if U Gemein E für die eoi 1 kircbeno i Gie löfblatt ingelifche ifntrinöe fmt •v • VW -Z V »4 4 M . ii > vÄ' Nr. 25. Gießen, 3. Sonntag nach Trinitatis, 28. Juni 1914. 3. Jahrgang. Gottes Fügungen. Brief des Apostels Paulus an die Römer 8, 28. Wir wissen aber, datz denen, die Sott lieben, alle vinge zum Besten dienen. wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Das ist ein Wort aus dem goldenen Spruch- schatze des Neuen Testaments, so schön und so lies, wie kaum ein zweites in der ganzen heiligen Schrift, und dennoch ein wort, das schon manchen ernsten Menschen zum zornerfüllten Widerspruch herausgefordert oder ihm unendlich wehe getan hat. wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen. So kann der Junge, Gesunde, Glückliche leichten Herzens sprechen. So können Verlobte in der schönen Brautzeit reden, so kann der jubeln, der im Vollgefühle seiner Körperkraft und Gesundheit, erfüllt von derber Lebenslust, ledig aller Pflicht, am schönen Sommertage auf die Berge steigt, so kann der reden, dem Erfolg auf Erfolg in seiner Arbeit beschieden ist, und dem ein schönes Familienleben den Erdentag freundlich gestaltet. Bber es gibt fromme Menschen, Menschen, die ihr Leben lang auf Gottes wegen zu wandeln sich bemühten, die Gefahr laufen, durch dieses Wort in ihrem Glauben wankend zu werden. Da ist ein Elternpaar, dem ist ein Kind geschenkt, das das Haus mit steter Freude erfüllt. Kührend ist die Liebe des Kindes zu den Seinen. Oft umschlingt es mit seinen kleinen Krmen Vater und Mutter und sagt ihnen mit unbehilflichen Worten und dem treuen Blick seiner Bugen, daß es sie lieb hat. Kührend auch ist die Frömmigkeit des Kindes. Es faltet am Kbend, wenn die Mutter es zu Bett gebracht hat, die Händchen und spricht fromm und herzlich sein Gebet, wenn der Vater zur Kachtzeit einen weiten weg durch eine einsame Gegend zu machen hat, so betet es, daß Gott ihn behüten möge, und wenn die Mutter krank ist, so sucht es in emsiger Geschäftigkeit sie zu pflegen. Kein Krg und Falsch trübt die reine Kindesseele, es weiß noch nichts von Sünde und Schuld. Buch im Spiel, der gottgewollten Beschäftigung des Kindes, offenbart es die Lauterkeit seines Herzens. Dieses Kind wird plötzlich von einer tückischen, ansteckenden Krankheit erfaßt. Ls kann im Hause der Seinen nicht bleiben, weil dort noch mehr Kinder wohnen, es wird in aller Eile weggebracht, herzzerreißend ist der Kbschied auf beiden Seiten. Das Kind selbst fagt: ich muß sterben. Fern von den Seinen, umgeben von fremden Menschen, die bei aller Freundlichkeit ihm doch die Elternliebe nicht ersetzen können, verbringt es Tage in Kngst und Kot. In der Morgenfrühe eines trüben Kegentages pocht dann ein fremder Mann an die Tür der Eltern und sagt, datz das Kind in der Kacht verschieden sei. Das soll uns zum Besten dienen? So fragt sich das Elternherz und fragt sich noch Jahrzehnte später,' denn bei der leisesten Berührung bricht die alte Wunde wieder aus. Und dort sitzt ein armer, verzweifelter Mensch auf der Knklagebank vor dem Schwurgericht. Falsche Bnschuldigung, vielleicht seiner nächsten Angehörigen, hat ihn dorthin gebracht. Ist es doch in der Gegenwart nichts Seltenes, daß die Kachsucht der Ehefrau, um sich des Mannes zu entledigen, nicht davor zurückschreckt, ihn der ehrlosesten Handlungen zu beschuldigen. Tine unheilvolle Verkettung der Vinge bringt es mit sich, daß die Kichter aus dem Volke den unglücklichen Mann für schuldig befinden. Schmach und Schande kommen über ihn, entehrt und verachtet steht er vor der Geffentlichkeit, seine Menschenwürde wird mit Füßen getreten. In der Einsamkeit der Gefängniszelle fürchtet er, den verstand zu verlieren. Kann er auch leichten Herzens sagen: das soll mir zum Besten dienen? In der Tat, wenn Paulus nur diesen Satz aufgestellt hätte, so wäre es schwer, seine Kichtigkeit anzuerkennen. Aber der Apostel gibt auch die Begründung dazu. Einige Verse weiter sagt er von Gott: welcher auch seines eigenen Sohnes nicht hat verschonet, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? von dem Leiden und Sterben des Heilandes aus lernen wir verstehen, daß alle, auch die leidvollsten Dinge uns zum Besten dienen. Gott hat seinen Sohn das Furchtbarste erdulden lassen, er ließ ihn sterben unter den Händen der Uebeltäter, er machte ihn zum Fluch der Welt. Dennoch hat er sich hinterher zu ihm bekannt und ihn glorreich auferstehen lassen. Jesu entsetzliches Sterben hat der Welt das heil erworben. Gewiß, wir werden unter dem Drucke schwerer Schicksalsschlüg: hienieden nie ganz verstehen lernen, warum sie Gott über uns kommen ließ. Erst die Ewigkeit wird alles aufdecken. Aber wir können es jetzt 194 schon erfahren, daß bitteres Leid unserer Seele zum ewigen heile gereicht, daß wir dadurch reifer, besser, vorsichtiger, ernster werden, unseren Sinn mehr von der Welt abkehren. Unter diesen Erfahrungen wächst in uns das Verständnis dafür, daß wirklich alle Dinge uns zum Besten dienen, h. B. Griechische Reisen und Zommerfrischen. von Geh. GberKonsistorialrat E>. W. petersen in Darmstadt. (Fortsetzung.) Um folgenden Tage, dem 22. Bugust, hielten wir verhältnismäßig lange Morgenvuhe; denn erst 7> > Uhr ging der Zug nach Norden, den wir, mit allem zu einem kräftigen Frühstück Nötigen ausgerüstet, benutzten. Ts war ein schöner stiller Morgen, von links grüßte über die stille hafenbucht herüber die alte Burg Larissa oberhalb Brgos, die wir um 7,40 erreichten. Unser Nutscher war schon da. Wir warfen einen Blick auf die Larissa, die alte Burg, die auf einem 900 'Fckß hohen Berge trotzig im Nranz ihrer Mauern thront. Zu ihren Füßen erstreckte sich die alte Stadt. Im Südosten ist das Theater, dessen Zuschauerraum zum größten Teil ganz in Felsen ausgehauen ist. Tr zählte 67 Sitzstufen mit zwei Zwischengängen,- 20 000 Zuschauer konnten hier Platz finden, hier trat am 12. Dezember 1821 die von Demetrios Ppsilanti berufene Nationalversammlung zusammen. In dem mittelalterlichen Nastell auf der Larissa haben nacheinander Byzantiner, Franken, venetianer und Türken gesessen. Brgos selbst behielt durch alle. Zeiten seinen Namen. Das heutige Brgos besitzt zwar eine stattliche Bürgermeisterei (äimarekia) und einzelne hübsche Häuser, macht aber im übrigen den Eindruck eines großen Dorfes trotz seiner mehr als 9000 Einwohner. Wir hielten uns daher auch nicht lange auf, waren bald außerhalb der Stadt und fuhren quer durch das Bett des alten Maradros, welches voll Schottern, aber völlig wasserleer war, wie je von altersher Brgos den Beinamen die „durstige" tragen mußte. Bus einem Landwege erreichten wir nach geraumer Zeit das Dorf Eharwati, das unterhalb der alten Mykanai liegt. Ninder und Schweine tummelten sich auf den Gassen des elenden Nestes, dessen Einwohner, wer weiß wovon, leben. Wir hielten am Hause des Wächters, der sich uns anschloß. Ein schöner brauner Junge mit feurigen Bugen und schneeweißen Zähnen nahm unsern Eßkorb auf die Bchsel, und nun ging es langsam, schweißtriefend in der brennenden 5onne bergan auf einem Pfade, an dessen einer Leite eine von den Türken angelegte Wasserleitung entlang lief. Bn dieser waren in großen Bbständen Oeffnungen angebracht, damit man die zugesetzte Feuchtigkeit wieder ergänzen konnte,- leider war das Wasser, weil unmittelbar unter den der Lonne ausgesehten Wärme fließend, nichts weniger als kalt. Unser Pfad führte unmittelbar in die vor beiläufig 2400 Jahren zerstörte Unterstadt, die mit der Oberstadt und Burg auf einem lang sich hinstreckenden und nach der Ebene zu sich senkenden Berg« steht, die wie eine Zunge zwischen den beiden hohen Bergen hagios 3lios (750 Bieter) und Zara (600 Nieter), die den Schlupfwinkel der alten Herrscher verbargen, hervorragt. Nechts zieht sich eine tiefe Lchlucht, zu der von der Burg nur abschüssige Talwände abfallen, so steil, daß es an der Stelle keiner Mauer bedurfte. Nur die in dieser Zeit des Bltertums vorhandenen und gebräuchlichen Mauern erklären es, daß diese Festen, wie Tiryns, nicht auf höheren Bergen erbaut -wurden. Buch hier redet schon dar Bltertum davon, daß lykische Nyklopen den Gründer der Stadt, Perseus, beim Mauerbau unterstützt hatten, hier herrschten die vom phry- gischen Nönig Tantalos abstammenden Pelopiden, hier hatte der Btride Bgamemnon seinen Sitz, der Führer der Griechen gegen Ilion, hier fand er nach! seiner Rückkehr den Tod durch den Buhlen seines Weibes Nlytämnestra, Bigistheus. Die Pelopiden sind dann wohl später durch die herakliden zur Zeit der dorischen Wanderung beseitigt worden, hernach spielt Mykenae wie Tiryns keine Nolle mehr,- 463 v. Ehr. werden beide zerstört. Nach nicht allzulanger Wanderung standen wir an dem ersten Nuppelgrab, das man schon im Bltertum als ein Grab des Bgamemnon und seiner Genossen bezeichnete, geradeso wie in Bthen auch hervorragende Denkmäler mit Personen der Vorzeit in Verbindung gebracht werden. Es war mir doch ganz eigen zu Sinn, als ich so auf einmal vor dem sogenannten Schatzhaus des Btreus stand, von dem die Welt so viel durch Schliemanns Busgrabungen gehört hat. Wie großartig der Eingang, diese festen Mauern, die die Seiten des Erdeinschnittes stützen, dann die 6 Meter hohe Tür, deren Dberschwelle von zwei Steinen gebildet wird, von denen einer fast 9 Meter lang, I Meter dick und über 3 Meter tief ist. Das Innere des Grabes ist wie ein ungeheurer Bienenkorb von 15 Meter höhe und 15 Meter Grundflächendurchmesser. Offenbar sind an den Schichtreihen der Nuppelwünde Metallplatlen befestigt gewesen. Bn diesen Baum schließt sich ein durch eine 3 Meter hohe Tür zu betretender, viereckiger Raum, die eigentliche Grabkammer, in welchem statt des von Baedeker in Bussicht gestellten Strohfeuers nur ein Dreilingslicht entzündet wurde, das uns das Dunkel nur noch dunkler erscheinen ließ. Einige hundert Schritt weiter ist das zweite Nuppelgrab, das Frau Schliemann aufgedeckt hat, bei weitem nicht so sorgfältig gearbeitet und eingestürzt. von der Unterstadt stiegen wir nun zur Burg empor, die sich mit gewaltigen Mauern wie in Tiryns über der Stadt erhebt, hier sind stellenweise die fast rohen Felsenmassen von über 5 Meter Länge aufeinander getürmt und die Lücken mit kieinem Gestein ausgefüllt. Doch besteht der größere Teil der Mauern aus Vielecken, die mit großer Nunst aneinander gepaßt sind. Wie bogen um eine Ecke und standen vor dem berühmten Löwentor, das ich so oft abgebildet gesehen hatte. Die Tormauern sind gewaltig dick, die Toröffnung verhältnismäßig niedrig. Ueber die zwei 3 1 /* Meter hohen, schräg gestellten Türpfosten legt sich ein erstaunlicher Türsturz von 5 Meter Länge, 21/2 Meter Tiefe Und I Meter Dicke. Ueber dem Sturz ist eine dreieckige Mauer- ösfnung ausgespart, in die eine Zinkplatte eingefügt ist mit den weltbekannten, an einer Säule aufgerichteten beiden Löwen. In große Löcher an der Innenseite wurde der Niegelbalken hineingeschoben. Unmittelbar neben dem Tor, rechts, liegt die sogenannte agorä, ein mit Platten belegter und ein mit nur aus Platten hergestellter rätselhafter Balustrade umgebener kreisrunder Naum von 25 Meter im Durchmesser, unter dessen Plattenbelag sich die Gräber befanden, aus denen ein großer Teil der Funde stammt, die das Mykenämuseum in Bthen so reich und interessant machen. Daß es sich hier um die Gräber von Gliedern des Herrscherhauses handelte, bewies der Reichtum an Gold und Schmucksachen. Roch höher stiegen wir auf steilem Pfade zum höchsten Punkt des Burgbergs hinauf, wo der Palast gestanden hat, von dem nur dürftige Reste erhalten sind. Der Blick rechts in die Schlucht isi großartig, denn sie ist sehr tief und die 195 Abgänge des Berges sind so abschüssig, daß man auf eine Mauer verzichten konnte. Ebenso großartig ist die Aussicht auf die Ebene und auf das Meer bei Nauplia. wir schritten nun noch den oberen Teil der Burg ab und traten in die Galerien, die wie in Tiryns sich, innerhalb der Mauern befinden, die aus riesigen, gegeneinander gestützten Blöcken gefugt sind, und stiegen bis zum Löwentor hinab. Auf einem großen Steinblock wurde ausgepackt. Der Junge holte Wasser, und wir griffen, mit Homer zu reden, nach den bereit vorliegenden Speisen, und zwar in heiterster Stimmung, saßen dann ruhig, bis die Stunde des Abstiegs gekommen war, und gingen in der Mittagssonne nach Eharwati, dessen Museum wir uns ansahen. Der wagen führte uns von dort an die Station Fichtia, wo die Gattin eines unserer Reisegefährten von diesem bewegt Abschied nahm, um nach Athen zurückzukehren. Uns aber trug der wagen nach Argos, dessen Burg wir auch diesesmal uns klüglich nur von unten angesehen haben. Die letzte Stunde im wagen im glühenden Sonnenbrand hatte uns rot gebrannt. (Fortsetzung folgt.) I Line oberhessische Landstadt in der napoleonischen Zeit. Don pfarrassistent Hugo heymann in Mainz. (Fortsetzung.) 2. Die Zeit von 1806 bis 1815. Sn der Tat, es folgte für unsere Heimat eine Zeit ziem-' licker Ruhe und Friedens. Das aufs äußerste erschöpfte Land rang nach Atem,' aber ganz friedlich war es doch nicht,' man lebte im Reich Napoleons auf vulkanischem Boden, auf dem es alle Augenblicke einen gewaltsamen Ausbruch geben konnte. Es zeigten sich nun erst im Innern der Stadt und ihrer Menschen der moralische Schaden, den die beständigen Truppendurchzüge angerichtet hatten. Mancherlei Gesindel, das immer den Spuren großer Heere zu folgen pflegt, hatte sich hier festgesetzt. Die sittenpolizeiliche Aufsicht, die damals von dem kirchlichen Presbyterium ausgeübt wurde, hatte viel auszusetzen und zu Klagen, ohne daß es sehr viel half. Bis dahin war Grünberg eine Festung gewesen, von Mauern umgeben und mit Tor und Turm wohl versehen. Dergleichen kleine Hindernisse konnte der Soldatenkaiser Napoleon an seinen Heerstraßen nicht mehr gebrauchen. So sehr wir vielleicht vom historischen und ästhetischen Standpunkt aus es bedauern, daß uns nicht wenigstens eine unserer alten Pforten erhalten geblieben ist. Napoleon und seine Trabanten waren keine Gefühlspolitiker. Napoleon ist der größte Realpolitiker aller Zeiten gewesen. Und da in den deutschen Städten Mauern und Tore ihm hinderlich waren, so wurden die Festungen geschleift. So erging es Gießen, diesem Los verfiel auch Grünberg, Türme und Tore fielen. Der älteste Mitbürger der Stadt, Herr Johannes Giller, hat in seiner Jugendzeit nur noch die Brunnenpforte am Winterplatz gesehen. Die hatte man am längsten verschont, weil sie kein Verkehrshindernis bildete. So fielen im Jahre 1809 alle Tore: die dunkle Pforte, deren Platz ich nicht weiß, die große Pforte oder Saupforte, die Heegpforte, die Neupforte und die Neustädter Pforte. Die beiden Maurermeister Thristian Strack und Sebastian Bek, der Zimmermeister Jakob Haas und der Dachdeckermeister Johann Georg Eger hatten vollauf Arbeit. Der letztere hatte übrigens eine vorzügliche Handschrift. Auf der Neustädter Pforte war als Torwart der Neustädter Sauhirt untergebracht. Dem mußte der Zimmermann Haas ein neues Hirtenhaus errichten auf dem Graben. Es wird eines der Häuser sein, die am kleinen Graben linker Hand stehen. Große Ursachen kleine Wirkungen: weil der große Kriegsfürst Napoleon alle Verkehrshindernisse beseitigt haben wollte zur größeren und schnelleren Schlagfertigkeit seiner Heere, darum mußte dem Schweinehirten zu Grünberg ein neues Haus gebaut werden. Del: Sauhirt hat den Raiser Napoleon sicher noch bis an sein Ende gepriesen. Die durch den Abbruch der Mauern und Tortürme gewonnenen Baumaterialien dienten aber noch einem anderen Zweck, der uns ungleich mehr interessiert: Die Jahre von 1808—1811 stehen durchaus im Zeichen des Straßenbaues. wir sehen hier wieder den Einfluß des militärischen Genies Napoleon: Er brauchte Straßen, chaussierte Heerwege, auf denen seine gewaltigen Rolonnen marschieren konnten, seine Artillerie und sein Gepäck nicht versanken. Darum verdanken wir im Hessenland eine große Anzahl guter Straßen der Franzosenzeit. Neben soviel Ueblem auch etwas Gutes! Die Stadt Grünberg mußte in jenen Jahren am Straßenbau helfen westlich bis ungefähr Lindenstruth, den dortigen Einwohnern mußten unsere Väter wenigstens in die Hände arbeiten. Nordöstlich erstreckte sich ihre Verpflichtung etwa bis zur oberen Ziegelhütle. Ts liegt auf der Hand, warum hier so wenig. Denken wir nur an die Geländeschwierigkeiten am Ziegelberg. An der Alsfelder Brücke wurden beiderseits Holzgeländer angebracht, das Material dazu lieferte das holzwerk der abgebrochenen Neupforte. Die jetzige Schutzmauer an der Brücke ist demnach jüngeren Datums. Das sind so ungefähr die Friedenswerke jener Zeit, die aber, wie wir sehen, in sehr engem Zusammenhang stehen mit der ganzen auf Rrieg und Waffenlärm gestimmten Fran- zosenzeit. Damit aber die Grünberger des Kriegswesens nicht ganz entwöhnt wurden, fanden in den Jahren 1808/09 auch Fouragelieferungen und Kriegsfahrten genug statt. Man hatte ja darin schon einige Uebung. Diesmal fanden die Fahrten in der Hauptsache nach Süden hin statt. Es galt die Truppen zu versorgen, die den Feldzug gegen Oesterreich im Jahre 1809 führen sollten. Die bekümmerten Stadtväter fanden einige Hilfeleistung an verabschiedeten Soldaten, die wieder in die Heimat zurückgekehrt waren: Leutnant Jockel Johannes von Eiff und Daniel Lein. Doch ging es diesmal gelinder,' es brauchte nicht die ganze Bürgerschaft unausgesetzt auf den Beinen zu sein. Der Stadtwaldförster Hartmann Bach und der Feldschütze Konrad Damm mußten mit einem körperlichen Eid bestärken, daß sie vollwichtige Rationen liefern wollten, und die übrige Bürgerschaft hatte ziemlich Ruhe. Das hing auch noch mit einer anderen Maßregel zusammen, die den Bürgern Ruhe gewährte, aber dem Bürgermeister Kaspar Kreuder umsomehr schlaflose Nächte bereitete. Da man den Grünbergern nicht zumuten wollte, von hier bis Hanau zu fahren, so wurde der Oberbürgermeister in die wetterau geschickt, dort sollte er die angeforderten Rationen aufkaufen und wetterauer Fuhrleuten die Fahrt nach Hanau verakkordieren. Die Bauern von Berstadt und Umgebung machten es aber geradeso wie anno 1806 die Bauern der Grünberger Gegend: sie lieferten für den vollen Preis minderwertiges Futter. Den Magazinverwaltern aber gaben sie Schmiergelder, daß sie ruhig waren. Schweren Herzens mußte der Grünberger Stadtvater auch diese „Douceurs" noch bezahlen. Gelobt wird man ihn bei seiner Heimkehr über den Erfolg seiner Mission wohl nicht haben! 196 3m übrigen wurde das Land wie eine eroberte Provinz behandelt, eine kleine französische Lesatzung lag scheinbar ständig hier, aber sie waren rücksichtsvoll genug, sich bei Johann Adam Lramm auf der unteren Ziegelhütte häuslich niedsrzulassen. Alldorten pflegten die Soldaten täglich eine Zeche zu machen, bestehend in 8 Weißbroten, 4 Liter Schnaps, 4 Liter kipfelwein und 16 Liter vier. Aber wie schon oben gesagt ist, die Zeit von 1808- 1811 war verhältnismäßig ruhig und friedlich. Die Dinge, die wir erwähnt haben, waren Kleine Nadelstiche im vergleich zu den wuchtigen Keulenhieben, die man vorher erduldet hatte. Erst recht im vergleich zu den Dingen, die dem Städtchen nun bevorstanden. Es Kam 1812, das Jahr der Schicksalswende und diese Schicksalswende schuf die Vorbedingung für die deutsche SturmZeit von 1813—1815. 5. DieZeitvon 181 2 bis 1815. (Es lag während des ganzen Jahres 1012 wie drückende Gewitterschwüle nicht nur über Europa, auch über unserem Städtchen. Etwa zwanzig Söhne Grünbergs, zum Teil noch blutjunge Nlenschen, mußten mit ins Feld ziehen. Gegen wen Napoleon diesmal seine Scharen werfen wollte, wußte noch niemand in Hessen. Ls war Schmerz genug, daß soviel junge INänner dem Nuf des Großherzogs, der ja auch Nheinbund- fllrst war, folgen mußten. Die zurückbleibenden Bürger hatten nicht so unsäglich unter den Kriegsoorbereitungen zu leiden wie vor sechs Jahren; denn der Franzosenkaiser zog ja diesmal seine ungeheueren Truppenmassen und die Vorräte für sie in den preußischen Provinzen östlich der Elbe zusammen. Aber die staunenerregenden Vorkehrungen, die er traf, ließen auch unsere Leute ahnen, daß Dinge im Werk seien, die für eine ganze Welt entscheidend werden mußten. Seit April etwa hatte Grünberg unter Truppendurchmärschen zu leiden. Wieder wie vor Jena und Auerstädt wurde Fourage geliefert und verpackt in der Schirn, und da die nicht ausreichte, in der Kirche. Die Geistlichen haben sich sicherlich gegen diese Entweihung des Gotteshauses gesträubt. Aber es hat sie wenig geholfen,' sie mutzten Zusehen, daß das altehrwürdige Gotteshaus behandelt wurde wie eine Scheuer. Ohnmächtig mußte man hören, daß derbe französische Flüche die geweihten Näume rücksichtslos durchhallten. 3m ,,Wilden Mann" logierte eine Art Etappengeneral, der für ordentliche Ausführung der Lieferungen Sorge trug. Aber es waren Ausgaben und Verärgerungen, die schnell vorübergingen,' denn die Krieger eilten in die Länder des Ostens. Es mag den Söhnen Grünbergs, die unter klingendem Spiel mit fliegenden Fahnen die neu errichtete Straße am Ziegelberg hinauszogen, manch heißes Gebet nachgesandt worden sein, Gebete, die später vielleicht einen Widerhall fanden in den Herzen der jungen Schlachtopfer, die irgendwo in der Gegend von Wilna oder Krasnoj dem Tod in die Arme sanken. Es mag den ostwärts marschierenden Franzosen auch manche Verwünschung aus ehrlichem deutschen Herzen nachgeschleudert worden sein. Freilich, kein Mensch konnte wissen, daß die Wirklichkeit alle schrecklichsten Verwünschungen noch weit übertreffen würde an Furchtbarkeit und namenlosem kjerzeleid. Darum lag über Deutschland und auch unserem Grünberg eine dumpfe Zeit der gewitterschwülen Erwartung, seitdem die ungeheueren Steppen Nußlands die halbe Million napoleonischer Streiter in ihren Schoß ausgenommen hatten. Wann die erste Kunde von der entsetzlichen Katastrophe in Nußland nach Grünberg gekommen ist, wissen wir nicht. Wohl gegen Ende des Jahres 1812. Sicher hat man zuerst nicht daran glauben wollen: denn Napoleons Unbezwinglich- lichkeit war durch sechszehn Jahre hindurch unerschüttert geblieben. Als man dann aber doch einsah, daß die große Armee vernichtet sei, da ist nach meiner Ueberzeugung zunächst nicht Freude laut geworden über den schweren Schlag, der den gehaßten Tprannen getroffen hatte, sondern da sind zunächst Schmerz und Jammer zum Himmel emporgestiegen,' denn etwa zwanzig Familien klagten um ihre blühenden Söhne. Wir empfinden heute alle Mitleid mit einer einzigen Familie, wenn ihr ein junger hoffnungsvoller Sohn ins Grab sinkt. Damals aber waren es zwanzig Häuser, in denen verzweiflungsvolle Klage herrschte! vorher schon waren in dem spanischen Kleinkrieg eine Anzahl Rürgersöhne gefallen, Ludwig Karl Thri- stian Ebel als Sekondeleutnant und Johannes Meper, jener des Pfarrers und 3nspektors Ebel Sohn, dieser der Sohn des Natsverwandten Johannes Meper, außerdem Johann Georg Leister, versetzen wir uns nur einen Augenblick in die Seele des Vaters, des 3nspektors Ebel, der zu Anfang 1815 mit blutendem Herzen und zitternder Hand unter den Taufeintrag eines zweiten Sohnes schreiben mußte: „3st in Nußland 1812 in der Schlacht bei Krasnoj als großherz. Leutnant geblieben." Dann verstehen wir, daß damals über dem ganzen Städtchen eine schicksalsharte Stimmung der Trauer lag. Und diese Stimmung der Trauer wurde auch nicht gehoben, als im Februar und März klägliche Neste des stolzen Franzosenheeres hierherkamen. Denn diese abgehetzten, verhungerten Menschen konnten den Angehörigen erzählen von den namenlosen Leiden, denen auch ihre Söhne in dem eisigen Schneewinter Nußlands ausgesetzt waren, bevor sie einem frühen Tod verfielen. Aber eins wurde durch die Trauer erreicht: der 3ngrimm und der heiße Haß gegen den Völkerverderber Napoleon erhielt neue und reichliche Nahrung. Und dann hatte man nun einmal doch gesehen, daß auch der große Stratege Napoleon nicht unbezwinglich sei, daß ein Stärkerer über ihn Fjcrr geworden war. (Es wird uns davon keine Silbe berichtet, aber ich bin gewiß, daß aus dem Gottesgericht in Rußland, aus dem bitteren Schmerz um die gefallenen Söhne und Brüder und aus dem Grimm gegen Napoleon der Gedanke der deutschen Freiheit auch bei unseren Grünberger Vorfahren entstanden ist. Wie ich oben schon einmal betonte: es mußte mit unseren Vätern so in die Tiefe gehen, bis sie wieder auf Gott vertrauen und an die Möglichkeit der deutschen Befreiung glauben lernten. Das war für Grünberg der Erfolg von 1812. (Fortsetzung folgt.) Sin pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) 3ch teilte der Familie mit, daß die Wertsachen des Toten damals dem Bürgermeister übergeben worden seien, damit er sie den Angehörigen zustelle. Selbstverständlich war an diese niemals auch nur die geringste Benachrichtigung gelangt, sonst wären sie über das Schicksal des Hausvaters nicht im Ungewissen gewesen. 3ch erbot mich sofort, nach meiner Rückkehr in die Heimat bei der Bürgermeisterei Nachforschungen anzustellen, aber die junge Witwe meinte, sie wolle lieber auf der Stelle nach Ruppertsecken schreiben und um Auskunft bitten. Sie bat mich um die nähere Adresse. Aber, an wen, so überlegte ich, sollte sie schreiben? An Bürgermeister Noden- bucher? Das hätte keinen Sinn gehabt: denn eine Antwort wäre doch nicht erfolgt. Da durchfuhr es mich, daß Pfarrer Weber in Marienthal hierzu der rechte Mann sei. 3ch wußte, 197 daß viele Leute aus den beiden Orten Ruppertsecken und Marienthal die Freitreppe zu dem freundlichen, an den Fenstern mit Blumen geschmückten pfarrhause Hinaufstiegen, um sich Eingaben an Behörden oder Briefe, die nach Rmerika gingen, schreiben zu lassen. Darum nannte ich der Frau die Rdresse: Pfarrer Weber in Marienthal, Bezirksamt Kirchheimbolanden in der Rheinpfalz, Bayern. Wie habe ich damals diese stille, brave Familie bedauert. Rls unser Bruder Georg gefallen war, da haben wir alle um ihn schweres Leid getragen, aber wir hatten doch Gewißheit. Diese Bedauernswerten waren 5 Jahre lang in Ungewißheit gewesen. Wie mir die junge Frau erzählte, so hatte die Familie angenommen, daß der vermißte in Lothringen heimlich von fanatischen Einwohnern erschlagen und beiseite geschafft worden sei. Um Übend konnte ich, auf einen kräftigen Stock gestützt, wenn auch hinkend, einen kleinen Gang um das Gehöft machen. Oie beiden Kinder begleiteten mich, wir sahen die Füllen auf der Wiese hin und her springen, sahen über einem stillen Wasser die Wildenten auffliegen und hörten, wie der Buchenwald rauschte. Rls wir wieder nach Hause kamen, schimmerte Licht aus dem Wohnzimmer, und durch das geöffnete Fenster sah ich die junge Witwe beim Schein der Lampe schreiben. Ich wußte ja, an wen der Brief gerichtet war. Um nächsten Tage war mein Fuß beinahe zugeheilt, zur Not hätte ich weiter gehen können. Uber die Großmutter des Hauses meinte, daß ein Tag der Schonung noch sehr nötig sei. Ich ließ mir diesen Nat nicht zweimal geben,' denn es gefiel mir gut auf dem einsamen Hofe bei den stillen, traurigen Menschen. Um nicht müßig zu gehen, half ich am Nachmittage beim Ubladen des Kornes. Endlich am Morgen des dritten Tages zog ich ab. Die guten Leute hatten mich mit Butterbroten versehen, von denen ich zwei Tage leben konnte, mein Felleisen hatte durch diesen Proviant ein ganz unförmiges Uussehen bekommen. Ich mußte versprechen, etwa in 14 Tagen wiederzukommen, um zu hören, was für eine Untwort aus der Pfalz eingetroffen sei. Dieses versprechen konnte ich geben, da es die Ubsicht unseres Meisters war, eine Zeitlang an der Westküste von Schleswigholstein zu konzertieren und dann von Flensburg aus die Wanderung nach Süden anzutreten. In einer Schifferkneipe zu Flensburg traf ich meine Gefährten. Rls sie merkten, daß ich so viele Butterbrote bei mir trug, langten sie alle zu, und mein Felleisen hatte bald wieder das gewohnte Uussehen erhalten. von den Erlebnissen der beiden folgenden Wochen ist mir noch lebhaft in der Erinnerung, daß wir nach der Insel Sylt fuhren. Das Wattenmeer, das wir dabei durchfuhren, kam mir nicht besonders großartig vor, aber wie staunte ich, als wir die Insel von Osten nach Westen durchquert hatten und die Nordsee erblickten. Fast so hoch wie ein Häuschen in Ruppertsecken ist, türmten sich die Wogen auf, donnernd wälzten sie sich gegen den Strand, gekrönt von weißem Schaume. In verschiedener Färbung leuchtete das Meer auf, bald war es grau, bald grau-grün, bald erstrahlte es in reiner Bläue. Wenn Ebbe eingetreten war, so lagen Tausende von Muscheln am Strande. Wie tanzten da die Boote auf und ab, wenn eine Gesellschaft eine Segelfahrt unternahm. Und wie schön ging es sich in dem weichen Sande am Strande, auch wenn der Wind vom Meere her noch so heftig wehte. Rls wir am ersten Tage unserer Rnkunft am Strande standen, sagte der Meister, indem er mit der Hand über das Meer hinaus nach Westen deutete: „Dort drüben liegt England, dort habe ich als junger Bub schon geblasen." Es waren damals viele Leute in dem schönen Seebad zu Westerland, wie der größte Grt auf der Insel heißt. Morgens badeten sie in der kalten, unruhigen Flut, nachmittags saßen sie in den Strandkörben oder sie wühlten mit kleinen Schippen im Sande und bauten die schönsten Burgen. Fahnen aller Rrt flatterten lustig auf diesen Burgen, es war ein schönes Bild, wenn man von der höhe der Dünen hinab nach dem Strande blickte und alle die Wimpel in einerlei Richtung, je nachdem der Wind wehte, flattern sah. Jeden Tag spielten wir am Strande und verdienten Geld genug! denn es waren meist reiche Leute aus Hamburg oder Berlin, die sich dort aufhielten, von den Berlinern hatten wir allerdings viel auszustehen: denn die Berliner, wie mir damals ein Däne, der die deutsche Sprache nicht regelrecht handhabte, sagte, „rufen zu hoch", damit wollte er sagen: sie schreien zu laut. Wenn wir die schönsten Stücke spielten, so spotteten sie doch über uns. Rber ein Musikant kann viel vertragen, wenn nur die Zehnpfennigstücke recht zahlreich in das Tellerchen fallen, das er zum Tinsammeln in der Hand hat. Noch immer lag mir als dem Jüngsten dieses Rmt ob, nur hatte mir der Meister unterwegs einen kleinen Blechteller zum Einsammeln gegeben, und ich brauchte nicht mehr meine Mütze mit dem Schirm nach unten hinzuhalten. Zwei Wochen waren uns auf der schönen Insel rasch vergangen, und wir kehrten wieder auf das Festland zurück. Ich ließ mir vom Meister zwei Tage Urlaub geben, um auf dem hofgute bei der Familie anzufragen, ob Rntwort aus der Pfalz eingetroffen sei. Rn einem Sonntagmorgen, als rings umher die Glocken zur Kirche läuteten, begab ich mich dahin. Wohl war die Landschaft ganz anders als in der Nordpfalz, aber meine Stimmung war dieselbe, als ob ich zu Ruppertsecken auf dem Schloßberge stünde und vom Münstertal und vom Rlsenz- tal die Glocken klingen hörte. Ruf dem Hofe war niemand zu Hause als nur einer der beiden Knechte, der mir sagte, daß die ganze Familie zur Kirche gegangen sei. Ich setzte mich auf eine Bank, die im Garten stand, um hier zu warten. Ich Härte die Bienen summen und sah aus der weiten Ebene einen breiten, stumpfen Kirchturm, aus roten Backsteinen aufgebaut, aufragen. Türme dieser Rrt trifft man allerwärts in der dortigen Gegend. Eine halbe Stunde mochte ich gewartet haben, da hörte ich Stimmen. Die Familie kehrte vom Kirchgang zurück, voraus eilten die beiden Kinder. Die scharfen Rügen des Knaben hatten mich rasch entdeckt, ich hörte ihn rufen: „Mutter, im Garten sitzt der Musikant aus der Pfalz." Ich erhob mich und ging den Rnkommenden entgegen. Die junge Frau streckte mir die Hand entgegen und sagte: „Nun weiß ich alles über das hinscheiden meines Mannes. Der liebe Pfarrer Weber hat mir ausführlich geschrieben. Ich habe heute in der Kirche Gott gedankt, daß er mir nun völlige Gewißheit gegeben hat. Rber kommen Sie nur mit herein in das Haus, da will ich Ihnen alles erzählen." Rus einem Wandschranke im Wohnzimmer nahm die Frau einen Brief, der viele Seiten umfaßte. Es war der Brief des Pfarrers Weber, ich sah, daß der brave Mann, wie ich nicht anders erwartet hatte, sich in dieser Sache alle erdenkliche Mühe gegeben hatte. Es verhielt sich alles so, wie ich vermutet hatte. Der Bürgermeister Rodenbecher und sein Schreiber Honeck hatten seinerzeit es unterlassen, dem Truppenteile des verstorbenen Soldaten und seiner Familie Nachricht zugehen zu lassen. Beide hatten sich zuerst, wie Pfarrer Weber schrieb, auf nichts besinnen wollen, dann aber, als davon die Hebe war, daß man sich an das Bezirksamt wenden müsse, hatten sie in ihrer Erinnerung nachgeforscht und waren allmählich zu der Erkenntnis gekommen, daß sie die Lache möglicherweise doch vergessen hätten, Auf die Nachfrage nach den Wertsachen des verstorbenen hatten sie sich auf die Luche begeben, und siehe da, in einer Niste, die im Beratungszimmer des Gemeinderats stand, und mit alten Zeitungen, den Zetteln von der letzten Volkszählung her und alten Voranschlägen vollgestopft war, hatten sich ganz unten die Brieftasche, die Geldbörse und die Uhr des Neservisten Hansen von der 2. Kompagnie des 86. Regiments gefunden. Wären die beiden Männer sich ihrer Pflicht bewußt gewesen, so hätten sie ohne Mühe einer schwer bekümmerten Familie Auskunft über das Abscheiden ihres Ernährers geben können: denn der Tote hatte in seiner Brieftasche sorgsam die Adresse seiner Frau notiert: Frau Raren Hansen zu Gsterbarderup, Rreis Flensburg, Provinz Schleswig-Holstein. Pfarrer Weber schrieb, der alte Bürgermeister entschuldige sich damit, daß damals bei den Truppendurchmärschen und der Erntearbeit alles drunter und drüber gegangen sei. Aber noch etwas anderes hatte sich herausgestellt. Weber schrieb, daß die sämtlichen Uniformstllcke und auch das Gewehr des Vahingeschiedenen auf dem Speicher des Lpritzenhauses sich vorgefunden hätten, das Gewehr selbstverständlich total verrostet. Auch einige Mitteilungen über das Grab waren in dem Briefe enthalten. Es sei in gutem Zustande, Leute aus dem Dorfe hätten schon vor mehreren Fahren auf ihm eine Trauerweide angepflanzt und in jedem Frühjahr werde es mit neuen Blumen versehen. Die Hinterlassenschaft des Toten war mit der Post an die Witwe gesandt worden. Unter Tränen holte Frau Hansen die Lachen aus dem Wandschranke hervor: eine einfache Taschenuhr, eine von der Frau, als sie noch Braut war, gestrickte Geldbörse und dann die Brieftasche mit dem Militärpasse des Toten. Ln dem Notizbuche fanden sich einige Aufzeichnungen von seiner Hand, die er auf der Lisenbahnfahrt von Flensburg nach dem Rheine gemacht hatte. Alle die größeren Ltädte, die der Militärzug berührt hatte, waren notiert, am Lchlusse stand: Biebrich, den 28. Fuli 1870. Da ich zwei Tage Urlaub hatte, so blieb ich bis zu dem nächsten Morgen bei der Familie, in der ich mich so heimisch fühlte, als ob ich schon jahrelang mit ihr bekannt sei. Immer wieder mußte ich aus meiner Erinnerung heraus und aus dem, was in Ruppertsecken erzählt worden war, mitteilen, wie es in den letzten Tagen des Niels Lwer Hansen zugegangen war. Und immer wieder versicherten mir die Mutter und die Gattin, daß es ihnen ein großer Trost sei, zu wissen, daß der Lohn und Ehemann bei guten, christlichen Leuten gestorben sei. Die Witwe bekundete die Absicht, an Pfarrer Weber zu schreiben, daß er auf ihre Rosten dem Toten einen Grabstein errichten lasse. Am anderen Morgen nahm ich Abschied. Wenn ich heute an die Liebe und die Freundlichkeit zurückdenke, die mir diese guten Menschen fern im Norden des deutschen Vaterlandes erwiesen haben, so bin ich mir immer bewußt, daß ich es der Treue meines Vaters zu verdanken habe, der für den erkrankten Loldaten gesorgt hatte. 5o habe ich auf meiner Musikantenfahrt die Wahrheit des Wortes erlebt: Oes Vaters Legen baut den Rindern Häuser. Unser Verdienst war nicht nur in Westerland, sondern auch auf unserer weiteren Fahrt durch Mecklenburg und die Provinz Brandenburg recht gut. Da ich sparsam war, so hatte ich schließlich in meinem Brustbeutel die Lumme von 127MK. 5o viel Geld hatte ich noch nie beisammen gesehen, ich wahrte das Geld wie den köstlichsten Lchatz der Erde. Als wir in Brandenburg spielten, zog immer mehr der herbst in das Land. Gelb und rot färbten sich die Blätter, auf den Telegraphendrähten und Rirchendächern saßen die Schwalben, um sich zur Reise nach Lüden zu rüsten. Wenn die Lchwalbe nach Lüden zieht, so rüstet sich auch der Musikant zur Heimreise. Wenn Kaller Regen kommt und die Dunkelheit früh hereinbricht, so ist das Wandern auf der Landstraße kein Vergnügen mehr. Man sehnt sich dann nach einem Platz in einer warmen Stube, von dem aus man in aller Seelenruhe durch die Scheiben auf Regenpfützen und grauen Himmel schauen kann. Ln großen Märschen zogen wir der Heimat zu, von Rassel an ließ uns, weil das Wetter zu schlecht war, der Meister mit der Eisenbahn fahren. Lch hatte auf dieser meiner ersten Musikantenfahrt das Heimweh mehr und mehr überwunden. Fe näher wir aber nach Südwesten kamen, um so mehr packte es mich mit neuer Rraft. Als wir endlich von Münster am Stein nach Rockenhausen fuhren und die nordpfälzischen Berge wieder vor mir auftauchten, da meinte ich, den Zeitpunkt gar nicht abwarten zu können, bis ich wieder in der Heimat war. Ln Rockenhausen gingen wir auseinander. Mit Gottfried Reiper stieg ich den Berg nach Ruppertsecken hinan, vom Donnersberge her wehte der herbstwind, der Regen sprühte uns in das Gesicht, die welken Blätter bedeckten den Boden. Lm Abenddunkel stand ich vor meines Vaters Haus. Die Mutter kniete im Wohnzimmer vor dem Ofen, um Feuer anzuzünden, vor ihr lag ein Haufen kleingebrochenes Reisig. Fröhlich trat ich durch die Tür und rief: „Guten Abend, Mutter, da bin ich wieder, und 127 Mark habe ich dir mitgebracht." (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Tin schönes und wirklich harmonisches Fest in des Wortes eigenster Bedeutung war das 4. Rirchengesangvereinsfest unseres Dekanates, das am Nachmittag des l. Sonntags nach Trinitatis, den l4. Funi d. F., in der Ltadtkirche zu Gießen gefeiert wurde. Es hatten sich außer dem Gießener noch neun benachbarte Vereine eingefunden, von Annerod, Beuern, Burkhardsfelden, Großen-Linden, Rlein-Linden, Lang-Göns, Leihgestern, Lollar und Treis a. Lda. Wenn schon die große Zahl der beteiligten Vereine zeigt, daß die Sache der Rirchen- gesangvereine in unserem Dekanat beliebt ist, so beweist das auch die Stärke der Vereine, die jeder zwischen 40 bis 70 Mitglieder zählt, so daß ein Gesamtchor von etwa 500 Sängern und Sängerinnen die Emporen der Stadtkirche nahezu füllte. Dazu kamen noch die beiden Gießener Ehorschulen, die Rnaben unter der Leitung von Lehrer Görlach, die Mädchen unter der des Lehrers Habicht, die durch ihre prachtvollen Stimmen den Eindruck der Feier noch erhöhten. Der Festgottesdienst, dem eine kurze Probe der Thöre vorausgegangen war, begann um 2'h Uhr. Er war ein Lobpreis des Allerhöchsten und stand unter dem einheitlich durchgeführten Grundgedanken : Nun danket alle Gott, mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden. Dem entsprachen die vom leitenden Geistlichen, Rirchenrat D. Schlosser, verlesenen Schriftabschnitte wie auch die vom Gesamtchor unter Leitung des Professors Trautmann und der Thorschule vorgetragenen Lieder, die ohne Ausnahme in jeder Beziehung vortrefflich und stimmungsvoll zu Gehör gebracht wurden. Sie legten auch ein gutes Zeugnis ab von der guten Schulung — 199 — der Einzelvereine. Als Festprediger war Pfarrer Eschenröder (Worms) gewonnen worden, der seiner predigt das Wort des Jesaias Rap. 55 v. 10 u. II zu Grunde gelegt hatte: „Venn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin kommt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und wachsend, daß sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, also soll das Wort, so aus meinem Munde geht, auch sein. Ls soll nicht wieder zu mir leer kommen, sondern tun, was mir gefällt und soll ihm gelingen, dazu ich es sende." Der Prediger sprach in hinreißender Rede von der Gottermacht des evangelischen Liedes, das die Menschen fromm, froh und fest mache. Rach dem Gottesdienst fand eine Rachoersammlung in Steins Garten statt, bei der Herr Rir- chenrat v. Schlosser die zahlreiche Versammlung mit herzlichen Worten begrüßte. Gr gab der Freude Rusdruck, daß der Sache der Rirchengesangvereine auch in unserem Dekanat großes Verständnis entgegengebracht würde und wünschte, daß dar gute Einvernehmen zwischen Stadt und Land, wie es in diesem Fest in die Erscheinung trete, auch fernerhin bestehen bleiben möchte. Dekan Gußmann hielt hiernach noch eine kernige Rn- sprache, in welcher er das Wesen und die Bedeutung der Rirchengesangvereine betonte und die Hoffnung aussprach, daß auch noch in anderen Dekanatsgemeinden solche Vereine entstehen möchten. Zwischen und nach diesen Reden erfreuten die einzelnen Vereine durch einen oder mehrere Gesangsvorträge geistlichen oder weltlichen Inhalts die Festbesucher, die Steins Garten zum großen Teil anfüllten, bis gegen 8 Uhr die Feier ihr Ende fand. Möge das schön verlaufene Fest bei allen Teilnehmern rechte innere Erhebung und neue Freude an unseren schönen Rirchenliedern erweckt haben. 6.-Tr. Beuern. Rm 4.p. Trin., also Sonntag, 5. Iuli, findet in unserer Gemeinde wieder das Missionsfest zur Erinnerung an die vor zwei Jahren hier erfolgte (Ordination unseres Missionars Heinrich Walther, welcher den Lesern unseres Sonntagsgrußes durch seine interessanten Berichte über Ramerun, Land und Leute und die Missionrtätigkeit daselbst, wohl bekannt ist, statt, vormittags um 10 Uhr ist Festgottesdienst in unserer Rirchei nachmittags 1 Uhr Rindergottesdienst und um 3 Uhr dann das eigentliche Missionsfest auf unserem, von schönen Buchen beschatteten Rirchplatz. Festprediger sind: pfr. Hofmann (Winnerod) und Missionar Maier (Mannheim). Rlle URssionsfreunde sind herzlichst eingeladen. Rm 12. Juli findet zu Gießen im Ronfirmandensaale in der Liebigstraße wieder Taubstummengottesdienst und zwar ausnahmsweise nachmittags um I Uhr statt. Darnach findet eine gemeinsame Besichtigung der Gewerbe-Russtellung statt. Der verkehrrausschuß hat in hochherziger Weise allen Taubstummen zu diesem Besuche der Russtellung Freikarten bewilligt. Rnmeldungen zur Erlangung eines Rusweises wegen Fahrpreisermäßigung für unbemittelte Taubstumme wolle man möglichst frühzeitig an Pfarrer Bechtolsheimer gelangen lassen. _ Worte zum Nachdenken. In der Rot erkennt man einen treuen Freund, im Rampfe das gute Schwert, in der Fremde den Segen der Heimat, in der Rächt die Sterne am Himmelszelt, in der Rnfechtung die ausgereckte Hand Gottes, der nicht Gedanken des Leides hat, und der uns demütigt, um uns zu erhöhen. Rud. Rögel. Das Licht ist in dem Gottessohn so mächtig, daß er mitten in der finstern Welt dasteht wie ein Leuchtturm für alle Menschen. Wehe, wenn das Licht des Leuchtturms erlischt! Dann zerschellen die Schiffe und die Menschen gehen unter. So ist außer Jesu für uns nur Tod und verderben. Gott sei Dank, daß wir in ihm Licht und Leben haben können. Rdolf Stöcker. Zur Ewigkeit geht unaufhaltsam unser Lauf. Rur was dahin uns fördert, dort noch gilt und uns freuen kann, ist wert, daß unser Herz dabei verweile. Darum: hinauf, die Herzen in die höhe! Wer seines Mitmenschen Bestes sucht, der findet sein eigenes Bestes, so gewiß der selber glücklich wird, der andere glücklich macht. Das ist das wunderbare Segensgeheimnis des Reiches Gottes! Wir geh'n getrost an deiner Hand, Herr Jesu, die uns führet. Wir haben dich getreu erkannt Und haben wohl gespüret, Daß, wenn du Lasten auf uns legst, Gibst du auch Rraft zum Tragen, Und was du zuzumuten pflegst, Das ist getrost zu wagen. Wegen Raummangel mußten wir die Fortsetzung de- Rrtikelr „von der Rächt des Heidentums" bis zur nächsten Nummer zurückstellen. Die Red. kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 28. Juni, 3. nach Trinitatis. Gottesdienst. In der Stadtlirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Schwabe. Zugleich Thristenlehre für die Reukonfirmierten aus der Markusgemeinde. vormittags 9Ve Uhr: Pfarrer D. Schlosser. Beichte und heil. Rbendmahl für Matthäus- und Mar- kusgemeinde gemeinsam. Rnmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags 11 1 Uhr: Rinderkirche für die Matthäusgemeinde. pfarrassiftent h o f f m a n n. In der Johanneslirche. vormittags 8 Uhr: pfarrassiftent hoffmann. Zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Johannesgemeinde. vormittags 9V- Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Vormittags I I Uhr: Rinderkirche für tie Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. %cKönhAU& verleiht die echte - 'faxfas bMteLllienmilchseif ef. zarte, weisseHautvon Bergmann&Co., Radebeul 200 Für einen 14'/, jährigen Knaben Zchlosserlehrstelle gesucht. Angemessene Entschädigung wird bezahlt. Adresse: Sekretär Lenz, Speyer. Rudolf Richter Gießen, Marktstraße 24—26 hüte und Mützen Reichhaltige Auswahl. BilligePreise :: Rabattmarken. Reparaturen :: Carl Loos Kirchenplatz 13 Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider Möbel. Lieferung von bürgerl. Wohnungs- Einrichtungen, sowie sämtlicher Einzelmöbel. Eigene Schreinerei • Gegr. 1832. C. 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