Nr. 22. Gieszen, Trinitatis, 7. Juni 1914. 3. Jahrgang. Hoffnung. 1. Brief der Petrus 1, 13. Begürtet die Lenden eures Gemütes, seid nüchtern und fetzt eure Hoffnung ganz auf die Gnade. Sch sitze hier am Schreibtisch und überlege, welcher von den beiden Gedanken des für heute vorgesehenen Textes der Busgangspunkt meiner Betrachtung werden soll, die Hoffnung oder die Heiligkeit. Da Klingt von irgendwoher durch den linden Bbend des Frühlings aus jugendfrischen Kehlen das Lied von der Hoffnung, die den Menschen durchs Leben führt. Sch weiß zwar nicht, ob die fröhlichen Sänger sich ganz bewußt sind, was frohe und starke Hoffnung für ein Menschenleben bedeutet, Bber das tut nichts. Der Kontakt zwischen mir und dem Texte ist da. So schreibe ich von der Hoffnung. Hoffnungslosigkeit ist die schlimmste Krankheit der Menschheit. Sie zehrt am Marke eines Volkes, einer Gemeinschaft Und des Einzelnen schlimmer als irgend eine Seuche. Sie raubt uns den 5ltem und unser Schaffen wird gelähmt. Sie tötet, aber, was noch schlimmer ist, sie tötet langsam und die von ihr befallen sind, welken dahin und trocknen langsam aus, wie die Blume in heißen Sommertagen, in denen ihre Wurzeln vergebens im harten Boden nach Nahrung sich strecken. Völker und Einzelmenschen sterben dahin, willenlos und schwach, immer das Grab vor den Bugen. Hoffnungslosigkeit lähmt den Willen und vergällt die Freude. Sie macht alt und müde — oft vor der Zeit. Darum preisen wir die Menschen mit einer edlen und starken Hoffnung; denn sie ist immer ein Zeichen von Sugend und frischer Kraft. Buch der hoffende sieht die Härten und Schwierigkeiten, die Zeit und Leben einmal mit sich führen. Bber sie lähmen nicht seinen Brm und haltloses Sichtreibenlassen ist ihm fremd. Nöte und Schicksalsschläge sind ihm keine Hemmnisse. Er sieht Bufgaben in ihnen, die sein Gott ihm stellt, nicht daß er unterliege, sondern daß er sie überwinde, und seine Kräfte sich stählen. Menschen mit solcher Hoffnung werden stark, wo andere unterliegen. Sie pflücken Bosen, wo andere nur Dornen sahen und sich vor ihren Stichen fürchteten. So glichen sie der Frühlingssonne droben am Himmel. Sie läßt sich nicht schrecken durch die grauen Wolken und mit jedem Tage wächst ihre Kraft. Wenn Eis und Schnee sie einmal verdecken, so gibt sie den Kampf nicht auf. Sie arbeitet und vertraut auf den Sieg ihrer Sache. Damit ist schon angedeutet, daß Hoffnung kein Träumen ist. Die Lenden des hoffenden sind umgürtet und nüchtern hell und scharf schauen seine Bugen in die Welt. Seine Hände legt er nicht müßig in den Schoß; denn er weiß: Nur mit dem ist Gott, der etwas wagt und schafft für das große Ziel, das wirklich werden soll. Er prüft die Wege und seine Mittel wählt er mit offenem Blick für das Leben. Dann geht er an die Brbeit, rastlos und mit starker Sehnsucht. Er weiß, daß die Menschen ihn oft einen Schwärmer oder einen Ehrgeizigen nennen. Dann lacht er und ringt fröhlich weiter. Die Zukunft aber legt er in die Hand Gottes. Er vertraut auf seine Gnade. Solche Hoffnung mag oft schwere Proben zu bestehen haben; aber sie wird nicht zuschanden. Sie hat viele Gottesmänner und Glaubenshelden durchs Leben getragen und das jugendliche Ehristentum verdankte ihr den Sieg. Völker hat sie verjüngt und Menschen, die das Leben mürbe gemacht hatte, verdanken ihr die Genesung. (Oft erlebt der, den sie beseelte, ihre Verwirklichung nicht mehr. Das drückt ihn nicht nieder; denn er weiß: Noch nie ist eine starke, selbstlose Hoffnung vergebens gewesen. Irgendwo ging sie auf und trug ihre Frucht. Was gerade wir Ehristen von heule nötig haben, dar ist solche zähe, tätige Hoffnung. Sie schafft ein starkes, jugendlicher Geschlecht. Der Jugend aber gehört die Zukunft. E. Kr. Griechische Reisen und bommerfrischen. von Geh. (vberkonsistorialrat v. W. petersen in Darmstadt. (Fortsetzung.) Blles ist von großartigen Busmessungen, besonders der Zeus-Tempel, aber das Material enttäuscht einen. Marmor war da eine Seltenheit. Der Stylobat des 64 Meter langen und 271/2 Meter breiten Tempels besteht aus mächtigen porosquadern, einem in der Nähe gebrochenen Muschelkonglomerat. Bus demselben Material sind die 10,43 Meter hohen Säulen von 2,24 Meter Durchmesser, die mit einem feinen weißen Stuck überzogen waren. Bn der Südseite liegen noch einige Säulen, so wie sie das Erdbeben hingeworfen 170 — hat. Die Brchitraoe waren 5,75 Bieter lang und 1,75 Bieter hoch. 13 Säulen auf den Langseiten und 6 auf den (Huerseiten umgaben die 100 Fuß lange Telia, die durch zwei Ueihen dorischer Säulen in 3 Schiffe geteilt war. Sn der Hinteren Abteilung des Mittelschiffes stand das 40 Fuß hohe Goldelfenbeinbild des Zeus von phidias, die Bewunderung und der Stolz des ganzen Altertums. Der Fußboden der Tella war mit köstlichem buntem ägyptischen Marmor belegt. Die Busgrabungen haben der Welt ein Bild von den großartigen Darstellungen der beiden Giebel des Tempels gegeben. Im Gstgiebel waren die Vorbereitungen zum Wettkampf des Pelops mit Genomaos dargestellt. In der Mitte steht Zeus, rechts von ihm Genomaos und Sterope, die Titern der vielumfreiten hippodameia, links sie selbst und ihr Freier Pelops. Den Wettkampf deuten an die beiden Viergespanne rechts und links, dann auf beiden Seiten nach den Tcken zu rechts ein sitzender Mann und ein sitzender Knabe, in der Tcke der jugendliche Flußgott Kladeos, links ein Greis, ein kniendes Mädchen und in der Tcke der Flußgott BIpheios. Im Westgiebel war der Kampf der Lapithen und Kentauren hei der Hochzeit des peirithoos dargestellt. In der Mitte steht Bpollon unbewegt im Kampfgewühl, die Uechte gebieterisch ausgestreckt' links von ihm ein Kentaur, der eine Frau raubt, die von peirithoos mit zum Schlage ausgeholter Bxt verteidigt wird, rechts ein Kentaur, der eine Frau gefaßt hat, die von Theseus verteidigt wird. Sodann folgt nach den Ecken zu links ein kniender Lapithe, der einen Knaben würgt, rechts ein Kentaur, der einen Knaben raubt, dann links eine ins Knie gesunkene geraubte Frau, die ein Kentaur am haar gepackt hat, während er selbst von einem knienden Lapithen angegriffen wird, rechts eine Frau, die sich von einem Kentauren los zu machen sucht, dem ein kniender Lapithe den Todesstreich versetzt. Endlich in der Ecke link? und rechts je eine sich aufstützende Alte, die dem Kampf zuschaut und in den Ecken je eine ruhig liegende, jugendliche, weibliche Gestalt, vielleicht Grts- gottheiten. Bn beiden Schmalseiten der Tellawand waren Taten des Herakles dargestellt, so z. B. Herakles, der dem Btlas die himmelslast abgenommen hat, damit dieser ihm die Bepfel der hesperiden holt. Btlas reicht die geholten schadenfroh dem Helden hin, der sie nicht nehmen kann, weil die Last ihn drückt. Eine sich erbarmende hesperide sucht mit ihrer zarten Hand diese zu erleichtern. Nicht weit vom Zeustempel, vor dessen Ostfront, wo pausanias sie noch sah, stand einst auf y Meter hohem Postament die berühmte Nike des Ioniers paionios aus Manda auf der Thalkidika. Nach der Einnahme von Sphak- terie wahrscheinlich und aus der Spartanerbaute stifteten sie die Messenier und Naupaktier. Man fand die Figur neben ihrem piedeslal, nur durch die oben erwähnte Naturkatastrophe gerettet vor anderweitiger Verarbeitung durch unkünstlerische Menschenhand. Die Siegesgöttin schwebt hernieder, ihr Mantel ist vom Sturm aufgebläht,' da, wo der Mantel an der Basis haftet, durchquert ein Bdler die Luft. Der Sturmwind peitscht das Gewand der Göttin gegen ihre Glieder, die dadurch in voller Klarheit sich abzeichnen. Das ganze Werk atmet stürmische Bewegung. Der älteste Tempel nicht bloß Glympias, sondern auch wohl aller bekannten griechischen Tempel war der Heräon am Fuße des Kronoshügel, umgeben von je 6 Säulen an der Schmalseite und 16 an der Langseite. Diese Säulen und deren Kapitäle sind sämtlich ungleich, was sich nur so erklären läßt, daß die Säulen ursprünglich aus Holz bestanden haben und nach Bedürfnis im Laufe der Jahrhunderte durch Steinsäulen ersetzt wurden, pausanias (2. Iahrh. n. Thr.) sah noch eine Holzsäule im Gposthodon,' auch der Brchitrav muß aus Holz bestanden haben. In den Zwischenräumen der Säulen sah pausanias eine Menge verschiedener Statuen aufgestellt, unter ihnen den Hermes mit dem Dionysosknaben von Praxiteles, dem Bthener, dem größeren Sohne seines großen Vaters Kephisodotos. Genau an derselben Stelle wurde er bei den Busgrabungen gefunden. Der wohltätige Bergrutsch des Kronion hat dieses kostbarste Fundstück für die Nachwelt gerettet. Trotz der Flecken, die durch das lange Liegen in der Erde entstanden sind, ist es packend. Hermes bringt den früh verwaisten Bacchusknaben der Nymphe zur Erziehung. Nastend hat er sein Gewand über einen Baumstamm geworfen und spielt mit dem Kinde, den, er eine Traube hinhält. Gedrungene Kraft und männliche Sicherheit, gepaart mit Bnmut, bedingen die Herrlichkeit dieser idealen Körperlichkeit, auf dem Bntlitz ruht heiterste Lebensfreude. Wenn man in Olympia den Hermes gesehen hat, hat man den Eindruck empfangen, der der bleibendste ist und der lebendigste, denn sonst hat man ja nur den Eindruck: sio transit gloria mundi! Die Namen der übrigen Gebäude in Trümmern zu nennen, hat keinen Zweck. Namen sagen nichts, mehr sagt eine gedachte Nestauration. Bis wir das Trümmerfeld verließen, erwarteten uns Pferde, die natürlich die Ermüdeten nach Drucon hinauftragen sollten. Dort hatten wir gerade noch Zeit, eine Bn- höhe zu besteigen, von wo aus man in schöner Bbendbeleuch- tung-den ganzen Lauf des Blphados durch die fruchtbare Ebene bis ans Meer verfolgen konnte. Unermeßlich dehnt sich hier das Meer gen Bfrika, eine gerade Luftlinie würde etwa Tripolis treffen. Den Bbend und die Uacht verbrachte ich angenehm und mußte dann am Donnerstag wieder früh heraus. Um i/eb Uhr frühstückte ich, nahm Bbschied und fuhr dann um 7 Uhr mit dem Wagen nach Pyrgos, wo ich um 10 Uhr ankam. Bm Bahnhof wurde ich bereits erwartet, bekam den Priestersohn und den Uechtskonsulenten der Bahn, einen echten Hellenen mit aristophanischer Fertigkeit in Bildung von unmöglichen Wörtern, mit mir als aufgedungenes Ehrengeleit. In Katekolon angekommen, mußte ich auf ihre Kosten frühstücken. Beim Frühstück fand ein Schiffsbesitzer aus Zante Wohlgefallen an unseren Disputen und lud uns ein, mit ihm in seinem kleinen Dampfschiff nach Zante zu fahren. Es schien, als sollte es umsonst sein, schließlich war das aber ein des Odysseus würdiger Kniff, denn unterwegs ließ er uns mit einem schlauen, zufriedenen Lächeln den Fahrpreis abfordern. Nun, ein Vorteil war doch dabei, ich gewann einige Tagesstunden, denn mein eigentliches Dampfschiff „Biakedonia" kam erst 2 Stunden später. Wir kamen also nach Zante, und ich lud die Herren zu einer Spazierfahrt ein. Wir fuhren aus der Stadt hinaus auf einer von den Engländern angelegten Bergstraße, an der schöne Gärten lagen, deren Dust uns entgegenschlug. Links am Wege lag auf hohem Berg die Zitadelle, rechts ein niedrigerer Berg und eine grüne Schlucht, durch welche man auf das Uleer und den Peloponnes sieht. Nach viertelstündiger Fahrt biegt man um eine Ecke und sieht sich dem entzückendsten Bilde gegenüber. Zante ist wie ein Zaubergarten. Die Insel ist wie ein grauer Ulauerring von Bergen. Draußen sieht man nur den öden Stein, aber innerhalb liegt eine Herr- 171 liche (Ebene von Bergen umschlossen. Blies Olivenhaine und ungeheure Borinthenfelder. Ueber das Ganze weihleuchtende Billen zerstreut. An 60 Dörfer liegen an den Abhängen der Bingberge, wie Zuschauer in einem riesigen Amphitheater hinausschauend auf die herrliche, gesegnete Arena, wo das Traubenblut in Strömen fließt. Lin unvergeßlicher Anblick! Lachend, wie die Uatur, sind auch die Menschen. Sie haben nicht das Ledern-Prosaische des gewöhnlichen panteongriechen an sich, hier ist Poesie und wohl auch leichter Zinn. Abends soupierte ich wieder Wider EDilten (d. h. wider den meinen) auf Bosten meiner Reifebegleiter und revanchierte mich mit Theaterbilletts. Zante hatte damals das größte Theater Griechenlands. Wir hörten die Aida von Berdi, eine Oper mit sehr hübschen Melodien, von einer italienischen Truppe gut aufgeführt. Um Mitternacht fuhr ich an Bord, nahm endlich Abschied von meinen Begleitern und war froh, nach diesem langen Tage in meine Kabine zu kommen. Morgens um 4 Uhr, am Freitag, fuhren wir übrigens erst von Zante fort. Ts wehte heftig und regnete. Um 10 Uhr waren wir vor den Lagunen von Missolonghi, der bekannten Heldenstadt, die man nur von Ferne sieht. Im stillen Wasser frühstückten wir, so überstand ich auch die letzte Strecke quer über den aufgeregten Golf nach patras ohne Seekrankheit. Den Nachmittag und Abend brachte ich in dem recht angeregten Ureis der patrenser Deutschen zu. Um 10 Uhr abends ging ich an Bord der „Thessalia", die um 11 Uhr die Anker lichtete. Ich fiel in einen so festen Schlaf, daß ich von der starken Bewegung, die meine Bajütengenos- seu nicht schlafen ließ, gar nichts merkte. Als ich am Samstag früh um 6 Uhr aufwachte, waren wir schon nahe bei Uorinth. >/s7 Uhr schifften wir uns aus, fuhren in strömendem Regen über den Isthmus nach Ualomeki und mußten dort 31/2 Stunden auf das andere Dampfschiff warten. Ich spazierte nach Isthmia, der neu entstandenen Stadt am projektierten Banal und sach mir die Arbeiten an, um wenigstens über einen Teil des Bormittags hinwegzukommen. An die Stätte zog mich die Trinnerung an den Mai d. J. 1882. „Morgen," so konnte ich am 3. Mai jenes Jahres nach Bause schreiben, „morgen wird der erste feierliche Spatenstich vom Bönig getan werden, mit dem die Arbeiten der Durchstechung des Isthmus von Borinth beginnen. Tausende werden „auf Borinthus" Landesenge versammelt sein, um diesem Schauspiel beizuwohnen. Montag bekam ich schon eine Einladung von General Turo, Mitarbeiter von Lesseps beim Bau des Suez-Banals und Leiter des Unternehmens hier, mit Billett für die „Argalis", die uns dorthin führen sollte. Gestern kam die Einladung von S. M. auf die „hel- las", das ist bedeutend angenehmer, man wird dann doch nicht wie die Heringe verstaut werden, sondern sich auf dem Briegsschiffe frei bewegen können. Nach den Zeitungen wird S. M. der Bönig mit einem goldenen Spaten die Erde in einen silbernen Barren werfen, den der Premierminister zu schieben hat: dann wird I. M. die Bönigin auf den Bnopf einer elektrischen Leitung drücken, und in der Entfernung von einem Kilometer werden mehrere Dynamitminen erplodieren. Das mag ein ganz interessantes Schauspiel werden zwischen den zwei Meeren, auch ohne Bosten, nur mit einer Beschwerde: einen Tag lang einen Zylinderhut zu tragen." Bost tostum berichtete ich sodann: „Um 8 Uhr waren wir am Bahnhof und fuhren mit den Majestäten nach dem Piräus, wo wir uns sofort auf der „Hellas" einschifften. Die Fahrt war herrlich. Bon dem heißen Tag merkte man nichts auf der See. Um 10 Uhr nahmen wir in dem geräumigen Salon des Kriegsschiffes ein gutes Frühstück ein. Es war ein hübscher Anblick, das Geschwader von buntbeflaggten Schiffen zu sehen, das uns nachfolgte, darunter ein großer, französischer Panzer und ein russisches Kanonenboot. Um 1 / 2 I Uhr waren wir in Balamaki, wo man ein Holzmolo gebaut und mit Fahnen und Laub geschmückt hatte. Dort löste sich alles in einer grenzenlosen Unordnung auf. Dem Bönig stürzte alles nach auf einem Wege, der wie eine Biehhürde von beiden Seiten mit einem roh zusammengeschlagenen Geländer umgeben war. In einer Minute war man grau von Bopf zu Fuß und hatte den Mund voll von Biesel- steinchen. An Drt und Stelle angelangt, sah man nichts, man hörte nur in einem Haufen schwitzender und sich drängender Menschen 20 schmutzige Priester durch die Nase singen. Dann sah man die königliche Familie sich niederbücken, um in die offizielle Barre mit dem offiziellen Spaten etwas hineinzuwerfen. Dann sah man wieder nicht, wie der Grundstein gelegt wurde. Endlich drängte man sich an die Batterie, um die Mine in 1 Kilometer Entfernung springen zu sehen, die Batterie hatte aber keine Lust, uns dieses Bergnllgen zu bereiten. Dann stürzte alles nach dem großen Bretterhaus, in welchem der hübsch dekorierte Saal sich befand, in dem 300 Personen dinierten und der Leiter, General Turo, eine kleine Rede hielt, auf die der Bönig antwortete. Man aß und trank gut, erhob sich dann, ein kleines Terele wurde gehalten, dann stürzte alles wie vorher nach den Booten und man fuhr an die Schiffe. Drei Polizisten ertranken. Es war der reine hexensabbath: ich habe hier schon recht viel Unordnung gesehen, aber solche doch noch nie. Die Fahrt nachher war herrlich und erquickend auf dem großen Linienschiff, wo man zum Spazierengehen und plaudern Raum genug hatte. Wir sahen die Sonne untergehen und das wundervolle Farbenspiel auf Land und Meer in diesem schönen Erdwinkel, wo Attikas Berge und die alten ehrwürdigen höhen von Salamis und Aegina in die Flut schauen. Das Schönste war die Einfahrt in den Piräus. Das war ein Kanonendonner! Schön sah dabei im Dunkel das Helle Aufblitzen der Kanonen aus. Baum hatten wir den Leuchtturm passiert, da erglänzte auf einmal vor uns in strahlender Schönheit die russische Panzerfregatte Bujaes poscharsky. Die Linien des Schiffes, die Masten und Rahen waren durch bengalische Flammen gezeichnet, die die Matrosen in ihren Händen trugen. Plötzlich ein starker Knall, wie bei der Erplosion eines Schiffes in der Schlacht. Alles war pechdüster, aber nur wenige Sekunden, da glänzte das Schiff neu auf in einer anderen Farbe. Die griechischen Kriegsschiffe ließen elektrisches Licht, mit dem man die Torpedoboote sucht, spielen in langsamem Kreislauf über dem ganzen Hafen und es war geradezu feenhaft zu sehen, wie im Dunkel plötzlich hier und dort ein scharfbeleuchtetes Gebäude oder ein Schiff, oder ein in dem violetten Wasser von silbertriefenden Rudern getriebenes Schiff auftauchte. Etwas nach 9 Uhr war ich wieder daheim, furchtbar müde von dem langen und reichen Tag. Wie gesagt, diese Erinnerung frischte ich durch den Besuch von Isthmia wieder auf. 1 / 2 I 2 Uhr kam der Dampfer „Argalis", ich schiffte mich ein, tat noch einen Mittagsschlaf und langte V-4 Uhr bei strömendem Regen im Piräus an. Alles war auf den Beinen, den Bönig zu empfangen, der von seiner Reise zu- rllckkehrte. Ich fuhr schnell mit der Bahn nach Athen, kleidete mich um und konnte wirklich im Schloß noch auf die Majestäten warten. Rach deren Empfang hieß es dann an die 172 — predigt gehen, die auf dem Schiff erst halb vollendet werden konnte. So kam man contre coeur zu einer Reife nach Olympia. 3m Grunde war die Reise verfehlt, weil sie durch ein Blißverständnis hervorgerufen war. Dörpfeld war jedenfalls ein Diensterweiser, ich kam zu unerwartetem Runst- und Naturgenuß, Herr 5. zu unerwartetem Besuch, genug, das Ganze schloß mit allgemeiner Befriedigung." (Fortsetzung folgt.) Zeemannslos. Bon BertaSchleich. Rb und zu durchriß ein Lichtstrahl des Leuchtturmes die schauerlichen, schwarzen Nordseewolken, lvenn nun nicht bald der Vollmond kam, daß der Steindamm, der nach dem Festlande führte, sichtbar wurde, dann konnte es dem Boote, das scheinbar führerlos auf dem einsamen Meere trieb, schlimm ergehen. Tiefschwarz wie Sammet war die See, nur kleine weiße Schaumkämme belebten die große, dunkle Wasserfläche. Schlug jetzt der Westwind plötzlich nach Nordwest um, dann würde es sehr böse werden. Doch immer mehr glätteten sich die Wellen, wenn nur die grauenvolle Finsternis nicht gewesen wäre. Endlich trat der Mond heraus. Rls wäre er eine mit flüssigem, gleißendem Silber gefüllte Schale, so floß er in der schimmernden Straße dahin. Der Schiffer in dem Boote sah erstaunt die schnelle Wandlung an, er erhob sich von der Steuerbank, auf der er gelegen hatte, raffte die Segel und lenkte fein Boot in die nach der Heimat weisende Bahn. Geert Jensen blieb einen Rugenblick am Maste stehen und sah suchend in die vom blanken Mondsilber beschienene Fläche. Rehrten nicht noch Schiffer heim? Tr hatte doch vor zwei Stunden vier Schiffer aus Oland und Gröde gesehen, aber nirgendwo mehr Waren Fischerboote sichtbar, die von weitem wie irrende Leuchtkäfer aussahen, wenn die roten und grünen Bootslampen brannten. Ganz in der Ferne hörte der einsame Schiffer ein dumpfes Rauschen. Waren es wieder die wachsenden Wellen der mordgierigen Nordsee oder durchschnitt ein Wanderzug heimwehkranker Vögel hoch oben die Luft? Die stahlharten, seeblauen Friesenaugen Geert Jensens blickten suchend geradeaus. vor zwei und einer halben Stunde war er von Oland abgesegelt, und noch immer hatte er keine Lichter von den halligen gesehen, längst mußte er Gröde im Rücken haben, wo blieb nur fein heimathallig? Ts war wieder ganz dunkel geworden. Zerrissene Wolken jagten in toller, wilder hast über den Mond. Der Sylter Leuchtturm, der stets den Schiffen ein Wahrzeichen ist, wurde durch große, schwarzgraue Wolkensetzen total verdeckt. Nun brach ein gewaltiger Sturm los und mit ihm kamen die Wellen, die immer größer, stärker und wilder wurden. Wie eine Nußschale flog dar Boot auf und nieder, und pfeilschnell schoß es dann weiter. Geert Jensen ließ das Steuer nicht los. Tr mußte plötzlich an die wilde, grausige Gktobernacht denken, als er mit einem Rutter von Island kam, erst in den undurchdringlichen Nebel Englands eingehllllt war, acht Nächte später unter Helgoland kreuzte und dort den sicheren Tod vor Rügen sah. Tr packte die Taue, riß sie herum und wollte nochmals die Segel reffen, vergebliche Mühe,' denn wie Tisenplatten hingen sie, weil das Leinen zum Bersten voll Wind stand. Die Hände krallte er um den Mast, um so an den Segeln zu zerren. Umsonst! 3n fliegender Tile sauste das Boot weiter. Tin heulendes, brüllendes, weißüberschäumt drängendes, sich überstürzende; Meer war jetzt die vor einer halben Stunde noch friedlich im Mondlicht flimmernde See. Jetzt vernahm er auf einmal ein dumpfes Toben und Donnern, als würden ungeheuer große Balken krachend aufeinander geworfen, den Mast hinauf, nun wußte er, woher das wütende Rrachen kam, die Segel waren in Fetzen zerrissen. Wie eine Menge hungriger Wölfe heulten die Wogen und klatschten mit Riesenpeitschen gegen die Bootswand. Nicht die lähmende Starrheit, die weiter nichts war als die quälende Rngst, das Boot würde sich jetzt tief auf die Seite legen, nein es war etwas anderes, etwas, dem er keinen Namen zu geben vermochte. Wenn es doch einträfe, er hatte dann ja doch nicht mehr nötig, die Segelfetzen mit seinen braunen, sehnigen Händen zusammenzuknoten. Eine von den wallenden, schäumenden Wogen, die in regelloser Folge heranstürmten, könnte ihn ja mit sich nehmen, und dann würde er tief am Grunde den ewigen Schlaf schlafen. Furcht davor war Geert Jensen fremd, er sagte halblaut: „Seemannslos!" Einmal würden ihn ja doch die Wellen verschlingen, ob nun heute oder ein andermal. Nur hätte er gerne gewußt, woher die freudige Zuversicht kam; die Lage, in der er sich befand, war doch verzweifelt genug. Der Mast war allerdings noch nicht gebrochen, und fo lang haben die Schiffer Hoffnung, aber immerhin paßte feine frohe Siegesmiene schlecht zu dem Drkan. Schon den ganzen Tag lag ihm das alte Schifferlied in den Ohren, an der Nordsee sang man es sehr selten, er hatte es von der Ostsee mitgebracht, als er vor einem Jahr bei seinem Onkel war. Es hört dich ja niemand, dachte er und mit voller Stimme sang er hinaus in die brüllenden Wogen: „wie mil grimmigem Unverstand Wellen sich bewegen! Nirgends Rettung, nirgends Land vor des Sturmwinds Schlägen! Einer ist, der in der Nacht, Einer ist, der uns bewacht: Ehrist Kyrie, du wandelst auf der See. . Wie vor unserm Angesicht Mond und Sterne schwinden! Wenn des Schiffleins Ruder bricht, Wo dann Rettung finden? Reine hilf ist als beim Herrn, Er ist unser Morgenstern. Ehrist Kyrie, komm zu uns auf die Sec." Tin freudiger Schimmer trat in fein Gesicht, wie ein letztes Rbendrot den Saum des Horizontes nach einem dunklen, regenschweren Tage küßt, und noch lauter sang er: „Einst in meiner letzten Not Laß mich nicht versinken! Soll ich von dem Kittern Tod well' auf welle trinken: Reiche mir dann licbentbrannt, Herr, Herr, deine Glaubenshand! Ehrist Kyrie, komm zu uns auf die See." Wieder kam ein neuer Windstoß heran, eine Welle bäumte sich hoch wie ein wildes, wutschnaubendes Roß, aber nahe vor dem Boote fiel sie in sich zusammen, die war es also nicht, aber vielleicht kam im nächsten Rugenblick eine andere, größere Welle. Schon glaubte Geert Jensen, als sich keine Wogen mehr herauf türmten, die Flut würde fallen,' denn sie mußte es eigentlich schon seit einer Stunde tun. Tin Rauschen hoch oben in der Luft ließ ihn aufblicken, es waren wilde Gänse, und als eben der Blond wieder hervorlugte, sah er deutlich das spitze Dreieck der dunklen, eiligen Nachtwanderer, hörte den heiseren Schrei des Rnführers, 173 dann war die See wieder totenstill. Tine breite, silberne Bahn flimmerte dem einsamen Schiffer entgegen, ungläubig starrte er darauf, narrte ihn so seine Phantasie? Dort auf der breiten, flimmernden Bahn kam in langem, weißem Gewände eine seltsame Gestalt auf ihn zugewandelt! Tin kuck ging durch Geert Iensens Körper, er sprang auf, umklammerte mit beiden Händen den Mast und schaute fassungslos auf die Gestalt, die auf sein Boot zukam. Oas war nein, aber nein — es konnte ja unmöglich wahr sein — der Herr Thristus wandelte heute nicht mehr auf dem Meere. Und doch er war es und mutzte es sein — aus dem schmalen gütigen Gesicht blickten die leuchtenden Bugen so tief und so klar, segnend erhob er die Hände, während ein leiser Wind- hauch die bernsteingelben Locken bewegte. „Mein Herr!" murmelten Geerts Lippen, als fürchte er, daß durch einen Laut die göttliche Gestalt zerrinnen könnte. Unverwandt, den Btem anhaltend, sah der Schiffer auf die Vision, ein Leuchten trat in seine Blauaugen, die niemand jetzt stahlharte Friesenaugen nennen würde. „Folge mir, Geert Jensen!" Ja, so war es gewesen. „Folge mir, Geert Jensen!" sagte eben eine milde, weiche Stimme. „Herr, hilf mir, daß ich dir folgen kann!" sprach Geert mit lauter, fester Stimme — und da —, da war alles verschwunden. Obwohl er angestrengt in die Nacht hinaus- schaute und lauschte, nichts verriet mehr die göttliche Tr- scheinung. ver Mond verschwand hinter einer düsteren Wolke, wieder türmten sich haushohe Wellen auf und kamen immer näher. Geert Jensen legte sich wunschlos auf die Steuerbank zurück und faltete die Hände unter dem Kopf. Mochte sein Schifflein nun segel- und steuerlos treiben, wohin es wollte, vielleicht fand er feine Ruhestätte auf tiefem Grunde der See, sein Wunsch ging damit in Erfüllung, ganz tief, tief am Meeresgründe wollte er den ewigen Schlaf schlafen, wo die Wogen ruhelos über ihn wegschäumten. Möglich war es aber auch, daß er oben in Jütland oder westlich von England nach einiger Zeit an Land geworfen würde. Ts war ja eben Seemannslos! Wie viele waren nicht auch von Jütlands und Englands Söhnen an die deutsche Erde gespült und von mitleidigen Küsten- und Inselbewohnern als heimatlos beerdigt worden, noch gestern hatte er auf dem Sylter Seekirchhofe gestanden und die Inschrift dieser „Heimat für heimatlose" gelesen. Seine Stunde war da. Daß ihm eben der Herr erschienen, war der Seeruf, der an alle erging und sie sicher antraf, mochten sie im Pesel beim Teepunsch sitzen oder wintertags Netze stricken, meistens traf er sie, die Männer wenigstens, auf hoher See, und das war der allerschönste Tod: aber ein Entrinnen hatte es vor dem Seeruf nie gegeben. Bn seine Eltern und Geschwister dachte er, drei Brüder hatte die See sich geholt, der älteste war von seiner Gstindienfahrt nicht wiedergekommen und die beiden anderen, die Islandsfischer waren, hatten auf der Heimfahrt, unweit von England, den Tod gefunden. Wie gut war es nur, daß er Brigitte Uommsen noch nicht gefragt hatte, sie würde nun vielleicht gar keinen Schiffer nehmen, sondern den Tjark Uigertsen, dann blieb sie auf ihrer heimathallig. Einen halligbauern zu heiraten, war immer sicherer, als das unsichere Los eines Seemannes zu teilen. Und Geert Jensen konnte ihr nicht einmal böse darüber sein; denn als seine Brau hatte er Brigitte auch ohne Bussprache, nie angesehen. Wieder trat ein weicher Glanz in die sonst stahlharten Friesenaugen, seine eigentliche Braut, die er über alles in der Welt liebte, war und blieb doch die See. Wer sich einmal ihr zu eigen gegeben hatte, den ließ sie nimmermehr los. Sie rief ihn jetzt, sie nahm ihn hin, es mußte wohl so sein und auch gut so sein, sonst würde es eben nicht geschehen. Niemand sah Geert Jensen je wieder, auch sein Leichnam blieb auf dem Meeresgründe geborgen. Lin pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) va es gerade Mittag war, so waren alle Leute im Dorfe zu Hause, als wir mit unserer Straßenmusik begannen. Damals habe ich beobachtet — später ist mir das gleichgültig geworden —, wie die ganze Bevölkerung, sobald das erste Stück ertönte, in Bewegung geriet. Fenster öffneten sich, Tore taten sich auf, und wer nur konnte, lief auf die Gasse, hemdärmelig standen die Männer da, in der Stalltracht kamen die Frauen zum Vorschein. Ulte Leute, denen die Brille auf die Nasenspitze herabgeglitten war, erschienen hinter den geöffneten Fenstern, kleine Kinder faßten sich an den Händen und versuchten zu tanzen. Die Dienstmagd ließ ihren Melkeimer stehen, und der Knecht hörte aus, das Pferd zu putzen, ver polizeidiener hielt eine Weile mit dem Bus- schellen inne, und der Mühlknecht, der mit dem schweren Magen durch das Dorf fuhr und hier und da vor den Häusern Mehl ablud, hielt seine Pferde an. Mir als dem Jüngsten siel jetzt wie auch sehr häufig in der Folgezeit die Uufgabe zu, das Geld einzusammeln. Nikolaus Schweizer, der Mann mit der großen Hakennase, hatte mir hierüber vorher Belehrung gegeben. „Du gehst an alle Leute, die du auf der Straße siehst, heran, auch zu den Kindern, und hältst allen höflich deine kappe hin, aber der Schirm muß nach oben weisen, damit sie Geld hineinwerfen können. Wirft einer Kupfer hinein, so sagst du höflich: Danke schön! Läßt aber einer die Nickel- mllnzen springen, so sagst du laut und kräftig: Danke schön, mein Herr! Du mußt deine Bugen überall herumgehen lassen, damit du keinen übersiehst, der unserer Musik zugehört hat. Buch wo die Leute die Fenster nicht aufmachen, sondern hinter den Scheiben der Musik zuhören, da gehst du heran und siehst sie an, da werden sie sich schon schämen, dir nicht; zu geben. Und das merk' dir, Peter, Dubbes, wie die Mainzer sagen, wird nicht gemacht mit dem eingesammelten Gelde!" Wir stiegen auch auf die Burg hinauf, spielten im Burghöfe und erhielten von dem Besitzer ein schönes Geschenk. Buf- merksam sah ich mich an der Stätte um, wo einst, wie ich in der Schule gelernt hatte, Franz von Sickingen gelebt hatte. In das Nahetal und Blsenztal sah ich hernieder, sah im Süden die Berge der Nordpfalz aufragen und dachte'an meine Mutter, die dort in der Heimat weilte. klm Nachmittage gingen wir über die Nahebrücke und überschritten somit die pfälzisch-preußische Grenze, wir spielten dabei: Nun, ade, du mein lieb Heimatland, lieb Heimatland, ade! Durch die Straßen der Stadt Kreuznach, die wir rasch erreicht hatten, ließen wir unsere munteren Weisen erklingen. Dabei flog viel Geld in meine Mütze, so daß der Meister schmunzelte und sagte: Unser Bnfang ist nicht schlecht. In einem Wirtshause in der Beinde — so heißt dort eine Straße — blieben wir über Nacht. Die älteren Musikanten saßen rauchend am Tisch und unterhielten sich mit den Bürgern, mir aber sank bald vor Müdigkeit das Haupt auf den Tisch, und ich war froh, als ich in meine Kammer gehen konnte, wo ich das Bett mit Sebastian Wolf teilte. 174 — flm nächsten Tage ging es dem Rheine zu, und nun folgten wir immer dem Laufe des majestätischen Stromes, bis wir die Stadt Köln erreicht hatten. Natürlich kann ich jetzt, da beinahe 40 Jahre seit dieser meiner ersten Musi- kantenfahrt verstrichen sind, unsere damalige Reise nicht mehr Tag für Tag verfolgen. Ich weiß lange nicht mehr alle (Orte, wo wir übernachtet haben, aber einzelne bemerkenswerte Treignisse tauchen noch in meiner Erinnerung auf, und von diesen will ich hier erzählen. Wohl hatte ich meiner Rlutter gesagt, daß ich kein ljeim- weh bekommen werde, wenn ich immer Leute aus meiner Heimat um mich habe, aber ich fand bald, daß das nicht zutraf. Eines Nachmittags, während die anderen Musikan- ten in einem Wirtshause saßen, stand ich in Bacharach am Rheine und sah die grünen Wellen des Stromes nach Norden fließen. Große Flöße zogen talwärts, wie die Rheinschiffer sagen, an mir vorüber. Es war Holz, das aus dem Schwarz- wald kam und nach Holland gebracht wurde, wo es beim Schiffsbau Verwendung fand. Bergwärts zogen langsam Schlepper, die drei oder vier Rohlenschiffe nach sich zogen. Ich sah die Schiffer auf diesen Fahrzeugen herumhantieren, und sah, wie Frauen auf ihnen sich mit häuslichen Geschäften befaßten,- denn die Schiffer der Schleppdampfer nehmen ihre Frauen mit und führen auf dem Wasser einen geregelten Haushalt. Weist haben sie auch einen Spitzhund bei sich, der während der Fahrt auf dem verdeck des Schiffes auf und ab marschiert und, wenn das Schiff vor Rnker liegt, jeden, der es unbefugt betreten will, ankläfft. Ich sah die gegenüber liegenden Berge, die dort nicht mit Reben, sondern mit Gestrüpp bedeckt sind und dachte dabei an meine Heimat, von der ich mich nun mit jedem Tag weiter entfernte. Nlan sagt, daß fließendes Wasser melancholisch macht, und so war auch ich dort am grünen Rheine so traurig vor Heimweh, daß mir die Tränen über das Rngesicht liefen. Da hörte ich plötzlich hinter mir rufen: „Peter, wo steckst du denn? Schnell herbei!" Es war der Meister, der mir aus einer engen Gasse so zurief. Gleich darauf hörte ich ein ungefüges, wildes Johlen. Es waren Musterungspflichtige aus der Kreisstadt angekommen, und ihnen mußten wir aufspielen. Sie wollten lauter lustige Stücke haben, und so zogen wir hinter den wilden Burschen, die über und über mit bunten Bändern und künstlichen Blumen geschmückt waren, musizierend einher. Sie schlugen mit ihren Stöcken auf das Pflaster und sangen: „Kaiser Wilhelm sitzt zu Pferde, zieht mit uns ins Feld, siegreich wollen wir Frankreich schlagen, sterben als ein tapfrer he—al—eld." Bald merkte ich, daß es mit der Bezahlung nicht so glänzend stand, wie mir Gottfried Keiper damals in Rockenhausen gesagt hatte. Es war keine Rede davon, daß ich wöchentlich 20 Mark bekam, der Meister gab mir in der ersten Zeit nur 6 Mark, und wenn das Geschäft schlecht ging, bekam ich noch weniger. Wir hatten nämlich am Rheine sehr viel unter der Konkurrenz einer Kapelle, angeblich sächsischer Bergknappen, zu leiden, die gleichfalls musizierend das Land durchzogen. Wenn wir in ein Dorf kamen, wo sie an demselben Tage schon gespielt hatten, so waren die Leute sehr unwillig, sobald wir mit unserer Musik anfingen. Die Bauern schimpften, daß wir ihr Gesinde und ihre Kinder von der Arbeit abzögen, und mehr als ein bissiger Hund, den wir nur mit Mühe abwehrten, wurde uns nachgeschickt. Es war keineswegs so, daß die Leute allerwärts, wo wir erschienen, uns mit Freuden willkommen geheißen hätten, viele hatten von unserer Kunst eine sehr geringe Meinung und riefen uns nach, wir seien Faulenzer, Herumtreiber und nur gut dazu, die Mäuse mit unserer Musik zu verjagen. Um auf die sächsischen Bergknappen zurllckzukommen, so muß ich erwähnen, daß wir mehreremale mit ihnen in scharfen Konflikt gekommen sind. Eines Tages spielten wir in einem Dorfe einige Stunden unterhalb Koblenz, und als ich mit der Mütze in der Hand Geld einsammeln ging, sah ich die Sachsen aus einer Seitengasse herauskommen. Sie verhielten sich ganz ruhig und warteten, bis wir das nächste Stück gespielt hatten. Da aber brachen sie in höhnischen Beifall aus, klatschten und riefen: Da Eapo! Ich lernte damals kennen, daß der Sachse, der sonst als so gemütlich bezeichnet wird, ein bitterböses Mundwerk hat. Me sind unsere Musikantenkollegen über uns hergefallen! Künstler ersten Ranges seien wir, fähig, im Gewandhaus zu Leipzig Konzerte zu geben, alle seien wir auf dem Konservatorium in Frankfurt am Main ausgebildet. Dann gingen sie von dem höhnischen in den groben Ton über, nannten uns Vagabunden, herbergs- brllder, Lausejungen. Wir verhielten uns auf einen Wink des Meisters zuerst ganz still, als aber einer von den Sachsen, während wir ein Stück aus einer Oper spielten, eine Hand voll Knallerbsen unter uns warf, da wurde Tobias Wagenschmidt wild und gab dem Störenfried eine Ohrfeige. Nun ging eine allgemeine Schlägerei los. Mit den Fäusten, sogar mit den Instrumenten bearbeiteten sich Pfälzer und Sachsen, auch wir halbwüchsigen hieben fest zu, bis der Nikolaus Schweizer plötzlich rief: Rchtung, Blitzableiter! Der Blitzableiter war der in der Ferne auftauchende Helm eines Gendarmen. Da ließen wir voneinander los,' denn wir wußten, daß die preußischen Gendarmen strenger seien als die pfälzischen polizeidiener, und eine Nacht im „Behekämmerchen", wie man in der Pfalz sagt, zu sitzen, dazu hatten wir keine Lust. Unser Meister wußte Rat, wie wir von den Sachsen loskamen, er schlug vor, daß wir einen ganzen Tag marschieren sollten, ohne Musik zu machen. So kamen wir unseren Gegnern weit voraus und wurden von ihnen nicht mehr behelligt. Obgleich die Sachsen bekanntlich „Helle" sind, so waren wir in diesem Falle doch noch Heller. Rur in Rolandseck sahen wir sie noch einmal, sie drohten uns von weitem mit den Fäusten, ließen uns aber im übrigen in Ruhe. In ein rauhes Leben war ich als angehender Musikant gekommen. Oft gab es einen ganzen Tag keinen warmen Bissen. Morgens in aller Frühe standen wir auf, da gab es Brot, das ich annahm, und Schnaps, den ich ausschlug. Dann mußten wir mehrere Stunden marschieren, machten zwischendurch Musik, und erst gegen 9 Uhr gab es Kaffee. Es gab .ganze Wochen, in denen wir in kein Bett kamen, sondern auf der Streu schliefen. Einmal kamen wir durchnäßt am Rbend in ein Dorf. In einer engen, dumpfen Wirtrstube, in der Fuhrleute Karten spielten, verzehrten wir Brot und Speck, dann gingen wir in den kleinen, niedrigen Tanzsaal des Wirtshauses, wo man uns eine Schütte Stroh zurecht gemacht hatte. In der Nacht setzte heftiger Frost ein, und die Fenster des Raumes, in dem wir schliefen, ließen wind und Kälte durch Ritzen und Fugen einströmen. Rls wir am anderen Morgen erwachten, waren die Kleider, die wir in der Nacht natürlich anbehalten hatten, steif gefroren. Rm Küchenherde, in dem ein lustiges Feuer brannte, tauten wir sie wieder auf. Ich wundere mich, daß ich mir in dieser Zeit, da ich nachts so oft auf der Streu schlief, nicht den Rheumatismus geholt habe. — Ein guter, treuherziger Junge war der Sebastian Wolf aus Imsweiler, der mit mir gleichaltrig war. Seine Mutter 175 war Witwe, der Vater, der auch Musikant gewesen war, war in England gestorben. Jede Woche schickte Sebastian seinen ganzen Verdienst seiner Mutter, für sich verwandte er nur das allernotwendigste. Da er schon zwei Jahre bei der Kapelle war, so verdiente er auch mehr Geld als ich. Rn der Musik hatte er eigentlich keine Freude. „Siehst du, Peter," so sagte er mir einmal, als wir wieder nachts zusammenschliefen, „wenn ich in meinem Orte am Tag nur 2 Mk. verdienen könnte, so wäre ich bei meiner Mutter geblieben, wie froh wäre ich, wenn meine Mutter ein bißchen Rckerland hätte, daß wir davon leben könnten. Dann würde ich mit zwei Rühen hinaus auf den Rcker fahren und pflügen und mähen. So muß ich durch die Welt ziehen und bin nichts als ein armer Schnurrant." Gottfried Reiper war das gerade Gegenteil von dem biederen Sebastian. Ihm machte das Wanderleben großen Spaß. Durch die Welt zu schweifen, das war nach seinem Sinn. Sch fand bald, daß er, der nun 19 Jahre zählte, noch gerade so war wie einst als zwölfjähriger Junge. Das .Fratzenschneiden verstand er jetzt noch besser als früher, wie oft hat er damit auf unserer Wanderung kleinen Rindern Rngst gemacht, daß ich sehr über ihn erzürnt war. Rber auch erwachsene Deute ließ er nicht in Ruhe. So redete er einmal eine Frau, die uns mit ihrem Marktkorbe auf der Landstraße begegnete, an: „Frau, eins möchte ich gern wissen?" „was ist das, das du gern wissen möchtest, du Musikant?" antwortete die Frau. „Li, ich möchte wissen, was Euer Mann nur gedacht hat, daß er Luch geheiratet hat?" Da brach die Frau in eine Flut von Schimpfworten aus, und Gottfried ging lachend seiner Wege. Ruch die Tiere ließ er nicht in Ruhe. Reine Ratze konnte er sehen, ohne mit einem Steine nach ihr zu werfen. Ruf die Hunde ging er los, indem er seiner Rlarinette die schrecklichsten Töne entlockte, so daß der Rater oder der Waldmann ein klägliches Geheul anstimmte. (Fortsetzung folgt.) Türe ins hessenländ aufgetan. Indem wir vor der Geffent- lichkeit dagegen Einspruch erheben, erhoffen wir von den Landständen, daß sie bei ihren Beratungen auf diesen Protest Rücksicht nehmen, dies um so mehr, als, wie schon jetzt feststeht, die römisch-katholische Rirche die ganze Vorlage nur als Rbschlagszahlung entgegennimmt und nicht eher zufriedengestellt ist, bis jede Staatsaufsicht über sämtliche Orden gefallen ist. 2. wir danken Herrn Prälat E>. Dr. Flöring, daß er bei der Beratung des Zentrumsantrags auf Rbänderung der hessischen Drdensgesetzgebung in der Listen Rammer die deutsch-protestantischen Interessen mit Lntschiedenheit gewahrt und die Bedenken weitester Rreise der evangelischen Volksteils zum Rusdruck gebracht hat. Gleichzeitig bedauern wir auf das schmerzlichste, daß evangelische Standesherren, Patrone evangelischer Pfarreien, über das vom Zentrum und dem Vertreter der katholischen Rirche selbst zunächst Geforderte hinaus die Rufhebung des ganzen Gesetzes verlangt und damit ein bedeutsames, aus protestantischem Geist geborenes hoheitsrecht des Staates gegenüber der römischen Rirche preiszugeben bereit scheinen. R.-v. Worte zum Nachdenken. Ls ist ein Köstlich Ding, Das Köstlichste der Lrde, Daß fest ein Menschenherz Durch Gottes Gnade werde, wer zweifelt — zagt und trotzt Mit ungewissem Mut, wer glaubt — steht wie ein Fels In wilder Meeresflut. R. Rögel. Gelegenheit zur großen Tat Kommt dir vielleicht erst morgen, und wer weiß, ob sie je für dich Kommt! Rber heute, jetzt im Rugenblick, Kannst du mit hundert Kleinen Dingen Gott dienen und den Menschen. Uleine Mitteilungen. Bei dem Rirchengesangvereinsfeste, das Sonntag, den 14. Iuni, nachmittags 2 Uhr, in der Stadtkirche zu Gießen abgehalten wird, wird Herr Pfarrer Lschenröder aus Worms die Festpredigt halten. Die Rirchenqesangvereine von Gießen und Umgebung werden bei dem Fe, Mitwirken. Die in Frankfurt a. M. abgehauene Frühjahrs-Rbge- ordnetenversammlung des hessischen Hauptvereins des Evangelischen Bundes hat die folgenden beiden Kundgebungen beschlossen: 1. Im Namen unserer 25 000 Mitglieder beklagen wir es aufs tiefste, daß die hessische Regierung in ihrer Vorlage zu dem Ordensgesetz vom 5. Mai d. Js. den ernsten und wohlbegründeten Bedenken, die gegen dessen Rbbröckelung nicht nur von uns, sondern auch von dem Vertreter der evangelischen Landeskirche in der Ersten Rammer erhoben worden sind, keine Rechnung getragen hat, vielmehr mit ihren Zugeständnissen über ihre Erklärung vom 9. Rpril >913 hinausgegangen ist. Durch diese Vorlage werden wichtige Lebensinteressen des Staates, Errungenschaften protestantischen Geistes, auf kirchenpolitischem, kulturellem und volkswirtschaftlichem Gebiet verletzt, für eine weitere Verschärfung der konfessionellen Gegensätze der Boden bereitet und, falls das Reichsgesetz fällt, dem Jesuitenorden die Mrchliche Anzeigen. Sonntag, d'en 7. Juni, Trinitatis. Gottesdienst. In der Stadtkirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer v. Schlosser. Zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Matthäusgemeinde. vormittags 9V? Uhr: Pfarrer Schwabe, vormittags 11 Uhr: Rinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. In der Johanneskirche. vormittags 8 Uhr: pfarrassiftent hoffmann. Zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Lukasgemeinde, vormittags 9V? Uhr: Pfarrer Rusfeld. vormittags 11 Uhr: Rinderkirche für die Johannesgemeind«. Pfarrer Rusfeld. Rbends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Johannessaal. SvzuL- rote, sowie alle Arten von Hautunreinigkeiten, Hautausschlägen, wie Blütchen, Mitesser, Finnen, Pickeln, Pusteln etc. verschw.durch tägl.Gebrauch d.echten AeckLnpferI -TeerschroefeL-’&ife von Bergmann & Co., Radebeul. Stück 50 Pfg :: Ueberall zu haben. 176 ^Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Rudolf Richte Bietzen, Marktstratze 24— hüte und Mütze Reichhaltige Auswahl. VilligePri :: Rabattmarken. Reparaturen rCarl Loos 26 Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 |J Manufaktur- und Weißwaren '' Herren- u. Knabenkleider Hch.BlumXSSi Besonders billiger Li kfehuh - Verkauf 150/0 bis soo/o ®‘ Reparaturen billigst Möbel. serung von bürgert. Wohnungs- Einrichtungen, sowie sämtlicher Einzelmöbel, gene Schreinerei - Gegr. 1832. 0. Zimmermann Reuen Baue 15. IZrdr. Teipel )-16 Markt 16_ / empfehle für die Schneiderei t Spitzenstoffe :: vesatz s Stickereien :: Spitzen < Einsätze :: borden ? Mutter :: Rnöpfe etc. \ sowie alle einschlägigen Artikel ( in großer Auswahl. 1 Extra-Rabatt s. 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