Gemeinüeblatt süröie evangelische Kircbengemeinöe Gieszew Nr. 28. Gießen, 6. Sonntag nach Trinitatis, 19. Juli 1914. 3. Jahrgang. Die Gewerbe-Ausstellung. 2eremia9, 23 und 24. So spricht der Herr: Einweiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums, sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, daß er mich wisse und kenne, daß ich der Herr bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übet auf Erden. Die Gewerbe-Nusstellung, die in diesem Sommer sehr viele Besucher nach Gießen zieht, ist sehr lehrreich. Man gewinnt aus ihr einen Eindruck davon, was die Provinz Gberhessen auf dem Gebiete der Industrie, der Technik, des Handwerks und des Kunstgewerbes leistet, vor IOO Jahren waren bei uns Nckerbau und Kleingewerbe vorherrschend. Buch die Bewohner der Stadt Gießen befaßten sich neben ihrem Geschäfte, das sie nicht immer nährte, mit Nckerbau, Gartenbau und Viehzucht. Ls gab ganze Landstriche in unserer Provinz, in denen die Bewohner Mangel litten. Darum zogen aus der Gegend zwischen Gießen und Grünberg viele Leute nach Paris, wo sie die Straßen kehrten und durch Fleiß und Sparsamkeit vorwärts kamen. Gott hat die Geschicke unserer Nation so gelenkt, daß das alles ganz anders geworden ist. Wie reich und vielseitig jetzt bei uns die Lrwerbstätigkeit ist, zeigt uns die Gießener Nusstellung. Sie gibt uns ein Bild davon, wie der Menschengeist von Jahrzehnt zu Jahrzehnt weiter schreitet. Die Setzmaschine, die in der Nurstellung zu sehen ist, ist ein Wunderwerk der Technik. Durch bloßes Nnschlagen der Typenhebel wird der Satz nicht nur zusammengefügt, sondern auch gegossen, so daß er sofort durch die Rotationsmaschine vervielfältigt werden kann. Man denke sich daneben den langsamen und unvollkommenen Druck der Handpresse in früherer Zeit, vielleicht stellt sich uns der Triumph der modernen Technik am deutlichsten dar, wenn wir uns in der Nusstellung die elektrischen Beleuchtungskörper ansehen und damit das Rüböl- und Kienspanlicht der alten Tage vergleichen. Die Schreiner- und Schlosserarbeiten, die vielerlei Geräte, die im Haushalt Verwendung finden, die Vorrichtungen, die den Bergbau illustrieren, das alles gibt ein eindrucksvolles Bild von menschlichem Rönnen und von der Kultur unserer Zeit. Ls gibt fromme Menschen, die diese Errungenschaften für recht nebensächlich ansehen. Diese Nuffassung herrscht in den Kreisen der sogenannten „Stillen im Lande". Wenn es nach ihrem Willen ginge, so würden gewiß keine Nus- stellungen veranstaltet werden. Wir können ihnen hierin nicht recht geben. Nusstellungen, die von menschlicher Tüchtigkeit Kunde geben, sind sehr wertvoll. Sie reden zu uns von Menschen, die die Kräfte und Nnlagen, die ihnen der große Gott gegeben hat, in treuer Nrbeit ausgenützt haben. Sie zeigen uns, wie derMensch sich die Natur und ihre Kräfte untertan macht. Nlle wahre Kulturarbeit dient der Förderung des Reiches Gottes auf Erden. Die Vervollkommnung der Verkehrsanlagen bringt es mit sich, daß wir den Heiden, die uns früher unerreichbar waren, das Evangelium bringen können. Die Nusdehnung der Industrie schafft den Nrmen, die früher stumpf und verzweifelt auf der Straße lagen, Nrbeit und Brot, so daß sie Nchtung in den Nugen der anderen gewinnen und ein zufriedenes Leben führen. Ueber eine Thristenheit, die sich geistig nicht mehr regen würde, würde die Weltgeschichte rasch zur Tagesordnung übergehen. Nber in einem haben die Frommen, die „Stillen im Lande", die „Pietisten" oder wie man sie nennen will, recht. Sie haben von jeher mit Nachdruck betont, daß aller Große, das der Mensch schafft, nicht auf sein, sondern auf Gottes Verdienst zurückzuführen ist. Die Kräfte und Schätze der Natur, wie sie die Wissenschaft von Jahr zu Jahr mehr entdeckt, wie auch die geistigen und leiblichen Kräfte gibt uns Gott. Darum sollten wir uns, wie der Prophet sagt, nicht unserer Weisheit, unserer Stärke und unserer Reichtums rühmen, sondern allein der Gnade Gottes. Nuch dafür wollen wir den Frommen von Herzen dankbar sein, daß sie stets die Meinung vertreten haben, daß alle Kultur uns nicht selig machen kann. Das Leid, da; eines Menschen Herz erfüllt, ist dasselbe, ob er in einem Schnellzuge fährt oder ob er mit dem Postwagen langsam im Lande vorwärts kommt. Sünde und Schuld belasten uns genau so schwer, ob wir in einem Zimmer sitzen, das von elektrischen Flammen taghell erleuchtet wird, oder ob wir beim Schein der Petroleumlampe die Hand auf das Haupt stützen. Und wenn es zum Sterben geht, so macht es keinen Unterschied, ob wir in einem Krankenzimmer liegen, das mit allem Komfort der Neuzeit ausgestattet ist, oder ob wir in einer stillen Kammer in einem 218 — Gebirgsdorfe den letzten Seufzer aushauchen. Lin großer Unterschied aber ist es, ob ein Mensch sich rühmen kann, daß er, wie Jeremia sagt, Gott weiß und kennt, ob er den Gott gefunden hat, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden, oder ob er fern ist von Gott. Und ein großer Unterschied ist er, ob ein Mensch in seiner Lrdennot und Lrdenschuld Hilfe an Jesus gefunden hat oder ob ihm der Heiland völlig gleichgültig ist. Darum geziemt es sich für den Thristen, daß er sich über die Errungenschaften der Neuzeit freut und, so weit er dazu imstande ist, an ihrer Förderung arbeitet, daß er es aber sein höchstes Bestreben sein läßt, darnach zu trachten, wie er selig werde. h. 6. Griechische Reisen und Sommerfrischen. von Geh. Gberkonsistorialrat E>. u>. petersen in Darmstadt. (Fortsetzung.) Unser ll)eg geht westlich in die Berge. vor uns erheben sich die stolzen höhen der Upanochrepa 1559 m hoch. Ls ist ein kahles Gebirge. Der Morgen färbt den östlichen Himmel, die verge setzen ihre Nosenhauben auf, es ist wundervoll, viel Verkehr ist auf der Bergstraße. Uebernächtige Menschen, oft mit Gesichtern, denen man Entbehrung und Urbeit ansieht, Esel und Maultiere mit dem Gras, das morgen in den Ofen geworfen wird, und mit Holz kommen vorüber. EDir erreichen ein Dorf Selimno in einer Talmulde, steigen dann etwas abwärts zu einer zweiten Talmulde, der des Flusses D a v i ä s. Das ist der h e l i s s o n der Ulten, der von hier aus durch eine enge Schlucht zwischen steilen, mit Fichten bekleideten Bergen sich der Ebene von Megalopolis zuwendet, der Stadt, die einst nach der Schlacht bei Leuktra unter thebanischem Schutz von den Urkadiern gebaut wurde als Trutzburg gegen die spartanischen Erbfeinde, der Ltadt, in der der „letzte Grieche" Philogamon, der Führer des achäischen Bundes und der ausgezeichnete Geschichtsschreiber polqbios geboren wurden. Ein Dorf gleichen Namens Daviä bleibt uns zur Rechten. Nach vorn eröffnet sich der Blick auf ein stolzes Gebirge. Es ist das alte Mänalon. Ueber dem Dorfe Daviä erhebt sich eine alte Burg, ein paläokastro mit mittelalterlich verbauten antiken Besestigungswerken. Im Flußtal sind Maisfelder. Der weg geht wieder bergan, vor uns liegt der etwa 1400 m hohe Zygovisti. Ln halber höhe desselben sieht man in der Ferne ein großes Dorf rechts liegen, Pinna mit mittelalterlicher Burg. Das Uuge eilt schnell begierig, langsam folgt der Huf der geduldig bergansteigenden Pferde. Ruf den Bergen ist Tannenwald. Nach g'/Jtündigem Ritt erreichen wir in einer Talmulde, die von mit Tannen bewaldeten Bergen umgeben ist, das 1101m hoch gelegene Dorf Ehrysowitzi. Die Leute strömen gerade aus der Rirche, unendlich viele Rinder sind darunter. Eine Mutter trug ihr kleines Rind in einer Rrt Rlapp- stuhlsitz an einem Strick auf dem Rücken. Das sah man in Rrkadien öfter. IV 2 Stunden blieben wir im Dorf, lvir sahen uns nach Nahrungsmitteln um. Es gab nur Eier. Eine Rind- fleischkonseroe wurde geöffnet und gutes dunkles Brot gekauft. Die Ronserve wärmte ich am holzfeuer im Familienzimmer. Ruf dem Ramm stand ein Rochgeschirr, nebenan ein schmutziges Gefäß mit lvasser, das zum Rbspülen diente. Das lvasser wurde offenbar nicht gewechselt. Die Dürftigkeit eines griechischen Bauernhaushaltes trat einem hier gleich vor Rügen, wir brauchten einen Löffel, es schauderte einem doch, wie die Hausfrau ihn in da; Wasser von zweifelhafter Reinheit eintauchte und ihn harmlos an ihrer Schürze abtrocknete. lins mundete trotzdem der Imbiß, und gestärkt begaben wir uns auf den weiterritt. Der schwierigere Teil des Weges begann. Bergauf, bergab ging es etwa drei Stunden durch herrlichen Tannenwald, wohlgemerkt, es handelt sich hier um Edeltannen, die in Griechenland erst bei über 1000 m höhe gedeihen. Ich wurde lebhaft an die Edeltannenlandschaft des parnas in Rttika erinnert, zu der ich in neun Sommern hinaufzusteigen Gelegenheit hatte. Eirve herrliche Gegend tat sich vor uns auf. Rite knorrige, wetterharte Bäume verbreiteten Schatten. Schließlich kamen wir aus dem Wald heraus und mußten wieder tief hinab und dann entsprechend hoch hinauf. Schließlich war es eine furchtbare Steineinöde, rattenkahle Berge und ein weg so unwegsam, daß wir notgedrungen von den Pferden absteigen mußten, wir tauchten nun in eine großartige, wilde Felsschlucht und kamen bei unserem Rbstieg um einen Berg herum, wo sich auf einmal überraschendes Grün unserem Rüge darbot. Es rührte her von wundervollen Bäumen, die bei einem steinernen Brunnenhaus standen. In letzterem war klares, eiskaltes Wasser, woran wir uns erquickten. In tiefer Felsschlucht stürzte das Wasser hinunter, der Ueberschuß benutzte unsere Straße als Rinnsal. In der Ferne wurden Häuser sichtbar. Nach einer Viertelstunde standen wir vor Stamnitza, einem höchst malerischen Felsennest, das an einen Regelberg hinangebaut ist, wie versteckt vor Türken und Räubern, wir ritten in den Grt und stiegen an einem Raffee- haus ab. Es war Vü 4 Uhr. Zu uns gesellte sich der Dimarch (Bürgermeister), ein Mann mit nicht gerade vertrauenerweckendem Reußern. Die liebe Jugend des gegen 3000 Einwohner zählenden Grtes umstand uns staunend, so wie man etwa bei uns die Fürstlichkeiten begafft. Unsere Begleiter halten nach einer halben Stunde ein passendes Nachtquartier gefunden, ein ganz neues Haus noch ohne Fenster. Darin konnten keine Wanzen sein. Rlle Bequemlichkeiten fehlten. Es gab dort nicht einmal ein Waschgefäß. Die Wäsche wurde auf dem Balkon ohne Brüstung vorgenommen. Der sich waschende wurde von einem andern sestgehalten, während ein Dritter ihm das Wasser über die Hände goß. Im Untergeschoß war ein Räse- lager, dessen nahrhafte Düfte durch den Lretterboden zu uns emporstiegen. Eine Flasche diente abends als Leuchter. wir machten einen längeren Spaziergang, wie reizend das Nest liegt! Unterhalb des Dorfes zog sich zwischen steilen, hohen Felswänden die grüne Schlucht hinab. In der Ferne leuchteten andere Berge, nördlich die 1546 m hohe Rlinitza. wir nahmen unsere Mahlzeit, Eier, Ronservenfleisch und Brot, ein und schrieben Briefe, dann legten wir uns auf unsere eigenen Reisedecken auf den Boden, als Ropfkiffen dienten uns unsere Reisetaschen. (Es war die erste Nacht ohne Gasthof, und die Rnochen taten einem weh, aber es gab wenigstens kein Ungeziefer. Jede Stunde wachte man vor Schmerzen auf, um sich wieder auf eine andere Seite zu legen. So verstrich die Nacht, und mancher Seufzer wurde laut. Mit schmerzenden Gliedern wachten wir am nächsten Morgen um 4 Uhr auf und weckten selbst unsere Begleiter. Herr N. braute einen Tee, der aber völlig mißlang und von uns als warmes Wasser getrunken wurde. 3um Glück hatte die Wirtin uns Ra'ffee gemacht, zu dem das trockene Brot vortrefflich schmeckte. Bald brachen wir auf, zunächst zu Fuß, dä der Pfad in der großartigen und stark bewachsenen Schlucht von Stamnitza stark bergab ging. Vas Bild vor uns war ein herrliches: Das Lykaiongebirge, jetzt viaphorti genannt, etwa 1300 m hoch, erglänzte in feierlichem Morgenlicht. Der Ly- kaion war der arkadische Glpmp. Der ganze Berg war den Rrkaden ein Heiligtum. Mit seinem die Wolken sammelnden 219 Haupt, seinen fruchtbaren Abhängen, seinen zahllosen (Quellen war er ein Bild des Wolkensammlers Zeus, hier auf dem Lykaion wurde der Lohn des Kronos von der Bhea geboren. Drei Ouellnpmphen zogen ihn im verborgenen auf, und schon nach Jahresfrist machte er der Herrschaft seines Vaters ein Ende. Auf dem Gipfel des Gebirges erhob sich der dem Gott geweihte Erdaltar, unterhalb desselben war der heilige Bezirk. Wer den Fuß über seine Grenzen gesetzt hatte, mußte noch desselben Jahres sterben, ein verfolgtes Wild verlor in dem Bezirk plötzlich seinen Schatten. An jenem Augustmorgen sah der breit und majestätisch hingelagerte, von Wolken nicht bedeckte Berg, von rotem Morgenlicht überglüht, besonders feierlich und zur Andacht stimmend aus. Links liefen schön geformte und grüne Berghänge dem Flusse zu, der in der Ferne seine Furche durch das Gelände zog. Es war der Alpheios, der Fluß Glpmpias, in seinem mittleren Lauf, hinter ihm lag die Ebene von Magalopolis und dahinter wieder die stolze gipfelreiche Kette des Tapgetos. Bechts hatten wir einen Bergrücken, der uns die klussicht abschnitt und den wir erst übersteigen mußten. Zunächst ging es bergab und je tiefer wir hinabkamen, desto reicher wurde die Vegetation, darunter auch schöne Lorbeersträucher. Wir kamen durch Weinberge und trafen gerade einen Mann mit einem Korb voll davon, der uns gern für Geld von seiner köstlichen Frucht überließ. Weiter wandernd schmauste jeder mit Behagen von seiner Fülle und freute sich des köstlichen, erfrischenden Saftes. vie Geschichte eines Zingerhutes. va steht er vor mir, der kleine, silberne und unscheinbare Gegenstand, so verbraucht, auch etwas verbogen und dennoch wie wertvoll für mich und hoffentlich auch wertvoll für alle die Generationen, die nach mir kommen sollen, die je das kleine Ving in Händen halten werden. Nur in der Hand halten, nie mehr in Gebrauch nehmen; denn dazu ist er zu ehrwürdig, er soll feine Nuhe und seinen Ehrenplatz haben wie alles, was in treuer Arbeit alt geworden ist. Wenn ich ihn mir still betrachte, den schlichten, kleinen Fingerhut, so fällt mir immer dabei auf, nicht nur, wie sehr verbraucht, sondern auch, wie klein und zierlich er ist. Wie zart und fein waren wohl die Hände, die ihn trugen zu fleißiger Arbeit! klch, ich habe sie noch gekannt, es waren die Hände meiner Mutter, und ich erinnere mich dieser Hände sehr gut, sie waren fein und weiß, aber nicht vom Nichtstun. Ich habe mich oft gefragt, und jetzt erst recht frage ich mich, wie es wohl möglich war, solche zierliche, feine Hände zu haben, und dabei doch eine so tätige, schaffende Landhausfrau zu sein, wie es einst meine Mutter war! Jetzt, wo selbst vielfach auf dem Lande alles fertig in das Haus kommt, kann man sich die Tätigkeit einer Hausfrau in einem großen Landhause von damals nicht mehr vorstellen. Va wurde z. 6. alles Brot für den Haushalt selbst gebacken, und meine Mutter machte das stets eigenhändig,' ich sehe sie noch vor mir in einer großen, weißen Schürze mit klermeln, die das ganze Kleid schützte, wie geschickt und flink sie den Teig behandelte und die großen Brote formte. Sch sollte es auch lernen, jedoch muß ich leider bekennen, daß ich es nie fertig gebracht habe, obwohl ich zu meiner klusjteuer auch eine große, weiße Backschürze erhielt. Und vor den Festen, besonders an Weihnachten, welche Menge von Kuchen wurden da gebacken. Venn nicht nur war es eine zahlreiche Familie mit den dazu damals auf dem Lande nötigen Lehrern und Erzieherinnen und den vielen vienst- boten, es mußte auch auf Besuche gerechnet werden, die in den Feiertagen sich besonders gern in dem kinderreichen, fröhlichen Landhause einzustellen pflegten, killen diesen häuslichen Arbeiten stand meine Mutter selbst vor, und dabei erinnere ich mich nicht, sie je in großer Eile gesehen zu haben,' es muß wohl alles sehr zur Zeit vorbereitet und angeordnet gewesen sein, um es möglich zu machen, daß die Maschine dieses großen Haushaltes so pünktlich und gut arbeitete. Vas Schönste aber von allem waren die Nadelarbeiten der Mutter, zu denen der kleine Fingerhut unentbehrlich war. Sch erinnere mich nie, die Mutter müßig gesehen zu haben, - stets regte sie ihre fleißigen Hände zu nützlicher Arbeit, und ungezählt sind die Gegenstände, die aus ihrer geübten Hand für ihre vielen Kinder hervorgingen und noch weiteren Generationen dienten. Aber noch ein Amt hatte dieser vielbenützte Fingerhut: er mußte tanzen zur Erheiterung des jeweiligen Jüngsten in der Familie. Es ist mir dies ein unvergessener Anblick geblieben: meine Mutter am Fenster an ihrem einfachen Nähtisch, auf welchem und in welchem die peinlichste Ordnung herrschte, auf dem Schoß das Nesthäkchen, vor dem der Fingerhut gedreht wurde, daß er sich wie ein Kreisel bewegte, und dabei ein leise schnurrendes Geräusch verursachte, vie kleinen, dicken Händchen des winzigen Erdenbürgers versuchten das sich drehende, schnurrende Ving zu fassen, schlugen aber natürlich immer daneben, was die Heiterkeit des jungen Künstlers ebenso wie die der bewundernden Geschwister nur erhöhte. Was könnte der kleine Fingerhut alles erzählen aus dem äußerlich einförmigen, aber doch so vielseitigen, inhaltsreichen Leben dieser längst vergangenen Zeit, das sich in dem Hause unter den alten Linden abspielte. Ls war aber nicht nur Spiel und Lachen der Kinderschar, auch heiße Tränen fielen auf die fleißigen Hände, als der Vater durch ein schweres Leiden schnell hinweggerufen wurde, va sehe ich die Mutter wieder an ihrem Fensterplatz sitzen in ihrem Witwenkleid, wie sie an hüten und Nöckchen den bunten Besatz löste, um schwarzes Band daran zu nähen, wie die Tränen leise auf ihre feinen Hände fielen, die selbst in den Tagen tiefer Trauer nicht rasteten. Diese Bilder alle bringt der kleine Fingerhut mir vor mein geistiges Auge,' zugleich erweckt er mir auf das neue die Freude an aller und jeder Nadelarbeit, der ich bis in das hohe Alter treu geblieben bin. Nach meiner Ansicht ist das Snteresse dafür viel zu sehr geschwunden, wohl infolge des vielen Sports,' doch wäre es in jeder Weise zu begrüßen, wenn neben diesem nützlichen und die Gesundheit fördernden Vergnügen der Fingerhut wieder mehr zu Ehren käme. Sch befürchte, er wird sonst bald zu den Gegenständen gehören, wie auch das Spinnrad, die nur noch in Museen und beim Alter- tumrhändler zu finden sein werden, um damit einer längst überwundenen, der „guten alten" Zeit anzugehören. Armer kleiner Fingerhut! Baronin N. Sechzig Zchre ttlein-Lindener Posaunenchor. -V Wie wir in unserem Blatte an anderer Stelle berichten, so feierte der Klein-Lindener Posaunenchor Sonntag, den 5.Juli, sein sechzigjähriges Bestehen. Zu diesem Feste hat Pfarrer Otto Lenz vom viakonissenhaus Elisabethenstift in Varmstadt, ein geborener Gießener, eine Denkschrift geschrieben, die unter dem Titel „Denkschrift zum sechzigjährigen Jubelfeste des Klein-Lindener Posaunenchors (des ältesten in Hessen) — die 220 Erweckung, die Versammlung und der Kirchenmusikverein zu Klein-Linden" in dem Verlage der Stadtmission zu Cickel- lvanne erschienen ist. Viese Schrift enthält so viel Interessante; und Lehrreiches, daß wir uns nicht versagen können, einiges daraus hier mitzuteilen. Die ersten Anregungen, die schließlich in Klein-Linden zur Gründung eines Posaunenchors geführt haben, fallen in das Jahr 1848. Damals wirkte in Großen-Linden und in Klein- Linden der Pfarrvikar fjenrict, der feinen Gemeindegliedern ein biblisches Christentum predigte, nachdem lange Jahrzehnte hindurch in Hessen der vernunftglaube, der sogenannte Kationalismus, geherrscht hatte. In Klein-Linden wurden die Gewissen aufgerüttelt, es kam zu einer förmlichen Erweckung, und um henrici, später um Pfarrvikar Schaffnit, sammelte sich ein Kreis religiös angeregter Menschen. Sic hatten im Dorfe zunächst einen schweren Stand, man nannte sie die „Mucker" und suchte auf alle mögliche Krt ihre Versammlungen zu stören. Man warf ihnen sogar, wenn sie zusammen waren, die Fenster ein, machte ihren Führern Katzenmusik und beschimpfte sie in roher Weise. Über die Versammlungsleute halfen sich selbst, wenn es zu arg wurde. Einmal griff der „Lipsepetter" zu und Helte einen ungezogenen, von auswärts stammenden Bergmann herein in die Stube, wo ihm unter harten Fäusten die Knöpfe seiner Bergmannsuniform absprangen. Ein kleiner Knabe, der jetzt ein im kirchlichen und bürgerlichen Leben der Stadt Gießen angesehener Mann und mehrfacher Großvater ist, sammelte sich diese Knöpfe zu dem beliebten „Knöpfchesspiel". Die Lauterkeit und Aufrichtigkeit der versammlungsleute brachten es mit sich, daß einige von ihren Feinden anderen Sinnes wurden. Allmählich kamen für diese Versammlung ruhigere Zeiten. Männer wie Professor Zöckler und Pfarrer Landmann in Gießen halfen mit ihrem Kate, namentlich da, als die Gefahr drohte, daß die Versammlung zu den separierten Lutheranern überging. Leider sind im Laufe der Zeit doch einige von ihnen zu denjenigen Lutheranern, die sich Missouri- spnode nennen — bekanntlich sind die separierten Lutheraner vielfach gespalten — verloren gegangen, henrici wurde sogar katholisch. Freunde dieses Kreises von frommen Menschen sind außerdem noch gewesen Wilhelm Baur, Pfarrer zu Ettingshausen, später Generalsuperintendent in Toblenz, hof- prediger Bender in Darmstadt, Pfarrer Münch in Bad-Kau- heim und Pfarrer Bichmann in Lich. Die Leiter der Versammlung waren in der Kegel keine Pfarrer. Kn ihrer Spitze stand zunächst Knton Weigel aus Klein-Linden, der später in Elberfeld Kolporteur der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland gewesen ist. Kls er jedoch nicht mehr gedruckte predigten verlesen, sondern selbst predigen wollte, kehrten sich seine bisherigen Freunde von ihm ab. Kuch sonst war Weigel damals noch mitten in seiner Entwicklung begriffen. Tr besuchte die Kranken in der Gießener Klinik. Die wurden von ihm sofort sehr hart angefaßt, indem er sie nach ihrem geistlichen Leben fragte. Gaben sie nicht gleich eine befriedigende Kntwort, so bekamen sie harte Worte zu hören. Mit Kecht bemerkt der Verfasser der Denkschrift hierzu: „Gewiß waren seine Fragen solche, die an keinem Krankenbette und bei keinem Menschen fehlen sollen. Kber man muß einem kranken, müden Menschen auch nicht immer die Sporen einsetzen. Wenn Jesus zu den Kranken kam, wurden sie froh." Kuf der anderen Seite ist Weigel doch ein unerschrockener und demütiger Mann gewesen. Cs geschah einmal, daß ihn, als er auf dem Westerwalde arbeitete, eine vornehme Dame in ihrem Wagen fahren ließ. Darüber hat er selbst erzählt: „Ich dachte unterwegs schon: Nun, du hast es aber recht weit gebracht, daß dich eine Herrschaft sogar fahren läßt. Wie ich aber aussteige, da schrie es von allen Seiten „„Uff en, uff- en,"" und do hun sie mich mit Dreck geworfe, und das war mer gesund." Jedenfalls zeugt diese Mitteilung von der Demut des Mannes. Eine hervorragende Kolle in der Klein-Lindener Gemeinschaft spielte Johann Philipp Jung, geb. 1825, gest. 1887. Sein Werk hauptsächlich ist die Begründung des posaunen- chors-und des Kreuzervereins. Der letztgenannte Verein machte es sich zur Kufgabe, Beiträge für die Mission zu sammeln. Jung war ein Mann, der eine reichgesegnete Wirksamkeit entfaltete. Er war Vorarbeiter in der Tisenbahnwerkstätte zu Gießen. In seinen Freistunden baute er (Orgeln, begründete und unterhielt er eine christliche Volksbibliothek, sammelte er die schulentlassene männliche Jugend und erteilte ihr Kechen- und Schreibunterricht, außerdem leitete er den Posaunenchor. Die eigentliche Begründung dieses Chors fällt in das Jahr 1854. Die Knregung hierzu hatte der „Wetzlarer Wilhelm" gegeben, so nannte man den am Wetzlarer Krankenhause tätigen Diakon Wilhelm Küter, der selbst wieder die Posaunenmusik bei dem Pfarrer volkening zu Jöllenbeck in Westfalen kennen gelernt hatte. Im Knfang gab es allerhand Schwierigkeiten, es wurden auch falsche. Töne geblasen, aber Weihnachten 1854 konnte der Thor zum erstenmal zu Kinzenbach in einem Gottesdienste, den Pfarrer Imhäußer von Krofdorf abhielt, mit drei Thoralmelodien auftreten. Im Laufe der Zeit wurden die Leistungen immer besser, und der Thor wirkte viel bei Missionsfesten mit. Cs fehlte bei den Fahrten und Märschen zu diesen Festen nicht an heiteren Begebenheiten. Einmal wurde die Sache recht bedenklich, als „Germers Franz", ein alter, eigensinniger Gaul, den mit Posaunenbläsern besetzten Wagen eine Böschung hatte Hinuntergleiten lassen, wobei ein junges Mädchen, das mitfuhr, das Schlüsselbein brach. Bemerkenswert ist, daß die Posaunenchorsache von Klein- Linden aus in Hessen Einzug hielt, heute gibt es allerwärts in Deutschland derartige Vereine. Bekannt ist der Pastor Kuhlo in Bethel bei Bielefeld, der stets mit der Posaune unter dem Krme erscheint und den Titel führt „der Posaunengeneral". Wenn wir im obigen aus der Schrift des Pfarrers Lenz mancherlei mitgeteilt haben, so wollten wir in unseren Lesern nur die Lust erwecken, noch mehr aus der Geschichte des Klein- Lindener posaunenchors zu erfahren und sich zu diesem Zwecke die Schrift zu kaufen. Sie ist es wert: denn sie schöpft aus bester Quelle. Der Verfasser hat zumeist Familientraditionen benützt, sein Großvater, sein Vater und andere aus seiner Verwandtschaft haben in dem Thor mitgeblasen. Seine Denkschrift ist, wie wir aus einigen Proben mitgeteilt haben, von einem gesunden Humor erfüllt. Sie bekundet auch ein gesundes und freimütiges Urteil. Der Verfasser weist mit Kecht darauf hin, daß es eine Verirrung war, wenn einzelne Glieder der Klein-Lindener Gemeinschaft der evangelischen Landeskirche untreu wurden, und betont, daß einer Gemeinschaft reicher Segen daraus erwächst, wenn sie sich eng an die Kirche anschlietzt. Somit möchten wir der Schrift des Pfarrers Lenz eine möglichst große Verbreitung wünschen. Sie kostet nur 50pfg. von Gießener Buchhandlungen ist es vorläufig die Buchhandlung der Pilgermission im Keuenweg, die die Schrift auf Lager hat. h. Bau 221 Sin pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) Lehr viel auch redete Lippert von den Staatspapieren, die er besitze, von den bayerischen LisenbahnaKtien Und von der ungarischen Goldrente, die ihm 6 Prozent eintrage. Dabei äuherte er stets den Gedanken, sich nicht lange mehr mit dem Abwiegen von Lchmierseife und dem verkaufe von gesalzenen Häringen abzugeben, er habe jetzt bald 60000 Mark vermögen, dann wolle er das Geschäft seiner Tochter Marie übergeben und sich in Kirchheimbolanden, vielleicht sogar in Kreuznach, eine kleine Villa bauen. Ich gewann immer mehr Respekt vor dem Krämer und vor seiner Tochter, und wenn ich an die Freundlichkeit der Tochter wie auch ihrer Eltern dachte, so erwachten in mir allerhand Hoffnungen für die Zukunft. Marie war die einzige Tochter,- wenn ich sie heiraten würde, so war ich mit einem Lchlage ein gemachter Mann. Da konnte ich die Trompete an den Nagel hängen und holte sie nur noch zu meinem Vergnügen hervor. Ich sah mich, wenn der alte Lippert einmal in seiner Villa wohnen würde, schon als Inhaber des Geschäftes und dachte daran, wie ich dann an diesem allerhand Verbesserungen und Erweiterungen vornehmen würde. Uebrigens galten Marie Lippert und ich im Dorfe als Brautleute, es hieß von uns: „sie gehen miteinander" oder: „sie haben Bekanntschaft miteinander". Mir widersprachen dem auch nicht. Nur war es mir immer unbehaglich, wenn meine Mutter von meinen Beziehungen zu der Familie Lippert zu reden anfing. Ich suchte nach Möglichkeit derartigen Nuseinandersetzungen aus dem Mege zu gehen. Die Nltpeter-Lene hatte einen ungewöhnlich milden win- ter prophezeit. Das Gegenteil trat ein, der Winter 1879/80 war einer der kältesten des ganzen Jahrhunderts, viele Wochen lag tiefer Lchnee, so daß es im Walde nichts zu verdienen gab. Das wild kam aus dem Walde bis herein in das Dorf, um Futter zu suchen. Die Leute, denen die armen Rehe leid taten, warfen ihnen Dickrüben oder Gelbrüben vor, von denen man im Winter sehr viele in den Keller geschafft hatte. Das geschah aber nicht allenthalben aus reiner Barmherzigkeit mit der seufzenden Kreatur, sondern auch deshalb, weil man in den Dörfern ringsumher um den Donnersberg gern billigen Nehbraten aß. viele Bäume bekamen in diesem Winter infolge der großen Kälte Nisse und Sprunge. Lin schweres Dasein hatte in der Winterkälte der Dr. Walter von Rockenhausen, der immer noch in den Dörfern hin und her fuhr, um den Kranken beizustehen, wenn er in seinem Schlitten den Berg heraufgefahren kam, so waren er und sein Kutscher bi; zur Unkenntlichkeit in Radmänteln, pelzen und Tüchern vermummt. Der alte INann war unermüdlich, er suchte nicht nach Bequemlichkeit und forderte nichts vom Leben für sich, hatte er seine Kranken besucht, so saß er wohl noch eine halbe Stunde in dem wirtshause, wo sein Kutscher anhielt, und sprach wie ein Vater mit den Leuten aus dem Dorfe, die alle ehrerbietig mit ihm verkehrten und nie ein dreistes wort zu ihm sagten. Nm meisten dauerten mich damals die postknechte, die in dem Land, das sozusagen ohne Eisenbahn war, jeden Tag hin und her fahren mußten, sich dabei Hände und Füße erfroren, sich Rheumatismus und Gicht holten und oft im Schnee stecken blieben, so daß sie wieder herausgeschaufelt werden mußten. Flehentliche Briefe schrieb mein Bruder Jakob aus Rietz. Dort an der Mosel wehte ein eisiger wind, und jeden vierten Tag mußte er auf wache ziehen. Die Posten waren so dicht in Mäntel eingehüllt, daß, wenn einer von ihnen auf dem Glatteise hinfiel, er sich nicht allein aufrichten konnte, sondern von seinen Kameraden aufgehoben werden mußte. Nm meisten Mitleid hatte mit dem armen Kerl meine Mutter. Manchmal, wenn wir so abends um 9 Uhr, wenn das Glöcklein läutete, beisammen am warmen Ofen saßen, sagte sie: „Jetzt sitzen wir im warmen, und der arme Jakob steht gewiß in Tis und Schnee auf Posten". Durch Wurst-, Butter- und Geldsendungen suchte die Mutter unserm Vaterlandsverteidiger das Leben in dem kalten Winter erträglicher zu machen. weil ich in diesem Winter leider nicht viel verdienen und doch auch nicht den ganzen Tag auf dem schwarzen Ledersofa bei dem Krämer Lippert sitzen konnte, so hatte ich reichlich Zeit zum Lesen, woran ich von jeher meine Freude gehabt hatte. Pfarrer Weber versorgte mich mit interessanten Büchern aller Nrt. Er gab mit „Lienhard und Gertrud" von Pestalozzi, die Erzählungen von W.D. von Horn sowie belehrende Bücher und erzählte mir, so oft ich zu ihm kam, von seinem Sohne Hermann, der mit mir konfirmiert worden war und seit herbst in Straßburg Theologie studierte. Leider mußte ich in diesem Winter, da der Verdienst so schlecht war, aon meinen Ersparnissen zurückerheben, da ich doch,nicht auf Kosten der Mutter und des Bruders leben konnte. Ich las, wie gesagt, gern, aber noch lieber hielt ich mich abends in der Wohnstube der Familie Lippert auf. Kaum konnte ich abwarten, bis wir gegessen hatten und ich mit meinem Bruder die Stallarbeit besorgt hatte. Oft sah mich die Mutter, wenn ich die Mütze vom Nagel nahm und weg ging, vorwurfsvoll an, aber ich ging doch weg. wenn ich es je einmal über mich brachte, einen Nbend zu Hause zuzubringen, so war ich verstimmt und verdrießlich und begab mich schon sehr früh grollend zu Bett. Dagegen in der gewohnten Gesellschaft taute ich auf. Einmal bin ich einen ganzen Tag lang in dem Krämerhause gewesen, als dort ein Schwein geschlachtet wurde. Das Schweineschlachten im Winter wird in der Pfalz zu einem Familienfeste, das die Kinder noch höher bewerten als Weihnachten. Ls ist ja die Zeit, in der man nichts Besonderes zu tun hat und aus diesem Grunde in aller Gemütlichkeit bei diesem nahrhaften Geschäfte zugegen sein kann. Ich half in aller Morgenfrühe schon dem Metzger beim Schlachten, Nus- nehmen und Zerlegen des Schweines, stand nachmittags neben Marie am großen Kessel in der Küche, in dem die Fleisch- stllcke gekocht wurden, die zu Wurst verarbeitet werden sollten. Dann stand ich am Hackklotz und hackte die Leber klein, bis der Metzger erschien, der die Wurst in die Därme einfllllte, indem er dabei beständig dem Schoppenglase zusprach. Der Glanzpunkt des Tages war die Nbendmahlzeit, die „Metzelsuppe". Nlle Sorten der neugemachten Wurst wurden in Proben auf den Tisch gebracht und mit Sauerkraut verzehrt. Der Metzger erzählte von seinen Erlebnissen beim Einkauf von Schlachtvieh und beim Ferkelhandel. Die alten Männer erzählten von vergangenen Zeiten, ich saß neben Marie und verbreitete, wie die anderen Mannsleute, mächtige Tabakswolken um mich her. Nur einiges ärgerte mich an diesem Nbend: Gottfried Keiper war auch zur Metzelsuppe erschienen und saß auf der anderen Seite der Tochter des Hauses. Diese widmete sich ihm genau so viel wie mir selbst, sie lachte über seine Witze, hörte seine Lügen an, ließ sich von ihm anscheinend weis machen, daß er Nussicht habe, im nächsten Winter bei dem (Orchester des Stadttheaters zu Halle an der Saale angestellt 222 zu werden. Als Marie einmal das Zimmer verließ, um ihrer Mutter beim Kochen der großen Schwartemagen zu helfen, sagte ich ingrimmig zu Gottfried: „Du Lugenmaul, du hättest doch lieber gleich sagen können, daß du zum Direktor der Kurkapelle in Wiesbaden bestimmt feist." Gottfried machte bei meinem Vorhalt eine seiner gewöhnlichen Fratzen und sagte dann lachend: „Man muß den lveibsleuten etwas vormachen, dann haben sie gleich größeren Respekt vor einem." Uls hierauf gekartet wurde, war Gottfried eifrig beim Glabrias und gewann ein ansehnliches Häufchen Geld. Derweilen machte ich der Marie Vorwürfe, daß sie mit Gottfried freundlich getan habe. Sic lachte mich aus und sagte: „Du wirst doch nicht eifersüchtig sein? Glaubst du, ich wollte etwas von dem Fratzenschneider wissen? Der kann Gesichter machen wie ein Grang-Utang, und was er betet, ist gelogen. Du bist und bleibst mein lieber Peter." Die'Kälte hinderte uns Musikanten natürlich nicht daran, daß wir oft in Vockenhausen zusammenkamen und eifrig spielten. Für das kommende Jahr gab der Meister die Losung aus, und die hieß: Holland. Das neue Jahr, das mit gewaltiger Kälte einsetzte, nachdem in den lveihnachtstagen vorübergehend gelindere Witterung geherrscht hatte, stellte mich vor eine wichtige Entscheidung. Ich war in mein zwanzigstes Lebensjahr eingetreten und mußte mich mit dem Gedanken vertraut machen, im herbste Soldat zu werden. Nun lagen aber die bayerischen Infanterie-Negimenter, in die in den letzten Jahren die jungen Burschen aus meiner Gegend eingereiht worden waren, in Garnisonen, die unbeliebt waren. Diese Garnisonen waren Metz und Germersheim. Der Bruder Jakob hatte mir die Garnison Metz in nichts weniger als leuchtenden Farben geschildert. Eine böswillige, deutschfeindliche Bevölkerung, vor der der Soldat sich stets in acht nehmen müsse, teuere Preise in den Kaufläden und in den Wirtschaften, miserable (stuar- tiere, wenn es zu Uebungen hinaus nach Lothringen ging, ein sehr schwerer und auch gefährlicher Wachtdienst, dazu die nicht geringe Entfernung von der Heimat, so daß man selten Gelegenheit hatte, in Urlaub zu gehen. Und Urlaub wollte ich doch gern haben, schon allein wegen der Marie Lippert. Uber auch Germersheim wurde als wenig verlockend hingestellt. Er hieß, dort herrsche wegen der Sümpfe und Tümpel in der Uähe des Rheines eine ewige Fieberluft, und die Schnaken, die aus den Sümpfen hervorkämen, seien so zahlreich wie die Sandkörner am Meere. Es wurde die Schauermär erzählt, ein Soldat, der dort auf Posten stand, sei im Schilderhause derart gestochen worden, daß sein Kopf so angeschwollen sei, daß der Mann das Schilderhaus nicht mehr habe verlassen können und daß ihn die Ublösung mitsamt dem Schilderhause nach dem Lazarette getragen habe. Ruch wurde erwähnt, daß in der bayerischen Urmee die Rede gehe: „Wer Vater und Mutter nicht ehrt, der kommt nach Germersheim oder nach Ingolstadt." hingegen war mir Mainz als eine schöne und freundliche Garnison genannt worden, die auch den Vorzug hatte, nicht weit von meiner Heimat entfernt zu sein. Uuf der Durchreise hatte ich die Stadt wiederholt berührt. So beschloß ich, mich dort freiwillig zum Eintritt in ein Regiment zu melden. Ich besprach die Sache mit meiner Mutter. Ls war ihr schwer, nun auch den vierten und jüngsten Sohn für den Militärdienst hergeben zu müssen, aber sie sah ein, daß mein Entschluß nicht schlecht sei, und gab ihre Zustimmung. Ich erwirkte mir vom Bezirkskommando in Kaiserslautern einen Meldeschein, reiste im Januar nach Mainz und meldete mich zu dem hessischen Infanterie-Regiment Ur. I I 8 . Ich wurde auch angenommen. Ich hatte diese Reise in der strengsten Winterkälte gemacht, wir hatten 20 Grad Reaumur. Die Fenster des Eisenbahnwagens, in dem ich saß, waren fest zugefroren. Ich hauchte solange darauf, bis sich ein Loch in der Eisdecke gebildet hatte. Durch dieses Loch sah ich die winterliche Landschaft: Schnee auf den Feldern und auf den Dächern, krächzende Raben auf den Bäumen und vereiste Bäche. Blutrot stand am Morgen die Sonne am Himmel. In Mainz wurde mir das seltene Schauspiel zuteil, daß der Rhein über seine ganze Breite hinüber zugefroren war, ich lief auf der Eisfläche hinüber nach Kastel. In der Mittagszeit tummelten sich dort viele Menschen. Küfer machten auf dem Eise nach alter Sitte ein Faß, ein Marketender verkaufte viel Punsch. In einem Gasthofe in der Behelsgasse blieb ich über Nacht und fuhr am nächsten Tage wieder zurück. (Fortsetzung folgt.) Uleine Mitteilungen. Klein-Linden. Fast schien es, als ob das Fest des 60jährigen Bestehens der kirchlichen Gemeinschaft (Posaunenchor und Missionsverein) Klein-Linden, ein Fest, das so lange geplant und vorbereitet war, durch Regenwetter in unserm Kirchlein hätte gefeiert werden müssen. War es nun auch kein Sonnenschein, so war es doch von unten und oben trocken, und andächtig lauschte eine zahlreiche Gemeinde den Worten der Redner, den Klängen der Posaunen und dem Gesang des Kirchenchors, und kräftig erscholl der Gemeindegesang unter Posaunenbegleitung. Ts wäre aber doch nicht Jubelfest des ältesten hessischen Posaunenchors gewesen, wenn es nicht in unserem Wäldchen über der Burg, in der „Woisting" hätte gefeiert werden können. Was für ein Fest war es denn nun aber eigentlich, das wir am Sonntag, den 5. Juli, feierten? Jedenfalls keine Vereinsfestlichkeit im gewöhnlichen Sinn, wie wir ja viele, allzuviele haben. Und wenn auch bei denen die Gemeindeglieder teilnehmen, hier war es innere Rnteilnahme des Herzens, die so viele Hörer und Freunde geistlicher Musik und Freunde der Mission, Freunde des Vereins, der diese Dinge pflegt, und die Gemeinde Klein-Linden zum Wald ziehen hieß, wo unter schattigen Bäumen Bläserpulte und Hörerbänke, sowie eine laubumrankte Kanzel aufgeschlagen waren. Im Festzug begaben sich Verein und Festgäste auf den Festplatz, und hatte auch die Ungunst der Witterung am vormittag manchen vorsichtigen im Haus gehalten, es war doch ein stattlicher Kreis, der sich dort sammelte. 10 Posaunenchöre aus der Umgegend wirkten mit, und kräftig erscholl der Klang der Instrumente in geistlichen Liedern und in der Begleitung des Gc- meindegesangs. Zarter war die Stimme des Kirchenchors, aber prächtig wirkten auch seine Lieder zum Preise Götter und zur Erhebung der Gemeinde. Posaunen- und Kirchenchor und Gemeindegesang wechselten ab mit den Reden. Zur Begrüßung richtete Pfarrer Schulte einige Worte an die Versammlung. Die Festpredigt hielt Liz. Or. Vollrath aus Gießen über Ev. Joh. 3, 30: „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen." Er zeigte, wie ein jeder evangelische Ehrist die Pflicht habe, dieses Wort in seinem Leben wahr zu machen. Pfarrer Lenz aus Darmstadt (Llisabethenstift) ging in seiner Rnsprache näher auf das Wesen und die Uufgaben des Vereins ein. Nach einer Pause von Vr Stunden sprach 223 Missionar Schirge aus Hermannsburg über die Mission und unsere Missionspflicht. Im Schlußwort Überbrachte Dekan Gußmann Grüße und Glückwünsche der kirchlichen Behörde. Tr fand warme Worte der Anerkennung für Wesen und Wirken des Vereins und mahnte zu treuer kirchlicher und evangelischer Gemeinschaft, die gerade in unserer Zeit nottue in den Kämpfen, die die evangelische Kirche zu bestehen habe. Ts bleibe endlich auch der Gedichtgruß nicht unerwähnt, den Pfarrer hepding in Hausen, der frühere Pfarrer unserer Gemeinde, gesandt hatte und der unter allgemeiner Bewegung verlesen wurde, leider nicht von dem Dichter selbst, da er verhindert war, selbst zu kommen. Ts war ein schönes Fest, und wir wünschen, daß Gottes Segen daraus erwachse für den Verein, daß er bleibe, was er sein will, eine Stütze des kirchlichen Lebens in der Gemeinde, und für die Gemeinde, daß in ihr kirchliche Gemeinschaft fest bestehen bleibe! Br.-Kl. * * * 3u unserem in der vorigen Nummer erschienenen Berichte über das Missionsfest in Beuern tragen wir noch nach, daß die Festkollekte 140.43 Mk. betrug und dem Missionshause zu Basel überwiesen wurde. Worte zum Nachdenken. Gläubiges und geduldiges Leiden ist ein Tun, so gut wie jede große Arbeit, die ihren Segen hat. Nichts auf der ganzen Welt geht über die Nuhe des Herzens. Ig. Wer einmal hat geschmecket, Wie freundlich, Herr, du bist, Wer deine Füll' entdecket Und in dir selig ist, Der wird die Flügel schwingen Und fliegt der Sonne zu, Da ist Lust, Freud' und Singen Und tief im Herzen Uuh. Wer im Himmel ernten will, muß erst auf Trden säen. Unser gegenwärtiges Leben ist der Keim, aus dem unser zukünftiges herauswachsen soll. Die Welt hat ein scharfes Auge auf die Thristen. Laßt uns darum treu auf uns selber achten, daß wir unserm Meister keine Schande machen und den guten Namen, nach dem wir genannt sind, nicht verlästern! Dein Tigentum in der Zeit ist nur dieser Augenblick und auch der nur, soweit du ihn auf die Twigkeit beziehst, heute höre des Herrn Stimme, erwarte nicht das unsichere morgen,' jetzt gleich verankre dich in dem Ankergrund der Twigkeit, nämlich in der Gnade Gottes in Thristo. hilf, daß mir, wo ich bin und geh', Das ew'ge Ziel vor Augen steh', Damit mein Herz von allem frei Zum kjimmel stets gerichtet sei. Wir sollen nichts tun, ohne dabei zu ruhen, nämlich zu ruhen in der Hand des Herrn. Darum muß alle Martha-Arbeit erfüllt werden mit dem Maria-Sinn. In allen Lagen des Lebens sei unser Herz gerichtet auf ihn, der unsere Seelen selig machen Kann. Dies Tine ist not! Tile mit deinem Gebet, aber warte geduldig! Trstürme nichts, erzwinge nichts, lerne warten. I. M. Sailer. Bleibe in Jesu! Laß ein Wort in dir Leben werden und lebe in dem Worte mit dem Gehorsam des Glaubens, so wirst du leben, ob du gleich stirbst. hütet euch, daß ihr Keinen andern Weg macht gen Himmel, nicht Hereinbrecht durch andere Straßen. Ts ist ja Kein anderer Weg, denn dieser Weg des Glaubens, welcher gewiesen wird durch das lautere Wort Gottes. Dr. M. Luther. Wer sich dem Herrn unterordnet, braucht sich nicht den Menschen, den Umständen, dem Zufall unterzuordnen, denn er sieht in allem Gottes Hand und läßt sich von ihr leiten. Darum Kann er sich beugen, ohne gebrochen zu werden. U. Wenger. Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den l9. Juli, 6. nach Trinitatis. Gottesdienst. In der Stadtlirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer D. Schlosser. Zugleich Thristenlehre für die UeuKonfirmierten aus der Matthäusgemeinde. vormittags W/e Uhr: Pfarrer Schwabe. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. In der Johanneskirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Lukasgemeinde. vormittags 9Vr Uhr: Pfarrer Ausfeld, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Iohannesgemeind«. Pfarrer Ausfeld. Abends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Io- hannessaal. Nächstkünftigen Sonntag, den 26. Juli, wird in beiden Kirchen eine Kollekte für die innere Mission erhoben werden. sowie Schuppen und Spalten der Haare wird beseitigt durch tägliches Waschen mit der echten -'JeerschroefeJL-'i’QiJfe. v Bergmann & Co., Radebeul Bestes M i 11 e I r. Stärkung u Kräftigung d. Haarwuchses ä St. 50 Pf Überall z. haben. 224 [ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Gesucht bis I. August ein braves, sauberes Mädchen, nicht unter 17 Jahren, in einen Haushalt mit zwei Kindern von 7 und 5 Jahren. Frau Finanzamtmann Franz, Offenbach, Ludwigstrahe 2. Carl Loos Kirchenplah 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weihwaren Herren- u, Knabenkleider fZrdr. 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