Nr. 27. Gießen, 5. Sonntag nach Trinitatis, 12. Juli 1914. 3. Jahrgang. Gottes Stimme im Gewitter. nat)um 1,3. Oer Herr ist geduldig und von großer Kraft, vor welchem niemand unschuldig. Lr ist der Herr, des Iveg in Wetter und Sturm ist. Ls ist Nacht, glühend heiße, gewitterschwüle Sommernacht. Der fahle Schein des Mondes verblaßt, dunkle Molken schieben sich wie finstere Massen über den Gebirgszug des Thüringer Waldes, welcher das Werratal an manchen Stellen kesselartig einschließt. Der Horizont ist hier eng begrenzt, nicht weit in die Ferne schweift der Blick, die waldumkränz- ien Höhen ringsumher setzen ihm bald eine enge Schranke. Da zucken die ersten Blitze, nicht in der Ferne, sondern ganz nahe hernieder, fast kerzengerade geht der grelle Schein vom Himmel zur Lrde. Und kaum ist der Schein verblaßt, so folgt mit lautem Rollen und Grollen der erste Donnerschlag, viel lauter und unheildrohender als in der Heimat. So wiederholt es sich fast jede Minute. Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag! Ön den Schluchten und Tannenwäldern der Berge weckt jeder Donnerschlag ein fürchterliches, unheimliches Echo. Ringsumher haben finstere, himmelhohe Wolkenwände den Talkessel umschlossen wie ein feindliches Heer, wie in einem schweren Rrtilleriekampf hallen die Donnerschläge in schneller Folge, einer immer schrecklicher als der andere. In unserem Hotel wird es lebendig. Frauen, die mit kleinen Rindern zur Rur anwesend sind, kommen aus ihren Stuben und finden sich im Wohnzimmer des Wirtes zusammen, vor lauter Rngst halten sie es in ihren Zimmern und Betten nicht mehr aus. „wenn es so donnert und wettert," sagte mir eine Dame am nächsten Morgen, „dann fürchte ich mich vor dem lieben Gott!" — In den meisten Häusern im Städtchen sehe ich Licht,' auch dort hat die Gewittergesahr die Bewohner im Familienzimmer vereint. In mir erwacht die Erinnerung an meine Jugendzeit, da die Hausmutter in dem kleinen Gymnasialstädtchen uns Schüler auch immer aus den Betten trieb, wenn in der Nacht ein Gewitter ausbrach. Hier wie dort ist das enge Tal von steilen Gebirgszügen umschlossen, hier wie dort tobt das Gewitter viel schrecklicher, als ich es je erlebt. Die Gedanken werden in mir lebendig. Soll man sich bei einem Gewitter fürchten? Ist das männlich und christlich? Ich sage mir: ja! Unser Prophetenwort bestärkt mich in meiner Empfindung: „Der Herr ist von großer Rraft,' vor welchem niemand unschuldig ist. Er ist der Herr, des weg in Wetter und Sturm ist." Und was wir allein in diesem Sommer erlebt haben an Verheerungen und Schäden, welche die Gewitter in so vielen Gegenden Deutschlands angerichtet haben, das bringt mich ebenfalls auf den Gedanken, daß Gott ein gewaltiger Gott ist, daß er nicht bloß segnen und lieben, sondern auch zürnen und strafen kann. In einer Zeitung aus der Heimat lese ich den Rufruf zu Spenden für die kleinen Bauern des Rreises Erbach, denen der Gewitterregen die Erde samt der Ernte von den Berg- äckern weggeschwemmt und die Talwiesen meterhoch mit Steinen und Geröll bedeckt hat. Nicht bloß für dieses Jahr, auch für die nächsten zwei bis drei Jahre ist die Ernte vernichtet. viel Entbehrung, viel Mühe, viel Einschränkung wird es kosten, bis die Folgen überwunden sind, bis die Recker und wiesen wieder eine normale Ernte liefern. — vor Pfingsten ging der Briefträger von Feldkrücken auf seinem Nachmittagsdienstgang nach Ulrichstein zurück. Rls der Mann auf der Höhe angelangt war, überraschte ihn ein Gewitter. Ein Blitzstrahl fuhr in seinen Rörper und tötete ihn auf der Stelle. Seine Dienstmütze hatte ein großes Brandloch, die Rleider waren stellenweise versengt. Zu Hause aber warteten eine junge Frau und ein kleines Rind auf den Vater, welcher nicht mehr wiederkehrte, sondern tot auf der Landstraße lag. Die Zahl der Menschenleben, welche der Blitz in diesem Jahre getötet, und die Zahl der Schäden, welche die Gewitterfluten in diesem Sommer an dem Feld und den Werken der Menschen angerichtet haben, sind so groß, daß ich sie hier nicht alle aufzählen kann. Das alles zeigt uns: Unser Gott ist ein gewaltiger Gott, vor dem wir kleinen Menschen uns noch immer beugen müssen. Rein Blitzableiter, keine Hagelversicherung gibt uns ausreichenden Schutz gegen Gottes Gewalt in Sturm und Wetter. Trotz der vielgerühmten und bewundernswerten Fortschritte der Technik hat sich die Zahl der Blitzschläge nicht vermindert, sondern vermehrt. wir müssen wieder mehr lernen, unsern Gott zu fürchten, den Ernst seiner Gerichte, seine Stimme in den Vorgängen der Natur zu verstehen. Jeder wahrhaft religiöse Mensch hat vor Gott eine gewisse Furcht oder Scheu. Luther läßt die Erklä- 210 - rung der zehn Gebote allemal mit den Worten beginnen: wir sollen Gott fürchten und lieben. Vas ist mit ein hauptschaden an dem religiösen Rückgang unserer Zeit, daß unser Volk mit der Rngst, welche es früher vor Gott empfand, zugleich auch jede Ehrfurcht und Scheu verloren hat. Gewiß ist die bloße und blasse Rngst vor Gott etwas Minderwertiges und schafft kein wahrhaft gutes Herz, gewiß muß an Stelle von Furcht und Rngst schließlich Liebe zu Gott, Liebe zum Guten selber treten, aber diese Liebe ist bei den meisten Menschen mit einem gewissen Teil Rngst gemischt. Darum sollten wir alle sehen und helfen, daß unser Volk wieder lerne, seinen Gott zu fürchten, sich vor ihm zu beugen, damit zu dieser Gottesfurcht sich dann die Liebe zu Gott, die Ehrfurcht vor seinem heiligen willen und die Liebe zu den Menschen finde. Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Rnfang. G. G. von der Nacht des Heidentums. von R. doll mar in Taste!. (Schluß.) Ts gibt heutzutage kein Heidenland, in dem die Bahn für die Mission nicht frei wäre, es ist schon manches erreicht in der Bekehrung der wilden, und Menschenfresser finden sich nur noch im innersten Rsrika, auf einzelnen Süd- seeinseln und auf Neuguinea vor: Leider aber wird sowohl in Rsrika als auch in Rsien die Riusbreitung des Reiches Gottes erschwert durch das Ueberwuchern des kulturfeindlichen Islam, der von Norden und Gjten bereits bis zur Westküste Nfrikas vorgedrungen ist. Durch die haussa, mohammedanische, den Handel im mittleren Nfrika beherrschende reisende Raufleute, ist die Lehre Mohammeds vom Sudan und Gstafrika über den Rongostaat und Requatorial- afrika durch Nigerien und Ramerun zur Westküste getragen, wo ihre Bekenner in der Hafenstadt Lagos im vorigen Jahre eine prächtige Moschee erbaut haben. So haben wir nicht nur zur Unterweisung der Heiden, sondern auch zur Rückgewinnung der dem Islam Zugefallenen mehr Missionare als bisher zu entsenden. Dies gilt besonders für unsere Rolo- nien, wo sich der Islam bereits einen bedeutenden Rnhang gesichert hat. In Ramerun herrscht der Islam vor, in Togo wird das Verhältnis bald ähnlich sein, und in Deutsch-Dst- afrika sollen sich unter den sieben Millionen Eingeborener zwei Millionen Mohammedaner befinden, obwohl im Jahre >885 daselbst nur 150 000 Schwarze sich zum Islam be-> kannten. Die fanatischen Priester Mohammeds haben, der das Land durchziehenden haussa sich bedienend, ungeheure Gebiete zu gewinnen verstanden, und zwar so überraschend schnell, daß wir als Deutsche und Ehristen dem weiteren Umsichgreifen des Islam in unseren Rolonien entschieden entgegenzutreten und durch die sofortige Zuteilung entsprechender Missionskräfte ihnen einen Riegel vorzuschieben nicht länger zögern dürfen. Es steht zu befürchten, daß die Bewegung nach Deutsch-Südwestafrika überspringt, wo die ohne Rufsehen betriebene Bearbeitung der Schwarzen für den Is- lani das Rückgrat der noch vorhandenen aufsässigen Elemente nur stärken würde. wer von den höhen unserer Berge in die heimatlichen Fluren schaut, sieht sie wieder prangen im Schmucke des frischen Grünes, Städte und Dörfer liegen eingebettet in die Blüte, und drunten im Tale rufen die Glocken den im Rechtsstaate geschützt lebenden Bürger zu Gottes Wort, welcher Rbstand zwischen uns und den Heiden, deren Seele in der Finsternis nach dem unbekannten Gott schreit wie der Hirsch nach frischem Wasser! wir haben mit ihnen einen Gott und Erlöser, und das Gefühl der Dankbarkeit gegen Gott für so viele Beweise seiner Gnade verpflichtet uns zum Weiterbau der Rirche Thristi unter den in Unwissenheit und Nacht ohne Hoffnung dahinlebenden Heiden. Unser Volk hat im letzten Jahre zur Linderung der finanziellen Schwierigkeiten der meisten deutschen Missionsgesellschaften eine größere Summe aufgebracht. Teilweise dient diese Missionsgabe zur Erweiterung des Rrbeitsfeldes, mit welcher teure Rnlagen von Rußenstatio'nen, Verstärkung des Missionspersonals, Beschaffung und Versendung größerer Mengen von Heilmitteln und Verbandstoffen und mancher anderer, größere Rusgaben verursachender Gegenstände verknüpft sind. Erhebliche Summen erfordert auch der Bau von Erholungsheimen in der Heimat und in den Missionsgebieten für die Missionare und Schwestern, welche opfermutig in ihrem anstrengenden Dienste heidnische Gemeinden, welche auf der Grenze ihres Gebietes mit Ehristen in Berührung treten, um Zusendung von weißen Lehrern. „Rommt herüber und bringet das Wort eures Jehova, das Licht Thristi, in unsere Nacht", bitten sie. Jur amerikanischen presbisterianermission am Rassai in Rfrika sind in nur neun Monaten des letzten Jahres 64 verschiedene Gesandtschaften von Eingeborenen mit der Bitte um Zuteilung von Lehrern gekommen. Das ist auch eine Sauerteigwirkung des Thristentums. Deshalb bedarf die Mission zur Bestreitung der ganz erheblich gestiegenen großen Rusgaben zum mindesten der bisher alljährlich dargebrachten Gpfer in vollem Umfange, soll sie ihre gottgewollte Rrbeit unter den wilden in erfolgreicher weise weiterführen können. Darum, lieber Leser, karge auch in Zukunft nicht mit deinem Gpfer für das Werk der Erlösung der Heiden, damit auch da das Thristentum mit seinen sittlichen und sozialen Forderungen eine verklärende Besserung der menschlichen Verhältnisse herbeifllhre, damit auch die armen Heiden in den großen Röten des Leibes und der Seele die Stimme Ehristi hören: „Sei getrost, fürchte dich nicht, ich bin bei dir, ich habe dich erlöst", danht unser teurer Erlöser, wenn dereinst die Heiden durch die mit deinem Gpfer ausgesandten Missionare beten gelernt haben: „Herr, hilf uns, Herr, bleibe bei uns", auch bei ihnen sei und bleibe mit der Rraft seines unvergänglichen Lebens. Ruch auf diese Rrmen darf man die Worte Ehristi beziehen: „was ihr einem dieser Geringsten unter euch getan, das habt ihr mir getan." Jesus Thristus füllte die kurze Spanne seiner irdischen Lebenszeit aus mit Werken der Barmherzigkeit und Liebe, ihn zog es zu Rrmen, Rranken, Rrüppeln und zu Zündern. Das Herz brach ihm beim Rnblick der verlorenen Welt, und deren Jammer trieb ihn zur rastlosen Wanderung von Grt zu Drt, überall in glühender Liebe zur Menschheit heilend, rettend, reichen Trost und Segen spendend, wie sehr er in sein er- barmungsreiches Herz die ganze Menschheit einschloß, ersehen wir aus dem Gleichnis vom verlorenen Sohn, aus der Unterredung mit der Sünderin, aus seinen Rbschiedsredcn: Ich will euch nicht Waisen lassen, ich komme zu euch! sprach er. Die Menschen aus den Banden der Finsternis zu befreien und sie auf den zu Gott führenden lichten weg zu stellen, war seine größte Sorge ' und sein Lebenswerk. Durch ihn haben wir die gewisse Hoffnung des ewigen Lebens und die Gewißheit der völligen Erlösung, durch ihn wirkt in uns eine heilige Rraft, die uns im Rampfe wider die mächtige Sünde zu Hilfe kommt und uns drängt, fest im Glauben an ihn zu beharren, allen versuchen dieser Welt gegenüber fest 211 zu stehen, fest wie die Apostel vor dem jüdischen Gerichtshöfe und wie Luther vor dem Reichstag, die uns die Flüchtigkeit und Vergänglichkeit unseres Lebens vor Rügen führt und uns mahnt, zu wirken, so lange es Tag ist, ehe die Nacht kommt, da niemand wirken kann. Lieber Leser, noch wandelst du im rosigen Lichte, und die Gelegenheit ist dir gegeben, dich Jesu, der sein alles aus Liebe für dich gab, dankbar und treu zu erzeigen, indem du durch ein auf den bald wieder stattfindenden Nlissionsfesten dargebrachtes Opfer für die Mission dich der Heiden erbarmst. Darum säume nicht und nütze die Stunde, die nicht wiederkehrt. Wirke auch in deiner Umgebung, bei Ungehörigen, bei Hausgenossen und Freunden treu und ohne Unterlaß für die heilige Sache der Mission. Was du so aus reinem Triebe für Jesum getan hast, wird ihm ein untrügliches Merkmal sein, dich zu erkennen, wenn du in der Blüte deiner Jahre oder von der höhe des Rlters dich zum letzten bittersten Gang durch das dunkelste aller Täler, durch das Todestal, anschickst. hast du ihm Glauben Und Treue gehalten, bist du ihm nachgefolgt, indem du in die geängstigten Herzen der Rermsten dieser Welt die Ueberzeugung senken halfest, daß in Jesus Thristus eine Rettung für sie da ist, dann wird er dir in deiner bangen Stunde die Hand reichen und dich aus des Grabes Nacht sicher führen zum seligen Ende in seines treuen Vaters Haus. Sine oberhessische Landstadt in der napoleonischenZeit. von pfarrassistent Hugo heymann in Mainz. (Schluß.) Zur vezahlung all dieser Rosten und zur Rufbringung der hohen Rriegskontributionen nahm die Stadt ein Rapital von 6000 fl. auf. Rber auch das reichte nicht, so daß die weisen Stadtväter in große Bedrängnis gerieten. Da schickten sie den ersten Pfarrer und Inspektor Ebel in da; Hauptquartier des russischen Generals von Wittgenstein nach Friedberg, der sollte um Linderung nachsuchen. Db es etwas geholfen hat, wird uns nicht berichtet. Jedenfalls dauern die Lieferungen an die durchziehenden Truppen ununterbrochen fort. Besonders die Schmiede, Weber und Schuhmacher hatten alle Hände voll Rrbeit. Denn die Heere hatten den mühseligen Feldzug hinter sich: das Fuhrwerk war in denkbar ungünstigem Zustand, die Rlqider und Schuhe hingen den Rriegern in Fetzen vom Leib. Darum war der halt, den es um die Jahreswende gab, sehr erwünscht, da konnte man die Ranonen und Bagagewagen in fahrbaren Zustand versetzen lassen und konnte sich neu einkleiden. Darum saßen die Schuster Tag und Nacht auf ihren Dreifüßen hinter der Glaskugel, verließen die Schneider ihre Hölle überhaupt nicht mehr. Die Feueressen der Schmiede erkalteten nie,- denn die Russen standen dahinter und drängten. „Denen russischen donischen Rdollerie-Schmieden" war man nicht sehr gewogen, denn das war ein unangenehm anmaßendes Volk. vor allen Dingen aber hatten diese Freiheitskämpfer ungemein durstige Rehlen! Und da zeichneten sich vor allen aus durch Trunkfestigkeit nicht die Russen, wenn die ihren Wutki hatten, waren sie zufrieden: nein, die Deutschen, und zwar kurhessische Truppen. Der Wirt Johannes Jäkel stellt ihnen eine Rechnung aus über folgende Getränken 100 I. Branntwein, 640 I. Bier das kostet 54 fl. Man konnte sich also in jener guten alten Zeit für sehr billiges Geld sehr viel Rlkohol zuführen. Rber auch diese guten Tage der Soldaten und damit die Drangsalstage der Grünberger Bürger nahmen ein Ende, als im Januar 1814 die Marschbefehle eintrafen und es nun zu dem harten Winterfeldzug nach Frankreich ging. Rllerdings nahmen besonders die Russen bei ihrem Rbzug alles mögliche mit, was ihnen begehrenswert schien, vor allen Dingen wurden Pferde requiriert. Raspar Jäckel, Ronrad Hofmann und Johannes Zöcklers Witwe sahen ihre Pferde nie wieder. Sie gingen unterwegs ein, und für die Roßhaut wurden ihnen großmütigst je 4 fl. vergütet. Etwa ein Vierteljahr lang, von ungefähr Februar bis Juni 1814, hatte die Bürgerschaft Ruhe vor den unliebsamen Gästen, durch die man seit Ende Oktober in Rngst gehalten war. Rber diese Freude währte nicht lange: schon bald begann die rückläufige Bewegung, die Rückkehr der siegreichen Rrieger, die die Freiheit errungen hatten, nach dem ersten pariser Frieden. Durch Grünberg zogen außer den alten Gästen, den Russen und Preußen, vor allen Dingen Sachsen, die ja nach der Leipziger Schlacht sich auch den Verbündeten angeschlossen hatten. Ls wiederholen sich alle die Bedrängnisse und Nöte, die den Bürgern leider schon allzu bekannt waren, wie wir sie in all den Jahren seit 1806 kennen gelernt haben. Das Wachtkommando der Russen befand sich diesmal bei Henrich Flick in der Raabegasse. Das ganze Haus wurde aber von ihnen demoliert, es war nichts mehr heil, als sie abzogen. Selbst die Bettstelle hatten die Rosaken zerschlagen. Der Rosak von der Steppe des Don oder den Ufern der Wolga wußte eben mit der Rulturerrungenschaft, die wir „Bett" nennen, nichts besseres anzufangen. Darum mußte die Stadt dem tiefbetrübten Henrich Flick eine neue Bettlade machen lassen, daß er sich wieder geruhsam auf seiner Liegerstatt niederlassen konnte. Die Russen kannten nur wenige deutsche Worte, hauptsächlich solche, die sich auf Essen und Trinken bezogen. Damit man sich nun mit ihnen verständlich machen konnte, wurde genau wie im Vorjahre auch der Waldschütz Daniel Lein als Dolmetsch und Sprach- meister engagiert. Tr stammte nicht von hier. Wie er zu der Renntnir der russischen Sprache gekommen ist, habe ich nicht ausmachen können: vielleicht auf der Wanderschaft. Sm „Hirsch" logierte General Graf platow, vielleicht ist damit der tolle platen gemeint: das war ein Feinschmecker, denn auf seine Tafel muß eine fette Gans geliefert werden. Bei Johannes hoffmann in Rrone logieren russische und sächsische Offiziere. Wieviel Soldaten zuzeiten hier waren, geht aus der Tatsache hervor, daß der Wirt Ronrad Zöckler auf einen Schlag 77 Russen beherbergen und verköstigen muß. Sm „Hirsch" bei Gastwirt Jakob heerz lag der russische Rom- mandeur im Ouartier: sein Name ist unbekannt. Der Stadtdiener Ehristoph Hartmann muß während dieser Durchzüge, also im Juni und Juli, Tag und Nacht auf dem Rathaus und überall bei der Hand sein. Wieder gibt es verwundete zu transportieren, und zwar werden diesmal Ruhfuhrwerke bevorzugt, da die Rühe eine ruhigere Gangart haben als Pferde. Ruch waren alle Pferdegespanne bereits anderweit besetzt. Wieder verschwanden einige Pferde auf Nimmerwiedersehen, so das des Johannes Neeb und des Friedrich Franz. Eine Rnzahl verwundeter sind im hiesigen Lazarett, also in der alten Schule, gestorben und auf dem Rirchhof beerdigt. Eine leidige Folge des beständigen Wechsels von fremden Pferden und anderem Vieh war eine Seuche, 212 die unter dem Grünberger Viehbestand ausbrach. Etwa hundert Stück Vieh sind gestorben, vie Rbsperrmaßregeln, die man traf, waren primitiv genug. Sie bestanden darin, daß man beim Siechhaus einen Notstall errichtete und dort die erkrankten Tiere unterbrachte. Vie Seuche erlosch erst, als die Kriegsunruhen ein Ende genommen hatten. Rber erst im November zogen die letzten Nüssen ab. Damit gab es für eine Zeitlang Frieden. Sn dieser Zeit spielte ein interessanter Rechtsstreit. Bekanntlich wurde nach Leipzig die hessische Landwehr nach erprobtem preußischen Muster errichtet. Zu der sollten nun auch die wohlweisen Natsoerwandten und Vierer der Stadt herangezogen werden. Nber die Herren sträubten sich nach allen Kräften gegen eine solche Zumutung. Sie hielten es für unter ihrer stadträtlichen Würde, den Tornister auf den Buckel und das Gewehr auf die Schulter zu nehmen, ver Streit wurde gegenstandslos dadurch, daß der Friede geschlossen wurde und die Stadtväter nun nicht mehr nötig waren gegen den äußeren Feind. Tins noch will ich hervorheben: Sm Rnschluß an die beiden Schreckensjahre 1806 07 sagte ich, daß die Franzosen unmittelbar verderblich auf die Sittlichkeit eingewirkt hätten. Zum Ruhme der Freiheitskämpfer sei es gesagt: vie alten Bücher berichten uns von keinem einzigen ähnlichen Fall, den die Truppen Blüchers oder Wittgensteins sich hätten zuschulden kommen lassen. Vas beweist doch, daß eine gediegene Moral unter ihnen herrschte, die getragen war von der heiligen Begeisterung für die große Sache, der sie dienten. Und nun kommen wir zu allerletzt an die Folgen der hundert Tage von 1815, die sich bei uns in Grünberg geltend gemacht haben. Während die Diplomaten auf dem Wiener Kongreß die Erfolge der tapferen Freiheitskämpfer zunichte machten, hatte Napoleon in Frankreich wieder die Herrschaft an sich gerissen. Und nun ging es zum letzten Waffengang mit dem kriegsgewaltigen Genius. Sn fliegenden Märschen ging es dem Kriegsschauplatz im nördlichen Frankreich zu. Schon am 25. Rpril zog eine Rbteilung preußischer Reiter durch Grünberg. Sie rasteten nicht, sondern machten auf dem Markt halt, während ihnen der Metzger Martin Zöckler eilends 30 Pfund Wurst besorgen mußte. Cs mußte auf städtische Kosten eine Karte von Frankreich angeschafft werden, damit die durchziehenden Truppen sich orientieren konnten. Sm Rathaus wurde sie aufgehängt. Ruch das Großherzogtum Hessen rüstete eilig. Die Stadt mußte zur Equipierung des 2. Landwehrregiments 230 fl. zahlen. Sm Rugust kehrten die Truppen wieder zurück. Der große Kriegskaiser war endgültig niedergeworfen. Da kamen wieder Truppendurchzüge durch Grünberg. Sächsische Gffi- ziere wohnten im „Hirsch". Sm „Wilden Mann" nahm für kurze Zeit der preußische Kronprinz, also der nachmalige König Friedrich Wilhelm I V. Guartier. Tr führte eine außerordentlich feine Küche, ließ sich aber seine Rechnung nicht von der Stadt bezahlen. Die war auch wirklich schwer genug belastet. Tine ungeheure Kriegsschuld lag auf ihr und immer noch mußten Kontributionen bezahlt werden. Da es nicht mit der erwünschten Schnelligkeit ging, wurden Soldaten zur Exekution, wie es heißt, hergeschickt, die solange auf städtische Unkosten hier blieben, bis die Ruflage bezahlt war. Mit diesem unerfreulichen Vorkommnis wollen wir unsere Bilder aus Grllnbergs Vergangenheit schließen. Zum Schlüsse sei noch die Frage erhoben: Worin haben wir denn nun die Folgen der Ereignisse von 1806—1815, die wir zu überblicken suchten, zu sehen. Zunächst in einer weitgehenden Verarmung nicht nur der Stadt selber, sondern auch der einzelnen Bürger. Wir zahlen z. T. heute noch an jenen Kriegsschulden. Ungeheure Gpfer hatten gebracht werden müssen an Gut und an Blut. Ts ist sicherlich nicht zu hoch gegriffen, wenn wir sagen, daß in allen napoleonischen Kriegen seit 1796 ungefähr 40 junge Grünberger BUrgerssöhne um das Leben gekommen sind. Rber viel schlimmer als diese Gpfer war die Tatsache, daß in diesen kriegerischen Zeiten, wo alles drunter und drüber ging, die Bevölkerung nach und nach verrohte. Vie Jahre nach den Befreiungskriegen zeigen einen erschreckenden Tiefstand der Grünberger Sittlichkeit. Rber um so größer war der Gewinn dieser Zeit: die Freiheit war ja wiedergewonnen! Sm Volk war der Grund gelegt zu festem Glauben und zu geläuterter Vaterlandsliebe. Ruf diesem Grunde haben spätere Zeiten weitergebaut, auf ihm fußen auch wir. Ein pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) Sn Enkenbach mußten wir umsteigen, dann rollte der Zug, während der Vonnersberg mit seiner nach Süden gelegenen Seite vor uns aufstieg, weiter auf Rockenhausen zu. Ls war ein schöner, sonniger Herbsttag. Ruf den Feldern waren die Leute mit Kartoffelausmachen und mit Gbst- pflücken beschäftigt. Wagen, die mit Kühen bespannt waren, bewegten sich langsam auf den Feldwegen dahin, und Kinder begrüßten den dahineilenden Zug mit ihrem Lärm. Wir gingen miteinander durch das Städtchen und dann hinauf nach der höhe, auf der Ruppertsecken liegt. Sch trug das Paket, das lNarie mit von Kaiserslautern gebracht hatte, und diese redete ohne Rufhören. Sie erzählte mir Vorfneuig- keiten, die sie vor einigen Wochen bei einem Besuche in unserer Heimat erfahren hatte, und berichtete mir von dem, das sie in ihren Dienststellen erlebt hatte. Bei ihrem munteren Geplauder schwand meine verdrießliche Stimmung immer mehr dahin. Langsam gingen wir den Berg hinauf. INarie Lippert erinnerte mich an so manches Vorkommnis aus unserer gemeinsamen Schul- und Konfirmandenzeit. Rls ich davon sprach, wie sie mir, als wir noch zum „kleinen Herrn Lehrer" gingen, das Gesicht mit gelber Farbe angestrichen hatte, konnte sie sich vor Lachen fast nicht helfen. Sie sagte: „Weißt du, Peter, das vergesse ich nie, aber das Schönste an der ganzen Sache war doch das dumme Gesicht, das du gemacht hast, wie ich dir mit dem Pinsel Uber die Backe fuhr." Die Erwähnung gerade dieses Umstandes war für mich nun nicht sehr schmeichelhaft, aber ich ließ mich doch von der Lustigkeit der Marie anstecken, und in heiterster Stimmung kamen wir in das Dorf. Sch begleitete Marie bis an die Treppe ihres Vaterhauses. Dort bedankte sie sich dafür, daß ich ihr das Paket getragen hatte, und sagte dann: „Rber, gelt, Peter, du kommst jetzt jeden Rbend ein bißchen in unser Haus, damit wir uns über unsere Schulzeit unterhalten." Das versprach ich ihr und ging nach Hause, um Mutter und Bruder zu begrüßen. Ls kam ein schöner und milder Spätherbst. Sn aller Ruhe konnten die Leute ihre Feldfrüchte nach Hause bringen. Sch half meinem Bruder fleißig bei dieser Rrbeit. Mit unseren Kühen fuhr ich Rüben und Kartoffeln nach Hause, half 213 Birnemoein keltern und drosch eifrig Korn in unserer Scheuer; denn der Nathan Silberschmidt lief schon seit Wochen durch das Dorf und kaufte Frucht für einen Mannheimer Großhändler auf. Der verkauf unserer Frucht bildete den haupterlös für mich und die Meinen. Bbends ging ich immer an das Haus des Krämers Lippert. Vas Hoftor war nur angelehnt, und immer, wenn ich kam, stand Marie schon da und wartete auf mich. Wir standen vor dem Tore auf der Straße, bis es neun Uhr läutete, redeten von allem Möglichen und tauschten mit den vorübergehenden kurze Beden aus. Marie wußte immer Neuigkeiten aus dem vorfleben, und immer war sie heiteren Sinnes, so daß es mich jeden Übend an das Tor zog wie mit starken Seilen. Gern stand ich am Morgen eine Stunde früher auf, nur um mit meiner Brbeit fertig zu werden, und abends rechtzeitig zu unserem Stelldichein zu kommen. Gefters gingen wir Sonntags gemeinsam über Land. Marie Lippert war jetzt noch viel tanzlustiger als damals in unserer Konfirmandenzeit, da sie mir den Polka-Mazurka auf der Straße vorgetanzt hatte. Sie wußte es ganz genau, wenn irgendwo in der Nachbarschaft Geige und Klarinette klangen und Kirchweihe oder Nachkirchweihe gehalten wurden. Früher hatte ich an dergleichen Vergnügungen, namentlich wenn sie an Drten stattfanden, wo ich nicht bekannt war, wenig Gefallen gefunden, jetzt war es anders. Sch war gern dabei, wenn Marie vorschlug: übermorgen gehen wir nach Dannenfels oder nach St. Blban, dort ist Tanzmusik. vor dem Dorfe wartete ich dann auf sie, und gemeinsam zogen wir aus zum Vergnügen. Leider muß ich sagen, daß ich in dieser Zeit meine Mutter oft getäuscht und belogen habe. Sie hatte erfahren, daß ich jeden Bbend bei Marie am Tore stand und auch Sonntags mit ihr ausging. Da hatte sie mich vor dem Mädchen gewarnt, indem sie sagte, Marie sei leichtsinnig und flatterhaft. Nn keiner Stelle habe sie lange ausgehalten; wenn die Herrschaft ihr nicht den Hausschlüssel gegeben habe, daß sie beliebig zu jeder Stunde des Nachts nach Hause kommen konnte, habe sie sofort gekündigt. Sn Mannheim sei sie nicht lange geblieben, weil ihre Herrschaft nicht habe dulden wollen, daß sie sich an den Fastnachtstagen maskiert auf den Straßen umhertriebe. Sch schämte mich damals nicht, es der Mutter gegenüber abzuleugnen, daß ich trotz ihrer Vorhaltungen jeden Bbend mit dem Mädchen zusammentraf. So lange ich im Zimmer bei meiner Mutter saß und sie mich durch die Brille, die sie seit einigen Sahren trug, ernst und gütig ansah, schien mir das alles, was sie mir von Marie Lippert sagte, richtig zu sein, sobald aber die Bugen der Mutter nicht mehr auf mir ruhten, dachte ich nicht mehr an ihre Warnungen. Und Übend für Bbend ging ich an dar Tor, wo Marie auf mich wartete. Wenn ich mich dort aus irgend einem Grunde einmal abends nicht eingestellt hatte, so ließ mich das Mädchen am nächsten Tage fragen, warum ich nicht gekommen sei. Sie machte das so, daß sie mir durch Kinder auf den Ucker, wo ich arbeitete, Briefchen schickte. Manchmal schrieb sie auf kleine Briefbogen, die allerhand bildliche Verzierungen: Tauben, die sich küßten, oder Schwalben oder Blumen aufwiesen, manchmal auch kritzelte Marie ihre Mitteilungen in unorthographischer Schrift auf einen Fetzen Papier, den sie im Laden ihres Vaters von einer Düte abgerissen hatte. Bllmählich erreichten unsere Zusammenkünfte am Hoftore ihr Tnde: denn herbstlich rauh wehte der Sturm durch das Land, trieb die Blätter von den Bäumen und fegte durch die vorfgassen. Tr kamen Begentage, da der Himmel in ein einziges Grau gehüllt war und große Pfützen vor den Häusern standen. von der Straße waren wir vertrieben, nun gingen wir abends in die große Wohnstube des Krämers, die unmittelbar binter dem Laden lag. Die Eltern meiner früheren Schulfreundin sahen mich anscheinend gern kommen; denn die Mutter selbst hatte mich eines Bbends, als der Begen in Strömen floß, hereingerufen. Sch kann nicht anders sagen, als daß es mir dort besser gefiel als zu Hause. Bei meiner Mutter war alles beim Blten geblieben, so wie ich es von meiner frühesten Kindheit an gewöhnt war. Da stand der Tichentisch, dahinter die Lehnenbank, in einer Ecke die Wanduhr, die schon dem Großvater die Stunden angezeigt hatte, in einer anderen Ecke der große Gfen, auf dem im Winter auch gekocht wurde, neben ihm der Milchschrank, dar ist nämlich das Gestell, auf dem die Mutter die mit Milch gefüllten Töpfe in Beih und Glied stehen hatte. Eine kleine Lampe verbreitete eine dürftige Helle. Fritz war meist abends von der Feldarbeit so müde, daß er frühzeitig zu Bett ging, die Mutter saß im Zimmer und ließ ihr Spinnrad eifrig schnurren, daß eine rechte Unterhaltung nicht aufkommen konnte. Das erschien mir recht damals langweilig. Wie wollte ich jetzt Gott danken, wenn ich noch einmal mit der längst entschlafenen Mutter in unserem Wohnzimmer abends zusammensitzen und mir von ihr die rechten Wege weisen lassen könnte. Sn jener Zeit aber schien es mir in der großen Wohnstube der Familie Lippert viel pläsierlicher zu sein. Diese Familie konnte sich beinahe zu den „Staatsleuten" rechnen. So benennt der Pfälzer alle die Leute, die in ihrer Stellung und in ihrer Lebensart sich mehr den Wohlhabenden unter den Stadtbewohnern nähern. Bei dem Krämer lag eine rotgeblümte Decke über dem Tische, den eine Hängelampe beleuchtete. Einen Milchschrank gab es dort nicht, wohl aber ein mit Leder bezogenes Sofa, auf dem man bequemer saß als auf unserer harten Bank. Bn den Wänden hingen allerhand Bilder, unter einem stand „Die Schlacht bei Bunkershill". Es war ein etwas stockfleckiges Bild aus dem amerikanischen Sezessionskriege. Unter einem anderen Bilde stand „Napoleons Bbschied von seinen Garden im Schloßhofe von Fontainebleau". Ein drittes Bild stellte den Stufengang des menschlichen Lebens dar, immer in Bbständen von zehn zu zehn Jahren. Links unten stand das Kind, dann ging es auf Treppenaufsätzen hinauf bis zum 50. Lebensjahre, um dann bis dahin zu sinken, wo rechts unten der Greis müde, auf seinen Stock gestützt, dahinschlich. Darunter standen die be- kanntlichen Worte: „Zehn Jahr ein Kind, zwanzig Jahr ein Jüngling, dreißig Jahr ein Mann, vierzig Jahr wohlgetan, fünfzig Jahr geht auch noch an, sechzig Jahr fängts Blter an, siebzig Jahr ein Greis, achtzig Jahr schneeweiß, neunzig Jahr Dnad' bei Gott, hundert Jahr ein Kinderspott". Wenn abends bei Lippert das Feuer im Dfen knisterte und die Hängelampe brannte, so fanden sich außer mir manchmal noch andere Besucher ein, und es gab eine lebhafte Unterhaltung. Sehr häufig erschien die Bltpeter-Lene und erzählte ihre Gespenstergeschichten. Ich weiß noch genau, daß sie Mitte November 1870 einen ungewöhnlich milden Winter prophezeite. Bn Weihnachten, so sagte sie, würden die Frauen und Mädchen mit Sonnenschirmen ausgehen, und im Februar würden die Bäume blühen. Daß das so werden würde, wollte die Lene an Vögeln, die über den Schloßberg geflogen seien und seltsame Töne von sich gegeben hätten, wahrgenommen haben. Buch Gottfried Keiper setzte sich auf das Sofa, rauchte 214 — die halblange Pfeife und erzählte von seinen Musikantenfahrten. Er log das Blaue vom Himmel herunter und schämte sich auch nicht, wenn ich dabei saß, der ich doch genau wußte, wie weit in seinen Reiseberichten Wahrheit und Dichtung gingen. Ruch die beiden Lehrer und sogar der alte Bürgermeister Rodenbecher waren häufig Gäste im Hause Lippert. Da war denn von allem möglichen die Rede, vom Rriege gegen Frankreich, der ja erst um neun Jahre zurücklag, von Rmerika, das man etwas aus den Berichten der ,Amerikaner" kannte, die aus Ruppertsecken gebürtig waren und hin und wieder, wenn sie es ermöglichen konnten, in die alte Heimat kamen, viel wurde auch erzählt vom ,,48er" und „49er" Jahre, da jeden Sonntag in der Nachbarschaft eine andere große Volksversammlung gewesen war und im Schloßgarten zu Rirchheimbolanden zwischen den Preußen und den rheinhessischen Freischaren ein Gefecht stattgefunden hatte, wobei 18 der letzteren den Tod gefunden hatten. Rm meisten wurde von dem Räuber Schinderhannes erzählt, der um das Jahr 1800 im Hunsrück, an der Nahe und in den angrenzenden Teilen der Pfalz sein Wesen getrieben hatte. Wenn der Name des Zchinderhannes erwähnt wurde, wurde Bürgermeister Rodenbecher unruhig und lebhaft. Tr erzählte dann, wie der Räuber als Viehhändler verkleidet zu seinem auf dem Zchneeberger Hofe wohnenden Großvater gekommen sei, um eine Gelegenheit zum Einbruch auszukundschaften. Rber der Hofbesitzer hatte einen Rnecht gehabt, der den Räuber gekannt hatte. Da hat man nun nachts strenge Wache gehalten, und als der Räuber einige Tage später mit mehreren Zpießgesellen um Mitternacht erschien und einsteigen wollte, hatte man die Eindringlinge durch Flintenschüsse vertrieben. Rls der Räuber dann in Mainz hingerichtet worden war, hatte sich auch der Großvater des Bürgermeisters auf den Weg gemacht und war unter den vielen Tausenden gewesen, die das Ende des Bösewichtes und eines Teiles seiner Bande angesehen hatten. Der alte Lippert war ein Prahlhans. Eines Rbends sah ich ihn über eins seiner Geschäftsbücher — er nannte es fein Hauptbuch gebückt sitzen. Lange schien er zu rechnen, wenigstens bewegten sich seine Lippen, dann sagte er: „Jetzt habe ich im letzten Jahre wieder einen Umsatz von 9000 MK. gehabt." Ich fiel vor Verwunderung fast von meinem Ltuhl. 9000 MK. beim verkauf von Kaffee, Rpfelsaft, Eichorie, (»elkuchen, Zchuhwichse und Reiter R. B., das schien mir doch ein gutes Geschäft zu sein. Ich gewann ordentlich Hochachtung vor dem Kaufmann und dachte: so ein Geschäft zu haben ist besser als in der weiten Welt die Trompete zu blasen. (Fortsetzung folgt.) 'Uleine Mitteilungen. Die 70. Jahresversammlung des hessischen Hauptvereins der Gustav-Rdolf-Ztiftung fand in diesem Jahre am 21. und 22. Juni in Wörrstadt in Rheinhessen statt, vor 31 Jahren (1883) hatte der Verein, damals unter dem Vorsitz des Prälaten I). Habicht, dort auch freundliche Rufnahme gefunden, doch war dieses Mal die Tagung eine noch schönere und in ihren Veranstaltungen reicher ausgestattete. vormittags um V 2 II Uhr war am Festsonntag schon ein Jugendfestgottesdienst, geleitet von pfarrassistent Reith von Zprendlingen (Starkenburg), vorausgegangen, viele auswärtige Teilnehmer und Rbgeordnete fanden sich aber erst bei dem um 3 Uhr abgehaltenen Festgottesdienst ein, in dem Pfarrer Nack von Pilsen über 1. Ioh. 3, 14 eine zu Herzen gehende predigt hielt. Der Vorsitzende des Hauptvereins, Pfarrer Dingeldey-Varmstadt, begrüßte darauf die das Gotteshaus bis auf den letzten Platz füllende Festversammlung, und nach ihm tat das Gleiche der Superintendent der Provinz, Gberkonsistorialrat Euler, beide mit trefflichen Worten. Die öffentlichen Festoersammlungen in zwei Gasthöfen waren sehr zahlreich besucht. Sie wurden von Dekan Baper- Raunheim und Pfarrer Wagner-Bensheim geleitet. In ihnen sprachen abwechselnd Pfarrer Winkelmann-Pettau über „Der Kampf für Evangelium und Deutschtum in Süd-Desterreich" und Pfarrer Rehwald-heppenheim über „Der deutsche Gedanke und der Gustav-Rdolf-Verein". Nach einer kurzen Pause versammelte man sich wieder in der großen neuen Turnhalle, die bis auf den letzten Platz besetzt war. hier überreichten nach einer Eröffnungsansprache des Präsidenten des Hauptvereins der Vorsitzende des Wörr- stadter Zweigvereins, Pfarrer Uhl von Nieder-Saulheim und Pfarrer Goethe-Wörrstadt Liebesgaben für den Verein. Im Namen der Theologischen Fakultät zu Gießen begrüßte Geh. Kirchenrat Professor O. Krüger die Versammlung mit einer von lebhaftem Beifall aufgenommenen Rede. Gerade das Erscheinen des Vertreters der Theologischen Fakultät der Lan- desunioersität trug sehr zur Hebung der Festfeier bei, um so mehr, da der genannte Herr auch der Sitzung des Verwaltungsrates beiwohnte. Nach verschiedenen Begrüßungen durch Vertreter auswärtiger hauptvereine sprach Pfarrer Nack-Pilsen über „Deutsch-Evangelisch in Böhmen und auf dem Balkan Erlebtes und Geschautes". Zuletzt brachten Glieder der Wörrstadter evangelischen Gemeinde das Festspiel „Luther in Oppenheim" von Nithack- Stahn zur Rufführung. Die gelungene Darstellung bildete den Glanzpunkt der Rbendversammlung, die mit dem gemeinsamen Gesang „Gold'ne RbendsoNne, wie bist du so schön" geschlossen wurde. Rm folgenden Tag begann schon um Va9 Uhr die ver- waltungsratssitzung im Rathaus, die fast von allen Zweigvereinen durch Rbgeordnete beschickt war. Der Vorsitzende des Hauptvereins eröffnete die Sitzung mit einer kurzen 6n- sprache und ernannte unter Zustimmung der Rnwesenden Dekan Knodt von Groß-Zimmern und Pfarrer hepding- hausen zu Revisoren der oorgeprüften Rechnung für 1913. Ruf Grund derselben konnte dem Rechner Entlastung erteilt werden. Nach kurzer Besprechung des Jahresberichts, durch den Schriftführer Dekan Bayer erstattet, und nachdem die Versammlung dem Vorschlag beigestimmt, daß der Ersatz im Vorstand durch diesen selbst erfolgen solle, die Viasporagemeinden Bodenheim-Nackenheim und hllttenfeld bei Lampertheim in den Unterstützungsplan ausgenommen waren, wurde derselbe für 1914 festgestellt, wonach der Zentralvor- stand 6000 Mk., die hessischen Diasporagemeinden 21 000 MK. und die Gemeinden außerhalb Hessens an Beihilfen 6400 Mk. empfangen. Die Konfirmandengabe in 1913 für Budenheim betrug 2296.23 Mk. (darunter 106.75 Mk. aus dem Dekanat Gießen). Die Zinsen des hubenschen Legats mit 105 Mk. erhält die Gemeinde Horchheim bei Worms. Rls Rbgeordnete zur Hauptversammlung des Gesamt- oereins in Freiburg i. B. wurden außer dem Vorsitzenden, der Mitglied des Zentralvorstandes ist, der Präsident des 215 — B. Beuern, 5.Juli 1914. Unser Missionsfest, da; zur Erinnerung an die vor 2 Jahren erfolgte Drdination des von hier gebürtigen Missionars Heinrich Malter alljährlich Anfang Juli dahier gefeiert wird, fand heute nachmittag in unsrer geräumigen Kirche statt. Die vereinigten Posaunenchöre von Bersrod und hier eröffneten die Feier mit dem Uiederländischen Dankgebet, wonach der hiesige Kirchengesangverein mit dem Lied „wunderbarer König" folgte. Die anregende Festpredigt hielt Pfarrer Hofmann-Winnerod im Anschluß an Evangelium des Markus 1b, 15 über unsere Pflicht zur Missionsarbeit. Nach einem weiteren Dortrag der Posaunenchöre und des Kirchengesangvereins erzählte Missionar Meyer aus Kamerun von seiner Arbeit in dieser unserer deutschen Kolonie. Cr sprach in fesselnder Nede von dem leiblichen und geistigen Elend der Heiden, ihrer Krankheitsnot, der unwürdigen Stellung der Frauen, Aberglauben, Zauberei u. a. und zeigte dem gegenüber die Liebesarbeit der Mission und ihre Erfolge. In Deutsch-Kamerun stehen zurzeit 54 Missionare, 40 Missionsfrauen, 400 Missionsgehilfen und 3 schwarze Pfarrer an der Arbeit. Auf 16 Stationen und 400 Außenstationen hat die Baseler Mission 17 000 Getaufte und 23 000 Schüler, ein Beweis von der Lebenskraft des Evangeliums und eine Bürgschaft für fernere Erfolge. Mit einem nochmaligen Oortrag des Posaunenchors und dem gemeinsamen Gesang von „Ach bleib mit deiner Gnade" schloß das schöne Fest, das fast von 1000 Personen aus nah und fern besucht war. Die Fortsetzung von „Griechische Reisen und Sommer- frischen" erscheint in der nächsten Nummer. Großherzoglichen Gberkonsistoriums v. Nebel, der Schrift- führer Dekan Bayer und Pfarrer Wagner-Bensheim bestimmt. Vas nächste hessische hauptfest findet in (vberhessen und zwar in Hungen statt, wozu Pfarrer König-Bellersheim in Vertretung des Dekans Kirchenrat hainer-hungen als Abgeordneter herzlich einlud. Längere Zeit beanspruchte die Beratung über die Frage: „Ist eine kirchliche Finanzgemeinschaft der politisch eingemeindeten Vororte mit den Stadtgemeinden möglich?", worüber wirkl. Geh. Gberpostrat Kobelt-Darmstadt, als Mitglied des Vorstands, eingehend und sachlich referierte. Ts handelte sich um Gffenbach-Bieber und Mainz mit Mombach und Kastel-Amöneburg. Nachdem verschiedene Bedenken von seiten des Vertreters von Mainz (Pfarrer Lie. Bert-Weisenau) geltend gemacht worden waren, bejahte die Versammlung doch zuletzt die Frage im Interesse der Gemeinden und der Gustav- Adolf-Vereinssache, zumal dadurch Ersparnisse (jährlich 3464 Mark) zugunsten der übrigen Diaspora erzielt werden. Zuletzt stand zur Verhandlung die Frage: „wie kann und soll die Jubiläumssammlung der Gustav-Adolf-5tiftung für 1917 in unserem Zweigvereinsgebiet erfolgreich vorbereitet und durchgeführt werden?" Der einstimmig gefaßte Beschluß des Zentralvorstandes vom 8. Dezember v. J. geht nämlich dahin, daß die Reforma- tions-Jubiläumssammlung für die Zwecke der weiblichen Diakonie in der Diaspora bestimmt sein soll. Bei der längeren Debatte war es inzwischen 1 Uhr und so Zeit geworden, daß das Festessen in der „Traube" die müde und matt gewordenen versammelten durch Speise und Trank erfrischen und beleben sollte. Der geplante Ausflug nach dem Neuborn mußte infolge eingetretenen Gewitterregens leider unterbleiben, doch waren noch einige Abgeordnete und Festgäste mit etlichen wörr- stadter Bürgern ein Stündchen gemütlich auf dem sogenannten „Mühlchen" vor Abgang der Züge zusammen. h. A. h. * * * Da augenblicklich die neue Friedhofskapelle zu Gießen im Innern einer Reparatur unterzogen wird, so finden die Bestattungsfeiern am Grabe statt. Es wäre wünschenswert, daß die Frauen, die sich den neuen Friedhof zum Schauplatz ihrer lebhaft geführten Gespräche auswählen, ihre Unterhaltung doch nicht so laut führen, daß die in geringer Entfernung davon stattfindenden ernsten Feiern dadurch gestört werden. Man kann die Tages- und Stadtneuigkeiten ja auch vor dem Friedhofe auf der Marburger Straße gründlich, ausgiebig und temperamentvoll verhandeln. Noch besser eignet sich hierzu die Wohnung; dort hat man ja auch Sitzgelegenheit und kann sich der Erörterung interessanter Gesprächsstoffe noch viel gründlicher widmen. * * * An den Taubstummengottesdienst, der nächsten Sonntag ausnahmsweise schon um 1 Uhr beginnt, schließt sich eine gemeinsame Besichtigung der Gewerbe-Ausstellung an. Der Verkehrsausschuß hat den Taubstummen freien Eintritt bewilligt. * . * Dienstag, den 14. Juli, veranstaltet der Akademische Wartburgbund abends 8V* Uhr in Steins Garten eine Versammlung, in der Herr Professor D. Schian über das Thema „Die gegenwärtige Austrittsbewegung und die Gebildeten" sprechen wird. Jedermann ist herzlich eingeladen. Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 12.Juli, 5. nach Trinitatis. Gottesdienst. In der Stadtkirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Schwabe. Zugleich Ehristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Markusgemeinde, vormittags 9Ve Uhr: Professor D. E ck. vormittags 11 Uhr: Militärgottesdienst. Pfarrer Schwabe. Nachmittags 2V? Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. pfarrassistent Hoffmann. In der Johannestirche. vormittags 8 Uhr: pfarrassistent Hoffmann. Zugleich Ehristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Johannesgemeinde, vormittags 9V- Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Im Konfirmandensaal in der Liebigstrahe. Nachmittags 1 Uhr: Taubstummengottesdienst. Pfarrer Bechtolsheimer. fcdettan&fttabt •in roslfaa, jugendfrisches Antlitz und einen zarten, blendend schönen Teint. 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