Nr. 23. Gießen, 1. Sonntag nach Trinitatis, 14. Juni 1914. 3. Jahrgang. Das A und O wahren Lhriftenwesens. I. Brief des Johannes 4, 16-21. Wir haben erkannt und geglaubet die Liebe, die (Bott ZN uns hat. (Bott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm. Darinnen ist die Liebe völlig bei uns. daß wir eine Freudigkeit haben am Tage des Gerichtes; denn gleichwie er ist, |o find auch wir in dieser well. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibet die Furcht aus; denn die Furcht hat Pein. Wer sich aber fürchtet, der ist nicht völlig in der Liebe. Lasset uns ihn lieben: denn er hat uns zuerst geliebet. So jemand spricht^ 3cf) liebe Gott und hasset seinen Bruder, der ist ein Lügner Venn wer seinen Bruder nicht liebet, den er siehet. wie kann er Gott lieben, den er nicht siehet? Und dies Gebot haben wir von ihm. daß wer Gott liebet, daß der auch seinen Bruder liebe. Mil dem heutigen Sonntag sind wir in die festlose, größere Hälfte des Kirchenjahres, die Trinitatiszeit, getreten. Sn der kleineren von Rdvent bis Pfingsten standen wir gleichsam noch in direkter Fühlung mit dem Heiland, von der ersten Ankündigung seiner Erscheinung auf Erden an bis zum letzten, schon aus höheren Regionen stammenden Segensgruß an die Gemeinde nach seiner Himmelfahrt. Ls war, als könnten wir jederzeit noch zu ihm selber fliehen, aus seinem Munde hören und von seinem Leben ablesen, wie wir uns verhalten müssen, wenn wir seine Freunde werden und sein wollen. Run, nachdem uns im Dreisaltigkeitsfest die ganze geheimnisvolle Majestät des dreieinigen Gottes vor Rügen gerückt war, in der das Göttliche in Jesus wieder zu seinem Lwigkeitsstand zurückgekehrt ist, könnte uns wohl bange werden und ein Gefühl wie bedrückender Einsamkeit beschleichen, weil wir den himmlischen und uns doch so menschlich nahe gewesenen Freund und Bruder gleichsam nur noch in heilig-undurchdringlicher Zurückgezogenheit wissen. Bis dahin war er uns alles, nun sollen wir ihm alles sein, vorher hatte er sich an uns in unerschütterlicher Treue bewährt, nun sollen wir uns an ihm bewähren, durch unser Sein und Wesen jene Treue ihm vergelten, sein Freund bleiben, va möchte uns wohl ein Zagen der Unsicherheit und Rngst befallen, ob und wie wir es auch richtig ausrichten werden, damit jenes kostbare Band innigster Seelengemeinschaft nicht mehr zerrissen werde das ganze irdische Leben lang. Und da hat die alte Kirche in der Wahl des heutigen Tpisteltertes wieder einmal jene schon öfters bewunderte Treffsicherheit mütterlich abgeklärten Rates erwiesen. Es kann schwerlich über der Pforte zum Eintritt in die lange Trinitatiszeit eine kostbarere Losung angehestet werden, als die heutige Stelle aus dem l. Brief des Johannes. Unsere sehnende Seele sucht eigentlich immerdar einen Boden, von dem sie gewiß sein könne, auf ihm Gott in seiner Gnade und Barmherzigkeit zu begegnen, auf dem sie gleichsam mit ihm gemeinsam leben könnte. Johannes kennt ihn, und zwar aus. innerstem persönlichem Erleben heraus: dieser Boden ist die Liebe. Und zwar die völlige Liebe, die keine Furcht mehr kennt. Und dazu eine Liebe, zu der es keines hohen, theologischen Schwunges bedarf, um überhaupt hinter ihr Wesen zu kommen, sondern jene aus der schlichtesten Praxis des Tages geborene und auf sie gestellte Liebe. Um zu wissen, ob wir in der rechten Gemeinschaft mit Gott und dem Heiland sind, gibt es vielleicht in der ganzen heiligen Schrift kein untrüglicheres und einfacheres Lrkennungsmittel, als jenes wundervolle Johanniswort: „wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht!" hier ist der Boden der Bewährung, hier ist der Boden bleibender Gemeinschaft! Griechische Reisen und 5ommersrischen. von Geh. Gberkonsistorialrat E>. w. petersen in varmstadt. (Fortsetzung.) Roch 8 Jahre mußte ich warten, ehe ich zu einer Reise in den Peloponnes kam. Sch war jedoch durch meinen Dienst so gebunden, daß ich gerade in der Zeit, wo man in klimatischer Beziehung am besten reisen kann, Rthen nicht verlassen konnte. Im Sommer, bei einer Temperatur zwischen 26 und 28" R. und an einzelnen heißeren Tagen bis zu 32 und 33° zu reisen, es sei denn auf dem Meer, hat nichts verlockendes. Erst als es sich für mich im Jahre 1891 entschied, daß ich im herbst Griechenland verlassen und in den Dienst der hessischen Landeskirche eintreten würde, trat der Reisegedanke mit einer Rrt zwingender Notwendigkeit an mich heran. Im Juli sah ich meine Frau und meine Rinder von dannen ziehen. Ts wäre doch gewagt gewesen, sie im herbst ohne Uebergang dem heimatlichen Rlima, den herbstnebeln am Rhein, mit denen wir in Mainz sehr schnell Bekanntschaft machen sollten, auszusetzen. Ich blieb allein zurück und bestellte mein Haus, d. h. ich verkaufte bis auf das Notwendigste alle un- — 178 jerc habe, Stück für Stück, und harrte dem Tag entgegen, der mich einer ungewissen Zukunft und der ersehnten Wiedervereinigung entgegenführen sollte. Im Rugust bot sich ganz unerwartet eine Reisegesellschaft für den Peloponnes, da durfte ich mich nicht lange besinnen. Km 20. Rugust war der Rufbruch. Herr Dr. Dörpfeld hatte mir einen gestickten oder vielmehr geknüpften griechischen Csuersack geliehen, dessen beide Hälften so bequem sich an die Flanken des Reittiers schmiegen. In aller Eile packte ich in denselben meine Sachen. Dann hatte ich alles Wertvolle noch zu verschließen, da das Haus ja von Wohnungsuchenden besehen werden konnte. Um Uhr stieg ich in den Wagen und fuhr nach dem Peloponnesbahnhof, sidsrodromos Pi- raos -Athinon Pelononnisu, in dessen Nähe angekommen mir auf einmal einfiel, daß ich mein eigengemachtes Wachstuchtäschchen mit dem Reisegeld nicht umgehängt hatte. Zum Glück hatte ich doch wenigstens IOO Drachmen in der Tasche. Meine Reisegefährten, ein Ruchhändler aus Leipzig, der früher einige Jahre in Rthen als Gehilfe tätig gewesen war, nebst Frau, ein Rrchitekt venscher und ein Freund von mir, expedierender Sekretär der deutschen Gesandtschaft, erwarteten mich schon mit Ungeduld. Die Mitteilung meines Mißgeschicks erregte homerisches Gelächter und gab zu vielen harmlosen Witzen Rnlaß, die ich umso leichter mit Gemütsruhe über mich ergehen lassen konnte, als die Herren so reichlich mit Geld versehen waren, daß man für mich aus- legen konnte. Der Herr Sekretär wurde zum Schatzmeister und Rechnungsführer ernannt. In bester Stimmung fuhren wir im schönen Morgenlicht um den Rigaleos herum, der die attische Ebene von der eleusinischen scheidet und über dessen Paßeinsattlung wie in alter Zeit die Fahrstraße geht, einst die heilige Straße, iorä ödds, auf der zur Zeit der eleusinischen Mysterien im herbst jeder Jahres viele Tausende von Festteilnehmern und Eingeweihten von Rthen nach Eleusis zogen, um dort durch Grauen, Dunkel und Trauer zu Licht, Lieblichkeit und Freude, vom Tode zum Leben hindurchzudringen. Die Eisenbahn folgt dieser heiligen Straße nicht, sondern schneidet sie und erreicht in langsamer Steigung das Gstende des Regaleos, wo die Paßmulde zwischen ihm und dem parnas sich befindet. Dann senkt sich die Rahn zur eleusinischen Ebene, die sich um die eleusinische Rucht herumlegt, über deren stille Wasser man auf das jenseits gelagerte Salamis schaut, hier ist die noch heute fruchtbare Ebene, in der Demeter die Menschen den Getreidebau gelehrt haben soll, parallel mit der Rüste lausend durchmißt die Rahn die Uferebene, berührt den Grt Leosüia, das alte Eleusis, dessen Marmortrümmer, sowie eine griechische Rirche von dem langgestreckten Hügel grüßen. Diesen umfährt die Rahn und läuft zwischen den trotzigen hörnern (Rerata) von Eleusis, den letzten Rusläufern des Rithäron, die Rttika von Megaris trennen, immer am Meer entlang, über dessen Rläue man auf die Felsenhöhen von Salamis und auf die Meerenge sieht, in der einst die Perser eine so gründliche Niederlage erlitten. Die an Gel und Wein reiche megarische Ebene wird durchschnitten, die an zwei höhen angeschmiegte Stadt Megara berührt und dann quält sich die Rahn an den schroffen Uferfelsen entlang. Denn hier fallen die Rbhänge der Geranien (der Rranichberge), die Hellas vom Isthmus scheiden, steil zum Meere ab, die schlimmste Stelle heißt noch heute die Kaki skäla, die böse Stiege. Eisenbahn und Straße sind in den Felsen gesprengt, die Eisenbahn überschreitet auf zwei kühnen Drücken steile Runsen, die sich in die nur mit dürftigem Gestrüpp bewachsene Felswand eingerissen haben. Mehr als einmal blickt man aus der Rahn unmittelbar in die bewegte Tiefe. Oie Sage erzählt, daß hier hinter den Felsblücken der Räuber Lkiron lauerte, der die Reisenden durch einen Fußtritt ins Meer hinabschleuderte, bis Theseus auf seinem Wege nach Rthen ihm dasselbe Schicksal bereitete. Erst Hadrian hat hier mit großer Mühe eine Straße geschaffen, wo zwei Wagen sich begegnen konnten. Wie leicht war dieser Zugang von dem Peloponnes her zu schließen! Je mehr die Rahn dem Isthmus sich nähert, desto weiter wird der Blick auf den inneren Teil des saronischen Golfes, sieht man doch in die westliche Bucht von Salamis, das wegen seiner bretzelartigen Form Roulouri heißt, auf Regina mit seinem charakteristischen Iliasberg, die Halbinsel Methana, die kleinen, zahlreichen, über die Wasserfläche zerstreuten Inselchen und den schönen, abschließenden Hintergrund der argolischen Berge. Ruf dem Isthmus blickte man in den tiefen Graben des Ra- nals von einem Ende zum anderen. In Rorinth mußte man umsteigen in den Zug nach Uauplia, der sich bald in Bewegung setzte, gerade auf Rkrokorinth los, das wir rechts ließen, um in einem Flußtal über hexamili berganzusteigen. Rechts und links hatte man höhen, die mit niederem Wald bestanden waren, und die, je weiter wir fuhren, immer kahler wurden, bis wir bei hagios Dasilios eine Ebene erreichten, in welcher das alte Uemea lag mit seinem in einsamer Waldgegend gelegenen Zeustempel, von dem nur noch drei Säulen stehen, die Gegend ist reizlos. Don da an wurden die Berge höher und imposanter, 1000 Meter hoch zur Linken, 1300 Meter zur Rechten. Mit Mühe keuchte die Lokomotive ^ie Steigung hinan, dann aber verlegte sie sich auf ein fröhliches Tempo, denn die Bahn senkte sich, und „Mykenae!" rief der Schaffner, vergebens strengten wir uns an, auf den nächsten Bergen die Ruinen zu entdecken. Dann fuhren wir durch die Ebene des wasserlosen Inachos auf Rrgos zu, das von einem hohen Regel überragt ist, auf dem die alte Feste Larissa liegt und jetzt eine mittelalterliche Burg ragt, vor uns lag das blaue Meer, aus dem sich die Bergfeste von Uauplia, pelamidi, und der Fels erhoben, auf dem und an dessen Rbhängen die Stadt Uauplia gebaut ist. In Rrgos steigen wir wieder um: ein edler Rosselenker drang in unser Rbteil, stellte sich uns als Rutscher vor und bot uns einen Wagen für die Fahrt nach Epidaurus an. Wir wurden schnell handelseins und er zahlte das Rapari, das Dottesgeld von 10 Drachmen. Mittlerweile war es Mittag geworden, und die Sonne brannte heiß auf die Ebene. Unter Bäumen und unter den Brücken, die über die trockenen Wasserläufe führten, lagerten Schatten suchende Schafherden. Die Ebene ist fruchtbar und in ihrem östlichen Teil meistens mit Tabak bepflanzt. Station Tiryns! Ein niedriger Hügel trug die Reste der alten Burg, die die alten Gewalthaber wohlweislich dem Meere nicht zu nahe rückten, um nicht, 9 Rilometer von der Meerbucht von Uauplia, den Ueberfällen der Seeräuber aus- gesetzt zu sein. Jetzt lag Uauplia vor uns in seiner ganzen mälerischen Schönheit, die ihm seitens der Italiener den Namen Napoli di Romania eingetragen hat. Es erinnert teils an Palermo mit seinem Monte pelegrino und der goldenen, fruchtbaren Eoucha d'oro. Gegen 1 Uhr langten wir an und fuhren ins Hotel „Mykenae", wo uns sehr nette Zimmer angewiesen wurden. >/« Btunde später saßen wir schon im anstoßenden Speisehaus bei Uemeawein und schmackhaften Speisen. 179 — Um y 2 3 Uhr trug uns ein wagen nach Tirpns. Tirpns liegt auf einem flachen, sich höchstens 20 Meter über der -Ebene erhebenden Felsen, der in Gestalt einer Schuhsohle sich ungefähr ZOO Meter von Uorden nach Süden erstreckt, an der breitesten Stelle kaum 100 Meter breit. Dem Uande des Felsens folgt die alte Ringmauer, ein merkwürdiges Beispiel des ältesten Mauerbaus aus jener, erst in den letzten Jahrzehnten wieder in das Licht der Geschichte gerückten, interessanten Uulturepoche des 17.—13. Jahrhunderts vor 'Christi, die den Griechen der klassischen Periode in dem Dämonenwerk ihrer Bauten bewundernswert erschien. Buch die Mauern von Tirpns galten als Rpklopenarbeit. Roh zugehauene, unregelmäßig geformte Steinblöcke von 2 bis 3 Meter Länge sind hier aufgehäust zu einer Dicke von 8 Metern und einer höhe von wahrscheinlich 20 Metern. Und dabei haben diese ungeheuren Blöcke ohne Rusnahme über eine Meile weit hergeholt werden müssen! Diese Mauern waren von inneren Gängen durchzogen, z. T. von 5 Fuß Breite und 12 Fuß höhe, und wurden durch je 4 Steine gebildet, von denen zwei die Seiten, zwei die Ueberdachung bildeten. In Zwischenräumen finden sich ausgehauene Fensteröffnungen. Sn diesen, z. T. in einer Länge von etwa 30 Metern erhaltenen Gängen mögen Proviant und Rriegsvorräte aufbewahrt worden sein. Tin Fahrweg führt von der Ebene durch das Haupttor in einen beiderseits von starken Mauern eingeschlossenen Torweg, dann erst betrat man durch ein stattliches Propplaion den äußeren, geräumigen Hof des Palastes, aus dem ein zweites Propplaion zu dem inneren Hof des Palastes führte. Man stand vor dem Megaron (Saale) der Männer, dessen wände mit Rlabaster, in den blauer Glasfluß eingelegt war, verkleidet waren. Bescheiden war das durch einen weiteren Hof vom Männersaale aus zugängliche Frauengemach. Interessant war in einem Seitenraum des Megarons das Badezimmer, dessen Boden aus einer einzigen großen Rulksteinplatte von etwa 5 Metern ins Geviert bestand. Mit was für lebendigen oder Maschinenkräften mußten diese Steinmassen hierher geschafft werden! Befriedigt stiegen wir den Burghügel, von welchem man die wundervollste Russicht auf die Ebene des Inachos mit den sie umgebenden stolzen Bergen, auf die Larissa von Rrgos, auf Uauplia und das Meer hat, hinab und kehrten nach Uauplia zurück, um den palamidi zu ersteigen. (Fortsetzung folgt.) vallast. wir tragen alle so viel mit uns herum, was uns beschwert,- wir seufzen unter der Bürde, obwohl wir wissen, daß sie nicht leichter davon wird, im Gegenteil, sie wird meist noch fühlbar schwerer dadurch, und doch tun wir nichts, uns davon zu befreien. Ich rede hier nicht von dem, was Gottes Daterliebe uns zu tragen auferlegt oder doch zuläßt, das will ich hier gar nicht berühren- denn das ist etwas, was ganz außerhalb unseres Machtbereiches steht, wir selbst können uns davon nicht befreien. Das ist auch etwas, was zu unserer inneren Entwicklung, zum Ruswachsen des in jeden Menschen hineingepflanzten göttlichen Wesens zum Rusreifen desselben notwendig ist. wie sehr nötig das ist, das werden wir alle erst einmal viel später erkennen, wenn wir gelernt haben werden, die Wahrheit vom Schein zu unterscheiden, in einer Sphäre, die mit denz irdischen Empfinden nichts mehr zu tun haben wird. Das, was wir lastend und bedrückend mit uns herumtragen, ist etwas ganz anderes - es sind Lasten, die wir uns selbst aufbürden oder uns von andern aufbllrden lassen. Cs sind meistens die kleinen Vorkommnisse des täglichen Lebens, die wir nicht ausschalten können, denen wir aber oft so viel Macht über uns einräumen, daß wir für andere Dinge weder Zeit noch Verständnis übrig behalten. Dies ist der Ballast des Lebens, der uns an der Erde festhält, während wir viel froher, freier und glücklicher sein könnten, wollten wir uns davon befreien. Gerade wie das Luftschiff, wenn es in immer höhere Regionen aufsteigen will, sich von seinem überflüssigen Ballast befreit, so sollten auch wir es machen, wir sollten versuchen, all die kleinen Rergerlichkeiten und Enttäuschungen im täglichen Leben nicht so schwer zu nehmen, ja, manche gar nicht auf uns einwirken zu lassen. Und was gar nicht fortzuschaffen ist, das sollten wir uns bemühen, fröhlich auf uns zu nehmen, da trägt es sich auch leichter. Die Rot lehrt uns mancherlei. So ist es mir stets unendlich eindrucksvoll zu lesen, wenn Luftschiffer über dem weiten Meer in größter Lebensgefahr sich damit zu retten suchen, daß sie alles irgendwie Entbehrliche auswerfen, um den Ballon wieder zumtSteigen zu bringen. In solchen Rugen- blicken, wie oft mögen es auch Stunden sein, sieht wohl ein für sein Leben Ringender mit großer Rlarheit, wie schwer er an dem Ballast des Lebens getragen hat. Me geringwertig mag ihm so vieles erscheinen, was ihm bislang so wichtig, so unentbehrlich dünkte! Mr wollen uns dies eine Mahnung sein lassen, unser Herz und unsere Sinne nicht mit so vielem zu beschweren, was keinen Ewigkeitswert hat und dereinst angesichts der Ewigkeit doch in sich selbst zusammensinken wird. Darum fort mit allem, was uns hindert, unsere Seelen dem Unvergänglichen entgegenzuführen, das unfern Blick trübt und uns nicht zu dem inneren Rufschwung gelangen läßt, den wir brauchen, um Gott näher zu kommen. Baronin R. Line oberhessische Landstadt in der napoleonischenZeit. von pfarrassistent Hugo hepmann in Mainz. Das Jahr 1806 bedeutet für Gesamtdeutschland und für unsere engere Heimat eine Zeit wichtiger Entscheidung. In zehnjährigem Siegeslauf hatte der korsische Riese das westliche Europa bezwungen und warf sich nun mit aller Macht auf die gehaßten Deutschen. Tr holte aus zum vernichtenden Schlag gegen den Militärstaat Friedrichs des Großen. Zusammengebrochen war vor seiner Wucht das alte, „heilige römische Reich deutscher Ration". Die Trümmer konnten nichts besseres tun, als an das große Weltreich sich anschließen, wollten sie nicht zwischen zwei Mühlsteinen elendiglich zermalmt werden. So entstand der Rheinbund, zu dem auch die Landgrasschaft Hessen-Darmstadt gehörte. Der Lohn dafür war die Erhebung zum Großherzogtum. Der Schaden ein bedenkliches Sinken alles dessen, was vaterländisch und deutsch hieß, man lag winselnd zu den Füßen der vergötterten „grande nation" und ihres gewaltigen Rriegskaisers. 1. Die Jahre 1 806 und 1 807. wie sah es damals in Grünberg aus? Grünberg war ein Landstädtchen, wie sie damals alle waren, eng, winkelig und recht dreckig. Ruf dem Rrool lag das nutzbringende Erzeugnis der Landwirtschaft, auf gut deutsch Mist genannt, so dicht aufeinander, daß das Wasser des Rrooler Brunnens alljährlich bedenkliche Tjualitäten besaß. Grünberg hatte 180 etwa 240 steuerpflichtige Bürger, die im großen und ganzen dieselben Berufszweige hatten wie ihre heutigen Urenkel. Nur die Zahl der weitbekannten „Grimmercher" Schuster war Legion. Nn der Spitze der ehrsamen Bürgerschaft stand damals der Oberbürgermeister Johannes Heß in der Neustadt und der Unterbürgermeister (Beigeordnete) Eberhard Zöckler am Ularkt. Diesen beiden wurde die Bürde des Nmtes erleichtert durch die Natsverwandten und Vierer. Da das damalige Stadtoberhaupt mit der Feder nicht allzu gewandt war, so war seine rechte Hand der Natsdiener Christian Gravelius, dessen Handschrift heute noch einem Lehrer des Schönschreibens Ehre machen könnte. Grünberg lag damals weniger abseits wie Heutes es lag an einer der Heerstraßen, die die Nhein- und Mainlinie mit Nüttel- und weiterhin mit Norddeutschland verbinden. So kam es, daß die großen Weltereignisse dem Städtchen ihren schmerzlichen Stachel ausdrückten. Ueber 30 Söhne der Stadt dienten schon lange unter Frankreichs Fahnen; einer namens Nikolaus Fuldat schon seit sieben Jahren, und er klagt, daß seine Gesundheit ruiniert sei. Ein anderer Bürgerssohn hat sich in dem französischen Departement la Haute-Saöne ansässig gemacht, schreibt nunmehr an den heimatlichen Nat in französischer Sprache und ändert seinen einst gut deutschen Namen Heinrich Ihm in Henry Ihm. Die Französierung des Hessenlandes macht erhebliche Fortschritte. Ulan redet zuzeiten nur von her Provinz Hessen! lvenn man von den eigentlichen Neichsfeinden redet, dann sagt man die Kaiserlichen, sogar die kaiserlichen Pferde, d. h. die Pferde französischer Krieger, die das Volk bis auf's Blut aussaugen. Cs bestand die Gefahr, daß das deutsche Wesen unterging vor lauter Franzosentümelei und fränkischer Nnmaßung. Nber dieses Schwinden deutschen Sinnes, das uns Nückschauenden als der größte Schaden erscheint, hat unsere Vorfahren nicht so sehr gedrückt als die gegenwärtige äußere Not, in der sie leben mußten. Darum gehe ich zu den einzelnen Ereignissen über. Seit herbst 1803 lagen in Grünberg ständig hessische Landdragoner, die späteren Chevaulegers. Im Januar und Februar müssen preußische Husaren verköstigt werden,' wie die nach Oberhessen gekommen sind, weiß ich nicht, genug, der Unterbürgermeister Zöckler muß mit ihnen nach Nlsfeld reisen. Es waren wohl versprengte. Im Nlärz beginnen dann die Vorbereitungen für die Entscheidung gegen Preußen. Napoleon, der große Stratege, wußte ganz genau, daß der Sieg noch einmal so leicht ist, wenn Mann und Noß satt sind. Darum legte er große Magazine an und sorgte für Futteroorräte. Jeder größere Platz war mit einem solchen Rückhalt versehen.' So auch Grünberg. Zunächst 'mußte Fourage nach Laubach geliefert werden. Der Taglöhner Johannes Port ist beständig unterwegs «ach Laubach, Um französische Intendanturbeamte dorthin zu bringen. Nber Laubach lag damals so gut wie heute in einer Ecke, und darum hielt man es für vorteilhafter, die Vorräte in Grünberg aufzustapeln. Das fing dann im Npril an, und um der Requisition den nötigen Nachdruck zu verleihen, blieb gleich eine Nnzahl Franzosen im Städtchen liegen. Im Rathaus wurde den einzelnen Bürgern ihr Nnteil an der Fourage- lieferung zugeteilt. Nbgewogen, gebunden und geladen wurden Heu und Stroh in der herrschaftlichen Scheuer, also wohl in dem Hause des Herrn Stammler, und in der Schirn. Das, was man jetzt die Schirn nennt, hatte einen markthallenartigen Vorbau, da, wo jetzt der englische Hof steht. Dort mußten die Grünberger Taglöhner die Vorräte zum verladen fertig machen, während der Ouartiermeister Golze, ein französischer Deutscher, säbelklirrend ab- und zuging,' denn die Nrbeit ließen die Franzosen gern den Deutschen zukommen. Tatsächlich lag fast die ganze Nrbeit auf dem Ratsdiener Gravelius. Cr beschwert sich, er habe vom 12. März bis 1. Oktober Tag und Nacht auf dem Rathaus und in der Schirn sein müssen, um Ordonnanz zu bestellen und Fourage auszuteilen. Dafür erhält er sage und schreibe 19 fl.!! Ja, so ein Ratsdiener heutigentages führt im vergleich zu seinem Kollegen vor 100 Jahren ein wahres Herrenleben! Da alles Heu und Stroh in der Stadt nicht reichte, so wurde in der ganzen Umgegend aufgekauft, aber nicht, wie man meinen sollte, von den Franzosen, nein, von der Stadt. Damit aber ging der Jammer erst recht los,' denn die Landleute meinten, ihr schlechtes Futter sei für die fremden Unterdrücker gut genug. Mit dieser Meinung hatten sie ja nicht ganz Unrecht, aber der Ouartiermeister war der gegenteiligen Nn- sicht, und die Stadt mußte herhalten. Da versuchte man, die Naturallieferungen durch Geld abzulösen, aber das verschlang große Summen, und der Erfolg war derselbe. In dieser Bedrängnis verfiel der Bürgermeister Heß auf ein anderes Mittel,' war er auch nicht sehr sedergewandt, so war er doch klug. Cr machte es so, wie es der Bauer in Wallensteins Lager seinem Buben rät, indem er sagt: „Nehmen sie uns das Unsre in Scheffeln, Müssen wir's wieder bekommen in Löffeln, Schlagen sie grob mit dem Schwerte drein, So sind wir pfiffig und treiben'? fein!" Cr steckt dem hochfahrenden Regimentsadjutanten ein „äou- ceur“ von 27 fl. bei,' und damit die anderen sich nicht beschweren, und um zugleich den Stadtrat im Rücken zu haben, läßt er beschließen, auch den Wachtmeistern pro reäu- cenda vexa, d. h. um die Plage zu vermindern, täglich zwei Brabanter Taler und den nötigen Trunk zu geben. Und in der Tat, das half. Die Rationen waren nicht mehr knapp Und nicht mehr schlecht. Nls im herbst ein neuer Bürgermeister ins Nmt kam, schlug dem das Gewissen, wie man diese Posten in der Jahresrechnung rubrizieren solle. Nber der Stadtrat beruhigte ihn mit dem Hinweis, diese Posten kämen nicht in die Rechnung. Die Regierung hätte sich sicherlich auch bedankt! Doch zurück zu dem Gang der Ereignisse! Nuf die Errichtung der Magazine, die Nufstapelung gewaltiger Vorräte, folgte der Vormarsch der Feldtruppen. Der geschah zwar ziemlich rasch, aber er war eine Zeit unaufhörlicher Bedrängnis für unsere Heimat. Der Nmtsdiener Sudheimer hatte alle Hände voll zu tun. Zunächst mußte er die Ouart^re besichtigen, in denen bei den einzelnen Bürgern Soldaten unter-, kommen konnten. Dann hatte er die Listen aufzustellen und die Ouartierbilletts auszugeben, oder, wie man sich damals ausdrückte, die „Bollets". Nlle Handwerker waren in Tätigkeit, selbst die Besenbinder; denn ein Heer braucht alles. Die Hälfte der Bürgerschaft war ständig unterwegs. Da waren zahllose Kriegsfahrten zu tun nach allen Richtungen der Windrose, besonders in der Richtung der Hauptstraßen, nach Marburg über Gießen und nach Nlsfeld. Nun war es mitten in der sommerlichen Erntezeit, wo beim Landmann die Nrbeit drängt,' aber darauf wurde keinerlei Rücksicht genommen. Der arme Bürgermeister mußte sich als Kondukteur eines Kanonentransportes von Friedberg nach Gießen betätigen. Und während die Bürger oft tagelang fort waren, ging natürlich zu Hause alles drunter und drüber. Die französischen Ordonnanzen übten sich im vertilgen des Gründer- 181 g«r Branntweins, alles aus dem städtischen „uerurio". Dazu kamen die ständigen, fast unerschwinglichen Kriegskojten. Zu ihrer Aufbringung war die Stadt in sechs Bezirke eingeteilt. Zunächst die Neustadt und die Höfe: sodann vier viertel der Altstadt, die wohl abgeteilt wurden durch Raabe- gasse, Kronengasse, Marktgasse und Neugasse. In diesen sechs Bezirken wurde monatlich Kontribution erhoben: im Mai waren es allein 3800 fl. Wenn man nun bedenkt, daß die Stadt noch vom siebenjährigen Kriege her und aus den neunziger Jahren bedeutende Kriegsschulden hatte, so kann man die Lage unserer Väter nicht mehr für beneidenswert halten. Ich habe ausgerechnet, daß die Stadt nach der na- poleonischen Zeit nicht weniger als 76 000 fl. Schulden hatte, oder etwa 130 000 Mark. Will man den heutigen Geldwert herausbekommen, so kann man ruhig mit 4 multiplizieren, wir kommen also auf eine Schuldenlast von über y 2 Million Mark. Gegen die schweren borgen und Nöte, die die Natsverwandten (Mitglieder des Gemeinderates) jener Tags durchzukämpfen hatten, sind die heutigen städtischen Angelegenheiten lauter Kinderspiele. Und die Steuern, die wir heute zu zahlen haben, sind trotz der 135 Prozent!! gegenüber jenen unerhörten Lasten geradezu als Kleinigkeiten zu bezeichnen. Darum kann ein Blick in die Vergangenheit uns zufriedener machen mit den eigenen Verhältnissen, womit ich aber nicht gesagt haben will, daß unsere Verhältnisse rosig und goldig wären. Jedenfalls bedeutet das Jahr 1806 in Grünbergs Geschichte ein sehr trauriges, leidvolles Kapitel. Der Bürgermeister Heß brach unter der Last dieser Schick- salsschläge zusammen und starb im August, kaum 56 Jahre alt. vorher noch hatte er bei der Großherzoglichen Kriegs- Kommission um Linderung der ungeheuren Kontributionen nachgesucht, aber vergebens. Lein Nachfolger wurde Kaspar Kreuder, der, aus seiner wuchtigen Handschrift zu schließen, aus derberem Holze geschnitzt war. (Fortsetzung folgt.) Lin pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) Nheinabwärts zogen wir bis nach Düsseldorf, von da an ging unser Weg hinüber nach Westfalen und Hannover. Ich sah im westfälischen Industriegebiet eine Menge von Schloten rauchen und sah abends die Feuer in den Hochöfen glühen. Alles war voll von Rauch und Kohlenruß. Wenn Samstags abends die Arbeiter in den großen Werken ihren Lohn bekommen hatten, so stellten wir uns an den Ausgangstoren auf, um zu spielen. Da fiel manches Zehnpfennigstück in meine Mütze, und wir machten ein gutes Geschäft. Als wir die Fabriken, Hochöfen und Kohlengruben hinter uns hatten, kamen wir an vielen einzeln liegenden Gehöften vorbei. Ernste, schweigsame Menschen, die für unsere Musik nicht viel übrig hatten, wohnten dort. Die Provinz Hannover durchzogen wir von Lüden nach Norden und sahen endlich die hohen Türme der Ltadt Hamburg vor uns aufragen. Wie staunte ich über das rege Leben, das ich im Hafen beobachtete, über die Masten der vielen Lchiffe und über die großen Ozeandampfer, die dort lagen. Leeleute von allen Nationen gingen dort an uns vorüber, und die Lchiffssignale machten einen ohrenzerreißenden Lärm. In einer Wirtschaft unmittelbar am Hafen kehrte der Meister mit uns ein. Es war eine dunkle Ltube, zu der man von der Ltraße mehrere Ltufen hinunterging, so recht eine Lchifferkneipe: denn Leebilder hingen an der Wand, und Matrosen in blauen Jacken und in weiten Hosen saßen neben uns an den Tischen. Als wir dort Brot und Wurst aßen, hörten wir plötzlich von der Ltraße her Musik. Es waren leichte, lockende Töne; sehr taktsicher wurde das Stück gespielt. Eine Minute lang horchten wir auf, dann sagte Wilhelm von Velden: „Das sind Pfälzer." Wir sprangen auf, der Meister bezahlte, und wir eilten hinaus. Richtig, an der nächsten Straßenecke stand ein Trupp Musikanten, die, wenn man aus ihren Instrumenten, ihrer Kleidung und ihren Musikvorträgen einen Schluß zog, unverkennbar Pfälzer waren. Sie trugen dunkelblaue Röcke mit roten Aufschlägen und schwarzen Kragen und hatten an den Schultern sogenannte „Schwalbennester", wie sie die Militärmusiker des deutschen Heeres tragen. „Gelt, Ihr seid aus der Pfalz?" fragte unser Meister. „Ja, aus Jettenbach, Kaulbach, Einöllen" und der Gegend dort herum", lautete die Antwort. Wir stellten uns als pfälzische Landsleute vor und ließen uns mit den Musikanten, die wir so unversehens getroffen hatten, in ein Gespräch ein. Wir vernahmen, daß unsere Kollegen itn Begriffe seien, nach Amerika und von da nach Australien zu gehen und daß ihr Schiff in zwei Stunden abfahre. „Na, dann wollen wir, ehe wir auf das Schiff gehen, mit euch noch ein gemütliches Stündchen zubringen", sagte der Meister der nach der neuen Welt abgehenden Bande. Wir gingen alle zusammen in das Gasthaus zurück, aus dem wir gekommen waren, und ging es in Rede und Gegenrede lebhaft in der pfälzischen Mundart zu. Wir erfuhren, daß unsere Musikantenkollegen weit gereiste Menschen seien. Sie waren in früheren Jahren schon in Norwegen und Schweden gewesen, einige hatten schon in Frankreich und England Müsik gemacht, ja einer war unter ihnen, ein alter Knasterbart, der hatte schon Aegypten bereist. Wohl war die Ueber- fahrt nach Amerika teuer, aber sie hofften, auf dem Schiffe Geld zu verdienen, indem sie den Passagieren aufspiellen. Alle gingen nach Amerika mit demselben Gleichmute, als ob sie eine Reise nach Zweibrücken oder Kaiserslautern vorhätten. Damals lernte ich kennen, daß dem pfälzischen Musikanten die ganze Welt gehört. Als die Stunde gekommen war, da unsere Kollegen zu ihrem Schiffe gehen mußten, gingen wir mit ihnen. Wir stellten uns in Reih und Glied auf. Zuerst kamen die „Amerikaner", dann wir, musizierend zogen wir davon. Es war zum verwundern, wie unser Spiel mit dem der Leute aus der Westpfalz zusammenstimmte. Als ob wir zehn Jahre zusammen geübt hätten, so ging es ohne Fehler und ohne, daß einer aus dem Takte gekommen wäre. Wir spielten das alte pfälzische Auswandererlied „Jetzt ist die Zeit und Stunde da, wir reisen nach Amerika". Dann folgte „Nun ade, du mein lieb Heimatland, lieb Heimatland ade!", „Deutschland, Deutschland über alles", „Ich Hab mich ergeben mit Herz und mit Hand", und als unsere Kollegen schon an der Außenseite des Schiffes die enge Treppe Hinaufstiegen, spielten wir: „Nun zu guter letzt geben wir dir jetzt auf die Wandrung das Geleite". Signale, die unsere Musik übertönten, waren vom Schiffe aus zu hören, die Matrosen liefen auf dem verdecke hin und her, einige zu spät gekommene Passagiere stiegen die Treppe noch empor, da auf einmal bewegte sich der Schiffrkoloß und fuhr langsam von der Stelle weg, wo er 182 seither gelegen hatte. Dben auf dem verdecke schwenkten unsere Kollegen die Mützen, wir taten unten im Hafen das gleiche. Dben riefen sie: „Sagt einen schönen Gruß allen pfälzern, wenn ihr im herbste nach Hause kommt!" Mr riefen unten: „Bleibt gesund und kommt wieder gut heim!" Ueber unseren Kreuz- und (Huerfahrten war es allmählich Hochsommer geworden. Rber die Hitze drückte uns nicht; denn in Schleswig-Holstein, wo wir jetzt weilten, war es wegen der Nähe des Meeres lange nicht so heiß als bei uns zu Hause in derselben Zeit. Mitte Rugust — es war im Jahre 1875 — waren wir bis an die dänische Grenze gekommen und gingen nun langsam wieder nach Lüden, indem wir uns in der Nähe der (Ostsee hielten. Ganz anders ist dort die Landschaft als in meiner Heimat. Wohl lag auch dort das geschnittene Korn auf den Feldern, aber die Recker, Wiesen ünd Wälder haben einen ganz anderen Tharakter. Weithin zieht sich dort das Land, völlig flach und eben dehnt es sich aus bis dahin, wo am fernen Horizont Himmel und Erde sich einander berühren. Es fehlt der Wechsel von Berg und Eal, den man in Lüddeutschland gewöhnt ist; wie eine Tischplatte oder ein Kuchenbrett breitet sich das Land aus. Die Wiesen sind von Hecken umgeben, auf ihnen weiden den ganzen Tag die Kühe. Lie haben, damit sie nicht weglaufen, am halse schwere Holzklötze hängen, die ihnen bei raschen Bewegungen beständig zwischen.die Vorderbeine schlagen. (Obstbäume sind dort kaum zu sehen, aber die Buchenwälder sind herrlich. Mächtige Ltämme wachsen hier aus der Erde heraus, und weithin werfen die Bäume ihren Lchatten. Rber es ist feucht und kalt im Walde, es fehlt ihm dort der frische, würzige Duft, den unsere heimatlichen Wälder mit ihrem reichen Pflanzenwuchs und ihren vielen Blumen aushauchen. Was mich am meisten in Erstaunen gesetzt hat, das war die Rn- lage der Dörfer in Nordschleswig. Bei uns in der Pfalz schließt sich eine hofreite an die andere, auf diese Rrt hat man ein Dorf, auch wenn es 700 Einwohner zählt, rasch durchwandert, in Nordschleswig gibt es keine zusammenhängenden Dörfer, sondern die Gehöfte, die einen Gemeindebezirk bilden, liegen weit auseinander. Wir haben gerade auch in der Pfalz eine Menge von einzeln liegenden Höfen bei Ruppertsecken liegen der Fuchshof, der Merzauerhof, die Nuß- mühle, das Lastenhaus, der Gerbacherhof —, aber sie bilden doch die Rusnahme. Dort im Norden sind sie die Regel. Recker und Wiesen liegen unmittelbar bei dem Wohnhause, die Menschen atachsen dort in der Einsamkeit auf. Weit ist zumeist der Weg, den sie zurückzulegen haben, wenn sie in ihr Gotteshaus gehen, und die Kinder, die zur Lchule gehen, können unterwegs beim Spiel nicht so lang verweilen, wie wir das getan haben, als wir in Ruppertsecken mit Schiefer- tafel und Griffelbüchse Lchule wanderten. Weil dort die Gehös. so weit auseinander liegen und keine eigentlichen Dörfer bilden, so kamen wir auch wenig dazu, unsere Kunst auszuüben. Das war natürlich für unseren Erwerb unvorteilhaft, aber unvorteilhaft auch für unsere Füße; denn wir mußten den ganzen Tag marschieren, um wieder in belebtere Gegenden zu kommen. Ln hadersleben hatte ich mir ein paar neue Lchuhe gekauft, da die Sohlen der alten, die ich aus der Heimat mitgebracht hatte, „durch" waren and ich, wie die anderen Musikanten sagten, beinahe „auf dem deutschen Boden ging". Rber die neuen Lchuhe waren zu eng und drückten mich entsetzlich. Einen Dag lang war ich mitmarschiert, indem ich meinen Schmerz verbiß, aber gm Rbend humpelte ich in bedenklicher Weise. Rm nächsten Morgen ging.es in der ersten Viertelstunde leidlich gut, dann aber tat mir der rechte Fuß, dessen haut ich mir an der Ferse wundgerieben hatte, so weh, daß ich nicht mehr weiter konnte. Rm Rande einer Wiese machten wir halt, der Meister, der Verbandszeug bei sich hatte, verband kunstgerecht den Fuß, aber nun konnte ich den Schuh nicht mehr anziehen. Ratlos saß ich auf der Erde, was sollten wir nun machen? Meine Musikantenkollegen konnten doch mir zu lieb nicht mitten uuf dem Wege liegen bleiben. Es ist möglich, daß sie ganz gern sich den Tag über dort auf der Wiese zum Schlafen hingelegt hätten, wenigstens ließ sich der Jakob Straßer auf den Boden fallen und streckte sich, nachdem er einen langen Zug aus seiner Flasche getan hatte, lang auf dem Boden aus, aber der Meister bestimmte anders. Ueber einige Hecken hinweg sahen wir verschiedene Gebäude aufragen, augenscheinlich lag dort ein Hof. Es sollte, so meinte der Meister, angesragt werden, ob ich dort bis zum nächsten Tage bleiben könne, dann sollte ich nach Flensburg Nachkommen. Der Meister, der am gewandtesten von uns allen reden konnte, ging selbst nach dem Gehöfte. Nach kurzer Zeit kam er zurück und brachte zwei große Filzpantoffeln mit. Die hatten ihm die Leute auf dem Hose gegeben und zugleich gesagt, daß ich bei ihnen bleiben könne. Es wurde mir das Haus bezeichnet, wo ich die anderen am nächsten Tage ins Flensburg treffen sollte, auch gab mir der Meister Geld, damit ich von der nächsten Eisenbahnstation aus fahren konnte. Ich zog die Pantoffeln an und konnte — wenn auch arg hinkend — in ihnen nach dem Gehöfte gehen. Eine Frau von ungefähr 30 Jahren hieß mich an der Haustür mit wenigen Worten willkommen und lud mich ein, in das Wohnzimmer zu kommen. Dort saß eine alte Frau, die mit dem Rusbessern von Kleidungsstücken beschäftigt war. (Fortsetzung folgt.) Meine Mitteilungen. Bei der Konferenz der evangelischen Geistlichen der Provinz Gberhessen, die am 24. Juni zu Gießen stattfindet, wird Herr Pfarrer Schulte in Großen-Linden über das Thema „Der Pfarrer und der Friedhof in (Oberhessen" sprechen. Da dieser Gegenstand allgemeines Interesse beansprucht, so seien die Leitsätze hier wiedergegeben. Sie lauten: 1. Bis in das 18. Jahrhundert hinein wurden in Gber- hessen alle in Frieden mit der Kirche Gestorbenen, auch die Toten der kirchlosen Filialdörfer auf dem Platze bei der Kirche beigesetzt. Wenn trotzdem (Orte einen von der Kirche abgelegenen Begräbnisplatz hatten, war auf ihm wenigstens eine Kapelle errichtet. 2. Etwa von der Mitte des 18. Jahrhunderts an wurden Friedhöfe außerhalb des (Ortes und fern von der Kirche ohne ein kirchliches Gebäude errichtet, teils, weil die Kirchhöfe für die wachsende Seelenzahl nicht ausreichten, teils, weil die kirchlosen Filialdörfer den weiten Weg zur Mutterkirche scheuten, teils, weil bestimmte hygienische Gründe es zu fordern schienen. 3. So wurden die Begräbnisplätze an den meisten Grten Dberhessens Eigentum der politischen Gemeinde. Damit löste sich die Verbindung der Toten mit der Kirche. 4. Da die politischen Gemeinden nicht gezwungen wurden, den Gottesacker der Würde und Heiligkeit des (Ortes gemäß einzurichten, auch in den meisten Fällen es nicht verstanden, sq kamen jene vielen oberhessischen Landfriedhöfe zustande, die nichts anderes sind, als durch einen Langweg 183 und oft noch durch einen Kreuzweg aufgeteilte, durch eine Umfriedigung miteinander verbundene Rechtecke, die jeglicher Schönheit bar sind und in nichts zu den Menschen von dem Frieden sprechen, den wir um unsre Gräber wünschen. 5. Die Notwendigkeit, hier neue Wege einzuschlagen, werden von Negierung und Kirche, wie von vielen Gemeindegliedern empfunden. • 6. Bei den Neformbestrebungen ist an die alte Zeit wieder anzuknüpfen. Es mutz verlangt werden, datz womöglich überall eine kleine einfache Kapelle oder bei armen Gemeinden wenigstens ein Kreuz an der bedeutsamsten Stelle, am besten in der Mitte, errichtet werde. 7. Rite neu anzulegenden Friedhöfe sollten von Sachverständigen (Großh. Kreisbauamt) angelegt werden, in reichem Matze Baumschmuck, Bänke und Brunnen haben. Dabei sollte auch für das einzelne Grab ein größeres Mindestmaß in Länge und Breite gefordert werden. 8. Für die Verwaltung der Friedhöfe ist zu verlangen, daß in jedem Drte ein dreigliedriger Friedhofsvorstand eingesetzt werde, der allein hier verantwortlich ist, einen Voranschlag jährlich ausstellt, die Nrbeiten ausführen läßt und beaufsichtigt. ' 9. Die Leichenhallen sind um ihres Zweckes willen in eine Tcke, nicht an bedeutsame Stelle zu setzen, oder unauffällig mit der Kapelle zu verbinden. 10. Ts sind dem Geistlichen durch Gesetz Sitz und Stimme in dem Friedhofsvorstande Zu geben. I I. Ls ist auf jede Weise der Geschmacklosigkeit entgegenzutreten, daß jedes Grab ein gleich hohes Kreuz oder Denkmal, wie das andre erhalte, und daß der Friedhof, wie heute vielfach, wie eine Rufbewahrungsstätte in graden Reihen geordneter Steinhauerarbeiten ausschaut, die oft nur in den Namen sich voneinander unterscheiden. Rm vorigen Mittwoch, dem 10. Juni, wurden wiederum alter Bestimmung gemäß, morgens zwischen 5 und 6 Uhr die Zinsen der Totenwart-Stiftung in der Stadtkirche ausgeteilt. Bekanntlich geht diese Stiftung auf den Kanzler Wolfs Rntonius von Totenwart zurück, der sie zum Rndenken an seine am 10. Juni 1635 zu Gießen verstorbene Gattin errichtet hat. Während er zu Prag an Friedensoerhandlungen teilnahm, war die Frau gestorben. Die Zinsen der Stiftung werden alljährlich in der Todesstunde der Frau von Toten- wart verteilt. Rusführliches über diese interessante Stiftung aus alter Zeit haben wir im Jahrgang 1912 des „Sonntagsgrußes" mitgeteilt. Dort ist auch die Stiftungsurkunde wortgetreu abgedruckt. Diesmal hatten sich in der Stadtkirche 61 Bedürftige, 2 Männer und 59 Frauen, eingefunden, von denen jeder I Mk. 50 pfg. in Tmpfang nahm. Worte zum Nachdenken. Was er verheißt, dem Kann man sicher trauen, Die Tat stimmt mit den Worten überein. Man darf darauf mit ganzem Herzen bauen, Des Herrn Ja ist Ja, sein Nein ist Nein. Die W»lt ist fröhlich und guter Dinge, wenn sie Geld und Gut, Gewalt und Ehre hat,' aber ein elend, betrübt Herz begehret nichts anderes denn Frieden und Trost, daß es wissen möge, ob es einen gnädigen Gott hat. Und diese Freude, davon ein betrübt Herz Ruhe und Freude hat, ist sehr groß, daß aller Welt Freude dagegen nichts ist. Vr. M. Luther. Rn Jesu Hand, da geht es ohne Zagen, Rns Tagewerk, sei groß es oder klein, Er gibt die Kraft zum Wirken und zum Tragen, Und das Gelingen kommt von ihm allein; Ja, leichter wird die Last in jedem Stand Rn Jesu Hand. Wenn auch die Wellen brausen Mit Macht auf unserm Meer, Und wenn die Stürme sausen Rings um mein Schifflein her, Will ich doch nicht verzagen, Gott wird mein Helfer fein, Den Rnker will ich schlagen In Gottes Herz hinein. Der alte Gott, der einst seine Rügen über seinem Volk offen stehen ließ, Tag und Nacht, der schaut auch auf uns in Gnaden herab. Ihm befiehl du auch ferner alle deine Wege. T. Gerok. kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 1 4. Juni, 1. nach Trinitatis. Gottesdienst. In der Stadttirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Schwabe. Zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Markusgemeinde. vormittags 91/2 Uhr: pfarrassistent h 0 ffmann. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeind«. Pfarrer E>. Schlosser. Nachmittags 2 1 2 Uhr: Kirchengesangfest des evang. Dekanates Gießen. Pfarrer Eschenröder aus Worms. Zur Deckung der Kosten wird eine Kollekte erhoben. In der Johannerkirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Russeld. Zugleich Thristenlehre für die Neukonsirmierten aus der Johannesgemeinde. vormittags 97z Uhr: Pfarrer Bechtolsheims r. Vormittags I I Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Nächstkünftigen Sonntag findet die Feier der hl. Rbend- mahls für die Lukas- und Johannesgemeinde statt. Rnmcl- dung wird vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. welch. einezarte,welßeHaut n. blend.schön Teinterlang.u.erhalten will, wä9cht sich nur mit 'Äcthßnvferd die beste Lilienmilchseife von Bergmannn & Co., Rad^bcul. Stck.ßOPf. Ueberallerhältlich. .Juno/ Dam& 184 ^Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Für einen 14'/, jährigen Knaben Zchlosserlehrslelle gesucht. Angemessene Entschädigung wird bezahlt. Adresse: Sekretär Lenz, Speyer. Rudolf Richter Bietzen, Marktstratze 24 — 26 hüte und Mützen Reichhaltige Auswahl. Billigepreise :: Rabattmarken. Reparaturen :: Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. 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