Konntagsgrusz Gemeinüeblatt süröir evangelisch ^irchengemeinöe Giesrew Nr. 50. Gieren, Weihnachten, 25. Dezember 1914. 3. Jahrgang. Weihnachtsfreude. Brief an die Philipper 4, 4: Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Mr feiern diesmal ein Weihnachtsfest, wie wir es noch nicht erlebt haben: blriegsweihnachten! Mitten hinein in den Waffenlärm und das Schlachtengetöse, das jenseits unserer Grenzen tobt, tönt auch diesmal die Tngelsbotschaft: „Fürchtet euch nicht,' siehe ich verkünde euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird,' denn euch ist heute der Heiland geboren." Und daneben Klingen Worte wie das des Rpostels an unsere Seele: „Freuet euch!" Merkwürdige Worte! Stehen sie nicht in hartem, unversöhnlichem Widerspruch zu dem wilden, ehernen Geschehen, das seit den Rugusttagen des Jahres 1914 sich vollzieht? Sonst,-so sagt wohl mancher, mochte man das Rpostel- wort wohl beherzigen: Freuet euch! Da war Weihnachten so recht das Fest der deutschen Familienfreude. Da durfte man jauchzen und singen. Da durften die Lichter flammen an der grünen Tanne. Da durften die blinder jubeln, da durften Gaben gespendet und mit frohem Danke empfangen werden. Uber diesmal! Müssen wir da nicht die Freude bannen? Ziemt es sich, zu jubeln, wo da draußen täglich Menschen bluten und sterben? Darf in solcher Zeit der Weihnachtsbaum in seinem fröhlichen Gefunkel aufstrahlen und die Weih- nachtssreude bei uns einziehen? Dennoch sagen wir: Freuet euch! Die Weihnachtsfreude, auch der Lichterbaum und die Gaben der Liebe — wenn auch kleine und bescheidene, so geziemt es sich bei dem Ernst der Zeit — , sie haben auch diesmal ihr Recht. Denn sie sind, recht verstanden, ja nur Symbole für das ewige Licht und die ewige Liebe, deren Gffenbarwcrden wir an Weihnachten feiern, wie das schöne Lied sagt: Das ewig Licht geht da herein, Gibt der Welt ein' neuen Schein,' Ts leucht wohl mitten in der Nacht Und uns des Lichtes blinder macht. Wo man das nur recht empfindet, daß mit Jesus Licht in die Welt gekommen ist, nämlich fröhlicher Glaube an den Vater, der seine blinder auch durch schwere Zeiten zum Ziele führt, Geduld und Demut, Schweres zu überwinden und eine Hoffnung, die auch den Tod überwinden kann, weil sie ein ewiges Leben bei und mit Gott kennt, wo diese Lebenskräfte Iesu auch in uns wach werden, da feiert man recht Weihnachten, da weicht die bange Sorge und alles, was uns quält, und Freude kehrt ein ins Herz. Da versteht man auch in eiserner Zeit das Rpostelwort: „Freuet euch!" in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!" _ h.h. Vas Geheimnis der Weihnacht. Tine blindheitserinnerung. Die Morgendämmerung hüllt mich noch ein. Dann und wann nur sagt mir das Geräusch von Schritten draußen, daß der Tag schon zu leben begonnen hat. Meine Gedanken schweifen und träumen. Die Erinnerung tritt an mein Bett. Ich vermag nicht, sie zu schildern, sie ist nie dieselbe; sie kann alt sein und wieder von jüngst geschehenen Dingen berichten. Erinnerung teilt den Vorhang auseinander, lüftet den Schleier, daß ein Strahl von Leben und Licht das Ereignis erhellt und es greifbar lebendig vor dem geistigen Buge auferstehen läßt. Ich bin wieder ein blind und mitten unter der dichtgedrängten Menschenmenge, über die sich die Decke einer hohen Halle breitet. Rbendschatten erfüllen den Raum, nur in weiten Rbständen sind Lämpchen angebracht, die notdürftige Helligkeit geben. Es soll auch nicht mehr Licht sein. Mit reger Spannung warten die Leute der Dinge, die sich im Hintergrund des Saales hinter dem Vorhang vorbereiten. Ich habe wieder wie damals die Empfindung, daß etwas unaussprechlich Festlich-Feierliches über den harrenden schwebt, wie wenn Engelschwingen die Halle durchmessen. Mein Rinderherz schlägt laut vor Erwartung. Da geschieht etwas, nur einen Rtemzug lang, dann ist es schon vorüber, aber mir ist von dem Rugenblick an zumute, als habe sich nun die heilige Nacht eigens auf mich herabgesenkt. In dem matten Lampenschein huscht eine Lngelgestalt vorüber im schneeigen Gewand, mit herrlichen Flügeln. Für den Bruchteil einer Minute erhasche ich den Rnblick eines feinen, durchgeistigten Rntlitzes, ja, dar den Stempel der Schönheit trägt, wie sie mein kindliches Rüge bis zu diesem Ereignis nur in Träumen geschau': hatte. 338 Und die Erwartung wird Wirklichkeit, das Geheimnis der Weihnacht wundertiefe Offenbarung. Ich weiß nicht mehr, wie viele Bilder an Buge und Gemüt vorbeizogen. Die schönsten habe ich jedoch in der Erinnerung festgehalten. Er muß wohl eine tief durchdachte Bedeutung haben, daß Mariä Verkündigung von den Meistern alter und neuer Kunst gerade in der Kirche dargestellt wird. Musikklänge ertönen wie aus fernen himmelshöhen. In dem kleinen herrgottswinkel kniet Maria am Gebetpult. Ihre Lippen bewegen sich lautlos, während die Bugen mit innigem Busdruck auf die vollendet gemalten Weissagungen geheftet sind. Die Musik kommt näher, ein strahlender Lichtschein erfüllt den engen Kaum, er fließt über den geneigten Frauenkopf und die blauen und roten Tücher der Gewandung. Ein Engel steht plötzlich vor der erschrockenen Maria. Warum erschrickt sie so sehr? fjat sie eine Bhnung von der Sendung des Gottesboten? Er selbst kann ihr keine Furcht einflößen, mit wunderbarer Seelengllte sind seine Bugen auf die Knieende gerichtet. Süß und schwer von froher Botschaft singt und klingt jetzt die himmlische Musik. Der Engel erhebt die Hand, seine ganze Erscheinung in ihrer vornehmen, himmlischen Kühe und Schlichtheit spricht mehr, als Worte er vermögen, und verheißt eine herrliche Zukunft: „mir geschehe, wie du gesagt hast!" Und das Kinderauge folgt staunend den geheimnisvollen Vorgängen. Sterne blitzen am Nachthimmel. Es ist so stille umher. Kuhig schlafen die Hirten bei ihrer Herde. Da wird das nächtliche Schweigen lebendig. So leise, wie Schneeflocken fallen, zieht ein Zug weißer Lichtgestalten hinter den Palmen einher. Die fjirtcn merken nichts, sie schlafen tief und traumlos oder träumen sie nun doch? Ein Engel erscheint vor ihren Bugen, die sie sich ungläubig, schlaftrunken reiben. Und die Hirten lauschen entzückt auf die wundersame Musik, die Geheimnisse kündet und Kätsel enthüllt, in immer mehr und jauchzend anschwellender Tonfülle. Der Engel breitet die Hände aus, die ganze, weit reichende Liebe Gottes leuchtet aus seinen Bugen in dieser Weihestunde und prägt sich in seiner Haltung und Bewegung aus. „Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird." Ein zitterndes Kauschen geht durch die Halle. Mein heißes Kinderherzchen, das alle Eindrücke wie ein körperliches Gefühl aufnimmt, hält den Schlag an, ich wage nicht zu atmen. Pie heilige Uacht entzückt und bedrückt gleichzeitig uns Menschenkinder! „Joseph, lieber Joseph mein, hilf mir wiegen mein Kindelein!" Liebevoll leise erklingt das Schlummerliedchen, süß und behütend, wie wenn Englein auf Fußspitzen gehen, um den kleinen Jesus nicht zu stören! Der Busdruck seliger Mutterfreude liegt auf Mariens Zügen, während sie auf ihr Kindlein blickt und ihr Schlummerliedchen mehr flüstert als singt. Bllc Engel freuen sich mit und lächeln. Oben auf dem Hüttendach der blonde Kinderengel beugt das Köpfchen auf die Geige, der kleine schwarzlockige an seiner Seite betrachtet sinnend die heilige Familie. Ich vergesse, daß der blonde Engel im Blltagsleben mein Bruder ist, ein unbändiger, derber Junge, der schwarze aber seine kleine, wilde Freundin. Linen Bugenblick muß ich etwas recht Unfestliches denken, nämlich, wie Mutter und Tante sich abgequält haben, die Gänseflügel zu glätten und zu Engelschwingen zu biegen. - ,,Joseph, lieber Joseph mein . . ." Leiser und ferner tönt die Musik: es ist, als ob Lngelkinder sich von Stern zu Stern schwingen, immer weiter hinauf zum Garten Lden und im Scheiden den Menschenkindern winken und duftende Kosen zuwerfen: Bbschiedsgrüße, himmelsgaben. Ich war mit einer großen Lrwartungsfreude gekommen und kehrte mit einem reichen Glück, und, was das Beste war, mit einem bleibenden Glück heim. Das Bewußtsein einer ersten großen Liebe erfüllte mich. Die Kinder leitet ein Schutzengel durch das Leben, ich habe ihn an jenem Bbend gefunden, meinen Schutzengel, den Gffenbarungsengel der Weihenacht. h. K. Vas Leben in Gietzen vor und während der Volksbewegung in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. von h. h—r. Ein bescheidenes Landstädtchen von etwa 7000 Einwohnern mit einer noch stark ackerbautreibenden Bevölkerung, unterschied sich unser Gießen vor etwa 70 Jahren von seinen oberhessischen Schwesterstädten, deren Entwicklung allerdings nachher zurückgeblieben ist, nur dadurch, daß es Universitätsstadt war. Man sah Studenten auf seinen Straßen mit bunten Kappen und Samtröcken, mit langen pfeifen und anhängenden Tabaksbeuteln, mit Schlägern und Kappieren. Die Straßen waren engwinklich, unsauber und in schlechtem Zustande, bei Kegenwetter blieb das Wasser in den Löchern und Kinnen stehen, so daß man sie trockenen Fußes Kama überschreiten Konnte. Zwar lag in der Mitte der Hauptstraßen eine Keihe großer, sehr unregelmäßig geformter Pflastersteine, die wohl als Bürgersteige hätten dienen können und auf denen man zur Kot bei Kegenwetter sich hätte fortbewegen können, d. h. solange man keinem Studenten begegnete und ausweichen mußte: denn diese nahmen den Gang als ein nur ihnen zustehendes Kecht in Bnspruch. Zum Straßenbild gehörten denn außer noch vielen unansehnlichen Häusern mit offenen Miststätten und frei herumlaufendem Federvieh allerhand landwirtschaftliche Gespanne und Geräte und große Vieh- und Hammelherden, die durch die Stadt zur Weide getrieben wurden. Die Busdehnung der Stadt beschränkte sich aus das innere Stadtgebiet, doch lagen in diesem noch viele und sogar recht schöne große hausgärten, die jetzt fast alle bebaut sind. Kur vor dem Walltor und vor dem Selterstor standen schon einige neue Häuser. Kings um die Stadt zog sich ein mit Bäumen eingefaßter Spazierweg, die sogenannte Schoor, begleitet nach außen von einem Fahrweg und nach innen vom Schoorgraben. Buf der Gstanlage ist die alte Schoor mit ihrem Graben noch sichtbar und gut erhalten. Ueber die Lahn führte, etwas mehr stromaufwärts als die jetzige, eine alte Steinbrücke. Sie war in der Mitte hoch aufgewölbt und hatte ein schlechtes holperiges Pflaster. Zur Schonung der Zugtiere zogen die Fuhrleute deshalb vor, durch die nicht sehr tiefe Lahn zu fahren. Kur dicht an dem Inselchen war eine tiefe Stelle, die sogenannte Koßkaute, die bei erhöhtem Wasserstande gefährlich war und die unter den unachtsamen Fuhrleuten manches Opfer gefordert hat. Sie wurde nach Fertigstellung der neuen Brücke mit Bauschutt und Steinen zugeworfen. Bm Bufgang der alten Brücke stand ein kleines hölzernes Häuschen, das früher zum Erheben von Brückengeld diente und zuletzt zum Bufenthalt der Scharwache fMarktpolizei) benutzt wurde. Die Jahrmärkte wurden früher und, solange Dswaldsgarten noch in privatbesitz sich befand, jenseits der Lahn, zwischen dieser und dem Loh- mühlsbach abgehalten. Die neue Brücke wurde nach ihrer Fertigstellung um das Jahr 1846 dem Verkehr übergeben. Solange die alte Brücke gestanden hat, war die Stadt bei hohem Wasserstand sehr leicht Ueberschwemmungen aus- gesetzt. Die Wassermassen stauten sich an den etwas zu engen 339 Brückenbogen und drangen in die Stadt ein. Niedriggelegene Stabttcilc, Tiefenweg, kleine Mühlgasse, Löwengasse u. a. standen oft tagelang unter Wasser, hierzu kam noch, daß der jetzt zugeworfene Stadtbach, der alle möglichen Rbwässer und Unrat aufnehmen mußte, überstieg und in die Beller drang. Brankheitsfälle, ja selbst Epidemien, blieben dann in der Negel nicht aus. Bevor die Eisenbahn gebaut war und der ganze Reiseverkehr sich noch mit Post- und Familienwagen abwickelte, war am Walltor*) der lebhafteste Verkehr, vort stand die Post für Personen-, Brief- und Paketbeförderung mit der Posthalterei, dort hielten alle Beisewagen an, alle ankommen- den und durchreisenden Fremden stiegen dort ab oder nahmen in den zunächstgelegenen Gasthöfen Erfrischungen ein. Rls Gasthöfe ersten Banges galten das Einhorn, der Rappen und der Prinz Earl. Vas varmstädter Haus wurde mehr von einfachen Reisenden, und die Gasthäuser zum Schwanen, zum Löwen und Hirsch mehr von Fuhrleuten aufgesucht. Rn Bierbrauereien fehlte es nicht, da die Wirte mit wenig Rusnahmen ihr Bier selbst brauten. Es bestanden die Brauereien von Loos, Lotz, Bönig, Busch, Herbert, Magnus, Führer und weidig, die nebenbei flottgehende Wirtschaften betrieben. Eine sehr besuchte Bier- und Branntweinwirtschaft war noch „ins Bramme"; auf dem Loosschen, später Lenzschen Felsenkeller fanden sich zumeist die Schüler Liebigs und ältere Mediziner ein. Ruf der Pulvermühle hatten die Star- kenburger, in Ebels Baffeehaus die Hessen und im Rdler am Walltor die Teutonen ihre Bneipen. Der schönste vor der Stadt gelegene vergnügungsort war der Busch'sche hetzt Steins) Garten. Dort wurden alle bürgerlichen Festlichkeiten und Bälle abgehalten, und Sonntags war er von Familien stark besucht. Rls weitere sonntägliche Rus- flugsorte kamen noch der Schiffenberg, die Badenburg, der Gleiberg, der Haardthof und die heuchelheimer Mühle in Betracht. Dem gesellschaftlichen Leben diente als Vereinigung der Familien von Professoren und Staatsbeamten der Blub, den bürgerlichen Breisen zur Rbhaltung von Bällen das Basino. Rußerdem fanden Sonntags an den besuchtesten vergnügungsorten noch Tanzbelustigungen statt, an denen jedermann teilnehmen konnte. Für musikalische Unterhaltung sorgten einige Gesang- und ein Bonzeriverein. Vas geschäftliche Leben stand erst am Rnfang seiner Entwicklung. Die Tabaksfabriken von Gail und Schirmer waren schon da, auch größere Geschäfte wie die Weberei von homberger, die Großhandlungen von Windecker, hast und Noll, die Weinhandlung von Rsmus, die Buchhandlungen von heyer, Ricker und Ferber, die Buchdruckereien von Brühl und Lichtenberger, die Rpotheken von Mettenheimer, Witte und von St. George, sowie die größeren Ladengeschäfte von Bücking, Tasche und Pistor, aber sonst zeigte sich in den Geschäften noch wenig Verkehr. Die meisten Läden waren eben nur für kleinbürgerliche Verhältnisse zugeschnitten. Die zum verkauf ausgebotenen waren stellte man vielfach an der Straße auf, oder man legte sie in gerade nicht anziehender weise hinter kleine etwas vorgebaute Schaufenster. Der Bundenraum diente in der Regel zugleich als Hauseingang, war nicht heizbar, und die armen Ladendiener erfroren sich im Winter stets Hände und Füße. Sm Handwerk bestanden noch die Zünfte,' tüchtige Meister und Gesellen wurden herangebildet, und in manchen Gewerben wie bei Schreinern, Schlossern, Spenglern und Vrechs- *} „fltn Iüalltor" ist die heutige Walltorstratze und „vor dem Walltor" die Marburger Straße gemeint. lern sind mitunter wahre Meisterstücke geschaffen worden, doch blieb der verdiente Lohn oft weit hinter dem Rufwand an Zeit, Mühe und Geschicklichkeit zurück. Die Strumpfweberei von Gebrüder Busch am Breuz mag schon von einiger Bedeutung gewesen sein: denn zuweilen war der ganze Breuz- platz ringsum mit Strümpfen bestellt, die frisch eingefärbt und auf Brettformen gezogen, dort trocknen sollten. Dieses und noch andere Gewerbe wie Leineweber, Weißgerber, Nagelschmiede existieren jetzt nicht mehr. Im allgemeinen war die Bevölkerung Gießens bieder und rechtschaffen, nachbarlich, hilfsbereit, sparsam und fleißig. Sie besaß einen gesunden Sinn, Hellen verstand und einen schlagfertigen Mutterwitz, der in der kernigen Gießener Mundart seine treffende Wirkung selten verfehlte. (Forts, folgt.) Sin pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) Rls der Tag der Hochzeit, bei der wir spielen sollten, herankam, war alles bei meiner Bapelle in Ordnung. Sch hatte meinen Musikanten oft genug «ingeschärft, wie sie sich zu verhalten hätten. RIle mußten frisch rasiert erscheinen und für diesen Tag auch ihr mehr oder weniger struppiges haar vom Friseur bearbeiten lassen. Der Nikolaus Janfon sah ganz verändert aus, als sein sonst wirr durcheinander liegendes und über die Stirn herabhängendes haar mit Hilfe von Pomade und Gel schön geglättet war. Unsere Rnzüge — ich hatte sie genau so belassen, wie Fritz Binder sie eingeführt hatte - waren noch neu, so daß wir mit ihnen Staat machen konnten. Der Wilhelm von Felden hatte den üblichen Musikantenfehler: sein Durst war ungewöhnlich stark entwickelt. Darum sagte ich ihm am Tage vor der Hochzeit: „Morgen läßt du Bier und Branntwein einmal weg, wir gehen zu feinen Leuten!" Dem Tobias Wagenschmidt empfahl ich, sich Gesicht und Hände gründlich mit Seife zu waschen und sich die Fingernägel zu putzen. Endlich meinen Iugendbekannten Gottfried Beiper bat ich, seinen losen Mund im Zaune zu halten und sich ja nicht zu erlauben, einen der anwesenden Hochzeitsgäste anzureden. So marschierten wir wohl vorbereitet nach dem uns be- zeichneten Hotel. Zunächst spielten wir während des Essens. Mehrere Male mußte ich meine Leute ermahnen, nicht zu viel nach der Festtafel zu schauen, die allerdings mit den feinsten Leckerbissen überladen war. wenn die Musikanten zu viel nach dem Tische sehen, kommen leicht falsche Töne aus ihren Instrumenten heraus. Rls die Tafel zu End« war, wurde uns in einem Nebenzimmer ein feines Essen aufgetragen, dann spielten wir zum Tanz. Ich erzielte an diesem Rbend mit meiner Bapelle einen vollen Erfolg. In einer Tanzpause ließ mich Mynheer van der Smitten zu sich rufen, klopfte mir mit seiner schweren Hand auf die Schulter, bot mir ein Glas mit Thampagner an und sagte freundlich: „Ich bin mit Ihren Leistungen sehr zufrieden, wenn wieder eins von meinen Bindern Hochzeit hat, so müssen Sie wieder spielen." Eine ganze Rnzahl von Herren kamen zu mir, lobten mein Spiel und schrieben sich meine Rdresse auf. von diesem Tage an bekam ich viele Rufträge zu musikalischen Darbietungen. Ich spielte mit meiner Bapelle bei Familienfesten, in Vereinen, bei Rusflügen an den Strand und konnte meiner Frau nach Hause berichten, daß alles glänzend gehe, hatte ich keine Rufträge, so fuhr ich mit meinen Leuten nach Zandvoort oder in die anderen Seebäder und fand überall einen guten Verdienst. lFortsetzung folgt.) 340 Kleine Mitteilungen. 3n einem Uurschreiben an die Pfarrämter bemerkt Großherzogliches Gberkousistorium: „Mit das Schwerste undLeid- vollfte, das die verwundeten zu erdulden haben, ist ihre Verbringung vom Schlachtfeld nach den nächstgelegenen Lazaretten sowie die lveiterverbringung in die Lazarette der Heimat." Uus diesen Gründen ist in Hessen die Ausrüstung eines zweiten hülfslazarettzuges geplant, und die Kirchenbehörde fordert die evangelischen Gemeinden des Landes auf, hierzu beizusteuern. In Gießen sollen die Kirchenkollekten der beiden weihnachtstage sowie der Silvester- und Ueujahrsgottes- dienst für diesen Zweck bestimmt sein. Wir dürfen diese Kollekten herzlich und dringend der Liebe unserer Gemeindeglieder empfehlen. Kirchliche Anzeigen. l. !D e i h n a ch t s f e i e r t a g , den 2 5. Dezember. Kollekte für einen Lazarettzug. Gottesdienst. In der Stadtlirche. vormittags 91/2 Uhr: Pfarrer D. Schlosser. Deichte und heil. Ubeudmahl für Matthäus- und Mar- kusgemeinde gemeinsam. Unmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Ubends 5 Uhr: pfarrassistent Hoffmann. In der Johanneskirche, vormittags 9V- Uhr: Pfarrer Lechtolsheimer. Ubends 5Uhr: Pfarrer Uusfeld. Im Konfirmandensaal Liebigstrahe 5b. Nachmittags 4 Uhr: Taubstummengottesdienst. Pfarrer Dechtolsheimer. 2. weihnachtsfeiertag, den 2 6. Dezember. Kollekte für einen Lazarettzug. Gottesdienst. In der Stadtlirche. vormittags 9Vr Uhr: Pfarrer Schwabe. Ubends 5 Uhr: Siehe Iohanneskirche. In der Iohanneskirche. vormittags 91/2 Uhr: Pfarrer flusfelö. Deichte und heil. Ubeudmahl für die Lukas- und Io- hannesgemeinde gemeinsam. Unmeldungen vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Ubends 5 Uhr: Pfarrer Dechtolsheimer. Sonntag nach Weihnachten, den 2 7. Dezember. Kollekte für einen Lazarettzug. Gottesdienst. In der Stadlkirche. vormittags 9Ve Uhr: Professor v. S ch i a n. Ubends 5 Uhr: Geistliche Musikaufführung, zu der besonders auch unsere verwundeten eingeladen werden. In der Iohanneskirche. vormittags 91/2 Uhr: pfarrassistent Hoffman n. Ubends 5 Uhr: Siehe Stadtkirche. Samstag, den 2b. Dezember (2. weihnachtsfeiertag), abends 7 V 2 Uhr: Weihnachtsfeier der Vereinigung konfirmierter Mädchen der Markusgemeinde. Sonntag, den 2 7. Dezember, abends 8 Uhr: Weihnachtsfeier des Wartburgvereins im Markussaale, Kirchstraße 9. Ubends V 28 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Lukasgemeinde. [ A, rkündigl lingen empf ehlenswerte r Firmen } Ruöolf Richter i Gießen, Marktstraße 24—26 ^ hüte und Mützen Reichhaltige Auswahl. VilligePreife : Rabattmarken. 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UerantwortUch : für den Textteil Pfarrer Becht 0 Is t) tun er, für den Anzeigenteil fj. Bedi; Druck und Verlag der BrühlZchen Unwersttäls- - Buch» und Steindruckerei R. Lange, sämtlich zu Dießen