I* Organ für die Interessen des der Provinz Oberhessen und werktätigen Volkes der Nachbargebiete. Dt« Cfccibcfftfdi« B»ltäielton« erscheint jede» Werktag Abend in Diebe». Der AbonnemcntSpretS beträgt »öchentiich lS Big, monatlich 60 Big. raiicht. Bringertobn. Durch die Bost bezogen dicrtetfäKri.lLOMl. Redaktion und Erbcdltton Wieben, BabnboibraKe 22. Ecke LSwenaabe. Telephon 2008. Inserate losten die 8 mal gespait. Kolonelzeile oder deren Raum IS Big. Bei gröberen Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man dir abend«7>br für die folgende Nummer m der Expedition aufgeb«» Nr. 219 Gießen, Dienstag, den 22. September 1914 9. Jahrgang Heeresgeist und Volksgeist. Einem uns zugegangencn Artikel des bekannten Generals von Blume ist zu entnehmen, wie sehr die höheren milr- torischen Stellen mit dem Geiste der Volksmasscn rechnen, von dem der Geist des Heeres und damit letzten Endes der Sieg auf den Scl>lachtfeldern abhängt. Wir bringen deshalb aus dem überaus lesenswerten Artikel die nachstehenden Abschnitte: „Unter den Bedingungen des Erfolges im Kriege zivilisierter Nationen stehen der Heeresgeist und Volksgeist, d. h. die seelischen Kräfte des Heeres und Volkes, die in der Richtung aus den Kriegszweck wirksam sind, in vorderster Linie. Am stärksten macht sich dies in der Kriegführung der Staaten geltend, deren Wehrverfassung, wie jetzt außer der des Deutschen Reiches u. a. auch die Oesterreich-Ungarns, Frankreichs und Rußlands auf dem Grundsatz der allgemeinen Wehrpflicht beruht. Während der Heeresgeist seinen beherrschen- den Einfluß aus den Verlaus des entscheidenden WaffcngangeS unmittelbar ausübt, ist der Anteil des Volksgcistes an dem Erfolge des Krieges bedingt durch den Einfluß, den jener Geist auf den Heeresgeist sowie auf die Opferfreudigkeit und Hilfsbereitschaft der Bevölkerung und auf deren Widerstands- kraft gegen die Leiden des Krieges ausübt. Im Kriegsfälle aber ist solche Harnionie zwischen dem Volks- und dem Heeresgeist von unermeßlichem Werte. Da die Gesamtftreitmacht des Deutschen Reichs sich aus 25 Jahrgängen Wehrpflichtiger zusammensetzt, während der Irie- densstand des Heeres, außer etwa 30 000 Offizieren, einigen Tausend Sanitätsoffizieren und Beamten sowie 108 000 Unteroffizieren nur zwei (bei den berittenen Truppen dre:> Jahrgänge Wehrpslichftger umfaßt, so kann im Kriegsfälle die Stärke der Streitmacht auf mehr als das Zehnfache ihres Friedensstandcs gesteigert werden. Die Millionen von Kriegern aber, hie zu diesem Zweck aus ihren bürgerlichen Ver- hältnissen zu den Fahnen des Heeres cinberufen werden, verlassen die Heimat unter den, Eindruck des iin Lande sich kund- tzebenden Geistes. Nur ein Teil von ihnen findet einen festen Rückhalt an starken Rahmen des Friedensstandes, unter deren Einfluß sich der militärische Geist in ihnen verhältnismäßig schnell wiederbelebt. Aus der Mehrzahl von ihnen, und zwar besonders aus den Mannschaften, deren militärische Schulzeit weit zurück liegt, müssen neue Truppcnkörper geschaffen werden. Daß unter solchen Umständen der im Lande herrschende Geist im Anfang des Krieges auf den Heeresgeist einen starken Einfluß ausübt, bedarf keiner weiteren Begründung. Er ist so stark, daß die Regierung eines Staates, dessen Wehr- ftzstem dem geschilderten ähnlich ist, sich schwer zu einemKriege entschließen wird, in dem sie nicht hoffen kann, die große Mehrheit der Nation hinter sich zu haben. Hört doch auch die Wechselwirkung zwischen dem Heeresgeist und dem Volksgcifl Mit den Vorbereitungen für den Krieg keineswegs auf. Unter den heutigen Verkehrsverhältnisscn gehen unendlich viele Nachrichtensäden auch während des Krieges zwischen dem Heere und der Heimat in Form von Briefen, Zeitungen usw. hin und her, um so mehr, je höher der Bildungsstand der Nation ist. Der Nachrichten- und Meinungsaustausch zwischen Heer und Volk ist ein so starkes Bedürfnis auf beiden Seiten, daß es gefährlich wäre, ihm nicht nach Möglichkeit Rechnung zu tragen. Nur s^hr dringende höhere Rücksichten können die zeitweilige Unterbrechung dieses Verkehrs rechtfertigen, wie eine solche nach amllich gegebener Aufklärung im Interesse der Geheimhaltung der Operationsao- sichtcn im Anfang des gegenwärtigen Krieges unabweisbar gewesen ist. Heer und Volk haben diese Prüfung, wenn auch nicht ohne deutlich erkennbare Beunruhigung, so doch im ganzen befriedigend bestanden. Wie denn überhaupt der Heercsgeist und der Dolksgcist Während des bisherigen Verlaufs des Krieges sich des höchsten Ruhmes wert erwiesen haben. Das Schauspiel, das wir ^etztvergangcnen Wochen der Welt geboten haben, reiht Isch würdig dem der Erhebungen von 1813 und 1870 an, ja, »ivcrtrifst diese in mancher Hinsicht noch. Wie der Drang nach "o^hrts. der unser herrliches Heer beseelt, keine Hindernisse noch Grenzen zu kennen scheint, so klar zeigt sich in der Haltung des ganzen Volkes die Erkenntnis, daß cs sich in diesem Kriege um Sein oder Nichtsein handelt, und der entschlossene Wille, ihn zu siegreichem Ende zu führen. Dank auch unserer genialen Heeresleitung, entsprechen die bisher erzielten Erfolge diesem Geiste. Aber immer aufs neue muß daran erinnert werden, daß de: Weg zum Ziele noch weit ist, daß wir erst am Anfang bcr O, .. u:.d Leiden stehen, die wir noch zu tragen haben werden, damit das Ende des Krieges seinem Anfänge entspreche. Die Gefahr, daß dies nicht gcnügeno scharf im Auge behalten werde, ist besonders deshalb so groß, weil wir durch den ununterbrochenen Siegeslauf von 1870/71 verwöhnt sind. Wie sehr, das geht recht deutlich aus der vor kurzem vernommenen Klage hervor, es sei doch bisher noch nicht gelungen, auch nur eine feindliche Armee zur Kapitulation zu zwingen. So löblich dje wcrttätige Hilfsleistung zur Vorbeugung und Linderung der Kriegsnöte ist, die auf allen Gebieten des Volkslebens so opferfreudig entfaltet wird, so ist doch nicht minder wichtig, daß auch mit allen geistigen und sittlichen Mitteln, besonders durch Beispiel, Uebcrwachung, Belehrung und Ermahnung jeder Erlahmung des Volksgeistes entgegengewirkt werde." Jawohl, jeder Erlahmung de? Volksgeistes muß ent- gegengcwirkt werden. Dazu gehört aber auch — wir wollen es nnt aller Offenheit sagen, die uns gerade in den letzten Tagen Pflicht geworden zu sein scheint — daß die regierenden Stellen und die militärischen Befehlshaber in der Heimat nicht die Meinungs- und Mitteilungsfreihcit der Presse über das durch die militärischen Rücksichten gebotene Maß hinaus einengcn. Vor allem sollte man den Kampf der Presse gegen jenen Teil des Unternehmertums, der jetzt die Kricgszeit dazu ausnutzen will, gegen den Willen der eigenen Organisationen, die Frieüenserrungenschaften der Gewerk- schäften zunichte zu machen, nicht zuletzt auch bei Militär- licferungen, nicht unterbinden. Wenn irgend etwas, so erzeugen solche beschränkende Maßnahmen, die von den Angehörigen der Gewerkschaften und ihren Familien als eine Stellungnahme zugunsten der Unternehmerschaft ausgclegt werden können, eine Mißstimmung, die zwar äußerlich Fol- gen nicht hat und zu Arbeitseinstellungen nicht führen wird, die aber zu einer Stimmung im Volksgeiste führt, die mit Rücksicht auf die große und auch durch etwaige Zwangsmaß. nahmen nicht zu verhindernde Einwirkung des Volksgeistes auf den Hccrcsgeist nicht erwünscht sein kann. Und ganz allgemein mögen die leitenden Stellen daran denken, daß unser Volk doch wahrlich in diesen 7 Kriegs- Wochen gezeigt hat, wie mündig es ist, und unsere Presse, wie sehr sie sich ihrer Verantwortlichkeit gegenüber den Gefahren des Vaterlandes bewußt ist — so daß eine über das rein milftärische Interesse hinausgehende Zensur der Presse nur verbitternd wirken würde. Die Presse, insbesondere die sozialdemokratische, würde sich zwar durch die schärfsten Zensurmaßnahmen gewiß nicht so verbittern lassen, daß sie grollend beiseite stehen bliebe. Trotzdem würde sie nach wie vor ihre vaterländische Pflicht bis zum letzten Reste erfüllen. Aber nach dem Kriege kommt wieder eine Friedenszcit. Und in ihr soll nach tausendfältiger Versicherung ein neues Deutschland aller Deutschen auf- gebaut werden. Darum sorge man vor, daß nicht im Kriege Keime einer Verbitterung geschaffen werden, die im der- einstigen Frieden das neue Deutschland gefährden könnten. Unser vaterländisches Verantwortungsgefühl hat uns geboten, dieses offene Wort zu sprechen. Zur militärischen Lage wirb dem Berliner Lokalanzeiger von seinem militärischen Mitarbeiter geschrieben: Wie aus den Mitteilungen des Großen Hauptquartiers hcrvorgcht, war das französische Vordringen überall in den letzten Tage» erlahmt. Jetzt sehen wir den langen Bewcgnngs- kampf plötzlich zum Positionskampf werden, wie wir ihn in den Gefechten am Liao-Fluß und bei Mulden gesehen haben, oder im Balkaukrieg an der Tschaiaidscha-Linie, Tie Richtigkeit dieser Auslegung geht um so deutlicher daraus hervor, daß französische und deutsche Leitungen in gleicher Weise bei dem Gegner die Stärke der Erdwällc betonen. Bei einem Angriff auf derartige Stellungen ist cs zunächst notwendig, eine schwache Stelle ausfindig zu machen. Was nun die Stellung der beiden Armeen anbetrifft, so ist die der deutschen Armee die günstigere. Unsere rückwärtigen Verbindungen sind bis zu dem Punkte verkürzt worden, der cs möglich machte, unser Riescnhccr mit allen für das Lebe» und für den Kamps nötigen Mitteln zu versehen. Tiefes Gefühl der materiellen Sicherheit ist von unberechenbarem Einfluß. In den lang hingezogenen Kämpfen sind unsere Stellungen außerdem auch von strategischem Gesichtspunkte aus vorteilhaft. Der Feind hat jetzt zwei Flüsse hinter sich. Flüsie im Rücken haben so lange nichts zu sagen, wie man sich seines Erfolges sicher suhlt. Sie üben aber einen höchst beunruhigenden Einfluß aus, sobald dieses Gefühl der Sicherheit ins Wanken kommt. Daß dieses aber in dem französischen Heer der Fall ist, kann nach der Umstimmung in der französischen Prcsic nicht bezweifelt werden. Wird die französische Armee nun durch die deutsche Armee zum Abzug nach Paris gezwungen, so muß sie unter den Augen und unter den Gcschützmündungcn des von neuem durch Vcrstärsiingen belebten Gegners die Aisne und Marne passieren. Beide Flüsse sind durch anhaltenden Regen im Steigen begriffen. So ist cs denn die Aussicht der Franzosen, in langen Heeressäulen die Brücken passieren zu müssen, eine Aussicht, die wahrhaft für sic nicht erfreulich ist. Die Lchlachtberichte des französischen Kricgsmittisters. Paris, 10. Sept. (Indirekt. Etr. Frkft.f Tas Bulletin von heute Nachmittag lautet: Wir halten alle Hügel gegenüber dem Feinde, der sich mit ans Lothringen kommenden Truppen zu verstärken scheint. Im großen und ganzen führen beide Parteien, die stark vcrjchanzt sind, Teiiangriffc auf der ganzen Front aus, ohne daß irgendwo ein endgültiges Ergebnis cingetreten wäre. Paris, 10. Sept. (Priv.-Tei. Indirekt. Etr. Frkft.) Das letzt« Bulletin des KriegsministeriumtS besagt: Aus der Aendcrung der allgemeinen Lage ist nur das Vorrückeu der Franzosen au, dem linke» Flügel hervorzuhcben. Tie Heftigkeit der Schlaeht läßt ein wenig -nach. Weitere Fcindesmeldungc«» über die große Schlacht. Berlin, 20. Sept. Ter Berl. Lokalonz. meldet aus Rotterdam: Aus Paris über London wird hierher mitgeteilt: Die Schlacht an der Aisne ist di« ivichtigste seit Ansang des Krieges. Man darf die Schlacht nicht mehr als Transport-Dcckungsgesecht der Rachhut betrachten. Sie ist vielmehr der wtchtigstc Ringkampf und der jetzige Zeitabschnitt wird die großen Kricg-soperationen in Frankreich beenden. Tie Aufstellung der französischen Hcerrsteile, wie sie der sranzösiichc Gcncralitaö mitgeteift hat, wird gänzlich verurteilt. Inzwischen muß man die deutschen Verbindungslinien nicht für so bedroht anfehen, als allgeinein geglaubt und angenommen ivird. Solange die Deutschen Teiguier und Laon behaupten, können sie nicht nur die Bahnlinien durch Luxemburg und das Maasgebtot, sondern auch das belgische Retz für die Zufuhr von Vorräten und Verstärkungen benutzen. Am Donnerstag wurde an einem Punkte gekämpft, wo die Engländer standen. Sic hatten schtver zu leiden, vollbrachte» aber ihr« Ausgabe, ohne einen Moment zu wanken, Berlin, 21. Sept. Der Pariser Korrespondent der Londoner Evening News meldet aus Rotterdam: Wir hörten in Epernap, daß die Deutschen seit drei Tagen Reims beschosien. Bon den Reims beherrschenden Hügeln war dies ein entsetzlicher Anblick. Die Türm« des Domes waren in Rauch gehüllt. (Uebrigens hat die deutsche Heeresleitung Anordnungen g«trofseu, um die Kathedrale möglichst vor der Zerstörung zu bewahren. Red. C. A.) Eine Granate platzte über den Häusern. Als ich in die Stadt kam, war si« verlassen und die Straßen leer. Man hörte den verschiedenen Ton der frangd- sischen Batterien südlich und den der deutschen nördlich der Stadt. Ein heftiges Artillcriedncll war im Gange. Ich kietierte ans einen Turm. In einem Halbkreis sah man am Horizont di« feindlichen deutschen Batterien. Ihre Granaten sielen auf ein« Fläche von 11h Quadratkilometer in der Umgebung der Stadt, oder weiter an die französischen Truppen, die dort warteten, bis die Artillerie ihnen den Weg bereiten würde. Die Artillerie wurde immerfort verstärkt, angeblich auch durch Schifssgeschützc, Viele Granaten fielen auch in die innere Stadt, Der Dom, in dem man verwundete Deutsche aus Stroh gelegt und auf dem mau di« Rotc-Kreuzflaqgc ausgepslanzt hatte, wurde geschont. Im ganzen wurde während des dreitägigen Bombardements der Dom ack>tmal getroffen, der angerichtetc Schaden ist aber sehr gering. Die Darstellung eines französischen Offiziers. Ein vom Schlachtfeld heimgekchrter Hauptmann erzählt, daß die Schlacht an der Aisne alle vorhcrgcgangenen an Heftigkeit weit über- treffe. Man habe fälschlich im Widerstand der Denflchen an der Aisne ein Manöver zur Deckung ihres Rückzugs sehen nwllcn: vielmehr wollten die Deutschen die Stoßkraft der Verbündeten brechen. Am Morgen des 14. September nahinen beide Arineen Fühlung miteinander. Am Nachmittag wurde di« Schlacht allgeinein. Zunächst beschränkten sich die Deuischen auf die Defensive, da sie offenbar die Ankunft von Verstärkungen abwartcn wollten.. In der Nacht vom 15. auf den 10. machten die Deutschen einen furchtbaren Angrift, namentlich auf die französische Linke. Franzosen und Engländer mußten den ganzen Mut und die ganze Kraft zusaminennehinen, um zu widerstehen. Zehnmal wiederholten die Deutschen den Versuch, die französische Linie zu durchbrochen. Diese nächtlichen Kämpfe feien di« furchtbarsten, di« der französische Hauptmann in diesem Kriege erlebte. Der 16. September und die folgende Nacht verliefen verhältnismäßig ruhig, aber am Morgen des 17. lebte der Kampf mit großer Hefttgkcit wieder aus. Die Stimmung in Paris. Berlin, 20. Sept. Der Berl. Lokaianz. meldet aus Mailand: Wie italienische Blätter törichten, erwartet das Volk in Paris mft größter Spannung den Ausgang der Schlacht an der Aisne. Die militärischen Meldungen bringen bisher wenig über die Vorgänge, aber das Eine geht aus ihnen hervor, taß die Schlacht mit furchtbarer Heftigkeit tobt. Desgleichen besagen Erzählungen von Offizieren. die von der Front nach Paris zurückkchren, daß die Deutschen mit der größten Todesverachtung kämpfen, um die französisch« Lini« zu durchbrechen. Die Franzosen im Obcrelsasz. Straßburg, 20. Spt. Die Straßburger Post meldet aus Münster im Oberclfaß vom 17. d. M.: Die Franzosen setzten trotz der Proteste der Bevölkerung die Verhaftung unschuldiger Geiseln fort. So nahmen sie den Bürgermeister von Metzcral und den LandtagS- abgeordnctcn Immer gefangen, nachdem sic vorher seine beiden Söhne festgcnommen hatten. Weitere Verhaftungen wurden in Waffcrburg vorgenommc». Frankreich organisiert Hilfskorp . Berlin, 21. Sept. Wie dem Berl. Lokalanzeiger aus Genf berichtet wird, wurde General Pau zur Organisierung don Hilfskorps nach dem Süden Frankreichs entsandt. — Der Berl. Lokalanzeiger bemerkt dazu: Tiefe Nachricht ist nicht ohne Interesse. Wir wissen, daß Frankreich nicht nur alles Menschcnmatcrial bcrangezogen flat, auf das es gesetzlich hiniveisen, daß Marios befohlen hatte, alle Ortschaften Im Bereich der russischen Truppen zu verbrennen und all« männlichen Einwohner zu erschießen, auch wenn diese sich nicht am Kampfe beteiligten oder sich etwa durch Venveigcruiig von Nahrungsmitteln widersetzlich gezeigt hätten. Einen dieser Unmrnschltchkeit ebenbürtigen Befehl hatte bekanntlich auch der Führer der russischen Narcivarm«, Nennen>ka-nipf erlassen. Er befahl, sämtliche Förster der Nomintenerhcide aufzu- heben und zu erschicsicn. Jetzt kommt nun aus Halle die Meldung, das, der General MartoS gefesselt nach Halle gebracht wurde, wo er vor ein deutsches Kriegsgericht gestellt werden soll. Die Tätigkeit der serbische,» und montenegrinische,» Truppen. Rom, 19. Scpt. Nach hier eingelaufencn Nachrichten haben sich die beiden montenegrinischen Heere, welche bisher getrennt unter den Generälen Martinowitsch und Wukowitsch operierten, bei Fotscha in der südlichen Herzegowina vereinigt; sie wollen auf Terascwo marschieren. Aus Risch wird vom 1t>. September gemeldet: Auf der Front von Sjanlavia bis Zvornik dauern die Kämpfe fort. Tic Lage der serbischen Truppen ist im Zentrum befriedigend. Engländer «nd Franzose» blockieren die Adriaknstc. Mailand, 20. Scpt. Ter Eorriere dclla Sera meldet aus Bari: Mehrere englische und französische Kriegsschiffe liegen vor Turazzo, andere vor Cattoro in Blockabcstellung. Die deutsche Regierung gegen die englische Thronrede. WB. Berlin, 20. Scpt. (Amtlich.) Die Nordd. Allg. Zeitung bemerkt zu der englischen Thronrede: Wenn die englische Regierung jede mögliche Anstrengung zur Erhaltung des Weltfriedens gemacht hätte, so würde er eben erhalten geblieben sein. Solche Anstrengungen hat der deutsche Kaiser noch bis in die letzte Stunde bei den Souveränen von Rußland und England gemacht, und wenn diesen Bemühungen kein Erfolg beschiedcn war, so wissen wir heute aus unwiderleglichen Zeugnissen, zuletzt aus dem am 30. Juli von dem belgischen Gesandten in Petersburg an seine Regierung erstatteten Bericht, daß Rußland nur losschlug, weil .hm die positive Zusicherung der englischen Regierung, sie werde am Kriege gegen Deutschland teilnehmen, vorlag. Diesen Punkt berührt die Thronrede ebensowenig wie sic einen Grund dafür angibt, daß Sir Edward Grey die deutsche An- rcgung, England möge sich für die Neutralität Frankreichs verbürgen und damit mindestens dem Westen Europas den Krieg ersparen, einfach zu Boden fallen ließ. Hiermit erledigt sich auch die Versicherung des englischen Königs, er fei durch absichtlichen Bruch von Vertragsvcrpflichtungen zum Kriege gezwungen worden. Nicht absichtlich und aus Freude an der Sache, sondern mit Bedauern und dem unerbittlichen Gebote der Selbstcrhaltung folgend, sah Deutschland sich zum Betreten feindlichen Gebietes gezwungen, als der Krieg, den England hätte verhindern können, unvermeidlich geworden war. Wie die Regierung endlich die Lebensintcressen des britischen Reiches zum Kriege zwangen, ist uns vollkommen unerfindlich. Es hieß doch stets, Englands größtes Interesse sei der Friede und der bisherige Verlauf des Kampfes dürfte diese Formel nicht entkräftet haben. Patriotische Kundgebttttgen im englischen Nnterhanse. Rotterdam, 20. Sept. Nachdem im englischen Unterhause die Thronrede zur Vertagung des Parlaments verlesen worden war, erfolgte eine Kundgebung, wie sie das Haus noch nicht erlebt hatte. Tas Mitglied der Arbeiterpartei, CrookS, stimmte die Nationalhymne an, die bas ganze Haus und die Galerie stehend mitsanq. Darauf erscholl ein dreifaches Hoch aus de» König und das Haus wibcrhalltc vom begeisterten Jubel. Ein Mitglied der Regierungspartei rief: Gott behüte Irland! Als Erwiderung darauf rief Redmond: Gott behüte England! Der englische.Handelskrieg. London, 18. Scpt. Ter Londoner Börscnvorstand bestimmte, dass Zertifikate von amerikanischen Aktien, welche aus den Namen der Untertanen seindlichcr Staaten lauten, nicht mehr lieferbar sind und der Handel in diesen untersagt wird. Die Engländer verlieren wieder ein Unterseeboot. London, 20. Sept. Die Admiralität kündete den Empfang eines Telegramms der Regierung von Australien an, in dem der Verlust des Unterseebootes AE I gemeldet wird. Weitere Einzelheiten fehlen. Kleine aber nützliche Mittel. Es ist nützlich, in grossen Zeiten auch auf kleine Dinge zu achte». Tenn aus unzähligen kleinen und kleinsten Zügen summieren sich die grossen Entscheidungen. Ta fällt uns eine Notiz in der Berliner Presse auf, in der berichtet wird, dass das englische Königspaar am letzten Dienstag ein Lazarett besuchte, in dem fünfhundert deutsche Gefangene gepflegt werden. Der König sprach mit den Verwundeten deutsch und erklärte, dass zwischen deutschen und englischen Verwundeten kein Unterschied gemacht werden solle. Zugleich wird ein Bericht der Evcning News verbreitet, in dem die Lage der deutschen Gefangenen in England als geradezu glänzend geschildert wird. Die Leute, heisst es da, wohnten zum <,cil in Offizterskasinos. spielten Billard und Karten, sie dürften Zeitung lesen, musizieren, Besuch empfangen und würden genau io gut verpflegt wie die englischen Soldaten. Man darf nicht erwarten, dqss diese Meldung augenblicklich in Deutschland grossen Eindruck macht. Denn das deutsche Volk hegt heute gegen die englische Staatslcitung die bittersten Empfindungen und es hat allen Grund dazu. Man wird dazu geneigt sein, vom englischen Cant zu reden, von der Heuchelei, die im einzelnen als Menschenfrcundin erscheinen will, während sie Verderben über alle Welt bringt. Uebrigens wäre cs ganz nutzlos, heute in eine Betrachtung darüber einzutreten, inwieweit der englische Königsbcsuch bei den verwundeten und gefallenen Feinden am Ende doch aus ursprüngliche Gefühle der Menschlichkeit und Ritterlichkeit zuriick- zusllhren sein könnte, denn cs kommt heute nicht auf die Motive an, aus denen die Handlungen entspringen, sondern darauf, wie sic wirken. Und da muss man schon sagen, baß der Besuch des englischen Königspaars bei den deutschen Gefangenen zum mindesten ein sehr geschickter Zug war. Heute, wo um die Seele der Neutralen bei- nahe noch leidenschaftlicher gestritten wird als um befestigte Stellungen aus den Schlachtfeldern, hat jede der kämpfenden Mächtegruppen das Bestreben, vor der Belt als der echte Vertreter der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit zu erscheinen. Wenn nun die Nachrichten über die Behandlung deutscher Gefangenen in England mit bekannten bedauerlichen Vorkommnissen in Deutschland verglichen werben — an denen übrigens die Behörden keine Schuld tragen — so muß das auf das Ausland einen starken Eindruck machen. Wenn man den Engländern vorwirft, dass sie hinter freiheitlichen und menschlichen Allüren ihren Eigennutz und ihre Herrschsucht verdecken, so kann man auf der anderen Seite fcststellen, dass manche Deutsche nach Rezepten arbeiten, die politisch viel weniger empfehlenswert sind Diese Deutschen glauben richtig zu handeln, wenn sie ihr menschlich fühlendes Herz hinter einer möglichst rauhen Hülle verbergen und eine mitunter bis an Roheit grenzende Forschheit an den Tag legen, die ihrem innersten Wesen hoffentlich fremd ist. Wir denken dabei besonders an Vorschläge, die in einem Teil der deutschen Presse hinsichtlich der Behandlung der Kriegsgefangenen gemacht worden sind. Es entstehen dadurch Kontraste des äusseren Benehmens, die der deutschen Sache nicht förderlich sein können. Es scheint ein Widerspruch in sich selbst und bleibt deswegen doch nicht weniger wahr, dass zu den Mitteln der Kriegführung auch die Menschlichkeit gehört. Die Niederkämpfung des bewaffneten Feindes ist ein hartes Muss. Menschlichkeit gegen Wehrlose zir üben, ist aber nicht nur ein schönes Recht, sondern auch eine nationale Pflicht. Wer zu ihrer Missachtung auffordcrt, schadet uns, denn er läßt uns vor der Welt schlechter erscheinen, als wir sind! Kanadische und australische Truppen» seudungeu. Mailand, 29. Sept. Die Londoner Presse kündigt die erste kanadische Truppenscndungen von 40 000 Mann an. 20 000 Australier sollen bereits in England eingeschifft sein. Kitchener erklärte, das Heer von 800 000 Mann sei schon bereit. Die Antwort der deutschen Regierung. IVB. Berlin, 20. Scpt. (Amtlich.) Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung schreibt: Nach einer vom Reutcr-Bureau verbreiteten Meldung aus Washington soll der dortige deut- schc Botschastcr erklärt haben, Deutschland sei zum Frieden bereit, falls das deutsche Territorium in Europa nicht verkleinert würde. Solche Meldungen sind darauf berechnet, den Eindruck zu erwecken, als ob Deutschland trotz des Sieges- laufes seiner Heere im Westen und Osten kampfesmndc wäre. Deutschland denkt im gegenwärtigen Augenblick garnicht daran, irgendwelche Friedensangebote zu machen. Wir wiederholen: Deutschland verfolgt nur das eine Ziel: Den ruchlos uns ausgczwungencn Krieg ehrenvoll zu Ende durchzu- fechte». , Anspruch haben könnte; sondern es hat auch die von den Aushebungskommissioncn als unbrauchbar Bezcichneten zu einer nochmaligen ärztlichen Untersuchung beordert. Wenn nun General Pan ganz nach der Art gewisser einflußreicher Männer in Jahre 1870 und Anfang 1871 Hilfskorps in Südfrankrcich organisieren will, so ist das ein verstärkter Be- weis dafür, daß man in Frankreich die Lage als sehr ernst betrachtet. Wie die dcntschen Flieger arbeiten. WTB. Basel, 19. Scpt. (Nichtamtlich.) Die Gazette de Lausanne enthält ein Telegramm aus Toulouse über den Bericht eines französischen Offiziers, in welchem cs heisst: „Auch unsere Feinde haben aus dem letzten Kriege ihre Lehren gezogen. Sie unterhalten den bcstorganisicrtcn Nachrichtendienst, der sich über bie ganze Welt erstreckt und sie mit ziemlich genauen Beobachtungen versorgt. Wir haben nicht geglaubt, dass die deutschen Flieger so zahlreich seien. Ganze Schwärme kuiidschaftctcii unsere Stellungen aus. Wenn einer heruntergeschossen wurde, erschienen fünf andere,' die höher flogen. Das können Tausende von Zeugen versichern. Die Flieger ließen rote Kugeln hcrabfallen. Unsere Soldaten warfen sich zu Boden, denn sic erwarteten eine Explosion; aber nichts erfolgte, nur eine weiße Rauchfahne stieg empor. Ein paar Minuten später aber sauste ein Hagel von Granaten und Schrapnells über uns her. Die deutsche Artillerie zielt und trifft genau, wenn sic uns auch an Material und Munition nicht gleichkommt. Der Plan, bas Ziel durch Flieger markieren zu lassen, ist eine geniale Idee. Ter Kniff ist nun entdeckt, aber er hat genug genutzt." Die ökonomische Krisis in Frankreich. Paris, 18. Scpt. Das Pariser Finanzblatt l'Jnformation veröffentlicht einen längeren Artikel über das Thema: „Was ist aus den Plänen betreffend die Wiederaufnahme der Arbeit geworden?" Das Blatt stellt fest, daß alle beabsichtigten Maßnahmen, um der Arbeitslosigkeit zu steuern, bisher nicht verwirklicht worden sind und man von der Reorganisation der Arbeit überhaupt nicht mehr spreche, sondern anscheinend olle diesbezüglichen Pläne ins Wasser gefallen seien. Unter den Massen des Volkes sei deshalb eine wahre Entmutigung zu verzeichnen. Man könne sich davon überzeugen nach Be- such der Hauptarbeiterzentren, wo man die Gedanken und Meinungen der Arbeiterklassen am besten kennen lerne. Ueberall mache sich eine Mißstimmung bemerkbar. Darin bestehe eine Gefahr, der durch die Reorganisation der Arbeit umgehend abgeholfen werden müsse. Tas Blatt schließt: „Die ökonomische Krisis, die Frankreich durchmacht, ist sehr schwer. Ihre Folgen könnten vernichtend werden, Kenn der Krieg sich in die Länge zieht, ja selbst, wenn er sich wie man jetzt wohl hoffen kann, siegreich hinzieht." I» Rutzland stocken Handel und Verkehr. Basel, 19. Sept. Die Neue Züricher Zeitung vom 18. Sevtcmber bringt den Privatbrief eines Schweizers aus Moskau vom 24. August, in dem es heißt: Handel und Verkehr fangen an zu stocken. Industrielle und gewerbliche Unternchinungen sind zwar zur Zeit noch gut beschäftigt, doch wird dies nicht mehr lange dauern. Zwar wird behauptet, die Messe in Nischni-Nowgorod habe in jüngster Zeit etwas angezogen, und auch der Bahnverkehr würde demnächst wie- der in norniale Bahnen gelenkt. Die Lebensmiftelpreise seien im allgemeinen gestiegen, nur einige Gegenstände seien wegen des Ausfalls im Exportgeschäft billiger. Die öffentliche Wohltäftgkeit wird bereits stark in Anspruch genommen. Ueber den Gang des Krieges erfahren wir nur aus russischen Zeitungen, nach denen die Schweiz bereits mit deutschen und französischen Verwundeten und Flüchtlingen über- füllt sei. Eine deutsche Warnung an Rutzland. Berlin, 29. Scpt. Wie die Post erfährt, ist durch Vermittlung einer neutralen Macht von der deutschen Regierung wegen der von russischen Generäle» befohlene» ruisifchcn Mordtaten eine ichoric Warnung an die russische ergangen. Die weiteren Feststellungen an Ort und Stelle habe» ergebe», dass die Sckmndtaten a» einer friedlichen Zivilbevölkerung verübt morde» waren, die de» russische» Truppen nicht dcn geringstc» Widcrsiand cntgcgcngcicszt hatte., Ein russischer Mordbrenncrgcneral vor de»n dcntschen Kriegsgericht. Bei dem General Markos, einem Kommandeur der russischen Armee, di« in Ostpreusscn cinficl, sind, als er von deutlchen Truppen gelanget» genommen wurde, Dokumente gefunden worden, die daraui Slfraja. Ein nordischer Roman von Theodor Mügge. 66 Hclgestad warf einen Blick hinüber und lachte dazu. „Nuh!" rief er, .„kommst mir vor wie der Nordländer in Kopenhagen, der, als er Goldfische in des Königs Teiche schwimmen sah, zu seinem Begleiter sagte: Peter, sieh die Heringe hier an, sind wie bei uns, nur etwas kleiner; aber bei St. Olafs Bart! sie haben die Tiere rot angcstrichcn. — Wie der ehrliche Bursche jeden Fisch, den er nicht kannte, für einen Hering hielt, hältst du jedes Sccboot für eine Jacht. Wirst aber den Unterschied kennen lernen, Mädchen, hast gute Augen. Denke es ist so?" „Und wie nennst du das Schiff?" fragte Hanna. Helgestad sah noch einmal hin, dann spie er grämlich aus und zog seine Kappe um den Kopf. „Ist eines von denen." sagte er. „die wie Haie auf- und obstreichen, und wo sie sich blicken lassen, danke» ehrliche Leute Gott, wenn sic ohne Schaden davonkommen." „Wie, ist ein Seeräuber?" rief Hanna. „Nuh!" rief der Kaufmann, „möchte es glauben, daß der Bursche Raub im Sinne bat, wenn es angeht. Schau hin, da schießt er aus der Bucht hervor. Ist lang, spitz und schmal wie ein Schelm, und flattert oben am Kopf ein War- nungszcichcn, daß jeder sich vor ihm hüten soll." „Es ist ein Kllstcnwächter, der hier umkreuzt," sagte Marstrand, welcher die Regicrungsslaggc erkannt batte. „Ein Spürhund," antwortete Helgestad, „wie sie viele jetzt ausschickcn, armen Leuten das Leben sauer zu machen." In seinen Aerger stimmten damals viele ein. denn die Regierung hielt die Einfuhr unter bedeutendem Zoll und ließ mehr als je streng darüber Wachen, daß von Deutschland und England herüber nicht Paschhandcl getrieben, Waren aller Art, namentlich Branntwein, eingeschmuggelt wurden, was an diesen tausendfach zerrissenen Küsten schwer zu vermeiden war. Die Küstenwächtcr hatten das Recht, jcdcs Fahrzeug anzuhalten, wenn sie wollten, dessen Ladung zu untersuchen und mit den Ausweisen zu vergleichen. Die dänischen Lugger und Sloops waren darum aufs tiefste verhaßt, und eine Reihe von Verniutungen begleiteten auch jetzt dcn raschen Segler, der von seiner großen Raa am Hauptmast den Danebrog flattern ließ und scharf an dcn Wind liegend auf die Jacht hielt. Wie ein Raubvogel, der seine Beute umkreist und betrachtet, lies er in weiten Boigen um das schwere Schiff. Auf dem Deck des Luggers standen ein paar Offiziere, welche mit ihren Gläsern die Jacht musterten, und eine Zeitlang schien cs, als ob sie sich damit begnügen würden; plötzlich aber wandte der Küstenwächtcr um, und zu Helgcstads schweren! Mißmut war er bald dicht an seinen Fersen und rief den Nordländer an. „Wollt' cs Euch sagen, wenn ich Euch hätte, wo ich wollte," murmelte Hclgestad, indem er antwortete, aber sein Aerger steigerte sich, als ein Boot des Luggers vom Stern herabgclassen wurde, in welches ein halbes Dutzend Matrosen und zwei Männer in der Uniform der Stcucrbamten sprangen, die sogleich auf die Jacht loSruderten, deren Segel fallen mußten. — Ter Küstenwächter legte sich inzwischen auf Kabellänge an dcn Nordländer: sein Teck war gut besetzt, und der lange Vierundzwanzigpfiindcr auf Drchzapfen, den er vorn führte, flößte die gehörige Beachtung seiner Befehle ein. In der nächsten Minute war die Hälfte der Seeleute mit ihren Anführern an der Knotenlciter der Jacht aufgestiegen, die wie ein Riese gegen den kleinen flachen Lugger ans dem Wasser aitfragtc. Wie ein gebundener Riese gehorchte auch Helgestad, als der erste Ofizicr des Küstcnwächtcrs ihn auf- fordcrtc, seine Papiere zu zeigen. Mit miirischen Blicken stieg er in die Kajüte hinab, gefolgt von den: Beamten, der scharf umhcrsah und jeden Winkel musterte. . Sein Begleiter blieb auf dem Deck, und während die Mannschaft mit den fremden Matrosen sprach, beliebte es ihm, sich dem Fräulein und Marstrand zu nähern. — Ein Fall oder eine Wunde mußte ihm eine Beschädigung im Gesicht zugezogcn haben, denn ein schwarzes Pflaster deckte ein Auge zu, und ein buschiger, rotbrauner Bart lief breit über seine Backen hin. „Wir wissen," sagte er in rauhem Tone, „daß dies Schiff voll gefährlicher Konterbande steckt. Sie würden wohl tun. nichts zu verheimlichen." „Sieht der Herr mich etwa dafür an?" fragte die junge Dame. „Ach, Hanna," erwiderte er mit flüsternder Stimme, „wie gern würde ich diese Konterbande gleich an mein Herz drücken und mitnehmen. Nun wahrlich," fuhr er leise lachend fort, „meine Maske muß gelungen sein, daß selbst die Liebe sie nicht sogleich durchschaute." „Henrik," antwortete sie zitternd vor Freude und Furcht, „welche Ucberraschung und welcher Uebermut! Ich erwartete dich nicht hier, nicht heute, am wenigsten in der Gestalt eines Zollbeamten." „Alles, was helfen kann, muß dienen," sagte der Kapitän. „Ich mußte dich sehen, Hanna, mußte dir sagen, daß ich bc- reit und dir nahe bin. Der eigentliche Kllstcnwächter kreuzt an der Mündung des Sognefjord, Leutnant Hansen, niein Freund, dem es Vergnügen macht, uns zu helfen, hatte die alten Kleider der Zollwächter noch an seinem Bord, und als wir dein schwimmendes Gefängnis erblickten, kam er auf den Einfall, einen Besuch bei dir abzustatten. Es ist gelungen, teure Hanna, er wird den alten Taugenichts bei de Papieren so lange aushalten, wie cs angcht. Sei bereit, mein Leben. Schlafe diese Nacht süß und fest, aber morgen wache und hoffe." sFortsetzung folgt.) Ein Ultimatum des Dreiverbandes an die Türkei? Genf, 2V. Sept. Nach Pariser Meldungen erwägt die Triplcntente, ein Ultimatum an die Türkei zu richten wegen der Ersetzung des britischen Admirals Limpus durch den deutschen Admiral Souchon im Kommando der türkischen Flotte. Die Entschlossenheit der liirkische» Regierung. Berlin, 20. Sept. Die Voff. Ztg. meldet aus Wien: In einer Unterredung mit dem Konstantinvpeler Vertreter der Südslawischen Korrespondenz erklärte der türkische Minister des Innern Talaat Bey: FUr di« Türkei ist die Diskussion über die Aushebung der Ko p i tu la ti o ne n beendet. Wir sind entschlossen, für unsere Entscheidung mit allen Mitteln einzutreten. Der Verlaus der türkischen Mobilisierung war erhebend. Ti« finanziell« Lage der Türkei ist befriedigend. Tie ausgezeichnete Ernte ist cingebracht. Strengste Neutralität in Rumänien. Berlin, 20. Sept. (W. B.) Der Lokal-Anz. meldet aus Bukarest: In einem unter dem Vorsitz des Königs abgehaltenen Kronrat wurde neuerdings der Beschluß bekräftigt, daß Rumänien sämtlichen Mächten gegenüber auch weiter- hin strengste Neutralität bewahren werde. Unverletzlichkeit der Schweizer Neutralität. Wli. Bern, 20. Sept. lieber die Antwort der verschiedenen Mächte auf die Schweizer Neutralitätserklärung wird mitgetcilt: Deutschland und Frankreich gaben neuerdings ihren Entschluß kund, die Schweizer Neutralität auf das peinlichste zu beobachten. Lesterreich-Ungarn hat die gleiche Erklärung abgegeben. Italien, obgleich es nicht zu den Signatarmächten der von acht Mächten Unterzeichneten Anerkennungsurkunde von 1816 gehört, erklärte, daß es sich troydem .stets von den in dieser Urkunde niedcrgclegten Grundsätzen habe leiten lassen und diese Haltung auch künftighin cinnchmen werde. Die Hilfe Japans im europäischen Krieg findet in England durchaus nicht den ungeteilten Beifall bei der Bevölkerung. Man ahnt wohl, dag man sich mit Japan einen Rivalen großzieht, der dein britischen Jniperium im fernen Listen noch einmal recht gefährlich werden kann. Australien und Neuseeland haben dem Mutterland« Hilf« zuqesagt. Ties« Kolonien hoben sich aber durch strenge Eiuwandcrungsgeschc gegen die „gelbe Gefahr" zu schlitze» versucht. Angeblich haben di« Japaner ihre Hilfeleistung in Indien gegen eine etwa dort ausbrechend« Erhebung davon abhängig gemacht, daß ihnen der Zutritt in die englischen Besitzungen im Stillen Ozean gestattet werde. Das wird in den australischen Dominien starken Widerspruch Hervorrufen. In dem Organ der englischen Arbeiterschaft, Dailn Citizen, nimmt Herr W. Pitt, ein australischer Bürger zu dieser Frage Stellung. Er betont, daß die Jugend von Australien und Neuseeland militärisch erzogen sei, aber zu d«n ausgesprochenen Zweck«, den kommenden Krieg gegen Japan vorzubereiten, die Invasion der gelben Rasie von den .Kirsten der Kolonien abzuwehren. Tie englische Regierung habe den Japanern neben Kiautschau di« deutschen Besitzungen Neu-Guinea und Samoa versprochen. Damit werde der Einfluß Japans im fernen Osten in hohem Grade gesteigert und eS frage sich, ob die V e r e i n i g t e n S t a a t e n ü ies ruhig hinnehmen würden. Sicherlich werde es zu neuen Koniplikationen kommen. Es sei zum Lachen — wenn es nicht so traurig wäre — daß sich Japan als Friedenserhalter im fernen Osten gebärde. Eine .Heuchelei, wenn Japan so eifrig den Schutz Chinas gegenüber Deutschland betone. Die Bereitwilligkeit, seinem englischen Verbündeten beizustehen, wäre au sich sehr reizend, wenn sic nicht so gefährlich iväre. Pitt schließt seinen Artikel: ,^)n der Tat. das ltltimatum Japans an Deutschland ist eine Bedrohung des Friedens im fernen Osten. Es ist rin Schritt, der ftir Australien und Amerika von den schlnum- sten Konsequenzen sein kann. Wie Deutschland, so hat auch Japan nie ein Hehl daraus gemacht, daß es einen „P l a tz a n d e r S o n ne" fordert. Nun, jetzt hat cs dazu di« beste Gelegenheit. Japans Vorgehen bedeutet eine Kriegsdrohung an die ganze Welt." Glänzender Erfolg der Kriegsanleihe. Das glänzende Zeichnungsergebnis ist noch andauernd im Wachsen. Bis Sonntag nachmittag waren 4,2 Milliarden fcstgcstellt. — Infolge dieses, alle Voraussetzungen Über- steigenden Zeichnungsergebnisses hat die Reichsfinanzverwal- tung eine Aenderung der Einzahlungstermine vorgenommen und anstelle der anfänglich vorgesehenen drei Einzahlungs- icrmine deren vier eingerichtet. Danach sollen spätestens am 5. Oktober 40 Prozent (gemäß der Ausschreibung), spä- icslcns ani 26. Oktober 20 Proz» (statt 30 Proz.), spätestens am 25. November 20 Prozent (statt 30 Prozent) und spätestens am 22. Dezember, also an dem neu eingerichteten Teiinine, die restlichen 20 Prozent der zugetciltcn Betrüg: bezahlt werden. Tic Berechtigung der Zeichner, vom Zn- teilungstage ab voll zu bezahlen, wird dadurch nicht berührt. Also verbleibt es dabei, daß Beträge bis einschließlich 1000 Mark bis zum 5. Oktober ungeteilt zu berichtigen sind. Bei den Vorbesprechungen für die Emission hatte man bekanntlich ins Auge gefaßt, nicht den ganzen am 4 . August bewilligten Kredit schon jetzt flüssig zu machen, sondern neben der Milliarde Schotzanwcisungcn ungefähr eine weitere Milliarde Reichsanleihe zu begeben. Die Zeichnungen übersteigen nun den veranschlagten Betrag um mehr als das Doppelte. Im Gegensatz zu manchen scheinbar überaus glänzenden Zeichnungscrgebnissen in Friedenszciten handelt es sich hier um lauter reelle Zeichnungen von solchen Zeich- ncrn, die den angemeldcten Betrag auch wirklich übernehmen und fast dauernd behalten wollen. Ncichs„ericht und Krieq. Ter dritte Strafsenat des Reichsgerichts hat beschlossen, in all den Revisionssachcn nicht zu verhandeln, in denen angenommen werden kann, daß der Angeklagte' zum Militär cingczogen ist. Ferner soll auch über Revisionen von solchen Angeklagten nicht verhandelt werden, die ihren Wohnsitz in einer vom Kriege be- trossencn Gegend haben. Eine Ausnahme soll nur dann gemacht werden, wenn der Senat die Möglichkeit für vorliegend erachtet, daß die Revision zugunsten des Angeklagten entschieden wird. Elkatz-lothiringische Politik im Kriege. ^ Ttraßburg, 21. Sept. Im Kanton Bnchswciler findet nächster ^age eine Bczirkstagswahl statt. Einziger Kandidat ist Notar inl fc Imami "us Buchsweiler. Der liberalen Richtung angchörend. ySf l dennoch auch vom Zcntruni nnterstiitzt, besten Komitee n B e surfen infolge des Kriegszustandes nicht bestehen), zur k ermnnn ” ausfordcrt. Mit Genehmigung des Gencral- Er lautet"^ *' at Notar Kellermann einen Wahlaufruf veröffentlicht. i^be politisch auf gemäßigt liberalem Staiidpunkic und wcuc ocmgcmäß reaktionäre Bestrebungen von rechts zurück, ebenso aber auch den Radikalismus der äußersten Linken. In religiöser Beziehung huldige ich weitgehendster Toleranz und trete ein fiir völlige Gleichberechtigung aller Religionsbekenntnisse im Staate. Einen immer engeren Anschluß Elsaß-Lothringens an das Reich in wirtschaftlicher und kultureller Beziehung erachte ich für notwendig. Endlich befürworte ich eine Weiterentwicklung unserer Vcrfasiung im Sinne der Gleichstellung unseres engeren Vaterlandes mit den Bundesstaaten des Reiches. Als ein Wahldokumcnt aus Kriegszciten immerhin intercsiant. Schwedens und Norwegens Neutralität. Berlin, 21. Sept. Tie Nationalzeitung meldet: Dem Petersburger Rjetsch zufolge erklärten der schwedische und norwegische Gesandte am russischen Hofe dem Minister des Auswärtigen Sassanow, Schweden und Norwegen würden ihre Neutralität gemeinsam, wenn nötig mit bewaffneter Macht, verteidigen. Die Zeppelin- und Spionenfurcht in London. Kopenhagen, 21. Sept. Die Politiken meldet aus London: Die Spionenfurcht ist in letzter Zeit gewachsen. Zahlreiche Deutsche sind verhaftet worden. Einzelne sollen unter Krlegsrccht hingerichtet worden sein. Die Morning Post warnt die in England wohnenden Deutschen, Anlaß zu Mißtrauen zu geben, weil darunter auch unschuldige Deutsche zu leiden hätten. Ein Angriff aus der Luft wird sehr gefürchtet und es wird deshalb eifrig gewacht. Die Werbung englischer Soldaten. Amsterdam, 21. Sept. Der Londoner Korrespondent des Daily Tclcgraaf meldet aus London: Tic Fnßballwcttkämpfc werden wie früher abgehalten, aber jetzt werden auch diese Spiele benutzt, um die Rckrnticrung zu fördern. Es sind Werbeagenten dabei zugeiasien, welche die Spieler und Zuschauer zu iiberreden versuchen, ins Heer einzutrcten. Tie Erregung in Paris wächst. Stockholm, 21. Sept. Von London wird gemeldet, daß sich in Paris eine immer größere Stimmung geltend macht, sowohl in der Presse als auch in der Bevölkerung, daß die Regierung von Bordeaux sofort nach Paris ihren Sitz zurück- vcrlcge. Dieser Schritt würde auf die ganze Nation erhebend wirken. Kaperung eines holländischen Dampfers. London, 21. Sept. Wie die Blätter melden, ist der holländische Dampfer „Gclria", der von Rio de Janeiro nach Amsterdam fuhr, von einem englischen Kreuzer nach Falmouth gebracht worden. Die an Bord befindlichen deutschen Reservisten wurden gefangen genommen. Hesse» nnv Nachbargebiete. «Sich,» imd ttmgebuttg. Ter deutsche Arbeitsmarkt nach dem ersten Kriegsmonat. Der vom Kaiserlichen Statisftschen Amt herausgcgebcne Aröeitsmarltanzeiger gibt eine Uebersicht über den Stand des Acbcitsmarktes vom 5. September. Für den 5. September inelden 346 Arbeitsnachweise 148 773 überschüssige Arbeitsgesuche gegenüber 128 981 von 328 Nachweisen am 2. Sep- tcniöcr und 169 886 von 363 Nachlveiscn am 29. August. Berücksichtigt man die wechselnde Zahl der berichtenden Arbeitsnachweise, so ist also — eben, innerhalb der von den Arbeitsnachweisen erfaßten Teile des Arbeitsmarktes, denn ein ganz erheblicher Teil der Arbeitslosen ist so hoffnungslos, daß er sich überhaupt nicht erst meldet — in der letzten Woche jedenfalls keine Verschlechterung des Arbeitsmarktes festzustellen. Auf die Landwirtschaft entsielen diesmal 4638 Arbeitsuchende gegen 4834 ain 2. September und 1736 am 29. August. Die Zahl der überschüssigen gelernten Kräfte der Industrie usw. betrug 96 838 gegen 82 639 am 2. September und 103 201 ani 29. August. Gegen den vorigen Stichtag hat also eine Zunahme stattgefundcn, ohne daß der Stand des 29. August erreicht wurde. Gleiches gilt von den überschüssigen Ungelernten, deren Zahl 47 397 beträgt gegenüber 41 608 am 2. September und 64 946 am 29. August. Die meisten Arbeitsgesuche entfallen, wie bisher, auf Berlin, Königreich Sachsen, Hamburg und Rheinland. An überschüssigen offenen Stellen sind für den 6 . September von 134 Arbcitsnach- weisen 4541 gemeldet gegenüber 4353 von 123 Arbeitsnachweisen am 2. September und 4416 von 129 Arbeitsnachweisen am 29. August. Hier sind also keine sehr erheblichen Veränderungen eingctreten. Es entfallen 1406 (1130, 700) aus die Landwirtschaft, wobei sich der Beginn der Hackfruchtcrnte (Posen) geltend machen dürfte, 2097 (2499, 3027) auf die Industrie und 1038 (724, 689) auf Ungelernte. Betrachtet man die Berufe der Arbeitsgesuche, so zeigt, wie in den Vorwochen, das Baugewerbe in vielen Teilen Deutschlands ein erhebliches Ueberangebot von Arbeitskräften. In der Metall- und Maschincn-Jndustrie scheint eine Besserung sich anznbahnen. Dies läßt sich auch aus der letzten Arbeitsnachweisliste (Nr. 12 vom 8 . September) der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände entnehmen. Die Zahl der Benötigten übertraf danach die der verfügbaren Arbeitskräfte. Für unser Industriegebiet trifft das leider noch nicht zu: es bandelt sich da wohl in der Hauptsache um Metall- und Maschinenindnstrie, die für den Kriegsbedarf arbeiten. Textilarbeiter und Arbeiterinnen waren in größerer Zahl in Sachsen und im Westen nicht untcrzubringcn. In der Holzindustrie ist das Angebot von Schreinern, besonders Möbelschreinern, stark geblieben. Kellner und Friseure waren besonders in Großstädten nicht »ntcrzubringen. Große Zahlen von Arbeiftuchcnden zeigt weiter das Handels- und Buchgewerbe. Gesucht werden in größerer Anzahl Schmiede (Kessel- und Maschinenschmiede) nach Danzig, Stettin, Breslau, Augsburg »nd Chemnitz, Nieter und Schiffbauer nach Kiel und Stettin, Sattler nach Guben, Braunschweig und Hannover, Metzger nach Chemnitz, llniformschneider nach Hamburg, Tunnelarbeiter und Maurer nach Siegen (Wests.), Grubenarbeiter nach Zabrze und Koethcn. Stille Feier im Herzen oder Lärm und bunte Wimpel? Ter Kriegsberichterstatter Hermann Katsch sagt am Schluß eines längeren Artikels aus dem westlichen Hauptquartier, in dem er in der Hauptsache die glänzende Haltung der sächsischen Truppenteile schildert, beherzigenswerte Worte Uber die Art, wie die Dahcimgcblicbcncn die Siege der Ausgczogcncn feiern sollen. Wir niöchten folgendes daraus wiedergeben: „Die Nachrichten von all den großen, erhebenden Taten unserer heldenhaften Truppen erreichen uns hier, in einem vom eigentlichen Hauptquartier detachierten Ort, wo wir ein kleines Häuflein von Deutschen inmitten einer mürrisch zurückhaltenden, durchaus nicht vertrauenerweckender Bevölkerung bilden. Kein Jubellaut, keine Feier, keine Ansprache, kein Kaiserhoch erschallt in diesen Tiegestagen, und hier und da sagt wohl einer: „Heut mücht' ich in Berlin sein!" Aber — neulich kam ein Offizier von einer besonderen Mission aus einer großen rheinischen Stadt zurück und sagte ganz offen, daß ihm der lärmende, laute Sicgcsjubel, das Zusammcn- strömcn und Tcmvnstxieren der Massen eigentlich einen peinlichen Eindruck gemacht hätte, und baß ihm die stille Feier, wie wir sie in unserm Kreise begingen, der großen und so überaus ernsten Zeit besser zu entsprechen schiene. Man steht sich mit auflenchtendem Blick an, höchstens ein „Das ist doch herrlich!" ertönt — und dann schweigt man ernst, gedenkt der unzähligen toten Helden, der vielen braven Deutschen . die dem infamen Haß und Neid unserer Gegner znm Opfer fallen, und begnügt sich mit einer Art grimmiger Sieges- srcnde. Haben denn all die Tausende, die in den großen Städten die täglichen Siegcsuachrichten mit Hallo begrüßen, während aus den ossenen Fenstern eines Cafes lärmende Weisen erklingen, keinen Verwandten, der draußen steht — oder stand und nun in der Erde ruht mit Tausenden von Kameraden? Denkt keiner von allen an die, die ihr Liebstes ließen für die heilige Sache? Ohne in den Kampf selbst zu kommen, haben wir doch hier dauernd vor Augen, was er bedeutet, was er fordert, sehen wir täglich und stündlich die Anstrengungen, die seine Durchführung erheischt, und wenn wir auch den lauten SicgeSjubel im Anfang begriffen, jetzt, da man die unsäglichen Opfer, die der voraussichtlich noch lange zu führende Kampf fordern wird, einigermaßen crmcflen kann, jetzt sollen die Siege unserer tapferen Armee überall in der Heimat mit tiefer,' innerer Befriedigung, aber doch mit dem Ernst hingcnommcn werden, der diesem gewaltigsten Ringen um Sein oder Nichtsein der deutschen Nation entspricht." Landcsvcrsichcrungsanstalten und Kricgsfürsorge. Nachdem die Landesvcrsicherungsanstalt Schlesien in Breslau auf Anregung eines im Ausschüsse der Anstalt sitzenden Genossen mehrere Millionen Mark für Kriegshilfszwecke bereit gestellt hatte, ist ihr u. a. auch die Landesversicherungsanstalt Sachsen- Anhalt in Merseburg gefolgt. Da die Reichsvcrsicherungsord- »ung für Zwecke der Unterstützung von Familien der Arbeitslosen und der Kriegsteilnehmer keine Bestimmungen enthält/ so wurde unter Anwendung de? 8 1274 der Rcichsverfiche- rungsordnung, wonach die Versicherungsanstalt Mittel auf- wenden kann, um allgemeine Maßnahmen zur Verhütung des Eintritts vorzeitiger Invalidität unter den Versicherten oder zur Hebung der gesundheitlichen Verhältnisse der Versicherungs- Pflichtigen Bevölkerung zu fördern oder durchzufllhren, beschlossen, die Summe von rund 6 Millionen für Kriegsfllrsorge bereitzustellcn. Davon sollen 4 Millionen Mark den Gemeinden zur Be- lcbung der Bautätigkeit und zur Verrichtung von Notstandsarbeiten als Notstandsdarlehen zu 3% Prozent Verzinsung für ärmere und zu 4 Prozent für bessergestellte Gemeinden bereit- gestellt werden, sofern diese Maßnahmen der Arbeitslosigkeit steuern. 1585 000 Mark wird zur Unterstützung von Familien der Arbeitslosen oder Kriegsteilnehmer ausgesetzt. 265 000 Mark wurden dem „Roten Kreuz" zugewiesen. Ferner hat die unserem Bezirk benachbarte Landesver- sichcrungsanstalt Hessen-Nassau beschlossen, zur Förderung der öffentlichen Gesundheit, zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und sonstiger durch den Krieg hervorgerufencr, die öffentliche Gesundheit gefährdender Notstände den Gemcindeverbänden zu 4 Prozent verzinsliche Darlehen, rückzahlbar innerhalb zweier Jahre nach Friedensschluß, anzubieten, sowie solchen Gemcindeverbänden, die sich die Mittel zur Bekämpfung der Kriegsnotständc selbst beschaffen, auf Wunsch einen Zuschuß zur Berziusung ihrer Anleihe 31 t geben, und für weiter erforderliche Maßnahmen vorläufig eine Million ä fonds perdu zur Verfügung zu stellen. Hoffentlich hören wir nun auch bald etwas von der Landcsversicherungsanstalt Großh. Hessen in Darmstadt. — Immer noch keine Kriegounterstütznng. Bon verschiedenen Landorten des Kreises Gießen erhalten wir wiederum Klagen, daß die Angehörigen der Kriegsteilnehmer und cinberufenen Mannschaften nod) nicht einen Pfennig Unterstützung erhalteti haben. In vielen Familien, die einzig auf den Arbeitslohn des Mannes angewiesen sind, herrscht infolgedessen bittere Not. Oesters sind die Frauen schon bei den Bürgernieistern vorstellig geworden, allein sie haben damit nicht den geringsten Erfolg gehabt. Bekanntlich gibt cs and) auf deni Lande viele Arbeiter, die neben ihrem Berufe keine Landwirtschaft haben, infolgedessen alles kaufen müssen, was sie zum Lebensunterhalt braudien. Diese sind natürlich schlimm daran, wenn der Verdienst des Mannes nun schon seit 6 —7 Wochen weggefallen ist und etwa vor-' handene Spargroschen längst aufgezehrt sind. Warum hier so verfahren wird, ist eigentlich nicht recht verständlich: anderwärts haben die Leute längst ihre Unterstützung erhalten. Wie uns mitgeteilt wird, wurden vom Kreisanit zwar Fragebogen ausgegebcn, auf denen alles bis ins einzelne über die Verhältnisse der zu Unterstützenden ausgefragt wird, aber das ist auch alles. „Da werden alle Zeitungen von der Knegsfürsorge vollgeschriebcn — sagte man uns — aber wer etwas nötig hat, bekommt nichts." Wir können nur wiederholt raten, sich mit encrgisckien Vorstellungen an das Kreisamt zu wenden. — Allgemein ist der Wunsch in Arbeiter- kreiscn und auch bei Geschäftsleuten, daß der heillose Krieg mit seinen ftaurigen Folgen bald zu Ende sein möge. — Tote des Gicßcncr Regiments. Als gefallen werden noch folgende Angehörige des Jnf.-Reg. 116 bekannt. Anr 22 . August: Musketier Ernst Maurer, Former aus Darni- stadt. — Reservist Karl Walther aus Hausen bei Gießen. — Einquartierung. Seit mehreren Tagen waren zahlreiche Landwehrlcute von auswärtigen Regimentern in Gießen untergebradst, die gestern unsere Stadt wieder verlassen haben. Wie wir hörten, äußerten viele ihre Befriedigung über die gute Verpflegung, die sie hier gefunden haben. Allgemein hört inan auch, daß die Leute durchweg ein sehr anständiges Betragen zeigten. Mit ihnen zog ein erst 16 - jähriger Freiwilliger, dessen Vater bei deniselben Regiment als Hauptmann gefallen sein soll. Jetzt wolle auch der Sohn Offizier werden. — Für die Rcichs-Kricgsanlcihe wurden in Gießen 6,8 Millionen Mk. gezeichnet, darunter 250 000 Mk. für Rechnung der Stadt und 50 000 Mk. für die Sparkasse. T^r letzteren wurden von den Sparern rund 500 000 Mk. entzogen, um in der neuen Anleihe angelegt zu werden. Bon einem Finanzmann, der in die einschläglichcn Verhältnisse Einblick Benommen bat, wird uns mitgetcilt, daß bei der Gietzener Zeichnung es Lbercnis erfreulich ist, daß eine sehr große Anzahl Zeichner kleine Leute sind, die ihre Ersparnisse Don wenigen Tausend Mark de», Reiche- zur Verfügung gestellt haben, — Die Betriebe aufrecht erhalten! Die Handelskammer in Karlsruhe wendet sich in der Presse an die Arbeitgeber und iZirmeninhaber mit der Bitte, die wegen der Kriegslage ans 1. Oktober ausgesprochenen Personal- kündig,, ngn nicht aufrecht zu erhalten. Nach Freigabe des Eisenbahngüterverkehrs sei eine fühlbare Belebung des ganzen heimischen Marktes eingetreten, Ter bisherige Verlaus des Krieges gebe die Gewißheit, daß Deutschland im großen und ganzen von den unmittelbar verheerenden Wirkungen des Krieges verschont bleibe. Tie kapital- kräftigen Betriebe sollten ihre Angestellten voll weiter beschäftigen, und wo das nicht möglich sei, nach dem Vorbilde -der Industrie Wechselschichten einsiihren oder eine Herabsetzung der Arbeitszeit kn Betracht ziehen. Die Gehälter sollten nicht unter die Grenze des zur Lebenshaltung unbedingt Notwendige» sinken. — Tie Äartosselerulk hat jetzt in unserer Gegend allgemein begonnen. Wie wir hören, ist das Ergebnis recht zufriedenstellend, so daß von einer guten Ernte gesprochen werden kann. — Das ist der Krieg... In unserem Leipziger Parteiblatte lese» wir folgenden Feldpostbrief: Ich schrieb die ersten vier <2citen unter dem Geschützdonner der Kanonade gegen die Festung .... Der Donner hat ausgehört, die Festung hat sich, wie wir hören, ohne Emgretsen der Infanterie, gestern, also 31. Angnst, abends V 2 I Uhr, ergeben. Tagelang dauerte das Artillerieseucr, die Bewohner aus der Umgebung flüchteten, auch aus . . . passierten unsre Postenkette viele Flüchtlinge. Was sich hier an Eiends- bildcrn bot, ist ivirklich kaum zu beschreiben. Männer, Frauen und Kinder zogen mit einer Handvoll ihrer Habe die Landstraße entlang. Viele waren nur notdiirstig gekleidet und hatten nur das nackte Leben gerettet. Frauen mit Säuglingen im Arm flüchteteu aus dem Bereich des ArtillerieseuerS. Tie meisten hatten nicht einmal so viel zu esien, um den Hunger stillen zu können. Nur wenige hatten noch ein Brot im Bündel. Ich sah eine hochschwangere Frau, die sich mühsam im glühende» Sonnenbrand auf der Landstraße fvrtschlepptc. Sie stieg ans Ufer der Maas und trank das verschmutzte Fluhwasser. Ein jüngerer Mann fuhr einen älteren Vater auf einem Karre», kleine, kaum vierjährige Kinder hingen am Rock ihrer Mutter, andre halte» ans der Schulter ihres Vaters Platz gefunden. Die deutschen Landwchrleutc waren tief erschüttert von diesen traurigen Auszügen, sic reichten den Flüchtlingen von ihrem Brot, das ohnehin knapp, sehr knapp, bemessen ist. Auch Master wurde den Flüchtlingen gereicht. Manchem Landwchrmann standen dabei Tränen in den Augen. Die Flüchtlinge nahmen das Gereichte oft weinend, in jedem Fall unter lebhaften DankeS- bezcugnngen an. Tic Flüchtlinge erzählten von der grauenhaften Verwüstung, die das deutsche Artillcricscuer in der beschossenen Festung ungerichtet hat. Die Stadt brennt, die Häuser sind zerschossen. Einige erzählten, die Zivilbevölkerung von .... hätte von dem Kommandanten der Festung verlangt, er solle die Stadt übergeben. Dieser aber hätte das Ansinnen abgelehnt, lieber solle die Stadt völlig zerschossen werden. Die Zivilbevölkerung habe daraus gedroht, den Kommandanten zu erwürgen. Viele der Flüchtlinge wollten nach...... einer Stadt an der Maas. Wir Landwchrleute wußte», welche fürchterliche Wirkung die deutsche Artillerie hat, wir hatten.....gesehen und wußten, daß gerade diese Stadt ein Beispiel und Zeuge dieser Wirkung ist. So flohen also die Leute aus einem Trümmerhaufen in einen ander», denn .....ist in den Kämpsen um die Maasliuic von der deutschen Artillerie in eine Stcinwüste verwandelt worden. Was wir bei dem Marsch durch.....und durch die dahinterlicgendcn Ortschaften gesehen haben, kann ich unmöglich beschreibe», auch wen» ich viel mehr Zeit hätte, als ich zum Schreiben dieses Briefes habe. Welche Feder soll 100 hl diese grauenhaften Eindrücke wiedergeben könne»? Hier an der Maas hatten die Franzosen eine feste Stellung bezogen, die von unsrer Artillerie tagelang heftig und mit großer Wirkung beschossen wurde. Wir marschierten nach der großen Artillerieschlacht durch Ortschaften, in denen nicht ein Haus verschont geblieben war. Meist ragten nur die Grundmauer» der Gebäude in die Höhe und zeugten davon, daß dort ehemals ein blühendes Gemeinwesen gestnndcn hatte. Verreckte. abgestochcnc und erschossene Schweine, Kühe und Pferde lagen auf der Straße, hier und da liefen ein paar Hühner oder eine .Kuh oder ein Schivein umher, sonst war nichts Lebendes mehr in den Orte» zu finden. Wir zogen an den Verschanzungcn der Franzosen vorbei, in denen zahlreiche AusriistungSstücke der französischen Armee verstreut umherlagen. Wir fanden aber auch blutgetränkte Röcke deutscher Kameraden, zerbrochene Gewehrkolben, verbogene Bajonetts und andere Zeugen grausamer, blutiger Kämpfe. Und weiter zogen wir vorbei a» den Massengräbern gefallener deuftchcr Kameraden und französischer Soldaten und Land- wchrlentc. Die Lazarette sind übcrsüllt von Verwundeten aus den Kämpfen um die Maaslinie, die VcrwnndctctranSportc nahmen kein Ende. Viel brave deutsche LandSlcutc mußten hier ihr Leben lassen, viele werde» Krüppel bleiben. Das ist der scheußliche, fürchterliche Krieg! Der Krieg, der dieses schöne blühende Land in eine Wüste verwandelt, in der eS nicht genug zu essen gibt für die vielen Menschen, die jetzt hier liegen, der Krieg, der die Kulturarbeit vieler Generationen im Handumdrehen vernichtet. — Der amtliche Nachrichtendienst wird von de» Engländern trotz der Prcssczcnsur folgendermaßen verulkt: „Wenn das Prcsse- burcau feine bisherige Vorsicht und Acngstlichkcit sortsetzt, können wir uns gefaßt machen, nächstens in der Tagespreise nur noch Nachrichten von etwa folgender Art zu finden: Die Tonne ging gestern früh auf und gestern abend wieder unter. Diese Mitteilung hat dem Prcsscburcn» ordnungsgemäß Vorgelegen, das ihre Vcrössent- lichung nicht beanstandet, aber für ihre Richtigkeit keine Gewähr übernimmt." Weiterer Krebsgang der Nnfallversichcrung. Die llnfallvcr- sichcrungs-Bcrufsgcnossenschaftcn haben nunmehr fast sämtlich ihre Geschäftsberichte aus das Jahr 19>3 erscheinen lasse». Sie zeigen, in welcher Weise bereits 1913 die wirtschaftliche Krise wirkte. In, übrigen legen sic von neuem Zeugnis davon ab, wie die Leistungen der nnfallversichcrung immer weiter zurückgehcn. Bei sämtliche» Bcrufsgcnossenschaftcn der Eisen- und Stahlindustrie vermehrte sich die Zahl der Versicherten von l -WA 816 im Fahre 1912 auf 1459 091 im Fahre 1913. Der Durchschnittslohn pro Versicherten erhöhte sich von 1343 auf 1413 Mk. Die Ursache dieser Veränderungen liegt aber in den neuen Bestimmungen der Rcichsvcrsichcrungsordnung, die für das Gebiet der »nsallver- sichcrnng am 1. Januar 1913 in Kraft traten. So wurde seither dcr Lohn eines Versicherten nur bis 1500 Mk. voll angerechnet, nunmehr aber bis 1800 Mk. In welchem Maße die Leistungen zurückgegangen sind, ersieht man, wenn man die ausgczahltcn Ent- schädigungsbciträgc im Verhältnis zu einer bestimmten Summe der anrechnungsfäbigcn Löhne bringt. Fst doch der FahresarbeitS- verdicnft die Grundlage, nach der die EntschädigungSbcträge bemessen werden. Es verminderten sich nun in der Zeit von 1909 bis 1913 die Entschädigungsbeträge pro 1000 Mk. der anrechnungsfähigen Löhne bei der Süddeutschen Eisen- und Stahl- Bcrufsgcnossenschaft von 12,00 auf 9,97 Mk., der Tüdwestdcutfchen Eisen-Berufsgenosscnschast von 17,24 auf 13,52 Mk., der Rheinisch- Westfälischen Hütten- und Walzwerks-Bcrussgenosscnschast von 18,34 aus 15,49 Mk.. der Maschinenbau- und Kleinciscn-Bcruss- tzenossenschaft von 11,38 auf 8,58 Mk., der Sächsisch-Thüringischen Eisen- und Stahlberussgenosscnschaft von 9,13 auf 7,16 Mk., ber Nordöstlichen Eisen- und Stahl-Bcrufsgcnosscnschaft von 19,93 auf 16,21 Mk. ufw. Trotz der Vermehrung der Versicherten und der Unfälle verminderten sich bei einer Anzahl Bcrufsgenosscnschajtcn in den letzten Fahren sogar die absolute Höhe der Ausgabe». Da» alles ist nur eine Folge der veränderten engherzigen Abschätzung ber Unfallsolgcn, d. h. des Wertes der verbliebenen Erwerbs- fählgkeit. Tchrebergärtuer als Fleischproduzenten. Welche immerhin beträchtliche Rolle die Laubenkolonien, Schrebergärten und ähnliche zwcrglandwirtschafllichc Betriebe für die Fleischversorgung gewinnen können, der ja in Kriegszeite» erhöhte Bedeutung zu- kommt, zeigt eine Statistik über die Laubenkolonien in Groß- Berlin. Es wurden ungefähr 45 000 Laubcnkolouiften gezählt, die inSgesagit 1400 Hektar baureifes Brachland landwirtschaftlich nutzten. Wie die Zahl der ermittelten Geflügel- und Fleischtierc beweist, haben die Kolonisten auf ihrem doch immerhin sehr winzige» Terrain eine sehr erfolgreiche Fleischproduktion betrieben. Sie besaßen insgesamt 237 264 Hühner, 64 848 Tauben, 18 960 Enten, 7440 Gänse. 336 Puten, 134 046 Kaninchen und 2976 Ziegen. Alts jeden Kolonisten entfielen also im Durchschnitt rund 7 Stück Geflügel und 3 Stück Kaninchen. In Anbetracht dieser Ergebnisse will die Berliner Landpachtgcnossenschaft ihren Pachtbesitz von rund 200 Hektaren sofort beackern lassen und Kolonisten zur Verfügung stellen. Gleichzeitig stellte sie an die Gemeindebehörde» Groß-Berlins den Antrag, vorläufig unbenutzbare kommunale Ländereien zum gleichen Zwecke ohne Vergütung herzugeben. Vielleicht wäre eS auch ln anderen Großstädten möglich, aus diese Weise den Bestand des vorhandenen Fleischviehes vergrößern zu können. Nach dem einstimmigen Urteil aller Fachleute ist z. B. die Kaninchenzucht ohne besondere Vorkcnntnissc, Mühen und Kosten möglich. Gleichzeitig schildern sie Kaninchenfleisch als sehr nahrhaft und wohlschmeckend. Russische Juden als Hüter der Menschlichkeit im Kriege. In der kleinen ostpreu-ßischen Stadt verdauen und 0 , deren Umgebung hakten die russischen Regimenter besonders unmenschlich gehaust. In seiner Erzählung über die Greuel-taten berichtet der Verwalter des nahe bei der Stadt gelogenen Schlosses des Herr» v. Jansen u. a. folgendes: „Wir im Schlösse haben weniger zu leiden gehabt, weil die .Herrschaft dogeblieben war, aber in der Stadt und Uingegend habe» die Burschen bös gehaust. Die einzigen, die nicht plündern und sich gut benehmen, find die jüdischen Soldaten, sie mögen manches von ihren Kameraden zu leiden lmben". — Tic Leidens- und Gesinnungsgenossen dieser jüdischen Soldaten aber sind bei uns in Ostenbach von gewissen Elementen, unter denen sogar em ehemaliger Stadtverordneter — der Mau» ist zugleich ein besonders eisriger Sozialisten- sresscr — beobachtet wurde, in den ersten Kriegstageu aus den Straßen überfallen und schwer gemißhandelt worden. Ob die traurigen Progromisten vom 3., 4. und 5. August sich jetzt wohl bis vtnä tiefst« Innere schämen werden? Postbeamte dürsen dem Konsumverein beitrete». Wie die Eifen- bahnbeljürden für ihr-c Beamte, so hat jetzt auch der Staatssekretär Krätkr vom Reichsposdamt versügt, baß dom Eiittritt der Postbeamten i» den Konsumverein fortan nichts niohr in den Weg gelegt werden soll. Die Oberpostblrektrvn Frankfurt hat darauf das bezügliche Verbot über den Eintritt in den Konsumverein für Frankfurt und Umgegend sofort aufgehoben. Korikatiircnpostkartcn. Fi, vielen Schaufenstern kan» man jetzt Postkarten mit Karikaturen unsrer Feinde sehen, die letztere in allen möglichen Darstellungen bringen: es seien nur die „Europäische Ver- brcchcrgalerich und Menagerie" genannt. Es scheint aber angc.zeigi. einmal darüber uachzicdcnken. ob es richtig ist, unsre Feinde direkt als Schivächlmge imd Feiglinge hinzirftellen. Man setzt ja eigentlich die Siege unsrer tapferen Truppen herab, wenn man den Eindruck durch di« Karten erweckt, als seien unsre Feinde weiter nichts als Memmen, deren Bekämpfung nur ein Kinderspiel sei. Mit Recht meinte dieser Tage eine konservative Zeitung: „Unwürdig der Deutschen sind die ebenso geschmacklosen wie törichten Postkarten, die man jetzt viel an den Papierläden und an andern Stellen ousgehängt sieht. Für solche schlechten Witze ist die Zeit wirklich zu ernst. Auch ist es nicht richtig, daß Deutschland der Riese ist, der seine Feinde spielend ousspicßt oder st: wie Kinder verprügelt. Zum Maulheldentum haben wir keine Veranlassung." Darum fort mit diesen dummen Karten. Karikatur und Satire haben — damit wir nicht mißverstanden werden — auch in ernster Zeit ihre künstlerische und sittliche Berechtigung. Aber dann dürfen sie nicht »irr den schwächeren oder vermeintlich schwächeren Gegner zum Gegenstand« haben, sie dürfen nicht nur den Splitter im Auge der feindlichen sllochbarn sehen, sondern müssen auch dem Balken im eigenen Auge Beachtung schenken. Andernfalls sind ssc tatsächlich nur schlechte, würdelose Witze. — Die Vcrbrauchsabgabc (Oktroi) im Rechnungsjahr 4913/14 ergab in Gießen 88 570 Mk. (gegenüber 86 845 Mk. im Jahre zuvor). Die Bruttobeträge der Steuer belaufe» sich aus Brennmaterial 51146 Mk.. aus Getränke 43 875 Mk. Die Rück- vergütungspostcn, die davon in Abzug kommen, stellen sich ans zusammen 2703 Mk., zu denen noch 113 Mk. für Drucksachenunkostcn und 3580 Mk. für Gehakt an 2 Beamte kommen. Die B c r - m a l t u n g s k 0 st c n betragen beninach für das Oktroi 2,5 Prozent der Bruttoeinnahme. Interessant sind die Angaben der Oktroiverwaltung über den Biervcrbrauch in der Stadt Gießen für die beiden letzten Rechnungsjahre. (Die Berechnung der Abgabe ans Bier nach wirklich verbrauchten Hektolitern ist erst seit April 1912 cingcführt.) Es wurden in Gießen danach 46 118 Hektoliter Lagerbier getrunken, 1324 Hektoliter weniger als im Vorjahre. TaS ergibt pro Koos der Einwohnerschaft 113 Liter, reichlich 4 Liter weniger, als im Vorjahre. — Die nltc Klinik ist jetzt mm Verwundeten bezogen worden, cs sind deren jetzt dort etwa 80 Mann nnlergebvacht, von denen die größte Mehrzahl nur leicht verletzt ist. 300 Bellen sind oistgestellt. — Ein Unfall postierte gestern Nachmittag aus der oberen Bohn- hosstraße einem Landsturmmannc. Er ging sehr nah: am Gleise der Straßenbahn und bemerkt« jedenfalls nicht, daß «in Wagen von bintc» her kam, vmi dem er angerannt und umgeworfeu wurde. Dabei schlug er mit dem Kopse ans die Kante des Trottoirs auf und trug blutende Verletzungen davon. — Konscrvicruna vo„ Schweinefleisch. Zur Fleischver- s 0 r g 11 n g veröffentlicht die Kölner Regierung eine Mitteilung, wonach infolge des NeberstusseS an Schweinen vielfach Zuchtmatc- rial statt schlachtreifer Tier« von den Landwirten abgcstoßen werden, so daß bald ein Mangel an Schweinefleisch bei anziehendem Preise entfielen würde. Ten Verbrauchern von Schweinefleisch, den Metzgern, Krankenhäusern »sw., sei daher dringend zu empfehlen, di« jetzigen niedrigen Preise zu benützen, um größere Mengen Schweinefleisch durch Ei n p ök« I » oder aus andere Weist zu Dauerware rerarbeiten zu lassen und das Schweinefleisch dem Genuß anderer Fleischforten vorzu,ziehen. — Hcuchrlhkim. In der gestrigen Notiz wird bezüglich der ge- falleneir Kriegsleilnchmer Hildebrand und Steinmüller gesagt, daß leibe verhciralet seien. Das ist nicht zutreffend, nur Hildebrand ist verheiratet und hinterläßt Frau und 2 Kinder. Kr,i» Wetzlar. X Ortslöhne für Wetzlar. Der Landrat in Wetzlar gibt bekannt, daß die vom Oberversichcrungsamt Eoblenz scstgesetzten Lrtslöhnc für das Jahr 1914 auch für,1915 Geltung bchalten. X Kriegsopfer. Ter Reservist Jacob Hagner von Oberbiel (Inf.-Reg. Nr. 116, Gießen) ist ans dem Schlachtfeld« gefallen, er hiiiterläßt Frau imd Kinder — Der Leutnant Hans Werner von Zeugen, Inf.-Rcg. Nr. 166, Sohn dcz früheren Bürgermeisters in Wctzlar, kam am Sonntag schwer vertvincdct in Wetzlar an. Er soll der emsige noch lebende Offizier seines Bataillons sein. Briefkasten. H. A. Sie schreiben, daß ein Mitglied der Friedberger Kreis- krankenkassc statutengemäß 21,60 Mk. Krankengeld zu boatstpruchen hakte, ihm aber 7,60 Mlk. abgezogen wurden. Wir können Ihnen ohne nähere Ke,mlnis -es Sachverhalts keine beftim/.rtc Erklärung geben, jedensalls ist die Mindestleistung in Anwendung gekommen, die cuf Grund der Gesetze vom 4. Angnst während dcs Krieges festgesetzt iv:vV;; kann. Telegramme. Die i&t ttfce Rieseuschlacht im Weste«. IVB. Großes Hnuptqunrtier, 21. Scpt., abends, (ähri- lich.) Bei den Kämpsen um Rtzims wurden die festungs- arkigen Höhen von Ernonellc erobert und im Vorgehen gegen das brennende Reims der Ort Bethenp genommen. Der Au- griff gegen die Sperrsortslinie südlich Verdun überschritt siegreich den Lstrand der vorgelagerten, vom französischrir 8. Armeekorps verteidigten Cötc Lorraine. Ein Ausfall aus der Nordostsront von Verdun wurde zurnckgeioicsen. Nördlich Toul wurden französische Truppen im Biwak durch Artilleriescucr überrascht. In, übrigen fanden heute auf dem französischen Kriegsschauplatz keine größeren Kämpfe statt. In Belgien und inVOstcp ist die Lage unverändert. Verantwortlicher Redakteur: F. Vetter«, Gießen. Verlag von Krumm & Cie., Gießen. Druck: Verlag Ossenbacher Abendblatt, G. m. b. H., OffetLachp.-M. Bekanntmachung. Den nachstehenden, Aufruf des ObcrbüvgermefstsrS der Stadt Königsberg in Ostpreußen bringe ich unter dem Airfügen .zur allgemeinen Kenntnis, baß Gaben für die Provinz Oftprarßen tm Stadt. haus — Zimmer Nr. 15 — cn-tgsgengenommen werden. Giessen, 19. September 1914. Der Oberbürgermeister: K cl-l-e r. Mitbürger! We: : T>-.e>i..i nuferer gesegneten ostpreutzischen Fluren sind vorliberg.-henb vom Feinte besetzt und fast überall barbarisch verwüstet worden. Biele n-nferer Landsleute sind grau!am hnigemordet, wer das nackte Leben gerettet hat, ist zumeist au den Bettelstab gebracht. Namenloses Leid ist so über tanzen,de von Familien gebracht worden. Wohlan denn, liebe Mitbürger! Laßt uns ihr Leib ats eigenes Mitempfinden! Unsere Provinzialhanptstadt zeige sich ihrer Ucberlieserung würdig. Sie ist von den wlrkftchcn Leiden des Krieges noch unberührt, unser herrliches Heer schützt sic. wie die noch unbesetzten Teile Oftpreutzens mit unvergleichlicher Tapferkeit. Von nuferer asten Krömmgeftadt soll der Ruf in das ganze Vaterland hinansgehen: Helft unsere» armen von Hans und Hos vertriebenen oftpreußische» Laniklcnten! Können wir ihnen auch zurzeit felü-ft leider nur vorübergehend ein Obdach gewähren, so laßt uns doch alsbald den Grundstock zu einer Sammlung legen, die der Flüchtigen Hilfe, den Hcimkehrenden demnächst einige Unterstützung zur Wiedererlangung ihrer wirt- schastliche» Eriftcnz gewähren soll! Spende ei» Jeder freudig nach seinen Kräften, jede, auch die kleinste Gabe ist willkommen. Ganz Dcntschlnnd wird sicherlich freudig z» unserem Werke mithclscn. Geht doch durch diese ssir unser teures Vaterland schwere, aber auch so grosic, gewaltige Zeit nur der eine Gedanke: Einer für Alle und Alle für Einen! Der Oberbürgermeister: ____Di. K ört «. ________ LSochenmarktpreike in Gietzcn am 22. September 1914 Butter per Psd. 1.10—1.20 Mk. Milch Liter 22 Pfg. Hühnereier Stück 9—10 Pfg Gänsccier Stück — Pfg. Käs- Stück 6—6 Pfg. Käscmatte 2 Stück 5—6 Pfg. Tauben per Paar 0.8O—1.20 MI. Hühner per Stück 1.20—1.80 Mk. Hähne per Stück 1.50-2.80 Mk. Gänse per Pfund 0.00—0 00 Psg. Enten per Stuck 0.00- 0.00 Mk. Ochsensieisch per Psd. 0.86—0.92Mk. Kalbsteisch per Psd. 86—90Psg. Knh-n.Riiidsi- per Psd. 80—84 Pfg. Schweinestcisch per Psd. 70—90 Psg. Lamn,elsscisch per Psd. 70 —96 Pfg. Kartostein v. Ztr. 4.00 — 4.30 Mk. Neue Kartoffeln v Psd. 4—5 Psg. Zwiebeln per Pfund 5 —6 Pfg. Blumenkohl per Sick. 15—30 Psg. Gelbe Rübchen Päck 5—6 Psg. Kohlrabi Stck b-6 Psg. Gurken Sick. 10—15 Pfg. Gnrkc», kleine Stück 3—5 Psg. „ im Hundert 2—3 Mk. Weißkraut p. Haupt 10—20 Pfg. Aepfet per Pfund 10—15 Pfg. Lirne,i Psund 12—18 Psg. Fassäpfel Md. 5-6 Pfg. Zwelschen Psd. 7—8 Pfg. Fabrik u.Ve^kaufssteBEe Waäli©B*st 5 rasse 24 . Wir empfehlen unsere vorzügl. Marken im Einzel- verkaufe zn 5, 0, 7, 8. 10 Plg. und höher (Abgabe auch einzelner Kistchen) nnd offerieren gleichzeitig dir. Zigarrctten, Ranch- nnd Kautabak. Unsere Verkaufsstelle ist Werktags von 7—8 Uhr und Sonntags Ton 11 — 3 Uhr geöffnet. __ Die Gescliitffslcitung. Martin Kma, Ache« Schulstrasre 5 Zigarren - Spezial - Geschäft empfiehlt stinc aus rein über^eischen Tabaken hergcstclltcn Fabrikate bestens Zigar ettkir n.Zigarrillos, RauH-, Kan-11. Sflwiiftoftqfc . Kick» id Umgegend. la Wiche Wkdelii haltbare Hcrbliwarc per Pfd. 5 IM«. vom Laaer Slbanzenltratic 18 N!k. 4.50 per Zentner.