Nr. 51. Gieren, Silvester, 31. Dezember 1914. Am Silvesterabend. Psalm 102, 28. Vu aber bleibest, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende. ver graue, sonnenlose Mintertag geht zu Lnde, und in den Minkeln meines Zimmers bleibt die Dämmerung hängen. Ich habe den Bopf auf die Hand gestützt und sinne den Ereignissen nach, die uns das scheidende Jahr gebracht hat. Bild um Bilb tritt mir da vor die Seele. Ein heißer hochsommertag geht zu Lnde, und vor dem Postgebäude steht eine dichtgedrängte Menge. Soeben ist das Telegramm ausgehängt worden, das bis in das kleinste Dorf hinein den Befehl des Baisers trägt, daß die Mobilmachung der Armee planmäßig erfolgen soll und daß der 2. August der erste Mobil- machungstag ist. Schweigend wird das Telegramm gelesen, man sieht manches blasse, ernste Angesicht, aber keine Verzagtheit ist wahrzunehmen, sondern überall ruhige Entschlossenheit und stilles Gottvertrauen. Zwei Tage darauf halten wir an einem Sommerabend das heilige Abendmahl für die Ausmarschierenden und ihre Familien. Einer so ergreifenden Abendmahlsfeier habe ich noch nie beigewohnt. Frauen mit verweinten Augen, junge Männer mit ernstem Gesichtsaus- drucke treten an den Altar, um zur Stärkung und Tröstung ihres inwendigen Menschen das Mahl des Heilandes zu empfangen. Mieder zwei Tage weiter, und ein endloser Zug rollt an mir vorüber. Alle Magen sind mit Grün umkleidet, aus Fenstern und Türen schauen junge Männer, die vaterländische Lieder singen. Dann strömt die Menge der Einberufenen vom Bahnhofe in die Stadt. Ts ist kein Strom von Menschen, sondern ein brausendes Meer, die Straße ist nicht breit genug, diesen starken Strom deutscher Braft in sich zu fassen. Dann kamen die Tage, da die streitbaren Männer von uns weggingen. Mit Jubelrufen rückten die jungen Soldaten aus, seitwärts von der Straße her sahen ihnen vergrämte Frauen nach, kleine Binder winkten dem Vater mit den Händchen zu. Das waren die Tage der ersten großen Volksbewegung. Auf sie folgten die Tage, da das große Leid durch die deutschen Lande ging. Es war mir doch schwer zu Mute, als ich in der Zeitung die erste Nachricht von dem Heldentod eines der Unseren las, trüb auch war es mir zu Sinn, als ich das erstemal das Lazarett betrat, wo Bett an Bett die Opfer des Schlachtfeldes nebeneinander lagen und scharfer Jodoformgeruch den Saal durchzog, und ein schwerer Gang war es, als ich das erstemal in ein Haus ging, in dem die tiefe Trauer über den Tod des auf dem Felde der Ehre gefallenen Sohnes herrschte. Ein schweres Jahr dieses Jahr 1914, das nun in seinen letzten Zügen liegt. Dennoch haben wir auch in ihm erkannt, daß Gott die Seinen kennt und eine Feste ist zur Zeit der Not. Im Leben unserer Familien hat es durchgreifende Aenderungen gegeben, auf dem Gebiete der Politik hat sich mancherlei verschoben, von Gott aber gilt, was der psalmist sagt: ,,Du aber bleibest, wie du bist, und deine Jahre nehmen kein war, galt in ihren Bugen nichts und gehörte zum „hergelaufenen „verlzeug" (vettelzeug). Ihr Wahlspruch „Naich (reich) bei Naich" und „Verl (Vettel) bei Verl" kennzeichnete ihre Gesinnung zur Genüge. Im volksmund nannte man sie die „hemiehlsherren" (hämmels- hcrrn). Jetzt ist die Zeit längst über sie hinweggeschritten, und sie leben kaum noch in der Erinnerung. (Fortsetzung folgt.) Lin pfälzischer Musikant. Lrzählung von Heinrich vechtolsheimer. (Fortsetzung.) Allmählich schwand die schöne Jahreszeit dahin, der Helle Himmel überdeckte sich mit Nebelwolken, die grüne Farbe der wiesen ging in das Gelbe über, und von den Linden und Pappeln, die an den Kanälen standen, fiel das Laub herab. Die vadeorte am Strande waren jetzt verödet, auch in Amsterdam gab es wenig Verdienst, da mietete ich mich mit meiner Kapelle im Oktober in Haarlem ein, wo ich in diesem Sommer noch nicht gespielt hatte und wo auch seit langer Zeit keine pfälzische Kapelle mehr gewesen war. Ich machte leidlich gute Geschäfte und hatte die Absicht, erst im November nach Hause zu reisen. Eines Tages spielten wir am Ufer eines Kanals. Alles was mich dort umgab, ist mir heute noch so lebendig, als wenn nicht 28 Fahre, sondern 28 Tage inzwischen vergangen seien. Ueber den Kanal führte eine Drehbrücke. Ein Mann, der ein rotes Halstuch umgeschlungen hatte und kleine, gelbe Ohrringe trug, stand dort und spuckte mit der Gelassenheit, wie man sie nur bei Holländern findet, in das träg fließende Wasser. Im Kanal lagen Kähne, die mit Segeln versehen waren, Kisten und Körbe waren auf ihnen verladen. Kinder klapperten mit holzschuhen vorüber, wir spielten den Schunkelwalzer, der damals durch ganz Deutschland ging und überall als Gassenhauer gesungen wurde, von den Deutschen hatten die Holländer gelernt, sich nach dem Takte dieses Tanzes zu bewegen, wenn wir dieses Musikstück irgendwo in einem Lokale spielten, so sprangen die dicksten Mynheers und die ältesten Mevrouws (Frauen) auf, faßten sich unter den Armen und schaukelten hin und her. Daß die jüngeren Herren und die Mejuffrouws (Fräulein) das taten, ist selbstverständlich. Er gab unter den sonst so phlegmatischen Niederländern sogar Leute, die auf die Tische sprangen und, auf Tassen und Gläser nicht achtend, den Schunkelwalzer tanzten. Mir selbst war das schon lange unleidlich gewesen, aber was konnte ich machen, der Tanz wurde überall verlangt. während wir also dort am Kanäle spielten, kam einer meiner beiden jungen Musikanten, den ich, um einige Noten zu holen, in unser Gasthaus geschickt hatte, zurück und brachte mir einen vrief mit. Ich sah sofort, daß er von Lina war und freute mich über den Gruß aus der Heimat. Nber ich öffnete ihn nicht sofort, sondern spielte noch einige Straßen hindurch mit meinen Leuten. Endlich, als wir an die „Groote Kcrk", die Hauptkirche von Haarlem, gekommen waren, sonderte ich mich von meinen Musikanten ab und trat in das offen stehende Gotteshaus, um meinen vrief in aller Ruhe lesen zu können. Ich sah hinein in die weite Halle, sah die hohen Säulen aufragen, erblickte die weltberühmte Orgel und das Lesepult, das von einem aus Metall hergestellten Adler getragen wird, sah auf den Sitzplätzen nach holländischer kirchlicher Sitte die vibeln liegen und öffnete meinen vrief. Lina übermittelte mir gute Nachrichten. Die Feldarbeit sei jetzt beinahe zu Ende, meine Geldsendungen habe sie alle bekommen, aber nun solle ich mit meiner Heimkehr nicht bis zum November warten, sondern möglichst sofort heimkommen. Die wiege, in der Lina und ihre Geschwister einst gelegen hätten, sei vom Schreiner neu aufpoliert worden und alle die kleinen Jäckchen und hemdchen seien längst fertig. wie sprang ich bei dieser Nachricht auf: freudig bewegt und doch zugleich etwas von Sorge erfüllt, eilte ich hinaus auf den „Groote Markt". Meine Leute spielten gerade deutsche patriotische Lieder, da winkte ich ihnen mit meiner Trompete ab und rief: „Schluß, ihr Leute, nehmt eure Instrumente unter den Arm, wir reisen heute noch nach Hause." Alle sahen mich verwundert an, da ich am Tage zuvor noch gesagt hatte, daß wir bis Ende November in Holland bleiben würden. „was ist denn los, Meister?" fragte Tobias Wagenschmidt. „Das sag' ich euch unterwegs, wenn wir in der Eisenbahn sitzen." Ich mag bei dieser Mitteilung ein glückliches Gesicht gemacht Habens denn Gottfried Keiper hatte mit gewohnter Schlauheit den Grund unserer plötzlichen Nbreise erraten, er sagte: „Aha, ich weiß schon, in Fürfeld kommt ein junger Trompeter an, vielleicht ist es auch eine kleine Mejuffrouw." Lachend drohte ich ihm mit dem Finger, dann gingen wir in unser Gasthaus. Ich bezahlte die noch unbeglichene Zeche, und eine Stunde später saßen wir schon im Zuge, der uns langsam — die Benutzung eines Schnellzuges war mir zu kostspielig über Utrecht, Arnheim, Kranenburg nach Kleve brachte. Um übernächsten Tage waren wir in Kreuznach, und ich eilte, daß ich nach Münster am Stein kam, um von hier aus mit der Alsenzbahn die meinem Wohnorte zunächst gelegene Station Hochstätten zu erreichen. Dort ließ ich mein Gepäck zurück, um es mit der nächsten Fuhrgelegenheit nach Hause schaffen zu lassen, und eilte, daß ich nach Fürfeld kam. (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Es sei an dieser Stelle noch einmal darauf aufmerksani gemacht, daß die Gießener Pfarrer Gaben für einen zweiten hessischen Lazarettzug in Empfang nehmen. Die Feier des weihnachtsfestes ist in dieser ernsten Zeit schön und würdig verlaufen. In allen Lazaretten wurden eindrucksvolle Weihnachtsfeiern, an die sich die Bescherung der verwundeten anschloß, abgehalten. Sehr viele Nerzte, Schwestern, freiwillige Pflegerinnen und Damen vom Noten Kreuz hatten sich dazu eingefunden. Die Ehorschulen und das vibelkränzchen konfirmierter Mädchen aus der Johannesgemeinde trugen Lieder vor, in der alten Klinik erfreute Frau Landgerichtsrat Schudt die Nnwesenden dadurch, daß sie unter Begleitung eines Streichorchesters einige alte, innige Weihnachtslieder sang. Bei allen diesen Feiern hielten die mit der Lazarettseelsorge betrauten Pfarrer Ansprachen. Die Gottesdienste in den Kirchen waren überfüllt. Pfarrer vechtols- I 344 heimer war an den beiden Feiertagen durch Krankheit verhindert, seinen Dienst zu versehen. In freundlicher Weise waren für ihn die Herren Pfarrer Uusfeld, pfarrassistent hoffmann und Pfarrer Dr. Steiner-Deckenbach eingetreten. Nirchliche Anzeigen. Silvester, den 31. Dezember. Gottesdienst. In der Stadtkirche. Ubends 6 Uhr: Pfarrer D. Schlosser. In der Johanneslirche. Ubends 8 Uhr: Pfarrer Uusfeld. Ueujahr, Freitag, den 1. Januar. Gottesdienst. In der Stadtkirche, vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Schwabe. Ubends 5 Uhr: Siehe JohannesKirche. In der Johanneslirche. vormittags 9‘A Uhr: Pfarrer vechtolsheimer. flbcnbs 5Uhr: Pfarrer Uusfeld. Sonntag nach Ueujahr, den 3. Januar. Gottesdienst. In der Stadtkirche, vormittags 9Vr Uhr: Pfarrer Schwabe. vormittags I I Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Ubends 5 Uhr: Pfarrer D. Schlosser. Dienstag, den 5. Januar, nachmittags 3 Uhr, im Matthäussaal: Frauenmissionsverein. Mittwoch, den 6. Januar, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. In der Johanneskirche, vormittags 9Vs Uhr: pfarrassistent hoffmann, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeind«. Pfarrer Uusfeld. Ubends 5 Uhr: Pfarrer vechtolsheimer. Ubends 7'/-Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukasgemeinde. Ubends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Johannessaal. Mittwoch, den 6. Januar, abends 8 Uhr: Kriegsbetstunde. Pfarrer Uusfeld. Freitag, den 8. Januar, abends ‘ ,6 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Johannesgemeinde. Uächstkünftigen Sonntag, den 10. Januar, wird das Landesmissionsfest gefeiert. Dabei wird nach allen Gottesdiensten eine Kollekte für die heidenmisjion erhoben werden. f Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Rudolf Richter Bietzen, Marktstratze 24—26 hüte und Nützen Reichhaltige Auswahl. BilligePreise :: Rabattmarken. Reparaturen :: jgrör. Seipel j ' = 16 Markt 16 = ? 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