Nr. 30. Giehen, 8. Sonntag nach Trinitatis, 2. August 1914. 3. Jahrgang. Unser Glaubenslied. Psalm 26, I. Singel dem Herrn ein neues Lied. Wenn wir auf die allteftamentliche Glaubensgemeinde Hinblicken, so wie uns ihre Wesensart aus den Psalmen entgegenleuchtet, dann erscheint uns als deren hervorstechendstes Merkmal die Freude und der Stolz, mit denen sie ihren Liederquell betrachtet und gehütet hat. Niemand geringeren gab sie ihm zum Patron und Schutzherrn, als den König David. Tine ähnliche Stellung wie dieser in der alttestament- lichen, nimmt in unserer evangelischen Glaubensgemeinschaft Luther ein. Tr ist nicht nur der Begründer des evangelischen Glaubensliedes, sondern gilt auch als sein Schutzgeist. Und wir dürfen sagen: Wenn Luther heute aufstände und sähe, was aus dem Ueislein, das er in den Boden der Menschheit gepflanzt hat, für ein Baum geworden ist, dann würde er das mit der größten Freude begrüßen. Sein Buge würde mit Tntzücken auf den herrlichen Blüten ruhen, mit denen die Zeiten nach ihm diesen Baum geschmückt haben. Tr würde sich weiden an dem kraftvollen Bufbau der Beste, an dem Schwung der Zweige. Kurzum, der Bnblick des in herrlicher Fülle vor ihm stehenden Baumes der Glaubenslieder wäre wohl dasjenige, was ihm unter allen Trscheinungen des evangelischen Glaubenslebens der heutigen Zeit die meiste Freude bereiten würde. Mit dieser Freude würde sich dann aber bei ihm doch wieder das Staunen darüber verbinden, wie wenig unser heutiges Geschlecht von dem hohen Werte des Besitzes weiß, den es in seinem Liederschatz hat. Wieviel besser stand es damit noch vor hundert Jahren! Wie wenige achten heute auf den Guell des Lebenswassers, der vor ihren Bugen quillt, und wie groß ist die Zahl derer, die es verschmähen, aus ihm die Kraft und Stärkung zu schöpfen, die ihnen in allen Lebenslagen so reichen Segen spenden könnte. Bus dem Glaubensliede ist das Kirchenlied geworden, und dieses wird als das unumgängliche Bekleidungsstück angesehen, mit dem man sich antun muß, wenn man offiziell vor den Bugen Gottes erscheinen will. Wenn es aber diesen Dienst getan hat, dann zieht man es wieder aus und legt es beiseite. Ts ist hinfort zu nichts nütze. — (Es ist hohe Zeit, daß die Thristen- heit wieder das ihre tue, um den Liedergeist wieder aus den Banden dieser unwürdigen Nichtachtung zu befreien. Sie muß ihn wieder zu dem machen, was er vor zweihundert und dreihundert Jahren gewesen ist, der treue Begleiter der Seele auf dem Lebenswege. Dazu wäre allerdings eines erforderlich, nämlich unserem Gesangbuche eine Tinteilung und den Liedern eine Bnordnung und Zusammenstellung zu geben, die dem schlichten verstände leichter zugänglich und begreiflich ist, als die des gegenwärtigen Gesangbuches. K. G. Griechische Reisen und Sommerfrischen. von Geh. Gberkonsistorialrat v. W. petersen in Darmstadt. sFortsetzung.) viele abgearbeitete Männer und Frauen mit Bündeln auf dem Bücken begegneten uns immer wieder, und der Gruß ijä su, „deine Gesundheit" und ora Kali, „gute Stunde", ging hinüber und herüber. Sie kamen von Tlis, wo sie bei der Korinthenernte Brbeit und reichen Lohn gefunden hatten. Ts wurde Bbend und rosig wurden die Berge. Sn der Ferne sah man die herrliche Kette des Glenos oder Trpmäthos (2225 m), näher das sich erweiternde Tal des Blpheios, der stellenweise schwach sichtbar wurde. Ts wurde dunkel, endlich ritten wir über eine Höhe, und ein Bergwinkel zog sich tief nach links hinein. Lichter sah man in der Ferne blinken, aber es war noch weit. Die Straße führte immer am Bande einer dunklen Tiefe entlang, über Brücken, die noch halb mit Baumaterial bedeckt waren. Tndlich, endlich gegen Vs9 Uhr erreichten wir unser Tagesziel, Bndritsäna. Der Grt liegt zu beiden Seiten eines wasserreichen Gießbachs. Ts war etwas halsbrecherisch in dem Dunkel. Wir stiegen ab, unsicher auf den Beinen nach dem langen Ritt. Bald fiel einer einige Meter den Bbhang hinunter, bald lag ein anderer auf dem Bücken. Straßenbeleuchtung gab es nicht. Tndlich bogen wir in die Hauptstraße ein. In den Magazinen arbeitete man bei Gellampen alten Stils, die ein kümmerliches, unsicheres Licht auf die Straße warfen, vor den Häusern waren Schutzdächer aus Leinwand oder Sackleinen. Unsere Kavalkade erregte öffentliche Bufmerksamkeit. Wir hatten schnell ein Geleit von Jungen, die sich besonders über den indischen Tropenhelm eines unserer Mitreisenden freuten. Wir kamen schließlich an ein Haus, wo man uns aufnehmen wollte. Man führte uns in 234 eine große Stube mit Holzbalken. Rn den Wänden standen Koffer mit dem Heiratsgut der Frau. Ls gab Eier und harten, bitteren Käse zum Rbendbrot. Mit Zagen legten wir uns auf die Teppiche, die uns zum Nachtlager hingebreitet wurden. Liner meinte, auf dem Balkon sicherer schlafen zu können, hatte dafür aber nur das Vergnügen, bei Mondschein die Wangen an der Hauswand zu reiben. Wir andern, die wir drinnen blieben, fühlten ja freilich anfangs auch, wie es an unsern Beinen krabbelte, aber der Müde schläft schließlich doch ein. Nun waren wir freilich sehr früh wach und saßen nach dem Morgenkaffee schnell im Sattel. Da sahen wir erst im Morgengrauen den schönen Winkel von Rndritsäna und den herrlichen Rusblick auf die Berge. Unsere Pferde krochen langsamen Schrittes die Rbhänge hinauf. Nachdem man eine erste Höhe erreicht hat, geht es bergab und dann wieder bergauf über den nächsten Berg und so auf und ab durch ein Waldgebiet mit mißhandeltem Lichenwald. Nach zwei Stunden war der letzte verzweifelt steinichte Bergabhang erklommen. Der Wald hatte uns verleitet, abzusteigen. Wir waren also zu Fuß, ich voran, da stürzten bei einer Tanne rasende Hunde auf mich los, es entspann sich ein heiteres Steingefecht, bei dem die letzte Müdigkeit verflog. Noch 5 Minuten weiter und-wir standen am Tempel von Bafsä oder phigaliä. phigaliä war im Rltertum eine hohe Felsenburg, von schönen Gebirgen umringt, an einem Rbhang, der zu einem Flusse sich absenkt, der in engem Tal geraden Weges dem ionischen Meere zustrebt, innerhalb der Mauerreste phi- galias liegt heute ein kleines Dorf paulitza, von spärlichem Rckerland und Gelpslanzungen umgeben. Man ist überrascht, in dieser Höhe von über 1100 m, in dieser Wildnis mit starren Klippen und niedergestürzten Baumstämmen plötzlich die heitere Schönheit eines hellenischen Tempel; zu sehen, von seinen Säulen hat die ganze Berggegend den Namen „stus stilus", ,,zu den Säulen" bekommen. Wie kam dieser Tempel in diese Linsamkeit? Im Rnfang des peloponnesischen Krieges trat die Pest wie in Rthen so auch im Peloponnes auf. Die phigaleer wandten sich in ihrer Sorge an Rpollon, der hier ein bescheidenes Heiligtum hatte. Lr erwies sich als der Lpikurios, der Helfer in der Not, der Rbwehrer der Seuchen, und die dankbaren phigaleer bauten ihm in Bassä einen neuen Tempel und beriefen als dessen Baumeister den größten der damals lebenden Rrchitekten, den Lrbauer des athenischen Parthenons, Iktimus. Vas Material dazu brachen sie in der Nähe, einen bläulich-weißen Kalkstein von feinem Korn. Der Tempel in seinen noch jetzt erhaltenen Teilen steht also etwa 2300 Jahre. Rlle Säulen bis auf zwei bis drei stehen noch aufrecht. Heute wie damals stehen die Berge und schauen ihn an. Noch heute ragt wie damals das scharf geschnittene Haupt des Ithome in der Ferne. Wie haben die Riten ihre Tempel zu stellen gewußt, welch ein Blick von dort oben! Nach Westen das blaue ionische Meer, nach Südosten über hohen Bergen die noch höhere Kette des Taygetos. vor uns nach Osten die beiden Berge Ilias, d. h. Lchkaion, und Tetrosi, nach Süden der stolze Ithome und links von ihm die Lbene von Messenien, und in unendlicher Ferne die schimmernde Fläche des messeni- schen Meerbusens! Das alles im Morgenlicht, es war wirklich so, daß es einen ernst und feierlich stimmen mußte. Line Merkwürdigkeit an dem Rpollotempel von Bassä ist, daß wegen der räumlichen Verhältnisse die Orientierung derselben nicht nach Osten, sondern nach Norden genommen wurde. Die Säulen draußen waren dorisch, jedoch im Innern der Halle standen zwei Neihen ionischer Dreiviertelsäulen. Rn der Grenze der alten und der neuen Tempeleella erhob sich eine korinthische Säule mit dem bekannten Rkanthuslaub am Kapitell. Das Mittelschiff war gegen den Himmelsäther offen, und an dem Gebälk, das im Viereck auf den Säulen herumlies, waren 23 Marmorplatten befestigt, etwas ganz Ungewöhnliches, da sonst diese Rrt Figurenfriese außen am Tempelhaus angebracht sind. Vieser Fries behandelt die Kämpfe zwischen Rmazonen und Kentauren, deren Figurensprache an die Figuren am Parthenon und Theseion in Rthen erinnert. Dieser Fries ist im Britischen Museum in London geborgen. In den Ruinen nahmen wir unser Frühstück, wobei ein' Stück Leipziger Zervelatwurst den Glanzpunkt bildete. Vas Wasser dazu mußten wir uns erst nachher durch einen längeren Marsch erobern. Nur zögernd nahmen wir von dem Tempel Rbschied und ritten nach dem Dorf Dragoi und von dort hinunter auf ziemlich ödem Terrain nach der Nedab- schlucht, die wie eine tiefe Furche sich gradlinig nach dem Meere zieht. Nach langem Ritt erreichten wir ihr steiniges Bett, in dem prächtige Platanen und Oleander standen, und dann ging das Klettern in der Linsattlung los, durch die der Weg nach Messenien führt. Dürftiger Lichwald tröstet das Rüge. Die Sonnenglut war brennend, die Zunge wurde schließlich hart wie ein Brett im Munde. Lndlich, mittags, erreichten wir ein elendes Dorf auf der Paßhöhe. Rm Brunnen wuschen die Weiber, aber zu essen gab es nichts im Dorf und wir zogen vor, noch weiter zu gehen. vor uns lag wie ein Paradies die ganze messenische Lbene und in der Ferne eine neblige Masse, der Busen von Kala- mata. Rechts und links ragten Berge von 3—4000 Fuß Höhe auf. Dieses große und liebliche Bild hatten wir vor uns, während wir hinunterstiegen. Vieser Rbstieg war, was den Weg betrifft, abwechselnd angenehm und fürchterlich. Schon machte sich der Unterschied in der Vegetation geltend. Mehr südliche Pflanzen waren zu sehen; die Kräftigkeit und Ueppig- keit des Wuchses fiel einem auf. Ls dauerte immerhin noch mehr als eine Stunde, ehe wir in die Lbene hinunterkamen. Ls war bereits nach 2 Uhr nachmittags, als wir das Dorf Garanza erreichten. Rn einem Hause machten wir Halt. Ls gab Brot, Lier, Melonen. Man bot uns eine Wassermelone von 8 V 2 Oka = 21 Pfund an, die wir aber ablehnten. Dafür nahmen wir eine andere Melone, die auch über einen Fuß lang und von wunderbarem Saftreichtum war. Brot, Melone und Wasser, das schmeckt und ist nicht so ungesund, wie man argwöhnen möchte. Lin Mastixschnas wurde sicherheitshalber noch darauf gesetzt. Nach einstündiger Rast ging es weiter in dem trockenen Bette eines Bergbaches, dessen Lauf von einem mannshohen Blumendickicht eingesäumt war, das wir auch nachher durchritten. Bald kamen wir durch Felder; alle waren eingefaßt mit Kaktushecken. Rus jeder Pflanze ragt ein Blütenschaft von der Dicke und Höhe eines kleines Baumes hervor, jedes Blatt ist mit 20—40 Kaktusfeigen garniert. Letztere werden nicht verkauft, sie ruhen in einer Stachelhülle und werden mit langen Stangen, die am Lnde eine Lisenspitze haben, abgenommen, sie dienen auch den Schweinen zum Futter. In der Lbene war kein Fußbreit unbebaut. Für Wege scheint man nur den unumgänglich notwendigen Raum zu lassen. Mich interessierte sehr, die Sesamfelder zu sehen. Sesamkuchen sind ein beliebtes Gebäck der Kinder und schließlich werden die Sesamkörner oft gebraucht, um auch dem Brot einen besonderen Geschmack zu geben und Sesamöl für Fastenspeisen zu gewinnen. Die Sesampflanze sieht aus wie ein riesiger Waldmeister. Korinthenfelder gab es die schwere Menge und dann die unzähligen Feigenbäume. Hier ist wirklich das Paradies Griechenlands, das Land des 235 parnisos, des wasserreichsten Flusses des Peloponnes, im Norden durch das Hochland von Lira, wo die alte Feste der Mes- senier lag, geschützt gegen die rauhe Luft Rrkadiens, nach Süden offen gegen das Meer und all die warmen Luftwellen, die von Rfrika herüberkommen. Man findet in keinem Teile Griechenlands einen so gesegneten Landbau, nirgends in gleichem Maße die üppige Pflanzenwelt des Südens: neben der dickblättrigen Rloe sieht man Zitronen und Grangen von enormer Größe. Die Dattel selbst reift unter dieser Sonne. Del und Mein gibt es im Ueberfluß. Sn diesem Paradies ist der ragende Mittelpunkt Ithome. Dom Meere aus, wie wenn man aus Rrkadien auf die Paßhöhe nach Messenien kommt, immer bleibt das Rüge an dem 802 Meter hohen Ithome heften, dem Wahrzeichen des Landes. Line Lcke der nördlichen Lbene schnitten wir ab nach dem Dorfe konstantinos, das auf einer Rnhöhe liegt, die wir nach zweistündigem kitte erreichten, um dann wieder etwas bergab nach Ithome hinüberzureiten. Ls war uns schon klar, daß wir letzteres nicht mehr würden erreichen können und folgten dem Vorschlag des Führers, am Fuße des Berges, im Dorfe Neochori zu übernachten, wir hatten aber noch einige Stunden in der Dämmerung zu reiten, die uns nach dem heißen Tage sehr wohl tat. Kn einem Dorfe Rlituri vorüber kamen wir an die merkwürdige Maurozumenosbrücke, die aus drei Rrmen besteht, von denen je zwei einen stumpfen Winkel bilden. Ls treffen eben dort zwei Flüsse, wie im Rltertum zusammen, die Belyra und der Rmphitos, jeder Brückenarm ist IO 1 /» Fuß breit, der mittlere überbrückt kein Wasser, sondern das Ueberschwemmungsgebiet zwischen den beiden Flüssen. Der ganze Bau ist alt, im Mittelalter dann durch die kjerren von Karytäna wiederhergestellt worden, fjicr beginnt die zweite Lbene, eine wahre MaKaria-Segensau, die schon Luripides besungen hat. „voll schöner Frucht, von 1000 Bächen überströmt, Für Bind und Schafe gibt es reiche Weideflur, Nicht wird's im Winter durch der Stürme Frost geplagt, Noch glüht es unter allzustrengem Sonnenblick." Der Maurozumenos mündet dann einige Meilen weiter in den altberühmten pamisos, der zwar ein breites Schotterbett, aber um die Sommerzeit kein Wasser mehr hat. Nach Ueberschreitung der Maurozumenosbrücke erreichten wir in einer Viertelstunde Neochori. Im Gasthause des Dorfs bot man uns einen Speicherboden an, wo wolle und Born lagerten. Fenster gab es da nicht, wir nahmen das Bngebot an, wuschen uns in primitivster weise und rüsteten dann unser gewöhnliches Rbendbrot, wozu wir wieder eine gewaltige Melone verspeisten. Das harte Nachtlager wurde bereitet und bezogen. Zwar war es rein, aber die wollzupferinnen hatten die bekannten Turner im braunen Gewände hinterlassen, die sofort, nachdem wir uns gelegt hatten, an uns heraufzukrabbeln anfingen. Trotzdem schliefen wir bald ein, nur ein Beisegefährte hatte am andern Morgen über eine schlechte Nacht zu Klagen. Da wir schon um 5 Uhr früh unterwegs sein sollten, wurde um Vs4 Uhr aufgestanden, gefüttert, wie man es wohl füglich nennen kann, und Baffee getrunken. Liner der Leipziger kjerren trennte sich von uns, da ihm nicht ganz wohl war, um die nächste Lisenbahnstation zu gewinnen und von dort nach Batamata zu fahren. Unsere Bgogiaten (Führer) mit den Pferden ritten voraus nach Balamata. wir übrigen drei Reiseteilnehmer machten uns unter Führung eines schlanken und gewaltig leichtfüßigen Messeniers auf, um das Bloster vulkano auf Ithome zu besuchen. Ls war eine wundervolle Wanderung in der Morgenfrische, und wir griffen fest aus. wir mußten um den Berg herumlaufen, der sich einsam aus der Lbene zu seiner kjöhe von 802 Metern erhebt. Schöne alte Bäume, hauptsächlich Lichen, standen auf seinen Bbhängen, doch sah man auch Spuren von frevelhafter Behandlung. Bei der einzigen Duelle an unserem Wege machten wir einen Kurzen ljalt und nahmen in Lile einen Imbiß, weil wir im ganzen ü Stunden zu laufen hatten. Sodann brachen wir auf nach den Ruinen von Mes- sene. fjier am Ithome entschied sich Messeniens Schicksal im Rltertum. Im ersten messenischen Brieg war Ithome die Zuflucht der Messenier, die den Kriegskundigeren Spartanern gegenüber das flache Land preisgeben mußten. Rm Lnd« des ersten Brieges rissen die Spartaner die Festungsmauern nieder. Im zweiten messenischen Kriege trotzten die Messenier 10 Jahre lang den Rngriffen ihrer Feinde und zogen sich zuletzt von Ithome nach dem noch Häher und schroffer gelegenen Lira zurück, um schließlich unbesiegt in Sizilien, das nach ihnen den Namen Messens erhielt, sich eine neue ljeimat der Freiheit zu gründen. (Fortsetzung folgt.) Lin Streit um ein Lutherwort. Rm 27. Mai d. I. wurde in der Lokalschulkommission der bayerischen kjaupt- und Residenzstadt München eine Frage verhandelt, die für weite Kreise des evangelischen Volkes interessant ist. wir stützen uns bei der Wiedergabe dieser Debatte auf den Bericht des Lokalberichterstatters einer angesehenen, in katholischen Kreisen tausendfach gelesenen Tageszeitung. Ls handelte sich um ein amtliches ,Merkbuch" für den Unterricht in der Weltgeschichte an den Münchener städtischen Volksschulen. Ruf neue ministerielle Rnordnung hin müssen die bisher nach dem Lehrplan vorgeschriebenen, von den Schülern selbst anzufertigenden Merkhefte durch gedruckte Merkbücher ersetzt werden. Line Kommission des Bezirkslehrervereins unter dem Vorsitz des Oberlehrers Strobl hatte .nun einen Lntwurf eines solchen Merkbuchs für den Geschichtsunterricht, wie er in der vorletzten, dritt- und viertobersten Klasse benutzt werden soll, ausgearbeitet. Die darin gegebene Fassung verschiedener Kapitel führte im Russchuß, sowie im Plenum der Lokalschulkommission zu einer nicht uninteressanten Debatte. In der vorbereitenden Kommission beantragte Domkapitular kjartl, er solle bei dem Rbschnitt „Luther in Worms" das bekannte Lutherwort: ,,k)ier stehe ich, ich Kann nicht anders, Gott helfe mir! Rmen!" gestrichen werden, weil es historisch nicht beglaubigt sei. Darauf strich die Kommission den Satz auch, der Russchuß stellte ihn jedoch wieder her. Im Plenum vertrat nun Geistlicher Rat Wagner unter Berufung auch auf evangelische kjistoriker wie wrede (Göttingen) und Karl Müller (Tübingen) die gleiche Ruffassung wie f)artl, daß dies Lutherwort nur eine Legende sei. weiter wandte sich der Redner gegen die seiner Rnsicht nach unzutreffende Tharakterisierung des bekannten Rblaßpredigers Tetzel. Rus diesen Gründen erklärte der Redner (Zentrumsabgeordneter), gegen die geplante Rufnahme des Büchleins als Unterrichtsmittel stimmen zu müssen. 236 Gegenüber diesen beiden katholischen Geistlichen meinte der evangelische Ltadtpfarrer Baum, man könne die Streit- frage von Worms hier nicht austragen. Tatsache sei, daß diese Worte, die den Evangelischen wertvoll seien, sich bereits in der 2. Ausgabe der werke Luthers vom Jahre 1521 finden, wäre das wort nicht zutreffend, so hätte wohl Luther selbst Gelegenheit genommen, es zu berichtigen. In den Text des Büchleins solle auch ein Zusatz ausgenommen werden, aus welchen Gründen Luther in Worms fest geblieben sei. Oer evangelische Kirchenrat Reichenhart unterstützte die Ausführungen des Vorredners. Stadtschulrat und königlicher Stadt- schulenkommissär Gberstudienrat Or. Kerschensteiner bemerkte, man könne doch dies Wort stehen lassen, das den Evangelischen so teuer sei und zudem die Gefühle der Katholiken — Redner, der bekannte Pädagoge und Reichstagsabgeordnete für München 1, ist selbst katholisch — ja nicht verletzen könne, nachdem es sich um ein persönliches Bekenntnis Luthers handelt. Rach Antrag des Rechtsrats pör- burger (Katholik) wurden verschiedene Korrekturen im Texte, die den wünschen der evangelischen, zum Teil auch der katholischen Geistlichen Rechnung trugen, vorgenommen. Das umstrittene Lutherwort soll, da sich die Mehrheit der Mitglieder der Lokalschulkommission dafür aussprach, im Text stehen bleiben. Für die Streichung des Lutherwortes stimmten 19 katholische Ltadtpfarrer; I katholischer Ltadtpfarrer stimmte mit der Mehrheit, bei der sich wohl auch fast alle, wenn nicht sämtliche weltlichen Mitglieder der Kommission befanden. Lchlägt man G. Lüchmanns „Geflügelte Worte" dazu auf, so liest man in der 22. Auflage von 1905 auf 5.599, daß diese bekanntlich aus dem 1868 enthüllten Wormser Lutherdenkmal eingravierten Worte Luther nach der ältesten Darstellung nur in der im Lprachgebrauch der Zeit gewöhnlichen Form: „Gott helfe mir, Amen!" gesprochen haben soll, (vergleiche Burkhardt in „Theologische Ltudien und Kritiken" 42, 1869, 5. 517 ff.,' L. Ranke, „Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation", 6. Aufl., I 5. 336). Rach sorgfältiger Prüfung aller Tsuellen komme Joh. Luther („vossische Zeitung", Berlin, Lonntagsbeilage Rr. 9 und 10 vom 4. und II. März 1900) sogar zu dem Ergebnis, daß Luther die Worte mit großer Wahrscheinlichkeit nur in der lateinischen Form: „Deus adiuvet me!" gesprochen und sie sicher nur in der kurzen Fassung „Gott helfe mir, Amen!"' niedergeschrieben habe. Natürlich werden dabei die Aufstellungen der Münchener evangelischen Pfarrer und der ihnen beistimmenden katholischen Laien in jener Kommission nicht hinfällig. Ein allgemein als berufene Autorität anerkannter Fachmann, der ausgezeichnete Kirchenhistoriker Julius Köstlin (gestorben 1902 als Ordinarius der Theologie und Dber- konjistorialrat zu Palle a. 5.), äußerte sich, außer in seinen verschiedenen musterhaft sorgfältigen Luther-Biographien, über die Streitfrage in dem großen Nationalwerk, der „Allgemeinen Deutschen Biographie", Bd. 19, 5. 672, innerhalb des Artikels „Luther" wie folgt: „Tr schloß mit dem pilfe- ruf zu Gott, der am Meisten unserer geschichtlichen Ueber- lieferung sich eingeprägt hat: „Pier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!" Die Worte: „Pier stehe ich, ich kann nicht anders" sind neuerdings in Zweifel gezogen worden. Sie finden sich (mit der Wortstellung: „Ich kann nicht anders, hier steh ich" usw.) schon in zwei gleich darauf erschienenen Drucken, einem lateinischen Text der Rede und einem deutschen Referat über die Verhandlung. Sie fehlen in der Mehrzahl der damals erschienenen gedruckten Berichte. Diese enthalten jedoch nicht Zeugnisse verschiedener Ghren- zeugen, sondern weisen auf eine Ouelle zurück. Zugrunde liegt ihnen wohl eine Aufzeichnung von Luthers eigener pand,' die Frage aber ist, ob nicht gerade er selbst seine Worte kürzer zusammengefaßt hat. In die herrschende Ueberliefe- rung sind jene Worte gekommen durch die Wormser Akten in dem zweiten Band der lateinischen Werke Luthers, welcher schon vor Luthers Tod in die Presse gekommen und kurz nach demselben durch Melanchthon herausgegeben worden ist. An der Perausgabe der Werke haben Freunde Luthers und besonders der in Worms mitanwesende, 1545 gestorbene Spa- latin fleißig mitgearbeitet,- der gleichfalls dort anwesende Freund Amsdorf lebte noch; Luthers jüngerer Freund Mathe- sius erzählt, daß er Luther selbst den Leinen die Wormser Vorgänge schildern hörte, und hat dann in seine Biographie Luthers die Worte in jener Gestalt ausgenommen, piernach hat die Kritik kein Recht, sie aus der Geschichte zu streichen". Man vergleiche auch: Karl Müller, „Luthers Lchlußworte in Worms", in: „philotesia. Paul Kleinert zum 70. Geburtstag dargebracht von 18 Gelehrten" (1907). Ts darf, gerade aus Anlaß der jetzigen Münchener Erörterung über die Aufnahme jenes Latzes in ein bayerisches schulmäßiges Lernmittel für den Geschichtsunterricht, hier noch folgendes angeführt werden: Die sehr sorgfältige „Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit von Dr. Permann Ltöckel, kgl. Gpmnasialkonrektor in München", dem (katholischen) Vorsitzenden des Vereins der historischen Schul-Fach- leute Baperns schrieb in der letzten vom Verfasser selbst besorgten Auflage (1906) 5. 278: „und schloß mit den berühmten Worten: „Pier stehe ich . . . Amen!" (in Sperr- druck). Dasselbe ist der Fall in der 1910 nach dem Tode des Verfassers durch Ltudienrat Adalb. Lchöttl, einen ausgesprochenen katholischen, sogar ultramontan angehauchten, aber historisch gerechten Lchulmann besorgten 3. Auflage, 5. 282. Lin pfälzischer Musikant. Erzählung von peinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) 11 . Kerns von den vielen Ländern, die ich als Musikant durchzogen habe, hat mir so gut gefallen als polland. Bis Emmerich waren wir mit der Eisenbahn gefahren, von da an gingen wir zu Fuß. Ueberall, in Städten und Dörfern und in einsam gelegenen Gehöften, spielten wir und ernteten klingenden Lohn für unsere klingende Tätigkeit. Es wurde in polland Geld genug verdient: denn was man in Deutschland mit einer Mark bezahlt, bezahlt man dort mit einem Gulden. Und es marschierte sich so angenehm in dem flachen Lande. Ueberall drehten sich die Windmühlen, überall ragten Pappeln und Ulmen auf, und überall durchzogen die schnurgeraden Kanäle das Land. Langsam bewegten sich auf ihnen die Lastschiffe dahin. Vas eine war mit peu, das andere mit Sand beladen, das dritte trug Kisten und Kasten. Der Schiffer hatte die Tonpfeife im Mund, sein pund lag neben ihm, blinzelte, wenn ihn die Sonnenstrahlen trafen, oder kläffte, wenn jemand am Kanalrand dem Schiffe zu nahe kam. Ungeheuere weideflächen breiteten sich aus. viel Rindvieh, vereinzelte Pferde und Schafe weideten daraus. Die ganze Landschaft atmete Ruhe und Behagen. In den 237 Dörfern waren die Häuser klein und einstöckig, alle waren mit bunten Farben gestrichen, blau, grün und rot. In den Städten entbehrten die Häuser der bunten Farben, aber sie waren alle hübsch und niedlich, zumeist Einfamilienhäuser, die aus Backsteinen aufgerichtet sind und mit dem Giebel gegen die Straße stehen. Bekannt ist die holländische Reinlichkeit. Wenn man durch die Straßen geht, sieht man überall die Mägde an den Türklinken reiben und putzen. In einigen Gegenden sahen wir auch die altholländische Frauentracht: buntes Mieder, schwarzen Rock, weiße Haube, die mit Messingspangen zusammengehalten wird. Fröhlich zog ich mit meinen Rameraden dahin,' der Gedanke an Marie Lippert, die im herbste meine Braut sein werde, noch mehr der Gedanke an das Geld ihres Vaters gab meiner Seele Mut und Hoffnung. Manchmal bedauerte ich meine Rameraden; denn ich dachte, daß sie vermutlich noch viele Jahre, so lange sie Rraft dazu hatten, musizierend durch das Land ziehen müßten, während ich jetzt bald die Trompete an den Nagel zu hängen gedachte, um als reicher Raufmann ein gemächliches Leben zu führen. Denke ich heute an diese hollandfahrt zurück, so schäme ich mich, jemals solche Gedanken gehegt zu haben. Rls die sommerliche Wärme einsetzte, waren wir in Amsterdam angelangt, hier nahmen wir für mehrere Wochen feste Wohnung. Drei Tage in der Woche spielten wir in der großen Handelsstadt, an den übrigen Tagen in den benachbarten Seebädern Zandvoort, Noordwijk und Ratwijk. Dort hatten wir wirklich gute Tage, namentlich gefiel es mir in Zandvoort. In den Nachmittagstunden weilten unzählige Menschen am Strande, sie gingen auf dem weichen, weißen Sande auf und ab oder saßen unter Zelten und in Strandkörben, vor ihnen rauschte und schäumte das Meer, hinter ihnen ragten die Dünen auf. Sobald wir an den Strand gekommen waren und unsere Notenständer aufgestellt hatten, sammelten sich Hunderte von Rindern um uns. Nun mußten wir zum Tanze aufspielen, und in anmutigen Bewegungen drehten sich die Rinder, sowohl die der reichen haarlemer und Rmsterdamer Familien, die dort zur Erholung weilten, als auch die armen Fischerskinder aus dem Städtchen selbst. Mitunter auch nahmen Erwachsene am Tanze teil, ich kann aber nicht sagen, daß es schon und graziös ausgesehen hat, wenn so eine dicke holländische Madame unter den Rindern herumhüpfte. Zogen wir am Strande eine Strecke weiter, so folgte uns der ganze Haufe nach, und überall ging der Tanz von neuem los. Eines Tages hatte ich dort einen kleinen Rerger. Unter den Rindern, die nach unserer Musik tanzten, befand sich ein dicker, etwa fünfzehnjähriger Junge. Tr war so fett, daß er kaum aus den Rügen gucken konnte; Finger hatte er wie Frankfurter Würstchen. Dabei war er auf eine höchst alberne Rrt angezogen: kurze Hosen, steifen, runden Hut und breiten, weißen Rinderkragen. Natürlich tanzte der dicke Bengel nicht, dazu war er zu schwerfällig. Um aber etwas zu tun zu haben, fing er an, uns Musikanten zu foppen. Wenn wir im Schweiße unseres Rngesichts um die Notenständer standen und mit aller Rraft unserer Lungen bliesen, dann stand er hinter uns und warf mit Rletten nach uns. Dem Tobias Wagenschmidt steckte er mit Stecknadeln einen Zettel an den Rockkragen. Rugenscheinlich hatte er auf diesen Zettel allerhand Dummheiten geschrieben; denn ich sah, wie andere Jungen herbeikamen, den Zettel lasen und alsdann lachten. Wir spielten gerade ein recht schwieriges Stück, bei dem man genau aufpassen mußte, da war es mir, als ob mich jemand an der rechten Ferse ziehe. Da ich meine ganze Rufmerksamkeit auf das Stück richten mußte, so kümmerte ich mich nicht weiter um diesen Umstand. Rls wir jedoch fertig waren und die Notenständer zusammenklappten, merkte ich, daß man mich angebunden hatte. Man hatte mir einen dünnen Strick um den Fuß geschlungen und das andere Ende des Strickes an einem Boote, das am Strande lag, befestigt. Ich wußte sofort, wer das getan hatte. Rein anderer als der dicke Junge mit dem Rinderkragen. Zwei Schritte von mir stand er und grinste über das ganze feiste Gesicht. Ruhig schnitt ich mit meinem Taschenmesser den Strick durch, dann aber packte mich die pfälzische „Hitze", und rechts und links schlug ich dem Dicksack auf die Backen. Er heulte wild auf, dann wollte er sich auf mich stürzen, aber ich gab ihm einen kräftigen Stoß, daß er in den weichen Sand fiel und beide Beine hoch in die Lust streckte. Die Umstehenden lachten und klatschten vor Vergnügen in die Hände. Mein Gegner hatte genug, der Meister sprang herbei und sagte: „Um Gotteswillen, Peter, wie kannst du so etwas machen? Wenn das ein Polizist gesehen hätte, wärest du eingesteckt worden, und wir hätten niemals wieder in Zandvoort spielen dürfen." Gern lag ich in den Nachmittagsstunden, wenn wir nichts zu tun hatten, am Strande, um hinaus auf das Meer zu sehen. In der Ferne zogen die großen Dampfer auf der Fahrt von hoek van Holland nach Norden vorüber, wie Rinderspielzeug sahen sie aus, ein langer Streifen Rauch zog dem Schiffe nach. Interessant war es zuzusehen, wie die großen Boote in das Wasser geschoben wurden. Ruf Wagen wurden sie herangebracht, dann so weit in das Wasser hineingebracht, daß die Wagenräder von der Flut umspült wurden. Dann kamen die Schiffer, die barfuß waren und die Hosen hochgeschürzt hatten, und schoben mit starken Rrmen das Fahrzeug in das Meer. Endlich schaukelte es auf den Wellen, die Segel wurden ausgespannt, und die Leute, die für teures Geld eine Fahrt machen wollten, wurden von den Schiffern in das Boot getragen. Das war ein spaßiger Rnblick, wenn so ein dicker Herr, der gut seine zwei Zentner wog, huckepack getragen wurde. Gern war ich dabei, wenn am Strande Fische versteigert wurden. Da lagen die rot und braun getupften Fische auf dem Strande, der Versteigerer hatte eine mit bunten Farben bemalte Latte in der Hand, mit der er auf die Fische deutete, und der verkauf wickelte sich rasch ab. Ls war Iuni, als wir dort an der Rüste spielten, und so hatte ich Gelegenheit, die berühmten Tulpenfelder von Haarlem in ihrer Blüte zu sehen. Das war eine Pracht. Ganze Recker, so groß wie bei uns die Rartoffel- und Rlee- äcker, leuchteten gelb, rot und weiß, und die wunderschönen Reiche öffneten sich der Sonne. Ich ruhte nicht, bis ich mir in einem haarlemer Geschäfte eine Rnzahl Tulpenzwiebeln gekauft hatte, die wollte ich der Marie Lippert als Geschenk mitbringen. Rls wir noch in den Seebädern spielten, kam Gottfried Reiper eines Morgens zum Meister und sagte, er müsse auf der Stelle nach Hause reisen, da sein Vater schwer erkrankt sei und seine Mutter seinen, des einzigen Sohnes, Beistand notig habe. Der alte Reiper war seit vielen Jahren „dämpfig", d. h. er litt an Rsthma. Nun war in seinem Befinden augenscheinlich eine Verschlimmerung eingetreten. Es war für den Meister sehr ärgerlich, den Rlarinettisten jetzt entbehren zu müssen, aber unter den obwaltenden Umständen konnte er doch nicht nein sagen, und Gottfried reiste ab. Ich trug ihm viele Grüße an Marie Lippert auf, übergab ihm außerdem mehrere Pfund Raffee, die er meiner Mutter 238 mitbringen sollte. Der Kaffee war in Holland billiger als in Deutschland, und den Zollbeamten an der Grenze, so sagte mein Landsmann, würde er ein Schnippchen schlagen. Ungefähr in der Zeit, daß Gottfried uns verließ, erschien an der holländischen Küste eine zweite pfälzische Kapelle. Ls waren Musiker aus Kusel und aus den Dörfern, die um den potzberg herum liegen. Wir sahen bald ein, daß zwei Kapellen zu viel seien, und da wir auch unseren Landsleuten etwas Verdienst gönnten, so zogen wir landeinwärts mit der Absicht, später über die Zuider Lee nach Friesland zu fahren. Wir berührten Delft, wo das berühmte Porzellan hergestellt wird, kamen nach Rotterdam und Dordrecht und wandten uns dann nordwärts nach Utrecht. Zn der Uähe dieser Stadt wurde mir ein schmaler Wasserstreifen gezeigt und gesagt, das sei der Uhein. Ich staunte gewaltig, daß der deutsche Fluß, der breitwogend an Bergen, Burgen und Städten vorüberfließt, dadurch so arm und klein wird, daß er sich bei seinem Eintritt in das holländische Gebiet in viele Arme teilt. Zn Utrecht hatten wir an einem schönen Sommermorgen im Zentrum der Stadt, am Stadthause, am Dom und aus dem Fischmarkte Musik gemacht und kehrten mittags müde und hungrig in unsere Herberge zurück. Es waren Briefe aus der Heimat angekommen, die uns aus Amsterdam nachgesandt worden waren. Buch für mich war ein Brief dabei, den ich an den Schriftzügen als von meinem Bruder Fritz herrührend erkannte. Zch steckte den Brief in meine Joppe und aß zuerst mit meinen Kameraden zu Mittag. Dann steckte ich ruhig meine kurze Pfeife an und öffnete meinen Brief. Fritz schrieb mir, daß die Mutter in der letzten Zeit „unpaß" gewesen sei, sie habe Uheumatismus gehabt, so daß sie nicht recht gehen konnte, jetzt sei es wieder besser mit ihr. Dann berichtete er von dem Stand der Felder. Die Kornäcker stünden gut, ebenso die Kartoffeläcker, aber Gbst werde es recht wenig geben, und auch mit dem Wiesenheu dürfte es besser sein. Zum Schluß aber hieß es: „Und denke dir, Peter, in der vorigen Woche ist Gottfried Keiper nach Hause gekommen, um seinen Vater zu besuchen, der jetzt immer im Bett liegt und keine Luft kriegen kann, und am vorigen Sonntag hat sich Gottfried mit Marie Lippert verlobt. Sic sind tags zuvor miteinander in Kaiserslautern gewesen und haben sich dort die Ringe gekauft. Man erzählt auch im ©rt, daß sie in diesem Jahr miteinander die Fastnacht in Mainz mitgemacht haben. Kurz vor Weihnachten wollen sie heiraten, und der Gottfried läuft in Ruppertsecken herum und erzählt überall, jetzt werfe er die Klarinette an die Wand. Die Mutter sagt, es sei ein Glück, daß du von dem leichtsinnigen Mädchen gelassen habest. Sonst weiß ich keine Neuigkeiten zu schreiben. Ts grüßt Dich Dein Bruder Fritz." Ts war mir bei dieser Nachricht, als ob der Himmel eingefallen sei. vorher war ich recht vergnügt gewesen, nun brauste es mir im Kopfe. Zorn, Schmerz und Scham erfüllten mich. Zch hörte nicht mehr auf die Reden meiner Kameraden, ich sah gleichsam im Traume die Gäste in dem Wirtszimmer aus- und eingehen. Zn allen nfeinen Hoffnungen war ich enttäuscht. Dahin der Traum von dem Leben des reichen Kaufmanns, vor mir sah ich nichts als Musikantenmühe, das Marschieren auf der staubigen oder kotigen Landstraße, bis ich einmal alt und grau geworden sei. Rm meisten empörte mich die Untreue des Mädchens. Sie war mir nachgegangen und nicht ich ihr, sie hatte mir Versprechungen gemacht und ich nicht ihr. Wir waren ja entzweit und völlig auseinandergekommen, warum hatte sie mir einen Tag vor meiner Rbreise in Rockenhausen aufgelauert und mir Treue versprochen? Und die falsche Schlange treibt sich mit Gottfried Keiper in Mainz herum und bändelt hinterher doch wieder mit mir an. Zch konnte nicht im Zimmer bleiben. Zch ließ meine Trompete hängen, die Mütze setzte ich auf und rannte fort, hinaus in das Freie. Nie mehr, so dachte ich, würde ich jetzt nach Ruppertsecken zurückkehren können. Man wußte im Dorf, daß ich mit Marie „gegangen" sei, und nun hatte sie mir den Laufpaß gegeben und einen anderen genommen, ich war blamiert in meiner Heimat und weit darüber hinaus. Schon deshalb, so dachte ich, würde ich jetzt nicht mehr nach Hause gehen können, weil es mir dabei passieren könnte, Gottfried Keiper an der Ladentür stehen zu sehen und vielleicht es noch erleben zu müssen, daß er mir eine höhnische Fratze machte. Zn meinem Zorn erwog ich allerhand unsinnige Pläne. Zch wollte mich bei der holländischen Marine anwerben lassen oder nach Frankreich reisen, um in die Fremdenlegion einzutreten. Rdieu Ruppertsecken dachte ich, dich sehe ich niemals wieder. Mit diesem Gedanken rannte ich die Straßen auf und die Straßen ab und stand schließlich auf einem großen, freien Platze, der mit Linden bepflanzt war. Dieser Platz war von dem breiten Kanäle begrenzt, der die ganze Stadt einschließt. Zch setzte mich, das Gesicht dem Kanäle zugewandt, auf eine Bank und weinte, daß mir die Tränen über die Backen liefen. Da hörte ich plötzlich eine mir im ersten Rugenblick unbekannte Stimme rufen: „Peter, was ist mit dir?" Zch drehte mich um und sah einen jungen Mann, der ungefähr von meinem Alter war, vor mir stehen. (Er trug einen dunklen flnjug und hatte eine Mappe sowie einen pack Bücher unter dem linken Arme. Sprachlos starrte ich den jungen Mann an,' ich kannte ihn nicht, ein Musikant war er nicht, das sah man an seiner Kleidung und an seiner ganzen Art. Da sagte der Unbekannte mir: „Ti, Peter, kennst du mich denn nicht mehr, ich bin ja doch aus Marienthal, und wir sind zusammen in die Konfirmandenstunde gegangen." (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Die „Jungens". Jeder Deutsche weiß, daß jeder deutsche volksstamm seine besondere Mundart hat und daß oft Dörfer, die nur eine halbe Stunde voneinander entfernt sind, einen verschiedenen Dialekt sprechen, namentlich die vokale verschieden aussprechen. Ts ist sicher, daß der Würt- temberger, der sein Urschwäbisch spricht, sich mit einem plattdeutsch Redenden so gut wie gar nicht verständigen kann. Auch das Vogelsberger Deutsch, das der aus Schotten stammende Schriftsteller ©tto Müller als eine rauhpolternde Mundart bezeichnet, dürfte nicht von jedermann in deutschen Landen verstanden werden. Indessen hat jeder deutsche Dialekt seine Berechtigung, und niemand braucht sich zu schämen, den Dialekt seiner Heimat zu sprechen. Uniformierung auf dem Gebiet der deutschen Sprechweise ist gar nicht zu wünschen. Aber wenig erfreulich ist es, wenn man sich Dialektformen aneignet, die mit dem heimatlichen Dialekte gar nichts zu tun haben. Ts klingt sehr schön und treuherzig, wenn ein Bayer sagt, er wolle „a bissel" spazieren 239 gehen, schauderhaft aber ist es, wenn ein Berliner in seine schnarrenden Lätze das gemütliche Wörtchen ,,a bissel" ein- slietzen läßt. Daß der Berliner der Gegenwart das tut, geht aus den Romanen der Brüder Zabeltitz hervor, die ihre schneidigen, norddeutschen Herren dieses Wörtchen oft gebrauchen lassen. Schauderhaft auch ist es, wenn man in Gießen die Wendung ,,die Jungens" gebraucht, „Die Jungens", das ist eine Redewendung, die derjenige Berliner gebraucht, der mit Schulbildung nicht allzu sehr belastet ist. Jedes Rind weiß, daß diese Rusdrucksweise sprachlich unrichtig ist, der Plural von „der Junge" heißt doch „die Jungen", warum wollen wir in unserer Sprechweise den Jargon der Berliner Bevölkerung einfließen lassen? Um zu sagen „die Jungen" oder „die Rnaben", brauchen wir doch den Mund nicht weiter aufzumachen, als wenn wir sagen „die Jungens". (Oder klingt dieses Wort vielleicht schneidiger, moderner, kraftvoller? Bann sei man doch auch konsequent und sage: „Ich bin mit die Jungens gegangen", wollen wir Dialekt reden, so doch lieber den guten Gießener und oberhessischen Dialekt, viel feiner als „die Jungens" klingt doch „däi Bouwe". Ronfefsionelle Statistik. Rach einer Berechnung, die teils auf statistischen Zählungen, teils, für die außereuropäischen Erdteile, auf Schätzungen beruht, gibt es zurzeit auf der Erde etwa 202 Millionen Protestanten und 290 Millionen Ratholiken. In Rmerika (Nord- und Südamerikas halten sich die beiden Ronfessionen ungefähr die wage: 83 Millionen Protestanten, 87 Millionen Ratholiken. Europa zählt 109,7 Millionen Protestanten und 191,8 Millionen Ratholiken. (Ein vergleich mit den' entsprechenden Zahlen des Jahres 1872 zeigt, daß sich das zahlenmäßige Verhältnis der beiden Ronfessionen sehr zugunsten der Protestanten verändert hat. Damals gab es in Europa 70,8 Millionen Protestanten,' die Ratholiken zählten mit 147,8 Millionen über das Doppelte, was heute bei weitem wohl nicht mehr der Fall ist. Eine Hauptursache dieser Verschiebung des Verhältnisses liegt darin, daß das katholische Frankreich so gut wie keine Bevölkerungszunahme aufzuweisen hat, und daß in Großbritannien infolge der Ruswanderung aus dem tzatholischen Irland die Zunahme der Ratholiken minimal ist — sie beträgt seit 1872 0,1 Million, während gleichzeitig die Zahl der Protestanten um >4,7 Millionen gewachsen ist. Dadurch wird für Europa die relativ stärkere Vermehrung der Ratholiken in manchen Ländern, unter anderem auch in Deutschland, mehr als ausgeglichen. Der Rn- teil an der Gesamtbevölkerung der Erde belief sich schätzungsweise für die Protestanten um 1870 auf 7,9 Prozent, um 1910 auf 11,7 Prozent' für die römischen Ratholiken auf 13,6 und 16,7 Prozent. Worte zum Nachdenken. wer in Gottes Hut Ist geborgen, Froh und sicher ruht Ghne Sorgen. Gottes Gnade Schirmt vor Schade, wahrt die Pfade Rächt und Morgen. F. Fliedner. Rannst du uns noch nicht geben Zurzeit im ird'schen Leben, was unser Herz ersehnt: Dann, treuer Heiland, sende Geduld nur, bis das Ende Dein Wunderwalten Krönt. Gott gebe uns Gnade und helfe, daß wir in Wohlfahrt nicht sicher, in Trübsal nicht traurig und verzagt sind, sondern immer in Gottesfurcht leben, fest und beständig im Glauben und Bekenntnis Jesu Thristi bleiben und das heilige Vaterunser mit Mund und Herzen stets sprechen und bitten, daß Gott um seines lieben Sohnes willen uns und unsere Rachkommen bei der seligen Lehre des Evangelii wolle erhalten. Dr. M. Luther. Sein Herz ist groß genug, um deine Sache auf sich zu nehmen, was du ihm gibst, das nimmt er, und was er nimmt, das übernimmt er auch zu deiner Freude. Das ist selige Ruhe des Glaubens, wenn man mit Gottes Zeit und Gottes Liebe rechnet. Jg. kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 2. Rugust, 8. nach Trinitatis. Gottesdienst. In der Stadtiirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer D. Schlosser. Zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Matthäusgemeinde, vormittags 9Ve Uhr: pfarrassiftent h o f f m a n n. Beichte und heil. Rbendmahl für Matthäus- und Mar- kusgemeinde gemeinsam. Rnmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags IN/iUhr: Rinderkirche für die Markusgemeinde, pfarrassiftent h o f f m a n n. In der Johanneslirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Bechiolsheimer. Zugleich Thristenlehre für die Reukonfirmierten aus der Lukasgemeinde, vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Rusfeld. vormittags 11 Uhr: Rinderkirche für die Johannesgemeind«. Pfarrer Rusfeld. Rbends 8 Uhr: Versammlung und Libelbesprechung im Johannessaal. „Wartburg", evangelischer Jünglings- und Männer-Verein. (viezstraße IS, Kirchstrabe 9.) Dienstag, abends 8Vs Uhr, Bibclstunde, Mittwoch, abends 8 Uhr, Turnstunde, Donnerstag, abends 8Hz Uhr, Lese- und Spielabend, Samstag, abends 8Vs Uhr, Versammlung der älteren Rbteilung, Sonntag, abends 8 Uhr, Vortragsabend, Viezstr. 15. Gäste stets willkommen! 9Couul a röte, sowie alle Arten von Hautunreinigkeiten, Hautausschlägen,wie Blütchen, Mitesser, Finnen, Pickeln, Pusteln etc. verschw.durch tägl.Gebrauch d.echten "fke&enpferd -Temci\roefel.'fe4e rümann & Co., Radebeul. 5 Pfg. :: Ueberall zu haben. 240 A Zum 15. August wird in einen Offiziershaushalt in Mainz ein in Hausarbeit erfahrenes Mädchen od. eins. Fräulein gesucht Etwas Kochen erwünscht. Anerbieten nebst Zeugnisabschriften an Frau Hauptmann Gottlchalk, Mainz, Diether v. Zsenburgstrahe 13 1 10 . rßefucfjt zum 15. August oder 1. September kräftige Beiköchin oder neben Chef aus- gelerntes Küchenmädchen - Guter Lohn. Baronin Heyl, Schloh Herrnsheim b. 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