Gemeinöeblatc süröiekvangelische Kiicbmaemeinöe Gikftrir Nr. 21. Gießen, Pfingsten, 31. Mai 1914. 3. Jahrgang. Pfingsten. Brief des flpoftels Paulus an die Römer 8, 14. Welche der (Beijt Lottes treibt, die find Lottes Rinder. 6ls unser Herr und Meister noch auf Lrden bei seinen Jüngern weilte, redete er öfters zu ihnen von feinem nahen Scheiden. Da wurden sie stets traurig,- er aber tröstete sie, indem er ihnen die Verheißung gab: „Ich will euch einen anderen Tröster senden, den Geist der Wahrheit, der wird bei euch bleiben ewiglich." Diese Verheißung wurde am Pfingstfest herrlich erfüllt. Pfingsten bildet einen Markstein in der Geschichte der christlichen Kirche, von da an beginnt ihr Siegeslauf auf Lrden, und das ist die Wirkung des Gottesgeistes, dessen wunderbares Eingehen in die Welt wir heute schauen dürfen. Was ist der Geist Gottes? Wir versagen es uns hier, Definitionen zu geben, die doch unzulänglich sind, weil sie nicht an die Hoheit und Größe des Gegenstandes heranreichen. Wir wollen uns lieber an die Wirkungen des heiligen Geistes halten, und diese liegen offen vor aller Rügen. Was hat der Geist Gottes aus den Jüngern des Herrn gemacht? Ls ist wunderbar, welche Verwandlung mit ihnen vor sich ging, vorher verzagte Seelen, schwache Werkzeuge der göttlichen Gnade, und nun Männer voll heiligen Feuers und voll Geistes,- vorher so voller Hngft vor einer feindlichen Welt, daß sie sich hinter verschlossenen Türen verbargen, und nun gehen sie mutig und fröhlich hinaus und predigen das Wort von Thristo mit einem Feuer, mit einer Begeisterung, die ihres Eindrucks nicht verfehlen kann. Die Gründung der großen Pfingstgemeinde war die Frucht ihres Zeugnisses. Das sind Tatsachen, die sicher bezeugt sind. Und der Geist des Herrn tut auch weiterhin das Seine in dieser argen Welt. Wie er die Rpostel trieb, so befähigte er auch die späteren Zeugen, dem Befehl ihres Herrn und Meisters mit Eifer und Erfolg nachzukommen: „Gehet hin in alle Welt und lehret alle Völker." Zwar lehnt sich das Reich der Finsternis mächtig auf gegen das Licht in Thristo, die Thristenverfvlgungen der ersten drei Jahrhunderte sind schreckliche Zeugnisse davon. Über die Rechte des Herrn behält den Sieg, der Geist des Herrn, der in seinen Getreuen lebt, überwindet alle Feinde. Es ist ein gewaltiger Kamps, ein beispielloses Ringen zwischen Licht und Finsternis, aber das Ende ist: „Galiläer, du hast gesiegt", wie Julian, der Rbtrünnige, resigniert bekannte. Er hat gesiegt, weil der Geist des h^rrn die Seinen getrieben hat, weil sie seine Kinder waren. Und doch ist diese in den ersten Jahrhunderten so herrlich blühende, morgenländische Kirche nachmals untergegangen, eine Beute des Islam geworden! Der Geist Gottes war von ihr gewichen. Nach der Zeit der Verfolgungen waren heidnische Unterströmungen von allen Leiten in die christliche Kirche eingedrungen, so daß Gottes Geist nicht mehr in ihr das Regiment führte. Darum mußte sie fallen. Ruch die verweltlichte, abendländische Kirche des Mittelalters stand in großer innerer Gefahr. Die Reformation ward ihre Rettung. Sie ist ein Werk des heiligen Geistes. Wenn je ein Mensch so wie Luther getragen und getrieben vom heiligen Geist; wie hätte es sonst der einfache Mönch wagen können, einen Papst, eine ganze widerstrebende Welt in die Schranken zu fordern und sich gegen sie zu behaupten. Unsere evangelische Kirche, mag sie auch noch in manchen Stücken eines besseren Rusbaus bedürfen, ist in ganz besonderem. Sinne ein Werk des heiligen Geistes. Und so lange er in ihr lebt und sein Werk in ihr treibt, wird sie bestehen und ihren Segen entfalten. Und wie in der Kirche im ganzen, so muß der heilige Geist in jedem einzelnen Glied der Kirche leben, sein Wesen haben und sein Werk treiben. Uur die, welche der Geist Gottes treibt, sind seine Kinder. Ich kann nicht recht gedeihen, ich kann meines Lebens nicht wahrhaft froh werden, ich kann meine Berufspflichten nicht gewissenhaft erfüllen, ich kann für meiner Seele Heil und Frieden nicht recht sorgen, ich kann nicht recht glauben und beten, wenn der Geist Gottes nicht mit mir ist, wenn er mich nicht treibt. Der gnädige Gott will aber seinen Geist in Fülle denen geben, die ihn herzlich und demütig darum bitten. Was wollen wir uns darum am hohen pfingstfeste wünschen? Was wollen wir von unserem himmlischen Vater erbitten? Einmütig dringe unser herzinniges Gebet und Flehen zu 'Gott empor: „Herr gib uns deinen heiligen Geist! Laß deinen Geist uns treiben, daß wir deine Kinder sein und bleiben." F. S. 162 ves heiligen Geistes Gabe. 2. Sim. 1. 7. Kennst du, Christ, die höchste Gabe, Die du dir erbitten kannst, Größer als jed' andre habe, Die im Leben du gewannst? - Diese Gab' — sie sei gepreist! - Mird genannt „der heil'ge Geist"' Nus dem Herzen, dem sie eigen, Müssen Ungst und Schrecken weichen Und die knecht'sche Furcht hienieden, Die uns raubt den Seelenfrieden. Denn der Furcht, der Ungst entnommen, Die dich sonst gefangen hielt, hast du Mut und Kraft bekommen, Die vorher du nicht gefühlt; Denn der Geist, den du nun hast, Macht dir leicht die schwerste Last, Und läßt Taten dich vollbringen, Manches schwere Merk gelingen, Meil Gott, mächtig in den Schwachen, Dich kann stark wie Udler machen. Diesen gleich wirst du auffliegen Im Gebet, das Gott dir schenkt, Denn der Duell kann nicht versiegen, Der aus Gottes Herz dich tränkt, Meil der heil'gen Liebe Glut Mird genährt von Christi Blut, Der sein heilig teures Leben Sn den Tod für dich gegeben, Daß du Uächftenlieb' kannst üben, Ueich in Gott die Brüder lieben. Weil du dich hast zücht'gen lassen, Und erkannt der Sünde Macht, Ist dir deine Schuld erlassen, Gott hat wieder dich gebracht Uur der harten Knechtschaft Zeit, Uus der Melt der Traurigkeit In ein neues bessres Leben, Monach dich der Geist ließ streben, Daß du mögst den Himmel erben, Dir die Lebenskron' erwerben. h- fl. h- Griechische Reisen und Sommerfrischen. von Geh. Gberkonsistorialrat O. M. petersen in Darmstadt. (Fortsetzung.) Durch Dörpfeld kam ich im Jahre 1883 zu meiner Reife nach Olympia. (Ein gemeinsamer Freund S. war dort als Ucgierungsbaumeister mit der Bauausführung des von Udler in Berlin entworfenen Glympia-Museums betraut, ein pfarrerssohn aus Mestfalen. Herr S. war an Fieber erkrankt. Dörpfeld hatte sehr kurz telegraphisch angefragt, ob er seiner bedürfe und eine ebenso kurze Untwort erhalten: „Menn du kommst, komme gleich!" Beide Teile lebten dabei in ganz verschiedenen Ideenkreisen. Dörpfeld dachte an seines Freundes Krankheit und S. an den Bau, und D. glaubte, bei der harten asketischen Mißachtung, mit der S. seinen zarten Körper zu behandeln pflegte (ich habe ihn einmal, als er sich weigerte, einen Urzt zu befragen, Hinweisen müssen auf Sir. 38, I ff., Ehre den Urzt mit gebührlicher Verehrung, daß du ihn habest zur Not, denn der Herr hat ihn geschaffen und die Urznei kommt von dem höchsten und Könige ehren ihn. Der Herr läßt die Urzenei aus der Trde wachsen, und ein vernünftiger verachtet sie nicht), schließen zu dürfen, daß nur die äußerste Bot ihn veranlaßt haben könnte, so zu telegraphieren. Dörpfeld konnte schlechterdings nicht reisen, bat daher mich um diesen Freundesdienst und ich willigte ein, wenn ich bis zum Samstag wieder da sein könnte. Das war ja möglich. Vas alles geschah am Sonntag abend. Montag früh um 6 Uhr fuhr ich schon mit der Bahn nach dem Piräus und mit der „Kriti" nach Kalemaki und von dort mit der „Uauplia" nachmittags weiter. Ts war ein so schöner Tag, wie ich ihn auf dem korinthischen Golf noch nicht erlebt hatte. Unser Schiff fuhr nich! weit von der Uord- küstc des Peloponnes und ich genoß mit Mvnne den schönen Blick auf die reichen Korinthenpflanzungen, die wohlhabenden Dörfer, die romantischen Schluchten und das alles überragende Gebirge Kyllam. Gegen 11 Uhr abends kamen wir in patras an, fuhren aber in der Uacht weiter, verstärkt durch eine armenische Theatergesellschaft, die nach Pyrgos wollte. Um V 26 Uhr, Dienstag, wachte ich auf über dem Stoppen der Maschine. Mir hielten bei Kyllam, einem Grt mit warmen Bädern, an der Nordwestecke des Peloponnes. Ich ging sofort aufs verdeck und genoß die schöne Ueberfahrt nach Zante, wo wir gegen 8 Uhr ankamen. Die Stadt Zante ist ungemein malerisch gelegen, mit ganz italienischem Charakter, besonders mit seiner marina, den Kais. Sie ist am Berg hinaufgebaut, überragt von einem venetianischen Kastell, mit großartigem Berghintergrund, denn der imposante Skopos erhebt sich mit seinen bewaldeten hängen und seiner charakteristischen grauen Felsen- Kuppe zu der stattlichen höhe von 396 Metern. Eigentümlich berührten die italienische Bauart der Häuser, die an Venedig erinnernden Tampaniles. Mer überhaupt etwas einer griechischen Seestadt ähnliches sehen will, dem möchte ich empfehlen Torbole bei Uioa und Uiva selbst am Gardasee, wo Gelbäume und Zitronenwäldchen die Uehnlichkeit noch größer machen oder einzelne Drte am Luganer See. Eine Stunde ging ich am Molo auf und ab und traf dann bei der Ubfahrtsstelle den Erzbischof Kalgiras von patras, der früher Professor der Theologie in Uthen und Ueligionslehrer der königlichen Prinzen war. Buch er wollte den Dampfer nach Katakolon, von wo eine Bahn nach pyrgos, dem Ziel seiner Reife, führt. (Es gab sich von selbst, daß wir zusammen blieben. Un Bord traf ich noch einen deutschen Herrn aus Berlin, einen Gymnasiallehrer, den ich schon von Uthen her kannte. Ich machte die beiden Herren miteinander bekannt. Mir unterhielten uns sehr gut, aber mein Inkognito war nun gebrochen und ich war der Ueugier preisgegeben, sowie die Leute erst herausgebracht hatten, daß der Mann, mit dem sich der Erzbischof unterhielt, der Priester des Königs, 0 jerews tu wasileos, sei. Unser Frühstück an Bord ponierte der Erzbischof: sein Kommissar in pyrgos, ein Herr Kam- biotes, forderte als Freund der aus Zante gebürtigen Gberst- hofmeisterin der Königin, daß ich ihm die Ehre antue, bei ihm zu bleiben, so lange es mir gefiele. Nur mit Not konnte ich mich seiner Gastfreundschaft entreißen, ich hatte doch meinen „Kranken", von Zante hatten wir eine köstliche Fahrt nach Katakolon, von wo uns die Eisenbahn nach pyrgos bringen sollte und woselbst ein Magen nach Glympia zu nehmen war. In Katakolon, das auf flachem Strande liegt, wurde unser Dampfer gleich von mit Flaggen geschmückten Barken angelaufen, in welchen die Geistlichkeit der ganzen Um- 163 gcgend und der vemarch (Bürgermeister) von Pyrgos sich befanden, die den Erzbischof feierlich nach Pirgos geleiten rvollten. Der vemarch nötigte uns beiden Fremden mit in die Galabarke hinein, die mit kostbaren orientalischen Teppichen belegt war. Mein Gymnasialprofessor fühlte sich nicht allzu wohl dabei. Lr war schon einige Wochen im Lande gewesen, sein Fjut war reichlich der Romantik verfallen, sein Rock hatte jene unbestimmte Farbe angenommen, bei der das Schwarz ins Grünliche schillert, wir landeten. Vas am Ufer wartende Volk stürzte sich auf den Rirchenfürsten, um nach Landessitte seine heiligen Hände zu küssen, wir überstanden in dem fürchterlichen Gedränge in seiner nächsten Nähe diese Rußprozedur und zogen dann mit Rlerus und Volk nach dem provisorischen Stationsgebäude der allergeringsten griechischen Eisenbahn Ratakolon pyrgos. hier fanden sich genau ausgerechnet vier Stühle und — es half kein widerstreben — zwei von ihnen mußten wieder wir beiden Deutschen einnehmen, umringt vom feierlichen Rlerus und gaffendem Volk. Sch mußte oft im stillen über das Römische unserer Lage lachen: auch belustigte es mich, daß die Leute sich festzustellen bemühten, welcher der beiden Fremden der Buxpüs tu wusilöos sei. Natürlich rieten sie nicht aus mich, den Unbärtigen, sondern auf meinen unfreiwilligen bärtigen Reisegefährten. Tin Priester ohne Rart ist in Griechenland, wo die Priester alles, was haar heißt, wachsen lassen müssen, undenkbar, wir mußten eine Stunde warten, wurden aber für diese Wartezeit belohnt, wir brauchten nach keinem fahrplanmäßigen Zug auszuschauen. Feierlich fuhren wir gratis erster Rlasse in einem Txtrazuge nach pyrgos und hier endlich kamen wir wieder frei. Vas heißt, der Sohn des guten Geistlichen, der mich in pyrgos festhalten wollte, wurde uns beiden Fremden beigegeben, wir wurden in das Haus seiner Mutter geführt, tranken einen Raffee und hatten eine lustige Unterredung, in deren Verlauf die gute Frau Pappadiä mir einen guten Teil ihrer inneren Familiengeschichte mitteilte und ihren Zorn darüber von mir gar nicht wollte beschwichtigen lassen, daß der Herr Erzbischof nicht bei ihrem Gatten, seinem Rommissar, sondern bei einem Geistlichen der herrschenden politischen Partei sein Rbsteigequartier nehmen wollte. Es gab ein naiv offenes Rewundern meiner Jugend und meiner Zivilkleidung, vorsichtshalber hatte ich gleich geschickt einfließen lassen, daß ich schon zwei Rinder habe, damit nicht etwa die noch ledige Tochter oder ihre Mutter ihre Spekulationen auf mich eröffnen möchten. Rus dieser Situation wurden wir endlich >/s4 Uhr durch die Rnkunft unseres Wagens erlöst und fuhren nun in heiterster Stimmung über das Erlebte gen Olympia. was für ein reiches, gesegnetes Land, diese Elis! herrliche, wasserreiche breite Flußtäler, die Ebenen ganz bis an der Berge Fuß mit Rorinthen bebaut, welch sattes Grün überall! wie wir so bergauf, bergab fuhren durch die feuchte Rbendluft, erinnerte mich vieles an Deutschland, was für Binsen standen an den gefüllten (!) Wassergräben, wie üppig wuchs das Schilfrohr, ein Zeichen der Bodenfeuchtigkeit. Es fehlten nur die Rinder, für die hier vollauf weide wäre, wenn man nicht ausschließlich Rorinthen baute, alles auf eine Rarte setzend. Treber gibt's genug, daher auch wohlgenährte Schweine. Die Ortschaften, die alle ein wohlhabendes Gepräge tragen, liegen wegen der Feuchtigkeit und Fiebergefährlichkeit der Ebenen alle an den Bergen hinaufgebaut, was gar schön aussieht. So klomm unser weg in Windungen zu ihnen hinan, dann lief er wieder schnurstracks durch eine breite Flußebene, überschritt vermittelst einer hohen Brücke eine Ru Bestanitza und lief dann wieder an den Bergen entlang bis mit roter Glut der Rbend niedersank und wir fein ungewohntes Bild!) eine der vielen Windungen des Rlpheios silbern zu uns herüberblitzen sahen. Dann wurde es dunkel. Um \ J Uhr waren wir in Olympia und mußten dann noch 20 Minuten, von einem Führer geführt, auf den Berg steigen, auf dem das Dorf vruwa und das sogenannte deutsche Haus, das paläti lag, wo S. wohnte. Seine Ueberraschung war groß. Tr war zum erstenmal aufgestanden, hotte bei seinem Telegramm auch gar nicht seine Rrankheit im Sinne gehabt und dachte nicht daran, mir nach Rthen zu folgen, wir hatten ein vorzügliches Rbendessen und plauderten spät in den Rbend hinein. Mittwoch früh hatten wir zuerst ein starkes Gewitter über dem Rlpheiostal, dessen Donner mächtig von den arkadischen Bergen widerhallten. Bis nach 10 mußten wir uns wegen des strömenden Regens gedulden. Dann stiegen wir hinunter und sahen zunächst die Schätze in den elenden Holzbaracken. Unter den Bronzen ragte ein herrlicher Ringkämpferkopf hervor, häßliche Weihgeschenke, unglaublich scheußliche Tiere gibt es da zu Tausenden. Dann wieder ein reizendes Rphroditeköpfchen. Interessant waren die Terrakotten. Man hat von den alten Schatzhäusern so herrliche Desimsestücke in diesem Material gemalt und modelliert gesunden, daß man sich ein anschauliches Bild von Farben und Formen machen kann. Endlich besahen wir das Statuenmuseum. Großartig sind die mächtigen Giebelsiguren, oft von imponierender Majestät. Das herrlichste ist aber der Hermes, gut erhalten, welch ein Rörper, was für ein feiner Ropf! Rach diesem Genuß nahmen wir in Lukäliko am Rronoshügel notgedrungen ein Frühstück zu uns und machten dann bis zum Dunkelwerden unseren Gang durch den heiligen Bezirk der Rltis. In den vom arkadischen Hochland herabkommenden Rlpheios mündet ein Nebenfluß Rlädeos, etwa im rechten Winkel. Zwischen diesen Flüssen und dem nördlich gelegenen Rronoshügel zog sich ein heiliger Bezirk, in dem etwa 1000 Jahre lang Zeus zu Ehren von den Griechen aller Staaten und Stämme Spiele gefeiert wurden, deren Stifter Herakles gewesen sein soll. (Oenomaos, Rönig von Pisa, der alten Hauptstadt des Landes, zwang die Freier seiner Tochter hippodameia zur Wettfahrt mit wagen und brachte die Ueberwundenen schmählich um, bis Pelops als Sieger aus dem Rampf hervorging und die hippodameia gewann. Der eigentliche Gründer ist wohl Rönig Iphitus von Tlis gewesen, der gemeinsam mit Lykurg von Sparta auf Geheiß des delphischen (Orakels im 9. Jahrhundert die Spiele neu ordnete und eine allgemeine treuen dei für alle griechischen Staaten während der Dauer der Spiele einführte. Zur Zeit des ersten Vollmondes nach der Sommersonnenwende wurde das Fest 5 Tage gefeiert mit großartigen Opfern und Rampfspielen. Nur Freie mit unbescholtener Vergangenheit wurden zu ihnen zugelassen nach zehnmonatlichen Uebungen. Den Siegern wurden Palmen gereicht. Der eigentliche Siegespreis war ein einfacher Delzweig des von Herakles selbst gepflanzten heiligen Delbaums. In dem heiligen Bezirk soll herodot einen Rbschnitt seines Geschichtswerks oorgelesen und dadurch Thukydides angeregt haben. Rls Themistokles nach der Schlacht bei Salamis das Stadium zu Olympia betrat, begrüßten ihn die versammelten Griechen mit lautem Jubel. Ruch den Philosophen Platon ehrte hier später die bewundernde Menge. 164 Die Rltis war ungefähr 200 Meter lang und 175 Meter breit und reich an Tempeln, Schatzhäusern, Rl- tären, Weihgeschenken und Liegerstatuen,' außerhalb des Bezirks lagen nördlich das Gymnasium und die palästra, östlich das Ltadion und das Hippodrom, von den Kaisern haben Tiberius und Nero hier Liege errungen, Theodosius hob im Jahre 304 die Spiele endgültig auf. Die Bewohner ffllpmpias machten sich eine große Festung mit 3 Meter starken Mauern aus Baustücken benachbarter antiker Gebäude, um sich gegen die fremden Völkerstämme, die seit dem 4. Jahrhundert in den Peloponnes einfielen, zu verteidigen: die Gothen 267 und unter Rlarich 395, im 6. Jahrhundert die Rvaren, die von 589 bis 807 im Peloponnes, namentlich im Westen, ein eigener Reich hatten. Ihnen folgten im 9. Jahrhundert die Llaen, deren Spuren noch heute in den vielen slavischen Ortsnamen erhalten sind. Dazu kamen für die Erhaltung der alten Tempel bedenkliche Naturkatastrophen. Im 6. Jahrhundert brachten zwei große Erdbeben unter anderen Gebäuden den Zeustempel zum Einsturz und ein Erdrutsch des Kronoshügels verschüttete das älteste Heiligtum, das Heräon, rettete aber eben durch die schützende Lrddecke den Hermes des Praxiteles. Eine Ueberschwemmung des Klädeos bedeckte die westlichen Gebäude 1 Meter hoch mit Land. Ueber den verschütteten Teilen baute eine arme christliche Bevölkerung ein großes Dorf, in dessen elenden Hütten fast alle Stücke der Giebelgruppen des Zeus-Tempels hineingebaut waren. Im 7. Jahrhundert verließ wiederum der Klädeos sein Bett und bedeckte im Lauf der Jahre ganz Olympia mit einer 3 bis 5 Meter hohen Landschicht. Buch der Rlpheios hätte an dem Zerstörungswerk sich beteiligt, wenn nicht ein römischer Backsteinbau seine Kraft gebrochen und seine Fluten abgelenkt hätte. Den ersten versuch der Rufdeckung machte die „Expedition de Moröe" im Jahre 1829, von 1874 bis 1881 wurde vom deutschen Neich auf Professor Turtius' Betreiben das Gebiet von Olympia von dem bis 6 Meter hohen Schutt befreit. (Fortsetzung folgt.) Line Niederlage der Gegner der Nirche. Ls ist bekannt, daß in unseren Tagen Freidenker und Lektenleute gegen die Kirche Sturm laufen und sie dadurch zu schädigen suchen, daß sie ihre Glieder auffordern, sich von ihr loszusagen. Man tut so, als ob die Landeskirche im Sterben läge und das Freidenkertum und die Sekten mit fliegenden Fahnen zum Siege zögen. Das gerade Gegenteil ist wahr, alle Bestrebungen, die sich die Vernichtung der Landeskirche zum Ziele setzen, haben seither ein sehr klägliches Resultat gehabt. Das hat der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete peus nun zum zweiten Male in einer für ihn sehr ärgerlichen weise erfahren. Line Versammlung zu Stuttgart, in der er im verflossenen Winter für den Rustritt aus der Landeskirche agitierte, endigte damit, daß sich die große Teilnehmerschar geschlossen gegen den Redner wandte und sich auf die Seite der zur Versammlung erschienenen Stuttgarter Pfarrer stellte, die eine Resolution vorschlugen, die den hohen, unersetzlichen wert der Landeskirche anerkannte und sich entschieden gegen ihre Widersacher aussprach. Rber Herr peus ist unverdrossen, er versucht es immer wieder, mit seiner Redekraft und seinem Scharfsinn eine Lanze für den Kirchenaustritt zu brechen. Ruch in Solingen trat er kürzlich wieder im proletarischen Freidenkeroerein als Redner auf und sprach über das Thema: „Baut Volkshäuser statt Kirchen". Zwei Stunden lang mühte er sich ab, zu beweisen, wie schädlich das wirken der Kirche sei. Selbstverständlich kann Herr peus so etwas nicht leisten, ohne seinen Rusführungen durch höhnische und lästerliche Redensarten den nötigen Nachdruck zu verleihen. Freilich gings ihm dabei wieder einmal herzlich schlecht, denn statt der vorgeahnten Siegesfreude wurde ihm eine Niederlage zuteil, an die er vielleicht noch recht lange denken wird, verschiedene Diskussionsredner, zumeist Geistliche, fertigten Herrn peus unter starkem Beifall glänzend ab, und das Ergebnis der Kirchenaustrittsversammlung war folgende Resolution: „Die vom Freidenkeroerein in das Hotel Monopol ein- berufene öffentliche Versammlung, in der Reichstagsabgeordneter peus über das Thema: „Baut Volkshäuser statt Kirchen" referierte, protestiert aufs energischste gegen die unduldsame Rgitation der Freidenker gegen die Kirche, sowie gegen die unberechtigten Rnwürfe der Führer gegen dieselbe. Versammlung fordert alle denkenden Männer und Frauen auf, sich um so fester um die Fahne des Evangeliums zu scharen und eine geschlossene Phalanx zu bilden gegenüber den Mächten des Unglaubens." Es würde sich sehr empfehlen, daß auch an andern Orten sich alle kirchlich und evangelisch Gesinnten zu gleich energischen Vorstößen zusammenschlössen! Erinnerungen eines alten Mannes. von Generalarzt a. D. Dr. Otto Kappeffet m Darmstadt. 1 7. Der mecklenburgische Zwetschenkuchen. während des badischen Rufstandes war bekanntlich auch zur Herstellung der Ordnung eine Rbteilung aus dem weltfernen Mecklenburg nach Hessen herangezogen worden, welche als besonders vertrauenswürdige Verteidiger gegen drohenden Umsturz von den beunruhigten hiesigen Einwohnern gern willkommen geheißen wurde, indem jeder ihnen seinen guten willen und seine gesetzestreue Gesinnung durch gastliche Bewirtung auszudrücken suchte. So hatte auch die Frau eines angesehenen Darmstädter Rrztes, der mit Einquartierung tüchtig bedacht worden war, sich eifrig bemüht und ihren Gästen zum Nachtisch sogar einen solennen „Ouet- schenkuchen" gebacken. Mit einiger Bestürzung jedoch gewahrt sie, daß dieselben ihr kulinarisches Meisterstück mit offenbarem Befremden zu betrachten schienen. Da fiel ihr ein, sie könnten Mißtrauen in vermeintlich feindlichem Lande fühlen und am Ende gar den reichlich aufgestreuten Zucker für Gift halten. Sie veranlaßte daher den Gemahl zu schleuniger Intervention, und dieser fragte dann die Gesellschaft, ob sie etwa an dem Kuchen etwas auszusetzen fänden, bezw. ob es bei ihnen zu Hause so etwas nicht gebe? „G ja," entgegnete ihm ein strammer Unteroffizier, „Zwetschenkuchen gibt es ja auch bei uns, aber es sind da nicht so viele Zwetschen darauf, nur so dann und wann eene!" Seitdem heißt man bei uns, wenn in den Jahren, da die Zwetsch- bäume weniger von Segen triefen, der Teig zwischen den spärlichen Zwetschen herausguckt, das einen „mecklenburgischen Ouetschenkuchen". 18. Das falsche Klima. Rnfangs der 1820er Jahre hatte der Dber-Ingelheimer Pfarrer auch die evangelische Gemeinde Frei-Weinheim als Filiale mit zu versehen, wo er an jedem zweiten Sonntag in einem Betsaal den Gottesdienst abhielt, weil aber damals selbst die kühnsten wünsche sich nicht bis zu einer Orgel oder sonstigem Begleitinstrument erhoben, und sich der junge 165 Geistliche nicht musikalisch befähigt genug hielt, um auch den Kirchengesang mitzuleiten, war er froh, daß ein eifriges Mitglied seiner Sngelheimer Gemeinde, das auch sonst beim Gottesdienst mithalf und sich des festen Besitzes einiger gangbaren Thormelodien rühmte, ihn dorthin begleitete, um den Organisten zu ersetzen. Natürlich war der Geistliche in der Duswahl der Kirchenlieder, die auf die wenigen Melodien paßten, sehr beschränkt. Der Ehrgeiz des Vorsängers ging aber weiter, und so ließ sich der Herr Pfarrer von ihm überreden, es einmal mit einer noch nie dagewesenen Melodie zu versuchen. Das mißlang aber kläglich und gleich nach dem Dnfang geriet die ganze Singerei kläglich aus dem Geleise. Den Vorsänger aber verließ die Geistesgegenwart nicht, und im Handumdrehen stimmte er ein früheres Lied nach der Melodie an: „wer nur den lieben Gott läßt walten", und da ging auch der Gottesdienst wieder seinen richtigen Gang. Duf dem Heimweg herrschte dann zwischen beiden erst ein verlegenes Schweigen, bis endlich der Herr Pfarrer anfing: „Gelt, es war doch nichts mit dem neuen Lied, ihr habt's doch nicht gekonnt." „Herr parrer," war die Dntwort, „könne tue ich's wohl, ich sin nor in a falsch Klima Kumme." 19. Lin Feldmesser st reich. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts lebte in einem rheinhessischen Dörfchen ein Sattler, der war mit allen Hunden gehetzt. Er war lange draußen auf der Ivanderschast gewesen und hatte da irgendwo und nebenbei etwas von der Feldmeßkunst gelernt, die damals noch selten geübt wurde. Da ihm die Instandhaltung der Dckergeschirre der Dorfbewohner noch viel Zeit übrig ließ, so verfiel er darauf, sich eine regelmäßige Meßstange anzufertigen, daran die Maßeinheiten mit eingeschlagenen, zierlichen gelben Nägeln festgelegt waren. Damit begann er, den Dauern ihre Decker abzumessen, und bei den damals noch wenig geregelten Besitzver- hältnissen wollte jeder gern wissen, was seit der letzten Lrb- verteilung sein Eigentum war, und so hatte er immerhin eine nicht uneinträgliche Nebenbeschäftigung. Nun war ihm aber einmal seine Meßstange zur Drüche gegangen und bei der Neuanfertigung kam er auf eine verflixt spitzbübische Idee. Lr schlug die einzelnen Maßnägel am „Zollstock" um ein haar breit näher zusammen, das machte dann an der ganzen Stange schon ein paar Fingerbreiten aus. wie er dann wieder anfing, Decker zu messen, ergab sich allemal ein klein Stückchen mehr, als dem Besitzer eigentlich zugeschrieben war. Dann nahm er sich denselben wohl bei Gelegenheit beiseite. „Gevattermann," sagte er, „ihr habt wohl beim letzten Zackern die Pflugschar bei der letzten Furche ein bischen scharf eingestellt, denn euer Stück mißt sich größer aus, als es eigentlich dem Rechte nach sein sollte." Der Betreffende hatte dann jedesmal kein reines Gewissen, schon weil er überzeugt war, daß der Nachbar es gegebenenfalls geradeso machen werde, weil es aber doch niemand erfahren sollte, erbot er sich, das zuviel vermessene Streifchen Land dem Sattler gegen klingenden Lohn wieder abzukaufen, daß er nur schweigen möge. Da sich aber kaum einer im Grt ganz frei von Schuld wußte, so hat er den meisten je ein Stück von ihrem eigensten Eigentum für gut Geld zurückverkauft und. sich mit Schläue manch vergnügten Tag gemacht. Erst Jahre nach seinem Tod ist man bei regelmäßiger Katastereinführung hinter die Schelmenstreiche des Sattlers gekommen, und einer oder der andere hat es dann auch im Derger zugegeben, wie er einmal von einem Schlimmeren gefoppt worden ist. Lin pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) Duf dem Heimweg erzählte mir Gottfried so viel aus dem Musikantenleben, daß ich den Eindruck gewann, der reichste Brauereibesitzer in Kaiserslautern und der größte Gutsbesitzer der Pfalz habe kein so schönes Leben als ein pfälzischer Musikant, wohin Gottfried mit seiner Kapelle gekommen war, da war diese von den Einwohnern freudig, ja mit der größten Hochachtung begrüßt worden. In den Ostseebädern hatten die Musikanten der feinsten Gesellschaft zum Tanze aufgespielt, in Königsberg hatte sie der preußische Regierungspräsident in sein Haus eingeladen, damit sie bei der verlobungsfeier seiner Tochter ein Konzert geben sollten. Der Direktor der Kreuznacher Kurkapelle hatte Gottfried viel Geld geboten, wenn er bei ihm eintreten wolle, aber der Ruppertsecker Klarinettist hatte es vorgezogen, durch die Welt zu reisen, weil er sich dabei besser stehe, von dem schönen Leben auf der Landstraße berichtete er Wunderdinge. Die feinsten Fische hatte er an der Ostsee gegessen, in Frankreich hatte er jeden Tag Rotwein getrunken und sich Koteletten braten lassen. In Köln hatte Gottfried acht Tage lang bei den Karnevalsbelustigungen aufgespielt und dazwischen doch noch Zeit gefunden, sich zu maskieren und im Gürzenich zu tanzen. wiewohl ich das alles zu Hause meiner Mutter erzählte, so wollte sie zunächst gar nichts davon wissen, daß ich ein Musikant werden solle. „Denk an deinen Vater," sagte sie, „der wollte beileibe aus dir keinen Schnurranten machen." „Dber, Mutter, ich will ja auch nur einen Sommer lang mitgehen und mich nach Weihnachten wieder verdingen. Sch muß doch Geld verdienen." „Du hast es in Stein-Bockenheim vor Heimweh nicht ausgehalten und willst jetzt nach Hamburg und noch weiter gehen." „Dch, Mutter, wenn ich Leute um mich habe, die aus unserer Gegend sind und wenn ich jeden Tag etwas neues sehe, so kriege ich kein Heimweh." Die Mutter blieb vorerst fest. Sie bestand darauf, daß ich in meine alte Dienststelle zu Herrn Hinkel zurückkehren solle. Dieser Vorschlag leuchtete mir auch ein, so daß ich mehrere Tage lang meine Musikantenpläne vergaß. Sch ging auch nach Stein-Bockenheim, um zu fragen, ob ich wieder ankommen könne, da aber hörte ich, daß Herr Hinkel gleich nach meinem Weggang einen anderen Knecht genommen habe, den er nun nicht wegschicken könne. Nun legte sich Gottfried Keiper in das Mittel. Er bearbeitete meinen petter Ronthaler, daß er auf meine Mutter einwirken solle, daß sie mich ziehen ließe. Er steckte sich hinter die Dltpeter-Lene, die jeden Tag in mein Elternhaus kam. Beide taten ihm auch den willen, ich selber hörte nicht auf zu bitten, und so sagte meine Mutter eines Nachmittags, als die Wolken grau über dem Lande am Donnersberge lagen: „Sn Gottes Namen, Bub, wenn du dich nicht halten läßt, dann werde ein Musikant!" hochauf sprang ich vor Freude bei diesem Bescheide und eilte zu Gottfried Keiper, der gerade Noten abschrieb. „Gut, Peter," sagte er und legte die Feder weg, „da wird sich der Meister freuen, daß er jetzt noch einen Trompeter hat. heute abend ist Uebungsstunde in Rockenhausen, da gehst du mit." 166 3n einer früheren Wagnerwerkstatt fand ich, als ich abends mit Gottfried ankam, die Lande versammelt, mit der ich nun durch die Welt ziehen sollte. Tine Petroleumlampe hing von der Lecke herab, Notenständer und Schemel standen in dem Räume, sonst war nichts da. Ich wurde vorgestellt und lernte die mir noch fremden Mitglieder der Musikbande kennen. Da war ein langer INann, der Nikolaus Schweizer aus Nockenhausen, er war verheiratet und hatte Rinder, aber in jedem Frühjahre zog er mit hinaus in die weite Welt. Schwarz von haar war auch der Jakob Straßer aus Hefersweiler, aber er war von untersetzter Figur und hatte eine aufgestülpte Nase, während Schweizers Nase echt französischen Schwung aufwies. Nus Imsweiler waren Tobias Wagenschmidt und Sebastian Wolf, aber der erstere hatte schon in Landau beim Militär gedient, während der letztere erst fünfzehn Jahre alt war. Unter den Musikanten war sogar ein Ndliger, das war der Wilhelm von Velden. Tr entstammte einem pfälzischen Ndels- geschlechte, das einst bessere Tage gesehen und dessen Glieder in früheren Jahrhunderten wohl zu Rreuzzügen und Turnieren, aber nicht zum Waldhornblasen ausgezogen waren und die sich ganz gewiß keine Kupfermünzen in die Rappe hatten werfen lassen. Lein Vater war Nlühlknecht gewesen. Wilhelm von Velden war ungefähr dreißig Jahre alt und war aus Niederkirchen gebürtig. Tr hatte von uns allen, wenn er zum Ueben nach Nockenhausen kam, den weitesten Weg zurückzulegen. Nasch fand ich mich in die Noten, die mir der Meister vorlegte, aber das Takthalten wurde mir nicht eben so leicht, hier war Gottfried mein Helfer, er nickte beständig mit dem Ropfe, während er spielte, und markierte meine Tinsätze, ich sah nach ihm hin, und so ging die Lache leidlich gut. Trompete, Tuba, Rlarinette, Bariton und Waldhorn klangen ineinander, die Musik schmetterte hinaus in den stillen Nbend. Ts wurde geübt, was wir zunächst für unsere Wanderschaft nötig hatten, hauptsächlich Tänze: Walzer, Rheinländer, Polka-Mazurka und Galoppade. Dann spielten wir auch Märsche, den Torgauer, den Hohenfriedberger, den Radetzkp- und den pariser Tinzugsmarsch. Bekannte Lieder durften auch nicht fehlen, der Jäger aus Rurpfalz, die Wacht am Rhein, heil dir im Liegerkranz wurden gespielt. Lchließlich waren wir durch die fortwährende Uebung so weit, daß wir bekannte Lieder sofort vom Blatt spielen konnten. Natürlich spielten wir das alles nicht an jenem ersten Nbend, sondern nach und nach. Ich bin nur mit meiner Tr- zählung der Zeit etwas voraus geeilt, auch sind mir naturgemäß nicht mehr alle Tinzelheiten in der Trinnerung. Der Meister hatte mir gleich am ersten Nbend von einem Lchneider aus dem Ltädtch.n eine Uniform anmessen lassen, wie sie alle Mitglieder der Bande trugen: graue Beinkleider, grauen Rock mit grünen Nufschlägen und Lchirmmützen, gleichfalls von grauer Farbe und mit grüner Borte. Nls ich acht Tage später zur Uebungsstunde kam, lag meine „Montur" fertig über einem Lchemel. Da außer Gottfried noch niemand anwesend war, so zog ich mich sofort um. Mein Freund half mir dabei, indem er mir den Rragen zuhakte, was ich allein noch nicht recht fertig brachte. Nls die anderen eintraten, konnte ich mich schon als einen fertigen Schnurranten vorstellen. Ts war in der Zeit, da die Leute den Spaten auf die Schulter nahmen und das Feld umgruben, auf dem sie Gelbrüben pflanzen wollten, da sagte der Meister: „So, jetzt am Montag wollen wir auf die Reise gehen. Morgens Punkt acht geht es hier von dem Hause aus fort. Setzt eure Felleisen in Stand und du, Peter, geh zu eurem Bürgermeister und laß dir deinen heimatschein ausstellen!" Mein Felleisen mit den nötigsten Habseligkeiten war schon gepackt, meinen heimatschein wollte ich mir am nächsten Tage geben lassen. Ich trug meine Bitte dem Bürgermeister Rodenbecher vor, der die kurze Pfeife rauchend hinter dem Tische saß. „Ts wird alles gemacht, Peter", gab er mir zur Nntwort. „Rann ich den heimatschein nicht gleich mitbekommen?" fragte ich, da es bereits Samstag war und wir doch Montags Weggehen wollten. „Geh nur heim, mein lieber Peter, morgen kommt der Honeck, und da wird alles gemacht." Da merkte ich, daß unser Dorfoberhaupt von sich aus nicht imstande war, einen heimatschein auszustellen, und ging am nächsten Tage wieder hin. Nun war der Honeck da. Tr fertigte das Schriftstück aus, Rodenbecher fetzte mit steifen Schriftzügen seinen Namen darunter, drückte das Gemeinhe- siegel auf, und ich konnte gehen. Der letzte Nbend, den ich zu Hause zubrachte, ist mir noch in guter Trinnerung. Ich saß mit meiner Mutter allein im Wohnzimmer, heute noch meine ich es zu hören, wie die alte Frau sagte: „Jetzt liegt der Georg in Frankreich begraben, der Vater ist tot, der Jakob und die Nnnmarie sind nicht mehr hier und, Peter, auch du gehst jetzt fort, vor zehn Jahren war das Haus noch so voll, und nun wird es immer leerer. Peter, denk in der Fremde, wenn dich schlechte Menschen verführen wollen, an deinen Vater, der so treu und fleißig war und mach uns keine Schande!" Das versprach ich der Mutter in die Hand hinein und ging dann zu Bett. Nber lange Zeit konnte ich nicht ein- schlafen, ich fühlte, daß mein Lebensschifflein jetzt eine andere Richtung einschlagen werde. Dann zogen im Traum allerlei Gestalten an mir vorüber. Ich sah den Vater mit dem Spaten über der Schulter langsam zum Hoftore hereinkommen. Herr Hinkel ging mit mir durch den Wald, um einen Rehbock zu schießen. Rindheitserinnerungen erwachten, und ich sah den Gottfried Reiper Fratzen schneiden. Dann sah ich die Rapelle, zu der ich nun gehörte, weit von mir entfernt auf der Straße stehen und eifrig musizieren. Der Meister winkte mir, ich solle doch herbeikommen, aber ich war wie festgeleimt an den Boden. Ich mühte mich und wollte laufen, kam aber vom Platze nicht los. Immer mehr verwirrte sich mein Traum und löste sich schließlich in das Nichts auf. y. Dünner Regen sprühte vom Himmel herab, und der Boden war glitschig, als wir am nächsten Tage das Nlsenz- tal hinunter nach Rreuznach marschierten. Ich hatte mir den Nnfang meines Musikantenlebens eigentlich fröhlicher vorgestellt. Im Gänsemarsche gingen wir hintereinander her, vier von uns auf der rechten, die vier anderen auf der linken Seite der Landstraße, da, wo an den pfählen an den Dorf- ausgängen angeschrieben steht: Pfad für Fußgänger. Mein Felleisen tanzte bei dem eiligen vorwärtsschreiten auf meinem Rücken auf und nieder, die Trompete, wohl verwahrt im Futteral, hatte ich unter den rechten Nrm gepackt und hatte wie die anderen Musikanten die Hände tief in die Hosentaschen vergraben. Niemand von uns sprach ein Wort. 167 Durch Vielkirchen, Bayerfeld und Mannweiler ging unser Marsch, wo Binder uns sahen, riefen sie uns nach: „Schnorrante, Schnorrante, spielt doch was!" Huf diesem Wege beneidete ich die Landleute, die entweder auf ihrem Hofe hantierten oder hinter den Fensterscheiben standen und uns nachsahen, sie brauchten nicht durch den Regen zu patschen. Rls wir die ersten Häuser von Rlsenz vor uns auftauchen sahen, sagte Wilhelm von Velden, der unmittelbar hinter mir ging: „Mein Magen knurrt schon seit zwei Stun- den wie ein Hund. Ich denke, in Rlsenz läßt uns der Meister ein Frühstück geben." Ls ist bei den Musikbanden, wie sie aus der Pfalz in die Welt hinausziehen, der Brauch, daß der Meister die gesamten Bosten der Verköstigung, der Unterkunft, auch die Reisekosten trägt und außerdem noch jedem seiner Leute einen Wochenlohn auszahlt. Dafür kommen ihm auch alle Einnahmen zugut. Wilhelm von Velden, der Mann mit dem knurrenden Magen, sah sich leider enttäuscht, wir kamen in Rlsenz an verschiedenen Wirtshäusern vorbei, aber der Meister sagte nicht: So, hier wollen wir etwas zu uns nehmen! Ruhig ging er seinen Schritt weiter. Rls wir das Städtchen hinter uns gelassen hatten, fluchte Wilhelm von Velden in einer weise, die einem adligen Herrn sehr schlecht ansteht. Ruch die Dörfer Hochstätten und Rlten-Baumburg wurden passiert, ohne daß wir eingekehrt wären. Mir selbst, der ich in jenen Fahren einen kräftigen Rppetit entwickelte, kam die Sache gleichfalls ungemütlich vor, im Hause des Herrn Hinkel hatte ich alles in hülle und Fülle gehabt, hier auf der Musikantenfahrt, so dachte ich, würde mir mein neuer Rock bald zu weit werden. Rls wir das letzte pfalz-bayerische Dorf Tbernburg beinahe erreicht hatten, hörte der Regen auf und die Märzsonne drang durch. Unsere Stimmung besserte sich bedeutend, als der Meister sagte: „So, hier wird gefrühstückt, und dann machen wir im Grte Musik." Rn den Bergkegel, auf dem die Burg gleichen Namens liegt, lehnt sich das Dorf Tbernburg im Halbkreise an. Rach Norden bildet der Wasserspiegel der Nahe die Grenze gegen das preußische Gebiet. Steil gehen die Straßen zum Teil in die höhe, und die Füße taten mir wehe, als ich nach dem langen Marsche über das Pflaster schritt. In einem Wirtshause gab es Brot, Bäse und leider auch Schnaps. Ts ist eine schlimme Sitte, daß viele Musikanten auf ihren Wanderfahrten zu viel trinken. Das unregelmäßige Leben bringt manchen, der von Haus aus mäßig und nüchtern ist, an das Trinken, wein, Bier, Schnaps, alles rinnt durch die durstige Behle, nicht ohne Grund sagt man, daß die Musikantenkehle ein Loch habe. Damals, als ich zu blasen anfing, hatte man in meinen Breisen noch nicht das geringste Verständnis für die Schädlichkeit des allzu reichlich genossenen Rlkohols. Im Gegenteil, man war der Rnsicht, daß Schnaps und Bier, namentlich aber der wein, die Glieder stärkten. Schnaps hatte ich seither noch nicht getrunken, ich schüttelte mich, als man in Tbernburg das kleine Glas mit der Hellen Flüssigkeit vor mich hingestellt und ich ein wenig daran genippt hatte. Das sah der Jakob Straßer, und mit den Worten: „Peter, Branntwein ist nichts für einen jungen Berl!" trank er mein Glas leer. (Fortsetzung folgt.) Worte zum Nachdenken. Zieh aus dem Himmel deine Braft und du wirst auf der Trde in Segen wirken, habe Verständnis für die obere Welt, und die untere Welt wird von dir bereichert und befruchtet. wie man im Irdischen Zeit und Gelegenheit benützen muß, um etwas Tüchtiges zu werden, so müssen wir auch die kurze Gnadenzeit auskaufen, daß wir das Twige ergreifen. Man wird nicht selig durch träges Sichgehenlassen, sondern man muß ringen und Kämpfen, doch so, daß die Seele ruht in der Gnade Gottes, und aus ihr jeden Tag Braft und Freudigkeit zieht. Tin Tag, der sagt's dem andern, Mein Leben sei ein wandern Zur großen Twigkeit. (D Twigkeit, du schöne, Mein Herz an dich gewöhne, Mein heim ist nicht in dieser Zeit. G. Terstegen. Ruch in der höchsten Not ist Thristus unser Helfer, denn er macht aus der Drangsal eine Befreiung, aus der Gefahr einen Triumph, aus der Rnfechtung einen Sieg, aus dem Jammer eine Erlösung, aus dem Tode eine Ruferstehungsfeier. kirchliche Anzeigen. I. pfingstfeiertag, den 3 l. Mai. Bollekte für die Hess. Lutherstiftung. Gottesdienst. In der Stadtlirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Schwabe, vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer v. Schlosser, vormittags 11 Uhr: Binderkirche für Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam. Pfarrer v. Schlosser. In der Johannestirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Russeld. vormittags 9Vg Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Beichte und heil. Rbendmahl für Lukas- und Jo- hannesgemeinde gemeinsam. Rnmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags 1114 Uhr: Binderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. 2. pfingstfeiertag, den 1. Juni. In der Stadtlirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrassistent Hoffmann. vormittags 9Ve Uhr: Pfarrer Schwabe. Beichte und heil. Rbendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam. Rnmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. In der Johanneslirche. vormittags 8 Uhr: Siehe Stadtkirche, vormittags W /2 Uhr: Pfarrer Rusfeld. vormittags 11 Uhr: Binderkirche für die Johannesgemeind«. Pfarrer Rusfeld. v.Bcrj[mann£Co., Radebeul ist die beste Lilfenmllohselfe f. zarte, weiße Haut u.blendend schün Teint St.&OPf Überall z. hab 168 Rudolf Richter Gießen, Marktstraße 24—26 hüte und Mützen Reichhaltige Auswahl. VilligePreife :: Rabattmarken. Reparaturen :: Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- unb Weißwaren Herren- u. Knabenkleiber Besonders billiger kfehuh- 7 /erkauf 15 ° Io bis 30 ° /o Reparaturen billigst Gescliw. Dolberg Nach!. empfehlen Trauerhüte, Trauerschleier, moderne Gürtelbänder, Schleier und Uebergangshüte ZZrdr. Seipel = ,6 Markt 16 = < vorteilhastevezugsquelle ) für \ Ztrumpswaren unö$ Unterzeuge. Wäsche < $ Rinder - Ausstattungen ^ ^ «n gras Korfctts en detail ) fc e:^rankfurter^tra^e. ? 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