Möß 83fiß MIS 26K S68C i ^£ äK£ %$£ Ä3K VarSlattderifmu Wöchentliche Geilage der Sberbeffischen GolksZeitung Nummer 5 Sieften, Freitag den 6. Februar 1914. 6. Sabcgang IRRSflÄRRRRSKSBRRRS3RSIRRK£^RRKRRKKSIRRKRR93K Kirche und chevurtenrückgang. Die deutschen Bischöfe haben einen Hirtenbrief erlassen, der in den katholischen Kirche» Deutschlands verlesen worden ist und von der Zentrnmspresse abgcdrnckt wird. Der erste Teil handelt von den« Geburtenrückgang: er ruft auf „zum Schutze der christlichen Familie, die von furcht- bare» Zeitübeln und Zeitlaster» schwer gefährdet ist." Die Geburtenzahl sei in Deutschland von 42 pro tausend Ein- ivohner ini Jahre 1876 auf 26 im Jahre 1911 zurückgegangen, „und zwar im letzten Jahrzehnt in Deutschlandrasch er als s e l b st in Frankreich und B e l g i e »." Aus de», Hirtenbriefe sei das folgende wörtlich wiedergegeben: „Die tausche» sich und andere, die den Rückgang der Gebürte» lediglich oder hauptsächlich ans ungünstigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen, aus der Teuerung der Lebens in ittcl, der Erschwerung der Lebens- halt» n g herleiten wollen. Unser Volk hat sich durch viel schlimmere Zeiten hindurchgckämpft, ohne datz jene schlimme Erscheinung cingetrcten wäre. Nachweisbar ist das beklagte Ucbel nicht eine Folge der Not, sondern eine Folge des Luxus; in den oberen Ständen, in reichen und wohlhabenden Kreisen hat cs seinen Anfang genommen und ist erst mit den Lastern dieser Stände allmählich auch ins Volk cingcdrnngen. Wir wollen gewiß nicht in Abrede stellen, datz mancherlei soziale Mitzstände der Gegenwart das Uebel gefördert und gesteigert haben, so namentlich das W ohn un gse l en d in den gröberen Städten. Hier müssen staatliche Fürsorge und christliche Barmherzigkeit znsammcnhclfcn und alles aufbietcn, um diese schlimmen Zustande zu überwinden. Aber das sind nur Ncbcnursachcn. Die Hauptursachc, der Hauptschuldige ist der böse Wille, der böswillige, lasterhafte Mitzbrauch der Ehe. Die sittliche Fäulnis, die sofort Play greift, wo christlicher Glaube und christliche Sitte schwinden, ist bereits hinabgedrunge» bis zur Lcbenswurzcl der Familie. In weiten Kreisen ist di« Ehrfurcht vor der Heiligkeit der Ehe verloren gegangen. Man will die ehelichen Rechte auSüben, ohne die ehelichen Pflichten auf sich zu nehmen. Zügelloses Begehren, kaltberechnende Selbstsucht und Habsucht, feige Scheu vor Mühen und Opfern verführt dazu, daß man freoclhajt dem Schöpferwillen Gottes Trotz bietet, die Natur vergewaltigt, den Hauptzweck der Ehe vereitelt, sie entweiht, verunstaltet, mit Unfruchtbarkeit schlägt, die Kinderzahl vermindert, ja durch Vernichtung des keimenden Lebens geradezu äuin_ Mörder wird." Weiter wird der Geburtenrückgang bezeichnet als „die Pest, die dem Kriege gegen Christentum und Kirche aus dein Fuße folgt." Tann lägt sich der Hirtenbrief über die Heilig- kcit der Ehe ans, die „von dein allmächtigen Gott zugleich mit der Erschaffung des Menschen gestiftet" worden sei und die er „schon in, Paradiese gesegnet und mit seiner Schöpferkraft befruchtet" habe. Die Bischöfe gestehen stillschweigend ein. daß die Kirche cs nicht für nötig gehalten l>at, mit einem solchen Hirten- bricse zu kommen, solange sich die „Gebnrtenregnliernng" ans die Kreise der Besitzenden beschränkte, also derjenigen Kreise, die leichter ein Dutzend Sproßlinge ernähren, bekleiden und großzichcn können, als die Besitzlosen nur ein einziges Kind. Der ganze Brief der studierten Kirchensürsten ist ja mit seinen antiwissenschaftlichcn Ansichten nicht für die Gebildeten und Wohlhabenden, sondern für die geistig und sozial Arnicn bestimmt. Die Epistel über die Heiligkeit der Ehe hätte auch viel früher kommen dürfen, und zwar wäre sie zu richten gewesen an all die kirchentreucn katholischen Bourgeois, die im klerikalen Leben eine große Nolle spielen und trotzdem das Gebot der ehelichen Treue immerfort als einen Zwirnfaden bewertet haben. Ans jeder Stadt ließen sich ultramontane Größen nennen, die ans die Heiligkeit des Sakramentes der Ehe pfeifen. Genau so denkt man in diesen Kreisen über die „Pest des Geburtenrückgangs", die mit den, «Kampf gegen Christen- tum und Kirche" wirklich nichts zu tun hat. Die Herren Bischöfe mögen mal die Nanien der klerikalen Führer, beispielsweise der Zentrnmsabgcordneten, der Reihe nach vornehmen, »in fcstznstellen, wie weit die Kinderzahl der großen Mehrzahl dieser Leute noch von dem französische» Zloeikinde» system entfernt ist; einzelne der Herren halten es sogar für beqncnier, auf das von dem allmächtigen Gott gestiftete und von Christus zum Sakrament erhobenen Institut der Ehe zu verzichten. Tie Bischöfe können den Einfluß der sozialen Not, insbesondere des Wohnnngselends und der Lebensmittelver- teucrung ans die Geburtenzahl nicht ganz leugnen; sie bestreiten, daß das die H a u p t n r s a ch e n sind. So m ü s s e n sie reden, sonst würden sie gegen den Boden- und den Lebens- mittelwuchcr ankänipfen müssen, der von den christlich sich nennenden Machthabern und Parteien getrieben wird. Darum übergehen die Bischöfe auch absichtlich die Säuglingssterblichkeit, jene wirkliche Pest, die den fünften Teil aller Neugeborenen schon wieder im ersten Lebensjahr hinwegrafft. Wer den Geburtenrückgang beklagt, der muß vor allem dafür sorgen, daß die Hnnderttausende lebensfähiger Kinder erhalten werden, die jetzt an den Einrichtungen der von der Kirche mit all ihrer Macht gestützten Staats- »nd Gesellschaftsordnung bald nach der Geburt zugrunde gehen. Das Berfirmgern am Hische. Ist es nicht ein hübsches Familienbild, wie mittags und abcrrds eine appctitsrohe, erwartungsvolle Kinderschar enggedrängt um die Mutter herumsitzt am Tische? Wie viele bittende Augen sich zu ihr wenden, wie viele Teller verlangend ihr zngeschobcn werden? Und wie dann langsam mit jedem gefüllten Teller ein bitzchen mehr Ruhe, nichr Eintracht, mehr Behagen sich über den Tischkreis breitet, bis zunächst einmal alle Wünsche schweigen in eifrigem Genieße»? Es ist freilich nur ein Moment des AufaUnens und AuSruhenS für die Mutter, denn bald schon kommt der zweite und vielleicht auch noch ein dritter Ansturm der erst halbbesricdigtcu tapfere» Esser. Aber wenn nicht etwa bitterste Brotsorgcn jede freundliche Betrachtung unmöglich machen: eS bleibt dock> für jede Mutter ein Bergnügen, diesen gesunden, frischen Appetit zu sehen, diese drängende Erwartung zu befriedige», diese heftigen Wünsche alle zu erfüllen. Sie gibt ja so gern, sie sorgt ja so gern, sie vergitzt sich selber ja so gcrli, wenn nur die anderen alle satt und froh werden. Aber das ist eben di« nüchterne Kehrseite dieses poetisch-anheimelnden Familienbilbes: die müttcrlich-bedenkende und austeilende Hausfrau selber kommt kaum zuni Essen: sie sitzt wie die anderen am vollen Tische, aber sic kann ruhig dabei verhungern, wenn sie nicht mit aller Energie an sich selber denkt, lind wo sind die Frauen, die wie die Männer den gesunden Fnstinkt haben, daß, wer arbeitet, sich auch satt essen mutz? Ter Frau im Gegenteil ist es selbstverständlich, daß erst der Mann und die Kinder satt sein müssen und datz ihr gehört, was übrig bleibt; oder datz sic a» sich erst denken darf, wenn sie »ach der Versorgung aller anderen wieder Zeit hat. Es gibt keine „echt weibliche" Mutter, di« wie der Mann, einfach loSitzt, tvcn» die Schüssel ans den Tisch kommt, und die tvirklich initiier satt ist, ivenn sie mit den andcren vom Tisch aussieht. Dagegen gibt eS Tausende von Francii, die sich zu den Hauptmahlzeiten kaum satt essen. Entweder, well sie von vornherein z» wenig auf den Tisch bringen, indem sic sich selber nicht so recht als vollen Esser tvH berechn«»; ober weil sie sich für verpflichtet Hai kn, Seit grob«» Appetit der Kinder durch Darben a» sich selber wieder auszugleichen: oder weil sie, so lange kleinere Kinder z» versorgen und zu füttern sind, tatsächlich nur zu ei» paar hastigen Bisten gekommen sind; oder weil schließlich ihre Portion so kalt geworden ist, dasi es nun nicht mehr schmeckt; oder weil über dem Absüttern der anderen so viel Zeit vergangen ist, das; sie selber nur eilig anss Ende dränge», denn sic denken schon wieder an Auswasch- und Näharbeit. Und wenn der Magen rebelliert, so trösten sie sich damit, daß sie sich sa später an Kasse« und Brot schadlos halte» können. Und so steigert sich gerade tn den Jahren der jungen Ehe, wo die Frau ihre Kräfte wahrhaftig zusammenhalteu sollte, der Zustand einer dauernden Unterernährung, Nun wäre es nichts weiter als sentimentales Gerede, wollte man behauptet!, dasi nur ein wenig Energie und vernünftiger Wille notwendig seien, um die Proletaricrsrau vor den, lächerlichen und doch so heimtückischen Schicksal des langsamen Verhungerns zu bewahren. Wo die Armut die Bissen verteilt, wo die Krast der Frau im Leiden liegt, da wird immer die Frau am meisten und wird gern enlbehretl. Aber über diesen Schichten gibt es genug proletarische Haushaltungen, in denen auch die Frau sich satt essen und sich bei Kräften halten könnte, wenn Einsicht und Ucberlegung und Wille da sind. Wo es wirklich nur töricht« Selbstquälerei und sinnlose Selbstvernichtung ist, wenn die Frau glaubt, durch ihr persönliches Darben und Entbehren den Haushaltverbrauch vermindern zu mllsten oder wirklich zu vermindern. Als ob nicht «in« immer gesunde, elastische, leistungsfähige Hausvcrwalterin eine bessere Garantie des häusliche» Wohlstandes märe als eine dahinsiechende, unsrohc, schwacke, selber hilfsbedürftige. Aber auch in diesen Verhältnissen ist heute die Besserung nicht von einem Entschluß und einer krästigen Selbstbesinnung der Frau zu erwarten, sondern nur von der Liebe des Mannes. ES ist Freund- schastspslicht des Mannes, daß er nicht nur nicht auch noch jede» Bissen sich von der vielgeplagte» Frau vorschneiden und in den Mund stecken läßt, sondern, daß er sich mit ihr in die Versorgung der Kinder teilt, oder doch wenigstens daraus achtet, daß sie selber zum Essen kommt. Es ist ungeheuer viel wert, wen» er sich beim Essen nicht mehr herrisch-abwehrend hinter seine Zeitung verschanzt und sich weder um Frau noch Kinder kümmert, sondern wenn er unterhaltend, ordnend, wehrend, helfend neben der Frau sitzt und sich als Vater ebenso vcrpslichtet suhlt, wie jene sich als Mutter. Schließlich ist es doch sein Weib, von dem er selber wünscht, daß cs lange elastisch bleibe, und die Mutter seiner Kinder, die ihren Pflichten gewachsen bleihen soll. Auch die Kinder selber müssen so gehalten werden, daß sie sich nicht zu Ileinen Haustnranuen auswachsen können. Sie müssen warten lernen und «insehcn, daß sie nicht allein am Tische sind, daß die Mutter nicht bloß ihre Sklavin ist. Auch dazu ist der ruhigkräftige Einspruch des Vaters nötig, denn die Mutter behauptet ihre Ansprüche bisiveilcn nur schwer gegen die heftig begehrenden Kinder. Zudem ist es überhaupt töricht, die Kinder gar zu lange zu bemuttern beim Essen. Sie selber würden gern sriihzeitig selbständig werden, wenn die ängstlichen Mütter nicht gar so sehr wehrten. Kindel iittsöeutlulji im frommen Lande. In der rücksichtslosen Ausnutzung der Arbeitskraft sind die Kapitalisten aller religiösen und politischen Richtungen, Liberale wie Reaktionäre, Freidenker und Fromme, so ziemlich einander gleich. Was die Frommen dazu geben, ist ein größeres Matz Heuchelei. So erzählt der Abgeordnete, Ziegeleibesitzer Van Reeth ans Boom in der Provinz Antwerpen, daß in seinem und seiner Kollegen Betriebcit keine Kinder nusgebcutet würden. Sie arbeiteten nicht tut Betriebe, sie spielten dort nur. Wie dies liebliche Kinderspiel beschaffen ist, haben dann unsere Genossen Huysmans und Anseele nachgewiesen: zwölfjährige Kinder müssen täglich durchschnittlich 3 2 Kilometer mit schweren Lasten zuriick- lcgen, d. i. etwa das Mas; der Leistung, die man in der kurzen Manöverzeit kräftigen Soldaten zumntet. Selbst die gesetzlich vorgcschriebcncn Ruhepausen müssen mit leichteren Arbeiten ansgefüllt werden. Können die Kinder dieses Mas; von Arbeit nicht leisten, dann nehmen sie ihre kleine reit Brüder zil Hilfe, die nach der Schule ihnen einen Teil der Arbeit abnehnien, sodaß der Unternehmer für einen Lohn zwei Kinder in seinem Dienste hat. Ein anderes Beispiel „spielender" Kinder bietet die Spitzenindustrtc mit ihren großenteils zu 5t'löstern gehörigen „K l ö p p e l s ch n I c n". Tie Beschäftigung kleiner Mädchen weit unter dem gesetzlichen Alter tvird votl Berhaegen i» seinem Buche über die Spitzenindustrie für die weltlichen Spitzenschulen zugegeben. Für die geistlichen, von Nonnen geleiteten aber tritt auch hier das „Spiel" Plis. Er erzählt, wie die Kinder zunächst allgemeinen Unterricht erhalten und zur ersten Kommunion vorbereitet werden. „Inzwischen, so gegen das Alter von 8—9 Jahren, zeigt sich in ihnen der Drang (eoentiau) zum Spitzenmachen. Sie sind neben einem Klöppelpolster geboren. Immer sahen sie ihre Mutter über die Klöppel gebeugt und lernten oft die ersten Eleniente der Spitzenkunst vor dem Eintritt in die Schule. Dann möchten sie in allem den Groben gleichen, die die Arbcitsstube mit dcni Klick-Klack ihrer Klöppelstäbchen erfüllen. Die Eltern unterstützen sie in dieser guten Absicht, und oft wird im Alter von 9—10 Jahren, nie früher, die kleine Schülerin von den Nonnen für zwei oder drei Stunden täglich in den Arbeitsraum zngelassen." Einfach rührend, dieser Arbeitsdrang der Kinder, dem die Nonnen schließlich ip bescheideneiit Maße willfahren. Leider sieht auch hier die Wirklichkeit wieder ganz anders aus als die fromme Legende. Berhaegen selbst berichtet von Klosterschulen, so der in Poucqne, wo schon Kinder von 7—8 Jahren 4—6 Stunden täglich arbeiten. Das widerspricht dem Gesetze von 1889, geht aber ruhig weiter. Sind sie 12 Jahre alt, so läßt man sie noch länger, oft bis abends 7 Uhr arbeiten. Dann aber gibt man ihnen noch Arbeit für 2—3 Stunden, ja »och mehr, m i t nach Hansel Entweder müssen diese Kinder dann bis in die Nacht hinein, vielleicht gar die Nacht durcharbeiten, oder die Mutter oder eine ältere Schwester erbarmt sich ihrer uns macht einen Teil ihrer Arbeit neben der eigene». Dafür tvird natürlich auch nur der Lohn der Kinderarbeit bezahlt, der nach der Angabe des Abbck S t e r k x bei den Ursulerinnen 1%—7 Centimes (V/o —5 y 2 Pfennig) die Stunde beträgt. „So spielen," heißt es davon ini Peuple, „die kleinen klugen Mädchen in dem hübschen Arbeitsraumc, wo die Stäbchen Klick-Klack machen. Die kleine Brust beugt sich über die Polster, und bei der raschen Arbeit h u st e t man viel. Die Spitze tvird dann verkauft. Sie werden den Preis dafür nicht erhalten, aber ist eine so hübsche U»t-"^"'^"ng nicht schon Lohn genug?" Kinder. Von Clemcntine Krämer (München). Der Hansel will gleich damit ansangen, Geld zu sainineln für einen Kranz. Und der Werner weint wie er dürt, daß der Großvater gestorben ist. Ganz wirklich ivelnt er, was ihn, bei den Geschwistern noch auf lang« hinaus ein gewisses Ansehen verleibt. Everl aber schaut bloß mit großen stillen Augen von einem zum andern. Tan» hält sie sich an die Tante. Tic scheint ihr von allen die Traurigste. Wenn die Tante aufschluchzt, streichelt ihr das Kind allcinal die Hand. — Besonders auf dem Friedhof . . . Ans dem Sarg liegen viele Kränze mit Schleifen. Lila. Weiß. Grün. Schwarz. Und ein großer Strauß gelber Rosen. Dahinter geht der Vater mit seinen zwei großen Bube» von zehn und sieben Jahren. Und e? schaue» alle drei ans wie Kinder. Ein großes Kind und zwei kleinere. Wie Kinder, deren Gesichter nicht geinacht find flir das Tranrigsein . . . Wie inan heimgckommen ist vom Friedhof, setzt« man sich mit den vielen fremde» Onkels »nd Tanten jum Kasse«. Da inacht sich die kleine Auguste bemerkbar, die man nicht mitgenommen hat aus den Friedhof, weil sie noch so klein Ist, und »och nicht einmal in die Schul« geht. Also, da sagt die Gust! zu Irgend- wcm: „Soll ich Dir mal zeigen, wie ich einen Purzelbaum mache» kann? — und gleich darauf llbcrkngelt sie sich ein paarmal. Daraufhin erachten es auch die Geschwister nicht mehr länger für notwendig, traurig zu sein und sind lustig mit dabei. Bis der Vater den großen Wenter heranruft und ihn sragt, ob er denn schon garnicht mehr daran denkt, was heute für ein Tag sei. Und daß sie doch soeben den Großvater zu Grabe getragen hätten. Den Großvater, der sie alle so lieb gehabt. . . . Und was er glaube, wle erstaunt der sein würde, wenn er di.'s soeben hätte sehe» können. Dies mit den P»rzelbänine». Da bemüht sich Jnng-Berner von neuem, traurig zu sein. Doch hei der ersten Gelegenheit macht er sich davon. Ich glaube aber garnicht, daß sich der Großvater sehr betrübt haben würde über die Kinder »nd über die Purzelbäume Denn als den Großeltern bas Melanicchen gestorben ivar >-, damals, wie der Vater und die Tante selbst nach Kinder gewesen sind, da hat der Großvater gesagt: „Kleine Kinder brauchen noch nicht traurig z» sein und auch noch nicht weinen Und wie die fremden Menschen fertig gewesen sind mit dem Kasseetrinken, da ist gerade der kleine Fritzl ausgemacht und schaut mit großen, runden, blauen Baby-Augen erstaunt um sich. Und da kann man sich jetzt seine Gedanken machen darüber, daß der Großvater einst ein ebenso winzig kleines Bübchen gewesen ist. Denk mal, der Großvater — daß der so klein war wie jetzt der Fritzl und hat auch »och nicht einmal gehen können und ebenso wenig sprechen natürlich. Und wenn man dann weiter bedenkt, daß unser Fritzl auch mal ein solch alter Herr geworden sein wird, und daß er dann — ja. daß er dann auch sterben muß — denn das müssen alle. — Und immer so fort, immer weiter so. Es ist Mcnschcnlos ... Menschenlos! Sollte man sich da nicht eigentlich versöhnen mit den, Sterben? Wen» es doch eine so natürliche Sache ist? Und doch tut es so bitter weh? Wie ist das nur? Das haben alles die Menschen aus dem bißchen Leben gemacht. Tic Freude» hineingelcgt und die Leibe». Und sie denken, daß das Menschenherz die erste Geige spielt „im großen Rate der Natur". Doch in Wirklichkeit hat cS überhaupt keine Stimme. Und jetzt, wenn man vom Großvater spricht, dann erzähle» die Kinder ein wenig altklug auch irgend ein Stückchen von ihm. Doch im ganzen ist er vergesse». Hält man es ihnen aber vor, so wollen sie es nicht wahr habe». Sie haben doch ihm zu Ehren den Verein gegründet, zu den: Zweck, an seinem Geburtstag und am Todestag das Grab mit Blumen zu schmücken. Das wird wohl schön sein, wenn man einen richtigen Verein „macht". Mit einem Schreiben, in welchem es heißt: „Wir alle Kinder beklagen bitterlich den Tod unseres lieben Großvaters. Wir haben daher beschlossen, einen Verein z» gründen. Mindestbeitrag im Fahr sllnfzig Pfennig." Und dann gibt es einen Vorsitzenden und einen Vereinsdicner. Die heißen Werner und Hansel. F» den Sitzungen dreht es sich allemal darum, ob erstens das Fahresgehalt des Dieners von fiinfzeh» auf zwanzig Psennig« erhöht werden soll und ob zweitens der Diener bei den Sitzungen anwesend sein darf oder nicht. Einmal hat die klein« Auguste, die immer toternsthajt „beiwohnt", auch das Finger- chen gehoben: als ihr abr der Vorsitzende das Wort erteilic, da sagte sic bloß: „Erlauben Sie. daß ich Hinausgels?" Gewöhnlich endigen die Sitzungen nnt einer kleinen Rauferei. Aber Werner antwortet dem Vater, der ihm vorstellt, daß cs unter der Würde eines Vorstandes sei, sich mit dem Vereinsdicner herum- zubalgen, er raufe in seiner Eigenschaft als Bruder. Da zieh! dann der Vater natürlich de» Kürzeren. Und serner berufe» sich die Kinder darauf, daß sie sogar schon aus dem Grab gewesen sind — an einem Sonntag Nachmittag — und habe» sclbstgepslückte Blumen daraus gelegt. Aber was die Tante betrifft, so war die nach gar nicht auf dem Grab. Und trotzdem sage ich, ist sic weit mehr betrübt als bi« Kinder. Das kämmt nämlich daher, daß die Kinder sich nichts Rechts vorstellen können unter dem Tod. Ais zun: Beispiel das Augusterl in Stuttgart gehört hat, daß der Onkel gestorben sei, hat cs gefragt, ob nun gar keine Hossnung mehr wäre. Und der kleine Bubi wollte einmal bei einem Leichenbegängnis wisien, ob beim der Tote nicht auch mitmarschicren diirsc. lind als die Mutter der kleinen Erna und des Franz! sagte, sic würden sie noch zu Tode ärgern, da äußerten die Kinder, cs habe nichts aus sich. Sic konnten ja dann bei der Tante Johanna effcu. — Und „wir streuen Blunic» auf dein Grab". Ties ist aus einem Lied, das sie ln der Schule singen. Und wie di« Tante selber noch ei» kleines Mädchen war, da ist die Großmutter von ihrer Freundin gestorben. Ein ganz kleines altes Frauchen ivar das. Und hat „Veilchen" geheißen. Ist das nicht ein netter Name? Da bekam die Freundin ein schwarzes Kleidchen. Ach. da wünschte ich mir sehr, daß von unseren vier Großeltern auch bald wer sterben niöchte. Ober wenigstens der alte Urgroßvater, der schon weit über achtzig war. So denken Kinder. Und die Große»? Was begreifen s i e denn eigentlich vorn Tote? Im Grunde auch nichts weiter als dies: Ta ist mir ein lieber, teurer Mensch gegangen. Ich werde ihn nie wieder sehen, und er bringt mir keine Freude» mehr. So wäre all diese Trauer nicht? weiter als Eigenliebe? Oh nein! Beweinen ivir «inen lieben Menschen doch midi, daß er f i ch dahingegangcn . . . Aber er weiß doch nichts mehr? Also Ist da? Totsein nicht schlimm. Aber das Sterben! Denn wenn einer iveiß, daß er gehen muß .. Aber der Großvater wußte es wohl nicht. Und doch! Wenn ich einen schönen Blumenstrauß habe, kommen mir die Tränen, weil er sich nicht mehr mit mir daran erfreue» kann. Oder wenn mir der schöne Herbst ins Zimmer lacht, den er so geliebt hat. Oder »enn mir einer etwas Freundliches sagt von ihm. So scnüerbar sind di« Menschen. Wie heißt es doch: „Ich bi» kein ausgeklügelt Buch, Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch." Ach, wer eS vermöchte, die kurze Zeit, die er auf Erden wandelt, nnbekümmcri hinzubringen! Wie di« Kinder. Sie haben den Großvater lieb und freuen sich, so lang« er da ist. Ist er aber einmal gegangen, so fehlt er ihnen nicht weiier. Ja, es ist für sie eine kleine Sensation, wenn sie wegen der Beerdigung einen Nachmittag nicht zur Schule mllsien. Und wenn gerade Kiassen- anfsatz trifft, so hat «8 gewiß sein Gutes. Sie tu» groß vor einander: „Mein Großpapa ist gestorben und gestern war er noch ganz gesund." „Ach", macht der andere wegwerfend, „meiner ist sogar ertrunken im Walchensee." Genau ivie da neulich nach dem furchtbaren Hagelwetter der Werner: „Bei dem Schmitt hat der Hagel siebzehn Fenster cinge- lchlagen, bei uns bloß fünf. Dafür haben sie bei ihm wieder »ich!, wie bei uns, die Feuerwehr alarpiicren brauchen zum Keller ans- pnmpen — siebzehn Mann." " Ir lind der Großvater? Wenn er wüßte, sie denke» kaum mehr au ihn? Ach, er würde bloß lächeln mit seinen lieben, guten, schöne» Angen. Und er würde sagen, daß er es auch nicht anders gemacht hat, ais er »och ein Kind gewesen ist. Der Großvater. (Frts. Zig.) Zns Welt und cfidu'it. Tie organischen Haarfärbemittel. Die bercchligte» Einwände und Warnungen, die gegen das Färben der Haare mit landläufig «ngepriesenen Mitteln erhoben werden, sind sehr oft berechtigt, namentlich wenn solche Mittel mit starke» Beimengungen inincrali- scher Stoffe hergestellt sind. Es erscheint an sich natürlich, daß zur Färbung oder andere» Behandlung eines organischen Körpers solche Stoff« besser geeignet sind, die selbst organischer Natur sind. Das wäre nun an sich ein oberflächliches llrteil, das jedcnfaüs eine Nachprüfung verlangt. Wenn aber jetzt gefärbte Haare bei den Frauen noch mehr als bisher Mode werden, und zwar derart, wie cs nach der Meldung über de» Gebrauch ganz unnatürlicher Farben für das Kopfhaar den Anschein hat, so ist die Mahnnng zur Vorsicht noch viel wichtiger als bisher. Die Ehcmie ist selbstverständlich in der Lage, eine schier unbegrenzte Zahl von Stoffen anzngeben, die mehr oder weniger gut auch zur Färbung von Haaren geeignet sind. Eine solche Verbindung, die in heutiger Zeit nach dieser Richtung besonders zu Ehren gekommen ist, ist ein Laboratorinmserzeuguis, mit dem Namen Paraphcnylendiami». Wem dieser Name zu umständlich sein sollte, niag sich damit trösten, daß cs viele in der Chemie gibt, die doppelt so lang sind, Außerdem ist er für den leichteren Gebrauch im Handel auf die ersten beiden Silbe» Para abgekürzt worden, wogegen freilich zu sagen ist, daß diese Be- zcichimng bereits für mehr als einen Stoff vergeben ist. Vom chemische» Standpunkt aus hat diese Verbindung den Vorzug großer Bequemlichkeit, da i» leichter Weise alle mögliche» Farbe» hergestellt werden können. Diese Produkte haben insbesondere eine eigene Beziehung zum Sauerstoff, der ihnen je nach der Menge jede beliebige Tönung verleiht. Es versteht sich von selbst, daß der Stoff vor der Verwendung mit parfümiertem Wasser versetzt wird. In Paris ist er bereits in der Form käuflich zu haben, baß eilt Fläschchen das eigentliche Färbemittel, das zweite sanerstoffhattiges Wasser enthält, so baß die Käuferin die Farbe selbst abtönen kann. Ein Zusatz von 1 Prozent aus der zweiten Flasche ergibt blond, ein solcher von 2 Prozent kastanienbraun nsw. Ob die blauen und grünen Farben nach Muster ans diesem Wege gleichfalls zu erzielen sind, wird vorläufig noch nicht verraten. Vorsicht Ist jedenfalls auch bei diesen Mittel» geboten. Ucber Stärke und Gewicht des meiischlichen Haares teil! Tr. Ha»s Friedenthal in der Zeitschrist für Ethnologie gelegentlich einer Untersuch»na über das Tasmanicrkopfhaar einige interessante Zahlen mit. Was zunächst die Dicke des Haares betrifft, so zeichnet' sich die n>«ißc Rasse durch den Besitz eines besonders starken Haares aus; seine mittlere Maximalbrcit- beträgt bei schlichtem Haarwuchs 0,102 Millimeter. Dem Europäer nahezu gleich kommt der Chinese, dessen Haar «ine mittlere Höchstbreile von 0,009 Millimeter» auf- weist, während der Japaner mit einer Haardicke von 0,105 Millimeter» unter allen Völkern der Erde das stärkste Haar zu besitzen scheint. Messungen bei Indianern ergaben als größte durchschnittliche Haarbicke 0,09 Millimeter, bei Hereros 0,983 Millimeter. Das Haar der Buschmänner, das als sehr sei» bekannt ist, zeigt noch immer eine Höchstbreite von 9,0773 Millimetern, ivährend man bei ägyptischen Mumien 0,073 bis 0,07t Millimeter crinittelt hat. Die geringste Dicke weist das Haar deS Australiers aus mit 0,006 Millimeter». Bedeutend stärker als die Kopshaare sind beim Europäer die Barthaare, für die man 0,153 Millimeter als Durchschnittsstärke gefunden hat. Bergleichsivcise sei bemerkt, daß di« Fcllhaar« des Schimpansen 0,135 Millimeter dick sind. Wie die Dicke, so zeigt auch das t-lc wicht der Kopfhaare bei den einzelnen Menschenrasse» groß« Unterschiede. Beim Europäer stellt sich das Gewicht von 1 Zcnki- > net er Haarlängc auf durchschnittlich 5t Millionstel Gramm. Ei» annähernd gleiches Gewicht zeigten auch das Kopshaar eines peruanischen Indianers und eines Kamerunnegers mit 57 bczw. 59 Millionstel Gramm für das Zentimcler Länge. Durch ein sehr hohes Gewicht zeichnen sich dagegen die Haar« des Chinese» ans, die mit 0,998 Milligramm pro Zentimeter säst doppelt so schwer sind wie Enropäerhaarc. In der Jugend ist das Haar meist feiner als im Alter. Als äußerste Grenzen siir das Zentimeter Haargewicht hat man bisher 39 und 115 Millionstel Gramm sestgestellt. Ein Haar voll 1 Meter Länge wiegt durchschnittlich 5 bis 6 Milligramm! — Wett schwerer «IS das Kopshaar ist bei den Angehörigen der weißen Rasse das sogenannte Terminal- oder Fcllhaar, z B. das Barthaar. Co wogen bei einem tOjährigen Europäer die Barthaare pro Zentimeter 170,5 Millionstel Gramm, zeigte» also etwa das dreifache Strcckengcwicht des Kopfhaares. Infolge dieser bedeutenden Differenzen dürste es in den meisten Fällen selbst bei kleine» Haar- bruchstiicken nicht schwer zu entscheiden sei», ob Kopf- oder Tcrminal- haar vorliegt, eine Frage, di« bei gcrichtSärztlichcn Untersuchungen von Wichtigkeit sein kann, SKi de» außcrenropäischcn Rassen scheint dieser Unterschied nicht so ausgeprägt z» sein oder überhaupt nicht zn bestehen. Das Puppcnhans von Utrecht. Tic Zeit, da die weihnachtlichen SpielzengaussteUungcn in den Läden und Warenhäusern und die verlockend ansgebantcn Schaufenster mit ihren Puppen, Festungen, Tieren und Miniaturantomobilc» die Herzen der Kinder mit frohen weihnachtlichen Vorahnungen erfülle», ist zwar schon längst vorüber, aber die Kleinen, die mit leuchtenden Auge» all diese Wunderwerke bestaunen, würde» mit offenem Mntibc dreinschaucn, wenn sic das kostbarste Puppenhaus der Welt sehen könnten: das Puppenhaus von Utrecht. Und nicht nur den Kindern, nein, auch den Kunstfreunden und Sammlern alter Möbel würde beim Anblick dieses kleinen Wunderwerks das Herz schneller schlagen, denn das Pnppcn- werk von Utricht besitzt Schütze an Möbeln und allen Einrich- jungsgcgeiiständcn, deren Wert kaum zu berechnen ist und deren kulturhistorische Bedeutung sogar zwei bekanittc Kunstgelchrte, die Professoren Vogelfang und Müller, dazu begeistert hat, diesem PuppeuhanS ein ganzes gelehrtes Werk zu widmen. Es war um 1875, als eine reiche Dame aus Amsterdam aus die Idee kam, sich ein Puppenhaus machen zu kasteit, das »in Meisterwerk werden sollte. Immer mehr verliebte die vornehme Holländerin sich in ihren Plan, Handwerker und Künstler winden in Beivcgnng gesetzt, und nach 15 Jahren war dieses kleine Schloß vollendet, hatte «in Vermöge» verschlungen, aber dafür steht auch heule staunend die Nachwelt vor diesem Pnppeuhcim, das uns bester und unverfälschter als alle wirklichen Häuser aus jener Zeit einen Einblick i» bas Lebe» einer holländischen Patrlzlcrivohnung des 17. Jahrhunderts gcivährt. 115 klein« Zimmerchen sind cs, die hier bis zu dctl geringsiigigstcn Einzelheiten ohne Rücksicht auf Mühe oder Kosten ausgcstattct wurden. Die winzigen Möbel sind mit Gold beschlagen oder durch die Kunst des Holzschnitzers geadelt, entzückende Puppengemälde wurden von Künstlerhand geschossen, um getreu nach dem Borbildc der Wirklichkeit die Wände zu schmücken, ja den Salon dieses PuppcnhauscS malte einer der bcrühniteste» Künstler seiner Zeit aus, Meister Mouchero», besten Namen die Kunstwclt noch heute kennt. Da scheu wir im Salon auf Brokatstühlen unter reizende» Deckengemälden die Dame des HanscS in der Unterhaltung mit zivei Herren; im Treppenhaus, durch das ein Bage mit einem Korbe gerade zum Einkauf eilt, steht das Kinder fräulcin in: Begriff, mit dem Baby einen Spaziergang zu unter- nehmen; int Wohnzimmer plaudert die Dame des Hauses init ihre,» Gemahl, indes im Kindcrzimmcr auf hochbeinigem Stithl ein Töchterchen mit den, Onkel Arzt spricht. Küche, Garte», Schlaf, gcniach mit allen Toilette-Utensilien einer vornehmen Patriziersrau sind vorhanden. Ja so weit geht die „Wirklichkeit" de? Lebens in diesem Puppenhaus, daß cs 1813 sogar einen regelrechten Einbruch erdulden mußte, bei dem eilt« Reihe goldener und silberner Hausgeräte, ein Leuchter und goldene Bestecke gestohlen wurden. Allein die Stadt Utrecht, die mit Stolz ihr berühmtes Puppenhaus hütet, ließ die Bewohnerin nicht lange ohne Taselgerät, und schleunigst wurden für die Puppen neue Gvldbestcckc hcrgcstcllt, knnstvolle Kopien der gestohlenen Originale. chesttndheilspsscge. Saultrankhcitc» durch Pclzsärbcmittel. In der Deutsch, mcd. Wochenschr. berichtete Prof. Blaschko-Bcrli» über einige von ihm beobachtete Fälle von Hautkrankheiten, die deswegen unser Interesse beanspruchen, iveil sic durch Pelzsärbemittel hcrvorgerufcn werden. Eine Danie erkrankte an einer Hautentzündung, die sich voni Kopse über den ganzen Körper erstreckte. Die sorgfältigste Nachforschung ergab keinerlei Anhaltspunkte für eine i» irgend einem kosmetische» Mittel enthaltenen chemischen Schädlichkeit. Da sich aber bei näherer Beobachtung zeigte, daß die Hautent- ziindung ihren Ausgangspunkt am Halse genommen und sich von da abivärts über de» Körper verbreitete, kam Prof. Blaschko aus den Gedanken, ob nicht ein gefärbter Pelzkragen die Ursache der Erkrankung sein könne. Tatsächlich stellte sich heraus, daß der Pelzkragen des AbendmantelS vor kurzem frisch ausgcsärbt war. Der Pelzkragen färbte schon bei leichter Reibung ans das Papier ab. Tic chemische Untersuchung ergab, daß der Pelz mit Para- phenilendiamin gcsärbt, aber nicht genügend geläutert war. Ein anderer Patient bekam seit 1 oder 5 Jahren jedesmal im Winter, sobald er ins Freie kam. einen heftigen KesichtSausschlag, der i» wechselnder Stärke den ganzen Winter hindurch aufzutrcten pflegte. Auch hier war der Pelzkragen des Patienten srisch gefärbt und der Kragen färbte in derselben starken Weise aus ein Stück Papier ab. Der Patient ließ den Pelzbesatz ändern und konnte alsdann ohne die geringsten Störungen sich im Gebirge dem Wintersport hingeben. Werden die Pelze gut ausgewaschen, so daß der getrocknete Pelz „echt" gefärbt ist, dann enthält er auch kein Paraphenilcudiamii! mehr und kann unbeschadet gebraucht werden. Das heiße Bad bei Verstauchungen. Dr. K « n I o r o w i tz - Hannover empfiehlt bei Vcrstanchnngen statt der üblichen kalten Bleiivastcrumschläge das heiße, langaiidaucrndc örtliche Bad. Er hält cs für wirksamer als kalt« Anwendungen, weil cS sich bet den in Betracht komniendc» Verletzungen nicht um eine Entzündung, sondern um Blutcrgüste infolge Zerreißung von Gelenkbändern bandelt. Das heiße Bad ivird in der Weise ansgesiihrt, daß das verletzte Glied in ein möglichst heißes Bad sofort nach dem Unfall gesteckt wird, sodaß der Spiegel des Wägers noch handbreit über dein Gelenk steht Die Temperatur betrügt zunächst 28 Grad, dann gießt man alle 5 Minuten heißes Wastcr z», bis die Temperatur 35 Grad l>eträgt, ja inan kan» womöglich noch höher gehen. Das Gelenk kan» daraus leicht nnd schmerzlos bcivegt ivrrden. Das lrisst aber nur dann zn, wenn cs sich um eine einfache Verstauchung, d. h. um einen tiliß eines oder mehrerer Gelenkbänder handelt. Sobald aber nur die geringste Verletzung eines Knochens stattgesunden hat, werden die Beschwerden durch das heiße 2iad verschlimmert. TaS lang- dauernde heiße Bad ist deninach ein ivichtiges Mittel zwischen Bruch und Verstauchung und kan» die Röntgenuntersuchung ersetzen. Tie Erklärnng geht dahin, daß das heiße Bad im Falle einer Verstauchung eine erhöht« Anssaugnng des Blute? und damit ein schnellcs Bcrschwinden der Schmerzen bcivirkt. Dagegen ist beim Knochcnbruch die Blutung bedeutend, da viel stärkere Gesäße verletzt sind, die sich weder zurück- noch zusammenziehen könne». Hier ivird durch die Anwendung der Hitze weniger die Aussaugung des Blutes angeregt, als die Blutung selbst verstärkt und dadurch der Tchinerz vergrößert.