Gemeinüeblatc süröie evangelische Kirchengemeinöe GiesZkir Nr. 38. Bietzen, 17. Sonntag nach Trinitatis, 4. Oktober 1914. 3. Jahrgang. Reine Herzen, die Vorbedingung des Zieges. I. Brief des Npoftels Paulus an Timotheus 2, 8. So will ich nun, daß die Männer beten an allen Grien und aufheben heilige Hände ohne Zorn und Zweifel. Unsere Kriegswehr in dem gegenwärtigen Weltkrieg ist gut und über aller Lob erhaben, ver deutsche Soldat mit seinem Mut, seiner Uusdauer und Unerschrockenheit, die deutschen Geschütze mit ihrer Treffsicherheit und Durchschlagskraft, die die panzertllrme der Belgier wie Uschenhäufchen auseinander fliegen ließ, das alles macht uns niemand nach. Gegenüber allem Uleinmut und aller Ultklugheit, die sich bisweilen in unserem Volke breit macht, können und dürfen wir zur Tüchtigkeit unseres Heeres und unserer heeres- führung ein unbegrenztes Zutrauen haben, wenn Gott noch mit uns ist, so dürfen wir getrosten Mutes auf den schließ- lichen Sieg über alle unsere Feinde hoffen. Uber daran hängt alles, daß Gott unser Freund ist. Und er macht seine Hilfe schließlich davon abhängig, daß ein Volk diese Hilfe auch wert ist, daß es wandelt nach Gottes Wohlgefallen, daß es Gottes veistand im Gebet auch sucht. Das ist es, was auch unser Gotteswort zum Uusdruck bringt' „So will ich nun," schreibt Paulus, „daß die Männer beten an allen Grten und aufheben heilige Hände ohne Zorn und Zweifel." ver Upostel wird seinen guten Grund gehabt haben, wenn cr mahnt, daß gerade die Männer beten sollen. Uuch heute iji es leider noch so, daß unsere Kriegsbetstunden weit mehr von Frauen als von Männern besucht sind, daß der fromme, reine Glaube mehr bei der Frau als bei dem Manne eine Pflegestätte findet. Gott gebe, daß auch unsere Männer mehr und mehr Verständnis gewinnen für das Urndtsche Wort: „wer ist ein Mann? — Der beten kann!" Uber nicht auf das Beten allein kommt es an. Man macht in dieser Kriegrzeit merkwürdige Erfahrungen, wie mechanisch, wie äußerlich das Beten vielfach aufgefaßt und betrieben wird. Um nur eins zu erwähnen, wie oft begegnet man jetzt in unseren Gemeinden wieder dem „Ketten- gebet", welches durch Postkarten weiter gepflanzt wird, wie inhaltsleer, wie äußerlich gefaßt ist doch ein solches Gebet! Das Kettengebel stammt aus England und Umerika, und wie der Urieg gezeigt hat, daß in England die Frömmigkeit nur ein äußeres Gewand ist, so ist auch dieses Ketten- gcbet vielfach nur etwas Ueußerliches, an Uberglauben Grenzendes, nichts Inniges und Sinniges und persönliches, wie doch christliches Leben sein soll. Paulus sagt, daß heilige Hände aufgehoben werden sollen, heilige Hände, das sind reine Hände, reine Herzen. Es ist eine Grundwahrheit, die uns immer wieder im Ulten wie im Neuen Testament begegnet, daß ein Recht zum Bitten an Gott nur der hat, der vorher bittet um Vergebung der Sünden, die ihn von Gott trennen, und der um einen reinen Lebenswandel ringt, wie man einen Menschen erst dann um etwas bitten kann, wenn man ihn vorher um Vergebung des Unrechts, das man ihm angetan, gebeten hat, so kann man auch vor Gott auf die Dauer Bitten nur dann bringen, wenn man sich ernstlich um einen reinen Lebenswandel bemüht. Man hört jetzt wieder laute Klagen über die Verteuerung des lieben Brotes, und sachverständige und ehrliche Männer sagen es rund heraus, daß diese Steigerung der Lebensmittel nicht durch die Ernte veranlaßt ist; denn die Ernte war gut, auch nicht durch das Uusbleiben der Einfuhr, sondern allein durch die Spekulation, d. h. die Gewinnsucht einzelner, welche sich die Taschen auf Kosten der Gesamtheit, der Uermeren füllen wollen. Gewiß mögen das nicht die Bäcker sein, welche selber wieder „in der Mitte liegen", aber irgendwo müssen doch diese Spekulanten sitzen. Sie mögen einmal lesen, was Brnos 8, 4—6 steht! Eine andere Sünde, welche sich jetzt vielfach beobachten läßt, ist der Neid und überhaupt ein zänkisches, kleinliches Wesen, wenn irgendwann, dann muß unser Volk in diesen Zeilen einig und treu zusammenstehen, nicht bloß einmal im ersten Aufwallen, im ersten Zorn über Unheil, welches unsere Feinde gegen uns geplant haben, sondern auch auf die Dauer, wer jemand draußen hat, beneide nicht den, der niemand in das Feld hat senden müssen. Unsere Militärbehörde sorgt schon dafür, daß niemand daheim bleibt, der irgendwie kriegsbrauchbar ist. Und wer keine Gpfer an Menschen, an Familiengliedern bringen muß, der bringe um so mehr Gpfer an Geld und Gut für die, die draußen sind, 278 nicht mit geringen Münzen, sondern so, daß es wirkliche Opfer sind. Ruch vor dem Kleinmut ist zu warnen, der verzweifeln will, wenn nicht jeden Tag ein Riesensieg gemeldet wird, oder wenn die Entscheidung einmal länger auf sich warten läßt. Darum wollen wir alle ringen und uns in Zucht nehmen, daß wir heilige Hände zu Gott aufheben können, wir wollen auch anhalten mit treuer Fürbitte, reiner Gesinnung und reinem Wandel, dann wird Gott auch fernerhin mit uns fein, wie er mit unseren Vätern war, und wie er seither so wunderbar mit uns war. Wir wollen ehrlich und treulich beherzigen, was Max von Lchenkendorf nach den Freiheitssiegen so unvergleichlich schön ausgesprochen hat: „Rber einmal müßt ihr ringen Roch in ernster Geisterschlacht Und den letzten Feind bezwingen, Der im Innern drohend wacht, haß und Rrgwohn müßt ihr dämpfen, Geiz und Neid und böse Lust, Dann nach schweren, langen Kämpfen Kannst du ruhen, deutsche örust." G. G. Aus den 5puren altgriechischer Kultur. Reifeerinnerungen von Geh. Gberkonsistorialrat I). W. petersen in Darmstadt. Die letzte griechische Reise, die ich unternahm, führte mich nach der alten Kultstätte Delphi. Mittags verließ ich Rthen und fuhr mit der Peloponnesbahn nach Korinth, wo ich um 3 Uhr eintraf. Das Dampfschiff, das mich aufnehmen sollte, „hqdria", lag bereits im Hafen und fetzte sich um 4 Uhr in Rewegung. Die Fahrt war herrlich, und im Gefühl, daß es das letztemal in meinem Leben fein werde, tat ich nichts, als die schöne, an dem Tage außerordentlich schöne Landschaft in mich aufzunehmen. Kein Wölkchen lag auf den Rergen des Peloponnes, dessen Uördküste man bis patras in ihrer ganzen Länge und in voller Klarheit sah. Ruf der andern Leite das Vorgebirge Rjos Uikolaos und über den niedrigeren Uferbergen der stolze parnassos. Gegen 6 Uhr ging die Lonne unter, und ich sah eine Lichtwirkung, die ich nie vergessen werde. Die Wasserfläche des korinthischen Golfs, platt wie ein Landsee, war gegen Osten wie flüssiges Gold, das immer intensiver wurde. Die westliche Hälfte des Golfs war wie blaue Emaille, über die sich dichte Lilberglanzstreifen zogen. Die eine Hälfte der Uferberge war rosenrot, die andere schimmerte in tiefem, satten Rlau. Die stillen Wasser wurden von Hunderten von spielenden Delphinen durchzogen. Rach Lonnenuntergang wurde es schnell dunkel, und ich stieg hinunter in den Lalon, um zu essen. Dort traf ich drei Herren, die in Delphi die wegen der geplanten französischen Rusgrabungen abzubrechenden Häuser taxieren sollten. Wir machten wegen der Gemeinsamkeit des Reiseziels schnell Rekanntschaft. 3um Glück erlaubte uns der Kapitän, an Rord zu schlafen, sonst hätten wir in dem hafenort Itea, den wir erst um 9 Uhr abends erreichten, ein mehr als zweifelhaftes Nachtquartier suchen müssen. Ich schlief an Rord vorzüglich und fühlte mich am nächsten Morgen sehr erfrischt, als ich um Vs5 Uhr heraus mußte. Um 5 Uhr ließ ich mich mit meiner neuen Reisebekanntschaft an Land setzen. Itea ist ein langweiliges Nest. Der Name, „Weide", deutet schon auf eine flache Gegend. Das Interessanteste war ein Zug von Kamelen am Ufer, die geduldig und in gespreizter Rehaglichkeit einem führenden Esel ihre Lasten nachtrugen. Im damaligen Griechenland war Itea der einzige Ort, an dem noch aus der Tllrkenzeit diese Lchiffe der Wüste zu finden waren, herrlich war der Rnblick des majestätischen parnassos mit seinem ewigen Lchnee. Um eines kranken Offiziers willen, der mit mir im Wagen nach Ehrpso fahren sollte, muhte ich zwei Ltunden in dem aus einer einzigen Häuserreihe bestehenden Grt auf und abgehen. Um 7 Uhr saßen wir endlich in unserem Wagen, der, wer weiß aus welchem Zeitalter, stammte und dessen Türen von außen mit einem Strick zugebunden werden mußten. Die Fahrt ging durch Weinfelder, in denen geherbstet und mit nackten Füßen gekeltert wurde, dann durch schöne Olivenhaine auf guter Ltraße, immer steiler bergan bis zum Dorfe Ehrqso, wo ich den Offizier verließ und mir für den Ritt nach Delphi einen Mann und ein Maultier nahm. Der Weg geht immer hoch an dem Lchluchtabhang des Rergbaches pleißos entlang, dessen Wasser hell aus der Tiefe zu einem aus dem Graugrün des Glioenwaldes heraufschimmerten. Um 9 Uhr war ich in Delphi und stieg bei dem Wächter, dem philax, namens vasilis ab, der mir sofort mitteilte, es feien dort deutsche „Knaben" (pädia, d. h. junge Leute) angekommen. Nach der Reschreibung mußten es Rekannte sein. Es waren drei reisende Theologen. Ich besah mir zuerst allein Delphi, dessen Ruinen man damals buchstäblich noch suchen mußte, da die französischen Rusgrabungen, die mir so gewaltige Fülle von Rltertümern zutage bringen sollten, noch nicht einmal begonnen hatten. Ulan konnte den Wunsch nicht unterdrücken, das Dorf Kastri, das auf der Stätte des alten Delphi stand, möchte mit seinen elenden Hütten und noch elenderen Gassen verschwunden sein. Nach zweistündigem Rundgang fand ich meine drei deutschen Theologen, die im Hause des Wächters mit dem Essen auf mich gewartet hatten. Um I Uhr saß ich bereits wieder hoch zu Roß, um mich unter Führung eines Rgogiaten nach dem wundervoll gelegenen Rrachara zu begeben. Rrachara liegt am Fuße des parnassos in einer engen Lchlucht, durch welche der Wind sehr kalt blies. Der Ritt hin und zurück durch die Weinberge, die sich bis hart an die nackten Felsen emporziehen, dauerte 4 Ltunden. heimgekehrt traf ich die Rthener Herren, mit denen das Rbendbrot gemeinsam eingenommen wurde. Nachts lag man auf der Erde, doch schlief ich ganz erträglich. Rm nächsten Tage brachen wir um 5 Uhr auf und ließen uns von einem Führer nach der Korpkischen Grotte führen. Es war ein Marsch von 3 Ltunden, zuerst immer bergan mit dem Blick auf das Tal von Delphi, auf die krisäische Ebene, Itea, den kleinen Rusen von Galaxidhi, dann auf den korinthischen Golf und die Rerge des Peloponnes. Schließlich wandert man durch Tannenwald und hat den parnassos vor sich liegen, die hauptkuppe, die sich breit und massig aus einer Hochebene erhebt, auf der die Rrachariten ihr Korn bauen. Die Korqkische Grotte selbst, im Rltertum die Stätte wilder baechischer Feste, ist gewaltig groß und in ihren Hinteren Teilen nur mit Lichtern zu betreten. Rbenteuerliche Stalaktiten hängen von der Decke herab. Nach schnellem Rbstieg in der kalten Rergluft waren wir um Mittag wieder in Kastri und bekamen von dem Wächter ein Lamm a la Pallicari und eine griechische Delikatesse, Kokoretzi mit Herz, Nieren und Zwiebeln geschmorte knusprige Schafdärme, vorgesetzt, die uns sehr mundete, von der Leite meiner ihren Mittagsschlaf haltenden Genossen schlich ich mich, um in voller 279 Einsamkeit zum Schluß die delphische Natur auf mich wirken zu lassen. Ich setzte mich auf die Brüstungsmauer der Schlucht, in welcher das Wasser der Ouelle Rastalia hinabfällt, und dieser gegenüber. Es ist die Stelle, wo die beiden majestätischen Felswände der phädriaden (Glanzfelsen) mit ihrem strich- und flächenwcise rötlichen Gestein so steil und schroff zusammentreten, daß man nicht lange an ihnen emporsehen kann, ohne das Gefühl zu haben, nach hinten hinunter!- zustllrzen. Bi; zu 300 Nieter jäh aufsteigend bilden sie eine enge Schlucht oder vielmehr eine Spalte, durch die im Winter die Raslilia in Wasserfällen Herunterstürzen soll, hier ist das Herz von Delphi. Ich drehe mich nun auf meinem Sitze und schaue die Schlucht hinab. Links und rechts folgt der Schlucht ein dichter Delwald, der sich wie ein grüner Strom an den gegenüber liegenden steilen Bergwänden bricht, in den Tiefen einen Busweg sucht und in dem breiteren Flußtal findet, das durch den pleißos gebildet wird, der der krisäischcn Ebene zustrebt. Ich erlebte noch einmal das in der Morgenfrühe um 5 Uhr Empfundene, die überwältigende Hoheit dieses Erdwinkels: di: majestätischen Berge im Dämmerlicht der ersten Morgenfrühe vor Sonnenaufgang, darüber das blaue Himmelsgewölbe mit leuchtenden Sternen und dem Silbernachen des Mondes, tiefste Stille des Gottesfriedens des Morgens überall herrschend. Das Ganze hat etwas so Geheimnisvolles, so hohes und zum frommen Insichgehen Einladendes, daß ich es wohl begreife, wie man an diesem (Orte dem Lichtgott Apollon sein höchstes Heiligtum errichtete. Um 5 Uhr machten wir uns auf den Weg nach Itea, da; wir gegen 8 Uhr erreichten. In einem Bakaliko aßen wir zu Abend und fanden Nachtquartier in ein:m Privathause, wo man uns auf der Erde bettete. Es war eine recht unruhige Nacht trotz eines Zaubcrkreises von Insektenpulver, mit dem wir unsere vier Lagerstätten umgeben hatten. Unsere Peiniger ließen sich oben von der Decke auf die Schläfer h rabfallcn, ihre Sturmläufer lagen betäubt am Morgen auf unserem Ningwall. Gegen di: Wanzen gibt es eben kein sicheres Mittel. Man muß da denken lernen wie der Orientale: leben und leben lassen! Daß ich in den fünfzehn Jahren meines Aufenthaltes in Griechenland nicht zu mehr größeren Ueisen kam, lag in den Derhältnissen begründet, zumal ich alle fünf Jahre zur Erhaltung der Gesundheit auf Monate in die deutsche Heimat reisen muhte. Um so willkommener mußten mir die gelegentlichen Tagcsausflüge sein. Die Umgebung Athens bietet reiche und lohnende Gelegenheit dazu. In den Jahrzehnten, die seitdem verflossen sind, hat sich allerdings in den Verkehrsmitteln eine große Veränderung vollzogen. Wo jetzt die Eisenbahn zu Gebote steht, war man vor dreißig Jahren auf Wagen, Reittier und Apostels Rappen angewiesen, wa? jo auch seinen besonderen Reiz und einen Vorzug vor schnellen Verkehrsmitteln bietet. Gern denke ich an einen Ausflug nach Daphni und Elcusis, den ich mit Freunden am Nachmittag des Ostermontags des Jahres 1877 machen durfte. Unser Ziel war rin altes Klofter Daphni, eins der ältesten Griechenlands. Es liegt an der heiligen Straß: (ierä odös) »ach Eleusis, auf der vor Alters die alten Athener zum eleusinischen Feste zogen. Es war Frühlingswetter, die Bäume standen überall im schönstcn Blülenweiß. Unsere Straße führte am botanischen Garten vorbei durch den Oelwald, der sich in beträchtlicher Ausdehnung an der Nordseite Athens in der Ebene hinzieht. Ueber einem Gartentor war eine alte Marmorplatte eingefügt mit der Inschrift: ierä oäös, eine Erinnerung an Zeiten vor Ehristi Geburt. Ein Gelwald ist natürlich verschieden von unseren Wäldern. Die Bäume ähneln unseren Weiden, stehen in weiten Abständen von einander, bilden aber, aus der Ferne gesehen, ein geschlossenes graugrünes Dach, hier stehen sie in den Weinpflanzungen, die sich rechts und links von der Straße hinziehen. Es war gerade gehäuft worden, nur die kahlen Stümpfe guckten aus den Erdhaufen hervor. Am Wege ziehen sich breite Gräben hin, und nach bestimmter Regel läßt jeder Weinbergbesiher das Wasser in den großen häufrillen über sein Land fließen. Zu dem Zweck muß er bis zur Ouelle hinaufgehen und alle anderen Ausflüsse verstopfen. Als wir den Gelwald durchquert hatten, zeigte sich erst die ganze Größe und Schönheit der Landschaft. Das Meer und der Piräus taten sich dem Blicke auf: außerdem Munechia, Phalera und im Meere die Inseln Salamis und Aegina, über Salamis hinaus das Geraniagebirge und die charaktervolle Silhouette von Akrokorinth, hinter Aegina der zackige Bergrücken von Methana und im Anschluß daran die Rüstenlinie des Peloponnes bis zur Insel Hydra. Im Südosten folgt das Auge dem hymettos bis zu seinen letzten Ausläufern am saronischen Meerbusen, von Salamis herauf ziehen sich in sanften Bogenlinien der Aegaleos und Rorydallos als nördliche Abgrenzung der Ebene. Am Rory- dallos vorbei geht die heilige Straße und an deren anderen Seite der breite Rücken des poikilos bis hin zum parnas, an den sich im Osten ein niedrigeres Bergland als Brücke zum gewaltigen Giebeldach des pentelikon anschließt, hinter dem man sich Marathons berühmte Bucht und die Berge von Euböa verborgen denken muß. Mitten durch die so eindrucksvoll umrahmte attische Ebene bricht das sogenannte Turko Wuni hervor, dessen letzte Ausläufer der Lpkabettos, die Akropolis und der Mufeionhllgel bilden. Den letztgenannten Erhebungen zu Füßen liegt Athen. Wenn man aus dem Gelwalde heraus ist, hebt sich der Weg zusehends den Bergen zu und nun taucht allmählich die Stadt auf, zuerst natürlich die Akropolis mit dem Parthenon und dem Erechthsion, die Sternwarte, der Mufeion- hllgel mit dem Denkmal des Philopappos und der großartige Hintergrund des hymettos, an den die Akropolis scheinbar sich anlehnt, von dieser Seite hat man jedenfalls das herr- lichs! ■ Stadtbild wie gern sähe man plötzlich da; neue Athen sich in das alte verwandeln! Nun, man hat von letzterem wenigstens die Akropolis, das „Weihgeschenk der Götter", dieses Hellas im Hellas. (Fortsetzung folgt.) — Direktor fiermann Doering f. Im Alter von 69 Jahren entschlief zu Alsbach an der Bergstraße Herr Hermann Doering, der frühere Direktor der Gicßener Bczirkssparkasse. Mit dem verewigten ist ein Mann dohingegangcn, der bis vor kurzem in dem sozialen und kirchlichen Leben der Stadt Gießen eine bedeutsame Rolle gespielt h"*. Doering war früher Rirchenrechner der hiesigen evangelischen Gemeinden und zuletzt Mitglied des Rirchenvor- s ande; der Johannesgemrinde. Eine hervorragende Tätigkeit entfaltete er auf dem Gebiete des genossenschaftlichen Bauwesens. 3u seiner Ehre muß hervorgehoben werden, daß er einer der erst:» in Hessen war, die sich die Wohnungsbeschaf- sung für Minderbemittelte angelegen sein ließen. Lange, bevor der Staat diese Arbeit in Angriff nahm, hat Doering durch 280 die Gründung der Baugenossenschaft des evangelischen Arbeitervereins zu Gießen dafür gesorgt, daß auch solche Familien, die nicht über große Kapitalien verfügten, in den Besitz eines Eigenheims kramen. Ungefähr 20 Jahre lang hat er der Baugenossenschaft vorgestanden, dem Vorstand des Verbandes hessischer Baugenossenschaften hat er als Mitglied angehört, öfters hat er auf den verbandstagen Beferate erstattet, die von großer Zachkunde Zeugnis ablegten. Die Gründung der Elisabeth-Kleinkinderschule ist gleichfalls sein Werk. Mit seiner Gattin ließ er es sich bis zuletzt angelegen sein, den Kindern in jedem Jahre lveihnachtsfreud: zu machen. Zum Leidwesen aller, die seither den Weihnachtsfeiern beiwohnten, war voering bei der Feier des abgelaufenen Jahres zum ersten Male nicht zugegen, da er erst kurz zuvor nach Blsbach llbergesiedelt war und wegen seines leidenden Zustandes im Winter nicht reisen konnte, ver vahingeschiedene war ein Freund aller hilfsbedürftigen, jedem hat er wohlwollend mit seinem Bäte und seiner großen geschäftlichen Erfahrung gedient. Bescheidene Zurückhaltung war ein Kennzeichen seines Wesens^ zu denen, die überall stets zuerst das Wort ergreifen, hat er nicht gehört, seine Zache war das handeln, von seiner ersprießlichen und verdienstvollen Lebensarbeit hat ihn Gott nun zur Buhe des Volkes Gottes berufen. Blle, die ihn gekannt haben, werden ihm ein ehrendes Gedächtnis bewahren. h. B. l ttirchenvorfteher Friedrich Helm f. wieder hat dir evangelische Kirchengemeinde Gießen durch den Tod einer ihrer Kirchenvorsteher einen herben Verlust erlitten. Der Ltadtverordnrte Herr Friedrich Helm, der dem Kirchenvorstande der Johannesgemeinde und auch dem Gesamtkirchenvorstande angehörtr und seit einer Beihe von Jahren das Bmt eines ausfuhrenden weltlichen Mitgliedes des Gesamtkirchrnvorstandes bekleidete, ist am 26. Leptember im Blter von 64 Jahren dahingeschieden. Die Verdienste, die der verstorbene auf anderen Gebieten sich erworben hat, sind bereits im ,,Gietzener Bnzeiger" gewürdigt worden, hier sei an seine Tätigkeit in unserer Kirchengemeinde gedacht. Friedrich Helm hat seiner Kirchengemeinde durch seine geschäftliche Erfahrung und durch seine Personenkenntnis große Dienste geleistet. Er war ein Mann von scharfem Urteil, auf dessen Bekundungen man sich unbedingt verlassen konnte. Über er war auch ein Mann von ernster religiöser Gesinnung. 5o leicht hat er an einem 5onn- oder Festtage im Gotteshause nicht gefehlt, noch an den letzten Zonntagen, da die schwere Zeitlage so viele in das Gotteshaus geführt hat, war er an seinem gewohnten Platze zu sehen, des Evangeliums hat er sich nicht geschämt. Noch am letzten Sonntage, den er auf Erden zubrachte, war er in der Kirche. Sein hinscheiden bedeutet für die Zeinen einen schweren Verlust. Die evangelische Kirchengcmeindc Gießen wird ihm stets ein gutes Bn- denken bewahren, vor allem werden die Mitglieder des Kir- chenvorstandes sowie der Gemeindevertretung und die Pfarrer seine Treue und Tüchtigkeit nicht vergessen. h. 6. Lin pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) ,,Bch, Lina," sagte die Tochter der Kranken, „Sie kommen wie ein Engel vom Himmel, wenn Ihre Herrschaft nichts dagegen hat, so wollen wir meine Mutter so lange dorthin bringen, bis meine Tante wieder nach Hause gekommen ist." „Kommen Sie nur mit!" sagte das Mädchen. Sic ging voran und führte uns nach einem großen Hause in der Hochstraße. 2m unteren Stocke waren überall Spiegelscheiben angebracht, blitzblank war die Türklinke, und auf einem Schild daneben war zu lesen: „Sanitätsrat vr. Friedrich Maurer, praktischer Brzt." Das Mädchen öffnete die Tür, ging nach einem hinterzimmer, und bald erschien eine Dame im schwarzen Kleid. Sie gab der Kranken, die ganz erschöpft war, die Hand und sagte: „Bch, Frau Trlewein, was müssen Sie für einen Schreck gehabt haben. Kommt, Sophie und Philipp, bringt eure Mutter hier herein, ich will gleich nach meinem Manne schicken." Sch half die Kranke auf ein Sopha niederlegen und ging dann weg, da es nicht schicklich war, noch im Zimmer zu bleiben, während die alte Frau zu Bette gebracht wurde. Blle waren so beschäftigt, daß niemand mir ein Wort des Dankes sagte, niemand auch mein Weggehen zu bemerken schien. Die Haustür fiel ins Schloß, und ich stand wieder auf der Straße. Brenzlicher Geruch, der in dem kühlen Hause nicht zu bemerken war, schlug mir von neuem entgegen, beizender Bauch tat meinen Bugen w?h, drückend war di: Sonnenglut, wirr und aufgeregt liefen die Leute noch immer über den holzmarkt, Tumult, Geschrei, Gepolter, Horn- und Triller- pfcisensignale waren von der Brandstelle zu vernehmen. Ich sah auf meine Uhr. Es war schon fünf, und von ein Uhr an mochte der Brand gewütet haben, ich hatte das Nachmittagskonzert gänzlich verpaßt, was würde Herr parlow sagen? vielleicht, so fuhr es mir durch den Kopf, kann ich noch rasch zum Kurgarte» laufen und mein Zuspätekommen entschuldigen. Bber da sah ich meine Kleidung an. Schuhe, Strümpfe und Hosen waren klatschnaß, die linke Seitentasche meiner Jacke war heruntergerissen, ich hatte, als ich vom Schlafe aufsprang, ganz vergessen, einen Kragen anzuziehen. In dieser Verfassung konnte ich natürlich nicht zum Konzerte gehen. Es war für mich eine höchst unbrhagliche Lage. Dennoch war ich so froh und glücklich wie seit langer Zeit nicht mehr, war mir denn etwas so Bußerordentliches begegnet? Ich grübelte über diese Frage nach, als ich über den holzmarkt wieder zur Gerbergasse ging, und da hatte ich plötzlich die Lösung der Frage gefunden: Vas dunkelblonde Mädchen mit der wohlklingenden Stimme hatte in mir dieses große Glücksgefühl erregt. Blles an ihr war so hell, so freundlich, und Lina hatte die junge Frau sie genannt, was war das für ein wunderschöner Name! Lina! sprach ich leise vor mich hin, als ich wieder hinein in den Tumult des Biesenbrandes schritt. Noch immer waren die Löschmannschaften an der Arbeit. Bus und nieder gingen die Spritzen, wieder stellte ich mich in die Beihe und half wacker pumpen. Kaum war eine Viertelstunde vergangen, so brannte auch das Haus mit dem grünen Bcbstock über der Tür in Hellen Flammen, es war somit hohe Zeit gewesen, daß wir die kranke Frau heruntergeschafft hatten. Bber die Feuerwehr arbeitete sehr zielbewutzt. Unter der Leitung des Stadtbaumeisters wurden die brennenden Häuser und Schuppen niedergerissen, hohe Leitern wurden angelegt, Männer stiegen hinauf, stellten sich, wo es möglich war, auf die Umfassungsmauern, standen frei in schwindeln- 281 der höhe, daß es manchen der unten Ziehenden graute, und rissen mit Feuerhaken das Gebälk ein, daß die Flammen nicht mehr hinüber nach den Nachbargebäuden schlagen konnten. Dünne Fachwerkmauern wurden eingestoßen, daß das Mauer- w.rk hinunter in das brennende Gebäude stürzte, schwarzer Rauch stieg auf, schier unerträglich war der Geruch des brennenden und schwelenden Holzes. Und von allen Leiten knatterten die dünnen Wasserstrahlen in Vamps und Flammen hinein. Ruf Dächern, Giebelmauern, die stehen geblieben waren, auf Leitern standen die Zchlauchführer und richteten die Lchlauchmündung in die schwelende, glühende, rauchende Blasse hinein. Der Lonnenschein, der den ganzen Nachmittag so heiß auf der Gerbergasse gelegen hatte, war hinweg, und ganz tief über den hunsrückbergen stand die Lonne, da gingen drei der Lprißenführer, kenntlich an dem weißen Dusch auf ihren Lederhelmen, an mir vorüber, und ich hörte einen von ihnen sagen: „Gott sei Dank, wir haben den Uiesenbrand bewältigt." Dieses Wort ging von Mund zu Mund durch die Masse derer, die sich in den engen Gassen rings um die Brandstelle angcsammelt hatten. Und merkwürdig, wie dieses Wort die Rnspannung aller Uräste, die sich sechs Ltundcn lang betätigt hotten, löste. Die Männer an den Lpritzen ließen die Hände sinken, die Wasserwagen gingen nicht mehr, die Steiger stiegen von ihren gefährlichen Standorten herab. Dutterbrot in Menge wurde uns von allen Leiten zugeiragen. „Lßt, ihr Leute!" hieß es, „ihr habt fleißig geschafft." Ulte, würdige Männer, die sich vorher nicht in das Gedränge gewagt hatten, kamen in langen Uöcken herbei, schauten durch ihre Drillengläser die rauchenden Trümmerhaufen an und gingen kopfschüttelnd davon, vorwitzige Rnaben versuchten, die Feuerleitern hinoufzusteigen und wurden von Feuerwehrmännern, die mit ihren Rxlsticlen nach ihnen schlugen, heruntergeholt. Der grobe Zimmermeister verließ seinen Posten, ging durch die Lämmergasse nach dem Tiermarkt und sagte, indem er sich den Schweiß wischte: „Dier, Bier! Sch habe einen Durst, ich könnte die ganze Uahe austrinken." Ts war sieben Uhr, da dachte ich an das Rbendkonzerl und rannte nach Hause, um mich zu waschen und saubere Kleiber anzuziehen. Sch kam noch rechtzeitig in den Uurgarlen. Der Direktor parlow war nicht gekommen, er war auch, wie ich alsbald hörte, nicht im Nachmittagskonzert gewesen. Mir fiel ein Ltein vom Herzen,' denn nun brauchte ich mich doch nicht zu entschuldigen, und der „Ulte", wie wir Musiker den Direktor nannten, konnte, wo er eine Nachlässigkeit merkte, sehr streng sein. Das lag ihm von seiner Militärzeit her noch im Dlute. Unser erster Violinspieler, der den Titel „Uonzert- mcisler" führte, leitete das Uonzert. Ls hatten sich nicht viele Zuhörer cingefunden, das Publikum aus der Stadt war ganz ausgcblieben. Ls war ein seltsamer Ubstand zwischen drin Nachmittag, den ich hinter mir hatte, und diesem Übend. Lechs Stunden lang hatte ich im Getümmel zugebracht, aufgeregte Menschen, ein ohrenzerreißender Lärm, einstllrzendes Maucrwcrk, die Niesenglut, und nun die Stille und Uühle des Sommerabends, Düume, die leise rauschten, das weihe Uurhaus, auf dessen Terrasse die Uellner standen, vor unsere>n Musikpavillon langsam dahinwandelnde Damen, die der französischen und italienischen Musik zuhörten, die wir machten. Uls ich an diesem Übend nach Hause ging, lag der Brandgeruch über der ganzen Stadt, viele Neugierige standen an der Brandstelle, aus der die dicken Nauchsäulen aufstiegen und hier und da noch kleine Flammen emporzüngelten. Feuerwehrleute hielten Wache. Ich ging rasch nach Hauses denn ich war todmüde. Rber ich konnte doch nicht gleich einschlafen. Im halbschlafe arbeiteten die Eindrücke des Tages weiter, ich pumpte rastlos an der Spritze und sah ununterbrochen den Schwengel auf und nieder gehen, ich half die kranke Frau aus dem gefährdeten Hause tragen und Härte das hastige Rufen der Menschen um mich her. Ueberall aber in den Menschenknäuel hinein drängte sich das blonde, freundliche Mädchen mit der lieben, wohlklingenden Stimme. Endlich umfing mich ein schwerer, traumloser Schlaf. Rm nächsten Morgen erschien ich rechtzeitig zum Frühkonzerte, dann hatte meine Kapelle im Nursaal Probe, diesmal unter dem Direktor, der jeden falschen Ton und jeden unregelmäßigen Takt hörte. Es war nachmittags zwischen ein und zwei Uhr, und ich hatte meine Violine ergriffen, um ein schwieriges Musikstück durchzuspielen, da brüllte ein Mensch vor meinem Zimmer' „Feuer, Feuer!" Ich riß das Fenster auf und rief hinunter nach dem holzmarkt: „Das ist doch eine Gemeinheit, solche schlechten Witze zu machen, wo es gestern erst so fürchterlich gebrannt hat!" „Dar ist kein schlechter Witz," rief mir der, der den Ruf ausgestoßen hatte, ein junger Mann, entgegen, „es brennt wahrhaftig schon wieder." Ich drehte den Ropf in der Richtung nach der Gerbergasse, und allmächtiger Gott! schon wieder stieg dort eine starke Rauchsäule auf. Wie am Tage zuvor, so war ich auch jetzt in aller Eile an Grt und Stelle und sah, daß aus einem Hause, das halb niedergebrannt war, die Hellen Flammen hervorschlugen. Wieder dasselbe Getümmel wie am vergangenen Tage: Sturmläuten der Rirchenglocke, Signalhörner, hcrbcilaufende Menschen, Gedränge in den engen Gassen. Ts war ein Glück, daß die Spritzen noch auf der Brandstelle standen. Man sollte es nicht für möglich halten: Der Brand wütete rasch wieder in derselben Rusdehnung, Häuser und Schuppen, die etwas rückwärts standen, wurden von ihm ergriffen, und die Feuerwehr hatte ihre gehörige Rrbeit, um nicht das ganze Straßenquadrat der Vernichtung anhrim- fallcn zu lassen. Diesmal ließ ich mich durch den Brand nicht abhalten, zum Nachmittagskonzert zu gehen, auch war gegen halb vier Uhr, als ich wegging, die größte Gefahr schon beseitigt, und um sechs Uhr, als ich zurllckkam, war der Brand gelöscht. Ich ging einem Trupp Menschen nach und gelangte nach dem Tiermarkt. Da sah ich eine große Rbteilung Feuerwehr mit mehreren Spritzen halten. Ich sah sofort, daß es eine auswärtige Feuerwehr war; denn die Leute trugen gelbe Messinghelme, während die Rreuznacher schwarze Leder- Helme hatten. Ich fragte und erfuhr, daß das die Feuerwehr von Bingen sei. Die Rreuznacher halten gefürchtet, die Rusdehnung des Brandes nicht hindern zu können, da hatten sie nach Bingen telegraphiert, und mit einem Extrazuge waren die Kameraden vom Rhein herübergekommen. Rber sie fanden erfreulicherweise nichts mehr zu tun. Rm Rbend hatte ich frei, da eine Regimentskapelle aus Rietz im Rurgarten spielte. So beschloß ich, mich einmal nach der kranken Frau Trlewcin zu erkundigen. Ich ging nach dem Bause auf dem holzmarkte, wo die Tante der jungen Frau wohnte; dieses hau; war höchstens dreißig 282 Schritte von dem entfernt, in dem ich Wohnung genommen hatte. Als ich kam, stand der Küfer — er hietz, wie ich unterdessen erfahren hatte, Philipp Machmer — an der Tür' er streckte mir die Hand entgegen und sagte: ,,l)as ist recht, daß Sie uns besuchen. (Es geht meiner Schwiegermutter, nachdem sie den Schreck überstanden hat, wieder gut. Wir haben sie heute morgen aus dem Hause des Herrn Sanitätsrates hierher geschafft." Die Schwester der kranken Frau Trlewein betrieb mit ihrem Manne ein kleines Geschäft. „Spezereihandlung von Kaspar Heinz" stand über der Tingangstür geschrieben. Wer in das Haus wollte, mußte durch den Laden gehen. Durch diesen führte mich Philipp Machmer, stellte mich dem Kaspar Heinz, der dort Kaffee abwog, vor und brachte mich in das hinter dem Laden liegende Wohnzimmer. Dort faßen beim Schein der Lampe die junge Frau Machmer und ihre Tante und schälten Gurken, die zum Salat bestimmt waren. Sch wurde freundlich begrüßt, Frau Machmer entschuldigte sich, daß sie mir am Tage zuvor in der (Eile und Unruhe gar nicht für meine Mithilfe gedankt hatte, dann bot man mir einen Stuhl an, der nahe dem Tische stand. Sch hörte, daß die jungen Leute den größten Teil ihres Mobiliars und ihrer sonstigen Sachen gerettet hatten, alles war unbeschädigt in ein Nachbarhaus gelangt, das vom Feuer nicht erfaßt worden war. Nur einige Sachen, die sich im Zimmer der Mutter befunden hatten, waren verbrannt, waren zum Glück aber versichert. Das Haus mit dem Nebstocke über der Tür hatte einem alten Manne gehört, der in Elberfeld wohnte und bei seinem großen vermögen den erlittenen Schaden leicht verschmerzen konnte. Nun wollte die kleine Familie - Kinder hatte das Ehepaar nicht - so lange im Hause des Kaspar Heinz bleiben, bis man eine neue Wohnung gefunden hatte. Sch freute mich zu hören, daß die jungen Leute nicht zu Schaden gekommen waren, aber das, was ich eigentlich hören wollte, hörte ich nicht. Sch wollte nämlich gern etwas von dem blonden Mädchen hören, das mir im Getümmel des Brandes entgegengetreten war. Das war ja auch der Hauptgrund, warum ich gekommen war, das Befinden der alten Frau erregte bei allem Mitgefühl, das ich für sie hatte, bei weitem nicht so sehr mein Snteresse. (Fortsetzung folgt.) Meine Mitteilungen. Nächsten Sonntag feiern wir das Erntedankfest. Natürlich wird dieses Fest in diesem Jahre nicht auf den Ton der jubelnden Freude gestimmt sein, aber wir haben doch allen Anlaß, Gott dafür zu danken, daß er uns auch in der Kriegszeit nicht, wie unsere Feinde gehofft hatten, Mangel und Hunger leiden läßt, sondern uns reichlich und täglich versorgt. Das Wort „Fest" im kirchlichen Sinne bedeutet auch nicht, daß man fröhlich und lustig ist, sondern daß man sich die Güte Gottes vor Augen stellt. Sn diesem Sinne haben wir ein gutes Recht, auch in diesem Fahre das Erntedankfest zu feiern. Natürlich ragen in das diesjährige Fest der Ernst der Zeit und die Wehmut über die vielen Dpfer, die der Krieg fordert, herein, und dem wird selbstverständlich im Gottesdienste gebührend Rechnung getragen werden. Sn der Fohanneskirche wird nächsten Sonntag im An- schluß sowohl an den vormittags- wie an den Abendgottes- dienst das heilige Rbendmahl gefeiert werden. Die Abend- mahlsfeier im Rbendgottesdienste ist ausschließlich für diejenigen Glieder unserer Gemeinde bestimmt, die in den nächsten Tagen in das Feld rücken, sowie für ihre Rngehörigen. viele haben doch das Bedürfnis, ehe sie hinaus in den Krieg gehen, sich, wie der fromme Graf Zinzendorf einmal gesagt hat, auf die Marter Thristi zu verbinden und sich die Kräfte des ewigen Lebens anzueignen. Das Kommando des Ersatzbataillons des hiesigen Regimentes hat sich bereitwilligst damit einverstanden erklärt, daß die in Betracht kommenden Mannschaften an dieser Feier Rnteil nehmen. * * Wir verweisen hier auf die unter der Rubrik „Kirchliche Nachrichten" in unserem Blatte enthaltene Rnkündigung des Konfirmandenunterrichtes. I* Das Großherzogliche Gberkonsistorium in Darmstadt hat, wie Herr Prälat O. Dr. Flöring neulich auf einer Konferenz in Darmstadt mitgeteilt hat, eine Entschließung gefaßt, die von großer Weitherzigkeit Kunde gibt. Die Kirchenbehörde hat nämlich den abkömmlichen Geistlichen gestattet, mit der Waffe dem vaterlande in der Kriegszeit zu dienen. Seither war das einem ordinierten Geistlichen nicht erlaubt. Wenn er nicht als Feldgeistlicher Verwendung fand, so mußte er dem Sanitätspersonal zugeteilt werden, hierbei haben die Geistlichen, auch die, die das Reserveoffiziersexamen bestanden und vizefeldwebel geworden waren, vielfach eine Verwendung gefunden, die der vorausgegangenen militärischen Rusbildung nicht entsprach: Reserveoffizier konnte unter diesen Umständen keiner von ihnen werden. Wenn man es als eine Ehrenpflicht eines jeden deutschen Mannes ansieht, das Vaterland mit der Waffe zu verteidigen, warum wollte man die Erfüllung dieser Pflicht dem Geistlichen unmöglich machen? Die Bestimmung, daß der militärisch ausgebildete Geistliche nicht mehr mit der Waffe dienen dürfe, ist in früheren Fahren von Behörden und Synoden getroffen worden, deren Mitglieder in den Tagen jung gewesen sind, in denen die allgemeine Wehrpflicht noch nicht durchgeführt war. Bekanntlich ist das letztere in Hessen erst im Fahre 1868 geschehen. Der gegenwärtige Krieg hat wie auf so manchem anderen Gebiete auch auf diesem eine Renderung herbeigefllhrt. Bereits ist ein junger hessischer Geistlicher, pfarrassistent Gustav Rdolf Barth, gebürtig aus Großenbuseck, seit Fuli in Lollar tätig, als Gffiziersstellvertreter im Regiment 116 auf dem Feld der Ehre gefallen. Der erste Gießener Student, der für das Vaterland in den Tod gegangen ist, ist gleichfalls ein Theologe, nämlich der Unteroffizier der Reserve Ernst Grosch aus Wörrstadt in Rheinhessen, der in den ersten Tagen des Rugust in Belgien gestorben ist. von der Militärbehörde ist eine Maßnahme getroffen worden, die überall Billigung und Befriedigung finden wird. Die Militärbehörde hat nämlich an die Schulen das Ersuchen gerichtet, zu veranlassen, daß sich die Schulkinder nicht mehr bis zum späten Rbend lärmend auf den Straßen Herumtreiben. Die hiesigen Lehrer haben festgeslellt, daß noch niemals nach Rblauf der Ferien die Fugend so ungezogen gewesen ist wie diesmal. Bis zu einem gewissen Grade ist das ja zu verstehen. 283 Der Krieg hal Aufregung nicht nur unter der Schuljugend h.rvorgcrufen. Truppendurchmärsche, Transporte von ver- mundeten, sonstige militärische Dorgänge haben die Kinder aus die Straßen gelockt, vielfach ist der Dater eingezogen, und die Mutter hat die Kinder nicht mehr ganz in der Gewalt. Im Gegensatz zu den Dörfern sind die meisten Kinder in unserer Stadt außerhalb der Schulzeit unbeschäftigt und kommen infolgedessen zu leicht in Versuchung, auf der Straße Unfug zu treiben. Daß sie auf der Straße lärmen, kann man ihnen nicht ohne weiteres übelnehmen, sie haben das ja von den Studenten gelernt. Seit Ausbruch des Krieges singen die Schulknaben nicht mehr auf der Straße, nein, sie brüllen, daß es in die Ohren gellt, besonders schlimm soll der Lärm in der Wolkengasse sein. In einem Dorfe könnte das überhaupt nicht Vorkommen. Ts liegt unseren Schulknaben auch nicht das Geringste daran, ihren Lärm in der Nähe der Lazarette zu verüben, und oft muß man sie, wenn Gottesdienst ist, erst aus der Nachbarschaft der Kirchen wegtreiben, damit die Andocht nicht gestört wird. Unsere Schulen sind sich in dieser ernsten Zeit ihrer Aufgabe bewußt, sie betonen, daß jetzt die Schule mehr Er- zichungsschule als Lehrschule sein muß. Aber die Schulen allein können nicht alles machen. Die Eltern müssen helfen, sie müssen ihren Kindern streng das Lärmen auf den Straßen verbieten und dafür sorgen, daß die Kinder sich mit Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf der Straße umhertreiben. Es ist sehr schön, wenn man jetzt patriotische Lieder singt, aber wenn Schulknaben jetzt ohne Aufhören wild in die Well hinausschmettern: „Deutsche Infanteristen haben hohen Mut", so sollte solcher Betätigung doch Einhalt geboten werden. Wenn sich die Erwachsenen nicht fürchten, gelegentlich einen ungezogenen Knaben auf der Straße zurechtzuweisen, so werden die Klagen über die Verwahrlosung unserer Schuljugend bald verstummen. Wir sind es unserer Jugend schuldig, sie jetzt nicht der Verwahrlosung anheimfallen zu lassen. Die Lehrlinge, vornehmlich die Bäcker- und Metzger- lehrlinge sowie die jugendlichen Ausläufer, die besonder; Sonntags in den frühen Morgenstunden, radelnd, brüllend und pfeifend die Straßen durchziehen, werden ja erst mit Beginn de; Fortbildungsschulunterrichtes zu einem gesitteten Benehmen angeleitet werden können. Einstweilen haben diese Herrschaften auf unseren Straßen noch unbestritten das Ne- giment. Worte zum Nachdenken in der Ariegszeit. Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Eoang. Matth. 28, 20. Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch gebe das Ende, des ihr wartet. Jeremia 29,11. Mag auch die Liebe weinen, Es kommt ein Tag des Herrn: Es muß ein Morgenstern Uach dunkler Nacht erscheinen. Mag auch der Glaube zagen, Ein Tag des Lichtes naht: Zur Heimat führt sein Pfad, Aus Dämm'rung muß es tagen. Mag Hoffnung auch erschrecken, Mag jauchzen Grab und Tod: Es muß ein Morgenrot Die Schlummernden einst wecken. Friedrich Adolf Krummacher. Wie darf denn der Krieg sein in der Welt? Du Törichter, geh hin und frage Gott und seine Geschichte und Offenbarung, und sie werden dir antworten: frage das Leben und die Erfahrung des Lebens, und sie werden dir die Worte deuten. Du sollst den Frieden begehren, aber die Welt begehret den Krieg: du sollst den Frieden Neben, aber die Welt hasset die Buhe. Darum ist Krieg. Durch Unglück und Uot sollen wir lernen zum Himmel aufschauen und bedenken, daß hienieden nicht unser; Bleibens ist, sondern daß wir das Unvergängliche suchen sollen. Durch Unglück und Not werden unsere Kräfte geübt, daß wir Gott nicht vergessen und nicht in eitler Faulheit und Wollust vergehen. Weil wir so böse sind, darum ist Krieg, und weil wir so nichtig sind, darum ist das Nebel. Wehe aber dem Manne, der nach unschuldigem Blute dürstet, der unschuldige Völker zu unterdrücken trachtet! Seine Bosheit fällt auf seinen Kopf zurück, und Gott im Himmel wird den Wüterich strafen. Ernst Moritz Arndt, Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann. Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 4. Oktober, 17. nach Trinitatis. Erntedankfest. Kollekte für die Erbauung einer deutschen evangelischen Kirche in Nom. Gottesdienst. In der Stadttirche. vormittags 9'k Uhr: Professor D. 5 chian. vormittags 11 Uhr: Militärgottesdienst, verbunden mit der Feier des heiligen Abendmahls für die demnächst ins Feld ausrückenden Mannschaften, sowie deren Angehörige. Pfarrer Schwabe. Nachm. 2'/* Uhr: Kinderkirche für die Natthäusgemeinde. Pfarrer v. Schlosser. Abends 5 Uhr: Pfarrer Schwabe. Mittwoch, den 7. Oktober, abends 8 Uhr: Kriegsbet- stunde. Pfarrer v. Schlosser. In der Johanneskirche. vormittags 9'/- Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Beichte und heil. Abendmahl für die Lukas- und Jo- hannesgemeinde gemeinsam. Anmeldungen vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. 284 vormittags llVi Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer vechtolsheimer. Ubends 5 Uhr: Pfarrer Uusfeld Leichte und heiliges Ubendmahl für diejenigen aus der Lukas- und Johannesgemeinde, welche in den nächsten Tagen ins Feld ziehen, sowie für ihre Ungehörigen. Unmeldungen vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Die Unmeldungen zum Konfirmandenunterricht für die vier Gemeinden werden Montag, den 5. und Dienstag, den 6. Oktober, jedesmal vormittags von I I bis I Uhr und nachmittags von 4 bis 6 Uhr, in dem Pfarrhaus jeder Gemeinde entgegengenommen. Formulare zur Unmeldung find bei den Schuldienern, sowie bei dem Pfarrer jeder Gemeinde zu erhalten. Die Eltern der Kinder werden gebeten, diese Formulare ausfüllen und bei der Unmeldung mitbringen zu wollen. Die Eltern werden gebeten, die Kinder nach Möglichkeit bei der Unmeldung zu begleiten und, sofern die Kinder auswärts getauft sind, den Taufschein mitzubringen. Die feierliche Eröffnung des Konfirmandenunterrichts findet Sonntag, den I I. Oktober statt und zwar in der Stadtkirche vormittags 9V- Uhr für die Markus- und Militärgemeinde, nachmittags 5 Uhr für die Matthäusgemeinde; in der Johanneskirche vormittags 9>/s Uhr für die Jo- hannergemeinde, nachmittags 5 Uhr für die Lukasgemeinde. Dazu werden nebst den Kindern besonders auch die Eltern, Ungehörige und Paten herzlich eingeladen. Der Unterricht selbst beginnt Montag, den 12. Oktober, und wird an jedem Montag und Donnerstag für die Knaben von 3 4 Uhr, für die Mädchen von 4 1 A--5 1 A Uhr gehalten. Jeden Samstag zwischen 7 und 8 Uhr werden beide Kirchen geöffnet und darin bei Grgelspiel Gelegenheit zur stillen Undacht gegeben sein. Bibelkränzchen für Schüler höherer Lehranstalten. Für die jüngere Ubteilung jeden Mittwoch von 6 7 Uhr, für die ältere Ubteilung jeden Samstag von 6 — 7 Uhr im Johannessaal. Bibelkränzchen für Mädchen aus der Iohannesgemeinde. Jeden Dienstag von 6 — 7 Uhr im Johannessaal. Wartdurg-Berein (Diezstrahe 15). Dienstag: Libelstunde. Donnerstag: Leseabend. Sonntag: Vortragsabend. ^Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ] Rudolf Richter Bietzen, Marktstratze 24 — 26 hüte und Nützen Reichhaltige Auswahl. BilligePreife :: Rabattmarken. Reparaturen :: Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Carl Berger Nchf., Inh. Gust. Witlmann Kunst- und Handelsgärtnerei Blumengeschäft Marburg. 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EINRAHMUNGS - GESCHÄFT j VERGOLDEREI kirchstr. 2 ANTIQUITÄTEN j verantwortlich: für den Textteil Pfarrer Lechtolshein,er, für den tlnzeigenteil h. Beck: Druck und Verlag der vrühl schen Universitäts- Luch- und Stcindruckerei It. Lange, sämtlich zu Gießen