Nr. 24. (Biefeen, 2. Sonntag nach Trinitatis, 21. Juni 1914. 3. Jahrgang. Der Sommer. Psalm 104, 1, 2 und 5. Lobe, den Herrn. meine Seele Herr. mein Gott, du bist sehr herrlich! du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du an hast; du breitest aus den Fimmel wie einen Teppich, Der du das Erdreich gründest auf seinen Boden, daß es bleibet immer und ewiglich. Um Fuße des Berges und mit einigen Gasten, die sich terrassenförmig übereinander aufbauen, schon an die Bergwand angelehnt, liegt das Dorf, umgeben von breitwipfligen Linden- und Kastanienbäumen. Ts ist ganz in sommerliche Wu.,>» cmyctaiid}t. Diel Lebe» hc lischt nicht in ihm. hlll wird grüner, duftender Klee von dem Wagen abgeladen, dort gehen die Gänse einzeln hinter einander her und schnattern, auf einer Haustreppe sitzen einige Binder und halten ihr Vesperbrot in den Händen. Das Vieh brüllt in den Ställen, der Hofhund kläfft, sonst ist kein Laut zu hören,' denn alle Leute sind auf dem Felde. Im Sonnenschein von der W.ese her blinkt die Sense des Mähers, durch einen Licker geht - jetzt zu ungewohnter Zeit der Pflug, den der Vater lenkt, während der anscheinend eben konfirmierte Sohn die Pferde am Halfter führt. Wir steigen den Berg hinauf, der vorhin, als wir noch in der Eisenbahn saßen, in blauer Ferne mit seinem mächtigen Bücken vor uns gelegen hat. Steil geht es in die höhe, in Schlangenlinien geht der Weg aufwärts. Bhorn, Luche, Eiche, Lärche und, wie alle die lieben deutschen Waldbäume heißen, beschatten unseren Weg, Bus der hohen Luft schreit der Häher und krächzt der Rabe; die Zweige knacken, wenn das Eichhörnchen von Stamm zu Stamm springt. In den Berg sind tiefe Schluchten eingeschnitten, durch eine dieser Sckluchten rauscht der Waldbach hernieder in das Tal. Frischer, würziger Ouft wird von den Sträuchern und Blumen, die dort in großer Menge blühen, herzugetragen, Bn einer Stelle senkt sich Steingeröll den Berg herab, mächtige Felsen ragen auf und versprechen eine entzückende Fernsicht. Nun sind wir oben, Lin gewaltiges Panorama hat sich vor uns aufgetan. Zu unseren Füßen ruht das weite, grüne Sommerland. So weit das Buge reicht, sind die Dörfer in die Ebene hingestreut. Es sind so viele, daß man sie gar nicht zählen kann. Der weiße Bauch, der sich dort fortbewegt, bezeichnet die Eisenbahnlinie. Nirgendwo ist ein Fleck Erde zu sehen, der nicht angebaut wäre. In der Sonnenwärme reift das Getreide dem Tag der Ernte entgegen. Der klare Himmel, das grüne Feld, der dunkle Wald, die roten Ziegeldächer der Dörfer, das alles gibt zusammen ein farbenprächtiges Gemälde. Wie ist die Natur im Sommer so schön! viel besser, als wenn man es im stillen Zimmer liest, versteht man hier dar Wort de; psalmisten: „Lobe, den Herrn, meine Seele, Herr, mein Gott, du bist schon und prächtig geschmückt. Licht ist dein Bleid, das du anhast, du breitest aus den Himmel wie einen Teppich. Der du das Erdreich gründest auf seinen Boden, daß es bleibet immer und ewiglich." Man bekommt hier eine Bhnung von der Bllmacht des Schöpfers und erkennt, daß Gott auch in der Natur sich offenbart. Noch haben wir den Gipfel der Berges, der bis zu 687 Meter aufsteigt, nicht erreicht. Dunkler Tannenwald nimmt UNS auf. glatt geschälte Stämme liegen quer über der Schneise, er ist, als ob wlir in dem Kreuzgang eines Klosters wandelten. Dort, wo die Forstbehörde den pflanzgarten angelegt hat, stand in alten Zeiten ein Kloster, die dem Bpostel Jakobus geweiht war. Dieses Kloster ist längst vom Bergesgipfel verschwunden, in dem Waldhaus, das auf der höchsten höhe steht, ist in die Mauer der aus rotem Sandstein gebildete Bahmen eingefügt, der in der Kapelle einst eine Bische bildete. Sonst ist von dem alten Bauwerk nichts mehr da. Bls man den heiligen Jakobus auf dem Berge nicht mehr verehrte, hat man dort ein hofgut angelegt. Wie einsam haben die Bewohner dieses Gutes gelebt! Bber um das Jahr 1850 hat die Begierung das Gut angekauft, die Gebäude abbrechen und Kiefern auf den Feldern anpflanzen lassen. Bur die alten Leute wissen noch aus ihrer Erinnerung etwas von diesem Hofe zu erzählen. So vergeht alles, was hienieden besteht. Wir wissen, daß die Sommerherrlichkeit knapp ein Vierteljahr dauert. Es kommt für uns alle die Zeit, da Berg und Tal, Dorf und Feld, die glänzende Sonne und die grüne Erde nicht mehr zu unserem Herzen sprechen. Darum sind wir froh, daß wir noch eine andere (Offenbarung haben als die (Offenbarung in der Natur. Wir haben auch die (Offenbarung Gottes in feinem Sohne Jesus Ehristus. Der Heiland gibt uns das ewige Leben, auf seine Gnade, die sich am Kreuze so herrlich'gezeigt hat, bauen wir in den Wechselfällen dieses Erdendaseins und dann, wenn unser Lebenstag sich neigt. Schön ist der deutsche Sommer, aber „Jesus ist schöner, Jesu; ist reiner, der unser traurig Herz erfreut". h. B. 186 Griechische Reisen und Sommerfrischen. von Geh. Gberkonsistorialrat IX ID. petersen in Darmstadt. (Fortsetzung.) palamidi ist der Name der Festung, den die fränkischen Eroberer als Bergnamen vorgefunden haben, palamedes ist der Erfinder der Nautik, der Leuchttürme, des Maßes, der Rechenkunst, des lDürfelspiels, der Wage und der Luchstabenschrift. Lein Name bezeichnet, was die Griechen von einem fremden seefahrenden Volke, den Phöniziern, sich angeeignet haben, palamedes hat keine verwandtschaftlichen Leziehungen mit den argivischen Heroen, sein Vater heißt Nauplia; — Lchiffer, sein Lruder Giax Lleuermann. Nauplia selbst auf einem halbinfelhaften Felsen sieht ganz nach einer fremden Niederlassung aus, gegen deren Bewohner etwa die Feste von Tiryns als Lchutzwehr von den Eingeborenen erbaut wurde. 1205 nahmen die Franken Nauplia und machten es zum Mittelpunkt eines kleinen Herzogtums. Ende des 14. Jahrhunderts kam es in den Besitz Venedigs, das Nauplia in zwei Belagerungen gegen Mahomet II. und Loliman glücklich verteidigte, bis es 1580 den Türken geräumt werden mußte. 1686 vertrieb Rönigsmark mit seinen deutschen Löldnern im Dienste Venedigs die Türken vom palamidi und befestigte letzteren. 1715 nahmen ihn die Türken wieder. Im Juni 1822 nahm das griechische Heer die Unterstadt, im Dezember die Zitadelle. Nauplia wurde nun Wohnsitz des ersten Präsidenten Oapo ä'Istrius und am 6. Februar 1835 Fürstensitz des jungen bayrischen Fürstensprosses Otto, des ersten Königs des neu erstandenen Griechenlands. Der Raum war aber für eine Residenz so beschränkt, daß diese bereits 1834 nach Rthen verlegt wurde, eine, wie die Folgezeit gelehrt hat, durchaus glückliche Maßregel. 857 Stufen steigen zu dem 215 Meter hohen, nach drei Leiten schroff abgeschnittenen palamidi empor. Ueber die Mühsal tröstete der herrliche Blick auf Nauplia, die weite urgolische Meerbucht und die im lachenden Lonnenschein sich dehnende Ebene. Oben drangen wir durch Pforten und Hohlwege hinauf bis zur höchsten Spitze und gingen dann nach dem Ltaatsgefängnis für schwere Verbrecher, zu welchem uns Einlaß gewährt wurde. Lisentüren öffneten sich vor und schlossen sich hinter uns. Wir standen an einem verlies, das lebhaft an einen Bärenzwinger erinnerte, dessen engen Raum die unglücklichen Verbrecher wie wilde Tiere Ausmaßen. Ts waren da an 50 zu lebenslänglichem Zuchthaus und zur Todesstrafe verurteilte Mörder und Räuber, deren Geschichte uns z. T. erzählt wurde. Unter tierisch rohen Physiognomien, wahren Dalgengesichtern, auch wieder jugendliche Rntlitze, auf denen nichts von verbrechen geschrieben stand. Ich schämte mich, hinabzuschauen und war eigentlich recht unglücklich. Ruf langen Stangen reichten uns die Gefangenen ihre kleinen Draht- und holzarbeiten herauf, davon einiges gekauft wurde. Entstand Unruhe oder Geschrei, dämpfte sie der wachthabende Offizier sofort mit Drohung schwerer Strafen. Herr N. meinte doch, sie hätten es besser als unsere Gefangenen in den Zellengefängnissen, sie könnten doch miteinander sprechen und bei ihren einfachen Lebensgewohnheiten doch noch ein erträgliches Dasein im Lichte der Sonne, die ihren Zwinger erhellte, fristen. Lin Priester, kenntlich an seiner Tracht, war unter den Verbrechern. Welch ein Gegensatz, dieses Menschenelend und rings umher die schöne, lachende Natur! Tief verstimmt stieg ich dir 85 Stufen wieder hinunter. Die Sonne war inzwischen untergegangen, und die Berge des Binnenlandes mit ihrem rötlichen Licht luden uns ein zum Eindringen in ihre Geheimnisse. Dort drüben die Lücke mußte dem Schienenstrang Durchlaß gewähren, der uns einige Tage später nach Tripolis führen sollte. Rbends aßen wir auf dem Marktplatz und schrieben Briefe. Rm Freitag, dem 21. Rugust, standen wir um 4 Uhr auf. Ein Korb mit Frühstück und Wein wurde uns mit in den Wagen gegeben, und wir setzten uns nach Epidaurus in Bewegung. Line Ecke des Hafens von Nauplia mit Röhricht und stillem Wasser, dahinter die Ebene, erinnerte mich lebhaft an nordische Landschaften. Wir fuhren an der Vorstadt pronoia vorüber, vorüber an dem Denkmal für die 1833/34 in Griechenland gestorbenen bayerischen Soldaten, einem von meinem verstorbenen Freunde, Professor Siegel, in den Fels gemeißelten Löwen, und dann auf guter Landstraße den Bergen zu, in der Senkung zwischen dem Ilias-Berg im Norden und einem niedrigeren Bergzug im Süden. Die Luft war frisch, aber die Sonne brannte, vorüber ging; an dem schön gelegenen Dorf Rria, wo die Frauen an den Steintrögen wuschen, wie überall an dem Tage, es schien Waschtag zu sein. Merkwürdig kärglich bewohnt ist die Gegend, aber schön durch die wohlgeformten Berge. Einmal sahen wir auf einer höhe über dem Eingang einer Schlucht eine alte Burg mit festen Mauern. Das einzige Dorf, das wir unterwegs berührten, war Ligurio, auf einer höhe gelegen. Oberhalb Ligurios, auf den höhen des Rrachneion, war in der Kette der Feuerfignale, die Ilions Fall nach Mykenä meldeten, die Mittelstation zwischen dem megarischen Gebirge und der Rtridenburg. Gegen 10 Uhr waren wir in Epidaurus, oder vielmehr an dem Heiligtum des alten Grtes, eingebettet in den Winkel zwischen zwei reichlich 2 ' r > Tausend Fuß hohen Bergen, hier war im Rltertum der heilige Bezirk des Rskle- pios. Nichts, was Luft oder Boden verunreinigte, wurde zugelassen. Im Tempelgebiet durfte niemand geboren werden und niemand sterben. Im Schatten eines dichten Hains ergingen sich die Kurgäste und lagerten die Festgenossen. Rus allen griechischen Landen eilten die Kranken herbei. Die Geheilten bezeugten ihren Dank durch Weihgeschenke und Inschrifttafeln. Der Tempel selbst war ein großer Bau aus Kalkstein, der mit Stuck bekleidet gewesen ist. von der Hand polyklets rührte die schon im Rltertum bewunderte Thelos her, ein kreisrunder Bau von reichlich 32 Meter Durchmesser, der im Innern mit Gemälden von pausias geschmückt gewesen ist und die von den Geheilten gesetzten Dankinschriften enthielt. Der Rundbau aus Marmor hat in der Mitte einen geheimnisvollen Gang in Spiralform, der zu einer Vertiefung führt, die einem Brunnenloch ähnelt. War's eine Ouelle? War's eine höhle für die heilige Schlange? Diente der Gang Mysterien? Wer kann das wissen, genug, man kommt wohl hinein, aber nicht wieder heraus, wie ich es selbst versucht habe, außer wenn man in der Mitte von oben herausgezogen wird. Rußerdem sah man auf der Trümmerstätte noch eine ganze Reihe von Grundmauern alter Gebäude, die heil- und Sportzwecken gedient haben und Inschriftsteine die Menge, auf denen Krankheiten, Kuren und Heilmittel angegeben sind, vom hieran (Heiligtum) stiegen wir hinauf zum Theater, dem größten und besterhaltenen Griechenlands, mit herrlicher Russicht auf die Umgegend und das hieran unten. Ls ist mindestens doppelt so groß als das Dionysustheater zu Rthen und hat das Foyer, wenn man so sagen darf, das diäzoma, noch ganz erhalten. Ls hatte 52 Sitzreihen. Ruffallend ist die einzig dastehende Form der Orchestra, nämlich ein ganzer Kreis, nur daß sie nicht mit 187 Platten belegt ist, sondern eine Rrena, mit Sand bedeckt, eine lronistru, ein Sandplatz, im eigentlichen Sinne des Wortes. Wir saßen da lange und schauten hinaus in die Landschaft, dann hielten wir unser Frühstück in einer Hütte, wobei uns eine Kiste als Tisch diente und Bettbretter als stumme Diener. Doch schmeckte es uns prächtig. Um 1 >3 brachen wir wieder auf und fuhren denselben Tag zurück. Es war herrlich, die langen Bergzüge zu verfolgen, die sich nun nach der argolischen Ebene hinabsenkten. Gegen 7 waren wir in Nau- plia, nahmen noch schnell ein Seebad, aßen auf dem Markt zu Übend und schrieben unsere Briefe. U a u p l i a selbst bietet nichts besonderes, außer seiner schönen Lage und seiner vielen Gefängnisse, deren es auch in der Stadt selbst gibt. Nachts ruft die Wache jede Stunde und empfängt Rntwort von allen Posten, was sehr merkwürdig klingt. Die Häuser sind groß und massiv und erinnern an solche in italienischen Städten. Die der hafenbucht parallel laufenden Straßen sind eben, die (Querstraßen steil und zum Teil durch Treppen ersetzt, wie in Neapel. Nach dem langen Tag schliefen wir vortrefflich. (Fortsetzung folgt.) Eine oberhejstsche Landstadt in der napoleonischenZeit. von pfarrassistent Hugo heymann in Mainz. (Fortsetzung.) Kaum waren die französischen Heermassen ostwärts gezogen, als Bürgermeister und Bat in neue Rngst und Sorge versetzt wurden, von den Grünberger Bürgersöhnen, die mit ins Feld mußten, desertierten eine Unzahl und flohen in die Heimat. Sch will des Interesses halber die Namen nennen, aber gleichzeitig betonen, daß damit den Familien, die heute noch diese Namen tragen, keineswegs ein Makel angeheftet werden soll. Sie hießen Martin Dörr, Johann Tobias von- Tiff, Kaspar Baumann, Henrich Ringel und Rndreas Bornträger. Sie wurden unter städtischem Kommando nach Gießen oder Darmstadt gebracht. Kein Wort wird in den alten Rkten laut, was für Gefühle diese Leute bewegten. Uber wir lesen zwischen den Zeilen den herzzerreißenden Jammer dieser Jünglinge und ihrer Familien. Denn was mit Fahnenflüchtigen in Kriegszeiten geschah, ist fraglos. Uber die unglaubliche, wirtschaftliche Uussaugung und das tragische Geschick jener fünf jungen Leute waren nicht das ärgste Das allerschlimmste war eine weitgehende Sittenver- derbnis, die die Franzosen unmittelbar verschuldeten. Ich habe in den Protokollen des kirchlichen Presbyteriums (Kirchenvorstandes) gesehen, daß in den beiden Jahren 1806 und 1807 nicht weniger als 15 Fälle sittlicher Roheitsdelikte, von den Franzosen begangen, ans Tageslicht kamen. Gerade die Jahre nach den großen Kriegen bis etwa 1820 zeigen einen erschreckenden Tiefstand in der Sittlichkeit. Uber so scheußlich diese Dinge auch waren, wir, die wir heute von geschichtlicher Warte aus alle diese Ereignisse an unserem geistigen Uuge vorüberziehen lassen, wir sagen: Uuch diese unglaublichen Bedrückungen waren nötig; denn das deutsche Volk mußte das ganze Elend der Fremdherrschaft bis zur Neige auskostcn, bis es einsehen lernte, daß es zur Freiheit und zum Deutschtum berufen war. In jenen Tagen ohnmächtigen Knirschen; gegen Frankreichs Willkürherrschaft ist die deutsche Volksseele erwacht. Ts wußte ein gewaltiges Maß von Zorn und haß sich angesammelt haben, bis der herrliche völkerfrühling von 1813 kommen konnte. Im Lauf des September kamen Botschaften aus dem Wen, die unsere Vorfahren sich auf neue Drangsale bereithalten ließen. Es mußten die haftlokale in (Ordnung gemacht werden zur Rufnahme von Kriegsgefangenen. Bald kamen auch die ersten (Opfer des entscheidenden Ringens bei Jena und Ruerstädt und ferner von Preußisch-Eylau und Friedland an. Die verwundeten wurden soviel wie möglich in die größeren Lazarette nach Gießen und Friedberg gebracht: aber eine Rrt von Feldlazarett gab es auch in Grünberg; zu seiner Bedienung wohnte beim Präzeptor Männche ein französischer Regimentsarzt. Im übrigen aber mußten die Führwerksbesitzer sich beständig bereithalten für Krankentransporte. In dem Regierungsschreiben hieß es ausdrücklich, es müßten Wagen mit Ernteleitern sein. Die Leute mußten mitunter bis Bruchenbrücken fahren und erhielten für eine solche Fahrt 20 fl., eine immerhin annehmbare Bezahlung. Im Spätherbst kehrten auch die hessischen Truppen wieder in die Heimat zurück, deren Benehmen leider nicht viel besser war als das der Franzosen. ,,Es ist der Krieg ein roh gewaltsam Handwerk, den Hirten schlägt er und die Herde." Ls war unseren Vätern mitten in all dem Elend und dem Jammer der Kriegsnot nur eine wehmütige Freude, daß der Landgraf zum Großherzog erhoben wurde. Die darüber erscheinende Proklamation wurde von der Kanzel verlesen. Rußerdem erfolgte für die oberen Zehntausend eine „Promulgation" auf dem Rathaus, wohin, wie Inspektor Reiber schreibt, alle Honoratioren im Rmt Grünberg sich begaben, nämlich die geistlichen und weltlichen Beamten, der Stadtrat, die Zunftmeister und Schultheißen des Rmtes. Das waren also damals die Honoratioren, hofrat von Schmalkalder verlas das Schriftstück und danach wurde eine geraume Zeit mit allen Glocken geläutet. Das geschah im Rugust 1806. ITiit noch gemischteren Gefühlen beging man in dem deutschen Städtchen Grünberg eine andere Jubelfeier (!>. Rm 16. November wurde im ganzen Land ein großes Dankesund Siegesfest gefeiert für die Niederwerfung Preußens, des einzigen Staates, der auf deutschem Boden noch selbständig gewesen war. Ich teile den Festbericht, den uns der damalige Inspektor und erste Pfarrer, Johannes Reiber, hinterlassen hat, hier mit. Ich beneide jenen Kollegen um die Rus- gabe, die er zu erfüllen hatte, wirklich nicht. lNan merkt sehr rasch, daß er sich äußerst vorsichtig ausdrückt: man merkt, daß sein deutsches Herz gezuckt hat, als er diese Schmach seines Vaterlandes niederschrieb. Sein Bericht lautet: „Rnno 1806, den 16. November, wurde das in allen Kirchen der Großherz. Lande zu feiernde allgemeine Dankfest wegen der großen Siege Napoleons, wodurch unser Land gegen feindliche Rngriffe und Einfälle sichergestellt und der Kriegsschauplatz weit weggerückt wurde, auch in unserer Kirche mit folgendem Eeremoniell gefeiert: Weil die Rnkündigung des Sonntags vorher nicht geschehen konnte und ohnedem die Feierlichkeit des Tages eine ungewöhnliche Rnkündigung erforderlich machte, so wurde des Samstags nachmittags um 4 Uhr mit allen Glocken, mit Russchluß der Sturmglocke der festliche Tag angezeigt und der Turmmann blies einige Lob- ünd Danklieder. Sonntags morgens um 9 h. wurde wieder mit allen Glocken geläutet. Die in die Kirche gehende Versammlung wurde mit Musik des Musikantenkollegs empfangen. Unter der predigt war die Einleitung dahin gemacht, daß vom Musikantenkolleg das Lied „Lobe den Herrn" mit Begleitung aller Instrumente gesungen wurde. Zum Rus- gang wurde das Lied „Herr Gott dich loben wir", mit pauken und trompeten zuweilen einfallend und unter unablässigem Geläute aller Glocken, gesungen. Sodann nach dem Segensspruch von dem Musikantenkolleg ein passendes Stück vor- 188 getragen." Wir erfahren von der predigt kein Wort: Reiber fühlte wohl selbst, daß die kommenden. Geschlechter diesen Tag als einen Tag tiefer, brennender Schmach ansehen würden, an dem deutsche Glocken zum Preis des Franzosenkaisers klingen mußten, wo deutsche Herzen ihrem Gott danken sollten für die französischen Liege und die Zertrümmerung der letzten Ltütze des deutschen Nationalgedankens. Rber dies Schauspiel, an dem die Deutschen voll Ingrimm teilnehmen mußten, wiederholte sich noch einmal. Km 5 . Juli, also kurz vor dem Rbschluß des Friedens von Tilsit, und am 26 . Juli fanden Lieges- und Friedensfeste statt mit demselben Zeremoniell, wie im November 1806 . Nun kann man verstehen, daß diesmal bei unseren Grünbergern auch echter Dank mitsprach ; denn es war ja Friede im Lande, und man hatte IV2 Jahre hinter sich, die sich dem Gedächtnis der Menschen unverlierbar einprägen. Diese Zeit, da im fernen Osten der stolze Bau Friedrichs des Einzigen zerschlagen wurde, bedeutete auch für das oberhessische Ltädtchen eine Periode unausdenklicher Drangsal und Not. Das war Deutschlands tiefste Erniedrigung, unsere Vorfahren haben sie voll und ganz kosten müssen. Darum können wir es ihnen nachfühlen, wenn sie ihrem Gott für den Frieden dankten. Die deutsche Volksseele hatte eine Zeit der Nuhe und des inneren Rusholens nötig. (Fortsetzung folgt.) von der Nacht des Heidentums.') von N. T 0 l l m a r in Tassel. Der Streit über die Frage der Notwendigkeit der Mission unter den Heiden ist zugunsten der Förderer der christlichen Weltanschauung entschieden und nicht im Sinne eines den irdischen Gewinn über die Pflichten gegen Gott und den Nächsten stellenden Teiles der gottlosen Welt. Ueberzeugte Thristen haben die Entwickelung der Missionsfrage zu diesem Rusgange vorausgesehen: denn das Thristentum kann in seinem Fortschreiten durch die gewissenlose Gesinnung solcher Kreise, welche die mit so vielen Lastern behafteten Heiden noch mit dem schrecklichen Uebel der Trunksucht belasten wollen, wohl zeitweilig auf Widerstand stoßen, auf seinem Siegeszuge durch die Völkerwelt aber nicht aufgehalten werden. Jesus Thristus hat uns die Rufgabe erteilt, seine heilsbot- schaft den fjeiben zu verkünden und uns dieser in Liebe zu erbarmen, d. h. sie aus geistiger und sittlicher Nacht zu befreien und ihnen Gelegenheit zu geben, der Wohltaten christlicher Gesittung teilhaftig zu werden. Die sichtbaren Ergebnisse der segensreichen Wirksamkeit der Missionare unter den Heiden, deren Wildheit in jahrzehntelanger ernster Arbeit gebändigt wird: das vergebliche Ringen derselben, aus ihrem Elende herauszukommen, Rufstände in den Kolonien und andere Tatsachen haben überzeugend dargetan, daß das Gerede, man solle die Wilden in ihrem sie befriedigenden Urzustände weiterleben lassen, ihnen anstatt ihres Götzendienstes nicht die Entsagung fordernde christliche Religion aufdrängen, nichts anderes als eine heillose Lüge, nur der verdeckte Wunsch ist, die armen Wilden über die Möglichkeit ihrer *) Dbglcich der „Sonntagsgrujj" seither sehr viele Artikel über die Mission und aus der Missionsarbeit gebracht hat, so scheint uns der Artikel, den wir hier zum Abdruck bringen, doch sehr geeignet zu sein, über die heidenmission im allgemeinen zu orientieren. Er beansprucht um so mehr Beachtung, als er nicht von einem Theologen oder Missionar, sondern von einem Missionssreunde aus der evangelischen Gemeinde Lasse! - der Ejerr Verfasser ist postsebretär - herstammt. v. Red. Rettung nicht aufzuklären und an ihnen stete Rbnehmer von Schnaps, willenlose Rrbeiter im Dienste beutegieriger Unternehmer zu erhalten. Die tüchtigsten Nenner der wahren Erfordernisse einer einsichtsvollen Nolonisation sind heute darüber einig, daß in den Kolonien Missionsarbeit zu treiben im Interesse des Mutterlandes wie, einer gesunden Entwickelung halber, der Kolonie selbst liegt. Denn das Dasein der heidnischen Eingeborenen ist ein Leben in Nacht und Grauen, das mit den Werken christlicher Liebestätigkeit zu ändern und zu bessern uns obliegt. Dazu drängt uns die Liebe Gottes in Ehristo Jesu und nicht etwa die Rrbeiterfrage in unseren Kolonien. Ich bitte den freundlichen Leser, mich auf einem kurzen Gang durch die Nacht des Heidentums zu begleiten. Den Heiden aller Länder ist gemeinsam ein starkes, ihr ganzes Verhalten beeinflussendes Gefühl der Furcht vor bösen Geistern, eine sie Tag und Nacht schwer drückende Rngst vor etwas ihnen feindlich Gesinntem in ihrer nahen wie weiteren Umgebung eigen. So erzählt der Missionar Tönjes aus dem Dvamboland in Westafrika, daß die sklavische Furcht der Heiden sie zum Götzendienste führe, der nur bezweckt, diesem oder jenem bösen Geiste zu wehren, ihnen Schaden zuzufügen. Indem sie hölzerne oder steinerne Bilbcr der in ihrer Einbildung lebenden Geister, die sie in der denkbar feigsten Weise fürchten, anfertigen, suchen sie namentlich solche zu versöhnen, welche Krieg und Frieden, gute und schlechte Ernten, Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod herbeiführen können. In jedem Dorfe machen schlaue burschen aus diesem Rberglauben ein Geschäft, indem sie sich als im Besitz von Zauberkraft befindlich ausgeben und die daher bei jedem Rnlaß von dem unwissenden Volke um Kat und Hilfe gebeten werden, die nur gegen gehörige Bezahlung erfolgen. So werden die Rrmen ihr Leben lang von Betrügern gezehntet, ohne Hilfe zu finden. Erkrankt jemand, stirbt eine Person in einer Familie, geht ein Ochse, ein Pferd ein, schlägt der Blitz irgendwo zündend ein, so wird der Zauberer gerufen, der bald den Schuldigen nach vorgaukelung eines in der Hütte, im Garten oder unter der Erde sich vollziehenden Beschwörungsschwindels ermittelt, d. h. nach Gutdünken irgendeine unschuldige Person im Dorfe herausgreift und deren Namen den Verwandten des Betreffenden oder den Geschädigten mitteilt. Diese begeben sich darauf mit einem Geschenke, das meist in einem Ochsen besteht, zum Stammeshäuptling, der unumschränkte Gewalt über die in seinem Herrschaftsgebiete lebenden Menschen hat und nun die Erlaubnis zur Ergreifung des Uebeltäters gibt. Trotz seiner Beteuerungen, nicht die Zauberkraft krank zu machen oder zu töten, zu besitzen, wird der Rrme sofort totgeschlagen, niedergeschossen oder mit Sperren niedergestoßen. So fallen alljährlich Tausende als Opfer unerhörten Betruges und krassesten Rberglaubens im dunklen Heidentum. In seiner Selbstbeschreibung berichtet der auf einer der Neuhebriden-Inseln in der Südsee, welche damals von Menschenfressern bewohnt waren, tätig gewesene Missionar pa- ton, daß bald nach seiner Rnkunft auf der Insel Tanna in der Nähe seiner Wohnung ein furchtbares, lange anhaltendes Geschrei aus dem Dorfe schallte. Ruf seine Frage nach der Ursache des Lärmes hieß es, einer der im Kampfe verwundeten sei eben gestorben, und nun habe man seine Witwe unter Zeremonien erdrosselt, damit sie ihrem Mann in einer anderen Welt dienen könne. Keine Woche verging ohne Kampf der einander feindlichen Stämme, und stets wurden nach beendetem Streit Siegesmahle gehalten und die Toten an Ort und Stelle aufgefressen. Die Gier der Wilden nach — 189 Menschenfleisch war zeitweise so groh, daß, wenn Gefangene oder Tote zum Opfer für die Götter nicht mehr vorhanden waren, sie kurz vorher verstorbene ausgruben und verzehrten, paton hörte einst einen Häuptling sagen: „wenn hier so viele Kinder getötet werden, weshalb schickt ihr mir nicht auch eins? Sie sind besser und zarter als junge Hühner!" Kam große Dürre ins Land, die den Bananen- und Kokospflanzungen schadete, so war paton mit Frau und seinem Anhang schuld daran, wie die von den Zauberern aufgehetzten Insulaner erklärten. Blieb der Regen aus oder brachte ein längere Zeit währender Regen Fieber und andere Krankheiten, so war er hiervon wieder die Ursache, wochenlang über die Insel ziehende heftige Winde steigerten die Rngst und in der Folge die Wut der Heiden maßlos, so. daß sie paton oft mit Tod und Gebratenwerden drohten, „wir brauchen deinen Jehova nicht, geh fort, oder wir essen dich!" riesen sie ihm zu. Rls in jener Zeit der Pastor Gordon mit seiner Frau unter den hexten der Insulaner von Lromanga gefallen war, verließ auch paton nach dem Tode seiner Frau und seines Kindes den Grt seiner Tätigkeit, weil die meisten Bewohner der Insel Tanna ihn zu töten sich erhoben hatten und er ein furchtbares Blutbad unter den bereits Bekehrten vermeiden wollte. Dank der später wieder aufgenommenen Mis- sionstätigkeit erhebt sich heute auf der Insel eine Kirche, und die ehemaligen Menschenfresser sind die Glieder einer gläubigen Thristengemeinde. Ruch hier wurden alle Wesen und Dinge der Natur abgöttisch verehrt, Bäume und Haine, Steine und Felsen, Fische, Insekten, Menschen, (Duellen, Flüsse, Nägel und haare verstorbener und dergleichen. Die armen wilden können ohne irgendeine Rrt Gottheit nicht leben, den wahren Gott nicht kennend, suchen sie ihn im Finstern tappend. (Fortsetzung folgt.) Sin pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) Beide Frauen waren groß von Gestalt, die junge war blond, die alte grau von haar. Beide waren schweigsam und redeten nicht viel, wenn ich in der Pfalz so ganz unvermutet in ein Haus gekommen wäre, so hätten die Leute gewiß mit Fragen nicht nachgelassen, bis sie meinen Ramen, meine Herkunft und meine Familienverhältnisse herausge- bracht hätten. Der Pfälzer fragt in solchen Fällen, wie inan sagt, „hinten herum". Da sagt er wohl: „Ich kenne Sie, aber ich weiß nicht, wo ich Sie hintun soll." Oder er fragt: „Kommen Sie heute schon weit?" hat man dem Neugierigen dann Rntwort gegeben, so forscht er nach, woher man komme. Beliebt ist auch die Frage: „haben Sie Geschäfte hier im (Drt?" Jedenfalls, der echte Pfälzer und die echte pfälzerin, sie ruhen nicht, bis sie den ganzen Steckbrief des Fremden beisammen haben. Die beiden Frauen auf dem Hofe in der deutschen Nordmark fragten nicht viel, aber sie waren freundlich um mich besorgt. Der verband, den mir der Kleister am Rand der wiese gemacht hatte, saß nicht fest. Da holte die alte Frau Lcinenzeug herbei und schnitt mit der Schere Streifen. Diese Streifen bestrich sie mit einer Salbe und umwickelte mir den Fuß. Ruf einem Ledersofa mußte ich niedersitzen, die junge Frau brachte Kaffee und Butterbrot und forderte mich auf, zuzulangen. Rls ich so bequem auf dem Sofa saß und es mir schmecken ließ, ging die Tür auf, und zwei Kinder traten ein. T; waren ein Knabe von ungefähr 9 und ein Mädchen von ungefähr 7 Jahren, beide waren groß gewachsen und, wie er in der dortigen Gegend keine Seltenheit ist, ganz flachsblond. Die Mutter sagte ihnen: „Dieser junge Mann ist ein Musiker, der wegen eines schlimmen Fußes nicht weiter gehen konnte, wir wollen ihn so lange beherbergen, bis er wieder gehen kann." Die Kinder gaben mir freundlich die Hand, aber auch sie sprachen nicht viel. Ts schien mir überhaupt, als ob es über der ganzen Familie wie heiliger Ernst und stille Trauer läge. von dem Platze, an dem ich saß, sah ich durch die Spiegelscheiben hinaus auf Gärten und Felder. Der Garten war in der schönsten Ordnung, Blumen allerlei Rrt blühten in ihm, in der Mitte stand auf einem niedrigen Postamente eine Glaskugel. Ruf den Feldern lag das geschnittene Getreide. weit hinaus sah ich wiesen, auf denen Rindvieh weidete. Seitwärts auf einem besonders eingezäunten Platze sprangen einige Füllen munter herum. Ruch nach dem Hofe konnte ich sehen. Dort waren zwei Leute — augenscheinlich Knechte damit beschäftigt, eingefahrenes Getreide in die Scheuer zu bringen. Da dachte ich daran, wie ich vor kurzer Zeit selbst noch ein Knecht gewesen war, und es überkam mich so etwas wie Sehnsucht nach dem früheren Berufe. Zum Mittagessen kamen die beiden Knechte in das Wohnzimmer, und alle setzten sich an den Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand. Die gastfreundlichen Leute luden mich ein, an ihrem Mahle teilzunehmen. Mir fiel auf, daß der Hausvater fehlte, ich sagte deshalb zu den Kindern: „Euer Vater ist gewiß verreist?" „wir haben keinen Vater mehr", gab mir der Knabe zur Rntwort, und ich sah, wie alle, die am Tische saßen, über meine Frage traurig geworden waren. „Mein Mann ist vor fünf Jahren aus dem Kriege gegen Frankreich nicht mehr nach Hause gekommen", fügte die Frau den Worten ihres Sohnes hinzu. Ick erzählte, daß meine eigene Familie von einem gleichen Schicksale betroffen worden sei, daß mein Bruder Georg in der Schlacht bei Sedan den Tod gefunden habe. Dann richtete ich an die Frau die Frage: „In welcher Schlacht ist denn ihr Mann gefallen?" „Er ist nicht vor dem Feinde gefallen. Rch! uns drückt so sehr der Kummer, daß wir von seinem Tode nichts wissen und daß wir nicht einmal wissen, wo er hingekommen ist. wir haben von seiner Kompagnie nur die Nachricht erhalten, daß er auf dem Vormarsch in das Feindesland spurlos verschwunden ist, und in der Verlustliste steht er unter den vermißten." Die Frau wischte sich, als sie das sagte, die Tränen, dann reichte sie nach der wand, nahm eine Photographie, die, von einem schwarzen Rahmen umgeben, dort hing, herab und reichte sie mir mit den Worten: „Das ist das Bild meines Mannes, er hat sich in Flensburg vor dem Rusmarsche noch photographieren lassen." Ich sah mir die Photographie an. Sie stellte einen hochgewachsenen Mann in der Uniform eines preußischen Infanteristen dar. Der Soldat war feldmarschmäßig ausgerüstet. Das Gewehr, das er in der Hand hielt, ruhte mit dem Kolben auf der Erde, das aufgepflanzte Bajonett ragte hoch empor. Ueber der Brust trug der Mann den gerollten Mantel, am Koppel hingen die Patrontaschen. 190 Aufmerksam betrachtete ich das Bild, das ich in meinen Händen hielt. Mit einem Male durchzuckte es mich wie ein elektrischer Ltrom: das ist ja der Niels Iwer Hansen, der vor fünf Jahren auf dem Durchmärsche nach Frankreich in Ruppertsecken gestorben ist. Deutlich sah ich wieder den Mann, wie er an dem regnerischen Lommermorgen von meinem Vater, von meinem Bruder Fritz, von Nachbar Reiper und dessen Lohn Gottfried aus unserer Lcheuer hinauf in das Zimmer des oberen Ltockes gebracht wurde, deutlich auch sah ich ihn, wie er krank im Bette lag. Mein Herz Klopfte vor Aufregung, und ohne zu überlegen, sagte ich: ,,vas ist ja der Loldat, der in Ruppertsecken, wo ich herstamme, gestorben ist." Der Teller, den die junge Frau gerade mit Luppe füllen wollte, glitt aus ihrer kjand und zerbrach auf dem Ltuben- boden in viele Lcherben, totenblaß und zitternd lehnte sich di« alte Frau in ihren Lessel zurück, die Rinder weinten, und die beiden Rnechte sahen betroffen vor sich hin. Als die Familie sich von dem ersten Lchreck erholt hatte, mußte ich erzählen. Ich brauche nicht zu sagen, daß die Luppe Kalt wurde und daß niemand essen wollte. Ich erzählte, wie wir damals in Ruppertsecken die Einquartierung bekommen hatten, wie in der Nacht der Alarm kam und die Truppen in aller Eile ausrückten, wie wir den Rranken in unserer Lcheuer gesunden hatten, wie ihn mein Vater und Nachbar Gerhäuser bis zu seinem seligen Ende gepflegt hatten und wie er unter allgemeiner Teilnahme der Gemeinde auf dem Friedhöfe meines Heimatortes zur Ruhe bestattet worden war. Als ich erwähnte, daß er viel von seinen Rindern Jens Jürgen und Thora gesprochen hatte, da nickte die Mutter der Rinder unter Tränen. Alle im Zimmer weinten. Mir taten besonders die beiden Rinder leid, die den Vater in so zartem Alter verloren hatten. Es war eine allgemeine Aufregung unter den sonst so stillen Menschen. Mir waren bei diesem Begebnis viele Erinnerungen an die Zeit vor fünf Jahren aufgetaucht. Ich dachte daran, daß mein Vater später oft erzählt hatte, wie es in der Heimat des verstorbenen, fremden Loldaten nach dessen Mitteilungen aursähe. Es war alles so, wie er es geschildert hatte: das einstöckige, mit Ltroh gedeckte Haus, die Glaskugel im Garten, auch das Ltorchnest hatte ich beim Eintreten gesehen. Und in dem Hause: die alte Mutter, die junge §rau und die beiden Rinder. Auch das Meer, von dem der Lterbendc noch in seinem Todeskampfe gesprochen hatte, war nicht weit, am frühen Morgen hatte ich es durch eine Lichtung des Buchenwaldes aufleuchten sehen. Das war ein sonderbares Zusammentreffen, Wie hätte ich denken können, daß die engen, in hadersleben gekauften Lchuhe die Ursache sein sollten, daß eine trauernde Familie au; quälender Ungewißheit erlöst werden sollte. 5o jung ich damals war und so wenig ich von dem Leben in der großen Welt Renntnis hatte, so kam es mir doch sehr merkwürdig vor, daß diese Familie niemals etwas von dem verbleib ihres noch auf deutscher Erde verstorbenen Angehörigen erfahren haben sollte. Ich sagte deshalb, daß bald nach der Schlacht bei Ledan die amtliche Nachricht von dem Tode meine; Bruders Georg an uns gelangt sei, und fragte, ob das Regiment oder die Rompagnie denn niemals Auskunft über Leben oder Sterben gegeben habe. Die alte Mutter gab mir Bescheid, von der Rompagnie sei nach der Schlacht bei Gravelotte von dem Gehöfte Anoux la Grange die Nachricht eingetroffen, daß Niels Iwer Hansen sich unter den vermißten befinde. Daraufhin habe sich ein Bruder des vermißten mit der Bitte um genauere Angabe an die Rompagnie gewandt. Nach einigen Wochen war ihm der Bescheid geworden, daß leider über den verbleib seines Bruders nichts genaueres in Erfahrung zu bringen fei. Der Hauptmann, der Feldwebel und der Rorporalschaftsführer waren alle bei Gravelotte gefallen und konnten keine Auskunft mehr geben. Da waren Jammer und Trauer in das einsame Haus eingekehrt. Früher hatte in ihm ein arbeitsames, reges Leben geherrscht. Die beiden Rinder waren die Freude ihrer Eltern. Die Großmutter, die nun gesprächig geworden war, berichtete mir, wie der Vater die Rinder abends auf seinen Rnien habe reiten lassen, wie er ihnen allerhand erzählt habe, so daß der kleine Jens Jürgen begeistert zu- gehürt habe, während die erst zweijährige Thora mit kindlich naiven Fragen dazwischen geredet habe. Beim letzten Weihnachtsabend, den der Vater erlebte, war die Familie noch so froh gewesen. Der Vater hatte das kleine Töchterchen auf dem Arme gehabt und ihm die Lichter des Ehristbaums gezeigt, dann hatte er, als die Rleine müde zu Bett gebracht worden war, dem Rnaben die Bilder seines Bilderbuches gezeigt und erklärt. Auch von dem herzzerreißenden Abschied des Familienvaters erzählte die Frau. Niels Iwer Hansen hatte gar nicht geglaubt, daß er noch zum Heere einberufen werde, da er noch in dänischer Zeit und im dänischen Heere aktiv gedient hatte. Da kam abends um zehn Uhr, als er schon im Bette lag, der Gestellungsbefehl, und schon am nächsten Tage um zehn Uhr hatte er sich in Flensburg stellen müssen. Während die junge Frau unablässig weinte, hatten die beiden Ehegatten in der Nacht alles, so gut es in der Eile ging, geordnet und besprochen. Dem Rnechte, der leichtsinnig und dem Trünke ergeben war, war Gewissenhaftigkeit eingeschärft worden, dann war der Mann im Morgengrauen von seinem Hofe weg- gcgangen. Die beiden Rinder hatten noch im festen Lchlafe gelegen, da hatte der Vater sich über sie gebeugt, sie geküßt und hatte wortlosen Abschied von seiner Gattin genommen. Die alte Frau erzählte mir weiter, daß die Familie unmittelbar nach dem Feldzuge die Nachforschungen nach dem vermißten fortgesetzt habe. Sic hatte der „Gartenlaube" den Fall mitgeteilt, und diese hatte in ihrer langen Liste der vermißten auch Niels Iwer Hansen erwähnt. Einige Wochen darnach hatte ein Raufmann aus Neumünster geschrieben, er habe als Einjährig-Freiwilliger in derselben Rompagnie gestanden, habe den vermißten gut gekannt, meine aber, daß er schon vor der Lchlacht bei Gravelotte auf dem Vormarsche durch Lothringen nicht mehr bemerkt worden sei. Nach einem verregneten Biwak bei Forbach habe es eine Anzahl Rranker, die man nach Laarbrllcken gebracht habe, gegeben, vermutlich sei der Mann darunter gewesen. Nun schrieb man nach Laarbrllcken. Die Listen der dort in den Lazaretten gepflegten verwundeten und Rranken wurden durchgesehen, der Name des vermißten fand sich nicht darunter. Es blieb schließlich bei der Feststellung, daß bei dem eiligen Vormarsch nach der Mosel und den vielfachen Abkommandierungen der Leute zur Begleitung der Transportwagen der Mann verschwunden war, ohne daß der Rorporalschaftsführer ihn als fehlend gemeldet hätte, vielleicht auch hatte er fein Fehlen entdeckt, hatte das gemeldet, aber zu Nachforschungen war keine Zeit geblieben, und die Vorgesetzten des vermißten lagen alle am Waldrand zwischen verneoille und Gravelotte begraben. Als die alte, bekümmerte Frau mir von dem schweren Lchicksale erzählte, das sie und die Ihrigen betroffen hatte, fiel mir ein, daß mein Vater nach dem Abscheiden des fremden Loldaten dessen Geldbörse, Uhr und Notizbuch dem Bür- 191 germeifter Robenbedjer gebracht hatte, damit dieser die Lachen den Angehörigen des verstorbenen zustellen und die erforderliche Meldung an den Truppenteil machen solle. Sollte Rodenbecher, der, wie ich genugsam und noch zuletzt bei Ausstellung meines heimatscheines erfahren hatte, kein Held mit der Zeder war und der alles dem niemals ganz nüchternen Lchreiber Honeck überließ, hier wieder eine seiner gewöhnlichen Dummheiten gemacht oder die so wichtige Renachrichti- gung an das Regiment und die Rngehörigen ganz unterlassen haben? (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Die diesjährige (70.) Jahresversammlung des haupt- vereins der Gustav Adolf-Stiftung im Großherzogtum Hessen wird am Lonntag, den 21., und Montag, den 22 . Juni, in Wörrstadt in Rheinhessen stattfinden. Aus der soeben erschienenen Festordnung sei folgendes hervorgehoben: Sonntag nachmittag 3 Uhr: Festgottesdienst. Festprediger: Pfarrer Rack-Pilsen. Rachmiltags 5 Uhr: Geffentliche Festvsrsamm- lungen im „Ochsen" und in der „Traube", geleitet von Dekan Raper-Raunheim bezw. Pfarrer lvagner-Rensheim. Rn- sprachen von Pfarrer Winkelmann aus pettau in Steiermark, Pfarrer Rehwald-heppenheim u. a. Rlitwirkung von Rirchenchören und Militärmusik. Rbends 8 Uhr: Deffent- lichc Festversammlung in der Turnhalle, geleitet von dem Vorsitzenden des Hess. Hauptvereins, Pfarrer Dingeldep- Darmstadt. Rnsprache von Pfarrer Rack-Pilsen. Regrüßungen. Musikalische und theatralische Darbietungen. Montag vormittag 8V_> Uhr: Sitzung des Verwaltungsrats, d. h. des Vorstandes und der Rbgeordneten der Zweigvereine. Mittags 12' 2 Uhr: Festessen in der „Traube". (2.30 Mark.) Rein Weinzwang. Rachmittags 3 Uhr: Rusflug nach dem Reuborn. Dar 35. Rirchengesangvereinsfest des Evangelischen Rirchengesangvereins für Hessen soll in diesem Jahre am Sonntag, den 28. Juni, in Rutzbach gefeiert werden. Die Rirchengesangvereine von Friedberg, Gießen, Großen-Linden, Holzheim, Leihgestern, Sich, Rieder-Wöllstadt und Södel werden dabei Mitwirken. Das Fest beginnt morgens V 2 11 Uhr mit der unter Leitung von Rirchenmusikmeister Professor Mendelssohn stehenden Hauptprobe in der Stadtkirche. Um y 2 2 Uhr ist Festgottesdienst, in dem Herr Direktor I). Dr. Schoell aus Friedberg die Festpredigt halten wird. Um 1 A Uhr wird eine gesellige Vereinigung mit Rnsprachen und Gesängen den Tag beschließen, bei dem alle Freunde der evangelischen Rirchengesangvereinssache herzlich willkommen sind. - Die diesjährige Hauptversammlung des Vereins wird am 17. September in Darmstadt abgehalten werden. Worte zum Nachdenken. Mehr Glauben verleih mir, Mehr Licht und mehr Mut, Ulehr Trost der Vergebung, Zum Reten mehr Glut, Ulehr Schmerz um die Sünde, Mehr Scheu vor der Schuld, Mehr Stille im Herren, Im Leid mehr Geduld! R. Francke. Rlle, die mit dem Herrn Jesu wandeln, die haben es güt. Rch Seele, weiche nicht von ihm um ein irdisches Gut, um alle Ehre der Welt,' gib lieber dein Leben für ihn, als daß du von deinem Herrn weichest. W. hebich. Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 21. Juni, 2. nach Trinitatis. Gottesdienst. In der Stadtkirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer D. Schlosser. Zugleich Thristenlehre für die Reukonfirmierten aus der Matthäusgemeinde, vormittags 91/2 Uhr: Professor D. E ck. vormittags 11 Uhr: Militärgottesdienst. Pfarrer Schwabe. Rachmittags 2 Uhr: Rinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Montag, den 22. Juni, abends 8 Uhr: Versammlung des Frauenvereins der Markusgemeinde. Rächstkllnftigen Sonntag, den 28. Juni, wird im Hauptgottesdienst Reichte und heil. Rbendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam gehalten werden. Rnmeldungen dazu werden bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. In der Johannerkirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Rechtolsheimer. Zugleich Thristenlehre für die Reukonfirmierten aus der Lukasgemeinde, vormittags 91/2 Uhr: Pfarrer Rurfeld. Reichte und heil. Rbendmahl für Lukas- und Johannesgemeinde gemeinsam. Rnmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags 11 Uhr: Rinderkirche für die Johannesgemeind«. Pfarrer Rusfeld. Rbends 8 Uhr: Versammlung und Ribelbesprechung im Johannessaal. „Wartburg", evangelischer Jünglings- und Männer-Berein. (Viezstrahe 15, Kirchstratze 9.) Dienstag, abends 8 V 2 Uhr, Ribelstunde, Mittwoch, abends 8 Uhr, Turnstunde, Donnerstag, abends 8 Vs Uhr, Lese- und Spielabend, Samstag, abends 8 V 2 Uhr, Versammlung der älteren Rbteilung, Sonntag, abends 8 Uhr, Vortragsabend, Rirchstr. 9. Gäste stets willkommen l Bibelkränzchen für Schüler höherer Lehranstalten. Jüngere Rbteilung jeden Mittwoch von 6 —7 Uhr. Reltere Abteilung jeden Samstag von 6 —7 Uhr im Johannessaal. Bibelkränzchen für Mädchen aus der Iohannesgeineinde. Jeden Dienstag von 6 —7 Uhr im Johannessaal. T)as eehflinuUfi alle Hautunreinigkeiten und Hautausechlöge, wie Mitesser, Finnen, Blütchen. Hautiötc. 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