•?> Organ für die Jntercffen des werktätigen Volkes der Provinz Oberheffen und der Nachbargcbicte. Dt« CbcibcfRfdie BolkS,ettun« erscheint leben Werktag Abend in Wietzen. Der AbonnemenlSvrciS beträgt wöchentlich 15 Pfg.. monatlich BO Pfg. rtnschl. Bringer lohn. Durch die Post bezogen vierteljährl-ILOMk. Redaktion und Erdedltion Dießen, Babnbokitrabe 2ll. Ecke LSwengasse. Teledbon 2008. Inserate kosten die 6 mal gcspalt. Kolonclzeile oder deren Raum 1b Pf» Bei grötzeren Aufträgen Rabatt. Anzeigen wolle man bi» abend« 7 Wn für die folgende Nummer in der Expedition ausgede». Ni. 209 Gicßcn, Tonncrstgg, Den 10. Scptcmlicr 1914 9. Jahrgang Ein Held und ein Sieger. Ludwig Frank. Gefallen bei Luneville 3. September 1914. Ludwig Frank gefallen! Einer von Tausenden! Und doch — Ludwig Frank! Wohl keiner ist ungeliebt dahingesunken, um jeden sind Tränen geflossen. Aber wer von Euch teuren Toten allen — war so geliebt wie Ludwig Frank?! Ihr alle seid für das Vaterland gestorben. Aber dieser 'Eine hat für das Volk und die Menschheit gelebt. Und darum neigen an seinem Leichnam Millionen Brüder, Millionen Schwestern ihr Haupt in bitterem Schmerz. Es drängt uns, ihn im Tode zn ehren und unserer Trauer Ausdruck zu geben, obgleich wir wissen, das; wir damit nicht nach seinem Sinne handeln. Ludwig Frank wollte nur Einer unter den ungezählten Vielen sein, und »lehr als prunkvolle Nachrede ehrt ihn der schlichte Platz in der Verlustliste: in :der endlosen Reihe der ungekannten Volksgenossen, unter denen er gelebt, für deren Wohl und Freiheit er unermüdlich gekämpst hat, in deren Mitte er gefallen ist. Und doch: dieser gemeine Soldat war ein Feldherr im Meich der Geister, ein Meister der Rede, eine Zierde der deutschen Volksvertretung. Und jeder, der das Glück hatte, in seine Nähe zu treten, weiß auch: dieser Mann, der aus freiem Willen zur Flinte griff, um im Existenzkampf der .Nationen für sein Volk cinzustehcn, war ein weicher, gütiger, liebevoller Mensch. Ludwig Frank und Jean Jaurds, die beiden großen Opfer dieser Weltkatastrophe, waren durch innige Freundschaft miteinander verbunden. Mt Stolz bekannte sich der Deutsche als der Schüler des großen Franzosen. Nie- mand in Deutschland hat hingebungsvoller, zäher, energischer für die Verständigung der beiden Völker gearbeitet, als er. Frank war der Urheber der Berner Konferenz, deren unvergessener Glanz wehmütig in diese Tage des blutigen Schreckens herüberlcuchtet. In den Abgrund, der das Werk verschlang, ist nun der Schöpfer hinabgcstllrzt. . . Das ist die große Tragik seines Lebens, das er, kaum vierzigjährig, schloß. In Jaurds und Frank betrauern wir mehr als den Verlust zweier kostbarer Menschenleben, wir betrauern in ihnen den blutigen Zusammenbruch eines herrlichen Werkes, das zum Wähle derzganzen Menschheit errichtet werden sollte, dessen Sturz aber namenloses Elend über alle Völker unseres Erdteils brachte, unendliches Leid, ungezählte Tränen. Kein Haus bleibt von Gram verschont. Auch die Reichen haben bitter zu leiden. Und doch bleibt cs wahr, daß die Armen die schwersten Opfer zn bringen haben. Sic sind die "Schwachen, sie trifft als erste die Not. Sie sind die Masse. Unter ihnen hält der Tod die reichste Ernte. Und nicht genug damit — nun hat gerade sie — die Grausamkeit des Schicksals ihrer besten Freunde, ihrer edelsten Vorkämpfer beraubt. Mag auch der große Würger auf den Schlachtfeldern Europas noch über Tausende und Abertausende reiten, Ludwig Frank, der aufrechte kühne Kämpfer, der gute Kamerad, wird unvergessen bleiben: Ja, der Krieg verschlingt die Besten! Ewig werde Dein gedacht! Genösse Tr, Ludwig Syrant war am 23. Mai 1874 in Nomie»- wcier, Amt Lahr, geboren. Seine Eltern betrieben daselbst ein kaufmännisches Geschäft mid leben »och hochbetagt dort in stiller Zurückgezogenheit. Wie unser Frank von Anfang an deren Stolz ivar, so hing auch sein« Liebe ständig an seinen Eltern, von denen «r immer mit tiefer Rührung zu sprechen pflegte, Frank besuchte zunächst die Volksschule und dann in den Fahren 1885—1883 das Gymnasium in Lahr, Nach bestandener Reifeprüfung schied er mit einer allgemein bekannt gewordenen PrimuSrcde aus, di« in eine Verherrlichung der Sozialdemokratie ausklang. Er studierte in Jreiburg und Berlin Rechtswissenschaft und Volkswirtschaft, 1884/85 diente er beim 113, Infanterie-Regiment als Einjähriger, erwarb den Toktorhut 1888 und wurde 1888 Referendar und nach bestandenem Affessorexamcn Rechtsanivalt, Seine polftische Tätigkeit begann er im Dienste der erst von chm ins Leben gcruscnen Jugendbewegung, zu deren Förderung er Zcitschrjst Junge Garde gründete. Seit 1884 war Genosse Tr, »rrank Stadtverordneter in Mannheim, seit 1885 Mitglied der r ^ inn ® 0() Kriegsgefangene und 400 beschütze Tn unsere Hände gefallen sind. Das bedeutet ungefähr ein ganzes Armeekorps und außerdem wird nun die Be- lagerungsarmee und die Belagerungsartillcric fiir neue Aufgaben frei. In Manbcuge soll der Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen gefangen gewesen sein, der den Franzosen in die Hände gefallen war, nachdem auf einer Feldwache das Pferd erschossen »nH er selbst verwundet morden war. Man vermutet, daß in Maubcuge auch englische Truppen gewesen sind. Nähere Angaben darüber sind aber nicht bekannt. Ko»servcr»f»inde iit Mo»»tm«vft. Nach der Franksurter Zeitung fanden die Deutschen die Festung Montmedy in Schmutz und Unrat eingchüllt. Doch wurden auch größere Menge» guter Lebensmittel vorgcfunden, von denen die Mannschaften mehrere Monate zu leben haben. Di« Vorgefundenen Konserven seien außerordentlich sauber, so daß ihre Verwendung durch unsere Truppen nichts bedenkliches habe. Ferner wurden aber auch in der Festung ganze Pakete mit Dum-Dum- Geschoffcn aufgesunden, die maschinenmäßig verpackt waren untz zur Ausgabe an die Truppen bereit lagen. Frankreichs Nöte von Viviani anerkannt. WB. Paris, 8. Sept. Jni Ministerrat am 3. September in Bordeaux berichtete Millerand über die militärische Lage. Dann wurde eine Reihe von Fragen beraten, besonders über die Lebensmittclzufuhr. Die Session der Kammer ist geschlossen. Ministerpräsident Viviani weist in einem diesbezüglichen Brief an den Präsidenten der Kammer darauf hin, daß zahlreiche Abgeordnete im Felde stehen, und daß die Nöte, die Frankreich drückten und die sich täglich häuften, der Kammer die Möglichkeit des Zusammentrittes nähmen. Ferner sei Frankreich durch höhere Gewalt und die Ereignisse gezwungen gewesen, den Sitz der Regierung zu verlegen, nur den Widerstand des Landes zu verstärken und auszudehnen. Neues Truppenaufgebot in Frankreich. Sonntag würbe ein amtliches Dekret veröffentlicht, das bestimmt, daß die JahrcSklassen 1914 ausgcbildct und nach Verlauf von einige» Monaten mobilisiert und sofort durch die Jahresklasse 1915 ersetzt werden soll, die ihrerseits in der Weise ausgebildet werde» soll, daß sie, sobald es irgend möglich ist, ohne Verzag ins Feld rücken kann. Immer noch großmäulig. WB. Berlin, 9. Sept. Nach dem Lokalanzeiger rechne» di« Pariser Blätter noch immer mit einer Vernichtung des deutschen Heeres unter den Mauern von Paris. — Im Petit Puristen werde gesagt: Wann werden die Russen Berlin erreichen? Wenn es ivirkq lich zur Pariser Belagerung kommen sollte, so werde diese Leidens» zeit nur von kurzer Dauer sein. Die Nuffen seien wie die Teufel hinter den Deutschen her und die Deutschen müßten rasch Kehrt machen, um die Russen zurückzuschlagen, die ihnen ins Land gedrungen sind. — Fm Petit Journal findet sich folgender Ausrufe Das Deutsche Reich muß verschwinden! Wir werden den Frieden in Berlin schließen. Wir werden Europa von den Preußen bc, freien! — Ist das die Sprache der nationalen Würde und btt nationalen Größe? Die Aktion in Belgien. WB. Rotterdam, 8. Sept. Ter Nicuwe Rotterdamschs Eourvni meldet aus Antwerpen: Deutsche Truppen warseni bei Melle die Belgier nach einem Bombardement zurück. Dia Deutschen stehen nur noch einige Kilometer von Gent. Flüchtlinge aus Ostende erklären in Vlissingcn, daß die Beschießung von Ostende bevorstehc. Dreißig Züge mit Flüchtlingen sind von Ostende abgefahren. Die Engländer haben dort gesteritz wieder Truppen gelandet. Die Königin ver Belgier wieder in Antwerpen. W. B. Rotterdam, 8. Sept. Die Königin der Belgier ist gestern! abend mit einem Dampser aus England nach Antwerpen zurückge- kchrt. Die Kinder sind in England surückgedlrebeii. Eine Feststellung der deutschen Heeresleitung. WB. Großes Hauptquartier, 8. Sept. Immer wieder, finden unsere Truppen auf der ganzen Front bei den gefangenen Franzosen und bei 62 Engländern Dum-Dum-Gc- schosse in fabrikmäßiger Verpackung, wie sie von der Heeresverwaltung geliefert sind. Diese bewußte grobe Verletzung der Genfer Koyvcntion durch Kulturvölker kann nicht scharf genug verurteilt werden. Das Vorgehen Frankreichs und Englands wird Teutschland schließlick zwingen, die barbarische Kriegführung seiner Gegner mit den gleichen Mitteln zu erwidern. Dieser Verlust ist in seiner weittragende» Bedeutung zurzeit unübersehbar. Es wäre besser gewesen, ich hätte an seiner Stelle das Opfer der seindlichcn Kugel sein können. Und doch ist Frank — der Liebling des alternden Bebel und der Liebling der Götter — nicht umsonst in den Tod gegangen. Sein Genius leuchtet seiner Partei voran — nicht weniger glänzend, als die Gestalt Lassalles — aber reiner, markiger, der Erdscholle des deutschen Heimatdorfes näher verbunden. Uns allen aber, die wir ihn liebten — weit über seine Partei — hinterläßt sein Tod ein Vermächtnis, dessen Vollstreckung uns Pflicht ist: die höchsten Mcnschhcitszicle zu verfolgen durch Dienst am Vaterland bis zum letzten. Prof. v. Schulzc-Gacvernitz, M. b. R. Nachrufe der Presse. Die Frankfurter Zeitung erhielt über die Nachrufe in den führenden Berliner Blättern ein Privattclcgramm, in dem cs heißt: Ter Heldentod des sozialdemokratischen Abgeordnete» Tr. Fvank wird von de» Blättern aller politischen Richtungen mit tief empfundenen Worten gewürdigt wie der eines Blutzeuge» für die große Parole, mit der Deutschland in diesen Krieg gezogen ist: „Eö gibt keine Parteien mehr, cs gibt nur noch Deutsche!" Und so wird man dieses gefallenen Führers der Sozialdemokratie auch gedenken, wenn der deutsche Reichstag wieder Zusammentritt und die Zahl derer übersieht, die aus seiner Mitte mit ihrem Leben ihre Liebe zum Vaterland betätigt haben. Die Mitteilung einzelner Zeitungen, daß Frank beim Beginn des Krieges eingctretcn sei, um auf Avancement Zu dienen, ist natürlich irrig. Ans Avancement dient ein Mann von 40 Jahren nicht mehr, der 20 Jahre früher als Einjährig-Freiwilliger seiner Militärpsiicht genügt hatte: Frank war Landsturm mit Waffe. Sein Mut und seine Vaterlandsliebe haben ihn wie manchen anderen veranlaßt, um Einstellung i» die aktive Armee zu bitten, und so ist er an die Front gekommen. Selber schreibt der Frankfurter Zeitung: Die deutsche Sozialdemokratie, insbesondere die badische, erleidet durch den Tod des Abg. Frank eine» herben Verlust. Aber auch weit über diese Kreise hinaus wird man cs lebhaft bedauern, daß eine französische Kugel diesen Mann getroffen hat. Er wac einer der fähigsten Führer der deutschen Sozialdemokratie und eine Persönlichkeit, deren faszinierender Art sich kaum jemand, der ihn kennen lernte, entziehen konnte. Ein starker Idealismus erfüllte ihn, und dieser Grnndziig seines Wesens führte ihn auch als Kriegsfreiwillige» in die Reihen der Kämpfer fürs Vaterland. Ein bedeutender Mensch, der vielleicht noch eine große Zukunft gehabt hätte, ist auf dem Felde der Ehre gefallen. Und von den Partciblättcrn schreibt der Vorwärts: Ein tragisches Geschick. Tenn gerade Frank hatte in den lebten Jahren mit all keiner Energie die Politik der deutschen Sozialdemokratie gefördert, die auf eine Verständigung mit dem französischen Volke gerichtet war. Er hat hervorragenden Sliiteil an dem Zusammenkommen iener Berner Konferenz, wo sich zum erstenmal deutsche und französische Volksvertreter vereinigten, um das Werk der Annäherung und Versöhnung zu fördern, die schon Bebel und Janres förderten, um den Zusammenstoß zu vermeiden. Run ist der Zusammenstoß doch gekommen und hat unter seinen Trümmern auch Ludwig Frank begraben. Die deutsche Sozialdemokratie verliert in ihm einen Mann, der mit großer Tatkraft und unermüdlichem Eifer für ihre hohen Ideale cintrat, Frank war der beste Redner des Deutschen Reichstages, sein schönes, volles Organ füllte mühelos den gewaltigen Raum; seine Schlagfcrtigkeit und seine feingeschliffencn Witze schärfte die Polemik. Frank war auch ein Meister in der Kunst, polemische Situationen rasch zu erfassen, er wußte sie mit nie versagender Schlagfcrtig- kcit auszunutzen, Frank war ein unermüdlicher Arbeiter in den Kommissionen. Außer im Reichstag hat er auch als badischer Landtagsabgeordnctcr und als Mannheimer Stadtverordneter eine hervorragende Tätigkeit entfaltet. Persönlich war Tr. Frank ein liebenswürdiger, hilfsbereiter Mensch, ein Mann von umfassendem Interesse. Groß war sein Wissen auf gesetzgeberischem Gebiet, aber auch in der Kunstentwicklung verfolgte er die Fortschritte der Menschheit. Doch in diesen furchtbaren Zeiten versagen die Worte, versagt die Klage und sei cs die Klage um eins der wertvollsten Lebe», ein Leben, bestimmt, für die große Sache der Menschheit zu wirken. Wir wollen nicht klagen, wir müssen standhaltcn bis ans Ende, um bann mit neuer Arbeit beginnen zu können, die das Werk wieder aufnehmen soll, das den Händen Franks entglitten ist. » ^ • Beileidskniidgcbungen. Sowohl das Bureau der Nationalliberalcn Partei als auch der Fortschrittlichen Volkspartci sprachen ihr Beileid über den herben Verlust, den unsere Partei erlitt, aus. — Uebcrhaupt ist die Anteilnahme weitester Kreise der Ein- wohnerschaft an dem uns betroffenen schweren Verlust eine ungeheure. Frank erfteute sich als Politiker und Mensch großer Sympathien auch bei den Gegnern. Afra ja. Ein nordischer Roman von Theodor Mügge. 56 „Und warum nicht. Herr Marstrand?" fragte Hclgcstad. „Weil es mir Pflicht scheint, auf meinen eigenen Füßen zu stehen," war die Antwort. „Glaub's wohl," sagte der Kaufmann ruhig, „und ist richtig gedacht, wer aber soll in nicine Stelle treten? Wen kennt Ihr hier?" Diese Frage setzte Marstrand in Verlegenheit, „Ich kenne niemand hier als Kapitän Dahlen, aber er sowohl wie, wenn es not tut, andere Leute von Ansehen, die ich kennen kann, würden ihr Wort für mich verpfänden." Fandrcm hatte an seinem Pulte sitzend bis jetzt ohne alle Einmischung zugehört, nun aber sprang er von dem Rcitbock in die Höhe und schlug mit seiner fetten Hand ans das große Rechenbuch, daß der Staub nach allen Seiten flog. — „Wer soll Bürgschaft leisten?" rief er. „Der junge Windbeutel aus Becgenhaus? Stolz genug zieht das Hähnchen die Beine, wenn er jeden Tag sauber abgcbürstct durch die Straßen läuft und nach allen Dirnen gosst. Macht keinen Scktzwz. Herr Marstrand. Ich halte Euch für einen ehrbaren jungen Mann, doch nicht einen Heller, nicht einen Dcnt würde ich Eurem Freund, dem tapfern Kapitän, borgen." „Und warum nicht, sehr würdiger Herr Fandrem?" fragte eine helle Stimme aus dem Hintergründe, und zwischen dem Gebirge der Füßchen und Kisten zeigte sich Henrik Dahlens schlanke Gestalt. Einen Augenblick war der Handelsherr sichtlich bestürzt über die unverhoffte Anwesenheit des Offiziers, aber er war der Mann nicht, der den Mut so leicht verlor. Er stellte sich hinter seinen Zahltisch, während Dahlen siegreich vorwärts drang und an die andere Seite dieser Scheidegrenze anlangte, — „Ich weiß nicht. Herr," begann er, „was Sie bc- wegen kann, mein Haus und meine Schreibstube aufzusuchen, da cs aber geschehen ist, mag's drum sein. Ich kann meine Worte jederzeit wiederholen." „Ich habe Sie zur Genüge verstanden, Herr Fandrem," erwiderte der junge Mann stolz lächelnd, „rmd kann mir selbst meine Frage beantworten, denn allerdings liegt es nahe, weshalb ein so achtbarer Handelsherr einem jungen Offizier kein Geld leihen mag." „Kalkuliere," sagte Helgcstgd, sein eisernes Gesicht über den Tisch streckend, „sind mitten in einer Verhandlung, Fandrem, wo es gut wäre, wenn wir nicht gestört würden." „Ist richtig," antwortete der Gildevorstehcr. „Kalkuliere," entgcgnete Dahlen, indem er die Gewöhn- hkif des Kaufmanns von Lyngcnfjord nachahmte und mit dem Finger über die Nase fuhr, „daß ich diesen angenehmen Aufenthalt räumen soll?" „Ja, Herr Offizier, ja, Wenns gefällig ist," rief Fandrem ärgerlich. „Ich denke nicht, daß Ihr Besuch mir gilt?" „Nein, Herr Fandrem," versetzte der Kapitän mit einer höflichen Verbeugung, „ich wünschte nur diesen verirrten und verlorenen Mann aufzusuchen, welcher sich Johann Marstrand nennt, und dessen Anwesenheit meinen besonderen Anteil erregt." „Glaube, Herr Marstrand hat Besseres zu tun, als sich in Geschäften aufhalten zu lassen," sagte Hclgestad. „Glaube, Herr Marstrand hat keinen Vormund nötig, wenn er an Ort und Stelle ist," war die Antwort, und mit einem übermütigen Blick auf das finstere Gesicht des Nordländers legte Dahlen seine Hand auf den Arni seines Freundes »nd fuhr zu diesem gewandt fort: „Wenn du beschäftigt bist, so höre ein paar Worte. General Münte ruft mich nach Tronthjeni zurück. Morgen schon muß ich Bergen verlassen, und da ich heute dich schwerlich noch einmal aussuchen kann, so lebe wohl, Marstrand, wenn du es nicht vorziehst, mich zu begleiten." „Du weißt daß ich dies weder kann noch will," »var ditz bestimmte Antwort. „Tann sei Gott nur dir!" sagte der Kapitän. „Er beschütze dich vor allen Gaunern und Heuchlern, behüte dich vor Schaden und Schande und führe alle Fische des Meeres in deine Netze. Herr Fandrcm, ich bin bereit, Ihr Haus zu verlassen und ohne Ihren Wunsch es nie wieder zu betreten." „Es ist mir so," antwortete der Gildenvorsteher, „als würde ich einen so vernicssenen Wunsch so bald nicht hegen." „Wer weiß," rief der übcrmüftge junge Offizier, indem er an seinen Degen schlug. „Mir ist im Gegenteil zu Sinne, als würden Sie nnch einmal an dieser Ihrer rechten Hand hier cinführen und mich bitten, Ihres Hauses Ehren zu vermehren." Er streckte seine Rechte nach dem Kaufmann aus, der voller Abscheu zurückwich und mit einer spottenden Verbeugung erwiderte: „Es ist traurig für Bergen, daß es einen so tapferen Kriegsmann verlieren soll, der besser noch wie Thor die Riesen und ihren König besiegt haben würde. Aber mein Hans ist schwerer zu erobern als Jöleua, und meine Wünsche sind von der Art, daß eher die sieben Fjellen von Bergen über mich und alles, was mein ist, hinstllrzen möchten, che ich den Tag erleben wollte, wo diese meine rechte Hand Sie hier mit meinem Willen willkomemn hieße." „Dennoch wird cs geschehen, Herr Fandrem, dennoch muß es geschehen," rief Henrik Dahlen, „doch wir wollen nicht darum streiten. Ich muh fort, allein Bergen wird auf keinen Fall einstürzen." Fandrcm wischte sich den Schweiß von der Stirn, ck zitterte vor Aerger und seine Fäuste ballten sich zusammen, aber er gab keine Antwort. (Fortsetzung folgt.) Der Protest des Kaisers nn Wilson. Berlin, 8. £tßt. Die Norddeutsche Allgemein« Zeitung veröffentlicht nachstehendes Telegramm, das der Kaiser an den Präsidenten Wilson gerichtet hat: .Ich betrachsic ez als meine Pflicht, Herr Präsident, Tie als den hcroorragendsten Vertreter der Grundsätze der Menschlichkeit zu benachrichtigen, dass bei der Einnahme der Festung Longwy nrcinc Truppen dort Tausend« von Dnm-Dnm-Geschosscu entdeckt haben, inc durch eine besondere R cgi c rn ng siv«rkstätte hergrstellt waren: ebensolche Geschosse wurden bei verwundeten Soldaten und Gefangenen. auch bei britischen Trrippen ,gesunden. Es ist bekanni, dass solch»« Geschosse grausame Verletzungen verursachen und dass ihre Anwendung durch die anerkannten Grundsätze des internatio- uaichn Rechts streng verboten ist. Ich richte daher an Sic einen flammenden Protest gegen diese Art der Kriegsiihrnng, welche dank den Methoden unserer Gegner eine der barbarischsten geworden ist, die »mn in der Geschichte kennt. Nicht nur haben dieselben diese grausame» Dassen angewendet, sondern die Regierung hat die Teilnahme der belgischen Zivilbevölkerung an dem Kampfe auch offen geduldet und seit langem sorgfältig vorbereitet. Die von Franc» und Kindern und Geistlichen in diesem Guerillakrieg begangenen Grausamikciten, auch an verwundeten Soldaten, Aerztepersonal und Pflegerinnen sAerzte wurden getötet, Lazarette durch Gewehrseuer angegriffen) waren derartig, dag meine Generale sämtlich gezwungen ivaren, die ärgsten Mittel zu ergreife», um die Schuldigen zu bestrafen und die blutdürstige Bevölkerung von der Fortsetzung ihrer fürchterlichen Mord- und Schandtaten abzuschrccken. Manches berühmte Bauwerk und selbst die alte Stadt Löwen mit Ausnahme des schönen Stadthauses muhte in gerechter Selbstverteidigung nnd zum Schutze meiner Truppen zerstört iverden, (Inzwischen hat sich bekanntlich herausgestellt, daß zun. Gluck nur ein kleiner Teil von Löwen zerstört worden ist, D, Red,) Mein Herz blutet, da solche Maßregeln unvermeidlich geworden sind und wenn ich an di« zahllosen unschuldigen Leute denke, die ihr Leben und Eigentum verlöre» haben infolge des barbarischen Betragens jener Verbrecher! Gez, Wilhelm I, R." Vom österreichische» Kriegsschauplatz. TU. Wien, 8. Sept. Tie vom österreichisch-ungarischen Kriegsschauplatz cintreffenden Nachrichten schildern die Lage für die österreichisch-ungarisch!. Armee nach wie vor sehr günstig. In den Kriegsberichten wird einmütig hervorge- hoöen, daß man den kommenden Ereignissen mit völligster Ruhe entgegensetzen könne. Nack, der Schlackt bei Taimenbrrg. In Osterode ist wieder Ruhe cingekehrt. Alle Geschäfte sind geösfnet und der Kosakenschreck ist überwunden. Die Regierung hat weitgehende Maßnahme,, zur Beruhigung getrossen, 9UIe' Gerüchte über eine angebliche Flucht des Landrats sind vollkommen falsch. Der Lanbrat hatte, der Instruktion des Regicrungspräsi- dentei, folgend, wichtige Akten, Kästen und Wertpapiere im Werte über 15 Millionen, nach Daugig gebracht, ivo alle anderen Landrätc ebenfalls eintrascn. Hier fanden wichtige Besprechungen statt, worauf der Landrat nach zweitägiger Abwesenheit wieder nach Osterode zurückkehrtc. Man hat angefangen, ans den nicdcrgc- ' brannten Gehöften in de» von den Russen verwüsteten Gegenden Baracken zur llntcikunst für Mensch und Vieh zu errichten. Es werden auch Bentepferdc und Saatgetreldc dorthin geschafft, damit mit der Winterbcstellung begonnen werden kann, Tie Schlach!- felder von Osterode sind jetzt vollkommen aufgeräumt. Eine Regic- rungskommisston hat eine Fahrt nach den Schlachtfeldern angc treten, um den dort angerichteten Schaden abzuschätzcn. Der russische Generalstab über die Niederlage. TU. Petersburg, 8, Sept, Der Große Generalstab gibt ein Kommunique über die Niederlage bei Tanncnberg ans, in dem zugegeben wird, baß die deutschen Truppen die Russen unaushaltsam angegriffen und geschlagen haben. Der Hauptgrund des deutschen Sieges wird in der raschen Zusammenzichuug der deutschen Truppen gesehen, die infolge des dichten deutschen Eisenbahnnetzes möglich war. Ferner erleichterte den Deutschen ihre schwere Artillerie den Sieg, die aus den deutschen Festungen auf den Kampfplatz gebracht worden waren. Besonders beklagt wirb der Tod des Generals Marios, der als einer der besten Kenner des deutschen Heeres und der deutschen Taktik galt. Wie die Russen in Ostpreußen hausten beweist nach der Deutschen Tageszeitung die dem Grasen Mirbach- Torquittcn von einem hohen Militär zugcgangene Nachricht, daß sein schönes Schloß durch die russische Kavallerie, obwohl bei Torquitten gar kein Kampf stattgefunden habe, zusammcngcschosscn worden sei. Nur ein Teil der Ringmauern sei stehen geblieben. Tie Stadt Allenstein war einen Tag von den Russen besetzt. Die Allcnsteiner Zeitung berichtet jetzt von der Kriegskontribntlon, die der Stadt von den Russe,, auferlegt worden war: „Die Russen verlangten »ngchcucrc Lieferungen, nämlich: 120 000 Kilogramm Brot, 6000 Kilogramm Zucker, 5000 Kilogramm Salz, 3000 Kilogramm Tee, 15 000 Kilogramm Grütze oder Reis und 100 Kilogramm Pfeffer, Diese „ngchenren Mengen sollte» von unserer Stadt bis Freitag früh um 8 Uhr geliefert werden. Unter Drohungen, zu rcguiricrcn, forderten die Russen, daß alles pünktlich abgcllefert werde. Ta viele Geschäftsleute ihre Läden abgeschlossen hatten und gefluchtet waren, so mutzten bie Läben, in denen sich Lebensmittel befanden, gewaltsam geöffnet werbe», mg die verlangten Vorräte entnehmen zu können. In der Nacht zum Freitag ist in Allenstein in allen Bäckereien im Schncllbetrieb gebacken worden. Mehrere Bäcker waren am Sonntag oder Montag geflohen „nd hatten ihre Bäckereien geschlossen. Die verschlossenen Bäckereien mußten deshalb gewaltsam geöffnet werde». Alle hiesigen Bäcker, viele Bürger, vor allem Frauen und Mädchen stellten ihre Dienste zur Verfügung, und so wurde» denn Unmengen Brot gebacken. Gleichzeitig liefen Frauen die ganze Nacht hindurch von Haus zu Haus, von Wohnung zu Wohnung und baten überall um Brot. Jeder gab, was er hatte. Tatsächlich sind den Russen geliefert worben 25 096 Kilogramm Brot, 3676 Kilogramm Zucker. 3110 Kilogramm Salz. 110 Kilogramm Tee, 4210 Kilogramm Reis und Grütze, 450 Kilogramm Erbsen, kein Pfeffer, Diese große Lieferung, die Allenftcln den Russen liefern mußte, sollte von ihnen bar bezahlt werden. Beim Abzug der Russen ist die Bezahlung unterbliebe». Es wurde jedoch von den siegreichen dciitschci, Truppen eine russische Kriegskasse eingebracht, deren Inhalt sich auf 180 000 Rubel beziffern soll. Die Bezahlung sur die Lieferung wird die Stadt also schon bekommen." Die Notlage in Elsaß-Lothringen. Die elsässische Presse veröffentlichte einen Aufruf zur Linderung der Not in den von den Franzosen besetzten Gebieten, die gewiß allseitige Förderung verdient. Ebenso wie in Ostpreußen haben große Teile Elsaß-Lothringens, das ganze Lbcr-Elsaß, das Breuchtal, die Saarburger und die Dagsbnrger Gegend schwer unter der französischen Invasion und den Folgen des Krieges zu leiden gehabt, der gewaltige Werte in den betroffenen Gebieten vernichtete. Es fehlt besonders an Lebensmitteln, so daß schnelles Handeln nottut. Zugleich bittet die elsässische Presse die deutschen Brüder im übrigen Deutschland, sich tot schnellem Urteil über die Elsaß- Lothringer zu hüten. Die meisten Behauptungen, wonach von Elsaß-Lothringern ans Deutsche geschossen worden sei, haben sich als unbegründet erwiesen. Diese fühlen sich vielmehr gänzlich als Deutsche und tun inehr als ihre Pflicht. Das ist der Krieg. Tie Trieiischc Landcszeitung schreibt: „Das ist der Krieg, idcr entsetzliche, männermorbende Krieg, ber Krieg mit seinen fürchterliche» Schrecken und Greueln, ber uns setzt die Hekatomben seiner Opfer zusendet. Seit Sonntag haben die großen Verwun- dctenlrausporte begonnen, die unmittelbaren Folgen unserer siegreichen, aber blutigen Kämpfe in Belgien, Lothringen und Frankreich. In kurzen Zwischenräumen rollen die Züge ln de» Westbahnhof ein, jeder besetzt mit 300 bis 500 Verwundeten. ES sollen nur Leichtverwundete sein,.denn die Schwervcrwundetcii bleiben in großen Fcldlazareiten in der Nähe des Tchlachiscldcs. Aber wer will einen genauen Unterschied machen zwischen Leicht- und Tchwerverwundelen, wo die erste dringende Hilfe sich auf eine flüchtige Untersuchung, eineil durstigen Verband beschränken muß? Mit übermenschlicher Anstrengung arbeitet unser Aerzte- und Tanitätspersonal, aber auch ihrer Leistungsfähigkeit sind Grenzen gesteckt. Was bei der nochmaligen Besichtigung auf dem Trierer Westbahnhof wirklich als leichiverwundct erkannt wird, das muß-weiter, dem Innern Deutschlands zu, nur die Schweroerwundcten und Schmercrkranktcn bleiben in Trier. Und auch ihrer noch sind cs viele, ach allzu viele. Kaum hält ein Transportzug, so eilen die militärisch geschnlicn Sanitäter — augenblicklich sind es hier die prächtig eingeübten Berliner — mit den Tragbahren von Wagen zu Wagen und tragen hinaus die Braven, denen eine ivcitere Reise verhängnisvoll werden könnte. Und dann geht cs fort mit ihnen in fieberhafter Hast und Eile zu den Verba,idsstelle» und zu den draußen harrenden Ärankeiiautomobilen. Manchmal kommt die Hilfe zu spät, wen» ein Tapferer die Augen zum lebten Schlummer geschlossen hat. Man bettet ihn abseits »nd deckt die Leiche zu — nur die Lebenden haben Recht. Das Herz krampst sich zusammen, wenn man diese zersetzten »nd oerstiimmelten Körper sieht, die blutgetränkten Verbände, das schmerzentftellte Gesicht, lsnd doch, tapfer sind diese prächtigen Mensche», tapfer bis zum letzten Hauch, Wir haben i» der vergangenen Nacht Hunbcrte von ihnen gesehen, aber nicht einen einzigen Schmcrzenslaut gehört, Ihre Lippen bleiben geschlossen, ein deutscher Soldat jammert nicht. Die Helferinnen vom Roten Kreuz verabreichen in aller Eile Erfrischungen, bann ertönt ein Pfiff und weiter fährt der Zug in die Nacht hinaus, dem Rheine zu. Und schon wartet draußen am Signalarm ein neuer Zug auf die Einfahrt: kaum daß die Tragbahren von ihrer blutigen Last befreit sind, müssen sie zu neuer Arbeit bercitgestcllt werden. So geht es die ganze Nacht hindurch, bis der Morgen graut — das Elend »nd der Jammer wollen nicht enden. Jeder Zug bringt auch französische Verwundete, denen selbstverständlich dieselbe Pflege wie unseren Soldaten zuteil wird: dabei wird streng darauf geachtet, baß sie nur Wasser »nd Brot erhalten, soweit Ihr Zustand solches gestattet. Wie Reims genommen wurde. Wie die deutsche» Husaren in Reims einrücktcn, wird von den Kriegsberichterstattern aus dem Hauptquartier im wesentlichen übereinstimmend, wie folgt berichtet: Da noch nicht bekannt war, ob die Aussagen der Einwohner wahr seien, welche lauteten, die Besatzung hätte Reims verlassen, beschlaß Rittmeister v. Hubracht, mit einer Patrouille sestzustcllen, ob das Fort Vitry les Reims frei vom Feinde sei. Auf die Frage, wer freiwillig mitreiten wolle, meldeten sich viele, von denen der Rittmeister Oberleutnant v. Stcinäcker, Leutnant Martiny, Leutnant v, Waldow, Fähnrich Jäckel, Unteroffizier Dr. Arnhold, Trompeter Zwahle» und die Husaren Knappe, Krause, Buse, Retnelt, Rohne und Starke aus- wählte. Aus einem einsamen, sechs Stunden lange» Waldwege, in großen Sicherheitsabständen, galoppierte die Patrouille an das Fort heran und stellte fest, daß es vom Feinde frei war. Nun ritt die Patrouille weiter und erreichte um 9 Uhr abends die Stadtgrenze von Reims. Durch die von Neugierigen gefüllten Straßen zog die Patrouille vor das Nathans, Tort erklärte man dem mit den Ratsherrcn heranstretcndcn Bürgermeister, daß hiermit Reims in deutschem Besitz sei »nd daß er selbst als Geisel für die Sicherheit der deutschen Truppen hafte, Leutnant Martin» wurde mit der Meldung des Erreichten znrückgesandt, Mannschaften und Pferde bezogen Quartier, Rittmeister o, Hubracht, Leutnant v, Waldow und Unteroffizier Dr, Arnhold blieben über Nacht bei dem Btirgermetster im Sitzungssaal und hielten abwechselnd »eben ihm Wache, Am anderen Morgen um 5 llhr ritt die Patrouille zurück, zog aber am Nachmittag, an der Spitze der Brigade Tnckow, die mit klingendem Spiel in die alte Stadt einrückte, wieder mit ein. Reims selbst ist nnzcrstört, die Bevölkerung ruhig ' und entgegenkommend. Die rnsslsche» Tnkppcntra»,Sporte in England? WB. Rom, 9. Sept. Der Kapitän des Kahlendampfers „Mary", von England nach Ahaus unterwegs, will laut Mcsfagcro bei Lcith eine Reihe von 40 Eiscnbahnziigen mir russischen Soldaten gesehen haben, von denen etwa 1000 Mann in jedem Zuge waren. Sie seien von Archangelsk übergcfllhrt. Eine französische Zeitung in London. WB. London, 8, Sept, (Nichtamtlich,) Hier erscheint eine französische Zeitung Erl de Landres, Ehcfrcdakleiir de Ehassaigne, in starker Auflage, Russische Agenten in der asiatischen Türkei. TU. Wien, 8. Sept, Die türkischen Behörden beschlagnahmten im Wilajct Erzcrnm Tausende, von russischen Agenten verteilte, gegen Deutschland gerichtete Aufrufe. Steckbrief gegen Blnmenthal. Tie TlaatSanivaltschast in Kolmar hat gegen de» in französische Dienste Über getretenen Bürgermeister Blnmenthal in Kolmar einen Steckbrief wegen Betruges und Unterschlagung von 1000 Mark zum Schaden ber Sladthauptkasse erlassen. Siegreicher Vormarsch auf Antwerpen. W.B. Paris, 9. Sept. (Amtl.) Aus Ostende wird vom 7. Sept. gemeldet: Die Deutschen gingen gestern nordwestlich von Brüssel zwischen Gent und Antwerpen vor. Alle Verbindungen zwischen diesen beiden Städten sind unterbrochen. Bei Cordege in der Nähe von Wetteren fand gestern ein Gefecht statt. Die Belgier mußten sich vor der feindlichen Uebermacht zurückziehen. Der Kommandant Commiack ist gefallen. Scharmützel zur See. W.6. Berlin, 9. Sept. Die B, Z. a. M. berichtet aus Wilhelmshafen: Der kleine Kreuzer Karlsruhe hatte, wie die englischen Blätter melden, in diesen Tagen ein Scharmützel mit englischen Kreuzern zu bestehen. Russische „Sicgesnachrichten". Wien, 9. Sept. Tie Petersburger Tclegraphcnagcntur hatte die Meldungen von den Siegen der österreichischen Armeen Ausfenberg und Tankl bei Zamocz und Tyschowszy bestritten, dagegen behauptet, daß die Russen einen großen Sieg bei Lcnibcrg errungen und 70 000 Lesterreicher gefangen genommen hätten. Dem gegenüber erklärt die österreichische Armecleitung, daß bei Lemberg überhaupt keine Schlacht stattgefundcn hat, daß die Lesterreicher vielniebr Lemberg bereits vor deni Anrücken der Russen aus strategischen Gründen geräumt hatten. Infolge dessen können auch keine 70 000 Lcsterrcicher kriegsgcfangen sein, es sei denn, daß die russische Heeresleitung die gesamte Einwohnerschaft von Lemberg als kriegsgefangen bezeichnet. Die Meldungen von den österreichischen Siegen aber hätten durch die späteren Vorgänge ihre Bestätigung erhalten. Daran könne das bunteste Lügengewebe der Russen nichts mehr ändern. Tic Verzweislnngsstimmnng wächst in Frankreich. Rom, 9. Sept. Der Kriegsberichterstatter Sipolla de Stampa schildert in seinem Blatt, wie das Vertrauen der Franzosen in den französischen Generalstab allenthalben geschwunden sei, wie die Vorbereitung Deutschlands als vollkommen anerkannt wird und wie die Aktion der Engländer ein jähes Ende gefunden hat. Nachdem das kleine Heer Frcnchs bei Compidgnc dezimiert worden sei, würden die Engländer wahrscheinlich von weiteren Unternehmungen dieser Art abstehen. Niemand habe mehr Vertrauen ans das Heer. Die Pariser wissen, daß in nicht ferner Stunde alle Lrte Frankreichs mit Verwundeten überschwemmt sind, »nd daß das nur ein kleiner Teil der Verluste sein wird. In Paris ahnt man auch, daß große Heercsteile gefangen gcnoni- »ien und nach Deutschland gebracht worden sind. Am ent- schiedcnsten gegen die Fortsetzung des Krieges aber sind die französischen Frauen, die den Krieg von ganzer Seele hassen, besonders in Paris lehnen sie sich gegen die Fortsetzung auf und dieMänner, so schreibt der Korrespondent, werden ihnen, folgen. 30 000 Engländer in Maubcuge gcsangc»? Berlin, 9. Sept. Zu der Kapitulation von Maubcuge schreibt der Berliner Lokalanzeiger: Dir vorgesehene Kricgsbesatzung von Maubcuge zählt rund 10 000 Man», Da nun die Engländer bei Maubcuge geschlagen worden sind, ist anzunchaie», daß wir 30 000 in die Festung geworfene Engländer mit gefangen genommen haben. Rußland muß schon lange vor dem Kriege mobilisiert haben. Rom, 9. Tept. Während die hiesige Presse zmneist ihrem bewundernden Staunen über die genial« Unternehmung des russischen Seetransports nach Frankreich nicht verigchlt, urteilt der Populo Romano wesentlich anders. Er schreibt: Sollte es siel» wie cs scheint, bestätige», daß 250 000 Russen im Weißen Meer eingeschifft worden sind, so ist klar, daß ihre Mobilmachung schon vor der Kriegserklärung erfolgt sein muß, also zu einer Zelt, da die Kabinette noch über eine möglich« srie-dlbckfe Beilegung verhandelten, denn vom Weißen Meer kann man beim besten Willen ein« solch inrgoheure Erpedition »ach Europa nicht in vier Wochen transportieren. Französische Flieger mit Notschreien an den Zaren? München, 9. Sept, Nach der Meldung eines bayerischen Offiziers teilt die München-?!, igsburgcr Abendzeitung mit, daß bei Nancy einige französische Flieger heruntergeschossen worben seien. Unter ihnen hesand sich auch ein Pilot, der einen Bericht an, den Zaren bringen wollte, worin der Präsident der Republik den Zaren ersucht, für 8 Tage eine kräftige Offensive zu ergreifen, damit Frankreich slir diese Zeit Ruhe bekomme, da cs sich sonst nicht mehr halten könne. Japanische Flieger über Kiautschou. WB, Tokio 9, Tept. Japanische Flieger habe» Bomben aus Tsingtau geworfen. Ein Tagesbefehl an die Pariser Armee. WB, Paris, 9, Sept, Von amtlicher französischer Stelle wird gemeldet, daß der Generalissimus an die Truppen einen Tagesbefehl erlasse» Hai, in dem es heißt: Es ist jetzt nicht mehr drr Augenblick, rückwärts zu schauen, sondern anzugrcifcn, den Feind zuriick- zudrängen und das gewonnene Terrain, koste es was es wolle, z« behaupten. Das Anerbacher Schloß abgebrannt, WB Auerbach a, Bergstr,, 9, Sept. Das zur Zeit unbewohnte Hauptwjrtschastsgcbäudc des bekannten Anerbacher Schlosses ist heute niedcrgebrannt. Ran vermutet Brandstiftung. .Sesierr nnd Nachbargebiete. Gießen und Umgebung. Gefährliche Patrioten. Welche Blüten de: Hurrapatriotismus zeitigt, zeigt ein Brief, der dieser Tage dem Inhaber eines Frankfurter Re- staurants zugegangcn ist: Falls Sie nicht bis „wogen (Donnerstag) abend die in Ihrem Lokal zum Awshamg gebrachten ekelhaften russisthen Bilder von Leo Tolstoi entfernen, wird Ihr Lokal einfach demoliert, und in den Frankfurter Tageszeitungen werde» entsprechende Notizen erscheinen, die Ihnen nicht sehr angenehm sein bürsten. Mehrere Patrioten, die schon dafür gesorgt haben, daß Ihr Lokal kauen noch besucht wird. Diese Patrioten sollten sich eigentlich richtiger Van- d a l c n nennen, bemerkt die Volksst. dazu, denn ihre Androhung der Zerstörung von Bildern Tolstois ist nichts als gemeiner Vandalismus. Es handelt sich um zwei künstlerische Bilder: Tolstoi als pflügender Bauer und ein Brust- bild. Es zeugt von einer bemitleidenswerten Unkenntnis, wenn Deutsche, die sich gewiß einbilden, auf einer hohen Kulturstufe zu stehen, unter dem Tecknfantel des Patriotis- inns in dieser Art Bilderstürmerci betreiben. Wissen diese „Patrioten" nicht, wer Tolstoi war?, waS er der gesamten Kulturmenschheit an literarischen und kulturellen Werten hintcrlasscn hat? Wissen sie nicht, wie gerade er sein ganzes Leben daran gearbeitet hat, um das russische Volk auszu- klären und aus der Barbarei des Zarismus zu befreien? Ter Mann strebt kulturell zu hoch, um von patriotischen Ignoranten geschmäht werden zu können: aber tief beschämend ist es doch, daß solche Wichte sich jetzt als „Patrioten" aufblähcn können. Tic deutschen Arbeitgeberverbände gegen die wirtschaftliche Freibeuterei. Die deutschen Arbeitgeberverbände wenden sich, nach einer Mel. düng des W, T -B,, onergßsch gegen die Versuche einzelner Unter, nehmer, die durch de» Krieg hcrbcigeslihrtc Schwächung der Gewerkschaften zum Bruch der tarislickfcn Abmachungen zu mißbrauche». In einem Ausruf des Arbeitgeberverbandes sur das Baugewerbe lfeißt es: Alle Verträge mit den Arbeiterorganisationen ixstfalten ihre Gültigkeit. Die Arbcitcrzentialorganisationon haben die bestehende» Streiks und Aussperrungen außgehoöen und damit zu erkennen ge- geben, daß sie während des äußeren Kampfes im Inner» den wirtschaftlichen Frieden erhallen wollon, ES wird in den ernsten Zeiten auf bc-idcn Seiten nicht der flirte Will« fehlen, all« Reibungen zwischen den für die Fertigstellung der Bauten noch verfügbaren Arbeitnehmern und Arbeitgebern zu vernieiden. Die Mehrzahl der deutsch«» Arbeiter steht heute neben unser«» Mitglieder» i»i Felde, Wir fpiinsthc» allen eine glückliche Heimkehr! Gewisse Osscndacher Unternehmer, besonders aus der Milirär- effektentndustrie inachen wir aus diese Kundgebung besonders aus- merffewn. — Der Wert der Gewerkschaften wird jetzt, da das Volk in Kriegsnot ist, auch von Leuten betont, die sonst von der Arbeiterbewegung nicht viel wissen wollten, Prof. Dr, P l e n g e in Münster i. W, richtete vor kurzem an die Mitglieder des von ihiu geleiteten Seminars eine Ansprache, worin er sich über die (Gewerkschaften wie folgt auslieb: „Was wird? Ueber allem, was zu fragen ist, steht die Frage: was wird nach dem Kriege? Wir müssen nicht nur Mut haben zum Kriege. Wir müssen Mut übrig behalten zur Arbeit, die nach dem Kriege kommt. Mir ist in diesen Tagen gesagt worden, wenn der Krieg verloren geht, ist Deutschland für immer vernichtet. Kommilitonen! Daraus antworten wir: „Noch lange nicht. Deutschland von neuem empor!" Es ist eine merkwürdige Fügung, es ist eine Schicksalsfügung, die ich als solche von Herzen begrüße, daß wir für heute für die letzte Stunde unserer Semestcr- übungen die großen Gcwerkschaftsorganisa- tionen der deutschen Arbeiter zur Besprechung angesetzt hatten. Sic haben die Statuten und Regulative, die Zeitungen und Berichte dieser Organisationen selber lesen können. Gewiß, wo ein Interessengegensatz der Natur der Sache nach herrschen muß, wird man sich über das Ausmaß der einzelnen Ziele und Bestrebungen von verschiedenen Standpunkten aus niemals vollkommen einigen können. Aber Sie werden das Vertrauen gewonnen haben, wer so viel aus eigener Kraft geschaffen hat, wer sich so selbst diszipliniert wieunsere deutschen Arbeiter in den Gewerkschaften, das sind Volksgenossen, niit denen wir uns alle auf die Dauer in nationaler Zusammenarbeit zusammenfinden können und müssen. Das gilt vom Krieg. Das gilt vor allem vom Wiederaufbau der Nation nach dem Kriege. Soweit Zeitungsnachrichten vorliegen, kann im wesentlichen nur ein Gefühl froher Genugtuung über die Haltung unserer Arbeiter bestehen. Möge der Krieg die Nation, die jetzt in so große Gegensätze zerrissen ist, zu gemeinsamer Arbeit dauernd zusammenschließen." Wird aber das Uuternehmertuni nach deni Kriege so Urteilen und dementsprechend handeln? Wir bezweifeln es. Die Ernährung in der Kriegszcit. Dr. v. d. Velden 'empfiehlt den jetzt in Deutschland Zurückgebliebenen, die vorwiegend ältere Männer, Militäruntaugliche, Frauen und .Kinder sind, die vom Notstand betroffen werden und Schwierigkeiten in der Ernährung haben, die vegetarische Diät. Wenn es aiich wahr sein sollte, daß hervorragende geistige, sowie körperlickje Leistungen, die Raschheit des Entschlusses verlangen, etwas Fleilchgenuß erheischen, so kommt dies für die meisten Zurückgebliebenen nicht in Betracht. Sie sollen also getrost vegetarisch leben. Tie Aerzte müßten die Augen darüber öffnen, daß die vegetarische Diät keine Hunger- und Elendkost zu sein braucht. Die Redaktion der Aerztlichen Rundschau erinnert ferner daran, daß ein großer Teil unserer Brauereien und Mälzereien den Betrieb teils eingestellt, teils trheblich eingeschränkt hat, daß daher eine gewaltige Menge von Gerste im Lande ist, die für den Fall, daß englische Schiffe die Weizeneinfuhr sperren sollten, vermahlen und teils gebacken, teils zu Mehlspeisen verarbeitet werden kann. Knödel und Klöße aus Gerstenmehl sind viel leichter ausnutz- bar als die von Weizenmehl zubcreitcten. Das Gerstcnmehl hat weiter den Vorteil, daß es weit billiger und in der Küche ausgiebiger ist als Weizemnehl, freilich nicht so blendend weiß, dafür aber kerniger und würziger schmeckend. Die llvcitverbreitcte Meinung von dem großen Nährwert der Hülsenfrüchte wird daurch wieder hinfällig, daß Hülsenfrüchte für längere Zeit nicht täglich genossen werden können, weil sie teils stopfend wirken, teils auch Unbehagen erregen. Wohl aber sind sie in Abwechslung mit Mehlspeisen aus Gcrsten- mchl recht gut zu ertragen. Schuldentilgung durch Teilzahlungen. Juristen, Volks- Wirtschaftler und Großkaufleute l>abcn während der letzten Wochen in unzähligen Artikeln über die Zahlungspflicht, -Kraft oder -Unfähigkeit des Gewerbetreibenden geschrieben. Ständig kehrt wieder, daß der Krieg nur ganz wenig an einzelnen Zahlungs-Verpflichtungeu ändert; fast alle Forde- rungen bleiben bestehen und harren der Tilgung. Deutschland sei stolz darauf, so erklären die maßgebenden Stellen, daß es ohne ein allgemeine? Moratorium auskommen könne, tvährend für die allerdringeudsten Fälle der gerichtlich zu beantragende und genehmigende Zahlungsaufschub bis 3 Monaten genüge. Die Behörden erivarten von allen Beteiligten, also von Gläubigern und Schuldnern, den guten Willen zu freiwilligen außergerichtlichen Abkoumien. Diese sind umso mehr erforderlich, als neben der, wenn auch ermäßigten Kosten, die gerichtlich zu bewilligende Zahlungsfrist immer noch mit vielen Beschränkungen verbunden ist. Viele können, obwohl in unangenehmer Lage, trotzdem diese Vergünstigung nicht erlangen: andere sind zu stolz, den geforderten Nach- weis der augenblicklichen Zahlungsunfähigkeit zu erbringen. Es tauchte ständig von neuem aus deni geschäftlichen Mittelstände die Frage aus: was tue ich, da die Lieferanten mit Quittungen und unlicbcnswürdigcn Mahnungen drängen, während andererseits die eigenen Kunden selbst auf gütiges Zureden nichts zahlen, bczw. zahlen können? So entwickeln sich unangenehme Erörterungen und oft ernste Meinungsverschiedenheiten. Hier hilft nur das so oft betonte gegenseitige Entgegenkommen auf dem goldenen Mittelwege, d. h. im vorliegenden Falle Vereinbarung von Teilzahlungen und in geeigneten Fällen Gewährung eines gewissen Nachlasses, als Ansporn zu sofortiger Barzahlung. Auch Kreditgenossenschaften und ähnliche Unternehmungen haben sich gebildet. Für viele mögen diese jetzt ein direktes Bedürfnis sein. Dem kleinen Geschäftsmanne aber ist viel mehr geholfen, wenn er durch seinen Mitteln cni- sprechende Teilzahlungen seine Schulden abtragen kann, oh^ lauf der anderen Seite neue Verpflichtungen eingehen zu nillssen. — Eine „Liebesgabe". Aus Kirchhain wird be- stichlet: Von einer Danie des Komitees zur Austeilung von ^.Liebesgaben" und zur „Unterstützung der Hinterbliebenen im Felde stehender Soldaten" wurde einer hiesigen Frau mit sechs Kindern, deren Ernährer an der russischen Grenze steht, eine lvahrhaft großartige Liebesgabe zuteil. Sie bestand, wie sich Augenzeugen überzeugen konnten, in einer Portion Speckschwarten und Zipfeln von Speckseiten, an denen sich noch die Kordel befand. Es war nun fraglich: sollten diese Speckschwarten zu einer „guten Suppe" oder „zum Schmieren von Sägeblättern" dienen? Wundern muß man sich nur, daß die Dame sich nicht genierte, der -Frau diese Speckrcste anzu- bieten. — Mit der „Opferwilligkeit" siehts überhaupt manchmal sehr bedenklich aus. So sagt das Kreiskomitee vom Roten Kreuz in Wiesbaden in einem Aufruf: „Wer der Meinung ist, den vielfachen Bitten um Liebesgaben aller Art lväre eine Uebersüllc von Zuwendungen gefolgt, würde vor der niederschmetternden Wirklichkeit seine Ansicht rasch ändern. Es ist nicht anders, die beschämende Tatsache muß hier sestgestellt werden, daß die Eingänge von Liebesgaben für unsere Krieger und Verwundeten auch nicht im entferntesten weder den Erwartungen noch den Möglichkeiten entsprechen, daß in den Listen der Geber Tausende von Namen fehlen, die hier unbedingt stehen müßten." — Wohl- gemerkt, es handelt sich um das reiche Wiesbaden ! — Tote des Gießener Regiments. Als gefallen am 28. August wird ferner gemeldet der Offizier-Stellvertreter Gustav Adolf Barth im Rcserveregiment. Barth stammt aus Großenbuscck und war Pfarr-Assistent in Lollar. — Eine Frau verbrannt. In R a n st a d t bei Nidda brach in der Nacht zum Dienstag in einem Wohnhause Feuer aus, wodurch der Oberstock des Hauses eingeäschert wurde. Nachdem der Brand gelöscht war, fand man in den Brand- restcn die verkohlte Leiche einer älteren Fra», die den Tod durch Verbrennen gefunden hat. — Statistisches über Rußland. Zit keiner Zeit werden soviel Landkarten gekauft, als in KriagSzc-iten, wo jeder feine georgraphi- schon Kenntnisse erweitern und sich einen Ueberblick über die Lage der Orte verschaffen will, die in den Kämpfen ein« Roll« spielen. Gewöhnlich sind die in der Schute erworbenen Geograph ickcniitnisse nicht sehr umfassend ntid noch weit trüber siehts mit den sonstigen Kenntnissen über die wirtschaftlichen und Bevölkerungs-Verhältnisse eines fremden Landes aus. Da ist e-s jedenfalls angebracht, einiges darüber, soweit vs Rußland betrifft, hier zu wiederholen. Rußland, dessen Riescnkörper sich ilber den grüßten Teil Europas »nd Asiens erstreckt, ist das an Flächeninhalt größte Reich der Erde. Es umfaßt nicht weniger als 22 088 774 Quadratkilometer, ist also fast 41 mal so groß als Dcnlschland. Davon entfallen ans das europäische Rußland 5 315 021, aus das asiatische 18 754 753 Quadratkilometer. — Die Bevölkerung Mit 187 128 480, 134 800 800 im europäischen und nur 32 228000 in, astatischen Ge- biete. — Die Handelsflotte umfaßte im Jahre 1811 3447 Schisse, davon 843 Dampfer. — Im Jahve 1810 steinig die A u K fuhr 3130 Millionen Mark, die Einfuhr 2342 Millionen Mark. Rach Dciitschlvnd allein wurden 1810 248 Millivnei,' Pud Getreide «vuS- gcsiihrt ll Pust — 16,38 Kilogramm). An Wäldern besitzt Rußland nicht weniger als 378 Millionen Hektare: die Holz-AiiLfuhr betrug im Jahre 1818 137 Mlllioneii Riit-el — Das Herr zählt im Ir jeden 1 345 880 Mann: die Marine 45165 Mann. Im Kriege wird die Zahl der Feldtruppen auf 2% Millionen geschätzt, mit Reserve und Landwehr auf etwa 5 — 6 Millionen. — Pakcistejörderung in das neutrale Ausland Bon der Post- bchörde wird iniigeteilt: Ten Paketverkehr nach Lcsterreich-Ungarn, Dänemark, Schweden, Norwegen, Lure-mtmrg. Niederlande, Schweiz und nach den itbrigen neutralen Ländevu ans den Wegen über die Schweiz und über die Niederlande ist, soiveit das feindliche Ausland nicht berührt zu wcrdeit braucht, jetzt wieder zugelassen. Keine militärischen Angelegenheiten auöplaudcrn! Ei» großer Teil der Arbeiter »sw., die in letzter Zeit an den BcscstignngS- arbeiten beteiligt gewesen sind, ist nunmehr wieder nach Hanse gekommen. Es ist bereits vorgckommcn, daß solche Leute in Kneipen usw. Mitteilung von ihren Arbeiten und von dem gemacht haben, was sic sahen. Daher wird besonders darauf hingewiesen, daß über solche Tinge überhaupt nicht gesprochen werben dars, und daß diejenigen, die solches tun, sich hohen »nd schweren Strafen aussetzen. Durch Mitteilung über Befestigüngsarbeiten, auch solchen, die scheinbar ganz nebensächlicher Natur sind, können unter Umständen wichtige Dinge verraten werden, weshalb schärfste Maßnahmen gegen die z» erwarten stehen, die über diese Tinge reden »nb ihre Kenntnisse ansplaubern. Krei» Wetzlar. Ii. Sonntagsruhe. Der Wotzlaver Landrat gibt bekannt, daß die gesetzlichen Vorschriften über di« Sonntagsruhe jetzt wieder in Wirksamkeit treten. Der Verkauf von Lebensmitteln bleibt Sonntags bis 7 Uhr abends erlaubt, auch Zeitungen diinsen Sonntags vertäust werden. y. Tie Buttcrzufuhr nach Wetzlar hat fast ganz ansgchört, seit der Höchstpreis auf 1,10-1 F» Mk. prv Pfund vom Bürgermeister festgesetzt worden ist. Jedenfalls wollen die Landwirte dadurch eine Preissteigevu»« erzielen, obwohl die Butter für diesen Preis bei der reichen I-,itterernte sehr gut geliesert werden kann. Das Publikum soll nur unbedingt an obigem sestgcsctzten Preise sestliallen und Nicht »rohr bezahlen, sonst macht es siel» an der Preistreiberei mitschuldig. In Gießen ist der Preis aus 1,10 Mk. pro Psuud festgesetzt und eö wird aus deni Markte genügend ongedoleu. Ueber schlechte Zeiten haben sich die Landwirl« dieses Jahr wirklich nicht zu beklagen. Telegramme. Die Schlacht vor Paris. lieber das große Ringen, das offenbar seit einigen Tagen östlich von Paris sich abspielt. liegen nur Meldungen aus englischen und französischen Quellen vor, die sich noch dazu in ganz wesentliche,i Dingen widersprechen. Wir verzeichne» folgende Nachrichten: Kopenhagen, 8. Sept. Londoner Zeitungen vcrösscntlichcn lange Berichte über die große Schlacht östlich von Paris. Es wird über eine Front von 258 Kilometer Lange gckämpst. Im Lause des Dienstags war der Kanonenbouner in Paris ganz deutlich zu hören. Bisher wußten die Berichte nur von Ersolgcn der Verbündeten zu melden. Man sprach sogar schon von einem großen Siege der Franzosen über die Deutschen, wobei die Garde, als sic sich trotz Aufforderung nicht ergeben wollte, von den Franzosen angeblich vernichtet ivurdc. Dieser Sieg scheint aber aus ebenso zuverlässiger Grundlage zu beruhe» wie die übrigen französischen Siegesmeldungen Dienstag abend lauteten die letzten Nachrichten dahin, daß die Verbündete» »ich! imstande z» sein scheinen, die bisherigen Erfolge ihrer Qsfensivbewegnng ausrechtzuerhalten. Man wird nicht fehlgehc», wenn man hiernach annimmt, daß in Kürze Nachrichten von einer französischen Niederlage erwartet werden können. Paris, 8. Sepl. fJndir. Priv.-Tel. d. Franks. Ztg.) Die olsi- ziellen französischen Mitteilungen verschweigen bisher den Fall vo» Manbeuge. Die im Gang bcsindliche Schlacht gehe gegen Vitry-le- Francois fort. Im übrigen ist aus den französischen Meldungen über die einzelnen Phasen der Schlacht wenig Klarheit zu gewinnen, denn sie widersprechen einander häusig. So berichtet beispielsweise ein Bulletin vom 8. September nachmittags von einem Vordringen der Verbündeten vom Qurcq bis gegen Montmirail; ei» acht Stunden später verössentlichtes Bulletin spricht aber davon, daß die Franzosen noch am Qurcq stünden und dort vo» den Deutschen vergeblich angegrisfen wurden. In den Vogesen batten die Franzosen die Gipfel Mandra» und Col de Fonrneaur besetzt. Die Schlacht findet bei großer Hitze statt. Das Volk von Paris, das in lebhafter Aufregung ist, erfährt nur kleine Episoden, die von flüchtigen Bürgern und von Ordonnanzen, die dienstlich nach Paris geschickt wurden, erzählt werden. Die Zeitungen dürfen nur die ofsizellen Bulletins bringe». Das Volk sagt, es genüge, daß die Franzose» dem deutsche» Ansturm jetzt widerstände», um später de» entscheidenden Sieg davonzutrage». Auf alle Fälle erwartet man noch andere Schlachte». Paris, 8. Sept. Nach einer amtlichen Meldung hat der französische Gencralissimils an die Truppen folgenden Tagesbefehl erlassen: Es ist jetzt nicht mehr der Augenblick, rückwärts zu schauen, sondern anzugreifen, den Feind zurückzuschlagen und das ge- wonnene Terrain, koste es, was es wolle, zu behaupten. Wir warten ruhig ab. bis deutsche Meldungen vorliegen. Mag sein, daß da »nd dort, wie das bei solchen Riesenschlachten unvermeidlich ist, kleine Mißerfolge unserer Truppen vorgekonimen sind: im allgemeincu aber deuten schon die unstcheren, widerspruchsvolle» Fassungen der feindlichen Meldungen darauf hin, daß es sich tatsächlich um Meldungen handelt, die ganz denselben Charakter tragen, wie die bisherigen „Siegesmeldungen" der Franzosen. Eine Million Nüssen im Anmarsch? Kopenhagen, 9. Sept. Ueber Stockholm wird aus Petersburg gemeldet: Eine Million Soldaten sind nun in Wilna konzentriert und werden in Extrazügen nach der Grenze befördert, von wo aus sie durch Posen nach Berlin marschieren sollen. — Das heißt doch wobl, wenn die deutschen- Truppen sie durchlasscn? Und etwas weniger als 1 Million wirds wohl auch sein. Vereinskalender. SamStag, 12. September. Gießen. Tapezierer. Abends 8 Uhr Mitgliederversannn- lung. Mitgliedsbücher mt-tbringen. Wetzlar. Gesangverein „Hoffnung". Abends 814 Uhr Mitgliederversanimrlnng bei Schreier, Lahnftraßc. Sonntag, 13. September. Gieße». Fab ri ka r bei te r v c r b a »i>. Nachmittags 3 Uhr Versammlung im Gewcrkschastshausc. Wichtige Tagesordnung, alle Mitgliede r erschoimkn! _ Verantwortlicher Redakteur: F. Vetters, Gießen. Verlag von Krumm L Cie., Gießen. Druck: Verlag Osfendacher Abendblatt, G. m. b. H, Osfenbach a. M. ftp® af»BHiiiliaiji 1 li Mi Fabrik ».Verkaufssf eile WaBliorsfrasse 24. Wir empfehlen unsere vorziigl. 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