V a a DasGlattdecifcau Wöchentliche Geilage der Gberkessischen Volkszeitung Nummer 7 Siesten, Freitag den 20. Februar 1914. 6. Zakrgang 5SÄMÄKÄKÄKH5KKKKKKKRKKMK5SÄKKKÄKÄKKKKKÄ Pas Irauenflimmrecht ein soziales Kecht. , Lange bevor von einer eigentlichen Frauenbewegung mit einem bestimmten Ziel die Rede sein konnte, haben großherzige Zukunftsdenkcr unter den Vorkämpfern des Bürgertums und geniale Frauen der verschiedenen Revolutions- cpochen, die von einem glühenden Freiheitsdrang erfüllt waren, die Forderung der politischen Gleichberechtigung des Weibes mit großem Geschick und starker Energie vertreten. Es sei erinnert an Olympe de Ganges, die während der französischen Revolution der Erklärung der Menschenrechte, die nur Männerrechte waren, kühn die Erklärung der Frauen- rechtc gegcuüberstellte; cs sei hingewiesen auf Mary Woll- stonckraft, die Engländerin, die 1792 in einem Werk voll leidenschaftlichen Feuers die Rechte Der Frauen forderte. Unter den frühen männlichen Vorkänipsern für. Frauenrechte nennen wir den genialen Utopisten Charles Fourier und seinen Schüler, den französischen Philosophen Condorcet, für Deutschland den Königsberger Oberbürgermeister Th. von Hippel. Alle diese Verfechter sozialer Gerechtigkeit für beide Geschlechter haben ihre Forderung rein ideologisch begründet, sie reklamiert als ein Naturrccht, das mit jedem Menschen ge- baren wird. Mau höre, mit welchen Worten Olympe de Gouges ihre Erklärung der Frauenrechte einleitet: „Die Mütter, Töchter und Schwestern, die Vertreterinnen der Nation sind ... haben beschlossen, in einer feierlichen Erklärung die natürlichen, unantastbaren und heiligen Rechte der Frauen darzulegen." Und an einer anderen Stelle: „Die Frau ist frei geboren und an Rechten dem Manne gleich." Heute hat die wirtschaftliche Entwicklung, haben die gewandelten Produktionsverhältnisse der ideellen Begründung eine wuchtige materielle bcigegeben. Sehen wir zu, worin diese materielle Begründung besteht. Eine Seite der geänderten Produktionsverhältnisse besteht in der Wandlung der Arbeit und der Stellung der Frau. Die kapitalistische Ordnung der Tinge machte aus der für den Familienbednrf produktiv Tätigen, die Waren schaffende Lohnarbeiterin. Aus der von der Familie Abhängigen die Selbständige, die vom Ertrag ihrer Erwerbsarbeit lebt. Die Ergebnisse der Berufs- und Gewcrbczühlung von: Jahre 1907 künden uns, wie weit diese Wandlung heute schon vollzogen ist; nach ihr hatten wir 1907 in Deutschland bereits 9 492 881 Frauen und Mädchen, die auf den verschiedensten Gebieten der Industrie, des Handels, der Landwirtschaft, die in den verschiedenen „liberalen" Gebieten, desgleichen in Kunst und Wissenschaft im Dienste der Gesellschaft schafften. Diese Zahlen beweisen, in wie hohem Maße die weiblichen Arbeiter zu einem unentbehrlichen Faktor im gesellschaftlichen Arbeitsprozeß geworden sind. Damit ist auch der Anspruch der Frau auf politische Gleichberechtigung vollauf begründet; ihre ökonomischen Leistungen geben ihr ein Recht auf Gleichstellung mit dem Manne. Hinzu komnit, daß die unaufhaltsam fortschreitende Entwicklung gesellschaftliche Verhältnisse schuf, in denen das Wahlrecht für die Frauen zu einer unentbehrlichen Waffe, zu einer sozialen Notwendigkeit wird. Erklärlich genug: infolge der Ausweitung des gesellschaftlichen Lebens, der Schaffung und Vermehrung sozialer Aufgaben für den Staat und der veränderten Stellung der Frau in der Gesellschaft^ wird ba3 Interesse des weiblichen Geschlechts durch unendlich viele Fäden verknüpft mit der Politik, mit all ihren Maßnahmen und Einrichtungen. Einfluß zu gewinnen auf all das politische Leben wird zur zwingenden Notwendigkeit für die Frau. Das objektive Recht der Frau ist denn auch seit langem zu einer subjektiven Forderung geworden. Wie könnte cs auch anders sein! Die Wandlung in der Arbeit und der Stellung der Frau hat naturgemäß auch eine Wandlung in ihren Anschauungen, ihrem Denken, Wollen und Streben gebracht. Die Welt ist das „Haus der Frau" geworden, deren Lebenskreis sich stark erweitert hat. Andere Aufgaben gilt es nun zu erfüllen; die anders geartete Umgebung mit ihren mannigfachen Einflüssen weitet ihren Gesichtskreis, hebt ihren Intellekt. Befreit von der starken Bindung durch das Heim, eine Bindung, die gegeben war, solange die Familie die wichtigsten Funktionen zur Erhaltung des Lebens ihrer Glieder selbst leistete, kommt die Frau nun erst zum Bewußtsein ihrer Kräfte und Talente, deren Entfaltung und Betätigung jetzt mehr oder minder draußen in der großen sozialen Gemeinschaft, im Wettbewerb mit vielen sich vollzieht. Die Notwendigkeit des Besitzes politischer Rechte tritt um so klarer in das Bewußtsein der Frau, je mehr sie in der Schule des Lebens die Erfahrung macht, daß überall, im Guten wie im Bösen, die Politik in ihr Leben eingreift. Nunmehr erkennt sie im Wahlrecht die wertvolle Waffe, deren sie bedarf, um selbständig ihre Interessen gegen eine Welt dräuender Feinde verteidigen zu können. Die Erkenntnis, daß die Frau die höchsten Staatsbürger- rechte zu beanspruchen hat, ja daß sie sie besitzen muß, löst < das kraftvolle Wollen aus, für die Eroberung dieser Rechte' mit leidenschaftlicher Hingabe, mit Energie und Ausdauer zu kämpfen. Damit wird die Forderung des Frauenwahlrechts in zu- nehmendem Maße der Ausdruck des Massenwillens, und ihre Erfüllung rückt näher und näher. Unser Frauentag wird Zeugnis oblegen, wie weit die Erkenntnis, daß der Besitz des Frauenwahlrechts eine soziale Notwendigkeit ist, bereits die Massen erfaßt hat. D- ^ Eine Karuevalsgcschichte von Leo Äolisch. Dös glaabst! Datz :var halt einmal ein Abenteuer! Ich verdanke es der chauvinistischen Ueberheblichkeit einiger Kreolen- jüiigling«. Ta sas, ich einmal, kurz vor Karnevalschlnh wars, in einem kleinen Ort der argentinischen Provinz San Luis. Dort arbeitete ist seit kurzen, in der Eiscnbahniverkstätte, die ctiva vierzig Leute beschäftigte. Anher den, rheinländischen Ingenieur war ick) der einzige Europäer und siihlte mich sehr wohl in der indianische» und kreolischen Gesellschaft, hatte mir doch erst kurz vorher eine unangenehme Geschichte die Lebensrcgel „Nur keine Napolitaner oder Spanier" eindringlich und überzeugend ciugetrichtcrt. Also ich bin schon bet der Sache. Eines Abends hatten wir über argentinische Sitten und Gebräuche debattiert, und ich hatte dabei die Ansicht vertreten, dah ein Europäer überall Vertrauen und Eingang finde, wenn er anständig auftrcte. Einige Kreolen widerstritten heftig: Ja, die argentinische Gastfreundschaft sei aus der ganze» Welt berühmt, aber über di: höfliche Bewirtung hinaus gingen die „Hijos del paiß", die Kreolen, nie! Woraus sich dann eine Wette ergab. Ich behauptete, in vierundzwanzig Stunden In einer feinen Kreolenfamilie vollständig heimisch werden zu können und setzte zwanzig Pesos ein. Hohngelächter der jungen Gauchos; sic setzten vierzig Pesos dagegen, so daß ich also noch aanz hübsch bei dem Vergnügen verdienen würde. Am nächsten Tage erzählte ich dem Rheinländer Do» Gustavs Adolfs Schnitze a l s ch u l e n", deren Lehrplan etwa dem unserer Realgymnasien entspricht, und die in zwei Kurse zerfallen. Der erste Kursus ist vierjährig: die Mädchen müssen mindestens 15 Jahre alt sein und eine fünf- /lässige höhere E lementars chule mit Erfolg absolviert haben. Der zweite Kursus ist zweijährig und nimmt nur Schüler« innen auf, die das 16. Lebensjahr vollendet haben. Außer den oben genannten Fächern der höheren Mädchenschulen wird hier noch Ethik, Pädagogik, Physik, Chemie und Gymnastik gelehrt. Der zweite Kursus enthält keine Haushaltungslehre und Schönschrift. Die diese Kurse besuchenden Mädchen tragen auch eine von der in Japan üblichen Frauentracht abweichende Kleidung, die ihnen eine größere Bewegungsfreiheit gibt. Zur Ausbildung von Lehrerinnen sind einige Lehrerinnenseminare errichtet worden. Ferner geht die Regierung jetzt dazu über, für die weiblichen Post-, Telegraphen- und Eisenbahnbeamten, die man seit Anfang des Jahrhunderts zuiu öffentlichen Dienst zugelassen hat, Ausbildungsinstitute zu schassen, nachdem diese Ausbildung bisher nur von privater Seite besorgt wurde. Seit deni Jahre 1901 hat Japan auch eine Frauen« Universität. Ihr Schöpfer ist der bekannte Schulmann Meruse. Freilich ist diese „Universität" nicht unseren europäischen Universitäten zur Seite zu stellen. Eher könnte man sie noch mit einem „College" vergleichen. Sie umfaßt vier Wissenszweige: Erziehungskuwde, englische Literatur, allgemeine Literatur und Haushaltungskunde. In Verbindung mit der Universität steht eine sechsklassige Mittelschule nach Art der englischen Gymnasien, sowie ein Internat, in dem alle Schülerinnen, mit Ausnahme der in Tokio bei ihren Eltern wohnenden, leben müssen und zur Erlernung der Hausarbeit angehalten werden. Es wird hier vor allem Wert auf die Ausbildung sozialer Tugenden: Freundschaftsgefühl, Verantwortlichkeitsbewußtsein, Unabhängigkeit und Selbstvertrauen gelegt. Erwähnung verdienen schließlich noch die 300 Fachschulen mit zusammen 10 000 Schülerinnen, die die gewerbliche und sonstige Berufsausbildung der Frauen zum Zwecke haben und in denen Koch-, Handarbeits-, Seidenbau-, Weberei- und Färbereiunterricht erteilt wird. Auch eine medizinische Fakultät mit 300 Studentinnen und eine Musikschule für Frauen gibt es. Wenn im allgemeinen 'auch heute noch die Ausbildung der Frauen in Japan in erster Linie unter dem Gesichtspunkt ihrer „natürlichen" Bestimmung als Gattin und Mutter erfolgt, so ist doch nicht zn verkennen, daß durch all die hier genannten Institutionen, die in ihrer Mehr- heit freilich nur den Töchtern der bessersituicrten Kreise zugänglich sind, die Frauen auf ein höheres geistiges und moralisches Niveau gehoben werden. Im übrigen wird auch in Japan die wirtschaftliche Entwicklung das Ihrige zur Selbständigmachung der Frau und zu ihrer Lösung aus den alten Knechtschaftsfesseln tun. Kattsdieöliahf. Von Anaiolc France. Vor ungefähr zehn Jahren, vielleicht ist es etwas länger, viel, leicht etwas weniger lang her, besuchte ich «in Frauengcfängnis. Es war in einem alte» Schlosse, das unter Heinrich IV. erbaut worden war und dessen hohe Schieferdächer eine kleine südliche Stadt beherrschten, die an einem Flußufer lag. Der Direktor jenes Gefängnisses näherte sich den, Alter, in dem nian an feinen Rücktritt denkt; er trug «tue schrvarze Perücke und einen weißen Bart. ES war ein ungewöhnlicher Direktor, Er dachte selbständig und hatte menschliche Empfindungen, Er macht« sich keine Jllusioncit über die seelische Beschaffenheit seiner dreihundert Schützlinge, aber er schätzte sie nicht erheblich geringer ein als die Moralität voll dreihundert Frauen, bi- man etwa ans gut Glück In einer Stadt dingfest gemacht hätte, „Es gibt hier ebenso wie anderivärts Menscheli aller Art," schien er mir mit seinem sanften und müden Blick zu sagen .... „Ich lege bi« Vorschriften aus," sagte er zu mir, „ehe ich fle anwende, und ich erkläre sie den Gefangenen selbst. Die Vorschrift befiehlt zum Beispiel unbedingtes Schweigen, Wenn aber all« diese Frauen unbedingtes Schweigen wahrten, würden sie schwachsinnig oder verrückt werben. Ich denke und ich muß denken, daß di-8 nicht der Wille der Vorschrift ist. Ich sage zu ihnen: „Die Vorschrift befiehlt euch rinbedingles Schiveige», Was bedeutet dies? Das bcdentet, daß die Aufseher euch nicht hören bitrsen. Wem» man euch hört, werdet ihr bestraft; wenn man euch nicht hört, kann ma» euch keinen Vorrvurf machen. Ich kann von euch über eure Gedanke» kein« Rechenschaft fordern. Wenn eure Wort« nicht mehr Lärln machen als eure Gedanken, kan» lch über eure Wort« keine Rechenschaft forbeni! Sind die Sträflinge nun aus diese Ar« unterrichtet, dann lernen sic zu sprechen, gleichsam ohne «inen Ton laut werden zn raffelt. Sie werden nicht verrückt »nd die Vorschrift ist bcfolai." Ich fragte ihn, ob seine Vorgesetzten diese Auslegung der Vorschriften billigen würden. Er antwortete mir, da» ihm die Inspektoren oftmals Vorwürfe gemacht hatten: dann habe er sie zu dem äußersten Tore geführt und zu ihnen gesagt: „Sic sehen dieses Gitter; cs ist aus Holz. Wären hier Männer eingespcrrt, daun wäre im Verlauf von acht Tagen nicht einer mehr hier. Die Frauen komme» nicht einmal ans den Gedanken, zu entfliehen. Die Klugheit aber erfordert, sie nicht außer Rand und. Band zu bringen. Das Gc- fängniswesen ist ihrer körperlichen und moralischen Gesundheit ohnehin nicht allzu vorteilhaft. Ich übernehme die Verantwortung nicht, sie ferner festzuhalten, wenn Sic sic auch noch der Marter, gual des Schweigens unterwerseu." Später besuchten wir den Dchlafsaal und die Krankensäle. Das waren große weißgetünchte Räume, die von ihren, alten Glanze nur eines bewahrt hatten: die prunkvolle» Kamine aus graueni und schwarzem Marmor, die von mächtigen Skulpturen gekrönt waren. Eine Justitia, die ungefähr um Sechszehnhuudert von einem flämi- scheu Bildhauer italienischer Schule geschaffen worden sein mochte stand mit bloßen Schultern und vorgcstrecktcm Beine da und hielt niit ihrem feisten Arm die schwankenden Schalen ihrer Wage, die wie Schellen aneinander schlugen. Die Göttliche wies mit der Spitze ihres Schwertes auf eine kleine Kranke, die ans ihrer Matratze in einem Eiscnbett so unbeträchtlich dalag, als wäre sie ein zusammen- gcsaltctes Tuch. Mau hätte sie für ein Kind halten können. „Nun, geht es besser?" fragte der Doktor Eabane. „O viel, viel besser, Herr Doktor!" Und sie lächelte. »Also seien Sie nur recht vernünftig. Sic werden wieder ge. suud werden." Sie sah den Doktor mit große» Augen au, die vor Freude unk Hoffnung strahlten. „Tie Kleine war nämlich sehr krank", sagte der Doktor Eabane. lind ivir gingen weiter. „Welches Vergehen brachte Sie hierher?" „Kein Vergehen, ein Verbrechen." „Ah!" „Kindesmord." Wir durchschritten einen langen Gang und gelangten in einen kleine», recht freundlichen Raum, in dem viele Bücherschränke standen und dessen unvcrgittcrtc Fenster einen freien Ausblick gewährten. Ein« junge, wirklich hübsche Frau saß am Schreibtisch und schrieb. Nebeti ihr stand eine andere Frau von sehr gutem Aussehen und suchte einen Schlüssel aus den, Bunde, den sie am Gürtel trug. Ich hätte ohneweiters gemeint, dies seien die Töchter des Direktors. Aber er teilte mir mit, daß es z>vci Häftlinge seien. „Bemerkte,, Sie nicht, daß beide Sträflingstracht tragen?" Mir ivar cs nicht ausgefallen: zweifellos weil sic ihre Kleider anders als die anderen trugen. „Die Gewänder dieser beiden Gefangenen sind besser gemacht, ihre Hauben sind kleiner und lassen die Haare sehen." „Es ist recht schwer", erwiderte mir der greise Direktor, „eine Frau zu hindern, ihre Haare zu zeigen, ivenn sie schön sind. Die beiden sind der giltigen Hausordnung »nterworfen und zur Arbeit angehalten." „Was tun sie?" „Die eine ist Archivarin, die andere Bibliothekarin." Diese beiden hatte Leidenschaft in den Kerker geführt. Ter Direktor rcrhelte nicht, daß ihm ihr Schicksal näher ging als das der anderen. „Ich kenne manche unter ihnen", sagte er, „die ihrem Verbreche» fremd gegenüberstchcn. Es war ein Blitz in ihrem Leben. Sie sind fähig, Geradheit, Mut und Großherzigkeit zu erweisen. Von meinen Diebinnen könnte ich nicht dasselbe behaupten. Ihre Vergehen, die immer unbedeutend und gewöhnlich bleiben, bilden den Grundstoff ihres Daseins. Sic sind unverbesserlich. Und diese Niedrigkeit, die sie sträfliche Taten vollsühreu läßt, findet sich in jeder Einzelheit ihrer Lebensführung wieder. Tie Strafe, die sie ereilt, ist verhältnismäßig leicht und da sie körperlich und seelisch wenig empfindlich sind, ertragen sie sie in den meisten Fällen mit Leichtigkeit. Das will nichts sagen," fügte er lebhaft hinzu, „daß alle diese Unglücklichen des Mitleids unwürdig wären und nicht verdienten, daß man sich für sic interessierte. Je länger ich lebe, desto klarer sehe ich, daß es keitic Schuldigen und daß es nur Unglückliche gibt." Er führte mich in sein Zimmer und gab einem Aufseher den Auftrag, den Häftling Nummer 503 vorzuführeu. „Ich iverde Ihnen", sprach er zu mir, „ein Schauspiel bieten, das ich — bitte, glauben Sic mir — nicht vorbereitet habe, das Sic aber auf neue Gedanken über Vergehen und Strase führen wird. Was Sie nun sehen und hören werden, das Hab« ich ln mclncm Leben hundertmal gesehen und gehört." Von einer Aufseherin begleitet, trat eine Gefangen« ein. Es war ein ganz hübsches Bauernmädchen mit einem einfachen, sansten, etwas einfältigen Gesicht. „Ich habe eine freudige Nachricht für Sic", sagte der Direktor zu der Gesaugcncn. „Ter Herr Präsident der Republik, der von Ihrer guten Ansslihrnng hier in Kenntiüs gesetzt wurde, erläßt Ihnen den Rest Ihrer Strafe. Sie werden Samstag das Gcfäng- nss verlassen." Die Hände über dem Vanche verschränkend, horte sie mit halb osseneni Munde zn. Aber die Gedanke» sanden In ihrcui Kopfe nicht schnell Eingang. „Sie werden nächsten SamStag dieses Hans verlassen. Sie werden frei sein." Diesmal begriff sie, ihre Hände hoben sich mit einer Gebärd« der Verzweiflung und ihre Lippen zitterten: „Muß ich wirklich fort? Was soll ich denn daun tun? Hier habe ich zu essen bekommen und Kleider und alles. Können Sie es dem guten Herrn nicht sagen, baß es besser ist, wenn ich bleibe, wo ich bin?" Der Direktor erklärte ihr mit sanfter Festigkeit, daß sic di« ihr erwiesene Gnade nicht zurückweiseu könne: da»» teilte er ihr mit, daß sie bei ihrem Austritt eine gewisse Summe, zehn ober zwölf Franken, erhalten werde. Weinend ging sie hinaus. Ich fragte, was sie verbrochen habe. Er blätterte in einem Register. „563. Sic war Magd bei einem Tierzüchtcr ... Sic hat ihren Dicuftgcbern einen Uuterrock gestohlen . . . Hausdiebstahl . . . Sie tvissen wohl, den Hausdiebstahl straft das Gesetz streng." Aus Welt und Leöen. Im Leben der Japaner spielen die Zahl sieben und ihre Multiplikationen eine große Rolle. 21 Tage nach der Geburt (3X7 Tage) geht die Mutter mit dem Säugling in einen nahegclcgenen Tempel. Bei dieser Gelegenheit, die nicht religiöse Zeremonien nach sich zieht, erhält das Kind papicrne Hunde, mit denen es später spielt. In Japan feiert man die Geburtstage nur in der Kindheit, berechnet bas Alter aber nach Jahrgängen, so daß ein am 2t). Dezember geborenes Kind am 1. Januar schon 2 Jahre zählt. Bei den vielen Feiertagen der östlichen Kulturwelt nimmt eS nicht wunder, daß auch den Kindern zwei Festtage im Jahre reserviert sind. Im 7. Lebensjahre werden die Kinder, die bis dahin znsammeulcbtcn, getrennt und in die Schulen geschickt. In den Volksschulen bleibt man bis zum 11. Jahre. Ter Nnterrichtsplan einer dieser Knabenschulen in den großen Städten entspricht so ziemlich dem europäischen. Die Mädchen lernen mehr praktische Fächer, daneben aber auch die Blum.'nbindekunst, die in Japan jedes Mädchen beherrsche» muß, wenn sic heiraten ivill. Es gibt jetzt aber auch Lyzeen, ivclche die Mädchen mit gelehrten Studien bis i» das 20. Jahr beschäftigen. Diese jungen Damen heiraten aber verhältnismäßig selten. In den Gymnasien für Knaben wird Englisch, Deutsch und Lateinisch gelehrt. Au die Stelle des Turnunterrichts treten Jiujutsu, die waffenlose Selbstverteidigung, und Kcnjuts», die Fechikutist. Jrgend- ivelcheu Religionsunterricht kennt man nicht. Zweinial in der Woche werden die Kinder mit der japanischen Ethik bekannt gemacht, deren Hauptpunkte Vaterlandsliebe, Humanität, Elternliebe und Gerechtigkeit sind. Geheiratet wird in Japan meist um das 21. Jahr. Da auf 100 Frauen 102 Männer kommen, so sitib »Junggesellimien" in Japan nur ganz vereinzelt zu finden. Jeder Japaner badet wenigstens einmal am Tage! — Tokio hat 13 Theater, aber 300 Sie»* töpe. — Hesuiidl-eitspssege. Bleivergiftung durch die Wasserleituu«. Im „Frankfurter ärztlichen Verein" hielt kürzlich Pros. Schwenkeubechcr einen Vortrag über Blcivergistuug durch die Wasserleitung. Im städtischen Krankenhausc zu Frankfurt a. M. wurde Ende April 1013 eine Frau aus einem Taunusdorf ausgenommen, die a» heftigen Lcib- schmerzen, Erbrechen und Verstopfung litt. Die Bcschivcrdcn bestanden schon seit dem Jahr 1012. Seit Beginn des Jahres war eine zunehmende Lähmung beider Arme bemerkbar. Tic Untersuchung stellte eine chronische Bleivergiftung sicher. Die Frau hatte etivas Schwächegefühl in den Muskeln, Bleisaum, sonst aber keine Beschwerden. Die Patientin wohnte auf einem vom Tors etwas abgelegenen Gehöst und gab au, daß aus diesem noch einige Per, soncu ähnlich erkrankt seien. Mau mußte daher mit großer Wahrscheinlichkeit die Wasserleitung als Ursache aunchmcn. Die OrtS- bestchtigung und die Prüfung des Wassers in Gemeinschaft mit dem hygienischen Institut bestätigte die Ansicht. Das Gehöst war durch ei» sehr langes Bleirohr mit der Wasserleitung verbunden. Dte Untersuchung der Bewohner ergab, baß sic mit nur wenig Ausnahme in stärkerem oder geringerem Maße bleikrank waren. Im Dorfe selbst ivurden die Insassen von zwei Häusern untersucht und bei zwanzig Personen zwölf mit sicheren Symptome» von chronilchcr Bleivergiftung gesunden, sechs ivaren verdächtig, acht ohne Vcr- gistnngSerschciuuugeu. In der Schwere der Erkrankungen ze>ge>k sich oft große Tisfercuzeu, die meist durch den größeren oder gcringereit Genuß von Wasser bedingt sind, oder auch >c nachdem daß genossene AKisscr längere oder kürzere Zeit Im Rohre gestanden hatte. Am gefährlichsten erwies sich auch das Nasser, das zuerst morgens dein Hahn entnommen wurde, nachdem eS die Nacht Uber im Rohre gestanden hatte. Die Kinder blieben mehr verschont als die Erwachsenen, da sie wettiger Wasser zn sich nahmen.