Nr. 29. Gießen, 7. Sonntag nach Trinitatis, 26. Juli 1914. 3. Jahrgang. 3m Dienste Gottes. Jeremia 20, 9. Ich dachte: Wohlan, ich will sein nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Über es ward in meinem Herzen wie ein brennend Feue, in meinen Gebeinen verschlossen, daß ich's nicht leiden konnte und wäre schier vergangen. Wenn wir das Buch Jeremia mit Nachdenken lesen, so werden wir finden, daß wir es hier mit einer der edelsten und ergreifendsten Gestalten des alten Testaments zu tun haben. Was macht uns den großen Propheten so anziehend? Gewiß auch der hohe Schwung seiner Gedanken. Wir bewundern seinen religiösen Weitblick und seinen sittlichen Lrnst. Wir sehen ihn eifern gegen das götzendienerische Volk und Kämpfen für den Bund Gottes mit seinem Volk. Das gewinnt uns für Jeremia. Den tiefsten Eindruck aber macht er zweifellos auf uns, wenn wir einen Blick tun dürfen in sein innerstes Leben. Schon in jungen Jahren war er zum Propheten berufen, aber dieser Beruf brachte ihm viel Jammer und Herzeleid. Nein Wunder auch! Mußte doch er, der Weichmütige, Zartfühlende, seinem Volk den Untergang verkünden. Da kämpfte er heiße Kämpfe in seinem Innern, da rang er mit seinem Gott um sein Volk. Vas trieb ihn manchmal in die tiefste Verzweiflung. In solcher Lage zeigt ihn auch unser Schriftwort. Uber es zeigt uns auch gleichzeitig den tapferen Ueberwinder. Um dieses Wort ganz zu verstehen, müssen wir das Leben des Propheten uns noch etwas genauer ansehen. Cr war vor allem ein ungeheuer opfermutiger Mann. Gr hat auf ein bequemes, behagliches Leben, wie er es als Sohn einer vornehmen Familie hätte führen können, verzichtet. Er hat auf das Familienleben verzichtet, auf gesellige Freude, mit einem Wort auf alles, was das Leben für die meisten lebens- und liebenswert macht. Gerade deshalb aber konnte er sich mit vollster Energie auf seinen Beruf werfen. Furchtlos und treu, mit unerbittlichem Ernst und glühender Leidenschaft wirkte er in seinem Volk. Wie ein Fels stand er fest in der Meeresbrandung. Wohl tobten und zischten die Wellen, aber er wich und wankte nicht. Gott hatte ja bei seiner Berufung zu ihm gesprochen: „Ich will dich heute zur festen Stadt, zur eisernen Säule und zur ehernen Mauer machen im ganzen Land wider die Könige Judas, wider ihre Fürsten, wider ihre Priester, wider das Volk im Lande." Und doch hatte, wie wir sahen, auch dieser heldenhafte Mann Stunden schwerster innerer Unfechtung. Wie erklärt sich das? Waren es unedle Motive, die ihm Worte der Verzweiflung auf die Lippen trieben, wie dieses: „Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen"? Neute ihn der harte, aufreibende Dienst Gottes? Lockten den düsteren Nsketen plötzlich verführerische Stimmen zum Genuß der Welt? Nein, das ist bei einem Mann wie Jeremia so gut wie ausgeschlossen. Ihn bedrückten wirkliche Nöte, vor allem die Erfolglosigkeit seines Wirkens. Unbeachtet verhallte ja seine Büßpredigt im Winde. Mehr noch beugte ihn nieder das Bewußtsein, daß seine predigt sogar zur Verstockung des Volkes führte. Die Gerichte Gottes, die er verkündigt, trafen lange nicht ein. Was lag da näher, als daß das Volk dachte: Wir sind auf dem rechten Weg,- wir wollen jetzt erst recht nicht auf den Propheten hören. Schließlich mutzte er auch persönlich viel leiden. Man verhöhnte ihn mit bitteren Worten: „Jedermann verlachte ihn." Ja man ging sogar tätlich gegen ihn vor. Schon frühe trachteten ihm seine eignen Landsleute nach dem Leben. Wollen wir uns da wundern, wenn er einmal nahe daran war, sich von Gott abzuwenden und nicht mehr von ihm zu predigen? Was hat ihm aus solcher Not geholfen? Der Prophet sagt uns selbst: „Es ward in meinem Herzen wie ein brennend Feuer." Das war die Stimme des Gewissens, die ihm eindrücklich ihr unerbittliches: „Du sollst" zurief. Sie ließ ihm keine Wahl. Sie zwang ihn mit eiserner Gewalt in den Dienst Gottes zurück. Da halsen Keine Nusflüchte, da ging es ihm wie in der Stunde der Berufung. Wieder hörte er die Stimme des Herrn: „Du sollst gehen, wohin ich dich sende." Und die große Stunde findet einen großen Menschen. Still unterwirft er sich seinem Gewissen. Er fühlt es, wie später unser Luther, daß es nicht geraten ist, dagegen zu handeln, daß sein Glück und seine Seligkeit darin ruht, mit trotzigem „dennoch" sich einer Welt cntgegenzustemmen. Können wir noch fragen, war wir heutigen von solchem Manne zu lernen haben? Es kann nur dies sein: Buch bei uns — 226 soll über alle Not und Rnfechtung, die uns unser Glaube bringt, siegen der Gehorsam gegen den göttlichen Willen, wie er sich im Gewissen uns kundgibt. Nur durch solche INenschen kann das Neich Gottes gebaut werden. l). t). Griechische Reisen und Sommerfrischen. von Geh. Dberkonsistonalrat E>. W. petersen in Oarmstadt. (Fortsetzung.) (Es ging wieder bergan, und wir erreichten eine Fels- höhe, wo Hirten ihre sommerlichen Laubhütten aufgeschlagen hatten. Wir waren überrascht, uns plötzlich an einem Zufluß des Rlpheios, d. h. einige hundert Meter in schwindelnder höhe über demselben zu finden. Rus der Tiefe- rauschte der Fluß zu uns empor, in Griechenland gewiß ein sehr seltenes Vergnügen. Dieser Zufluß hieß in seinem oberen Lauf der Lenos, in seinem mittleren nach der Stabt Gortys Gortpnios, jetzt Fluß von Vimitzana, dem hauptort des Flußtals, nach dem wir unsere Schritte lenkten. Vimitzana ist eine enggebaute Stadt, hoch auf den schroffsten Felsen des linken Flußufers gelegen, nur auf steilen und schmalen Pfaden zugänglich. Wir sahen sie im Hellen Morgenlicht. Die Schlucht selbst war herrlich grün mit großen Sträuchern bewachsen. Nechts führte an unserm Standort ein Fußpfad am Nbgrund entlang nach einer Felsennische, in welcher ein kleines, von einem Einsiedler bewohntes Kloster stand. Lange genossen wir den erquickenden Nnblick, und dann ging es durch die Büsche hinunter, bis wir an eine türkische Brücke kamen. Die Wasser flössen mit blauen Wellen und weißem Schaum darunter her. Einige Mühlen standen am Fluß unter grünen Bäumen, dazu der großartige Nbschluß durch die Schlucht, ein Bild für einen Maler. Wir stiegen bis an den Fluß hinab und tranken direkt aus ihm mit unersättlichem Durst und großem Wohlbehagen. Das Wasser war so rein und geschmacklos wie Tsuellwasser. Nun ging es wieder zu Pferde bergan bis auf das Nuinenfeld der alten Stadt Gortys, deren Mauer- züge sich weit auf einem flachen Berge verfolgen ließen, aus massiven Blöcken gebaut. Die Neste liegen in den Weinbergen des Dorfes Rtzikolo, dessen erste Häuser wir berührten. Vas erste war dasjenige eines Priesters, der uns zu trinken gab,' denn es war heiß, und uns um Tabak ansprach, worauf wir uns gern des trocken gewordenen Vorrats entledigten. Der alte Name Gortys erhielt sich im Mittelalter in der Benennung dieser Gegend: Skorta. Die Gortynier sind ein äußerst betriebsames Volk. Nls Krämer, Handwerker, Schankwirte findet man sie überall in Griechenland. Sie sind stolz, die Welt gesehen zu haben und zu wissen, was sich schickt. Nuf dem Bergabhang in brennender Sonnenglut ging unser Ritt weiter. Brombeeren am Wege wurden mit Vorliebe vom Pferd aus gehascht, um die vertrocknende Zunge etwas anzufeuchten. Es war daher ein wonnevoller Nugenblick, als wir nach langem Kitt auf steinichtem Terrain den Drt Karytäna vob uns liegen sahen, d. h. zunächst die stolze mittelalterliche Burg. Ts dauerte nämlich noch lange, ehe wir den Drt erreichten. Ts war Mittag, IV 2 Stunden sollten gerastet werden. 583 m hoch erhebt sich am Eingang eines Engtals der Felskegel von Karytäna, in dessen Burg sich das mittelalterliche, feudale Griechenland ebenso verkörpert, wie die homerische Zeit in Mykenä und Tiryns. Im Nnfang des l3. Jahrhunderts, 1204 und 1205, eroberten Geoffroy de villehar- donni und Guillaume de Ehamplitte mit Rittern aus Burgund und dem Hennegau den Peloponnes. Der letztere wurde Fürst von Morea, in welcher Würde der erstgenannte ihm folgte, ein Mann von hervorragenden herrschergaben. Vieser teilte den Peloponnes in 14 Baronien ein. Ueberall wurden damals Ritterburgen gebaut. Oer Sitz einer dieser Baronien wurde Karytäna, das 12 Ritterlehen umfaßte, und von Geoffroy de villehardonni seinem Tochtermann hugues de Brugores 1209 übergeben wurde. Sein Sohn Geoffroy de Taytens ft 1278) galt für den glänzendsten Rittersmann im Peloponnes, hugues de Brugsres erkannte die Wichtigkeit dieser Felsenburg für die Beherrschung des inneren Landes. Zisternen, Mauern, Türme gaben ihm eine schier unüberwindliche Stärke. Wie beherrschend sie war, zeigt noch heute der Umstand, daß der Fluß, der ihren Fuß benetzt, noch heute der Fluß von Karitäna heißt. Gegen ihn, den Rlpheios, fällt der Burgfelsen in steilen Wänden ab. von oben ist es ein Blick in schwindelnde Tiefe. Lin seltsamer Gedanke, daß diese französischen Ritter den ganzen geistlich-ritterlichen Staat des Mittelalters hierher verpflanzten und ohne Rücksicht auf Geschichte und Natur des Landes durchführten. Ihre Taten hat ein Grieche zwischen 1350—60 in einem Epos gefeiert, der „Ehronik von Morea", die auch als Denkmal des damaligen Zustandes der griechischen Volkssprache äußerst interessant ist. In Karytäna nahmen wir uns gleich einen Jungen, um uns auf die Burg zu führen. Rudere Jungen schlossen sich mit heißem Interesse uns an. Die natürliche Intelligenz des Stammes leuchtete ihnen aus den dunklen Rügen. Untereinander redeten sie, wie ihnen der Schnabel gewachsen war, uns gegenüber befleißigten sie sich einer schulgemäßen Sprache. Es steckt ungeheuer viel Philologennatur in dem Griechenvolk, das nicht bloß seine wunderbare Sprache gebildet hat, sondern auch selbst durch seine Sprache gebildet worden ist und wird. Daß dieses Volk unter all den Stürmen und Wettern, die über es hingegangen sind, nicht seine Nationalität verloren hat, verdankt es in erster Linie seiner Sprache und seinem treuen Festhalten an derselben, und dem Umstande, daß die Kirche die Pflegerin der Sprache gewesen ist. Ihre Liturgie mit dem hellenistischen Griechisch bewahrte die Volkssprache vor gänzlicher Barbarei. Vas heilige Wort wurde der ljort des Volkes. Goten und Navaren haben im Peloponnes keine Spuren außer denen einer barbarischen Zerstörungswut hinterlassen, und die viel schlimmere ksochflut der Slaven hat nicht vermocht, den Griechen der Morea ihre Sprache zu verderben. Gewiß, eine geringe Zahl slavischer Lehnwörter ist in die Volkssprache übergegangen, viele Drtsnamen sind rein slaoischen Tharakters oder haben doch slavisierende Endungen angenommen, wie Tripolitza aus Tripolis, aber trotzdem verhalten sich die slavischen zu den hellenischen Drtsnamen im Peloponnes wie 1:10, und jedenfalls haben die slavischen Einwanderer die ganze Struktur der Sprache nicht beeinflußt. Die Griechen sind eben vermöge höherer Kultur und ausgebildeter Sprache der Slaven so gut Herr geworden, wie ihrer die Germanen im ganzen Gsten Deutschlands fjcrr geworden sind trotz der slavischen Drtsnamen: Jena, Leipzig, Dresden, Berlin, Stettin, Danzig, Schwerin und der unzähligen Grts- namen auf ow. Untereinander sprachen unsere jugendlichen Begleiter gurnizo, zu uns aber guorizo, und wenn wir statt guorizo, das heute gang und gäbe ixswro gebrauchten, befleißigten sie sich mit großer Sicherheit des erlernten Buchgriechisch. Im Schweiße unseres Rngesichts vollendeten wir den wirklich sehr mühsamen Rufstieg. Line Burg ganz so, wie man sie bei uns sieht, ein hohes Felsennest mit dem großartigen Blick vorn auf das Lykaion, rechts in das tiefe Engtal des 227 Rlpheios, links auf die nackte Bergwildnis des westlichen Rrkadiens und auf die lieblich grünende Ebene von Megalo- polis, durch die der Rlpheios sich wälzt. Darüber im Hintergrund der Tapgetus, alles herrlich sonnbeglänzt. Line Viper, die aufgestört wurde, versetzte unsere redseligen Griechenjungen in blassen Schrecken. Nach der andern Seite blickte man aus den Drt Karrstäna, der sich anmutig um den Burgberg gruppiert. Nachdem wir uns satt gesehen, stiegen wir wieder herab und wurden in ein Honoratiorenhaus mit alten ramponierten Möbeln und mit Photographien an den lvänden geführt, wo wir mit großem Appetit unser frugales Mahl hielten. Neugckräftigt stiegen wir zu Fuß hinunter nach der Brücke über den Rlpheios und ritten dann wieder jenseits bergan, bis wir die nur streckenweise fertige Straße am Lpkaion erreichten, auf der wir den ganzen Nachmittag zubringen sollten. Mir sahen nun uns gegenüber die Berge, die wir am Morgen herabgestiegen waren, zwischen ihnen und uns setzte der Rlpheios in tiefer Furche seinen Meg nach Glpmpia fort. Dörfer gab es stundenlang nicht, oder nur hoch im Gebirge. Nur ein Hof lag am Mege, wo wir Masticha tranken, ein auf Mastixharz angesetzter Likör, von dem ich vermute, daß er mit Scheffels Baktrerschnaps Familienbeziehungen hat. Rn einem Duell, es war ein unvergeßlicher Moment, standen unsere Pferde in Front an einem hohlen mit Wasser gefüllten Baumstamm. Lin Mädchen, da; wie Rebekka an der (Quelle stand, ohne ihre dienstfertig-gastfreundliche Gesinnung zu teilen, zögerte, uns für unsern Mundbedarf Wasser zu schöpfen. Rls aber der Rgogiat sie fragte: Esi christiani isä? „bist du eine Christin?" schöpfte sie uns Wasser in einem riesigen Gefäß, das nun von Mund zu Mund ging, bis kein Tropfen mehr darin war. 3m übrigen ging es immer nur weiter. Die Rusdauer der Pferde war bewunderungswürdig auf dem zum Teil elenden Wege. Rber auch der Reisende darf ja abseits der Eisenbahnen in Griechenland kein Zärtling sein. Nächte ohne rechten Schlaf und lange Tage, und diese fast immer auf dem Rücken des Pferdes, N, 12, 13 Stunden lang mit kurzen Unterbrechungen! Die Rrt der Pferde und des Sattels erklärt ja manches. Die Tiere sind durchaus nicht stumpfsinnig, im Gegenteil, sehr intelligent und von bewunderungswürdiger Sicherheit des Trittes auch auf dem schwierigsten Felsenboden. Der Sattel ist ein mit Leder gepolstertes Holzgestell, aus dem man jede Stellung einnehmen kann. Rn diesem Holzgestell hängen die Säcke mit den notwendigen Reisebedürfnissen. Bald sitzt man rittlings, bald seitwärts wie eine Dame, dann zieht man seine Beine an sich und kreuzt sie übereinander wie ein Türke. Bald sieht man über den hals des Pferdes, dann, wenn man eine rückwärts liegende Landschaft noch einmal genießen will, setzt man sich so, daß man über den Schwanz des Tieres hinwegsieht, das indessen, unbekümmert um seinen Reiter, ruhig seinen Paßgang weiter macht. Ruf diese weise gibt es mancherlei Rbwechslung und hält man das beständige Zupferdesitzen ganz wohl aus. (Fortsetzung folgt.) Erinnerungen eines alten Mannes. von Generalarzt a. D. Dr. GttoKappesserin Darmstadt. 17. Line S ch m ug g ler geschichte. Rls nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Herrschaft Rltdeutschland als deutscher Bund wieder erstanden war, da entwickelten sich zunächst Zustände für Handel und Verkehr, für deren Möglichkeit wir heutigen Tages gar kein Verständnis mehr hätten. Jedes Land und jedes Ländchen suchte sich unter des deutschen Bundes schützendem Privileg als Sondernatiönchen zu etablieren „mit allen Schikanen" und schloß seine Grenzen mittels Maut gegen das Nachbar- natiönchen ab. Davon nur ein Beispiel: Der Sohn des Lehrers S^^t^zu 3vyVr-reifte mit einem Halbdutzend Kameraden nach Friedberg zu dem neuen hessischen Lehrerseminar. 3hm oder einem der anderen hatte eine sorgende Mutter für etwa drohende schmale Tage einen solennen Schwartemagen von der letzten Metzelsuppe her mitgegeben. Da aber die Fahrt von Frankfurt bis Friedberg durch zahlreicher Herren Länder, durch Frankfurter, kur- und darmhessisches und nassauisches Gebiet ging, mußte an jeder neuen Grenze wieder Zoll für diesen Besitz bezahlt werden, und als das wieder zum sechsten Mal geschehen sollte, da hatten die jungen Reisenden wieder Hunger bekommen und da teilten sie die Schwartenwurst kurzerhand unter sich und atzen sie vor den Rügen der geprellten Zöllner auf. Ruch in dem Teil des vormaligen Departements Mont- Tonnerre (Donnersberg), das an den Großherzog von Hessen als Entschädigung gegeben wurde für das Herzogtum Westfalen, das er an Preußen hatte abtreten müssen, konnte man sich, gewöhnt an das frühere Geschäftsgebaren der französischen Herrschaft, nur schwer in die neuen, beengenden Verhältnisse finden, zumal auch die Bevölkerung und die neuen, aus ganz andern Verhältnissen herübergekommenen Regierungsorgane nur langsam zu gegenseitigem Verständnis kamen. Uebrigens muß hier rühmend anerkannt werden, daß gerade das kleine Hessen allen voran durch seinen kühnen Vertragsabschluß mit Preußen den ersten Rnstoß zur Gründung des deutschen Zollvereins und damit zu allmählicher Beseitigung dieser unglücklichen Zustände gegeben hat. Da man, wie gesagt, auch in den neudeutschen, linksrheinischen Landesteilen nur schwer in die neuen Verhältnisse sich finden konnte, so entwickelte sich nach und nach trotz aller Rufsichl ein regelmäßiger Schmuggel, besonders zwischen den beiden Ufern des schönen Rheingaues, ja es wurde ein förmlicher Sport, bei jedem Rusflug nach dem herrlichen, weinfrohen jenseitigen Ufer etwas Zollpflichtiges heimlich von dort heimzubringen, indem man bei der allgemeinen Unzufriedenheit mit den damaligen Verhältnissen gar nichts Unrechtes sah. warum es sich eigentlich damals lohnte, aus dem kleinen Herrscherbereich Dränier Spinnerei- und Webstoffe, auch Spezereien und anderes nach Hessen herllber- zuschaffen, weiß ich jetzt selber nicht mehr. Rber Tatsache ist, daß es damals in den, den Ueberfahrtsstellen Weinheim und heidefahrt gegenüberliegenden Grtschaften bei Krämern und Wirten regelrechte Rnkleideräume gab, in welchen die Kunden die verkauften Stoffe, zum Teil provisorisch zugeschnitten, unter ihren Kleidern am eigenen Leibe verbargen, um sie so unbemerkt über die Zollgrenze zu bringen, während man zum Schein irgend einen geringwertigen Gegenstand zur Verzollung vorwies. Run war damals ein junger Geistlicher, aus dem benachbarten L. stammend, anfangs der 20 er Jahre als Seelsorger bei der evang. unierten Gemeinde Gber-3ngelheim mit der Filiale Weinheim ordiniert worden und hatte durch sein kluges, gemessenes Benehmen rasch dort Fuß gefaßt, trotz der religiösen Freigeisterei, welche damals in den sog. Kan- tonrorten, größer als die Bauerndörfer und doch kleiner als Städte, noch von der Franzosenzeit her unter dem Einfluß dort oft recht bunt zusammengesetzter Beamtenschaft, zur Herrschaft gekommen war. Er war aber auch fröhlich mit den Fröh- - 228 lichen und so hatte er sich eines Tages einer befreundeten Gesellschaft zu einem Nusflug ins schöne Rheingau angeschlossen, vielleicht per Gelegenheit einer solennen Weinversteigerung etwa zu Kloster Lberbach oder auf Johannisberg, wo damals noch nach altem Brauch mehr Zaungäste denn wirkliche Steig- liebhaber zur probung der herrlichen Nummern sich einzustellen pflegten. Während er nun Nbends am jenseitigen Ufer auf Gelegenheit zur Ueberfahrt wartete, wurde er von einer Frau aus seiner Gemeinde, die auch zu seinen eifrigsten Kirchgängerinnen gehörte, angesprochen: „Herr Pfarrer," sagte sie, „Sie könnten mir einen Gefallen tun. Ich Hab' da noch einen Strang Wollegarn, den ich für die Winterstrümpfe von meinem Mann für's Nnstricken brauche und den ich nicht mehr unterbringen kann. Wenn Sie's erlauben, täte ich ihn in Ihr Halstuch einwickeln, da sieht's kein Mensch und die Leute könnten noch glauben, Sie hätten zwei Halstücher an." Zu Nnfang der 20er Jahre nämlich beschäftigte sich die Mode gerade so eingehend mit der Halsbekleidung der Herrenwelt, wie sie das jetzt bei unseren Schönen tut. Besonders auf Uniformbildern aus jener Zeit sieht man Krawatten-Unge- heuer, welche das ganze Kinn und einen Teil der Wangen bedeckten, und auch beim Zivil band man gerne große Halstücher um, ja zu besonders stattlichem Nussehen mitunter sogar zwei übereinander. Wer kann der Bitte schöner Nugen widerstehen, zumal wo es sich um da; neu begründete Nnsehen des neu bestellten Hirten der Schäflein handelt! Er willigte also ein, zumal er nach der allgemein geltenden Nnsicht gerade nichts Schlimmes darin fand. Wie er aber dann am heimatlichen Ufer harmlos an der Reihe zum passieren der vouanenlinie stand, stieß ihn auf einmal ein Schiffischer aus seinem Filialort mit dem Ell- bogen an: „Herr Pfarrer, machen Sie, daß Sie weiter kommen, der Strang guckt Ihnen ja zum hals heraus." Wahrscheinlich hatte man es bei dem Bindeknüpfen etwas zu eilig, und da drohte nun das Toilettengeheimnis den verrat. Tr folgte dann auch schleunigst dem Wink,und ging gleich weiter, von niemandem behindert, denn keins hätte in dem würdigen Grtsgeistlichen, der dazu noch gerade von einem Spaziergang heimzukehren schien, den angehenden Staatsverbrecher gewittert. Uns, seinen Kindern, aber hat er später das Erlebnis zur Warnung erzählt, daß man auch im geringsten sich keinen Schritt vom rechten Weg solle ablenken lassen. Sin „Glaubensbekenntnis" des Unglaubens. Welche Blüten die unter dem Namen „Monismus" verbreitete Gedankenrichtung treibt, sobald sie sich vom bloßen Neinsagen zum positiven Schaffen zu erheben versucht, dafür hat ein Herr Wolfsdorf einen neuen Beweis geliefert. „Für Kinder freidenkender Eltern" hat er sin Bamberg, Handelsdruckerei) zwei kleine Lesebücher erscheinen lassen, betitelt: „Monistische Pädagogik" und „Freie Gedanken — Helle Nugen — klarer Sinn". Die heutige Schule dünkt den Verfasser „ein Gefängnis, eine Stätte der Lüge und Heuchelei. Die dualistische Pädagogik verkrüppelt den Kindern Leib und Seele". Dar monistische Erziehungsideal denkt sich Wolfsdorf in drei Stufen verwirklicht, in der Spielschule svom 6. bis 9. Lebensjahre), in der Lernschule (9.—12.) und in der Konfirmandenschule (12.—16.). In dieser erhebt sich der Unterricht unter anderen zu den drei Glaubenssätzen: l. Wir glauben, dcpß das unerschaffene und unoernichtbare Weltall sich nach ihm innewohnenden, ewigen und unabänderlichen Gesetzen ordnet. 2. Wir glauben, daß die in der übrigen Natur wirkenden Gesetze auch im Leben der Völker, wie im Leben der Einzelnen, wirksam sind. Z. Wir glauben, daß die Wissenschaft diese Gesetze immer mehr erkennen und für dar Gesellschaftsleben der Menschen immer wirksamer machen wird." — Wir glauben, wir glauben. Nlso doch wieder der vielgescholtene Glaube! Es wäre nicht schwer, zu beweisen, daß gerade der Glaube an diese monistische Dreifaltigkeit auf schwachen Füßen steht. Jedenfalls sollte der Verfasser nun auch anderen Leuten ihren Glauben lassen. Statt dessen stellt er die Gottheit auf eine Stufe mit Riesen und Feen oder mit dem schwarzen Manne, mit dem unverständige Kindermädchen den Kindern angst machen. „Darum, liebe Kinder, wenn ihr euch auf Gott verlaßt, so seid ihr verlassen." Sie sollen an die Kraft der Menschheit glauben, sie sollen bekennen: „Ich glaube an mich und meine Stärke". Es gibt keine Erlösung, aber eine Selbsterlösung. „Nicht Gott ist euer Helfer und Erlöser, sondern ihr seid eures Glückes Schmied,' denn alles Glück hat seine letzte (Quelle in der inneren Harmonie." Und doch gibt es keinen freien Willen,' wir müssen stets genau so handeln, wie Vererbung und Umgebung uns zwingen. — Wie ein Kind achtlos das Kartenhaus umstößt, das es gebaut hat, so gehts Herrn Wolfsdorf. Wo bleibt dann die ganze Pädagogik, wenn es keine Willensfreiheit gibt? tvder ist Erziehung etwas anderes als planmäßige Bildung des Willens? Wie kann ich meines Glückes Schmied sein, wenn ich muß, wie Vererbung und Umgebung mich zwingen? Und wie ist innere Harmonie möglich ohne Stillung des Gewissens, des unzerstörbaren Zeugen für gut und böse, des unbestechlichen Richters in unsrer Brust? Wer der Menschheit zu dienen meint, indem er die Macht haltender, sittlicher Zucht hinwegräumt, der beraubt sie damit zugleich der tiefsten Trostmacht. Wer die Menschheit zu heben meint, indem er sie von dem Widerstreit von gut und böse losmacht, der stößt sie damit zum Tier hinab. Er kennt nicht die ernsten Erfahrungen der Geschichte noch des Menschenlebens noch die tiefsten Bedürfnisse des Herzens. Diese hochfahrende und zugleich herabwürdigende Pädagogik ist ein totgeborenes Kind. Sollte es aber unser Volk dennoch mit ihr wagen, so würde von der ersten schweren Haussuchung, die uns träfe, hinweggefegt werden, wie Spreu vom Sturme. vom weinen am Grabe. Wer hat noch nicht das widerwärtige Schauspiel erlebt, daß auf dem Lande oder in der Stadt leidtragende Frauen bei Begräbnissen einen ungebührlichen Lärm gemacht haben? Wenn sie auch vor und nach dem Begräbnisse in musterhafter Form ihre Ruhe bewahrt haben, von dem Nugenblick an, da die kirchliche Handlung am Sarge ihren Nnfang nimmt und die Teilnehmer sich zur Feier eingesunden haben, sind diese Leidtragenden, die vorher recht gefaßt, ja mitunter sogar ganz vergnügt aurgesehen haben, wie umgewandelt. Fassungslosigkeit und Trauer haben sie ergriffen und tun sich in wildem Schreien kund. Sobald der Geistliche das erste Wort spricht, ertönt ein lautes Weinen, das mehr und mehr in unartikulierte Töne übergeht. Der Pfarrer wird natürlich hierdurch in empfindlicher Weise gestört, die Zuschauer verstehen von dem, was er spricht, auch nicht ein Wort. Es entsteht ein Wettkampf zwischen dem Geistlichen und der Trauernden, bei der fast allemale die letztere durch die größere Kraft ihrer Stimme den Sieg davonträgt. Dieser Wettkampf ist zu Ende, sobald 229 „ach dem Segen das Amen gesprochen ist. wenn nun Vereine oder sonstige Korporationen Kränze mit kurzen Widmungen niederlegen, so sind die vorher Fassungslosen merkwürdig gefaßt. Ganz still und voll von Interesse hören sie zu,- denn von diesem Teil der Feier, der die Neugier reizt, möchte man sich doch nichts entgehen lassen. In manchen Landgemeinden ist es üblich, daß trauernde Frauen nach Beendigung der kirchlichen Feier an das Grab treten, das Taschentuch gegen das Gesicht pressen und nun laut schluchzend den Toten anreden und ihm seine guten Eigenschaften nachrühmen. Vas macht besonders da einen widerwärtigen Eindruck, wo bekannt ist, daß die Trauernden mit dem Dahingeschiedenen, so lange er lebte, in arger Feindschaft gelebt haben. Sehr beliebt ist auch, daß man am Grabe Szenen aufführt. Man tut so, als ob man in Ohnmacht fallen wolle, die zunächst Stehenden drängen sich herbei, um die Bedauernswerte zu stützen und zu beruhigen. Sehr schlimm ist es, wenn die Fassungslosigkeit einer Trauernden so weit steigt, daß diese sich in dar Grab stürzen will, von dieser Sitte berichtet die Zeitschrift „vorfkirche" einen merkwürdigen Fall. Eine Mitarbeiterin erzählt da von dem früheren Superintendenten Schöneich zu Frankfurt a. d. Oder und berichtet folgendes von ihm: „Als Pfarrer in einem kleinen Grte hatte er einen Mann zu beerdigen, dessen Witwe das dort übliche laute weinen noch überbot. Sie gebärdete sich wie eine vor Schmerz Rasende, schrie auf, als der Sarg hinuntergelassen wurde und wollte sich durchaus ihm nach ins offene Grab stürzen. Die Umstehenden hielten sie gewaltsam zurück, und der Pfarrer versuchte vergeblich die Frau zu beruhigen. „,,Ick möt rin sich will hinein), ick möt rin!"" schrie sie verzweifelt. Da entschied der Pfarrer endlich energisch: „„Na denn — laßt sie rin!"" Die zurückhaltenden Hände ließen los, und die verblüffte Witwe — verstummte. Ins Grab zu springen fiel ihr nicht ein, und sie Konnte plötzlich ihren Schmerz so gut beherrschen, daß das Begräbnis unbehindert seinen Fortgang nehmen Konnte." Im vogelsberg nennt man das weinen am Grabe „gerrn", und mancher hat die Ansicht, daß nur der wahre Trauer bekundet, der recht laut „gerrnt". Bei der Beerdigung eines Kindes stand der noch junge Vater, ohne zu weinen, am Grabe. Jedermann sah ihm an, wie tief und aufrichtig seine Trauer war, wie wehe es ihm tat, das Kind verlieren zu müssen. Das verdroß jedoch die Schwiegermutter, die sich im „Gerrn" sehr hervortat, auf das äußerste, während der Rede des Geistlichen zupfte sie beständig den Schwiegersohn am Arm, um ihm damit zu bedeuten, daß es seine Pflicht doch erfordere, zu „gerrn". Gleichzeitig wollte die gefühlvolle, gemütstiefe Schwiegermutter den Umstehenden auch zeigen, daß niemand den Schmerz über den Tod des Kindes so tief empfinde als sie mit ihrem vordringlichen Toben. Es gibt nichts, dar ergreifender und würdiger ist als der tränenlose Schmerz eines wahrhaft Trauernden, wahre und echte Trauer schweigt, wo man laut schreit, Szenen macht, und alles nur so lange, als Zuschauer und Zuhörer da sind, da geht der Schmerz nicht tief. An keinem Drte der Welt wird mehr Theater gespielt als auf den Friedhöfen. Diese Art der Trauer ist nicht nach dem Sinne dessen, der, als er in das Trauerhaus des Obersten Jairus eingetreten war, zunächst nichts tat, als daß er die Klageweiber hinaustrieb. Lin pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Lechtolsheimer. (Fortsetzung.) Ich hatte in Mainz für Marie einen weißen Schal gekauft und ging gleich am Abend hin, um ihr mein Geschenk zu überbringen. Ueber den Schal freute sie sich sehr, nicht aber über die Nachricht, daß ich als Freiwilliger bei den Il8ern angenommen sei. Sie machte eine unzufriedene Miene und fragte mich: „wie lange muß man bei den Hessen dienen?" „Drei Jahre, wie überall im Deutschen Reiche," gab ich zur Antwort. „Das ist ja eine kleine Ewigkeit, bis dahin "fließt noch viel Wasser den Rhein hinunter," meinte Marie und wandte sich schnippisch ab, um mir an diesem Abende kein Wort mehr zu gönnen. Ich mußte mich damit begnügen, der Rede ihres Vaters zu lauschen, der mir von den Verträgen erzählte, die er für das laufende Jahr mit großen Handelshäusern abgeschlossen habe. Ich wunderte mich, wie in alten Büchern steht, „baß" darüber, daß ein Kramladen in einem kleinen Dorfe, wo alles halbpfundweise gekauft wird, die waren in so großen Ouantitäten absetze. Der harte Winter, der vielen armen Leuten Not gebracht hatte, ging zu Ende, und die Schneedecke schmolz im lauen winde des Februar. Der Donnersberg streifte sein weißes Gewand ab, und überall flössen von den nordpfälzischen Bergen die Wässerlein hernieder, so daß Bäche und Flüsse mächtig anschwollen. Das ist die Zeit, in der der Musikant unruhig wird, in der ihn der Drang in die Ferne bewegt. Defters als sonst kam unsere Kapelle zusammen, und lebhafter und taktsicherer als sonst klang unsere Musik. Jeder sagt sich eben, wenn es wieder in die Welt hinaus gehen soll, daß er sein Bestes leisten muß. Marie Lippert hatte mehrere Tage mit mir geschmollt, und war, wenn ich abends in ihr Elternhaus kam, nicht herbeigekommen. Eines Tages aber, als ich die Trompete unter dem Arme hatte und wieder nach Rockenhausen zur Uebungsstunde geben wollte, erwartete mich am Dorfaus- gange wieder ein Kind, das mir einen Zettel von Marie überreichte. Auf diesem Zettel bestellte sie mich zum Abend an das Hoftor. Ich ging hin und fand das Mädchen wie umgewandelt, »sie war heiter und freundlich und redete mit einem Male davon, daß wir im herbste unsere Verlobungskarten ausschicken sollten, um dann, wenn ich meine Militärdienstzeit hinter mir habe, zu heiraten. Das erschien mir als ein sehr lockendes Ziel. Im stillen hatte ich schon oft gedacht, daß ich als Schwiegersohn des Krämers Lippert mit einem Schlags ein reicher Mann sein werde. Bayerische Eisenbahnaktien, ungarische Goldrente, ein Jahresumsatz von 9000 Mark, Haus und Geschäft und später einmal die Villa, das gefiel mir besser, als durch den Straßenkot zu marschieren und Musik zu machen. „Aber, komm hinein in das Haus!" sagte das Mädchen, „hier am Tor zieht es zu sehr, und es braucht auch nicht jeder zu hören, was wir sprechen." Sie nahm mich an der Hand und führte mich in das Wohnzimmer, in dem sich niemand befand. Der Vater bediente im Laden Kunden, wenigstens konnte ich hören, daß dis Klingel oft ging und daß Frauen und Kinder bald Steinöl, bald ein halbes Pfund Linsen, bald Senf verlangten. Dis Mutter rumorte in der Küche. 230 Hell brannte im Wohnzimmer die Hängelampe, und in ihrem Schein sah ich, daß über einer Stuhllehne Uleider hingen, die sehr bunt waren und mir deshalb auffielen. Marie nahm die Sachen auf und hielt sie gegen dar Licht. Es war ein rotes, mit allerhand Flitter verziertes Mieder und ein schwarzer, über und über mit kleinen Glasperlen besetzter Samtrock. „Gefällt dir das?" fragte Marie und sah mich lachend an. Sch wußte nicht recht, was ich erwidern sollte und sagte nur: „Willst du Theater spielen?" Sie gab mir keine Antwort, sondern ergriff ein Tamburin, das auf dem Uleiderschranke lag und schlug leise, damit es die Leute im Laden nicht hören sollten, mit dem Fingerknöchel darauf. Sch wußte noch immer nicht, was das Ganze bedeuten sollte. Da legte mir Marie zutraulich die Hand auf die Schulter und sagte: „Peter, ich habe etwas Schönes vor. Siehst du, das hier ist ein Zigeunerkostüm, das hat mir meine Mannheimer Herrschaft geschenkt. Und nun will ich dir sagen, was wir miteinander machen wollen. Oie nächste Woche ist Fastnacht, da gehen wir nach Mainz und amüsieren uns nach Herzenslust, Da ist die Hambacher-Greth von hier, die hat einen Mann geheiratet, der in der großen Lederfabrik zu Mainz schafft, bei der können wir übernachten. Um Sonntag morgen reisen wir ab und dann machen wir gleich drei Tage hintereinander durch bis zum Nschermittwoch. Unsere Nrbeit ist kein Frosch, die hüpft nicht davon. Gelt, Peter, das gefällt dir doch auch?" Wie es gekommen ist, das weiß ich nicht, aber das weiß ich noch, als Marie mir diesen Vorschlag entwickelt hatte, sah ich meine Mutter ernst und still im Wohnzimmer hinter ihrem Spinnrad sitzen, und das Bild des Vaters tauchte vor mir auf, wie er abends, wenn es anfing dunkel zu werden, durch das Hoftor schritt und die Nxt auf der Schulter trug. Meine Eltern und der Mainzer Karneval, das paßte so wenig zusammen, wie ein Nuppertsecker Unecht, der seine kurze Pfeife raucht, und ein feiner Salon, wie ich ihn oft in dem französischen Seebad Trouville, wo wir gespielt hatten, durch die geöffneten Fenster gesehen hatte. Mein Vater war allemale schon ärgerlich gewesen, wenn ein kleiner Junge am Fastnachtsdienstag sich nur eine Larve vorgebunden hatte. Dp hatte er immer gesagt: Es ist eine Schande, daß die Leute so das Geld zum Fenster hinauswerfen und ihrem vub ein Fastnachtsgesicht'" kaufen. Marie deutete mein Schweigen im anderen Sinne. Sie sagte: „Gelt, Peter, du denkst darüber nach, was du für ein Maskenkostüm anziehen sollst. Ich habe schon gedacht: Du gehst als Fuhrmann, blauer Kittel, weiße Zipfelmütze, Ledergamaschen, und in die Hand nimmst du eine lange peitsche. Das Unallen mit der peitsche hast du ja gelernt, wenn du mit euren Uühen ausgefahren bist." Laut lachte das übermütige Mädchen. Mir war es nicht zum Lachen, ich dachte daran, daß meine Mutter mir gesagt hatte, Marie habe ihre Stellung in Mannheim aufgegeben, weil ihre Herrschaft nicht dulden wollte, daß sie sich in den Fastnachtstagcn auf der Straße umhertreibe. Nach langer Pause gab ich zur Antwort: „Nein, Marie, da mache ich nicht mit, das leidet meine Mutter nicht." Da hätte man aber einmal sehen sollen, wie Marie in Zorn geriet. Ihre Nugen blitzten, sie stampfte mit dem Fuße auf und warf ihr Zigeunerkostüm über die Stuhllehne. „Was?" sagte sie in der höchsten Erregung, „du läßt dir Vorschriften von deiner Mutter machen? Gehst du Musik machen und verdienst du das Geld oder sie? Ich habe ja schon lange gewußt, daß deine Mutter gegen mich ist, die Nltpeter- Lene hat mir das auch gesagt. Nber warte, wenn ich die Rite einmal dazwischen Kriege, dann will ich ihr die Meinung sagen. Ich mache sie so schlecht, daß kein Hund mehr ein Stück Brot von ihr nimmt. Was weiß sie davon, wie es heutzutage die jungen Leute in der Welt machen! Die kann nur schaffen und sparen, der Hunger und der Geiz bringen sie noch um." „Marie, laß meine Mutter aus dem Spiel!" wagte ich schüchtern dazwischen zu reden. „Nch, deine Mutter, die weiß nur, wie man Kühe melkt und den Hinkeln Futter gibt. Ich weiß schon lange, daß sie mich nicht leiden kann. Aber warte, sie soll mir nur einmal zwischen Licht und Dunkel begegnen!" Noch einmal versuchte ich, Gel auf das tobende Meer zu gießen, aber mein bemühen war umsonst. „Du bist gerade wie deine Mutter!" so wurde ich angefaucht. „Du kommst auch noch um vor Geiz. Du bist überhaupt nichts als ein dummer Nuppertsecker Dauer, der am besten mit der Mistgabel umgehen kann. Mach dich weg, ich will nichts mit dir zu schaffen haben." So wurde ich auf wenig freundliche Nrt entlassen. Ich ging schon deshalb, weil ich alles Nufsehen vermeiden wollte. Es konnten Leute in den Laden kommen, die unsere Nusein- andersetzung mitangehört hätten, und dann hätte das Dorf am nächsten Tage eine Neuigkeit mehr gehabt. Immer länger wurden die Tage, und immer stärker wurde der vergwind, der in Feld und Wald den Boden trocknete. Nach dem schweren Winter atmeten die Menschen wieder auf und taten die Pelzkappen und die dicken Fausthandschuhe wieder in die Lade. Längere Zeit - wohl vierzehn Tage lang — sah und hörte ich nichts von Marie Lippert. Es hieß, sie sei nach Nlsenz zum Besuch von verwandten. Im stillen überlegte ich, ob ich vernünftig gehandelt hätte, als ich es abschlug, mit ihr nach Mainz zum Karneval zu gehen. Was hätte daran gelegen, wenn wir uns dort einmal zusammen gründlich amüsiert hätten? Einem Mädchen, dessen Vater ein so schwer reicher Mann ist, darf man nicht vor den Kopf stoßen und ihr nicht, gleich den Willen der zukünftigen Schwiegermutter Vorhalten. Mit meiner Unvernunft, so dachte ich, hatte ich mir vielleicht mein zukünftiger Glück verscherzt." Der letzte Tag vor unserm Nbmarsch nach Holland war gekommen. Der Meister hatte die ganze Kapelle noch einmal nach Nockenhausen bestellt, um wegen des Lohnes, den wir bekommen sollten, und der Dauer unserer Neise noch einiges zu besprechen. Nls wir fertig waren, wollte ich einige kleine Einkäufe für die Neise machen. Gottfried Keiper, der keine Lust hatte, auf mich zu warten, nahm seine Klarinette unter den Nrm und ging allein nach Hause. Ich erstand mir in einem Schuhgeschäfte ein paar neue Schuhe und trat dann in einen Bäckerladen, um für meine Mutter einige mürbe Wecke zu kaufen. Gerade wollte ich bezahlen, da trat zu einer großen Ueberraschung Marie Lippert ein. Ich hatte sie vorher in dem Städtchen nicht gesehen, aber sie mußte irgendwo auf mich gewartet haben. Sie sagte zu mir: „Warte ein bißchen, Peter, wir haben ja denselben weg." Ich war sehr verwundert, sie so plötzlich zu sehen, noch mehr-wunderte ich mich darüber, daß sie in aller Freundlichkeit, als wäre nichts geschehen, mich anredete. So wartete ich 231 denn vor dem Laden auf sie, und wir gingen, wie so oft im letzten herbste und Winter, miteinander den Berg hinauf. Als wir die letzten Häuser des Städtchens hinter uns hatten und an einem Zimmerplatze vorbeigekommen waren, hing sich Marie in meinen Arm und fing an wie eine (Elfter - in der Pfalz sagt man: wie eine Atzet — zu schwätzen. Ich möge ihr doch nicht böse sein, weil sie sich bei unserem letzten Zusammensein so aufgeregt gezeigt habe. Sie habe sich gerade an diesem Tage über ihre Mutter, die ihr alle schwere Arbeit zumute, ärgern müssen. Ich hätte ganz recht gehabt mit meiner Weigerung, den Mainzer Fastnachtsunfug mitzumachen, und meine Mutter sei wirklich eine brave alte Frau. Dann erzählte sie, sie sei beinahe vierzehn Tage in Alsenz bei ihrer Goth gewesen und habe erst gestern abend von Nachbarskindern erfahren, datz ich am übernächsten Tage mit meiner Kapelle nach Holland aufbrechen wolle. Da sei sie heute nach Nockenhausen gegangen und habe auf der Straße gewartet, bis ich gekommen sei,' denn sie wolle doch nicht, daß ich fort- gehe und mit ihr böse sei. Sie habe mich wirklich sehr gern und wolle einmal keinen anderen haben als mich. Im herbste, ehe ich zum Militär einrücke, wolle sie sich mit mir verloben. Die lange Nede schloß mit den Worten: ,,Das ist dir doch recht, Peter?" Wohl dachte ich in diesem Augenblicke, daß Marie doch sehr sonderbar sei vor zwei Wochen hatte sie mich aus dem Hause gejagt und erklärt, sie wolle mit mir nichts mehr zu schaffen haben, und nun versicherte sie mich einmal um das andercmal, ich sei ihr der liebste auf der ganzen Welt. Aber ich dachte noch mehr an die baperischen Tisenbahnaktien und an die ungarische Goldrente ihres Vaters und sah mich im Geiste schon, wenn der Alte einmal in seiner schönen Villa wohnte, wie ich, angetan mit dem Lederschurze, hinter dem Ladentische stand und das Geld durch die Nitze des Tisches in die Nasse einstrich. Indem ich mir diese angenehme Beschäf- tigung ausmalte, sagte ich, meine Begleiterin sanft an mich ziehend: ,,was könnte mir lieber sein? Gelt, Marie, wir bleiben einander treu?" Sie nickte mit dem Nopfe, und weiter bergaufwärts im Abendwind ging unser weg. (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. In der vorigen Nummer hatten wir in dem Artikel über den Nlein-Lindener Posaunenchor angegeben, daß Anton Weigel Führer der dortigen Gemeinschaft gewesen sei. Diese Mitteilung beruht auf einer Verwechslung. Anton Weigel war wohl ein treues Glied der Versammlung, aber nie deren Leiter. Der erste Leiter war der Rechner Weigel. Worte zum Nachdenken. Tin Pilgrim gedenket nicht zu bleiben im Lande, da er wallet, und in der Herberge, da er über Nacht lieget, sondern fein Herz und seine Gedanken stehen anderswohin. Also seid, ihr Thristen, spricht Gott, nur Fremdlinge und Gäste in dieser Welt und gehöret in ein ander Land und Reich, da ihr eine stete Herberge und bleibende Stadt habt ewiglich. Dr. M. Luther. Die zukünftige Herrlichkeit ist nicht etwa eine von außen uns zufallende Nrone, sondern eine innerlich unter heißen Anfechtungen der Twigkeit entgegenreifende Frucht. In Thristo kann man alles haben. Du seiest, wer du bist, komm nur getrost zu ihm. willst du deine Wunden geheilt haben: er ist dein Arzt. Bist du von Sünden beschwert: er ist deine Gerechtigkeit. Brauchst du Hilfe: er ist deine Kraft. Fürchtest du den Tod: er ist dein Leben. Ambrosius. Einem Thristen soll und darf nichts unentbehrlich sein als Gottes Wort und dessen Kern und Stern: Jesus Thristus. Unser Kreuz tragen heißt: die unabänderlichen schweren Dinge unseres Lebens, unter denen Mut und Kraft zu zerbrechen drohen, doch im Glauben an die Liebe des himmlischen Paters nehmen, heißt auf Posten, die verloren scheinen, doch treu aushalten, heißt, auch wenn der Kelch bis auf die Neige getrunken werden muß, doch an Gott nicht irre werden. Gb wogen auch brausen, ob Stürme auch wehn, Fest steht die Verheißung: Der Herr wird's verstehn. kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 26. Juli, 7. nach Trinitatis. Kollekte für die innere Mission. Gottesdienst. In der Stadtlirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Schwabe. Zugleich Lhristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Markusgemeinde, vormittags M/s Uhr: Pfarrer D. Schlosser, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer D. Schlosser. Nächstkünftigen Sonntag, den 2. August, wird Beichte und heil. Abendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam gehalten werden. Anmeldung dazu wird bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. In der Johanneskirche, vormittags 8 Uhr: Pfarrer A u s f e l d. Zugleich Ehristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Johannesgemeinde, vormittags M/z Uhr: Pfarrer Bechtolsheimsr. Beichte und heil. Abendmahl für Lukas- und Jo- hannesgemeinde gemeinsam. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags ll'A Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimsr. „Wartburg", evangelischer Jünglings- und Männer Verein. jviezstraße 15, Kirchstratze 9.) Dienstag, abends 8 1 /* Uhr, Bibelstunde, Mittwoch, abends 8 Uhr, Turnstunde, Donnerstag, abends 8 V 2 Uhr, Lese- und Lpielabend, Samstag, abends 8V2 Uhr, Versammlung der älteren Abteilung, Sonntag, abends 8 Uhr, Vortragsabend, Diezstr. 15. Gäste stets willkommen! Bibelkränzchen für Schüler höherer Lehranstalten. Jüngere Abteilung jeden Mittwoch von 6 — 7 Uhr. Aeltere Abteilung jeden Samstag von 6 —7 Uhr im Johannessaal Bibelkränzchen für Mädchen aus der Iohannesgeincinde. Jeden Dienstag von 6—7 Uhr im Johannessaal. V. Bergmann £Co., Radebeul ist die beste Z.> { .lienmllchselfe f. xarte, weiße Haut u.blendendschön.Teint St.50Pf Überall z. hab. 232 [ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ] Ium 15. August wird in einen Offiziershaushalt in Mainz ein in Hausarbeit erfahrenes Mädchen od. eins. Fräulein gesucht. Etwas Kochen erwünscht. Anerbieten nebst Zeugnisabschriften an Frau Hauptmann Gottschalk, Mainz, Diether v. Isenburgstrasze 13 1 / 10 . kudolf Richter Bietzen, Marktstratze 24 — 26 hüte und Mützen Reichhaltige Auswahl. BilligePreife :: Rabattmarken. Reparaturen :: z 8 rdr. Seipel \ — ,6 Markt M < vorteilhasteBe^ugrquelle ) für \ 5trumpfwaren unö$ Unterzeuge, Wäsche < Rinder - Ausstattungen H / en gras KöffCttS en detail, Filiale: Frankfurter Straße, i IX- ne. Auch andereSysteme stets aufLager. Preislage Mk. 60. — bis Mk. 180. — Rur bestbewährte Qualitäten 5r. Linker, Ludwigftr. 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