter, die diesen Lohn verdient haben, ihn auch genießen: ineist ist es nur ein Schatten, den der Sohn in später Sehnsucht mit dem Lorbeer bekränzt. Ich will auch nicht davon sprechen, daß dieser große und schöne Tag, auf den die Mutter in stiller Ergebenheit warten soll, gewöhnlich der Tag der großen Enttäuschung oder des Unglücks im Leben des Sohnes ist. Aber überhaupt: woher die heilige Resignation nehmen, die darin liegt, aus die Gegenwart zu verzichten, wegen einer fernen, edlen Belohnung? Und wenn eine so geschaffen ist, daß ihr Wesen nicht auf Resignation, sondern auf tätiges Mitleben, ans Bewegung eingestellt ist? Wenn iiir ste lieben .. . ein inniges Hand in Handgeheu mit den anderen bedeutet? . . . Du, Marie, wenn ich dieh höre . . . Tann wäre am Ende der richtige Weg ... der ni'iner Mutter: neunmal Mutter zu werden, uni immer wieder das Mntterglück zu erneuern. Ja, das ist wohl auch eine Lösung, aber d i e Lösung ist es doch nicht. Kennst du eine andere? Vielleicht, ich ahne sie! , . . Wir sollten nicht unser ganzes Wesen an einzelne Menschen Höngen, wir sollten nick» in anderen aufgehe»! Sieh mal: die Männer kenne» das nicht und sind . . . sicher auch deswegen ., . glücklicher als wir. Wie oft habe ich an das Wort denken müssen: „Tn sollst dein Herz nick» an Tinge hängen, die nick» Gott sind". Es ist kein veraltetes Wort. Einem Gott, einer Idee, einem Etwas, was außerhalb und über unserem Alltag steht, zu dienen . . . das macht den Sklaven zum Herrn. Von einer Idee zu widmen . . . das ist die Kunst, immer jung zu bleibe». Uns aber sich tragen lassen . . . das gibt Selbstaesiihl. Und ihr das Leben wird der Mann, den wir lieben, zum Schicksal unseres ganzen Daseins. Und In den .Kindern wollen wir dann Ersatz finden siir alle Träume, um die uns das Leben gebracht hat, bringe» mußte. Lebensinhalt in unseren Kindern zu suchen . . . heißt das nicht an ein rollendes Rad sich klammern, um vorwärts zu kommen? . . . Höre: wen,, ich einmal vor meinem Keo träte und ihm sag: „Tu hast mir eine Rechnung z» begleiten, ich habe dir mein ganzes Ich geop'er!" . . . glaubst du nicht, daß er berechtigt wäre, mich mit einem Wort obzufertigen: Mutter, warum hast du es getan? . . . Wir selbst ziehen die bestehende» Schranken noch enger zusammen und merken nicht, daß wir dabei ersticken. In mehrfacher Hinsicht. In allen jene» Hinsichten, wo dem Leben Glücksborizonte sich eröffn«» . . . und wir willen- und wissenslos davorstehen und verhungern. Gewiß, es gibt eine Lösung . .. aber sag nur, >»rs Hab ich davon, was hilst's mir? Die trüben Tage, die meinen Sommer oft znm Herbst verdunkelten, werde» mir die sonnigsten nick» mehr ersetzen. Und sch, die glückliche Mutter, möchte oft in die Welt hinausschreien: „Gebt mir das Glück, um das ich gekommen bin!" Liebe Marie, meinst du nicht, daß du . . . zu große Ansprüche an das Leben stellst? Daß d» etwas zuviel verlangst? Zuviel? . . . Das verstehe ich nicht. Ich denke: es kann niemand mehr vom Leben verlangen, als ihm zu kommt. Tenn verlangt er viel . . . da»,, liegt schon darin seine Berechtigung! Meinst du nickst? Ach. es wurde „ns so gut tun, wen» wir es verstunden, größere Ansprüche an das Leben zu stellen. Es würde auch unseren Kinder» so gut tun, glaube mir. . . . Hus Wett und Leben. Verheiratete Frauen in Handel und Industrie. Frauen sollen sich um Kochtopf und Strickstrumpf kümmern. Für mehr reicht ihr Verstand nicht ans. Sie sind dumm und genußsüchtig. So plappern einige dumme Männer, »nd Frauen leiern es nach, wenn sie vom Striimpsestopsen, von der Kochkunst keinen blauen Tunst haben, richtige Arbeit überhaupt nur vom Hörensagen kenne». Tie ganze, an her Ausbeutung der Arbeitskraft interessierte Gesellschaft will nichts von Rechten der Frau wissen. Das ist erklärlich. Die llnterdrlickung und Ausbeutung der Fra» ist so ossc»- kundig, so empörend, so aufreizend, daß die Ausbeuter und Unterdrücker alle» Grund habe», zu besürchten, daß jedes der Frau erteilt« Recht einen Hieb gegen dse ihr feindliche Klassenherrschaft bedeutet. Gewinnmacher und Modedamen ereifern sich über Arbetter- fraie», die angeblich aus Trägheit und Genußsucht ihre Wirtschaft vernachlässigen. Tie Statistik beweist das Gegenteil. In wachsendem Maße ist die Frau auch Trägerin der Gntererzengnng. Nicht ans Vergnügungssucht, nicht ans Freude an dumpfen Werkstätten, nschk aus Sehnsittht nach giftigen Dämpfen und verdorbener Luft gehen die Frauen in die Fron der Erwerbsarbeit. Nicht nur Ledige suchen in Fabriken und Werkstätten, int Bureau und hinter dem Ladentisch ihren Lebensunterhalt, »ein, in erschreckend großem Umfange nimmt auch die Erwerbsarbeit der verheirateten Frau zu. Sehr groß ist ihr Anteil in Handel »nd Industrie. In den Altersgruppe» von über 30 Jahren ist der Anteil der Verheirateten größer als der der Ledigen, und die Zunahme der Verheirateten auch stärker als die jener. Von den in Industrie und Handel beschäftigten weiblichen Angestellten standen im Alter Ledige Verheiratete 1895 1907 1805 1907 von 30 bis 40 Jahre» 104 302 134 700 82 436 154 307 von 40 bis 50 Jahren 40 721 67114 55 079 99 720 über 50 Jahre 49523 51020 38174 03 067 Zusaminen 203 546 252 834 175 689 317 094 Ti« Zahl der über 30 Jahre alten Ledigen ist um 49 288 oder um 21 Prozent gestiegen, die der gleichalterige» verheirateten Arbeiterinnen aber um 141 403 oder »in 80 Prozent, Außerdem hat sich die Zahl der unter 30 Jahre alten verheiraten Frauen von 74 077 auf 130 831 erhöht. Somit ergibt sich insgesamt eine Zunahme der Verheirateten von'230 066 aus 447 047 oder »»> 107 281 gleich 78 Prozent. Wenn verheiratete Frauen, Mütter in solchen Massen, s» solch schnell steigender Zahl zur ErwerbSarbeit eilen, dann muß bittere Not sie treiben. Kein veriilinftiger Mensch kann glauben, daß ohne Sorge »ms Brot, ohne peinigende Angst sür bas Wohl der Kinder ältere Ehefrauen schwere, schmutzige, gesundheitszerstörende Arbeit verrichten. Hier hat man den untrüglichen Beweis von einem Wachstum der soziale» Not i» breiten Schichten der Arbeiterschaft. Tie starke Zunahme der verheiratete» arbe!te„den Frauen, ihre große Zahl machen eine Ausgestaltung des Schwangeren» und Wöchueriiiiienschiltzes dringend erforderlich. Man morde und vernichte nicht immer weiter Mutter »nd das Kind Im Mutterleibe. Wahres Geschichtchen. Ich bin vor einigen Tagen aus Nord- deiitschland i» einer „stockschwarzen" südlichen Stadt angekominen, habe ein Zimmer gemietet, meinen Meldezettel ausgesiillt und fange an, mich häuslich einzurichte». Das zehiisährigc Töchtcrchen meiner Wirtin Hilst mir dabei. Als ich nun eine Reproduktion von Tizians „Venus" an die Wand hänge, schaut die Kleine sich bas Bild an und erklärt bann kategorisch: „Dös is a Schwein." — „Aber Kind", sage ich entsetzt, „das ist doch eine schöne Fra», eine Götti»." — „Aber sic hat koane Kleider „et an und zweg'n dem is [’ a Schwein", wiederholte die Kleine. Doch als sie nun meine fassungslose Bestürzung steht, kommt sie tröstend auf mich zu und sagt: „Aber Freilei», bei Eahna macht dös ja »ix. Sie sa» ja net katholisch!" chesttttdiieilspffege. Infiziertes Paniermehl. Mehlspeisen können einen recht günstigen Nährboden für die Entwicklung »nd Vermehrung der Paratnphusbazillen abaeben. Mitunter gelingt es nachzuweiseii, baß die Jnsektiv» der Mehlspeisen durch einen Bazillenträger, der mit der Verarbeitung des Mehles zu tun hatte, zustande kam. Für die Verschleppung günstiger gestalten sich die Verhältnisse, wenn das Rohmaterial der Mehlspeisen infiziert ist, wenn z. B. die Para- tnphusbazillen im trockene» Mehl, z. B im Paniermehl, sich lange Zeit halten Aus de», NntersuchungSamt in Freiburg berichten die Doktoren Langer und Thomann über eine Epidemie, bei der die Erreger durch iiiftziertes Paniermehl liberlragen wurden. Es erkrankten in einen, Torfe des mittlere» Schwarzwaldes 11 Personen nach de,» Genuß von Frikadellen unter de» Erscheinungen eines, fieberhaften Brechdurchfalles und starken, Kräfteverfall. Zwei der Erlrankten starben, mehrere andere schwebten längere Zeit in Lebensgefahr. Tie in Frage stehenden Frikadelle» hatte der bc- t,essende Metzger aus frischem Rind- »nd Schweinefieisch unter Verwendung von fabrikmäßig hergestelltem Paniermehl zubereltet, Tie noch vorhandene» Flelschreste ,»achten einen vollkouinie» »„verdorbenen Eliidrnek. Dagegen gelang es, a»S dem Paniermehl Para- typhusbazlllei, zu züchten. Tie Tatsache, daß die mit dem Paniermehl I» die Fleischspeise geratene» Bazillen durch daS Brate» nicht »bgetötet wurden, war nicht schwer zu erklären, weil ln. Inner» des Fleisches nicht immer Teinperatnre» erzeugt werden, die zur Tötung der Keime genügen. Tie Veinnreinigung des Paniermehles war wahrscheinlich bei einem Händler erfolgt, der z»i» Z,necke der Mänseverlllgnng Mänsettzphnsbazillen verwendete.