Nr. 26. Gießen, 4. Sonntag nach Trinitatis, 5. Juli 1914. 3. Jahrgang. wie finden wir Lebensfreude? 1. Brief der Petrus 3, 10-15. Mer leben will und gute Tage sehen, der schweige feine Zunge, daß sie nichts böses rede und feine Lippen, datz sie nicht trügen. Er wende sich vom Bösen und tue Guter: er suche Frieden und jage ihm nach, heiliget aber Gott den kjerrn in eurem Kerzen. „Wer Freude am Leben haben und gute Tage sehen will" — mit dem redet Petrus im vorliegenden Ubschnitt. Wer wollte das wohl nicht? Und erst recht in heutiger Zeit! Map Kann i'ch Kaum einen moderneren Wunsch denken, als Levens, reuoe uns guie Tage! Wer hierfür das schmackhafteste Uezept verschreiben kann, der ist in Wahrheit unser Wann! Nun wohlan, was bietet uns Petrus? Tine Weisung, die er an seinem eigenen Sch erprobt hat. Sie lautet mit einem Wort: Sei ein rechter Thrist! Und wenn man unseren Ubschnitt auf seinen genauesten Inhalt prüft, dann kann man sagen: er bildet eine gedrängte Zusammenfassung der Bergpredigt Jesu. Tine Stelle (Vers 14) ist ihr ja sogar direkt entnommen. Vas sind alles unserm „christlichen" Ohr vertrauteste Forderungen: vergeltet Böses mit Gutem, seid selber gut, ohne Menschenfurcht ; statt dessen steht in der kjeilighaltung des kjerrn. Dazu gehört, sich freimütig zu ihm bekennen und nach seinem Beispiel handeln und wandeln. Dann habt ihr ein gutes Gewissen. Und ohne dieses keine Lebensfreude und keine guten Tage! Ulso nochmals: Seid rechte Thristen! Charakteristisch an dieser Petrus-Mahnung könnte noch das sein, daß sie betont an solche Leute gerichtet ist, die sich in eine ihnen feindliche, unchristliche Umgebung versetzt wissen. Was sollen wir nun dazu sagen? Ist's nicht so: Vas Uezept des Upostels klingt uns gar zu alltäglich! Das haben wir ja schon auf der Schulbank von kleinauf gehört, das hören wir seitdem bei jedem Besuch in der Uirche, das steht in jedem christlichen Buch und in jedem christlichen Sonntagsblatte. Vas ist so bekannt, datz man — nichts Rechtes mehr damit anzufangen weiß! — Uber da fällt uns ein Urtikel ein, den wir jüngst in einem Blatt lasen. Tr handelte von der diesjährigen Großen Berliner Uunstausstellung, insbesondere von den vielen dort ausgestellten Porträts. Und dem Beschauer war als hervorstechendstes Tharakteristikum aufgefallen, daß auch nicht auf einem einzigen Gesicht sich Freude am Leben ausdrllckt, obwohl alle, die da gemalt wurden, was man so nennt, recht „gute Tage" gesehen haben und sehen! ver Urtikelschreiber hat an nichts weniger als einen „christlichen Standpunkt" gedacht. Um so, fast möchte man sagen erschütternder ist seine Feststellung. Uber nun die andere Frage: Wo sind denn heute auch noch Thristen im Sinne der Bergpredigt? Vas heißt von innen heraus ganz neu gewordene Menschen! Fast fürchten wir, daß die heutige Zeit erst wieder in Wahrheit gute Tage sehen und Freude am Leben haben wird, wenn ihr dar Uezept des Petrus nichts Ulltägliches und längst Bekanntes mehr, sondern • ';bri bcfrcirndcr ^-be»?inhal! geworden ist. Griechische Reisen und Sommerfrischen. von Geh. Gberkonsistorialrat v. W. petersen in varmstadt. (Fortsetzung.) Nach Uauplia kehrten wir nicht mehr zurück, sondern fuhren mit der Bahn nach Mpli d. h. den Mühlen, ver westliche Teil der argolischen Tbene ist ganz mit Wein bepflanzt und wird in seiner südlichen Trstreckung mehr und mehr durch die dem Meere immer näher tretenden Berge geschmälert. Man sieht aus der Bahn über die üppige, grüne Umgebung weg auf das blaue Meer und das malerische Uauplia. Mpli heißt übrigens offiziell Lerna, ist also der Standort der lernidischen Schlange, was immer auf Fieber deutet, ver Sonnenheros Herakles überwand sie mit Hilfe seines vieners Folaos. Ihre Uöpfe waren die Tsuellen (noch heute heißen sie in Griechenland kephalaria), die an einer Stelle verstopft, an anderen Drten immer wieder hervordringen. Nur durch Ubbrennen des Waldes, der den Sumpf bedeckte, Konnte die Urbarmachung begonnen werden. Noch heute ist die ganze Gegend zum Unterschied von dem übrigen durstigen Urgos sehr wasserreich durch Rinnsale aus den Bergen und Tsuellen von einer Mächtigkeit, daß man an deren Speisung aus dem arkadischen Hochland gedacht hat. von Mpli aus dringt die Bahn ins Innere des Peloponnes. Wir stiegen daher in einen anderen Zug. Tinige Tage vorher hatte man erst den Betrieb dieser damals neuesten Bahn begonnen. Ts folgten nun genußreiche Stunden. Vie Bahn grub sich immer tiefer ins Gebirg hinein in beständiger Steigung. Vas Gelände, wenn auch nicht bewaldet, war grün 202 und in den Gründen erfreute der klnblick frischen Wassers. Je tiefer wir zwischen den rechts und links zu l400 und l000 Meter hohen Bergen eindrangen, desto enger und malerischer wurde das Tal. Das kann sich getrost den schönsten Bahnen, etwa dem Semmering und der Lchwarzwaldbahn, an die Beite stellen. Der Mangel an Wald wird in Griechenland durch das herrliche Licht ausgeglichen. Man freute sich über die herrlichen Schluchten, die frischen Wasser, die von beiden Beiten dem Bahntal zuströmten. Bus der höhe erreichten wir die Talkessel von Rchladokampor, rings eingeschlossen von hohen Bergen, dem Ntenia und dem parthemai. hier beginnt der Glanzpunkt der Bahn. In einem Bogen von 10 Kilometern legt sie eine Entfernung von 2 Kilometern in Luftlinie zurück. Bus einer Btrecke von I Kilometer überschreitet sie 3 Viadukte, von denen einer 250 m lang und 70 m hoch ist. Rn der Breitseite des massigen parthenion fl200 m) sehen wir die schmale Linie, auf welcher die Ruffahrt vor sich gehen sollte. Ein Belgier stieg ein, ein Mann, der am Tisenbahnbau beteiligt war. Er gab uns mancherlei Aufschluß. (Oben am Berge thronte Rchladokampos d. h. Bienenfeld unter grünen Frucht- bäumen, dessen most konorubls, wie Bhakespeare die Mörder des Täsar bezeichnet, dessen höchst ehrenwerte Bewohner der Bahn über 1000 Bchwellen und andere nützliche Dinge gestohlen hatten, weshalb ihr Grt von den Belgiern Nlephto- kampos und von den Italienern Ladrocampo, d. h. Spitz- bubenfeld, umbenannt worden sei. Wir fuhren hinter diesem rühmlichen Grt langsam an der rechten Beite des Tals bergan über den kirchturmhohen Lieg, der den Bach überbrückt, durch dessen Tal wir von Mpli an gefahren waren und der hier durch eine großartige Schlucht in die Talmulde von klchladokampos eintritt. Noch lange Zeit hatten wir den Blick in die Talmulde. Der Weg, den wir zwischen den Bergen zu- rllckgelegt hatten, ließ sich wie eine leichte Furche in der Ge- birgsmasse verfolgen, herrlich war auf dieser Fahrt das klbendlicht. Einzelne malerische Dörfer wurden berührt oder zur Beite gelassen. Endlich mit Dunkelwerden war die höhe erreicht. Große Bewegung ist auf der Station, Militär steigt ein. Die Leute stehlen in der Nacht sogar die Schwellen vom Bahnkörper, es ist ein förmlicher Kleinkrieg gegen die Eisenbahn. Nun gings etwas bergab, und es ist nichts mehr zu sehen. Man merkt, man ist auf einem Hochplateau, die Luft ist empfindlich kühl. Wir kommen nach Tripolitza. Der Belgier hat uns auf den Empfang dort vorbereitet. Eine schwarze dichtgedrängte Menschenmenge steht dort, keine Beleuchtung außer dem unsicheren Licht der Wagen. Wie die Naben stürzen sich die dienstfertigen Geister auf unser Gepäck, wir lassen aber niemand daran kommen und bahnen uns mit gespitzten Ellenbogen den Weg durch die Menge. Ein Nutscher will sich uns aufdrängen, der Hotelier habe ihn geschickt. Wir wollen nichts von ihm wissen. Ein Junge nimmt sich unserer Bachen an. Ein Gktroibeamter erscheint und will unsere Sachen sehen. Ich werde grob: Wir handeln nicht mit Reis und Zucker. Er wollte ins Hotel Nachkommen, ist aber nicht gekommen. Ein warmer Händedruck hätte ihn sonst auch befriedigen müssen. In rasender Fahrt jagen wir durch die Straßen, die nur von den Magazinen her ihr Licht empfangen. Die Btadt dehnt sich lang aus, es dauerte lange, ehe wir vor dem Hotel zur Nrone hielten. Der Wirt bewillkommnete uns, man hatte uns ohne unser wissen schon von Nauplia angemeldet. Um 4 Uhr am nächsten Morgen sollten wir fort. Wir wurden in freundliche Zimmer geführt. Dann aßen wir unten ein sehr schmackhaftes Nbendbrot und tranken vorzüglichen Wein. Mit leisem Zagen ging es ins Bett, und bald schliefen wir alle. Die Reiseuuruhe brachte uns jedoch schon um 3 Uhr auf die Leine und einer von den sächsischen Reisegefährten begann dann die Wanzenjagd und setzte jedes dieser liebenswürdig-anhänglichen Tierchen einzeln an die frische Morgenluft. Nun sah sich natürlich jeder von uns sein Bett an und machte interessante Entdeckungen. Das gehört eben zum Grient, zur Levante, von der es ein boshaftes Derschen etwa des Inhalts gibt: Wer nie sein Brot mit Unschlitt aß, Wer nie im Bett den Schirm aufspannte, Wer nie die Wanze lebend fraß, Der kennt dich nicht, du göttliche Levante. Bei der Nammerjägerei wurde man munter. Unwille und Heiterkeit gaben eine gute Morgenstimmung. Der Naffee wurde aufgetragen, und unser Zahlmeister untersuchte noch einmal die bereits am Rbend im voraus bezahlte Rechnung. Man hatte uns wirklich den nicht benutzten Wagen mit vier Drachmen angekreidet, dem Jungen hatten wir l'/s bezahlt. Da wurde denn der Wirt noch um Va4 Uhr aus dem Bett geholt und mußte unter Entschuldigungen noch die 4 Drachmen ausliefern. Wir bestiegen unsere Pferde. Es war ein wundervoller Ritt in der Dämmerung und in der frischen Morgenluft aus der Stadt hinaus, den Bergen zu. Es wurde Heller. Die Berge bekamen ein geheimnisvolles Licht. Sie sehen in Griechenland immer morgens so feierlich aus. Man versteht und fühlt die homerische Rede von der heiligen Morgenfrühe. Es war einem auch feierlich zu Mut. Um 5 Uhr läuteten die Glocken von Tripolitzä, es ist ja Sonntag. Die griechische Nirche steht noch früher auf als die katholische. Wir waren bereits hoch über dem selbst über 663 m hoch gelegenen Tripolis, das mitten in einer großen Ebene liegt, auf welche schöne Berge herabblicken. Weiße Landstraßen durchkreuzen die Hochebene, vereinigen sich in diesem Herzblatt des Peloponnes. In dieser Hochebene lagen einst zwei bedeutende Städte, Tagea und Manti- nea, die beide verschwunden sind. Das Gebiet der letzteren, bekannt durch Sieg und Tod des Epaminondas 362 v. Ehr., ist größtenteils versumpft. Tripolitzä ((Tripolis) verdankt seine Existenz den Türken. Der Pascha von ganz Morea hatte dort seinen Sitz. Der Name erinnert übrigens daran, daß die Stadt auf dem Gebiet dreier antiken Städte (Mantinea, pallantion, Tagea) erbaut worden ist. Einer der großen Erfolge im griechischen Freiheitskampf war die Einnahme dieser Stadt am 5. Oktober 1821 durch Theodoros Nolokotronis, bei der, die türkischen Bewohner niedergemetzelt und fast die ganze Stadt zerstört wurde. Sie fiel 1825 freilich wieder in die Hände Ibrahim Paschas, der erst 1828 wieder abzog. Jetzt ist Tripolis eine stattliche ausblühende Stadt von über 10 000 Einwohnern, das Handelszentrum des mittleren Peloponnes. (Schluß folgt.) Line oberhessische Landstadt in der napoleonischenAeit. von pfarrassistent Hugo hepmann in Mainz. (Fortsetzung.) Freilich vorderhand sah es nicht so aus, als solle Napoleons Stern sinken. Venn gerade im Frühjahr 1813 hat er noch einmal sein ganzes organisatorisches Talent zusammengerafft und mit einer Schnelligkeit neue Heere ostwärts geworfen, die wir heute noch bewundern müssen. Im herbst des vorigen Jahres bin ich gelegentlich der Festpredigt zur Jahrhundertfeier der Frage nachgegangen, warum wir unseren 203 hessischen Vorfahren nicht verübeln können, daß sie nicht den Volkssturm zur Freiheit im Frühjahr 1813 mitmachten. Die Einzelheiten habe ich damals schon ausgeführt. Nur ein Moment hebe ich noch besonders hervor: unseren Vorfahren wurde gar keine Zeit zur Besinnung gelassen. Noch lagen im März Flüchtlinge aus Nußland in der Krone bei Johannes Hofmann und ließen sich gesund pflegen, als auch schon von der hohen Straße und von Gießen her neue Franzosenkrieger heranrückten, hätte Napoleon etwa bis Mai gezögert, dann hätte auch bei uns alles in Hellen Flammen der Begeisterung gestanden, varum eilte der Kaiser, er fürchtete den deutschen Idealismus. Ts scheint so, als habe er über das ganze Land hin Besatzungen verteilen lassen, deren Glieder nicht zum Nheinbund gehörten, um in den Westdeutschen eine ähnliche Erhebung zu verhindern, wie sie in gewaltigem Sturmes- wehen über den Osten dahingebraust waren. In der Tasche konnten sie ja die Faust ballen. So lagen in Grünberg seit Npril etwa polnische Beiter vom 4. Begiment Lanciers. Und nun wiederholt sich dasselbe Bild wie anno 1806 und 1812, allerdings diesmal in noch viel größerem Umfang. Truppendurchzüge ohne Ende, Kontributionen und Kriegskosten in unerschwinglichen Summen, Kriegsfahrten ohne Ende, Fou- rogelieferungen, bis der letzte Halm Heu und Stroh abgeliefert, das letzte Scheit Holz ins Magazin gewandert ist. wieder dienen die Schien und die Kirche als packräume. Rlle Seile, die in der Stadt zu haben sind, werden als Zugstränge requiriert, selbst die Glockenseile werden nicht verschont. Der Seilcrmeister Jonas Nebhut weiß sich vor Rrbeit nicht mehr zu helfen. Dazu die angenehme Beigabe der polnischen Beiter, . die der Stadt gewaltige Zechen antrinken und Unfug aller Brt verüben. Über auch das Militärische vergessen sie nicht ganz. Täglich exerzieren sie aus der paulswiese, so daß die Besitzerin, Johannes Zöcklers Witwe, jammernd zum Oberbürgermeister gelaufen kommt und über ihr schönes zertretenes heugras klagt. Über auch der Stadtgewaltige kann ihr nicht helfen,' denn er ist gegen die Lancier; völlig wehrlos, er kann ihr bloß Schadenersatz versprechen. Heu haben die Grllnberger in jenem Jahr auch gemacht,' aber nicht für ihre Pferde und ihr Vieh, das wanderte alles in die französischen Magazine, und die Vergütung dafür war gar gering. Gute Tage hatten allein die Lehrer und die Schulkinder. Blle Schulräume wurden zu Kriegszwecken benutzt und für die Buben gab es bei dem bunten militärischen Treiben alle Tage Neues und Interessantes zu sehen. Ts haben sich im volks- mund bis auf den heutigen Tag mancherlei Rnekdoten erhalten, die ich als Nicht-Grünberger natürlich längst nicht alle kenne. Nur einige seien hier wiedergegeben. Im wirtshause von Johannes Feldmann sind heute noch an einer Säule Scharten sichtbar, die von Säbelhieben her- rllhrten, durch die Soldaten die Schärfe ihrer Schwerter erproben wollten. Tin polnischer Offizier ließ bei seinen Ouar- tierleuten als Bndenken eine Vorstecknadel zurück; ein Fall, der wohl ziemlich selten war. Die Kartoffelsuppe wurde für die Truppen in großen Kesseln gekocht usw. Der Batsdiener Gravelius konnte all die Brbeit nicht mehr allein bewältigen, und so wurde noch ein Stadtdiener ernannt, Thristoph Hartmann, die nun mit der Woche in der Schirn abwechseln konnten. Bn die Stelle des Bürgermeisters Kaspar Kreuder trat in jenem Jahr der Kupferschmied Johann Kaspar henrizy. Kreuders Kraft war scheinbar auch durch all das Schwere, das in seiner Rmtszeit über die Stadt hereingebrochen war, zermürbt. Venn schon vorher hatte er beim Großherzoglichen Bmt gebeten, die durch den Krieg nötigen Bmtsgeschäfte niederlegen zu dürfen. Für diese militärischen Bngelegenheiten wurde darum der Batsverwandte Johannes Kißner seit Juni verantwortlich gemacht. Mitte Juni zogen die polnischen Beiter ostwärts, um die Schlachtfelder der Entscheidung aufzusuchen. Bber Buhe gab es darum für das Städtchen doch nicht. Venn nun kamen die vcrwundctentransporte an; meist waren es hessische Krieger, „großherzogl. Rekonvaleszenten", wie es heißt, die in ihre Heimat zurückbefördert wurden, hauptsächlich die Schulräume dienten als Lazarette, verwundete Offiziere wurden in den Gasthäusern verpflegt, oder auch wohlgestellte Bürger nahmen sich der Unglücklichen freiwillig an. So gingen Sommer und herbst unter bangen Erwartungen dahin. Dann kam die Kunde von dem endgültigen Untergang von Napoleons Herrlichkeit in der Leipziger Schlacht, hatte man vorher mit Ingrimm dem Franzosenkaiser Gut und Blut opfern müssen, jetzt brach der lang gezügelte haß gewaltig hervor. Es war für unsere Bhnen der Tag gekommen, von dem Schiller gesagt hatte: „was noch bi; dahin muß erduldet werden, Erduldet';! Laßt die Bechnung des Tyrannen Bnwachsen, bis ein Tag die allgemeine Und die besond're Schuld auf einmal zahlt! Bezähme jeder die gerechte Wut Und spare für das Ganze seine Bache; Denn Baub begeht am allgemeinen Gut, wer selbst sich hilft in seiner eignen Sache!" Vieser eine Tag, der „süße Tag der Bache", nach dem Ernst Moritz Brndt sich gesehnt hatte, war gekommen, auch für das Städtchen Grünberg. Schon hatten die Söhne Grünbergs, die im Frühjahr wieder unter Frankreichs Bdlern ausgezogen waren, mit ihrem Großherzog sich auf die Seite der deutschen Freiheit geschlagen; und endlich hat es auch nicht an solchen Söhnen Grünbergs gefehlt, die zu den freiwilligen Freiheitskämpfern gingen. Ihre Namen sind: Georgi, Bühl, Semler, Zöckler. Bei Leipzig war Johannes Thrist gefallen; weitere Opfer der Freiheitskriege waren: Daniel Bornträger und L. Hartmann. Hartmann ist meiner Bnsicht nach Freiwilliger gewesen; denn als er fiel, war er 16 Jahre alt. So junge Leute hat man aber nicht ausgehoben, folglich freiwillig! vielleicht waren es noch einige, deren Namen uns aber nicht erhalten sind. Meine Leser dürfen sich das nämlich nicht so vorstellen, als hätte mir eine Liste jener freiwilligen Kriegsteilnehmer Vorgelegen; man ist da auf meist zufällige Notizen in den alten Urkunden angewiesen, aus denen man dann seine Schlüsse und Folgerungen ziehen muß. Doch folgen wir wieder dem Gang der kriegerischen Ereignisse! von dem Rückzug oder besser von der Flucht der Franzosen von Leipzig her merkte man in Grünberg nichts. Napoleon nahm ja seinen weg durch das Fuldaer Land über Hanau hin zum Rhein. Desto mehr aber merkte unser Städtchen von den Verfolgern. Fast noch zwei Jahre hatte es unter den Befreiungskriegen zu leiden. Schon Ende Oktober kamen die ersten Sieger von Leipzig hier an, preußische und russische Kavallerie. Bm 3. November logiert im „wilden Mann" „der russische General der Gewaltige", wie der damalige Unter- bllrgermcister oder Beigeordnete Kreuder schreibt, wer dieser Busse war, wird nicht gesagt, vielleicht General von Wittgenstein. Er stand in Briefoerkehr mit Blücher, dem volkstümlichsten Helden der Befreiung. Unsere Riten erzählen heute noch, im Kammerwald seien Beste des Blllcherschen Lagers zu sehen. Es ist nicht unmöglich, daß Blücher in Grünberg ge- 204 wesen ist. Teile seines Armeekorps haben hier genächtigt,' aber beweisen läßt sich das nicht,' denn es ist uns keinerlei Nachricht darüber erhalten. Rn das Blücherlager im Nammerwald glaube ich nicht. Die Verfolger Napoleons hatten Tile und warfen keine Lagergräben auf. Die Schanzreste am Nammer- wald werden aus dem siebenjährigen Nrieg stammen, es finden sich ja auch sonst noch in unserer Gemarkung Schanzreste aus jener Zeit. Die Rnwesenheit der Befreier Deutschlands, vor allen Dingen der Nüssen, verursachte aber unseren Vorfahren eine schwere Zeit der Bedrängnis. vor allem die Nosaken benahmen sich nicht anders, als wären sie in Feindesland. Sie waren eben halbwilde varbaren. Rlles, was nicht rand- und band-, niet- und nagelfest war, hießen sie mitgehen. Sogar ihre pfeifen kapften sie sich auf städtische Nosten. vei Rent- amtmann Stammler wohnte längere Zeit der russische Generalwagenmeister, der also wohl die richtige veförderung der Ba- gage überwachte. Tr liebte einen guten Trunk, und darum mußte ihm täglich ein Schoppen Rrrak auf städtische Nosten gereicht werden. Eine große Zahl verwundeter lag in den Häusern, auf der oberen Ziegelhütte bei Johannes Seitz einige Preußen. Sn vürgerquartieren waren manche untergebracht. So ein freiwilliger Jäger vom porckschen Norps, Namens Friedrich Wilhelm Verein, dem täglich ein Schoppen Wein gegeben wurde, damit seine Nräfte wieder auf den Damm Kamen. Lin Leutnant von Wallenstein ließ es sich im „Wilden Wann" wohl sein,' er gehörte zum RrmeeKorp; Blüchers. Da die Stadt überfüllt war, kampierten die Nüssen in der Lehmen- kaute. Für alles eßbare Viehzeug war damals schwere Zeit,' denn unter ihnen wurde ein großes Worden angerichtet. Besonders übel waren die Schafe daran. Die Russen scheinen große Liebhaber des Hammelfleisches gewesen zu sein. Zahllose Schafe wurden zur Schlachtbank geführt und auf dem Nltar des Vaterlandes geopfert, denn die Nosakenmägen waren unersättlich. Der Schäfer aber stand klagend bei seiner klein gewordenen Herde. Der Prinz Narl von Wecklenburg-Strelitz dagegen, der längere Zeit hier weilte, war ein Liebhaber von Gchsenfleisch. Sein Nüchenzettel, den Wartin Zöckler zu liefern hatte, ist uns erhalten geblieben,' er bestand in folgendem: 40 Pfund Gchsenfleisch, 20 Pfund Hammelfleisch, 20 Pfund Nalbfleisch, 6 Pfund Spickspeck, 14 pfd. dürre Schinken, 4 Stück dürre Ochsenzungen, l5 Pfund Wurst. Für all diese Eßwaren erhält der Wehger sage und schreibe ly fl.!! Lr wird zu dieser „fürstlichen" Bezahlung ein sehr langes Gesicht gemacht haben. Bei Johann Nonrad Heidt kantonierten Nurhessen, die alle Wurst verzehrten, die sie vorfanden. Die Stadt mußte die Rechnung begleichen! (Schluß folgt.) von der Nacht des Heidentums. von R. Lollmar in Lassel. (Fortsetzung.) Der zur Verbreitung christlicher Erkenntnis in Namerun befindliche Missionar Hofmeister schrieb im vorigen Fahre: Im Banne des Zauberglaubens stehen die heidnischen Völker von Rfrika bis nach Rustralien. Die Wurzel des Zauberglaubens ist die Vorstellung, daß plötzlich eintretende Lreig- nisse, seien es Nrankheit, Tod oder Naturereignisse, von einem bösen Willen herrühren, dem eine andere Macht entgegengestellt werden muß: der Gegenzauber. So ist Zauber und Gegenzauber ein steter Nampf, ein fortwährender Vernichtungskrieg der Heiden untereinander. Die am meisten vorkommenden Nrankheiten sind Fieberkrankheiten, die Malaria, Tholera, Russatz und Schlafkrankheit, welchen die Eingeborenen reihenweis erliegen. Zahlreich sind die durch Stoß, Schlag, auf den schlechten Wegen im Busch, durch Schlangenbisse verursachten Wunden,' da diese nicht reingehalten, sondern oft mit Ruß bestreut oder mit grünen Blättern belegt werden, so entstehen vielfach Eiterungen, die Sehnen und Nnochen bloßlegen und beim Mangel ärztlicher Hilfe meist ein Rbfallen des Gliedes zur Folge haben. Die Missionsschwester Mathilde Schütte! schreibt aus Namerun, daß sie beim Rufsuchen der Eingeborenen in den Hütten neben dem qualmenden Feuer eine junge Mutter liegen sah, deren neugeborenes Nind ein achtjähriges Mädchen auf dem Schoße hielt, so wie e; geboren war. Mit Schrecken sah sie, daß man dem eben geborenen Ninde mit Schere oder Messer vier Schnitte auf der Brust beigebracht hatte, damit nicht böse Geister von ihm Besitz nähmen. Die Hütte war von Rauch erfüllt, den Tag über wurde sie vom räudigen Hunde, von Ziegen und Schafen betreten, Hühner und Enten nisteten in den Ecken, und ein Schwein machte sich am herdfeuer zu schaffen und beschnüffelte den Nochtopf. Liebe Leserin, vergegenwärtige dir die sauerstoffarme, mit widerlichen Gerüchen erfüllte Luft in der Hütte, die Umgebung der Wöchnerin und dann deren geistige Rrmut, denn ihr erstes Gefühl nach der Geburt des Nindes war nicht Freude, sondern Furcht vor bösen Geistern, in welcher sie zum Messer griff und das neugeborene Nind verwundete. Jammer, Elend und Finsternis treten uns entgegen, wo wir die Heiden in ihrem Tun erblicken. Nicht nur Missionare, Prediger, haben wir auszusen- dcn, auch Missionrärzte sollen den ersteren zur erfolgreichen Rusgestaltung ihrer Tätigkeit auf den Missionsstationen zur Verfügung stehen, hierin ist Gott sei Dank, auch soweit unsere Nolonien in Betracht kommen, ein guter Rnfang gemacht, auf vielen Rrbeitsfeldern befinden sich Rerzte, welche die Missionare in ihrer anstrengenden Rrbeit entlasten. Denn die Missionare werden von den vielen Nranken und Nrüppeln über ihre Nräfte in Rnspruch genommen und so ihrem eigentlichen Berufe im Laufe des Tages für zu viele Stunden entzogen. Die draußen im Dienste des Herrn mit voller Hingabe tätigen Missionare brechen oft an den übergroßen Rn- strcngungen zusammen, so daß sie eine leichte Beute des todbringenden Fiebers werden. Sie liegen in den Friedhöfen der Missionsstationen, dahingerafft in der Nraft ihrer Fahre, nach oft nur kurzer Wirksamkeit unter den Heiden. Daher gehen die Missionsanstalten zum Bau von Erholungsheimen in den Heidenländern über, damit die im aufregenden Dienste erkrankten Missionare und erschöpften Missionsschwestern daselbst ihre Gesundheit wiederherzustellen Gelegenheit haben. Eine Zeit bitterer Not bricht über die fern von Eisenbahnen und Flüssen im Innern des Landes wohnenden Heiden herein, wenn der Regen ausbleibt und die ihre Strahlen senkrecht auf die Felder herniedersendende Sonne eine Glühhitze verursacht, Unter deren sengender Wirkung die Gemüse und Saaten vertrocknen, oder wenn Heuschreckenschwärme die eben noch grüne Flur in wenigen Stunden in eine Wüste verwandeln. Für die Eingeborenen bedeutet der Eintritt dieser Ereignisse die Hungersnot. Bald stehen sie, sich rettungslos ohne Hilfe wissend, weil auch das Wild in dem infolge der Dürre oder durch den Heuschreckenfraß laubarmen Wald sich verzogen hat oder eingegangen ist, hohlwangig da; mit verzerrten Gesichtszügen, Mit aufgetriebenem Leibe, dem Vorboten nahenden Todes, schleppen sie sich von weit her zu 205 den ITiijjionsjtationen, oft auf Händen und Füßen kriechend, um entkräftet zufammenzubrechen und Hungers zu sterben. Me bereits erwähnt, steht den Häuptlingen durch die Ueberlieferung eine uneingeschränkte Herrschaft über ihre Untertanen zu, die sie in der ruchlosesten weise zu ihrem Vorteil ausnuhen. Ist z. B. das Futter für die Jagdhunde des Häuptlings verzehrt, so werden diese durch die Unechte vor das Dorf geführt und auf die erste beste Viehherde einer Dorfeingesessenen losgelassen, die sie je nach der Unzahl der Tiere teilweise oder ganz erwürgen und zerreißen, ©ft werden so einem geringen wann sämtliche Ziegen und Schafe getötet. Lautlos sieht der Arme den herben Verlust an, denn er weiß, ein Wort des Tadels oder der Verwünschung würde dem Stammeshaupt genügen, alsbald das Todesurteil über ihn auszusprechen,' noch ehe die Lonne hinabsänke, wäre der wann erschlagen. Bei den wilden herrscht die Vielehe. Der Frauen Los ist hart, sie besorgen die Garten- und Feldwirtschaft, das Linernten und Stampfen des Uornes, Arbeit und schlechte Behandlung seitens des wannes wartet ihrer. Läßt der leicht in Erregung geratene Mlde seine Wut an einem Weibe aus und schlägt sie hierbei zum Urüppel oder gar tot, so kümmert sich niemand darum, der wann kann mit seinen Weibern verfahren, wie er will. Es kommt auch vor, daß die kräftigere der Frauen eines Tages in Abwesenheit des Ehemannes über die ahnungslosen Nebenfrauen herfällt und sie alle ermordet, vergebliche Bluttat! Denn der wilde, der die Frauen hauptsächlich der Arbeit halber nimmt, sorgt schleunigst für Ersatz, der seinerseits nicht ruht, als bis die Mör- derin aus der Welt geschafft ist. Unter Furcht vor wenschen und bösen Geistern, Hilflosigkeit in Krankheiten, Ausbeutung durch Zauberer, Uechtlosigkeit dem Häuptling gegenüber, Totschlag und Totgeschlagenwerden spielt sich das Leben der wilden ab, deren Wohnsitze fernab von den Weißen liegen. Der Herr erbarme sich ihrer ferner und fördere das Werk der Heidenmission immer mehr, er gebe, daß, wenn die weißen sich den Heiden nahen, dies ohne Zufuhr des die Gesundheit zerstörenden Schnapses geschieht. Nicht gering ist die Zahl der bekannten Fälle, daß nach der Ankunft größerer Wengen Alkohols sämtliche Dorfbewohner, groß und klein, wann und Weib sinnlos betrunken auf den Versammlungs- Plätzen, vor den Hütten und auf wegen wie Tiere tagelang herumlagen. Darum dürfen wir wissionsfreunde nicht ruhen, als bis wir den Erlaß des Verbotes der Einfuhr größerer Mengen Alkohols in die Heidenländer und die peinlich genaue Durchführung dieses Schutzverbotes durchgesetzt haben werden. wir stehen tief erschüttert dem Elend und der Nacht des Heidentums gegenüber. Aber wir wissen auch, daß das Wort Gottes die Finsternis des Heidentums zu durchleuchten vermag. Ergreifend ist die Neue solcher, in deren Seele dank der wühen der Missionare ein Strahl himmlischen Lichtes fiel. Lin alter, als grausamer Mörder bekannter Häuptling fühlte den Tod herannahen und ließ den seit mehreren Iahren im Dorfe für das Neich Gottes arbeitenden Missionar rufen. Vas Wort Gottes war spät zu ihm gedrungen, wohl hatte ihm der Missionar viel von Jehova und Jesu Thristo erzählt, er hatte auch die predigten und Gebete mit seinen Untertanen oft gehört, aber bei seinem Alter und unter der Nückwirkung der jahrzehntelang rücksichtslos durchgeführten Herrschaft war es ihm nicht möglich geworden, sich entschieden vom Heidentum loszusagen und ein Ehrist zu werden. Nun es ans Sterben ging, war ihm bange. „Bitte Gott, daß er mir meine Sünden vergibt," sprach er zum Missionar „was quält dich denn besonders?" fragte dieser. Schweigend verharrte der Alte. „Soll ich dir sagen, was dich jetzt so schwer drückt?" fährt der Missionar fort, „wie viele unschuldige Menschen hast du während deiner langen Negie- rungszeit, deines Geizes, deiner Unbarmherzigkeit, deiner Mordlust halber erwürgen, vergiften und totschlagen lassen? Kannst du sie zählen?" „Ich mag so etwas nicht hören," erwidert der Sterbende endlich, „aber bete mit mir, daß Jesus mir alle meine Sünden vergibt, wenn ich nun sterbe und er mich im Jenseits sieht! Mr armen Heiden haben in der Nacht gelebt und nicht gewußt, daß wir Sünde begingen. weshalb bist du nicht früher gekommen? Bete nun, daß ich nicht verloren bin." Und der Missionar kniete vor dem Lager des Kranken nieder, faßte dessen Hände und befahl die um ihr heil ringende Seele dem, der gekommen ist, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist. (Schluß folgt.) Sin pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) l0. In der Nllckerinnerung gleiten die nächsten Jahre rasch an mir vorüber. In der Zeit bis zu mejnem neunzehnten Lebensjahre hat sich nichts zugetragen, das besonders bemerkenswert gewesen wäre. Ich wuchs in dieser Zeit zu einem großen, starkknochigen Jünglinge heran und fühlte mich von Sorgen nicht beschwert. In jedem Jahre ging ich, sobald das Feld vom Schnee frei war, mit meiner Kapelle auf die Musikantenfahrt und kam erst im Spätherbste, wenn die Stürme der Tag- und Nachtgleiche durch das Land brausten, wieder zurück. Unser Meister war gut und gerecht, so daß die alten Mitglieder der Kapelle treu blieben. Ich war sparsam und brachte jedesmal, wenn ich wieder von der Reife zurückkam, einen wohlgefüllten Geldbeutel mit. Auch im Winter lag ich nicht auf der faulen haut, ich suchte mir Arbeit im Walde, half besonders beim Holzfällen und beim Anlegen neuer Wege. Diese Arbeit wurde mir immer im Anfang recht sauer,' denn die Hände, die so viele Monate hindurch nur die Trompete gehalten hatten, waren so zart wie die Hände einer Näherin, und es gab Blasen genug, wenn ich den Tag über die Axt oder die Schippe handhabte. Aber ich dachte, wenn mir dieses Geschäft nicht gefiel, immer an meinen Vater, der bis an sein Lebensende so fleißig gearbeitet und für seine Familie gesorgt und sogar bei der Arbeit seinen Tod gefunden hatte. Sonntags musizierte ich öfters mit meiner Kapelle, wir gingen bis nach Kaiserslautern und Kreuznach und spielten bei den Bällen und Festlichkeiten, die die Vereine veranstalteten. In diesen Jahren hat es unsere treue Mutter gut gehabt, sie wohnte mit mir und meinem Bruder Fritz zusammen, und wir beide waren fleißig und brachten Geld in das Haus. Fritz war ganz in die Fußtapfen des Vaters getreten, er bewirtschaftete unser Ackergut und suchte nebenher durch Tagelohn noch zu verdienen. Daß er nur ein halbes Jahr beim Train zu Speyer hatte dienen müssen, war der Mutter sehr erwünscht gewesen, hätte sie den ältesten Sohn drei Jahre lang weggeben müssen, so wäre es mit der Feldarbeit schlecht gegangen und ich hätte das Musikmachen aufgeben müssen, 206 um zu Hause bei der Mutier zu bleiben. Auf den Bruder Jakob war leider wenig verlaß. In dem halben Jahr, da Fritz beim Militär war, war er zu Hause bei der Mutter geblieben, aber sie hatte wenig Freude an ihm. Lr schlief morgens zu lange und hatte zu große Freude am Kartenspiel. Als er ausgelernt hatte, war er zuerst zwei Jahre in der Fremde gewesen, dann war er nach Mainz gekommen und hatte vorübergehend in einer großen Maschinenfabrik Arbeit gefunden, bis er nach Metz zum 8. bayerischen Infanterie- Regiment hatte einrücken müssen. Oie Schwester Annemarie hatte einen Steinhauer zu Alsenz geheiratet und konnte, da das Häuflein ihrer Kinder rasch anwuchs, der Mutter nicht mehr helfen. Im Jahre 1876 war ich mit meiner Kapelle in England gewesen. In allen großen Städten, in London, Birmingham, Manchester und Liverpool spielten wir und verdienten viel Geld, da die deutschen Kapellen in England beliebt waren. Beinahe wären wir von dieser Reise nicht mehr zurückgekommen,' denn auf der Rückfahrt — es war schon November - hatten wir entsetzlich unter einem heftigen Sturm zu leiden. Niemals habe ich so den Wind pfeifen und brausen hören wie damals, als wir nicht mehr weit von der holländischen Küste entfernt waren, viele Fischerboote haben damals im Kanal den Untergang gefunden, wir kamen nach viel Not und Angst noch glücklich in den Hafen von Hoek van Holland. Im Jahre darauf blieben wir im lieben deutschen vaterlande und kamen bis nach Königsberg in Ostpreußen. Ich kann jedoch nicht sagen, daß es mir im Osten Deutschlands gefallen hätte, viel Land und spärliche Kiefernwaldungen sahen wir auf unseren Wegen, endlos dehnte sich der Horizont aus, wenn wir durch die dünn bevölkerte Gegend dahinzogen. Wie sehnte ich mich damals nach dem Lande zurück, das sich an der Nahe und am Donnersberge ausbreitet. Das Jahr 1878 führte uns nach der Schweiz. Wir waren den Rhein hinauf bis nach Basel marschiert und zogen dann nach Bern und immer weiter hinein in die himmelhochragenden Berge. Diese Gegend gefiel mir weit besser als die Provinzen Ost- und Westpreußen. Die grünen Matten und das Geläute her Kuhglocken, die milchweißen Bäche, die von den Bergen herunter in das Tal strömten, oft auch von senkrechten Felswänden herunter stürzten und die mit ewigem Schnee bedeckten Bergesgipfel, das alles nahm mich ganz gefangen. Auch ist das schweizerische Landvolk freundlich und zutraulich, oft reichten uns die Leute im Kanton Bern Milch oder Obstwein, und zum Dank spielten wir ihnen dann vor ihren Häusern oder in den großen Bauernhöfen auf. Wenn die Fremden, die die Schweiz bereisten, abends vor den Hotels saßen, so nahmen wir unsere ganze Kunst zusammen und suchten Beifall und klingenden Lohn zu erringen, von Bern ging unser Weg hinüber nach der französischen Schweiz. Als ich am Genfer See im August schon reife Trauben sah, fühlte ich mich in die Gegend bei Kreuznach versetzt. Als wir in Lausanne spielten, traf die Nachricht ein, daß ein verruchter Geselle in Berlin auf Kaiser Wilhelm geschossen und ihn schwer verletzt hatte, nachdem kurz zuvor ein Attentatsversuch auf den greisen Fürsten fehlgeschlagen war. Wir Musikanten schämten uns damals, in dem fremden Lande zu sagen, daß wir Deutsche seien, weil ein Angehöriger unserer Nation diese schändliche Tat vollbracht hatte. Ueber Zürich, Schaff- hausen und durch den Schwarzwald zogen wir nach Hause. Unser Meister war ein kluger Mann und hatte unsere Reise immer so eingerichtet, daß wir großen Verdienst hatten. Nur im Jahre 1879 hat er nicht das Rechte getroffen, er ging nämlich mit uns nach Frankreich, vor dem Jahre 1870 hatten dort die pfälzischen Musikanten glänzende Geschäfte gemacht, aber nach dem Kriege sah die Bache anders aus. Man haßte die Deutschen und gab das auch den deutschen Musikanten unzweideutig zu verstehen. Trotzdem meinte der Meister, daß wir es wagen könnten, das Land jenseits der Vogesen zu bereisen, da nun schon neun Jahre seit dem großen Kampfe dahingegangen seien. Wir marschierten über Metz nach Nancy, wendeten uns dann nordwestwärts über Thalons für Marne und Reims nach Amiens. Dort hatten wir den ersten Zusammenstoß mit der Bevölkerung. Wir spielten auf dem freien Platze, auf dem sich neben der großen Kathedrale das Denkmal Peters von Amiens erhebt, als ein halbwüchsiger Mensch uns „prussiens" zurief. Wir achteten zuerst nicht diesen Zuruf, bemerkten dann aber, daß die Leute, die sich da zusammenrotteten, immer mehr Zorn und Erbitterung auf ihren Mienen zur Schau trugen. Als jedoch einer von ihnen in unsere Gruppe hinein einen faulen Apfel warf, der dem Sebastian Wolf direkt in die Tuba flog, daß er nicht mehr weiter spielen konnte, hielten wir es für geraten, das Feld zu räumen. Die aufgeregten Franzosen folgten uns nach. Wir eilten so rasch, wie wir konnten, kreuz und quer durch mehrere Straßen und fanden uns endlich an dem Ufer der Somme, die an der Stabt vorbeifließt und eine große Anzahl von Gärten und Gemüsebeeten bewässert, zusammen. Bis hierher waren unsere Verfolger nicht gekommen, wir schlichen durch die Gärten und kamen an den Platz vor dem Bahnhofe. Unbemerkt gelangten wir auf dem schräg in die Tiefe gleitenden Wege zu dem tiefliegenden Bahnhofe und fuhren nach einer der nächsten Stationen der nach Norden führenden Bahn, viele Wochen hielten wir uns an der Meeresküste auf und spielten in den verschiedenen Seebädern. Dort ließ man uns unbehelligt. von dem Seebad Dieppe ging unsere Wanderung nach Rouen, einer Stadt, die recht winklig und verräuchert aussieht. Eine schöne Wanderung führte uns die Seine entlang nach Paris. Auf diesem Wege spielten wir auf manchem vornehmen Landsitze vor vorurteilsfreien Leuten, die nach unserer Nationalität nicht fragten. Aber in Paris konnten wir uns nicht lange halten. Auf dem Boulevard des Italiens störte der Pöbel unsere Musik, und auf dem Montmartre sahen wir so viel geballte Fäuste, daß es uns angst und bange wurde und wir uns schnell in unser Ouartier zurückzogen. Ebenso war es in Orleans und Umgebung. Dort war, weil die Bewohner dieser Gegend vor neun Jahren unter der Kriegsnot viel hatten leiden müssen, der Deutschenhaß besonders groß. In Briare drangen Winzer mit geschwungenen Weinbergspfählen auf uns ein. Gottfried Keiper bekam einen Hieb über den Kopf, daß er blutete, und dem Jakob Straßer wurde sein Baßhorn so zugerichtet, daß er von da an bis zu unserer Heimkehr inaktives Mitglied unserer Kapelle war. Zu unserem Glück wurden wir von zwei Gendarmen aus unserer gefährlichen Lage befreit. Diese Erfahrungen nötigten uns, die Heimkehr früher anzutreten, als wir dies ursprünglich vorgehabt hatten. Es war Mitte Oktober, als wir nach Metz kamen. Da ich meinen Bruder Jakob, der jetzt im zweiten Jahre diente, besuchen und einen Tag bei ihm bleiben wollte, so legten meine Musikantenkollegen den Rest der Reise ohne mich zurück. Am nächsten Tage reiste ich allein über Neunkirchen und Kaiserslautern nach meiner Heimat. Ich war in recht verdrießlicher Stimmung, weil ich mir sagte, daß ich in diesem Jahre 207 weniger Geld als sonst bei der Sparkasse in Kirchheimbolanden würde einlegen können. In verdrießlicher Stimmung stieg ich in Kaiserslautern in das Eisenbahnabteil, legte mein Felleisen und meine Trompete in das Gepäcknetz und zündete meine kurze Pfeife an. Das Zeichen zur Rbfahrt war schon gegeben, da stieg ein junges Mädchen, das ein blaues Kleid und einen kleinen schwarzenhut trug und ein inBindfaden eingeschnürtes,großes Paket in der Hand hielt, zu mir in das Abteil. Rergerlich, wie ich war, hatte ich mich gar nicht umgesehen, sondern ingrimmig die Tabakswolken zu dem offenstehenden Fenster hinaus- gepafft. Da hörte ich, wie meine Mitreisende vor sich hinlachte, ich sah mich um, da lachte sie mir laut ins Gesicht und sagte: „Gelt, Peter, du kennst die Leute von Ruppertsecken nicht mehr?" Ich riß die Rügen auf und erkannte Marie Lippert, die mit mir in die Schule gegangen war. Ich hatte sie ungefähr drei Jahre lang nicht gesehen, da sie in Speyer, Ludwigs- Hafen und Mannheim bei vornehmen Herrschaften in Stel- lung gewesen war und im Winter, wenn ich in Ruppertsecken weilte, sich nicht hatte zu Hause blicken lassen. Sie war groß und stattlich geworden und sah mit ihrer frischen Gesichtsfarbe wirklich recht hübsch aus. Daß sie immer noch keine Kopfhängerin war, merkte ich an ihrem Lachen. Sie reichte mir die Hand und sagte: „Guten Tag, Peter, wo kommst du her?" „Direkt von Paris," war meine Rntwort, wenn sie auch nicht ganz richtig war^ denn wir hatten, seitdem wir von Paris abmarschiert waren, an vielen Orten Rast gemacht. Rber als Musikant, der die Welt durchstreift, wird man etwas großspurig und nimmt leicht den Mund etwas voll. „Sonst kommen doch die Musikanten nicht so früh nach Hause und du bist auch ganz allein?" fragte Marie. Ich gab ihr die nötigen Erklärungen und fragte dann Marie, was sie in Kaiserslautern zu tun gehabt habe. Meine Frage entfesselte einen gewaltigen Redestrom. „Zeit Gstern," so erzählte meine einstige Mitschülerin, „war ich hier in Stellung. Ich habe es in Mannheim, wo ich im vorigen Winter war, nicht mehr aushalten können. Dort war ich bei einem Doktor. Rber das halte jemand aus mit so einer Frau, wie sie der Doktor hatte. Jeden Rbend ging die in das Theater, und ich mußte in meiner Küche vor mich hinstieren und warten, bis die Madame heimkam. Dann mußte ich ihr noch helfen die Locken wickeln und mußte das dumme Zeug anhören, wenn sie vom Theater sprach. Was lag mir an der weißen Dame und der Rhnfrau, und wie all die dummen Stücke heißen! Oder wenn die Madame schlecht gelaunt war, da hat sie geschimpft, ich hätte ihr nicht sofort die Tür ausgemacht, es sei doch so kalt draußen und ich wüßte doch, daß sie so zart sei. Um Gotteswillen, die und zart! Die konnte essen wie ein Kleesamendrescher, sauer und süß durcheinander, und wenn sie wütig war, hat sie auf den Stuben- boden aufgetreten wie ein Thevauleger. Ra, kurz und gut, ich habe ihr zum l. Rpril gekündigt und habe mich nach Kaiserslautern zu einem Kaufmann verdingt. Rber, da bin ich aus dem Regen in die Traufe gekommen. Kinder wie die Orgelpfeifen, sechs Stück, das älteste neun und das jüngste ein halbes Jahr alt. Der Mann ein alter Brummelbär und die Frau hat bei jeder Kleinigkeit geflennt. Den Kram bin ich müde geworden, und jetzt will ich einmal einen Winter hindurch zu Hause bleiben." (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Nächsten Mittwoch, den 8. Juli, findet nachmittags 3 Uhr im oberen Saale des Gemeindehauses in der Kirchstraße die Jahresversammlung des Dberhessischen Dereins für die Rasier Mission statt. Ruf der Tagesordnung steht die Neuwahl des Vorstandes und ein Bericht des Missionars Müller über die Inspektionsreise in Thina. Rlle Missionsfreunde, besonders auch die Mitglieder unserer Frauenmissionsvereine, sind hierzu eingeladen. Der Kirchenbesuch unserer Neukonfirmierten in Gießen ist wenig befriedigend. Zur Ehristenlehre kommen die Kinder noch eben, weil der Besuch kontrolliert wird und die Säumigen gemahnt werden, auf einige unter ihnen wie auch auf ihre Eltern hat selbst dar keine Wirkung mehr. Dem sonntäglichen Kirchenbesuche entziehen sich viele Kinder, man kann nur sagen, in sehr gewissenloser Weise, heute wird man konfirmiert und gelobt, zu dem Wort Gottes und den Sakramenten zu halten, und morgen tut man so, als ob Sonntags keine Glocken mehr läuteten und es keine Kirche mehr gäbe. Natürlich tragen die Eltern an diesem beklagenswerten Verhalten unserer Neukonfirmierten die Hauptschuld. Airchliche Anzeigen. Sonntag, den 5. Juli, 4. nach Trinitatis. Gottesdienst. In der Stadtkirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer D. Schlosser. Zugleich Ehristenlehre für die Neukonsirmierten aus der Matthäusgemeinde. vormittags M/s Uhr: Pfarrer Schwabe. vormittags l l Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. pfarrassiftent Hoffmann. Mittwoch, den 8. Juli, nachmittags 3 Uhr im oberen Gemeindesaal, Kirchstraße 9: Jahresversammlung des Dberhessischen Vereins für die Basler Mission, wozu alle Missionsfreunde, besonders auch die Mitglieder unserer Missionsvereine eingeladen werden. Herr Missionar Müller wird von der chinesischen Inspektionsreise berichten. In der Johanneskirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimsr. Zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Lukasgemeinde. vormittags M/s Uhr: Professor E>. Schian. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer R d o l p h. Rbends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Johannessaal. von allen Hautunreinigkeilen und Hautausschlägen, wie Blütchen, Finnen, Pickel, Hautröte usw. durch tägl Gebrauch der echten t 3 , JtoauuwterO - 5eerschroefaL-pfeife V Bergmann L Co , Radebeul, d Stück 50 PIg Überall zu haben. 208 Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Für einen 14'^ jährigen Knaben Zchlofferlehrstelle gejucht. Angemessene Entschädigung wird bezahlt. Adresse: Sekretär Lenz, Speyer. Zrdr. Teipel \ = 16 Markt 16 = / ' empfehle für die Schneiderei V Zpitzenftosse :: Besatz ) Stickereien :: Spitzen- Einsätze :: Borden' Mutter :: Rnöpse etc. i sowie alle einschlägigen Artikel in großer Auswahl. l , Extra-Rabatt f.Schneiderinnen i Ausverkauf ( legant. Noiiiinerhüte zu billigsten Preisen stanj Veile pBäusburg 10 fernsprech-Illr. 666 SpejiaMBefrtjaft in Ikurp.Moll-u.Weißwgren Lrstlings-Siusstgttungen fluswahlfrnüungrn brrritwilligll E. §tiiucr r Gießen Seltersweg 16 Uhren, Gold- u. 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