Gemeinüeblatt füröie evangelische Kirchengemeinüe Giesrew Nr. 31. Gießen, 9. Sonntag nach Trinitatis, 9. August 1914. 3. Jahrgang. Lin feste Vurg ist unser Gott. Psalm 46, 8. Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Dott Jakobs ist unser Schutz Nun ist der Krieg da, der für uns alle seither scheinbar in weiter Ferne stand und dessen Kommen wohl viele von uns für ganz unmöglich hielten. Gott hat es in seinem Natschlusse zugelassen, daß jetzt das wilde, eiserne Würfelspiel anhebt, daß wir Deutsche mit Aufbietung aller unserer Kraft gegen mächtige Gegner zu kämpfen haben, von der Ostsee bis zu den Rlpen, von Straßburg bis nach Memel sind in dieser Woche die deutschen Männer und Jünglinge zusammengeströmt, um dem Kufe des Kaisers Folge zu leisten, um den heimischen Loden gegen fremde Eindringlinge zu verteidigen, andere sehen dem Tage entgegen, da sie zu den Fahnen eilen, und wenn diese Betrachtung, die wir am ersten Mobil- machungrtage schreiben, gelesen wird, so haben die ersten Gefechte wohl schon stattgefunden, herrlich ist die Begeisterung, die, gepaart mit tiefem Ernste, jetzt unser Volk erfüllt, groß ist der Opfermut, der durch alle Stände hindurchgeht. Daneben steht aber auch das tiefe, bittere Weh. Wer in diesen Tagen unsere Reservisten und Landwehrleute Rbschied von den Shrigen nehmen sah, der weiß, was für herzerschütternde Szenen sich dabei abgespielt haben und wieviel Tränen geweint worden sind. Dennoch geht durch unser Volk der Geist der Festigkeit und Ruhe. Wer in der Stunde, da der Befehl zur Mobilmachung bekannt wurde, auf den Straßen unserer Stadt war, der sah manches tiefergriffene Rngesicht, aber er sah auch Ruhe, Festigkeit und Zuversicht. Rm Sonntag waren unsere Kirchen gedrängt voll von Menschen, die Gottes Rngesicht suchten, von ihm, dem Herrn, Trost begehrten und ihn um Schutz und Gnade anriefen. Zu dieser Festigkeit haben wir allen Grund; denn an dem, das über uns gekommen ist, tragen wir keine Schuld. Des Schicksals Woge ist über uns dahingerollt, ohne daß wir sie aufhalten konnten, oder richtiger gesagt, Gott hat es zugelassen, daß unser Volk in diesen Kampf um seine Existenz hineingezogen worden ist. Mit Paulus können wir sprechen: Unser Trost ist, daß wir ein gutes Gewissen haben. Das auch wissen wir, daß unser vielgeliebter Kaiser alles daran gesetzt hat, uns den Frieden zu erhalten. Unsere Regierung ist sich in hohem Maße ihrer Verantwortung bewußt gewesen. Über in dem Land der Unkultur und des Halbbarbarentums, in dem Lande, in dem man keine Gewissenhaftigkeit kennt, besteht seit langer Zeit die Rbsicht, das Deutsche Reich anzugreifen, unsere blühende Kultur zu vernichten und unsere Fluren durch die Hufe der Kosakenpferde zerstampfen zu lassen. Die diesen Krieg aber im letzten Grunde auf dem Gewissen haben, das sind die Franzosen. Dieses eitle, selbstsüchtige, gehässige Volk wartet schon längst auf den Tag, an dem es an uns Rache nehmen kann. Ts ist ein Volk, gottlos bis in das Mark hinein, freidenkerisch vom Minister bis zum Rrbeiter, ein Feind jeder geoffenbarten Religion. Diese beiden Völker, das im Osten und das im Westen, sie haben vor dem Richterstuhle Gottes die furchtbare Verantwortung für diesen Weltkrieg zu tragen, und so wahr als ein Gott im Himmel lebt, er wird die Schuldigen vor sein Gericht ziehen und ihnen den Lohn geben, den sie verdienen. Wir aber kämpfen für den Bestand des Deutschen Reiches, wir verteidigen unser Volkstum, unsere Kultur, unsere Sprache und Gesittung, unser Haus und unsere liebe Heimat. Und unsere ganze Zuversicht setzen wir auf Gott. Mit dem psalmisten reden wir: Der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz, vom Gottvertrauen, von dem harren auf den Herrn haben wir in unseren Gottesdiensten oft gehört, oft haben wir die schönen Glaubenslieder gesungen, die von dem vertrauen auf den Herrn erfüllt sind, nun sollen wir praktisch zeigen, ob dieses vertrauen in uns lebt, ob wir stille sind gegenüber den Fügungen des Herrn. Dieser Krieg ist für unser Volk eine Glaubensprobe. Wir wollen beten, daß wir diese Probe bestehen. Die große Stunde soll kein kleingläubiges Volk finden. Dunkel ist die nächste Zukunft. Was der Herr über uns beschlossen hat, das wissen wir nicht. Rber wir vertrauen auf den Sieg unserer gerechten Sache, wir hoffen zu Gott, daß er unser Fjccr zum Siege führt. Den Rusziehenden sei zugerufen: Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark! Streitet mutig, betet zu Gott, haltet in treuer Kameradschaft zusammen, seid milde gegen die friedlichen Bewohner der mit uns im Kampfe stehenden Länder. Wir, die wir zu Hause bleiben, wollen tun, was wir können, wir wollen die Traurigen trösten, die Kranken und verwundeten pflegen und 242 — wollen arbeiten, daß es in unserem wirtschaftlichen Leben keine Stockung gibt. Mag auch die Zeit voll von Unruhe sein, noch lebt der alte Gott, der Gott, der die Liebe ist. Tr wird uns nicht verlassen, er wird unseren Waffen den Sieg verleihen und uns nach der Not der Zeit wieder feine Barmherzigkeit zuwenden. Komme, was da will, der Herr Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schuh. t). B. Zur gegenwärtigen tage. Mahnungen und Bitten. Schwere und bewegte Tage sind über uns gekommen. Unter solchen Umständen geziemt sich Uuhe und Besonnenheit. Ts hilft nichts, daß man jammert und klagt, hierdurch wird nichts gebessert. So ist es nicht recht, wenn man jetzt zu große Rngst um den Erwerb und um das Geldverdienen bekundet. Im Jahre 1870 hat das wirtschaftliche Leben in Deutschland keine nennenswerte Beeinträchtigung erfahren. Getreide und Feldfrüchte wurden zur gewöhnlichen Zeit nach Haufe gebracht, und Urbeitslofigkeit trat nicht ein. Gerade dadurch, daß jetzt so viele rüstige Urbeiter zum Fjcere einberufen find, haben die Zurückbleibenden ein großes Feld der Betätigung. Gibt Gott, wie es unsere feste Zuversicht ist, unseren Waffen den Sieg, so wird erst recht die Möglichkeit des Geldver- dienens nicht eingeschränkt werden. Im übrigen gilt auch hier: Ulle Sorge werfet auf ihn; denn er sorget für euch. Tine Bitte an unsere ausmarschierenden Krieger: vergesset nicht, wenn einem eurer Kameraden etwas zustößt, die Seinen sofort durch eine Postkarte zu benachrichtigen! Die amtlichen Stellen sind oft nicht in der Lage, das gleich zu besorgen, wissen auch oft nichts über das Schicksal des Einzelnen. In der Heimat entsteht dann eine quälende Ungewißheit. Uls am 18. Uugust 1870 die Schlacht bei Gravelotte geschlagen war, gelangten Nachrichten über Tod und Verwundung erst nach verhältnismäßig langer Frist in die hessische Heimat. Um 20. Uugust strömten angstvolle Menschen in großer Zahl in Darmstadt zusammen, um über das Schicksal der Ihrigen etwas zu erfahren, hätten die Kameraden gleich Meldung in die Heimat gesandt, so wäre es besser gewesen. Im Kriege 1870/71 sind ungefähr 3000 deutsche Soldaten vermißt worden, vielleicht wäre ihr Schicksal den Ungehörigen bekannt geworden, wenn die Kameraden eine Nachricht gesandt hätten. Jeder Soldat tut gut, die genaue Udresse seiner Ungehörigen aufzuzeichnen, sie bei sich zu tragen und sie auch den Kameraden, denen er besonders nahe steht, mitzuteilen. Tut er das, so hat er für alle Fälle Vorkehrung getroffen. Sollten im Laufe der nächsten Wochen verwundete nach Gießen gebracht werden, so ergeht an alle Bewohner unserer Stadt die Bitte, doch nicht neugierig zuzusehen, wenn die Opfer des Krieges durch Mitglieder der Sanitätskolonne von der Bahn nach den Lazaretten gebracht werden. Nur der, der etwas dabei zu tun hat, finde sich hierzu ein. Nichts ist für einen verwundeten peinlicher, als wenn er von einer Menge Neugieriger angestaunt wird, vor 44 Jahren haben die verwundeten oft über zudringliche Neugier zu klagen gehabt, wenn sie in die Lazarette gebracht wurden. Als am Samstag die Spannung auf das höchste gestiegen war und jeder fieberhaft auf die Entscheidung wartete, marschierten zwei „Wandervögel" barhäuptig, wie es die Mode und die Sucht, bemerkt zu werden, mit sich bringt, vom Bahnhof in die Stadt. Die unvermeidliche Zupfgeige — früher hieß man das unnütze Ding wohl Mandoline — war mit einer Nnzahl von bunten Bändern geziert, in den Rucksack war so viel gepackt, als ob es direkt nach Moskau gehen sollte. Stolz und selbstbewußt, ohne nach den gewöhnlichen Menschen zu schauen, so als ob sie allein da seien, schritten diese „Wandervögel" dahin. In einer so ernsten Zeit ein solcher Nufzug! Gott gebe, daß der Krieg uns von dem eitlen Gebaren junger Menschen, die noch nichts geleistet haben, erlöse! In Kriegszeiten, überhaupt in ernsten, schweren Zeiten, bleibt nur der Tüchtige und Bescheidene obenan, Gespreiztheit und Unnatur fallen in die Versenkung. Gießen ist eine musikliebende Stadt. Ebenfalls am Samstag, gerade in den Stunden, da die Spannung auf den höchstem Grad gestiegen war, schlug ein junger Mensch in der Liebig- straße, wie er das seit langer Zeit tut, unbarmherzig auf die Tasten eines verstimmten, anscheinend alten Klaviers. Das war schon früher eine Rücksichtslosigkeit, zumal der Klavierspieler seine Kunst bei offenem Fenster auszullben scheint, an diesem Tage aber war das ein Unfug; denn lauter Tänze, vornehmlich Sachen aus der Operette „polnische Wirtschaft" wurden gespielt und das stundenlang, fast ohne Rufhören. Wie schrecklich ist dieses Klavierspiel für alle gewesen, die, erfüllt von großer Sorge, in der Nachbarschaft wohnen. Das Klavierspiel ist überhaupt in Gießen eine lästige Plage. Wer jetzt in dieser ernsten Zeit, da wir großen, für uns alle bedeutungsvollen Entscheidungen entgegensetzen und da wir um unsere Lieben bangen, auf dem Klavier leichte Musik spielt, der läuft Gefahr, bei allen Gutgesinnten Entrüstung heroorzurufen. Griechische Reisen und 5ommersrischen. von Geh. Gberkonsistorialrat D. W. petersen in Darmstadt. (Fortsetzung.) 300 Fahre später lud der Thebaner Epaminondas bei seinem siegreichen Kampf mit den Spartanern die zerstreuten Messenier ein, sich wieder in ihrer alten Heimat anzusiedeln und für ihr neuerstandenes Staatswesen als Mittelpunkt eine feste Stadt zu erbauen. Sie bekam den Namen Messene, deren Ruinen die besterhaltenen Stadtruinen Griechenlands sind, hoch über ihr aus dem Ithome thronte die Rkropolis. Die Stadt selbst war ein unregelmäßiges Viereck von neun Kilometer Umfang und bot Platz in Kriegszeiten für die Rnwohner und für zu bestellende Felder. Ruf dem Gebiete der Stadt befinden sich jetzt ein Kloster und zwei Dörfer. Ruf dem Gipfel von Ithome war ein Heiligtum des Zeus Ithomatos. Der ganze Berg war ein Heiligtum des Zeus, wie der Lykaion, von Eichen beschattet, mit Ouellen gesegnet. Ruch soll er hier geboren und von Nymphen in dem Ouell gebadet worden sein, von dessen Wasser täglich in das Heiligtum getragen wurde. Ruch hier herrschte ein Kult, der Menschenblut forderte. Oestlich an den jetzt vorhandenen Klosterruinen war der Rltarplah, der noch heute von den Landleuten zu festlichen Tänzen benutzt wird. Beherrschend ist der Blick von oben: Im Norden der Lykaion, im Osten der Taygetos, im Süden die Windungen des pamisos, Kalamata und der Golf von Koroni, im Westen Gebirge und nordwärts das ionische Meer oberhalb Kqpa- nitia. In den Stadtruinen selbst liegt heule das Dorf Mauro- mati Schwarzauge, wohl nach der kräftigen Dorfquelle 243 so genannt, die noch im zweiten Jahrhundert nach Ehr. pausanias als die „Rlaphydra" besucht hat. Huf unserem Wege erreichten wir bald das sogenannte arkadische Tor, ein Doppeltor, dessen Inneres aus einem kreisrunden Hof gebildet wurde, alles in großen, behauenen Felsquadern. Rechts und links vom Eingänge erheben sich quadratische Türme, die noch in ziemlicher höhe erhalten sind. Oie Rundmauer um den Hof ist noch 6—7 Meter hoch. Der Mittelpfosten des inneren Tors, 6 Meter lang, lag auf dem Roden. Wir stiegen nun etwas nach Westen hinauf und sahen die weit über die Berge sich erstreckende Ringmauer im Viereck, leisteten aber Verzicht auf einen doch zwecklosen Rundgang, der uns Stunden gekostet hätte und gingen statt dessen unseres Weges weiter, dem Innern der Stadt zu, deren alte Stätte nun von den Weinbergen und Feigenhainen des Dorfes Mau- romati eingenommen ist. Mir erstanden uns frischgepflückte Feigen und Trauben, die uns vorzüglich schmeckten und gingen in das Dotf, in die Räche des Dorfbrunnens, der antik ist und eine große Menge Wassers durch viele Geff- nungen spendet, hier schöpften die Frauen des Grtes, während die Männer in und vor dem Wirtshaus saßen und geduldig und lächelnd eine Vorlesung meines Freundes über die unwürdige Sklavenstellung des griechischen Weibes anhörte, wozu wir unseren Mastixschnaps tranken. Der Wächter des Dorfmuseums gesellte sich zu uns und führte uns durch die Weingärten nach den kümmerlichen Resten des Theaters, die ganz mit Efeu überwachsen sind und sodann ins „Museum", das keine großen Schätze barg. Interessant darin war das Resuchsbuch mit den Namen vieler berühmter Besucher. Jetzt hieß es wieder steigen. Wir verließen dar Gebiet der alten Ltadt durch das sogenannte lakonische Tor und befanden uns nach Vr Ltunde in der Einsattelung zwischen den beiden Bergspitzen Ithome und Eria. Dort erwartete uns eine ganze Horde von verkrüppelten Menschen und streckte bittend die Hand aus. Wir wurden dabei so gründlich unseres Rupfervorrates beraubt, daß eine zweite Ruflage des Elends, die tiefer unten uns erwartete, leer ausging. Es war nämlich eines der größten Feste der griechischen Rirche, das Muttergottesfest, der 15. Rugust: kimisis tu theotöku. Wir waren ja auf dieses Fest auch vorbereitet, vorher gehen Fasten, daher war es so übel um unsere Verpflegung auf der Reise bestellt. Festlich gekleidete Menschen sah man überall, die nach Rloster vulkano wallfahrteten. Das Rloster selbst ist ein mächtiges Gebäude auf einem Felsenacker, von wo aus man einen entzückenden Blick auf die fruchtbare messenische Ebene und auf die lakonischen Berge hat. Eine Zeltstadt von Verkäufern hatte sich an jenem Tage um das Rloster angesiedelt. Wir gingen hinein und hindurch und freuten uns, dort nicht eine Nacht bleiben zu müssen. Ruf steilem Pfad eilten wir bergab, nahmen unterwegs einen Imbiß und marschierten zwei Ltunden lang auf schattenlosem Weg, bis wir unter die Fruchtbäume der Feldmark von Lepheremini kamen, wo wir ein trockenes Flußbett durchschritten und auf der anderen Leite wieder Rnschluß an die Rulturwelt fanden in der Eisenbahn. Eine Ltunde Wartens auf den Zug benutzten wir zum Trinken und Rasten und wurden dann von der Eisenbahn durch herrlich angebautes reiches Land nach Ralamae geführt, wo unser vorausgerittener Gefährte und die Rgogiaten uns schon am Bahnhof erwarteten. Wir gingen gleich in ein Hotel, erquickten uns an einem anständigen, wenn auch aus minimalen portiönchen bestehenden Mittagsmahl mit trinkbarem Wein, besuchten den deutschen Ronsul, machten einige Einkäufe und bestiegen um V»4 Uhr nachmittags wieder die Pferde. Ralamae liegt am linken Ufer des Nedon, der vom Tap- getos herkommend in den Meerbusen mündet, im Sommer wasserlos im breiten schotterreichen Bett. Gegen den Fluß fällt steil ab der Burgberg mit den Trümmern eines mittelalterlichen Lchlosses. Rm Rbhang liegt die Ltadt, noch 20 Minuten vom Meere entfernt, wo an der Skala die Schiffe liegen, um Geh Seide und Südfrüchte einzunehmen. Im Rltertum lag hier pharai, wo Telemachos auf seiner Reise nach Pplos übernachtete. Ruf der mittelalterlichen Burg wurde Wilhelm villehardouin II. geboren und hatte dort feinen Lieblingrsitz. Später fiel sie in die Hand der Türken, dann 1685 in die Hand der venetianer. 1821 war Ralamae der Mittelpunkt des Rufstandes im Peloponnes. Rm Nedon hinauf strebten wir nun dem Taygetos zu. Der nun folgende Ritt war sehr genußreich, vor sich hatte man die mächtigen Berge und rechts und rückwärts den blauen Meerbusen von Ralameta,' es ist an der Riviera nicht schöner. Dabei war alles in der durchsichtigen Luft so klar, daß die immer wachsende Entfernung keinen Unterschied zu machen schien. Einmal über das anderemal glaubte man das Meer zum letztenmal gesehen zu haben, auf einer größeren höhe, die der Saumpfad erklomm, kam er dann doch wieder zum Vorschein, und als wir um 6 Uhr das Dorf Ehania erreichten, blickten wir wieder auf den abendlichen Golf, bis die Sterne aufgingen. Es war ja noch früh am Tage, aber wir mußten in Ehania Guartier machen und genossen daher ordentlich die Ruhe in der herrlichen Bergluft. Ein Zwiebellager wurde aurgeräumt, um uns als Nachtquartier zu dienen. Dann wurde da; Rbendbrot aufgetragen: Brot, Eier, Konserven und zum Nachtisch etwas von der Leipziger Wurst, die man anstatt Konfekts ohne Brot aß. Eine große, erwähnenswerte Ueberraschung wurde uns dabei zuteil. Die Ziegenherde des Dorfes wurde vorbeigetrieben, und uns kamen polpphemische Gelüste, die in schäumender Milch befriedigt wurden, ein Hochgenuß nach langer Entbehrung. Dann legten wir uns in Rnbetracht der kommenden Strapazen ins Zwiebeldepot und schliefen bald den Schlaf der Gerechten. Schon um 2 Uhr am nächsten Tage wurde ich wach, um VsZ stand ich auf. Bei dem dürftigen Licht des Geldochtes wurde dar Morgenmahl eingenommen. Um 4 Uhr saßen wir zu Pferde. Wie erfrischend die Morgenluft wirkte, man möchte sagen berauschend! Es wurde viel gesungen an diesem Morgen. Der Weg war recht steil und wand sich immer tiefer ins Gebirge. Links hatten wir immer schwindelnd tiefe Schluchten und jenseits nackte Berge, welche im Licht des Mondes geheimnisvoll leuchteten. Stundenlang ritten wir so, bi; wir wieder die Schlucht des Nedon erreichten, diesmal um sie zu durchqueren, vor uns lag Rarvsli, ein freundliches Dorf unter Bäumen auf einer Felsenkuppe über dem Gießbach. Jenseits des Baches langgestreckt am Berge hinauf ein anderes Dorf: Saba, unten in der Tiefe dar rauschende Wasser. Rarvsli ließen wir liegen und überschritten auf einer Brücke Nedon und klommen die engen Dorfgassen von Lada hinan, in denen das Wasser zu Tal rauschte, Schweine voller Lebenslust sich wälzten und mächtige Weinstöcke Lauben bildeten. Rn einer solchen Weinlaube hielten wir, und schwere, fußlange Trauben wurden für uns abgeschnitten, dazu wurde Mastix getrunken. Dann kletterten wir weiter das Dorf zu Ende, dessen Gassen so eng waren, daß man auf die Pferde achten mußte, um nicht von ihnen an einer hauswand abgeschürft 244 zu werden. Kußerhalb des Dorfes kamen wir in einen grünen Wald echter Kastanienbäume, riesiger dichtbelaubter Käume, dann durch die höher gelegenen Weingärten des Dorfes wieder in die freie, hohe Gebirgswelt, welche sich unermeßlich weit in Schluchten, Kergzügen, Kuppen vor uns auftat. Wir waren über 1000 Meter hoch, immer höher ging es durch prachtvollen Nadelwald, der einige der Gefährten an das Niesen- gebirge erinnerte. Unter dem Walddach rauschten reiche, frische Ouellen. Endlich hatten wir die höhe erreicht und blickten hinein in den Knfang der Langadaschlucht, des Glanzpunktes unserer Reife. Wir hielten an einen Ehani, wo eine alte hexe die Honneurs machte. Ich entledigte mich eines Kleidungsstückes, dessen unheilbar klaffender Niß meinen Neisegefährten schon seit mehreren Stunden billigen Lachstoff geboten hatte und zog eine Neservegarnitur an. Cs wurde dann gegessen und getrunken, was noch an Kesten da war und eine halbe Stunde geruht, worauf der Wirt erschien und Wein aurwarf, den wir mit Mastix erwiderten. Darauf begann die Wanderung durch die Langada, die Pferde trollten ledig voran. Die Schlucht ist nicht durch Erdbeben entstanden, sondern durch Erosion (Kuswaschung). Sie ist von dem mit gewaltigen Kläcken erfüllten Bett eines Trockenbachs durchzogen und senkt sich allmählich nach Osten von 900 auf 400 m. Um dasKachbett steht stellenweise schöner Kaumwuchs: Platanen, Schwarzkiefern, Tannen. Kn den Wänden, die zum Teil fast senkrecht erscheinen, haftete nur Gestrüpp und Schlingpflanzen. Der Weg ist so rauh, steinig und glitschig, daß selbst die Pferde sich nur vorsichtig hinunter tasten, er geht manchmal durch das Kachbett, meistens aber hoch an den Talwänden, bald auf dieser, bald auf jener Seite, die Schlucht spottet aller Keschreibung, im Grunde das wüste Kachbett, an den Wänden wahre Epheu- bäume, deren einen wir auf 50 Meter schätzten, steile Seiten- schluchtcn, tiefe höhlen, oben abenteuerliche spitze Hörner und Kuppen. Ts war ein stets wechselndes Kild. Kald war man unten, bald klomm man an einer Seite auf steilem Pfad über dem schwindelnden Kbgrund in die höhe, wo dann der höchste Punkt von unten wie ein Sprungbrett ins Derderben aussah, aber es ging immer noch weiter. Etwa drei Stunden klommen wir so und hörten in der Ferne das hufetrappeln unserer Pferde wie Froschquaken, dann kletterten wir an einer letzten Enge mühsam keuchend und schwitzend in die höhe. Wasser gab es alle die Stunden nicht. Der Kach klemmte sich durch eine Marmorenge, die schneeweiß zu uns heraufleuchtete, dann endlich öffnete sich uns der Klick in die Eurotasebene. Wie ein weißer Streifen zog sich der Eurotas an Sparta vorüber. Wir kamen zunächst an eine Ouelle mit herrlichem Wasser, wo Mensch und Tier sich satt trank. Tine Diertelstunde später erreichten wir das Dorf Trpgi, reizend auf der höhe gelegen zwischen Gel-, Feigen- und Granatenbäumen, umrauscht und durchströmt von frischen Wassern, mit herrlichem Klick in die Ebene, hier schien der ganze Koden zu quellen. Ueberall Oleander und festliche Menschen. Erinnerungen eines alten Mannes. Don Generalarzt a. D. Dr. Otto K a p e s s e r in Darmstadt. >8. Kürgertum und Keligion. Die Gemeinde N.-5. in Kheinhessen ist in letzter Zeit mehr in der Oeffentlichkeit genannt worden, als manch größere ihrer Krt, und zwar geschieht das wohl weniger wegen gewisser, ungewöhnlicher Ereignisse, wie das jüngst dort stattgefundene Eisenbahnunglück oder wegen des Umstandes, daß der neuerdings vielgenannte amerikanische Milliardär Weperhäuser aus einer dort eingeborenen Familie heroorging, oder auch, daß vor etlichen Jahren dort die ganze Familie eines Mühlenbesitzers von einer Krt epidemischen Wahnsinns befallen der Obrigkeit förmlich den Krieg erklärt hat, so daß die Kuf- bietung der bewaffneten Macht zur Kewältigung der zur Festung umgewandelten Mühle notwendig wurde, wobei sogar ein braver Krigadier der zu Wörrstadt stationierten Gendarmerie das Leben einbüßte, worauf man die ganze Familie in eine Irrenheilanstalt überführen mußte, vielmehr erregt die öffentliche Kufmerksamkeit der seit Jahren dort tobende Kampf um die Stelle des Kürgermeisters und des Kdjunkten oder Keigeordneten, der mit einer Leidenschaft geführt wird, der an den Kusspruch Julius Eaefars erinnern könnte, der auch einmal im Hinblick auf ein kleines Dorf in heloetien den Kusspruch getan haben soll, er möchte lieber erster in diesem Dörfchen, als zweiter Konsul in Kom sein. Schon einigemal haben dort die Wahlen stattgefunden unter gewaltigen Umtrieben, welche die Leidenschaften in der Gemeinde bis in die Tiefen aufwühlten, aber jedesmal wurde das mit knapper Mehrheit zustande gekommene Kesultat von der unterliegenden Partei oder gar von den unterliegenden Parteien auf dem Prozeßweg, der durch alle Instanzen geführt wurde, wieder umgestoßen, und so stehen bis jetzt noch dort die kurulischen Sessel leer. Eine solche tiefgehende Zerklüftung und Kbwendung des Einzelnen von der Gesamtheit, der er angehört, kann nicht von heute auf morgen entstanden sein, und es lohnt sich daher, die frühere Geschichte dieser Gemeinde in das Kuge zu fassen. Diese Gemeinde ist so rechf ein redendes Keispiel für die allmähliche Zerfaserung des weiland römischen Kaiserreichs deutscher Nation. Seit dem tiefen Mittelalter wurde dieselbe von einem halben Dutzend reichsunmittelbaren Kdelsfamilien regiert, deren Wappen heute noch an dem Kufgang zum dortigen Kathaus zu sehen sein sollen. Das konnte aber nicht geschehen ohne Keibungen, welche auch auf die Negierten abfärbten. Die Sache wurde aber erst schlimm, als zur Zeit der Nefor- mation die eine Hälfte zur neuen Lehre sich bekannte, die andere aber an der alten festhielt.*) Da begann nicht der dreißig-, vielmehr der hundertjährige Krieg in der Gemeinde selbst, und es besserte wenig, daß nach vielen Prozessen durch einen Keichsdeputationshauptschluß bestimmt wurde, daß beide Parteien in, ich glaube jährigem Wechsel, zu regieren hätten. Denn jede wollte nur auf der eigenen Geige spielen, und wenn die Katholischen am Negieren waren, errichteten sie auf Gemeindekosten Kreuze und Kltäre an den öffentlichen Wegen, welche dann die nachfolgenden Evangelischen wieder Umrissen; und oft kam es, besonders zur Kirchweihzeit, zu handgreiflichen Kuseinanderfehun- gcn, die sich selbst bis zu gegenseitigen Eigentumszerstörungen steigerten. Erst das Einbrechen der französischen Neoolu- tion machte diesem Hexensabbat ein Ende. Wie mein Vater 1824, knapp 27 Jahre alt, als Pfarrer von Ingelheim gegen feinen Wunsch in die Pfarrei N.-S. versetzt wurde, hatten sich die Verhältnisse wesentlich gebessert, wozu nicht wenig der Umstand beitrug, daß ein Professor Neeb, ein Ueberlebender der ehemaligen Mainzer Universität, eins der dortigen adeligen Güter mit Haus erworben und *) 3u den letzteren gehörte auch die einst hochangesehene Sippe der Hunte von Saulheim, von der ein Sprotz es bei dem Kurfürst- Erzbischof zu Mainz zu hohen Ehren gebracht hat als Domherr und ttegierungsmitglied und klnlaß zu der schönen Geschichte von den Mom- bacher Hasen und dem Hunt von Saulheim gab, die im Jahrgang 1913 des^„Sonntagsgrußes" zu lesen ist. 245 einen musterhaften landwirtschaftlichen Betrieb eingeführt hatte, wobei er durch seine Intelligenz und Persönlichkeit — er war auch längere Zeit Mitglied der hessischen Ständekam- mer - einen günstigen Linfluß ausübte. Lr kam auch meinem Vater mit lebenslänglicher Freundschaft entgegen. Vieser selbst aber gewann durch seine Persönlichkeit immer großen Linfluß. Leibst der katholische Umtsbruder verkehrte oft in seinem Hause. Ebenso hat der kluge und liebenswürdige katholische Dekan Mooh zu Udenheim uns auch noch später zu Jugenheim freundschaftlich besucht, bis in der Uera Ketteler die konfessionellen Schranken wieder neu aufgerichtet wurden. Die Kirchen beider Konfessionen mußten damals wegen Baufälligkeit abgebrochen werden, und es hat dann ein halbes Jahrhundert gebraucht, bis es zur lviederaufrichtung kam. Ich selbst erinnere mich noch, daß die evangelischen Kirchen- glocken im Freien an einem Balkengerüst ausgehängt waren. Leider gab es für meinen Vater kein Bleiben daselbst. Sein Vorgänger, selbst ein begüterter Bauernsohn, hatte sein eigenes Gut mit großem Erfolg bewirtschaftet und dabei die pfarräcker bedingungslos Pächtern überlassen, die dann das Ganze so herabgewirtschaftet hatten, daß, wie mein Vater notgedrungen und für solche Kufgabe als Gelehrter wenig vorbereitet, sich zu eigenem Betrieb entschließen mußte, in den ersten Jahren kaum die Auslagen gedeckt wurden. Insbesondere waren alle Weinberge, die sonst einen wesentlichen Ertrag geliefert hätten, ausgehauen. Die Gemeinde hatte sich zuerst zu einem Beitrag zu den großen Kosten einer Neurodung bereit erklärt, hielt aber dann nicht Wort, vielleicht auch infolge der zerrütteten Gemeindeoerhältnisse und durch das Uebel- wollen Einzelner, die sich durch die Selbstbewirtschaftung in ihren gewohnten Pachtverhältnissen gestört sahen. Mein Vater hatte dann auch notgedrungen sich um die Pfarrei Jugenheim beworben, wo er dann auch in größerer Nähe bei seinen Eltern von deren Kat und Hilfe in landwirtschaftlichen Dingen Vorteil erwarten durfte. Daß seine seitherige Gemeinde ihn ungern scheiden sah, geht daraus hervor, daß viele dortige Bewohner unser Haus später noch oft besuchten. Ich nenne darunter die Familien Walldorf und Weper- häuscr, dieselbe, aus welcher später der jetzt vielgenannte amerikanische Milliardär hervorging. Klle beklagten es sehr, weil seit dem Wegzug meines Vaters so vieles schlechter geworden sei. Der Nachfolger hatte sich anfangs mit gutem Erfolg seines Nmtes angenommen. Dann geschah es eines Tages, da er einer Leichenbestattung mit den andern hinter dem Sarge folgte, als es gerade über eine quer über die Straße laufende Gosse ging, da faßte er plötzlich den lang am Kücken herabhängenden Talar, den damals vielfach noch die evangelischen Geistlichen vor allgemeiner Einführung der jetzigen Ehorröcke trugen, zusammengefaltet unter den Nrm und setzte mit wiegendem Sprung über die Gosse hinweg. ,,Ei, Herr Pfarrer!" schrie ganz entsetzt ein neben ihm schreitender Kirchenvorsteher, und faßte ihn am Nrm. Da schien er wie aus dem Schlaf zu erwachen und führte die Nmtshandlung richtig zu Ende. Nicht lange nachher aber geschah es, als im Nnfchluß an den Sonntagnachmittaggottesdienst ein Kind getauft werden sollte, wozu dann der Geistliche die Gemeinde aufforderte, als Ueber- gang zu der vorzunehmenden heiligen Handlung das gebräuchliche Lied zu singen, geschah diesmal solches mit den Worten, die Gemeinde wolle nunmehr das Lied singen: „Heirat die Lisbeth", was ein damals weitverbreiteter Gassenhauer war. Da war kein Zweifel mehr, daß unheilbarer Wahnsinn den Unglücklichen erfaßt hatte, und damit begann ein trauriges, sich über ein Menschenalter sich hinziehendes Provisorium einander ablösender Vikare, von denen selten einer so lange da war, daß er sich in der Gemeinde einleben konnte. Denn bei dem kläglichen Zustand der evangelischen Kirche in Hessen, wo das religiöse Bedürfnis der Gemeinde eigentlich nur Nebenzweck war, gab es kein Mittel, den Inhaber einer Stelle, zu deren Ausübung er unfähig geworden war, von derselben vor seinem Ende zu entfernen, und gerade der Unglückliche besaß eine robuste körperliche Gesundheit. von den zahlreich wechselnden Vikaren ist mir einer im Gedächtnis geblieben, obgleich ich bei der Länge der Zeit nicht ganz sicher bin, ob derselbe gerade in N.-5. oder einem Nachbarort amtierte. Bald nach seiner Installierung machte er bei uns seinen Antrittsbesuch und wurde, wie üblich, mit Kaffee und was sonst der ländliche Haushalt bot, bewirtet. Dann wurden die langen pfeifen mit dem damals in allen Pfarrhäusern üblichen portoriko von Gräf in Bingen gestopft, und es begann ein Gespräch über Land und Leute, Beruf und Wissenschaft. Ls störte den Gast auch nicht, daß mein Vater durch Beruf und Haushalt oft genötigt war, ihn allein zu lassen. Da es Übend wurde und der Gast keine Miene zum Fortgehen machte, so wurde er auch zum Abendbrot und einer Flasche Wein eingeladen, worauf er dann einfach wieder seine pfeife stopfte. Es wurde endlich Schlafenszeit. Dos Hausgesinde begab sich zur Buhe, und wir Kinder riefen nacheinander mit betonter Deutlichkeit unserm Vater durch die halbgeöffnete Tür ein „Gute Nacht!" zu, was aber den Gast weiter nicht genierte: er paffte ruhig weiter. Als es dann endlich gegen Mitternacht ging, faßte mein Vater sich ein Herz und erklärte dem hartnäckigen Besucher, er stehe einem großen Haushalt vor und bedürfe dazu der Nachtruhe, und wenn es dem Gast vielleicht für den Heimweg zu spät sei, biete er ihm unser Gastbett an. — Ja, es dürfte wohl Zeit sein, gab der zur Nntwort und stopfte sich wieder seine Pfeife. Erst lange nach Mitternacht nahm diese denkwürdige Antrittsvisite ein Ende. Unter dem ständigen Wechsel sind mir doch einige besondere Persönlichkeiten im Gedächtnis geblieben. Da war ein Vikar Merkel, ein feingebildeter Mann und hervorragender Klavier- und Orgelspieler. Ich bin einmal von meinem Vater mit einem Briefchen zu ihm geschickt worden. Da machte es mir einen ernüchternden Eindruck, ihn in seiner ermieteten Stube zu sehen, die außer einem in der Mitte stehenden Klavier so gar nichts darbot, das an den Stand des Bewohners erinnert hätte. Dann war da ein Vikar Schenk, ein prächtiger Mann, der längere Zeit dort verblieb und richtig Fuß in der Gemeinde gefaßt hatte. Er hat sich dort verheiratet, denn in jener für den geistlichen Nachwuchs betrübten Zeit geschah es wohl, wenn nicht gerade einer durch Präsentation eines Standesherrn vor der Zeit ankam, daß viele schon stark durch ihre haare gewachsen waren, bis sie zu Nmt und Brod kamen. Er hat dann auch, nachdem er definitiv angestellt war zu Lichlob, sich sofort wieder nach N.-5. gemeldet, sobald diese Stelle endlich frei wurde. Über auch jetzt waltete ein Unstern über der Gemeinde. Denn dieser tüchtige und beliebte Prediger hatte schon wenige Jahre darnach das Unglück, am schwarzen Star unheilbar zu erblinden, und damit begann dann wieder die traurige Zeit der wechselnden Vertreter. Nachdem auch dieses Mißgeschick endlich beseitigt war, wurde ein Pfarrer dahin versetzt, der seither in einer hessischen Enklave 246 im nassauischen Taunus amtiert hatte, in einem Dörfchen, das später oft genannt wurde, weil anno 1866 Bismarck vergessen hatte, es mit zu annektieren. Don seiner Uebersiedelung nach der neuen Heimat wurde mir ein lustiges Intermezzo erzählt. Sämtliche Fahrnis des geistlichen Haushalts hatte man auf Bauernfuhrwerken verladen und auf das letzte noch die große Bauch- oder Wasch- büttc, diesem wichtigen Geräte des ländlichen Haushalts, aufgesetzt und quer davor hatte man das alte Familiensofa auf die IVagenleitern gebunden, auf dem dann Herr und Frau Pfarrer mit dem jüngsten Sprötzling Platz nahmen. Dann war noch die frischmelkende Ziege übrig, welche bei der Ernährung des letzteren eine gewichtige Bolle spielte. Die Ziege hob man dann in die Waschbütte, wo sie sich, bei einem duftigen Bündel Blee mit ihrem Schicksal zufrieden, bald widerkäuend niederlegte Der Weg führte über Frankfurt, und gleich beim Einfahren der Barawane in die Friedberger- und Schäfergasse blieben oft die Leute verwundert stehen. Wie der Zug aber in die 3eil einbog, gab es einen förmlichen Auflauf von Passanten, die belustigt nach dem letzten Wagen sahen, daß endlich selbst der Herr Pfarrer aufstand, um zu sehen, was da hinten vorging. Da ergab sich dann Folgendes: Die Reisegefährtin war wohl von dem verstärkten Gerassel zwischen den hohen Häusern erwacht und nach neugieriger Geißen Art hatte sie sich mit den Dorderbeinen auf den Büttenrand gestellt und streckte das gehörnte Haupt über die unten thronende Herrschaft vor. Das mag denn wohl an ein heraldisches Wappenbild erinnert haben, das von einem gehörnten Wappentier überragt wird. Dieser Mann war ein leidenschaftlicher Bienenzüchter, dem sein Amt bedauerlicherweise mehr nur als Mittel galt, dieser Leidenschaft zu frönen. Gemeindeangehörige, die mit ihm zu verhandeln hatten, mußten das oft zwischen schwärmenden und bedrohlich sausenden Bienen tun. Er war seiner Zeit voraus, was jetzt mehr geschieht, daß er im Hochsommer seine sämtlichen Bienenstöcke nach der Anhöhe westlich von Jugenheim, also fast zwei Stunden von zu Hause weg, auf einem gemieteten Platz aufstellte, damit sie die Tracht bei der Bleeblüte besser ausnutzen konnten, und war dann beständig in angestrengter Arbeit Tag für Tag bei ihnen beschäftigt. Einmal, als ich gerade zu Besuch im Elternhaus weilte, es war ein Sonntagmorgen —- und es hatte schon zum zweitenmal zur Birche geläutet, da zeigte mir meine Mutter zwei Männer in nicht festtäglichem Anzug, welche von Schweiß bedeckt am Pfarrhaus vorbeieilten. Der eine, in einem gestrickten Wams, eine niederhängende Mütze auf dem Bopfe, war der Herr Pfarrer aus N.-S., der andere wohl sein Bir- chendiener und Gehilfe. Sie hatten beide am frühen Sonntag droben an den Bienen gearbeitet und strebten jetzt in stürmischer Eile der noch über eine Stunde entfernten Heimat zu, um dort Gottesdienst zu halten. „Was wird das wieder für eine predigt geben!" hat noch meine Mutter gesagt. Seit dem zuletzt Geschilderten ist nun auch schon mehr als ein halbes Säkulum hinab in die Ewigkeit gerollt, mein Mütterlein schläft jetzt seit 50 Jahren auf dem alten Friedhof zu Jugenheim ihren letzten Schlaf. Ich bin in meiner Heimat fremd geworden. Aber ich bin überzeugt, daß die vieljährige Mißhandlung der Seele des Dolkes in dessen religiösem Empfinden von Seiten derjenigen, welche dazu berufen waren, solches zu pflegen, sei es nun aus Unverstand, Gleichgültigkeit oder wirklich bösem Willen, nicht wenig dazu beigetragen haben, die bedauerlichen Zustände auch in dem Gemeindeleben zu erzeugen, welche jetzt so vielfach darin zutage treten. Sin pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) In diesem Augenblicke erkannte ich Hermann Weber, den Sohn des Pfarrers in Marienthal. Mehrere Jahre hindurch hatte ich ihn nicht gesehen, nun trat er mir auf einmal in dem fremden Lande gegenüber. Meine erste Frage, als ich mich von meinem Staunen erholt hatte, war: „Aber, Hermann, wie kommst du hierher?" „Das will ich dir sagen, Peter. Ich studiere seit (Ostern hier." „Das muß aber teuer sein," erwiderte ich, „hier in Holland zu studieren, wo man das, was man in Deutschland für eine Mark bekommt, mit einem Gulden bezahlen muß." Hermann lachte und sagte: „Ja, das meinst du, Peter, aber denke dir, der Aufenthalt in Utrecht kostet mich keinen Pfennig, im Gegenteil, wenn ich nächstes Frühjahr nach Hause komme, so bringe ich so viel Geld mit, daß ich damit ein Semester in Heidelberg studieren kann." Das kam mir doch merkwürdig vor, im Scherze sagte ich zu meinem Landsmann: „Du verstehst wohl die Bunst, Papiergeld zu machen." „Nein, Peter, so geschickt bin ich nicht, aber ich lebe hier von der Wohltätigkeit eines Mannes, der längst nicht mehr lebt, hier in der St. Gertrudskirche hat man im Jahre 1761 einen Mann begraben, der Daniel Bernard hieß und aus Frankenthal war. Er stand im Dienste der ostindischen Bom- pagnie und war zuletzt Gouverneur in Boromandel. In (Ostindien hat er sich ein kolossales Dermögen erworben. Auf seinem Sterbebette hat er ein Dermächtnis von 9000 Pfund Sterling errichtet, dessen Zinsen an junge Leute aus der Pfalz und aus Ungarn, die in Utrecht Theologie studieren, gegeben werden sollen. Don dieser Dergünstigung habe auch ich Gebrauch gemacht und halte mich nun im Lande der Mynheers, bei denen es mir ganz gut gefällt, auf." Infolge dieser unerwarteten Begegnung war der Lauf meiner Tränen zum Stillstand gekommen, Hermann Weber setzte sich neben mich auf die Bank und sagte: „Uun sage mir aber, Peter, was ist dir passiert, daß du hier an der Graacht sitzest und weinst? Du hast gewiß Heimweh. Ich bin dir durch mehrere Straßen nachgegangen und habe dir gerufen, aber du hast mich nicht gehört." Ich zog den Brief des Bruders aus der Tasche, ließ ihn Hermann lesen und erzählte ihm dann alles, was sich im letzten Winter zwischen mir und Marie Lippert zugetragen hatte. Hermann hörte mich an, ohne mich zu unterbrechen. Als ich geendigt hatte, schwieg er eine Weile, dann sagte er: „Darüber weinst du, Peter, daß sich ein Mädchen von dir losgesagt hat, das dich fortwährend belogen und hinter deinem Bücken mit einem andern angebändelt hat? Denke dir, du hättest Marie Lippert geheiratet und wärest manchmal ein Jahr oder noch länger weg gewesen, um Musik zu machen. Was hätte die in deiner Abwesenheit angestellt? Das wäre deiner Mutter Tod gewesen, wenn du die zur Frau gekriegt hättest; die ist so schlecht, daß sie sich in Mainz an Fastnacht auf der Straße herumtreibt. In Marienthal hat man, wie ich in den (Oster- ferien zu Hause war, erzählt, daß sie in Alsenz mit einem Haufen von Steinhauern in das Wirtshaus gegangen ist. Peter, sei vernünftig und danke Gott, daß du von diesem Der- hältnisse so schnell losgekommen bist!" Ich fing an, den vernünftigen Dorstellungen meines Landsmannes Recht zu geben, wenn auch der Zorn über das 247 Betragen des falschen und leichtfertigen Mädchens noch stark in mir wogte. Hermann Weber sagte mir, ich könne sicher sein, daß mich Marie nur deshalb im Stiche gelassen habe, weil ich im herbste auf drei Jahre zum Militär müsse. So lange bis zur Heirat zu warten, sei nicht nach ihrem Ge- schmacke und da habe sie den Gottfried Reiper, der schon vor vier Jahren wegen eines in der Kindheit erlittenen Umbruches militärfrei geworden war, vorgezogen. Schließlich forderte mich Hermann auf, mit ihm in seine Wohnung zu gehen. Lr wohnte am Schalkwijkssteg in unmittelbarer Nähe des Platzes, auf dem wir uns befanden. Mein Freund ließ von feiner Hausfrau, einer alten, dicken Holländerin, Raffee für uns kochen. Rls wir diesen getrunken hatten, stellte er einen wohlgefüllten Tabakskasten vor mich hin, forderte mich auf, meine kurze Pfeife, deren hornspitze aus der Lasche meiner Joppe hervorsah, anzuzünden und setzte dann auch seine lange Pfeife in Brand. Bald war das Zimmer von dichten Wolken erfüllt, und wir sprachen, während das Geräusch des holländischen Straßenlebens zu uns heraufdrang, von der pfälzischen Heimat und ihren Bewohnern. Ungefähr vierzehn Tage blieben wir in der holländischen Universitätsstadt, ich mußte, so oft ich freie Zeit hatte, den Pfarrerssohn besuchen. Durch sein Zureden schwand meine Mißstimmung immer mehr dahin, wenn auch das Gefühl des beleidigten Stolzes immer noch in mir rege war. Don Utrecht wandten wir uns zurück nach Rmsterdam, marschierten nach Tnkhuizen und von da nach Stavorn und fuhren von hier aus über die Zuider-See. Musizierend zogen wir kreuz und quer durch die Provinz Friesland, schlugen dann die Richtung nach Süden ein und fuhren Ende Oktober von Lmmerich au; mit der Eisenbahn nach unserer Heimat. Um 6. November mußte ich in Mainz einrücken, ich hatte somit nur noch wenig Zeit zu meiner freien Verfügung. Vas war mir ganz recht, so brauchte ich mich doch nicht viel aus den Straßen meines Heimatortes zu zeigen. Sch hörte, daß Gottfried Reipers Vater vor einigen Wochen gestorben sei und daß im Dezember die Hochzeit sein solle. Rls ich zum Militär eintrat, war es bei mir anders als öei so vielen jungen Burschen meiner pfälzischen Heimat. Ihnen war die Neise nach der Garnison die erste größere Reise ihres Lebens, vorher waren sie kaum zwei Stunden weit von ihrem Dorfe weggekommen, wenn sie einrücken mußten, so gab es ein großes Lamento. Sie gingen von Haus zu Haus und nahmen von allen Bekannten Rbschied. Sch weiß von einem Ruppertsecker, der war einige Jahre vor mir zum Militär eingetreten. Gr kam nach Raiserslautern, blieb also hübsch in der Nähe, aber als er wegging, gaben ihm Vater und Mutter und feine vier Schwestern bis nach Rockenhausen in der Morgenfrühe das Geleite, und als der Zug einlief, gaben sie alle miteinander ein heulkonzert, als ob der Leonhard — so hieß der angehende Vaterlandsverteidiger — nach Raste: s- lautern zur sofortigen Hinrichtung eingeliefert werden sollte. Einem anderen gab die Großmutter ein Stück Brot mit nach Metz, das sollte er beileibe nicht essen, sondern nur, wenn ihn das Heimweh plage, daran riechen, dann werde das Heimweh sofort vergehen. Rm wenigsten gern wurden die Söhne reicher und geiziger Leute Soldaten. Das war den Riten schrecklich, sich einen Unecht nehmen zu müssen, wenn der Sohn zwei oder drei Jahre abwesend war. Da machten sie Reklamation aus Reklamation, suchten die Bürgermeister zu bestimmen, ihnen zu bescheinigen, daß sie ganz arme Leute seien, die ohne die Unterstützung des Sohnes verhungern müßten. Und vom Hausarzt verlangten sie, daß er ihnen eine Balggeschwulst auf dem Ropfe oder eine Rrampfader am Beine als lebensgefährliches Leiden hinstellen sollte. Dieselben Leute, die das größte Interesse daran haben, daß ihnen Hab und Gut gegen feindliche Invasion geschützt wird, sträuben sich auf das äußerste dagegen, daß ihre Söhne Soldaten werden. Mir kam es zugute, daß ich feit meiner Entlassung aus der Schule so weit in der Welt herumgekommen war und das Leben unter fremden Menschen kannte. __(Fortsetzung folgt.) Worte zum Nachdenken für die Nriegszeit. Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Psalm 62, l. Der Herr ist gütig und eine Feste zur Zeit der Not und Kennet die, so auf ihn trauen. Nahum I, 7. Rufe mich an in der Not, so will ich dich errette», so sollst du mich preisen. Psalm 50, t5. In allen meinen Taten Laß ich den höchsten raten, Der alles Kann und hat,' Er muß zu allen Dingen, Solls anders wohl gelingen, Selbst geben Segen, Rat und Tat. Paul Flemming. wenn ein Rrieg ausbricht und ein Volk übers andere geschickt wird, dann hat unser Herr Gott auch etwas dabei zu sagen, und wer nur hören will und Ohren hat, wird auch etwas vernehmen. Nicht früh genug kann die Liebe, wie zum himmlischen auch zum irdischen Vaterland ins Herz gelegt werden. Da; hilft von der Blasiertheit und dem elenden Rosmopolitismus und begeistert das junge Herz und zieht vom Gemeinen weg. Laßt die Lieder Rrndts, Schenkendorfs und Römers unter den Rindern gehen, und es werden Männer aus ihnen wachsen, die der Väter würdig sind. Emil Frommel. Airchliche Anzeigen. Sonntag, den 9. Rugust, 9. nach Trinitatis. Rllgemeiner Bettag. Rollekte für das Rote Rreuz. Gottesdienst. In der Stadtkirche, vormittags 8 Uhr: Pfarrer Schwabe. Zugleich Ehristeulehre für die Neukonfirmierten aus der Markusgemeinde, vormittags 9Vs Uhr : Pfarrer D. Schlosser, vormittags 1 1 Uhr: Militärgottesdienst. Rbendmahl für die Ersatzreservisten. Pfarrer Schwabe. Nachmittags 2 % Uhr: Rinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer D. Schlosser. Nächstkünftigen Sonntag, den 16. Rugust, findet Rbend- mahlsfeier für Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam statt. In der Johannerkirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Rusfeld. Zugleich Ehristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Johannesgemeinde. vormittags 9'/ 2 Uhr: Pfarrer Bechtolsheims r. Vormittags I I Uhr: Rinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. 248 [ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ] Zum 15. August wird in einen Offiziershaushalt in Mainz ein in Hausarbeit erfahrenes Mädchen od. eins. Fräulein gesucht Etwas Kochen erwünscht. Anerbieten nebst Zeugnisabschriften an Frau Hauptmann Gottschalk, Mainz, Diether v. Fsenburgstratze 13 1 / 10 . kudolf Richter Bietzen, Marktstratze 24—26 hüte und Mütze» Reichhaltige Auswahl. BilligePreife :: Rabattmarken. Reparaturen :: j §rdr. 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