DasßlattbßcfFcatT Wöchentliche Geilage der Gberkessischen Golkszeitung 8 « Dummer 8 «Sieften, Freitag den 2?. Februar I9i4. 6. öabrgang 1 m. I)as Kralieiistimmrecht, eine politische Waffe. Solange die Frauen in der Familie ihren Lebensunterhalt fanden und bei ihrer vielseitigen produktiven Tätigkeit innerhalb der Familie und für diese Kräfte und Talente in Vollem Maße entfalten und anwenden konnten, waren ihre Lebenskreisc eng; das „Haus ihre Welt". Tas Verlangen nach einem Heraustreten aus dieser Gebundenheit, in die hinein,man geboren wurde, war unbekannt. Allenfalls in Revolutionszeiten, wenn der allgemeine Freiheitsdrang auch vereinzelte geniale und leidenschaftliche Frauennaturen ergriff, erhoben diese ihre anklagcnde Stimme und forderte» mit begeisternder Beredtfanikeft Rechte, die ihnen eine öffentliche und politische Tätigkeit ermöglichen sollten. Mehr oder weniger blieben sie jedoch „Prediger in der Wüste", so geistreich, leidenschaftlich und anfeuernd ihre Argu- nicntation auch sein mochte. Der große Revolutionär der kapitaliltischcn Entwicklung mußte erst die Lebensbedingungcn der Frau gründlich wandeln, bevor bei ihr das Verlangen nach politischen Rechten und politischem Einfluß allgcuieiner und drängender wurde. Dieselben gesellschaftlichen Mächte, die sie lehrten, ihren wohlbcgriindeten Anspruch aus volles Bürgerrecht zu erkennen, lehrten sic gleichsalls dessen Wert und die Notwendig- keit seines Besitzes. Gleich dem Manne in langer Tagcssron an die Maschine gefesselt, ans dem Bau, in der Ziegelei, im Kontor, im Laden, ans dem Felde oder in der Hausindustrie tätig, erkennt die Frau, daß sie des Wahlrechts bedarf zur Sicherung und Erweiterung des KoalitionSrechts, zum Ausbau der Sozialgesetzgebung, zum wirksamen Kampfe gegen den Zollwucher, der einen nicht geringen Teil ihres sauer er- wordenen Lohnes verschlingt, zur Iiiedcrringung des unersättlichen Bampyr Militarismus »sw. —, kurzum, zur Be- ciuflnssung aller gesetzlichen Maßnahmen und Einrichtungen, die das Interesse der Frau mit dem öfscntlichcn Leben verknüpfen. — Am schärfsten fühlt deshalb die Frau das bittere Unrecht und die brennende Schmach ihrer politischen Heloten- slclluug bei den Wahlen, bei denen sic i» aufgezwnngcner Passivität verharren muh. Just die Proletarierin, die neben dem kapitalistisch ausgebeuteten Manne im Kamps um eine hellere Gegenwart und sonnigere Zukunft steht, empfindet >o und rüttelt zähneknirschend an den Ketten ihrer Rechtlosigkeit. Gleich dem Manne von der Not des Lebens gepeitscht, gleich ihm von der Erkenntnis des wirtschaftlichen und politischen Geschehens und seiner treibenden Kräfte durchdrungen! gleich ihn: srciheiisdürstig und sonnenschnsüchtig: sieht sie sich der wichtigsten Waffe für den Befreiungskampf ihrer Klasse beraubt. Tic Masse des Wahlrechtes sollte cS ihr ermöglichen, Reformen zu erzwingen, die gleichermaßen ihr eigenes Leben und das ihrer Klasse erhellen und deren Kampfesfähigkeit stärken. Das Wahlrecht sollte ihr ferner ein wichtiges Mittel sein zur politischen Erweckung und Erziehung bisher In- differenter. Gerade sic als die doppelt und dreifach Belastete bedarf vor allein des Wahlrechts zu diesem Toppelzwecke. Als der körperlich schwächere Arbeiter, als der lveibliche Mensch, der Sonderausgaben zu erfüllen hat, ist gerade für die Prole- tarierin die feste Schranke unerläßlich, die durch Gesetz der kapitalistischen Ausbeutung gezogen wird, ist für sie das Mittel zur politischen Erweckung ihrer noch gleichgültigen Geschlechtsgenossinnen eine uiibcdingte Notwendigkeit. Denn sie alle müssen ja mit klarer Einsicht in das Wesen und die Entwicklung des Kapitalismus erfüllt werden und mit deui Willen der inneren Bereitschaft zur Eroberung der politischen Macht. — Je schneller das geschieht, desto leichter wird die llmwandlung der kapitalistischen Ordnung der Dinge in die sozialistische Gesellscksaft. Erst der Sieg des Sozialismus wird der Frau die Befreiung von dem Toppeijoch der Lohn- und der Geschlechtssklaverei bringen und damit der Menschheit die Eroberung vollen Menichtunis. In dieser Bclench- tung erhält das Frauenwahlrecht erhöhten Wert für die Prolctarierin und für die gesäurte Arbeiterklasse. Im erbitterten Kamps mit den reaktionären Mächten, die der Arbeiterklasse aufstieg rrnd Befreiung hemmen und hindern möchten, ist jeder Kämpfer unentbehrlich und die Ausrüstung der Kämpser mit scharfen und wuchtigen Waffen eine Not- Ivcndigkeit. Es stehen deshalb auch nicht nur die Frauen im Kampfe um ihr volles Bürgerrecht, in treuer Wafseubrüder- schast gesellen sich ihnen alle in der Sozialdemokratie zusam- mcngeschlossencn Männer zu. Ter Kampf um die Eroberung des politischen Wahlrechts der Frau ist eine der wichtigsten Aufgaben der Sozialdemokratie. Sie bringt diese Ueber- zcugung und den Willen zur Tat erneut zum Ausdruck durch die Veranstaltung unseres diesjährigen Frauentages. Zur Krage der Getiurteuvernlittderllng im Proletariat. Ten Kindern der Armen ergeht cs herzlich schlecht. 3» Berlin ist eine äuhcrst radikale sidcc. dem Kinderelend ein Ende zu mache», anfgetaucht, die Fdcc, den Kindern den Zutritt zur Welt cinsach zu verweigern, sic schon als Wnttsch abzuwcisen. Tie Zdec ist zwar nicht neu, auch schon hinlänglich komPromitticrt, Hai aber doch »och immer, wie die Versammlungen in Berlin beweisen, etwas ungemein Anziehendes. Tie Vertrauensseligkeit, bah der liebe Goit zu de», Hascrl wohl auch das Graserl schicken ivcrdc, wird schon lange nicht mehr gebilligt! auch nicht von den Frommen, was bei diesen wohl durch die ungeklärten Bcsitzverhältnissc zu erklären ist, die zwischen den meiste» von ihnen und dem lieben Gott herrschen ntid ivclchc cs eben zwcisclhast machen, wer „das Graserl" eigentlich zu vergeben hat. Ach ja, es muh der europäischen Menschheit tvicdec einmal recht schlecht gehen, da in öffentlicher Versammlung darüber diskutiert wird, ob ihre Neproduktiott sich wohl der Mühe verlohne. Ware der liebe Herr Leichtsinn nicht und die wackere Frau Ge« ivohnhcit, die Vcrttuustscrwägungcn immer brav Widerstand geleistet haben, könnte nutu völlig bange werden. „. . . aber schier soll bei uttS kein Besinnen sein, dettn ’S Leben hat so inäuigs mit uns vor. wozu man sich mit einiger Ncbcrlcgtheil tiit verstund." Tiese Worte, die Anzengruber feilte „Trutzigc" sagen loht, fassen den Leichtsinn als biologische Notwendigkeit aus und cs ist schwer möglich, die Richtigkeit dieser Anssassung zu bestreiten. Trotzdem aber ist der Aus nach Verringerung der Geburtenzahl im Proletariat und der Nachhall, den er gesunden, zweifellos einem tief gesiihltcn Bedürfnis der Einschränknng der Herrsätztst dcS Leichtsinns entsprungen. Tic Massen haben wieder einmal in ihrer Selbsterkenntnis einen Schritt nach vorwärts getan. Sic fühlen ein Manko in sich itiid sind vielleicht ans dem Wege, zu crfemicii, das, ihr ökonomischer Tin», trotz der Sparsamkeit, zu der die Not sie zwingt, doch noch sehr u n c n t w i (f c (t ist und ihr Vcrantivortlichkcilsgcfühl Her kommenden Generation gegenüber auch noch der Vertiefung wartet. Eine der Gegnerinnen der bemühten Strcikabsichicn äuhcrtc in einer Versammlnng: die Tatsache, dah iiiitcrhalb der Arbcitcrschast »in« solche „Frage" auftauchen konnte, beweise, wie sehr es noch an prinzipiell sozialistischer Aufklärung in den Massen fehle. Die Nedncri» meinte damit offenbar, daß die kapitalistische Produktionsweise, die ein« höchst ungleiche und ungerechte Verteilung der Giiter ebenso zur Voraussetzung und Folge hat wie einen stete» Ueberfluß an Arbeitskräften, von der arbeitenden Bevölkerung noch immer nicht als eigentlich«, als alleinige Ursache der Not erkannt ist. Das diirfte schon richtig sein. Aber ebenso richtig ist, daß die theoretischen Erkenntnisse dcS Sozialismus, die gewiß in dem Maße an revolutionärer Macht gewinnen, als sie verbreitet werden, erst aus einer gewiffen Höhe äußerer und innerer Kultur möglich sind, einer Höhe, wie sie der heute lebende Arbciterdurchschnitt noch nicht erreicht hat und auch die nächste Generation schwer erreichen wirb, wenn mit den Mittel», die zu ihrer Aufzucht zur Versügung stehen, nicht besser gcwirtschaftet wird als bisher. Aller Fortschritt, jede Höherentwicklung ist gekennzeichnet durch Ockonomie, und so wird auch das Proletariat nicht umhin können, den bescheidenen Anteil von materiellen Gütern, de» es den herrschenden Klaffen abzutrotzen die Macht hat, zweckmäßiger als bis jetzt zu verwenden. Nun sind es aber neben dem Alkoholkonsnm, der ein sehr kostspieliges Vergnügen ist, nicht nur weil er das Budget des Arbeiters schwer be- last«t und keine Werte schasst, sondern weil er vorhandene Werte zerstört, tatsächlich die frühzeitigen und unüberlegten Eheschließungen und der ihnen entspringende Kinderreichtum, was eine ungeheure Verschwendung proletarischer Kraft darstellt. Freilich, wer annimmt, baß nahezu in jedem neugeborenen Arbeiterkind «in zu- künstiger Arbeiter, in jedem Arbeiter aber ein Sozialist, also „ein Soldat b«r Nevolution" stecke, der kann zu dem Schluffe kommen, daß das Hervorbringcn möglichst vieler proletarischer Existenzen nur für einzelne Familien ruinös, für die Gesamtheit aber entschieden von Vorteil sei» müsse. Diese Rechnung stimmt aber nicht, Au8 dcn> Arbeiterkind kann auch werden: 1. eine Kindcsleiche (man kennt die große Kindersterblichkeit in Industriegebieten); 2, ein nur auf sein« eigenen Jntereffcn bedachter Mensch, also ein für die Klasseltsolidari- tät hoffnungslos verlorener Streber: 3, ein weder auf seine eigenen noch aus die Interessen der Gesamtheit bedachter Mensch, also ein Lumpcuproletaricr: 4 ein Mensch, der halt gar nichts begreift, schon gar nicht natiirlich das komplizierte Gebankensystem des Sozialis- »ms. Daß bas Hervorbringcn von Kindern für den Friedhof eine Verschwendung von Volkskraft ist, braucht nicht bewiesen zu werden. Das liegt auf der Hand, In Wie» ist die Kindersterblichkeit in den letzten Jahren zurückgcgangen, betrug aber im Jahre 1911 sür die Kinder im ersten Lebensjahr »och immer 16, für die Kinder im ersten Jahrfünft 21% Prozent, Da in Bourneville, der bekannten englischen Gartenstadt, in welcher die Arbeiter in bedeutend besseren materiellen Verhältnissen lebe» als sonstwo, die Säuglingssterblichkeit nicht ganz acht Prozent beträgt, so kann man annehmen, daß reichlich die Hälfte aller dem Tode geivcihten Kinder einfach Uebcr- zählige des Lohnkapitals sind, die es dem Verwertungsprozeß nicht zuzuführe» vermag und darum, ein nwdernes Versacrnm, Jahr sür Jahr geopfert werden müssen. Geopfert werden müssen, solange idem Arbeiter der Zwang, sich gegebene» Zuständen anpassen zu müssen, von außen kommt, solange er nicht durch bewußte, vernunst- gemäßc Anpassung selbst riu Faktor i» der Gestaltung seiner Lebens- vcrhältnissc wirb, Ta es nun einmal nicht möglich ist, das kapitalistische Wirtschastssnstem mit seinem so ungerechten Verteilungs- niobus iiber Nacht zu beseitigen, so wäre es doch Sache jedes Ar- beitercllerupaares, zu überlege», wie viele Kinder es mit seinem Lohne wohl halbwegs menschlich großzichen könne, und bei dieser Schätzung möglichst vorsichtig zu sein. Dadurch würde sich die Zahl der Eristenze», deren Aufzucht durch das gesamte Proletariat und seinen Gesamtloh,, möglich ist, auch ergebe», ohne das der Tod als Regulator fungieren müßte, ES ist ganz »»verständlich, wie man dagegen rede» kann, wen» die Massen die Neigung zeigen, sick, fcih-:* von dieser Kulturschande zu befreien, ohne länger aus das Mitleid oder auch nur die soziale Einsicht der besitzende» Klasse» und ihrer Herrschaftsorgan« zu warten. Nun wissen wir aber außerdem, wie es den überlebenden Kindern ergeht, wie bitter notwendig sie den an ungcbornen Kindern zu ersparenden Aufwand von niatcriellen Opfern, Zeit und Fürsorge brauchen könnic». Ti« Erziehung, bi« private und öffentlich»:, di« heute den Kindern des Volkes, gleichgültig, ob sie den, Bauern-, Kleingewerbe- oder Arbeiterstand entstammen, zuteil wird, ist unzulänglich, wenn aus ihnen nichts anderes werde» soll als Ver- ivcrtungsobjektc des Kapitals, die ihm in allen ihren Lebensäußc- rungcn, selbst in ihren phnsiologischen Funktionen, dienen müssen. Dies beweist bas internationale Lumpenproletariat und das ans demselben hcrvorgchende vulgäre Berbrechertnui, das i» allen kapitalistischen Staaten üppig gedeiht, aber schließlich doch keine unbedingte Notwendigkeit in ihrem Wirtschaflsbetrieb ist. Aber die Erziehung ist ganz und gar unzulänglich für Mensche», die de» berühmten Sprung „aus dem Reiche der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit" machen sollen. Je mehr Sorgfalt der Erziehung der Volksjugend gewidmet rvird, desto eher sind jene schon angesührte» 'Typen: des Egoisten, des liederlichen Schwächlings, des gedankcn- loscn Trottels, die west gesährlicherc Feinde der Arbeiterklasse sind als die gaiizen stehenden Heere mitsamt ihre» Kanonen, zurückzu- drangen. Die Partei des sortgeschriltcnstcu Teiles der Arbeiterschaft, die Sozialdemokratie, müßte auch in den Fragen der Jugenderziehung die Führung übernehmen, Tie proletarischen Eltern inttßten zur Erziehung der Kinder besser unterrichtet, selbst erst er- zogen iverden. Sie müßten dazu «»geleitet werden, erstens ihr« Kinder nach pädagogischen Grundsätzcu zu behandeln, zweitens der .öffentlichen Erziehnngspslcge. vor allem der Belksschnle mehr Aufmerksamkeit zuzuwenben. Wenn alle Kinder von ihren eigenen Eltern so ernst genommen würden, wie die Erben Ihrer Hosfnunge» und Bestrebungen genommen zu werden verdienten, hätte znn, Beispiel die Wiener Schulvcrderbnis, die In der Bestellung Leopold Kunschaks, des Mannes mit dem dunklen Namen, zum Chef dcS gesamte» Landesfchnlwcsens ihren traurigen Ausdruck findet, niemals Platz greisen können. Würden di« Eltern dem Entwicklungsgang ihrer Kinder mehr Beachtung schenken, würbe die Gepslogen- hcit herrsche», sie jeden Tag z» fragen, was sie heute in der Schule gelernt haben, so würden sie mit wachsendem Erstaunen und Entsetzen wahrnehmen, wie volksfremd der Geist der Volksschule ist, würden wahrnchme», wie der Gegensatz zwischen der Darstellung dcS Lebens, wie sic in der Schule gegeben wird, und den tatsächlichen Erfahrungen des Kindes im Eltcrnhausc die Autorität von Lehrer und Eltern tief erschüttern und darum die sittliche Beeinflussung der Kinder ungeniein erschweren muß. Es würde ihnen die schädigende Wirkung des konfessionellen Moments in der Schule weit mehr zum Bewußtsein kommen und sie würbe» in einer ganz anderen Weise als bisher ihre Stimme nach einer besseren Schulgesetzgebiing und Verwaltung erheben. Sie würden darauf bestehe», daß man unabhängige, gebildete, nur auf pädagogische Erfolge bedachte Lehrpersonen bestellt und nicht feige, duckmäuserisch«, streberische Zog» iinge klerikaler Lehrerbildungsanstalten, nicht zu Betschwestern a»S- gebildete Stabtratstöchter, Auch mit der Volksschule wird ei» ungeheurer Betrug am Volke begangen und cs wäre die höchste Zeit, daß dieser Betrug alle» Interessierten offenkundig würde. Interessiert ist aber die ganze arbeitende Bevölkerung, Die ganze erwachsene Generation müßte sich um die werdende kümmern, muß ihr die Hindernisse ihrer Entwicklung aus deni Weg« räumen. Nur so ist jxncr kulturelle Ausstieg des Proletariats zu erwarte», der sür die ersehnte große Abrechnung, sür die Neugestaltung aller gesellschaftlichen Verhältnisse notwendig ist. Abr wie ist diese Anteilnahme an dem geistigen Leben der Kinder möglich, wenn in jeder Familie zu viele da sind, wenn die Sorg« »m ihr leibliches Fortkommen jede andere erschlägt? Alle Versuche, die in jüngster Zeit ja wirklich gemacht werden, die Kinder der Armen und Aernisten während ihrer schulsreien Zeit unter Aufsicht zu bekommen und sic veredelnden Einflüssen zuznführen, können zufolge der Masse der Kinder, die in Betracht kommen, nur ganz bescheidene Erfolge ausweisen. Das Wirken unserer „Kindersreunde" ist ausgezeichnet. Aber wie viele Kinder werden davon ersaßt? Einige hundert in jedem Bezirk, wenns gut geht. Zehntausende aber hocken im engen Pferch der elterlichen Behausung oder toben auf den Straßen herum, stiften Schaden oder kvmnien zu Schaden und schaffen sich gelegentliche Ermahnungen Erwachsener mit einem „Ziach o" oder „Dös acht Jhna aiü Tr . , , an" von, Halse. Nun ist nicht anzunehmcn, daß derartig vernachlässigte, nudiszipliuiertc Kinder dereinst leicht in das Heer „der Soldaten der Revolution" sollen einzuererziere» sein, und die Schwierigkeiten in der Agitation beweisen ja, daß d-cs eben nicht der Fall ist. Diesem Zustand aber ist iveder mit sentimentalen Redensarten, noch mit Entrüstuiigsknndgebunge», noch mit Forderungen an die össentliche» Geivalten, ivelchcu man keinen Nachdruck zu geben vermag, abzuhelfen. Dazu ist vielmehr notwendig, daß sich die Arbeiter mit den Erzichungsaufgaben unserer Zeit, die geiviß andere sind, als sic unseren Altvordern gestellt waren, ernstlich befassen. Das aber erfordert Zeit, Zeit. Man soll deshalb nicht so entrüstet tun, wenn sichs die Eltern, zuinal die Mütter, ein wenig bequemer machen ivollcn. Von Bebel ist gesagt worden, daß er bei den Frauen auf äußere Nettigkeit großen Wert legte, daß eine unordentliche Fra» gegen eine starke Antipathie bei ihm aufzukomme» l>atle. Es wäre sehr z» wünschen, daß alle Männer so anspruchsvoll wären, denn wer sür äußere lingcrcimtheiteii keknen Sinn hat, der hat ihn siir inner« wohl auch nicht, Run stelle inan sich aber vor, ivie eine Frau, die, sagen wir, nur vier Kinder und einen Mann hat, der den Turch- schnittswochenr>erdienst des Arbeiters, also etwa dreißig Kronen, nach Hause bringt, di« sich also lm Haushalt durchaus nicht helfen lassen kan», viel eher zu seiner Erhaltung durch geiverbliche Arbeit ivird beitrage» müsse»: man stelle sich vor, wie eine solche Frau ihrer Berpslichtniig zur Reinlichkeit Nachkomme», dabei aber noch Zeit »ud Interesse siir Kulturausgabe» erübrigen soll. Bei solch einer geplagte» Iran ist es schon als überdurchschnittliche geistig« Leistung zu iverten, ivenn ihr die Merkwürdigkeiten ihres sozialen Lebens ausfalle». Welch ivciter Weg aber ist von dem dumpse» Gefühl, einer Ungerechtigkeit erlege» zu sein, bis zu jener klaren Erkenntnis der Sachlage, die als Klassenbeiviißtscin bezeichnet wird und die die erste — gewiß nicht rinztg«! — psychologische Vorbedingung des Befreiungskampfes des Proletariats ist! Von den Tchivierigkciten dieses Weges wissen die Männer genug zu erzähle», Tie Frauen weniger, weil sie ihn in der Regel nicht inachen. Nicht mache» können, solange sic so mit Arbeit und Sorge überhäuft sind, ivie cs noch immer der Fall ist. Man gönn« ihnen deshalb doch so viel Zeit, baß sie inne werden könne», wieviel an Bildung und Knltnr man ihnen vorenthält, und der Wunsch in ihnen entstehe, daß ihre Kinder cs ivciter bringen mögen, und die Fähigkeit, dafür zu ivirkcn. Wenn darüber einige zehntauseiid klnglückskinder weniger zur Welt kommen, so schadet das gar nichts, Schließlich kommt es doch nicht aus die Masse der Eristenze» an, sondern ans den Inhalt, der sic erfüllt. Genoss« Kantsky meint freilich, eine Ei> Höhung der Qualität der Arbeiterschaft aus Koste» der Quantität wäre von Uebel. Das ist aber durchaus nicht «inznsehe». Daß daS Proletariat seine Geburtenzahl so herabmindert, baß dir Gefahr d«S AnsstcrbenS entstehen könnte, ist nicht zu befiirchtcn, Wen» aber dnrch eine mäßige Herabminbernng die Verwandlung des ländlichen und bäuerlichen Proletariats in städtisches und Industrielles rascher vor sich geht, so bedeutet dies doch nicht, baß die Arbeitcrschicht mit älterer und höherer Kultur in den Bannkreis lener mit niedriger Kultur geraten müsse. Viel eher ist doch Las Gegenteil anzunehmcn. Auf einer gewissen Stuse der Entwicklung ist es der Geist, der stch de» Körper baut. Je stärker der proletarische Geist tst, desto leichter wirb er fremde Elemente aufnehmen und sie seinen Zwecken nutzbar machen. Auch ber Gefahr der Einwanderung „bedürfnisloser Kulis" ist wohl leichter mit der Ausrottung der einheimischen Bcdürsnis- losigkeit als mit der Erzeugung einheimischer Kulis zu begegnen. Ein wahrhaft gebildetes, hochherziges, einiges Proletariat ist jedem Gegner, jeder Gefahr gewachsen, denn es hat die Macht über die materiellen und geistige» Güter der Erde. Immer müssen die Gescheiten wegen ber Dummen, die Beweglichen wegen der Trägen, die Mutigen wegen der Feigen streiten. Ach, beseitigen wir doch die Dummheit, die Trägheit, die Feigheit. Und fange» wir damit, wie sichs gehört, beim Kinde an. Es ist doch wahr: was Hänschen nicht lernt, lernt Sans nimmermehrI Was aber sollen die Hänschen lernen und was brauchen die alten Hansen? Was sind die Ziele der Pädagogik und was die Notwendigkeiten des Sozialismus? Ist cs nicht die Fähigkeit, seinen Willen dem der Gesamtheit unterzuordnen, ohne die Freiheit des Urteils einzu- büßen? Die Fähigkeit. Gesetzgeber und Gcsetzesvollstrecker in einer und eigener Person zu lein? Die Fähigkeit, in einem Ganzen auf-, aber nicht darin unterzugehen? Man fpöttlc■ nicht, daß das die bekannte alte Forderung nach Engelhaftigkcit der Menschen sei, wenn der Sozialismus möglich sein solle. Natürlich ist cs unter den gegenwärtigen sozialen Zuständen nicht möglich, alle Menschen aus das gleiche Bildungsniveau zu bringen. Wäre dies der Fall, brauchten wir ja ihre Veränderung nicht anzustrebcn. Aber die Sorge, die Volksbildung möchte „aus Kosten der Quantität" zu rasche Fortschritte machen. können wir doch noch recht lange den Nutznießern der Dummheit überlassen. Es ist vielmehr freudig zu begrüßen, baß die Menge es endlich ablchnt, in der Schaffung und Erhaltung nur physischen Lebens seinen Daseinszweck zu sehen, weil damit die Hoffnung gegeben ist, daß sic dem Geistigen mehr Bedeutung beimesse» will als bisher. Trügt diese Hofsnuug nicht, so kommt dereinst bi« Stunde, da von dem 'ganzen Proletariat gesagt werden kann, was einst auf einen ganz Einzigen, ganz Großen gesagt worden war: Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine, Lieg«, was uns alle bändigt, das Gemeine. I o s e f i n e I o k s ch sWiencr Arbeiterzeitung). Aröeilerinnenschuh in Deut chland. Das Korrespondcnzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands bringt in seiner Nummer vom 24. Januar eine Uebersicht iiber den deutschen Arbeiterschutz im Jahre 19)2, die auf Grund der Berichte der Gewerbeauf- sichtsbeamtcn zusanimengestellt ist. Danach haben die Zuwiderhandlungen gegen die Arbeite- rinncnschutzbestimninngcn um 2)25 abgenommen. Immerhin waren noch 12 000 zu verzeichnen, von diesen betrafen die Beschäftigungsdauer 854, den früheren Samstagabcndschluh 2275, Nachtarbeit 252, Mindestruhezeit 71, Beschäftigung von Wöchnerinnen 64, Mitgabc von Arbeit nach Hause 54, sonstige Vorschriften 540. Die Vergehen gegen Bestimmungen über Mittagspause, gegen Vorschriften des Bnndcsrats bezüglich verbotene Beschäftigungen, betr. Pausen und Ruhezeiten, haben sogar zugenommen, sie beliefen sich im ganzen auf 1072. Betroffen wurden von diesen Zuwiderhandlungen gegen die Gesetze 37 645 Arbeiterinnen gegen über 43 435 im Jahre 1911. Die meisten Vergehen wnrden feftgcstellt in« Reim- gungsgewerbe 17,1 und im Bekleidungsgewerbe 16,2 Proz., davon in der Kleider- und Wäschekonfektion 18,8 Prozent. Tie Staaten, in denen ain hänfigsten Ausierachtlasscn der Ar- beitcrinnenschutzbcstimmnngen zn monieren war, sind der Reihenfolge nach: Sachsen-Altenburg (27,4 Proz.), Reutz j. L. (14,2 Proz.), Bayern (11,9 Proz.), Schwarzburg-Sonders- hausen (11,6 Proz.), Schwarzbnrg-Rudolstadt (10,2 Proz.), Oldenburg (9,6 Proz.). Revidiert wnrden im ganzen 170 117 von 311 582 der Aufsicht unterstehenden Betriebe. Die Ucberstundenarbeit wird immer noch in überreichlichem Maße bewilligt. Im Jahre 1912 wurden 6865 Betriebe an 108 341 Wochentagen außer den Samstagen für 514 697 Arbeiterinnen zusammen 6 609 192 Ueberslttnden gestattet. Das niacht in« Durchschnitt mif jeden der betreffenden Betriebe 1109,8 Ueberstundcn. Die Ueberarbeitstage haben im Jahre 1912 abgenonimen, die Ueberstunden jedoch n n> 4 8 2 3 8 0 zugenommen, und unter den Staaten, in denen di« Ueberstnnden erheblich ' zugenommen haben, steht P r e n ß e n mit 27 0 557 an her Sp itze. Dann folgen Elsaß-Lothringen, Baden, Bayern, Sachsen-Altenburg, Württemberg, Hessen, Braunschweig, Sachsen-Weimar und Reutz jüngere Linie. Während die Uebcrarbeit an den Samstagen im ganzen zurückgegangen ist, muß für die Metallverarbeitung fest- gestellt werden, daß der frühe Arbeitsschluß durch die bewilligten Ausnahmen fast ganz aufgehoben wird. In den erfaßten Betrieben hatte jede Arbeiterin an j e d e in Samstag 2,5 Stunden Ueberarbeit zu leisten. Diese Zahlen beweisen aufs deutlichste, wie sehr es die Unternehnicr verstehen, den gesetzlich gewährleisteten Arbeiterinnenschutz zu einem guten Teil illusorisch zu machen. Es muß iinmer mehr darauf geachtet werden, daß nicht die Be- willigung von Ausnahmen die Regel wird, und den Aufsichtsbehörden müßte ins Gedächtnis zurückgefllhrt werden, daß der zeitige Samstagabendschluß des beste Mittel ist, um den Arbeiterfamilien eine geordnete Häuslichkeit und den Frauen eine wirkliche Ruhe am Sonntag zu sichern. Mit jeder Ausnahmcbewilligung versündigt man sich an der Gesundheit der Ehefrauen, an den Trägerinnen kommender Generationen. Die organisierten Arbeiterinnen müssen der außerordentlich bedauernswerten Nachgiebigkeit der Aufsichtsbehörden die Forderung des gänzlich freien Samstagnachmittag entgegensetzen. Wo bleiben Regierung, Aerzte, Nationalökononien und Sozialpolitiker, die immer wieder predigen, daß die Frau dem Haus erhalten bleiben müsse? Ihre Worte müssen als Heuchelei angesehen werden, solange sie nicht dagegen protestieren, daß Tausenden von Frauen die gesetzlich zugestandene Freizeit verkürzt wird, nur weit der Unternehmer keinen Schaden erleiden soll. !X>er verdammte Mlitilch. Fch darf wohl behaupten: niemals wurde ein Nähtischchen so beschimpft — ich meine natürlich ein sehr nettes, altes Nähtischchen, eines aus der Zeit Ludwigs des Fünfzehnten, eines mit rosa und weißer Einlegearbeit — niemals wurde, sag« ich, ein Nähtischchen so beschimpft, verflucht, verdammt, vermaledeit, zu allen Teufeln gewünscht, und znmr so unbarmherzig zu allen Teufeln gewünscht wie jenes mein altes Nähtischchen, das ich von meiner Großmutter geerbt hatte. Ich erwacht« nämlich eines Morgens am Piräus, der ist in Griechenland, wenn eS jemand nicht wissen sollte, und dacht« an niein Nähtischchen. Das alles ist ja klar und verständlich. Wer aber, mich ausgenommen, vermöchte zu erklären, waruni ich mit einer fiebernden Hand durch mein« Haare fuhr? Warum ries ich aus: „Vcrdammtl Verdammt noch einmal und immer wieder!" Ich will daraus fernerhin kein Gehcinrnis mehr machen: Ich war sehr glücklich — in vergangener Zeit —, denn ich wurde von der anbetungswürdigsten Frau geliebt. Zwei Jahr« lang hatt« ich sie „mein angebedeter Engel", „Frau meiner Träume" genannt, aber am Ende des zweiten Jahres gestattet« ich einen, niciner Freunde, an mich die Anfrage zu stellen, ob ich nicht sehr blöd« ge- weseii sei. Sie sendet« mir mein« Briese zurück und reiste fort. Ich war nicht einmal gewissenhaft g«uug, um ihr ihre eigenen Briefe zurück- znsenden. Ich legte ganz einfach ihre und mein« Brief« in ein« klein-e Lad« des Nähtischchens. Dies nun ivar der aufregende Tatbestand. Das alte Nähtischchen steht in meinem Zimnier, mein Ziinmer befindet sich in, Hause meiner Vdutter, das Hans meiner Mutter steht mitte» I» ber Provence, die Provence liegt achthundert Meilen von dem Qric entfernt, an den, ich mich befand, lind ich mar «inst ab» gereist, ohne jene Erinnerungen an die Vergangenheit ,u vernichten. Als ich fai einem versteckten Winkel der Wandelgong« meines Gehirns diese plötzliche Entdeckung machte, schnellte mich die llcber- raschuug empor und, um «s zu gestehen, bte Schniach. Meine Leichtfertigkeit konnte eine Frau für immer dem Tratsch ausliesern. Ich hatte die einfachste, selbstverständlichste Pflicht jedes Mannes verletzt: die Diskretion. Nun, ich benahm mich als Held! Ich lief zun, Hafen, stürzte mich in das erst« Schiff, bas nach Marseille fuhr, kurz: ich schoß mich nach der Richtung Frankreich ab. Hätte ich anders mich verhalten dürfen? Durch mein Verschulden konnte dos Schicksal einer Frau besiegelt werden, di« kein anderes Verbrechen b> gangen hatte, als mich zu lieben. Acht Tage nach ber Entdeckung meiner Erinnerung schellie ich am Gitter des Landhauses meiner Mutter. Das Lebe» ist kurz, ich will also nicht alle Ausrufe der liebere raschimg wiederholen, die mein« ituerwartete Ankunft hervorrtef. Ich will darüber so schnell hinweggehen wie damals, wo ich nnt«r der atemraubendrn Iliuarmung tneiuer liebe» Mittler nach Lust ring.'Nd ries: „Möchtet Ahr so freundlich fein, mein Gepäck in mein Zimmer bringen zu lasse»!" „Gewiß, liebes Kind, du mußt ja sehr milde sein. Bertha," sagte sie zu dem Hausmädchen gewendet, „bringen Sie das Gepäck weine- Lahnes in Las blaue Zimmer," „Verzeih, Mama, aber das grüne Zimmer ist doch mein , . ," „GS war dein Zimmer" GS stell«.- sich heraus, baß mein Zimmer, mein ehemaliges Zimmer, nunmehr van »reiner reizenden Cousine Gabriele, der reizendsten aller Causinen, bewohnt wurde. Jawohl! Sie ivar unser Gast, Ihr war eö gege'-en, in allen Lade» herumznstöberu, La geht es einem, wen.» man Unglück hat, Aiunierhin, sie war lustig, vertrauensvoll und ahnungslos und gab mir etwas schüchtern die Hand, Meiner Beobachtungsgabe entging as nicht, daß sie dabei reizend anssah, Lie reichte mir die Hand und sagte: „Guten Lag, Herr Cousin!" Ach gestehe, daß mein Cke sicht in jenem Augenblick wohl den Ansiruck vollständiger Verwirrung habe» mußte, Ich betrachtete sie und ivallte in ihren klaren Augen lese». Dieses Mädchen besivt eilte vollendete Berst.UiingSgabe, das war der Schluß, zu dem ich kaiii, Lie iveiß ihre Augen wohl zu beherrschen. Hat sie meine Briese gelesen oder hat sie sic nicht gelesen-' Natürlich hat sie sie gelesen. Bei meinem Pech! Solch eine Komödiantin! Was mochte sie wohl denken? Denn, unter uns gesagt, jene Tarne hat mich wirklich geliebt, Ohne zu übertreiben: in ihren Briefen gab es leidenschaftliche Aiisbrüche ivie „O!" und „Ah!" uiid oft zahlreiche Rnszeicheii hintereinander. Tollte Gabriele dies alles gelesen l-aben uiid deniioch mit di«se»i Seelcnsrieden mir die Hand bieten können und die Worte sprechen: „Gnien Lag, Cousiil Georg!" Sie aber tat es, gab mir ihre frische, kleine, jiliige Hand und sragte mich: „Wolle» Lie irlcht selzen, ivie hübsch ich Ahr Zimiiler hergerichtet habe?" Ich war gerettet! » t • lief) glaubte, gerettet zu sein: aber ich ivar es nicht. Allerdings ivurde ich von ihr i» ei» Zimmer geführt, das mein Zimmer ivar uiid dennoch iiicht nach Tabak roch. Da standeil alle meine alten, ivohlbekannten Möbel uiid auch das alte Nülstisihchen stand da. Jawohl, das ivar mein Zimmer, Und dcunoch ivar cs mein Ziiiliner nicht. Statt klnordnung herrichte Ordnung, mein liebes altes Nähtischchen war ein verslnchter Nähtisch geworden, und ivas das Wichtigste an meine»! Zimmer gewesen war, daß ich darin sein konnte, das war nun ganz und gar nicht mehr der Fall, Aber ein Blick aus den Nähtisch ließ meiner Phantasie Flügel wachsen, „Wie durstig man aus solch einer Reise ivird! Könnte ich ein Glas Wasser haben, liebe Cousine?" Sie lächelt« und sah aus eine Wasserslasche, die au! dem Tische stand, Ach aber, schlauer Tenfel, der ich bin, ich hatte schon früher ibenierkt, daß die Flasche leer ivar. Sie verließ das Ziiiliner, Ach lies zu,» Nähtischchen: da ivar jene Lade, Ach wagte kaum, sie zu össnen, Ach öffnet« sie oder dvch. Und die Briese waren nicht darin. Meine Cousine ivar zuruckgekonimen, sie brachte mir Wasser, zeigte mir ein Album und sagte »rancherle!, ivas mich weniger interessierte als der vermullicki« Ausenlhältsort meiner Briese, Aber cs ivar sehr nett, ivas sie sagte. Später traf ich meine Tante ans der Treppe, Die gnic Tante, Sie hatte keine Ahnung, daß mein Leichtsinn ihrer Tochter zu einer Lektüre e>erhvlsen l-atte, mit der sie nicht einverstanden gewesen wäre, einer gesährlichen Lektüre mit „LI" nnd „Ah!" und Rufzeichen, Sie hatte dvch eine Ahnung, Sie zog mich i» ihr Zimmer, öffnet« eine Lade und gab mir meine Briese, „Ich habe glücklicherweise", begann sie, „einige Erfahrung, Bevor ich ein junges Mädchen in ein Zimmer einziehen lasse, das kur; vorher ei» junger Mau» von deinem Alter bewohnt hat, l>alte ich sorgfältig Umschau," Ach siel ihr „in de» Hals, glücklich nnd endgültig gerettet. Acht Tage vergingen. Als ich mich eines Morgens erhob, bemerkte ich ein Papier, das anscheinend zwischen Tür nnd Fußboden in mein Zimmer geschoben worden war. Ein Brief also. Ach las: „Lieber Cousin! Warum sagen Sie daö alles nicht meiner Mama?" Ein Rätsel! „Das alles?" Was denn? Ich hatte ja gar nichts gesagl! Was sollt« ich denn der Mama iviederholen? „Lieber Cousin! — es war alfu meine Cousine, die mir schrieb. Das machte die Sache allerdings nicht klarer. Ach erspähe Gabriele auf der Stiege, ich will ihr ein Wort sagen. Sie aber errötet, senkt den Kopf und sagt: „Nehme» Sie Ähren Brief zurück und sprechen Sie mit Mama!" Aaivohl, das war meine Schrift, das war ein Brief von mir, es war mein Till: „Sie sind bewunderungswürdig und ich bewundere Sie! Wolken Sie mir erlauben, Ahnen mein Leben zu iveihe»? Ein Wort lind ich stürze zu Ähren Füßen," . Das ivar der erste Brief, den ich an die Dame meiner ver- jgessenen Träume gerichtet hatte. Dieser Brief hatte sich in einer Spalte der Lade de- NähtischchenS den Blicken meiner Tante ver- borgen, Gabriele hatte ihn gesiinbeii und lieantivortet, * * * Ich habe mit Mama gesprochen und Gabriele geheiratet. Frei nach Jules L e r m s n a. ÄUS Welt und LeSen. Schönheitsmittel aus der gute» alte» Zeit, Solaiige es Frauen gibt, die etwas auf vorteilhaftes Aussehen halten, habe» sie auch Mittelchen und Wege gewußt, um ihrer Schönheit «inen höheren Glanz z» verleihen. Cs gib! eine ganze Literatur von Rezeptbüchern dieser Art in der dcntsche» Vergangenheit, aus denen Hans Pförtner in der Dame amüsante Einzelheiten mitteilt, Tie deutschen Schön«» in der guten alte» Zeit hatten allerlei Entschuldigungen für diese liiisrommen Werte bei der Hand und iviesen auf di« Bibel selbst hin, wo schon davon die Rede sei: „Tie Heilige Schrift selbst redet von Judith und von Esther, daß sie sich mit köstlichem W affe v gewaschen, sich gesaibct und herrlich geputzet, dainit sie schön ausgesehen. Ist eL demnach keine Sünde, sich nett und reinlich zu halten," Auch wird es als moralisch gepriesen, daß eine Frail sich möglichst schön mache, damit sie dadurch ihren Mann von „schuldiger Liebe anderwärts" abhalte. Die Rezepte, die in, einzelne»! gegeben wurden, dürfte» allerdings heute keinen Beifall finden. Zur Erzielung eines schöne» reinen Teints wird z, B, in der weit verbreiteten Schatzkammer folgende eigenartige Schönheilspajte angegeben: „Nehmet weiß Wachs vier Nutzen, Ziegenfett, Wallrath, jedes zwei Unheil, Lampher eine Nnhe, lasset alles zusammen schinelheu, und durchziehet eure Tücher damit. Man nimmt auch schöne Holländische rohe Leinwand, tunket solche etliche mahl in bnrchgeseiget Froschlaich-Pflaster, daß cs allezeit wieder trocken iverde, wen» eS zuletzt ganz trocken, zerläßt man iveißeS Wachs ein halbes Pfund, Pomade zwei) Loih, Wallrath zwei) Ouentge», Camphcr sieben Gran, ivohl gemischt »nd den Campher zuletzt, ivenn man eS vom Feuer nimmt, darunter gethan; mit dieser Mixtur ivird die Leinwand, vermittelst eines großen und weiche» Pinsels, aus einer Seile, nach dein Gesichte zu, bestrichen, und wenn e- kalt und hart ist, mit einem andern reinen Tüchlei» gerieben »nd poliert. Solche Masqncn kühlen die rolhe» Gesichte, machen die Haut weich und zarte," Als Schutz gegen rauhe Lust »nd Sonnenbrand wird cmpsohlen: „Ochsengalle, »ach und nach a» der Sonne getrocknet, und die Tinktur mit Branntivein auSgezoge»," oder „bittere Mandeln frühe nüchtern gekänet und sich damit gerieben," I» dem medizinischen Werke David FriedelS, der i>» ?i. Hauptteil auch ivichtige kosmetische Ratschläge erteil, ivird vor allzuviel Essen und Trinken gewarnt und ebenso vor — der Seif«, da sie „vor der Zeit ruutzlichi und schäbig" mache, Ci» beliebte- Schönheitsivasser wird also hergestellt: „Nehmet ein jung geschlachtetes »nd ausgeweideteS Spqu-Färcklein, zerhacket es gantz klein, thul es in ei» gläsernes Brennzeng, gießet ein paar Maas; Spanischen Wein darüber, thnt dazu zerstoßene Schnecken ein Maaß, drei) Zitronen »nd acht Luth Znckereand, destilliert es, leget Gold- biüttgen darein, und setzet es drei) Wochen an die Tonn," Jür Kans und Kos. Tie Prüfung der Eier. Zur Unterdrückung von Mißstände» aus dem Gebiet des Eierhandels hat der Berliner Polizeipräsident ans Beranlnffung des preußischen Ministeriums des Innern, des Handels und der Landwirtschast eine schärfere Kontrolle eingeinhrt, die sich gut bewahrt hat. Die mit der Aussicht über de» Markt- und Ladenverkehr beauftragte» Beamten der Polizei sind mit kleinen heizbaren Apparaten zur Durchleuchtung der Eier ausgerüstet worden, mit deren Hilfe es bei einiger Hebung leicht nnd schnell gelingt, Beränderuuge» des Eiinhalts, mie Eintrocknung, Fäulnis, Zersetzung durch Schimmelpilz nsiv, seslzustellen. Außerdem ivird die Prüfung durch den Geruch zur Ermittlung dumpsiger nd heuiger Eier mit herangezogen, die mittelst Durchleuchte»? mangels sonstiger Verändernngen nicht erkannt werden könne». Das Vorgehen hat den Erfolg gehabt, nicht nur daL Pilblitnin gegen Uebervorteilnngeu und Tänschnngen lVerkans von ansgetrvcknelen Eiern, Änhibauseiern als vollsrische Eier, Verlaus in Zersetzung begrissener Eier als frische) bester zu schütze», sondern auch daiii geführt, daß die Eierlstindler selbst, »m sich vor Lieferung schlechter Eier nnd polizeilichen Beanstandungen z» beivahren, sich des Dirrc»- leiichtnngsversahrens zur Prüfung ihrer Ware bedienen, Das preußische Ministerium des Inner» gibt in dem Erlaß anheim, wenn in einem Bezirk das Bedürsnis nach einer schärferen »eber- wachnng des EierhandelS Vorhände» ist, waö namentlich in freu größere» Städten der Fall ist, wo ausländisch«, daher meist allere Eier oder Äühihanöware zur Deckung des Bedarfs mit herangezogen werden müssen, da? angegebene Versghre» der Kontrolle ein» znführen,