j> ^[ y 7 r ^ ry r^j^ ryi ^ ty ir^; r*]ffi r^g> i <■ DasSlattderFcau Wöchentliche Geilage der Oderksffischsn VolksZei-nng A« Dummer io Liehen, ffccitog den lZ. März 1914. I 6. flnbcgong »I Die rote Woche. Warum die Frauen für die Parteiorganisation gewonnen werden müssen und wie die roic Woche i» Oesterreich zu einer Wcrbc- woche für die Frauen ausgestaltct wurde. Bo» Adelheid Popp -Wien. Das Frnuengeschlecht stcht heute inmitten zweier Anschauungen: der einen überlieferten und unerzogenen, daß das Weib einen anderen Pflichtenkreis habe als der Mann, daß das weibliche Weib nichts mit den Rechten und Gewohnheiten der Männer Gemeinsames haben dürfe; und der neuen Anschauung: daß die Frau zur denkenden und gleichberechtigten Staatsbürgerin erzogen werden müsse. Gebieterisch' und ungeduldig drängend verladt'die zweite Anschauung, daß auch das weibliche Geschlecht befreit werden müsse aus der Geistesenge früherer Jahrhunderte. Bequem ist sicherlich der erste Standpunkt. Nur übersehen alle, die ihn vertreten, daß die veränderten Verhältnisse der Frau eine andere Stellung ausgezwungen haben. Dieser veränderten Stellung entspricht aber auch eine veränderte Anschauung. Da die Frau aus der Enge des häuslichen Wirkungskreises hinausgctrcten ist auf das Kampffelö, das früher nur des Mannes Vorrecht war, muß auch ihr Gedankengang eine andere Richtung nehmen, im eigenen und im Interesse der ganzen Klasse. Tie Frau ist nicht freiwillig voni häuslichen Herd geflohen, um ihn iihit dem Fabriksaal zu vertauschen. Die kapitalistische Produktionsweise hat das Frauengeschlecht in seine Dienste gestellt, und alle Industrieländer benötigen der Arbeitskraft der Frau und des Mädchens. In, Webstuhl. in den Porzcllanfabriken, bei der Erzeugung von Möbeln, in der Metallindustrie finden wir das für den häuslichen Herd bestimmte schwache Geschlecht. Tie Fraucnscharen, die niorgcns ihr Heim verlassen, um es erst abends oder mittags auf eine kurze Weile wieder zu betreten. Die Frau hat also heute einen anderen Pflichtcnkreis als ehemals, oder richtiger gesagt, sie hat zu dem alten einen neuen bekommen, Gattin und Mutter ist die Frau so n e b e n- b e i, Arbeiterin ist sie im Hauptberuf. Diesen veränderten Tatsachen muß sich auch die Anschauung über die der Frau zukonuncnde Stellung, über die ihr gebührenden Rechte an- passen. Tie Arbeiter haben diese Konsequenzen längst gezogen, die Gewerkschaften wirken unter den Arbeiterinnen, um sie der Berufsorganisation zuzuführen. Es genügt aber nicht allein, die Fra» zur Wahrung ihrer materiellen Inter- essen zu erziehen, die arbeitende Frau, die Mutter muß auch zur Forderung ihrer politischen Rechte erzogen werden. Die Arbeiterin mutz das Recht erlangen, in allen gesetzgebenden Körperschaften ihre Interessen vertreten zu können. Die Arbeiterinnen müssen sich zu einem starken Heer vereinigen, um mit allem Nachdruck für ihre Gleichberechtigung eintreten zu können. Von dieser Erkenntnis ausgehend, wirkt die Sozialdemokratie unter den Arbeiterinnen, um sie zu Mit- kämpfcrinncn zu gewinnen. Die sozialdemokratische Partei l-at die Gleichberechtigung der Frauen schon zu einer Zeit auf ihre Fahne geschrieben, als die große Masse der Franc» noch in gedankenloser Gleichgültigkeit dahinlebte. Die Sozialdcinokratie wirbt unter den Frauen, und wenn die deutsche Partei just die Zeit des F r a u e n t a g es zu einer Werbxwochh .unter beiz Frauen ansersehcn hat, sg ist diese Wahl als eine glückliche anzuschen. Tenn nie mehr als in der Zeit, wo die Frauen zur Demonstration für ihre Gleichberechtigung aufgerufen werden, ist ihre Seele empfänglicher für die Erkenntnis, daß die Sozialdemokratie ihr einziger Schutz., und Hort ist. Es ist ja eine Fabel, daß die Franpn irernünftigcn Erwägungen nicht zugänglich seien, die große Zahl der weiblichen Parteimitglieder beweist überzeugend das Gegenteil. Und auch die Erfahrungen widersprechen dem, wie die Ergebnisse einer Werbcwoche unter den Frauen in Oesterreich beweisen. Gewiß kann sich Oesterreich nicht mit dem Deutschen Reich vergleichen. Das deutsche Volk in Oesterreich ist nur ein kleiner Teil des österreichischen Staates, und doch hat die im September von den Genossinnen vorgenommene Werbeaktion schöne Erfolge gezeitigt. Das Schlagwort: Werbung weiblicher Partei- Mitglieder hat wochenlang alles beherrscht. Die verantwortlichen Parteünstanzen beschäftigten sich damit, die Presse brachte Artikel und Notizen, in de» Bezirken und Sektionen kamen die Genossen und Genossinnen zusammen, um über die Durchführung zu beraten. Man überließ die Arbeit nicht den Franc» allein, sondern wo auch sonst Männer hinzugehen pflegen, um den Parteibeitrag des männlichen Mitgliedes cinzukassieren, dorthin nahmen sie die Werbennmmern der Arbeiterinnenzeitung mit, sowie eine Beitrittserklärung für die Frauen. Nach einigen Tagen gingen die Genossen wieder in dieselbe Wohnung. War mittlerweile die Frau nicht von selbst durch das Lesen der Wcrbennmmcr zum Beitritt entschlossen, so versuchte der Genosse sie zu überzeugen. Nur wo die Werbekunst des Genossen versagte, versuchten dann Ge- nossinneu, einen Erfolg zu erzielen. Die Werbeaktion mußte aber schon deshalb einen Erfolg für sich haben, weil sie sich diesmal auf die weiblichen Angehörigen der Parteimitglieder beschränkte. Das Mißverhältnis, daß beispielsweise in Wien neben 42 000 männlichen nur 3000 weibliche Parteimitglieder vorhanden waren, sagte uns, daß hier ein Erfolg zu erzielen sein muß. Man weiß ja: In der eigenen Familie sind nur wenige die richtigen Propheten. So komnit cs, daß selbst ausgezeichnete Genossen nicht vermögen, ihre Frauen oder später die Töchter der Partei zuzuführen. Selbstverständlich wirkt vielfach der Bequemlichkeitsstandpunkt mit. Derselbe Genosse, der als Arbeiter sehr gut weiß, daß die Bcrufs- kollcgiu auch in die Gewerkschaft gehört, empfindet cs unbehaglich, wenn nebest ihm auch die Frau sich in der politischen Organisation betätigt. Die materielle Leistung ist sehr oft garnicht das Motiv des Widerstandes. Aber viele Männer fürchten, daß die häusliche Behaglichkeit, die Ordnung usw. einen Stoß erleide» könnte, wenn auch die Frau sich politisch betätigt. Diese Männer haben aber unrecht. Tenn erstens hat es immer Frauen gegeben, die in ihrem HanSwesen unordentlich sind, selbst wen» sie garuichts wissen, nichts lesen und keine Idee von Frauenrechtcn haben, so wie cs immer Männer gegeben hat, die ihre freie» Abende außer Hause zubrachten, obwohl sic der Organisation ganz sernstandcn. Die Männer habe» auch deshalb unrecht, tveil gerade die Betätigung in der Organisation, das Lesen der sozialistischen Frauenliteratur viele Frauen erst aufmerksam macht, was ihnen zu einem behaglichen Heim noch fehlt. Die Organisation erzieht auch die Frauen zu höherem Pflichtbewußtsein. Die sozialistische Betätigung__erzieht sehr oft besserg Mütter, weil den Frauen gelehrt wird, daß, wer den Befreiungskampf der Menschheit mitkämpsen will, sich auch bemühen muß, selbst im kleinen und vor ollem auch in der Familie ein besserer Mensch zu sein. Alles das wurde in den Parteiblättern den Genossen gesagt, um sie für die Werbeaktion zu gewinnen. Und als dann der Tag gekommen war — am 9. September 1913 begann unsere Werbewoche —, da kamen in den Parteilokalen die Genossen und Genossinnen zusammen, um das Agitationsmaterial in Empfang zu nehmen. Schon nach wenigen Tagen kamen die ersten Nachrichten. Als in Wien das erste Tausend gewonnen war, da jubelten wir. Als dann die Aktion abgeschlossen wurde, hatten wir in Wien fast 2000 neue weibliche Parteimitglieder ge- Wonnen. Dann kamen die Nachrichten von Böhmen. Auch dort hatten vornehmlich Parteigenossen die Werbeaktion durchgeführt. Einzelne Bezirke gewannen zwischen 300 und 400 neue weibliche Mitglieder. Heute, wo die Aktion längst abgeschlossen ist, zählt die Frauenorganisation in Oesterreich um 5000 Mitglieder mehr als im September 1913. Die neu Gewonnenen wurden auch erhalten. Die Arbeitcrinnenzeitung wurde so eingerichtet, datz in den ersten Nummern, die nach der Aktion erschienen, immer etwas enthalten war, das gerade die „Neuen" packen und auf sie wirken mutzte. Trotzdem wurden in den meisten Bezirken im Anschlutz an die Werbeaktion Frauenvcrsamnilungcn veranstaltet, wozu alle Gc- uossinnen speziell eingeladen wurden, die Beitrittserklärungen erhalten hatwn. So wurden viele, auf die das geschriebene Wort allein nicht gewirkt hatte, durch das gesprochene gewonnen, oder es wurde ihr Entschluß, beizutreten, befestigt. Die Arbeit war schwer. Genossen — und vor allem Genossen, weil sie die ohnedies überbürdeten Frauen nicht mit dieser Arbeit belasten wollten — und Genossinnen hatten viele Treppen zu steigen, viele Worte zu sprechen gehabt Aber die Mühe wurde reich belohnt. Mit Stolz blicken die österreichischen Genossinnen auf ihre Werbeaktion zurück. Aber sie ztveifeln nicht, die Werbeaktion in Deutschland in der Woche nach dem Frauentage wird die in Oesterreich weit in den Schatten stellen. Jas Kittdesmord-chesctz. Von Georg Davidsohn. I. Am 18. November 1913 hat die deutsche Rcichsregierung eine Vorlage hcrausgebracht, die de» unschuldigen Titel siihrl: „Entwurf eines Gesetzes, betreffend Aenderung der KZ 56, 56c der Gewerbeordnung." Diese Novelle hätte nicht viel Aussehen erregt, wenn sie nicht auch den Vertrieb und das Angebot solcher Gegenstände zu erschweren suchte, „die zur Verhütung der Empfängnis oder zur Be- seitigung der Schwangerschaft bestimmt sind." — Schon der Laie nierkt, das; da zwei ganz verschiedene Dinge zusaniincngckoppclt ivurden: die legale Empfängnisverhütung und die kriminelle „Abtreibung". Wer aber diese Tinge genauer kennt, der weist zweierlei, nämlich: 1. das; scharfes Vorgehen gegen Verhütung der Empfängnis in allen Schichten der Bevölkerung eine ganz ungeheuerliche Schädigung des Nervensystems beider Geschlechter heraufbeschwört durch den „coitus lnterruptus" sunlcrbrochencn Beischlas), dem kein Gesetz de- Welt an den Kragen kann: 2. hast mit der Eindämmung der Vorbeugung Hand in Hand geht die Steigerung der Ktnbermorde! Air sehen also: zwei Teufel sollen durch zwei BelzebubS aus- getrieben werden . . . In der Polemik wider die Fanatiker der „Sittlichkeit" haben alle möglichen Gcgcngriinde der Vernunft bisher verhältnisinästig ivenig ausgcrichtet, denn die Freunde des NcgierungSentwurscJ kommen schliestlich immer wieder mit ihrer einzigen Weisheit: die Zahl der Geburten in Deutschland müsse verniehrt werden! Als ob sich eine so mit den, tiefsten Lebensnerv des Volkes, dem wirtschaftlichen Problem, verwachsene Sache durch Quacksalbereien kurieren ließe! Darüber wäre nun sehr viel zu sagen, jedoch es soll hier und henie „nur" ein ivissenschastliches Hilfsmittel in Feld geführt werden, bat — sonst io sehr beliebt — bisher in dieser Sache »och nicht genügend zur Verwendung gekommen ist: dir Stati st t kl Mit vllfc. der jüngsten Kriminalstatistik des Deutschen Reiches (1913 veröffentlichst stellt sich folgendes heraus: Während im Durchschnitt der Jahre 1882 bis 1961 wegen Ab- > > e i b ii » fl 391 Personen jährlich bestraft wurde», stieg dies« Zahl im Durchschnitt der Jahre 1902 — 1911 aus 741. Aber! In dein- selben Zeitraum sank die JahreSdnrchschnittLzahl der Bestrafungen wegen Aussetzung hilfloser Kinder von 29 ans 22 und die Zahl der Bestrafungen wegen KindeSmordS von 181 auf 142. SS sind also zwar aus je 160 000 strafmiindige deutsche Zivilpersonen 55 mehr gekommen, bi« abtriebc», dafür sank die Zahl der Kinder» aussetzerinnen um 38 und die der Kindesmörderinnen um 33 auf je 100 000 Zivilmenschen. Das aber must ich unverhohlen sagen: Wenn Ich Aussetzung, vor allem aber Kindesmord in dieser Weise niedriger halten kann, so nehme ich eine höhere AbtreibungSrate wohl oder Übel in Kauf, so traurig es auch ist, Last unsere wirtschaftlichen, soziale», „rechtlichen" und „sittlichen" Zustände nicht dazu angetan sind, dem traurigen Uebcl zu steuern. II. Spezialisiert zeigen sich die hier in Betracht konin>c»Le>; strafbaren Handlungen in folgenden Gruppen: 1. Kindermord, 2. Tötung der Leibesfrucht durch die Schwangere oder mit Einwilligung der Schivangcren durch Tritte, 3. Beihilfe zur Tötung der Leibesfrucht gegen Entgelt, 4. Tötung der Leibesfrucht ohne Wissen und Willen der Schwangeren durch Tritte, 5. Aussetzung. Sehen wir uns nun die rechtkräftig erledigten Verurteilungsfälle des Jahres 1911 in diesen 5 Gruppe,, an: 1: 141, (darunter 10 Jugendliche, also im Lebensalter zwischen 12 und 18 Jahrcnllj, 2: 985 <79 Jugendliche), 3: 41, 4: 2 (1 Jugendliche), 5: 22 <1 Jugendliche). Die Strafen bewegen sich zwischen mehr als 5 Jahren Zuchthaus und weniger als 4 Tagen Gefängnis. Doch sind die mittleren und leichteren Fälle viel häufiger als die schwersten. So z. B. im Jahre 1911: 5 und mehr Jahre Zuchthaus: 1: 1 Person, 2: 2, 8: 8, 4: 0, 5: 0. Dagegen 8 bis weniger als 12 Monate Gefängnis: 1: 10 Personen, 2: 351, 8: 1, 4: 1, 5: 17 Personen. Je nach der „Schwere" des Einzclsalls wird bekanntlich auf die „Nebcnstrafc" des Ehrverlustes erkannt. Dies ist wegen der uns hier beschäftigenden Delikte im Jahre 1911 geschehen: Zu 1: 8mal, zu 2: 46mal, zu 3: 22mal. Gegen weibliche erwachsene i Zweck hat, eilte Basis für einen Anspruch zu schassen, dem das Gesetz di« Ktagbarkeit versagt. ES handelt sich um eine» contra bonos mores verstoßenden Schaudlohn und „So Eine" hat Pent Recht . . ." „Auch „So Eine" hat ein Recht." fiel der Verteidiger «in. Ter Richter unterbrach das Geplänkel und entschied, daß er die Frag« zulasse. Er tat dies, nicht weil er die Auffassung des Verteidiger teiWie, sondern, weil er selbst Interest« bekaui, tu die Wirtschaft dieser Klasse voti Mädchen einen Blick zu werfen. „Also, wie viel verdienen Sie?" „DöS jgjjrt i mina gleich. Herr faijgyli c^cy irivi&SJtfJ -aS ßllädchen crtift. „Situfi ’m crft’n is's mehr, zum letzt',! weniger .,. jm Fasching zahl'« ma draus ..." „Warum gerade im Aaschiitg?" „Wog',, den viel'« Bällen und Redut'u. wo dö Herrn' h,»- f eugan. Da hab'n i" gnua Mad'l rind Frrm'n zum Amüsier'», da rauch'» s' uns net!" fügte sie aufklnrend hinzu. Der Richter und hie Anwälte sahen sich verständnisvoll an. Die Zuschauer lach!»n. „Und sonst, was verdienen Sir sonst?" fragt« der Richter. „Sunst Hab' i jede Nacht so bei zehn bis suszehn Herr'«," sagte das Mädchen mit einer harmlosen Miene. „Zehn bis fünfzehn Herren," wiederholte der Richter erstaunt. „Dös war' traurig, wann f kan« zehn Herr n net halt'," bemerkte Herr Zimmert, mit der überlegenen Miene eines Sachverständigen, der Laien Fachkounlniss« vermittelt. „Sunst knunt s' ja net leb'«." Ein Schänder ging durch den Saal, als cZ offenbar ward, dass flch dieses zarte Geschöpf mindestens zehnmal in einer Rächt prris- gcben muhte, um das Leben zu fristen. Die Männer lächelteti verlegen. Die Kranen sahen sich bestürzt an. „Werden zum Beweis-verfahren noch Anträge gestellt?" fragte der Richter nach einer Panse. Die Anwälte verneinten. „Dann bitte ich um die Schlusivorträge. Ein junger Mann zur rechte» Seile des Richters, der die ganze Jett teilnahmslos dagescsien war, erhob sich plötzlich und beantragte die Bestrafung beider Angeklagten weg.» Raushandels. Erst jetzt erfuhr das Publikum, daß dieser Man«, der sich so unerivartet bemerkbar machte, auch zu den Akteuren dieses DrauiaS gehörte. Es ivar der staatsanwaltschaftlschc Funktionär, der in seiner stummen Rolle die Staatsgewalt verkörperte. Run nahm der alt« Advokat das Wort. Cr nannte das Mädchen «lue raffiniert« Buhlerin, die einen ehrbaren Bürger in ihre Netze gelockt und mit einem gesährlichen Werkzeug osscnbar zu dem Zwecke ang.'grissen hatte, um ihn zu betäuben und zu berauben. Kn der Chronik jener verrufen«» Gasten, sagte er mit anschwellcndcr Stimme, seien derartig« Geivalttaten an der Tagesordnung. Nur einem glücklichen Zufall habe es sein Mandant zu verdanken, daß er diesem furchtbaren Auichiag entronnen sei. S.'inc Sachdarstellung stimme mit den objektiven BeweiSergebnisten vollkommen iiberei», die der Angeklagte» trage das Brandmal der Lüge an der Sliv». „So Eine" verdiene überhaupt keinen Glauben. Der Versuch der Verteidigung, aus gewist:» Schioellnngen und Hautrötungen der Angeklagten, die ofsenbar di« Tpinplome einer Berufskrankheit seien, ein« Nottvchr abznleiten, sei kläglich geschciiert. Er bitte also, seinen Mandanten, der ein Ehrenmann sei, frelzusprechen und die Angeklagte, die schon durch ihr Gewerbe genügend gekennzeichnet sei, zu einer empfindlichen A, reststrafe zu verurteilen. Er liest sich nieder mit einem triumphierende« Blicke gegen das Pnblilum, das durch ein beifälliges Gemurmel .zu erkenne» gab, dast es sich mit ihn> eines Sinnes fühle. Der junge Verteidiger, der jetzt an die Reihe kam, holt« sehr ivcit aus. Er entwarf ein Bild vom Lebe» jener Verlornen, das sick vom Hintergrund einer bürgerlichen Welt in düsten, Karben abhob. Not und Uiiwistcnheit und das Ehaos einer GesellschastS- ordnnug, in der niemand aus seinem Platze stet!«, wirken zusainmeu, um täglich »ad stündlich Hekatombe« von Krauenleibern dem un- crsätttiche» ?Noloch der Gcschlcchtsgicr zum Fratze hinzuwersen. Aber für di« Sunipspslanzrii sei mir der Sumpj verantwortlich. Wer zweifle daran, dast dieses gutmütig« und reizvolle Geschöpf in etnem anderen Milien, bei enttprechcicher Erziehung das Entzücken einer Welt hatte ivcrden können, die es heute wie eine Pest von sich abschüttie! Ein anderer Zufall der Geburt, ein« andere Wirtschaft rind andere Einfliiste — und dieses Mädchen, an dem jede Rocht füliszchn Männer ihre Brunst löschen, wäre ein entzückender Backfisch geworden, mit einem banmelnden Blondkopf im Nacken, der Musikmappe unter dem Arm, dem Storchmürchen in, keusche» Gemüt und all dem anderen Klimbim, womit die bürgerliche Welt ihre jungen Mädchen ansstattet, um sic für Erwerbsmaschinen mit Schmerbänche» begehrenswert zu machen. Aber dieses unglückliche Kind habe eine Schmutzwellc des Lebens an jene Ufer getragen, wo das Laster zu Haufe und die Tugend nur zu Gaste seien. Ein solcher Gast aus den Gcstldcn der Tng.nid sei dieser fette Spießbürger gewesen, der den traurigen Mut hatte, diese Aennste der Armen um ihren Lohn zu prellen, und dann noch di« Roheit ansbrachte, den Leib, a» den, er soeben seine Lust ausgetobt, mit Kusttritte» zu bearbeiten. Mag das Gesetz einem Schandlohn die Klagbarkeit versagen, gegcuüber einer Schandlat werde es hvilcittiich seine Schuldigkeit tun. Was sie ihm zugcfiigt, sei, menschlich betrachtet, eine ver- bieulc Züchtigung, juristisch beurteilt, ein Akt der Rotlvehr. Durch Zeugen seien seine Angaben widerlegt, dast sic sich der Schaufel bedient habe. Habe er in diesem entscheidenden Punkte nachgcwiesencr- inasten gelogen, so verdiene er auch in andcrcu Punkten keine» Glauben. Dagegen weise die Darstellung des Mädchens alle Merkmale der Wahrheit ans. Auch „So Eine" habe Anspruch aus Gerechtigkeit. Er bitte um ihren Freispruch. Run war das Publik»,» plötzlich überzeugt, dast der Verteidiger im Rechte sei, und wurde für seine Sache ganz warm. Rur der Richter blieb kühl. Er hatte nicht einmal recht zugehvrt. Er hörte den Anivalten immer nur mit einem Ohre zu. Die waren ja mir dazu da, um das Recht zu verdrehe» und schöne Worte zu machen. Aber was verniochten die Worte, wo cs aus Beweise ankam? Die Gemeinheit und Niedertracht einer ganzen volkreiche» Stabt floh aus laufend und abertausend Rinnsalen des Lebens tu diese», Am,me zusammen — n?» fand er die Zeit, wo war cz überhaupt möglich, all ihren Quellen bis ans den Grund zu gehen und mit peinlicher Genauigkeit ihre Grenzen abznftccken? Was sich in jener Nacht im Dunst einer Bordrllstube zugetragen hatte — wer konnte bas wissen? Aber hier stand ein ehrbarer Bürger und da ei» käufliches Mädchen. Sprachen die Menschen nicht, so redeten di« Klassen. Er ivar nicht dazu eingesetzt, moralische Werte zu zerstöre«, die die Gesellschaft geheiligt hatte. Ob mit Recht oder Un- rccht. bas zu beurteilen war nicht seine Sach«. Er liebt« nicht die parndoren Urteile. lind da das Recht mm einmal gesprochen werden luustte, so suchte er es nicht !m Himmel, sondern auf Erde», lind so erhob er sich und sprach zu Recht: Marie Prokop sei schuldig der Uebertretmtg der leichten körperlichen Beschädigung und werde unter Anwendung des außerordentlichen Milder,ingsrechtes zu einer Arreststrafe in der Dauer von drei Tagen verurteilt. Franz Högelmülter iverde von der gegen ihn erhobenen Anklag« sreige- splochen. Zu der Begründung wies der Richter darauf hi», dast durch das Geständnis der Angeklagte» erwiese» sei, dast sie den Franz Högclmülker versetzt habe. Ei« Beiveis dafür, dast sie in Notwehr gehandelt habe, sei mcht erbracht. „Gegen das Urteil steht Ihnen das Rechtsmittel der Berufung zu," schlost der Richtcr. „Nehmen Sie di« Strafe an?" Das Mädchen ivkildete sich mit einem hilflos fragenden Blick an den Verteidiger. „Wenn Sie berufen, wirft der Staatsanwalt wegen des geringen Strasansmastes berufen," bemerkte der Richter. Es war dies die übliche Art, Verurteilten den Weg zur zweiten Instanz bedenklich zu machen. „So nehmen Sie an," riet ihr der Verteidiger, der auf eine höhere Strafe gefaßt war. „Also, wann treten Sie die Strafe an?" fragt« der Richter. „Fm Fasching, wann i bitten darf . . . Da Hab' i mehr Zeit," fügte sie schüchtern hinzu. Das Publikum grinste, die Anwälte lächelten, nur der Richter bewahrte den Ernst und bewilligt« den erbetenen Strafausschub. ■ (Wiener Arbeiter-Zeitung,) Aus Welt und Leven. Der Angcnsport in den Schulen. Das mangelhafte Sehvermögen sehr vieler Stadtkinder rührt nicht allein van angeborener, sondern auch von erworbener Kurzsichtigkeit her, cs wird in seiner Entwicklung durch die Ilmgcbniig behindert, da cs nur selten ans eine» weiter cntftrnt liegende» Punkt gerichtet wird. Somit ergibt sich als ganz natürliche Folge, daß das Auge des Großstädters einen verhältnismäßig ilcincn Gesichtskreis hat, weil cs eben nicht erzogen ist, in die Ferne zu scheu. Hanptmau» von Ziegler wünscht daher, daß bestimmte Maßnahmen seitens der Schule zur Forderung des Sehvermögens getroffen werde», ohne den Unterricht wesentlich zu stören. Mit Rücksicht darauf, daß von den Schulen Ausflüge »nü Wanderungen nur jn beschränktem Maße ankgcsilhrt werden können, genügt diese Gelegenheit zur Schulung des Auges nicht, fragliche Ucbungc» ließen sich aber sehr ivohl dem Zeichenunterricht in, Gelände und den Jugcitdspiclei, auglicder». Dieser Vorschlag könnte, ohne de» Stundenplan zn stören, ausgeführt werde», wenn tm Sommerhalbjahr ein Nachmittag in der Woche für den Zeichenunterricht im Gelände sowie für Leibesübungen außerhalb der Turnhalle festgesetzt würde. Der Lehrer läßt sich von dem Schüler beschreiben, was er im Gelände sieht, bald ivird eine größere Sicherheit und Gewandtheit im Beobachten bemerkt werden. Ten Schülern mit schwachen Augen muß eine besondere Sorgfalt gcioidniet ivcrden. Die Ucbnngen zer- sallcn in Sehübiingen ans weitere Entscrnnngc», Ucbnngen tm Fördern des Angeninastes und Entfernungsschätzen. Jn erzieherischer Hinsicht haben derartige Ucbnngen de» Vorzug, daß die inaiinigfachstcn Gesichtspunkte in Erwägung gezogen werden müssen, denn brlanntlich wird das Abschätzc» beeinflußt durch die Bcleuchtnng, durch das Wasser, durch den Stand der Tonne »sw. Kür KnttS und Hof. Der Lehrmeister im Garte» und Meintlerhos fVerlag Hach- mclsler u. Thal. Leipzig). Inhalt der Nr. 10: lieber Levkoje» und ihre Verwendung, Von G. Müller, Fllrstl. Obcrgärtner. M. Abb. — Mittel zum Schutze des ausgehende» Samens, Von I. Pelz. Mein Familie,igaric». Von Friedrich Fischer. M Abb. — Wie und in welchen Mengen dünge ich im Frühjahr künstlich und was ,st dabei zu bcachlc»? Bon E, Tchoppach. — Zur Obslbanmpflcgc. Von F. I, Böttcher. — Vom Stallmist im Garten. Von Joh, Schneider. M. Slbb. — Bepflanz, Me Drahtzäune mit Brombeeren! Von E. Ra». — Wie entfernt ma» alte Farben von Gartcnmöbcl»? Von Nicola Gotthard. — Tie Höckcrgans. Bo» Gustav Boas. M. Abb. — lieber einige Stubcuvogclkrankhciten. Von I. Roscnbcrg. ?.,ein Kuiestock. Von Ad. Westl-anscr. M. Abb. — Dle Tragikomödie in der Familie Seidenspinner lSchlust). Plauderei uv» Mar Ncntlvich. —- Arbcitskalcuder sür März — Meinungsaustausch — Klcinttcrarzt — Fragckastc» — Feuilleton: Da« Geheimnis de» Rechtsanwalts. Roman von John K. Lc»S (Fortsetzung.) — BcreinSnachnchtcn — 9(„8 der Geschäftswelt — Geschäsiltche Mitteilungen,^