Nr. 18. Giehen, Sonntag Kantate, 10. Mai 1914. 3. Jahrgang. Die Kraft -es Glaubens. 2. Brief des flpojtels Paulus an die Korinther 12, 9. Er hat zu mir gesagt: Latz dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Tin erschütterndes Kapitel ist das 12. Kapitel des zweiten Briefes des flpofteis an die Korinther, fjier läßt uns Paulus einen Blick in die Glaubenskämpfe tun, die ihm nach Gottes Kat und willen auferlegt waren. Dieser große Glaubensheld hat um feinen Gott in einer weise gerungen, die wir nur von fern ahnen können, Paulus hat Erlebnisse gehabt, wie sie nur selten auf Erden Vorkommen. Kuch er, der die Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Heiland in zwei Erdteilen verkündigt hat, ist von Gott mit reicher Gnade beschenkt worden. In der ersten Zeit, da er zu Jesus gekommen war, erfüllte ein unbeschreibliches Glücksgefühl feine Seele. „(Er ward entzückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, welche kein Mensch sagen kann." Kber die Hochflut dieser Glaubensfreude und des Glückes, bei Gott in Gnaden zu stehen, ging rasch vorüber, es kamen für den Kpostel Zeiten schwerer Trübsale. Da hatte er keine hohen Offenbarungen mehr, da war es ihm um Trost oft bange. Gott gab ihm einen Pfahl in das Fleisch, darunter haben wir wohl ein schweres körperliches Leiden zu verstehen, unter dessen Druck der Kpostel sein Leben lang geseufzt hat. In dieser Trübsal rief er Gott an, das Kreuz doch von seiner Schulter zu nehmen. Kber die Last blieb unvermindert auf ihm liegen, das Leid verging nicht. Da erkannte er, daß das Gott so gefügt habe zum fjcile seiner Seele. Unter dem Druck des Kreuzes schloß sich Paulus inniger an seinen fjeilcmb an, seine Seele wuchs und spannte die Flügel nach dem Ewigen aus, er konnte andere trösten, ihnen ein Führer zum Himmelreich werden. Da erkannte er, daß die Kraft Gottes gerade in den Schwachen mächtig ist und daß der Thrist, wenn er äußerlich schwach ist, eine umso größere Kraft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe entfaltet. wie die Kraft Gottes in einem schwachen Menschen einmal mächtig war, erzählt uns eine einfache, aber von tiefer Wahrheit erfüllte Geschichte, die wir in dem seinerzeit von Herrn Pfarrer Dr. Kaumann herausgegebenen „Kirchenkalender für die evangelische Gemeinde in Gießen", Jahrgang 1891, finden. Ein gebildet sein wollender volks- redner, so lesen wir da, hielt in einem Dorfe einen Dortrag, um die Leute „aufzuklären". Nach Beendigung forderte er zur Besprechung auf. Nur eine alte Frau, altmodisch gekleidet, von der Last der Jahre gebeugt, machte davon Gebrauch, indem sie zu dem Kedner sagte: „Herr, ich wollte Sie etwas fragen." — „Gut, Frauchen, was ist's?" — Sie antwortete: „vor zehn Jahren wurde ich Witwe. Ich hatte acht unversorgte Kinder und kein vermögen als diese Bibel. Da ich mich nach ihr richtete und Gott um Hilfe bat, war ich imstande, mich und mein Haus zu ernähren. Kun wanke ich dem Grabe zu, aber ich bin vollkommen glücklich; denn ich werde eingehen dürfen zu meines Herrn Freude. Das hat mein Glaube für mich getan, was hat nun Ihre Knsicht für Sie getan?" — „Gutes Frauchen," sagte der Redner, „ich will Ihnen Ihren Trost nicht nehmen. . ." — „©," erwiderte die Frau, „das wäre ein unnützes Bemühen; darum handelt es sich nicht. Ich frage: was hat Ihre Knsicht für Sie getan?" — Der Mann wollte wieder eine ausweichende Knt- wort geben; aber die Versammlung jauchzte der Frau Beifall zu, und er mußte das Feld räumen. h. B. Lin Geheimnis. Es ist ein Wesen wunderbar, von niemand noch erdacht. Kuf zween der Füße schreitet es, Die heißen Tag und Nacht. Starr und bedächtig geht es fort In gleichgemessenem Schritt. Ts dröhnet durch den Weltensaal weithin sein wucht'ger Tritt. Kms Haupt es einen Schleier trägt, Der winkt Vergessenheit, Sein Kuge unbeweglich blickt In die Unendlichkeit. Ts fragt nach keinem Menschenweh, Nach keinem Kampf und Streit. Und fragst du, wer das Wesen sei? Kuf Erden nennt man's — Zeit. K. G. 138 » Erinnerungen eines alten Schleswig-Holsteiners an das Jahr J864- Zur 50. Mederkehr der Tages von Düppel. (Schluß.) Lei Düppel und Krnkiel sind Denkmale errichtet, viele Tausende von Touristen, Erwachsene und Schulkinder, stehen alljährlich am Fuße dieser Denkmale und lassen die Taten von 1864 vor ihren geistigen Kugen aufleben. Buch ich habe oft an diesen beiden Denkmalen gestanden, mehr ergriffen aber hat es mich immer, wenn ich ganz allein neben den Gedenksteinen stehen konnte, die man an der Stell« errichtete, wo unser alter Heldenkaiser Wilhelm gestanden hat, um seine siegreichen Soldaten vor sich vorüberziehen zu lassen, damals konnte er die Schmach vergessen, die man ihm 1848 in Berlin angetan hatte. Die Erstürmung Düppels, die Besetzung Jütlands hatten die Dänen noch nicht mürbe gemacht, ihre Inseln und vor allem ihre Hauptstadt Kopenhagen, das für das kleine Dänemark dieselbe Bedeutung hat, die Paris für Frankreich hat, hielten sie für sicher, da ihre Flotte stärker war als die Preußens, Kls aber trotz Wache dänischer Kriegsschiffe die Preußen nach Visen übersetzten, überkam die Dänen die Kngst, sie waren jetzt zum Frieden bereit, auch unter der Bedingung, daß sie Schleswig-Holstein an Preußen und Oesterreich abtreten sollten. Der Friede wurde so zu Men abgeschlossen. Die Großmächte England und Kußland, die anfangs sich so drohend für Dänemarks Unverletzlichkeit ins Zeug gelegt hatten, schwiegen. Uach dem Wiener Frieden ließen Preußen und Oesterreich durch je einen Kommissar die Herzogtümer gemeinsam verwalten. Die Anhänger des Herzogs von Kugustenburg, die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung, setzte ihr vertrauen auf den österreichischen Kommissar, der Halbhuber hieß. In scherzender Form kam dies vertrauen so zum Kus- druck: „Halbhuber nicht vergißt, daß er auch Halbhaber ist." Line kleine, aber sehr einflußreiche Partei, der Landesadel, und eine Unzahl einsichtiger, angesehener Bürgerlicher hielt zu Preußen. Der Gegensatz zwischen Preußen und Oesterreich drohte schon 1865 zum Kusbruch des Krieges zu führen, der Krieg wurde aber noch ein Jahr vermieden durch den Gasteiner Vertrag, der Schleswig unter die Verwaltung Preußens und Holstein unter die Verwaltung Oesterreichs stellte. Um 24. Januar 1867 konnte dann Preußen nach glücklicher Besiegung Oesterreichs Schleswig-Holstein in Preußen einverleiben. Seitdem ist Schleswig-Holstein eine preußische Provinz, die durch die fürsorgliche Verwaltung der preußischen Kegierung in ungeahnter Weise in jeder Beziehung emporgeblüht ist. Die augustenburgische Partei schmolz schon im glorreichen Jahre 1870/71 sehr zusammen, starb dann völlig aus, als im Februar 1881 unser jetziger Kaiser die älteste Tochter des Herzogs Friedrich VIII. von Schleswig-Holstein als Gemahlin heimführte. Schleswig-Holstein ist eine treue, preußische Provinz geworden, einzig Kordschleswig hat noch immer trotz der ganz besonderen Fürsorge der preußischen Kegierung eine überwiegend dänisch gesinnte Bevölkerung. Die Volkssprache ist die dänische Sprache, in vielen Kirchen wird nur dänisch, in noch mehr Kirchen dänisch und daneben 6—24 mal im Jahre deutsch, in sehr wenig Kirchen nur deutsch gepredigt. Die Schulsprache in den nordschleswigschen Städten ist in höheren und unteren Schulen nur deutsch, in den Landschulen ist die Schulsprache bis auf vier (Mittelstufe und Oberstufe) bezw. sechs (Unterstufe) wöchentliche dänische Keligions- stunden deutsch gemäß Sprachanweisung von 1888. Kuf Wunsch der Eltern können die Kinder auch den Keligions- unterricht in ausschließlich deutscher Sprache erhalten. So wird in den meisten nordschleswigschen Schulen deutscher und dänischer Keligionsunterricht nebeneinander erteilt, in den Kreisen Kpenrade und Ländern aber gibt es recht viele Schulen, in welchen einer Entschließung der Eltern entsprechend der Keligionsunterricht ausschließlich in deutscher Sprache erteilt wird, also die ganze Schulsprache die deutsche ist. Kordschleswig ist ein Grenzland, wie schwer aber ein Grenzland zu. gewinnen, ja überhaupt nur zu regieren ist, sehen wir überall. Dänische Kgitation ist stets in Kordschleswig gewesen. Die dänischen Kgitatoren aber, die enge Fühlung mit der dänischen Kegierung und dem Hofe in Kopenhagen haben, sind durch Vermittlung des dänischen Hofes, der seine nahen verwandten in Petersburg und London hat, immer genau über die politische Lage in Europa unterrichtet und regen die nordschleswigsche Bevölkerung dann immer am meisten auf, wenn ein Krieg gegen Deutschland in Sicht ist. Kugenblicklich ist die dänische Bevölkerung Kordschleswigs so in Bewegung wie kaum jemals seit 1864. Sie hat nur einen Punkt, über den sie sich wirklich beschweren kann, in allen übrigen muß sie selbst die strenge Gerechtigkeit, die tüchtige Verwaltung und das hohe Wohlwollen der preußischen Kegierung anerkennen. Die Sprachanweisung von 1888, welche das Dänische mit einem Schlage fast ganz in den Schulen zurückdrängte, der Bevölkerung also den Knterricht in der Muttersprache nahm, war ein verhängnisvoller Mißgriff. Erfahrene, einsichtsvolle Kenner der Verhältnisse haben vorher und nachher ihre warnende Stimme erhoben, aber vergebens. Die Männer, welche am Staatsruder saßen, meinten, daß durch eine größere Beherrschung der deutschen Sprache auch die deutsche Gesinnung an Herrschaft gewinnen werde. Sie unterschätzten die Gemütswerte, zu denen doch die Muttersprache neben der Keligion gehört. Das Gegenteil von dem, was beabsichtigt war, ist durch die Sprachanweisung erreicht. Kordschleswig hat sich immer mehr dem Geistesleben und den politischen Strömungen in Dänemark aufgeschlossen, namentlich die nordschleswigsche Jugend ist für Dänemark erregt worden. Die Kordschleswiger halten sich für Märtyrer. Man hätte es in den nordschleswigschen Schulen belassen sollen, wie es war: In den Stadtschulen nur deutsche Unterrichtssprache, in den Landschulen soweit deutsche Knterrichtssprache, wie zur Erzielung einer für jeden deutschen Kntertanen ausreichenden Kenntnis der deutschen Sprache erforderlich ist, im übrigen aber dänische Knterrichtssprache. Dabei aber war die Möglichkeit weiterer, ja ausschließlich deutscher Knterrichtssprache offen gelassen, wenn die Eltern es selbst für ihre Kinder beantragten. Solche Knträge wurden in den Kreisen Kpenrade und Tondern in großer Zahl gestellt, sie mehrten sich von Jahr zu Jahr und im Laufe allerdings nicht weniger Jahre wäre die ausschließlich deutsche Knterrichtssprache im ganzen Kordschleswig auf Wunsch der Eltern zur Einführung gelangt. Wäre die Kenntnis der deutschen Sprache in dieser Weise vorwärts gebracht, wäre damit auch die deutsche Gesinnung unter der nordschleswigschen Bevölkerung gestärkt und das Ziel erreicht, das doch auch jetzt noch der preußisch-deutschen Kegierung vor Kugen stehen muß, Kordschleswig wäre auch innerlich an Preußen- Deutschland angegliedert worden. Die tapferen preußischdeutschen Krieger haben ganze Länder in sieben Tagen bezw. — 139 sieben Wochen erobert, die innere flnglieberung des Eroberten aber, zumal, wenn es sich am einen fremdsprachigen Landesteil handelt, erfordert viele Jahre treuer Arbeit von klugen, selbstlosen Männern. Die Verhältnisse in Nordschleswig sind augenblicklich sehr schwierig, die Hoffnung aber steht fest, daß Preußen- Deutschland, das schon größere Schwierigkeiten überwunden hat, auch mit Nordschleswig fertig werden wird. I. M. Lin Sietzener M aus dem Jahre f8f0. Oie traurigste Zeit der hessischen Geschichte ist wohl die Zeit von 1806 bis 1813 gewesen, in der das Großherzogtum Hessen zum Rheinbünde gehörte und ein Vasallenstaat Napoleons war. Die hessischen Truppen mußten in dieser Zeit dem französischen Naher Heeresfolge leisten und für Zwecke Kämpfen, die ihnen ganz fern lagen und die sie vielfach gar nicht verstanden. So nahmen sie auch im Jahre 1810 teil an dem Feldzüge gegen Oesterreich und Kamen bei Landshut, Rspern und Wagram in das Gefecht. Km 9. Februar kehrten die Truppen, die vorher zu Gießen in Garnison gelegen hatten, wieder hierher zurück, festlich von der Tinwohnerschaft begrüßt. Ueber diese Feier gibt uns eine kleine Schrift Ruskunft, die damals erschienen ist und in der Schroederschen vuchdruckerei für 12 Nreuzer zu haben war. Rllerdings kann sich der, der heute diese Schrift liest, über die Gesinnung und das Nationalgefühl des Verfassers nicht freuen; denn dieser hatte nicht das geringste Verständnis für das schwere Los der hessischen Soldaten, die damals für den Naiser Napoleon Kämpfen mußten; spricht er doch wiederholt von der großen Ehre, die ihnen durch die Beteiligung an diesem Feldzuge zuteil geworden sei. Ruch sagt er, was wir ihm kaum glauben können, daß sie schnell und freudig dem Nampfe entgegengezogen seien, nebenher preist er Napoleons Genie und Tapferkeit. Immerhin ist seine Schrift interessant, weil sie uns mitteilt, wie man damals in Gießen ein großes Fest gefeiert hat. Rls die Nachricht von der Rückkehr des Regimentes kam, vereinigten sich angesehene Bürger und Bürgerssöhne, um den festlichen Tmpfang oorzubereiten. Rm Schlagbaume des „Selzerthores" errichtete man eine Ehrenpforte. Dies« Ehrenpforte war von dem „Burger und Drechslermeister" Ernst Matthias und dem „Burger und Mahler" Peter Petri erbaut worden, sie muß ein rechtes Nunstwerk gewesen sein; denn sie hatte nicht nur drei Durchgänge, sondern auch eine Galerie, die groß genug war, „ein zahlreiches Musikchor" aufzunehmen. wenn auch nicht allzu sinnig, so doch ganz vernünftig war die Inschrift, die man über dem hauptdurch- gange angebracht hatte, sie lautete: „Euch fordre von dem Vaterherde nie mehr des Schlachtrufs wilder Nlang!" Schade nur, daß in den Jahren 1812—1815 der wilde Nlang des Nrieges noch öfters nach Gießen drang, vor der Pforte waren vier „Basamente" angebracht, die junge Mädchen besteigen sollten, um von diesen hochragenden Plätzen die Fahnen der Einziehenden mit Lorbeer zu schmücken. Drei Bürgerssöhne sollten die Truppen mit kurzen Rnsprachen empfangen. Ruf einem Ueberrest des alten, kurz zuvor abgetragenen Stadtwalles hatte man einige Böller aufgestellt. Der 9. Februar 1810 war der Tag des Einmarsches. Es war ein kalter wintertag, weithin lag der Schnee, und „ein grauer Nebel lag auf den Hügeln, welche Giesens reizendes Thal umgränzen". Trotzdem waren viele Menschen auf den Beinen, besonders am Selterstore herrschte ein großes Gedränge. Die Bürger Rndreas Löber und Heinrich Frech waren bis an die Grenze der Stadtgemarkung herangeritten, um den Truppen den ersten Willkommgruß zu entbieten und sie von dem Empfang, der ihrer harrte, zu unterrichten. Ungeduldig wartete die Menschenmenge, da ertönten vormittags gegen 11 Uhr die ersten Signalschüsse, und den Seltersweg herunter marschierte das Regiment. Rn der Ehrenpforte überreichten drei junge Bürger, nämlich Heinrich Busch, Ehristian Ferber und Georg Rsmus, dem Generalleutnant von Nagel ein von dem Hofgerichtsadvokaten Dr. Rlgeier „verfertigtes" Gedicht, und Heinrich Busch hielt die Begrüßungsansprache, in der er sagte: „Werth des hessischen Namens fochten Sie unter Napoleon, dem Unüberwindlichen, und sein Beifall, seine Rchtung ward Ihnen zu theil." Gbrist Beck dankte im Namen des Generalleutnants. Sicherlich hat der Schluß seiner Rede den vier auf den „Basamenten" stehenden Mädchen gut gefallen: denn der liebenswürdige Offizier sagte: „Möge einstens der Brautkranz Ihnen eben so viel Freude machen, als uns heute die Be- kränzung unserer Fahnen!" Nun schmückten diese vier Mädchen - sie hießen Johannette Rühl, Marie Müller, Ehri- stiane Frech und Elisabeth« Möhl - die Fahnen der beiden Bataillone mit Lorbeer, das Musikkorps spielte eine Symphonie, die Böller krachten, und das Regiment zog ein. Rm Rbend war Ball auf dem Rathause. Eine besondere Feier veranstaltete die „Musikalische Gesellschaft" am 11. Februar im Saale des Nolleggebäudes. Rm 15. Februar gaben die Gießener „Honoratioren" einen weiteren Ball, zu dem das ganze Offizierkorps eingeladen war. „Ein trefflich deco- riertes Orchester trug die 36 Tonkünstler, die diese Nacht durch ihre Talente verherrlichten. Etliche 70 Wachskerzen erhellten das große juridische Ruditorium. Um 6 Uhr des Rbends versammelte sich allmählig die Gesellschaft, welche sich über 300 Personen belief. Um 7 Uhr fing die Musik an und dauerte bis 8 Uhr, wo sie schwieg. Jetzt überraschte die junge 13jährige Tochter der verwitibten Frau von Rabenau die Gesellschaft mit Declamierung eines Gedichtes, welches Herr professordwalther auf diese Feierlichkeit gedichtet hatte, hierauf zog sich die Gesellschaft in das theologische Ruditorium zurück, wo sie mit einer trefflichen Tollation bewirtet wurde." Bis zum Rnbruch der Morgenröte soll, wie der anonyme Verfasser unserer Schrift sagt, diese Feier gedauert haben. — Es ist kein ruhmvolles Napitel aus der Gießener Geschichte, das wir hier erzählen. Es wäre besser gewesen, wenn man damals das Regiment in aller Stille seinen Einzug hätte halten lassen. Freilich die Offiziere und Soldaten hatten auch iy dem Feldzuge an der Donau ehrenvoll gekämpft, sie waren nicht schuld daran, daß Hessen damals auf der Seite Napoleons stand. Gott hat es gegeben, daß in dem Jahrhundert, das auf das Jahr 1810 folgte, die Gießener Soldaten stets aus Feldzügen zurückkehrten, in denen sie nicht mehr für einen fremden Despoten, sondern für das Vaterland gestritten hatten, und daß man sie deshalb mit größerer Freude begrüßen konnte, als an jenem 9. Februar 1810. _ £?• B. Auf dem Ochsenwagen durch das Hottentottenland. von Wilhelm Lind, Rheinischer Missionar zu Warmbad (Afrika), von Freud und Leid auf meiner Reise nach Rfrika werdet Ihr ja wohl gehört haben. Ruch von meinem Empfang in Neetmanshoop und den lieben Missionaren, die mir das Einleben so leicht machten, habe ich ja berichtet. 140 Doch Ihr wißt ja, daß ich als Missionar nach Afrika gekommen bin, und Missionar sein, heißt sich schicken lassen. 5o wurde ich auf der Konferenz schon wieder aufgefordert, meinen Wanderstab zu nehmen. Die Konferenz bestimmte mich für die äußerste Station im Osten unsere; Namalande; nach Kietfontein. Kietfontein war bisher von unserem alten Missionar pabst besetzt. Leider mußte dieser alte Streiter Jesu plötzlich seine Station verlassen; 36 Jahre durfte er den Hottentotten Gottes Wort bringen. In dieser Zeit hat er zwei liebe Frauen in den afrikanischen Sand zur letzten Kühe bestatten müssen, und nun mußte er seine Tochter, die ihm den Haushalt führte, nach Deutschland bringen. Seine Tochter wurde hier in Kfrika gemütskrank. Wohl schwerlich wird Missionar pabst zurückkommen können. Darum mußte Ersatz kommen für den alten, verdienten Mann. Ich wurde dafür bestimmt. Die Station Kietfontein liegt 7 bis 8 Tagereisen mit dem Gchsenwagen von der nächsten Missionsstation entfernt. Dort ist man abgeschlossen von jedem Kreise lieber, bekannter Menschen; die Gemeinschaft mit Gleichgesinnten wird mir dort fehlen. Kber schon auf der Konferenz fiel mir der Liedervers ein, der mir im Missionshaus gesungen wurde, als ich Kbschied nahm: „Führst du mich durch rauhe Wege, Gib mir auch die nöt'ge pflege." Ich bin gewiß, daß ich in der Pflege unseres Heilandes getrost in die Einsamkeit gehen kann. In Kietfontein wird viel holländisch gesprochen und weil der Ort 10 Minuten über die deutsche Grenze auf englischem Gebiet liegt, auch englisch. So muß ich nun neben meinen Kamastudien auch noch holländisch und englisch lernen. Kus diesem Grunde soll ich nun noch bis zum Oktober nach Warmbad zu unserem Missionar Kyhof, der ein Holländer ist, gehen. Kachdem ich mein Kündet geschnürt hatte, fuhr ich gleich nach der Konferenz mit Kyhof nach Warmbad. Warmbad liegt 60 Kilometer von der Kahnstation entfernt, und darum mußte ich auf dieser Reife meine erste Gchsenwagen- fahrt machen. Don morgens 10 bis abends 10 fuhren wir auf der afrikanischen Eisenbahn. Kuf vielen Stationen wurde Kyhof von Hottentotten begrüßt. Die im Süden wohnenden Hottentotten werden, weil sie am längsten aufständisch waren, im ganzen Süden zerstreut. Kuf allen Stationen findet man Hottentotten von Warmbad bei irgend welcher Krbeit. Kls wir abends um 10 Uhr auf der letzten Kahnstation ankamen, warteten unsere eingeborenen Jungen schon mit dem Gchsenwagen. Ich zog meinen grauen Soldatenmantel an, den ich mir in Keetmanshoop gekauft hatte; denn es war bitter kalt. Kachdem unser Gepäck beim Wagen war, machte Frau Missionar Kyhof das Wagenbett zurecht, und ich warf mit den hottentottenjungen meine Kisten hinten auf. den Wagen. Kls wir ziemlich fertig waren, kamen noch vier Hottentottenfrauen und baten, wir möchten sie doch mitnehmen, denn sie könnten so schlecht laufen. Was sollten wir nun machen? vielleicht versteht Ihr diese Frage nicht. Ihr müßtet aber einmal solche Hottentottenfrauen gesehen haben und Euch von ihrem Kroma und Schmutz überzeugt haben, dann würdet Ihr unseren Zweifel verstehen. Wie aber die eine Frau sagte, sie käme gerade aus dem Krankenhaus, da sagte Missionar Kyhof: Kun, dann klettert hinten auf die Kisten! So kletterten die Frauen auf die Kisten, Missionar Kyhof und seine Frau auf das Wagenbett, und nun werdet Ihr denken, wo schlief denn Wilhelm Lind? Ja, ihr Jungen von der Jugendabteilung, das wäre etwas für Luch gewesen. Denkt Euch, ich kam im wahren Sinne des Wortes „unter's Kett", denn sonst war kein Kaum mehr im Wagen. Kber ich lag in Decken gehüllt ganz wohl unter'm Kett, und nun konnten unsere 18 Ochsen anziehen. Wir mußten nämlich die Kacht durchfahren, wollten wir nicht zwei Kächte unterwegs fein. Km 2 Khr hielt unser Wagen und die Ochsen konnten ausruhen. Schlaf hatte ich natürlich noch nicht gehabt. Obwohl ich mich gut eingehüllt hatte, waren meine Füße doch kalt geblieben. Dazu kam das Schütteln auf dem Wagen. Kls wir hielten, rief Missionar Kyhof: „Kun, Lind, hast du geschlafen?" Ich mußte lächeln und sagte: „Ka, weißt du, da gehört einem aber vorher ein Schlafpulver oder eine Morphiumspritze, wenn man hierbei schlafen will." Ich benutzte die kurze Käst, um schnell einzuschlafen, es glückte auch und so konnte ich denn wenigstens zwei Stunden schlafen. Km 5 Khr wurde ich durch das Knistern des Feuers wach, denn unsere Jungen hatten wieder Käst gemacht und wärmten sich am Feuer. Ich kletterte auch bald heraus, um mich am Feuer etwas zu wärmen. Kald kletterten Kyhof und Frau auch heraus, und gemeinsam brauten wir den Kaffee. Mit Schrecken sah ich das trübe Wasser, woher es kam, wußte ich nicht. Kun, es wurde ja gekocht und somit frei von Kakterien. Km Feuer hielten wir unsere Morgenandacht, und dann ging es weiter. Km 10 Khr wurde wieder ausgespannt und das Mittagessen gekocht. Das Mittagessen bestand aus Kratkar- toffeln und Zwiebeln; Fleisch hatten wir nicht zur Verfügung. Kllerdings hatten unsere Hottentottenfrauen eine Springbockbeule und wollten uns gern etwas abgeben. Kber als sie diese Keule aus einem schmutzigen Sack zogen, da war ich dankbar für meine Kratkartoffeln ohne Fleisch. Kach diesem einfachen Mahl spannten unsere Jungen wieder ein und dann fuhren wir die letzten vier Stunden und zogen mit unserem Gespann um 5 Khr wieder in Warmbad ein. Daß wir froh waren, könnt Ihr Euch wohl denken; denn in der kalten Zeit zu reisen ist nicht angenehm. Km andern Tag ging es frisch an die Krbeit. Doch nicht lange konnte ich mich meinen Sprachstudien widmen. Kach einigen Tagen sagte mir Kyhof: „Wir müssen eine Filial- reise machen nach Kaib. Schon über 5 Wochen haben die Leute keinen Gottesdienst mehr gehabt." von dieser Filial- reise will ich Euch nun erzählen. Zuerst mußte ich für die kalten Kächte ein großes Keisefell haben; denn auf dieser Krise hatten wir keinen Wagen, sondern nur einen Gchsenkarren, und darum mußten wir auf dem Koden schlafen. Das Fell ist dann noch einmal gefüttert und hält so ganz warm. Kaib liegt 55 Kilometer von Warmbad. Kls wir alles fertig hatten, konnte die Keife beginnen. Kachmittags um 3 Khr fuhren wir ab und machten um 6 Khr zum erstenmal Käst. Schnell wurde unser Kaffee gekocht und das Kbendbrot verzehrt, dann machten wir noch einen Trek*) bis 10 Khr. Km 10 Khr spannten wir aus und machten unser Lager zurecht. Knser Kbraham (der Treiber) machte zu unseren Füßen ein Feuer, damit wir wenigstens warme Füße behielten. Dann wickelten wir uns in unsere Felle und ruhten in der großen Wüste unter einem Dornstrauch. Obwohl es sehr kalt war, habe ich doch unter meinem Fell nicht gefroren. *) holländisch für Zug. 141 Um 5 Uhr knisterte das Feuer schon wieder und weckte mich. Uls ich meinen Kopf unter der Decke hervorstreckte und mit der Hand die Decke Zurückschlagen wollte, bemerkte ich, daß mein Zell naß war. Schon glaubte ich, daß es geregnet habe, aber Uphof sagte: „Weißt du, es hat aber sehr gereift in dieser Uacht." So war es in der Tat, es hatte gründlich gereift, und wir mußten nun erst unsere Zelle über dem Zeuer trocknen. Uls wir unseren warmen Kaffee getrunken hatten, mutzten unsere Gchsen wieder gesucht werden, denn die laufen frei herum. Ls ist fabelhaft, wie der Eingeborene die Gchsen immer wieder findet. Sn der Dunkelheit steckt er ein Streichholz an, um die Spur der Gchsen zu finden, hat er sie, dann findet er sie mit Sicherheit wieder. Gft sind die Gchsen aber so weit, daß man stundenlang warten muß, bis der Eingeborene sie bringt. Es ist ja natürlich, daß er oft weit laufen muß, um in den Wüsten etwas Nahrung zu finden. Wir dagegen können uns unseren Vorrat einpacken und mitnehmen. Uls nun alles wieder eingespannt war, zogen wir weiter bis zum Wittag. Unter einem Dornbusch ruhten wir ein wenig und dann wurde wieder abgekocht. Um Vs2 Uhr ging es weiter, und um VsS Uhr waren wir in Kaib, unserem Zilialdorf. Sn Kaib wohnen ungefähr 100 Hottentotten. Ein Polizeisergeant ist dort stationiert, sonst wohnt kein Europäer dort. Der Gberleutnant von Warmbad hatte uns auf der Station sein Zimmer zur Verfügung gestellt, und somit hatten wir für die nächsten Tage ein Unterkommen. Wir kleideten uns um und besuchten die Leute auf der Werft. Wie dankbar waren die Leute doch für unseren Besuch, wie freuten sie sich, als wir ihnen sagten, daß morgen um 2 Uhr Gottesdienst sein sollte. Ulan merkt den Leuten an, daß sie schon vor Jahrzehnten ihr altes Heidentum aufgegeben haben. Sie haben sich selbst christliche Uamen gegeben, obwohl sie nicht Thristen sind. Ts fehlt ihnen die rechte Erkenntnis ihrer Sünden. Missionar Uphof fragte einen alten Heiden, der bald sterben mußte, ob er gern sterbe. Da sagte dieser alte Heide: „Wie Gott will." Wir waren aber beide davon überzeugt, daß er gar keine Vorstellung von unserem Gott hatte. Es kommt wohl vielfach daher, daß sie mit Thristen hin und her in Berührung gekommen sind und so die äußeren Phrasen sich angeeignet haben. Uls wir Freitag wieder fortgehen wollten, bat uns ein alter, christlicher Hottentotte, doch den Sonntag über dort zu bleiben, daß wit beschlossen, den Sonntag in Kaib zu feiern. Um Sonntag habe ich den Leuten dann etwas von Deutschland erzählt und ihnen gesagt, daß in Deutschland viel für sie gebetet werde, daß auch sie glücklich und zufrieden würden. Doch lange konnten wir nicht bleiben. Sonntag nachmittag, nachdem wir noch einmal mit ihnen Gottesdienst gehalten hatten, mußten wir wieder abreisen. Diesmal hatten wir aber unser Stationspferd bei uns, und einer von uns mußte es reiten. Uachdem ich nun schon in der Woche einmal meine Ueitstudien gemacht und mich im Sand wiedergefunden hatte, wollte ich jetzt diese Studien auf dem Heimweg fortsetzen. Kühn bestieg ich mein frommes Uößlein und blieb im Sattel bis abends um 11 Uhr. Ubgeworfen wurde ich nicht, aber daß ich mit dem gewöhnlichen Rettfieber des Uachts unter dem Dornbusch gut geschlafen habe, kann ich nicht sagen. Uun, es gehört aber zu unserem Beruf. Ein Pferd macht die Reife in 6 Stunden, der Dchsenwagen in 12-13 Stunden, dazu kommen dann noch die Uusspannstunden. 3m ganzen kann man immer 24 Stunden rechnen. Um letzten Mittag haben wir noch einmal ausgespannt und unser Mittagsmahl bereitet. Diesmal hatten wir aber neben 8 Kartoffeln eine schöne Hammelkeule zum Braten. Bei dieser Urbeit ließ ich nun den lieben Ubraham nicht mit dran,' denn seine „Kein- lichkeit" war mir am Morgen doch zu sehr aufgefallen. Uls er den Kaffeetopf rein machen wollte, nahm er fein sauberes (?) Schnupftuch und wischte treu Und brav den Topf aus. Uls ich ihm dies verbot, machte er ein dummes Gesicht, als wenn er sagen wollte: „Ua, was ist das aber ein empfindlicher Lehrer." Missionar Uphof hatte ihn auch schon bei dieser Urt des Topfreinigens abgefaßt. Deshalb durfte er mir nicht mehr an den Topf. Uur dauerte mir die Braterei zu lange, und ungeduldig saß ich auf unserem Wasserfaß neben unserem Braten. Uphof lachte mich aus und meinte: „Du mußt noch viel lernen." 3hr seht, auf Kosen ist kein Missionar gebettet. Uber wir wollen ja auch dienen und zum Dienen gehört entbehren. Froh und dankbar kamen wir wieder in Warmbad an. Wieder wurde mir auf das neue klar, welch herrliche Uufgabe mir der treue Herr gestellt hat. Möge Gott un; allen die Kraft geben, für ihn zu arbeiten, Euch in der Heimat und uns hier, damit noch viele Seelen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Sin pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) 8 . Die Voraussage des Urztes traf ein. Der Knöchelbruch meines Dienstherrn heilte rasch und gut, Ende Januar konnte Herr Hinkel bereits am Stocke durch das Zimmer gehen. Dem Karl hatte er am zweiten Weihnachtstage, als die Knechte ihre Stellen wechselten, gekündigt' denn er wollte keinen Knecht in seinem Hause haben, dessen Unzuverlässigkeit so klar zu Tage getreten war. Der neue Knecht war aus Eckelsheim gebürtig und hieß Valentin Keckert. Valentin war ganz und gar von seinem Vorgänger verschieden. Zunächst war er nicht eifersüchtig und darauf bedacht, allein das Fuhrwerk zu lenken. Wohl tat er im Stall seine Schuldigkeit, aber er legte nicht den geringsten Wert darauf, immer den Fuhrmann zu spielen. Wenn wir ausfuhren, gab er mir oft das Leitseil in die Hände, indem er sagte: „Peter, fahre du, du mußt es doch auch einmal lernen." von prahlsucht war an dem neuen Knechte keine Spur zu finden. Tr renommierte weder mit seiner Kraft, noch mit seinem Mute. Zum Kühmen hätte er mehr Unlaß gehabt als der Karl mit seinen schiefen Füßen,' denn Valentin hatte den Feldzug gegen Frankreich im zweiten hessischen Jägerbataillon mitgemacht und war bei Gravelotte, Orleans und Blois im Feuer gewesen. Selten erzählte er von seinen Kriegsabenteuern, erst als ich ihm gesagt hatte, daß mein ältester Bruder bei Sedan geblieben sei, wurde er etwas mitteilsamer und erzählte mir, wenn wir abends im Stalle saßen oder vom Ucker nach Hause gingen, von dem heftigen Kampfe am Bande des Bois de la Gusse, wo er stundenlang mit seinem Bataillon im Kugelregen am Eisenbahndamm gelegen hatte, oder von dem heftigen Kampfe bei Blois am 28. Januar 1871, da er, als die Brücke über die Loire gesprengt wurde, beinahe von seinem Truppenteil ab- geschnitten worden und in die Gefangenschaft geraten wäre. 142 Wenn Valentin auch nicht mit seinem Mute prahlte, so merkte ich doch bald, daß er sich nicht fürchtete. Durch das energische Einschreiten meines Dienstherrn hatte ich lange Zeit vor der übermütigen Dorfjugend Ruhe gehabt. Nun, da Herr Hinkel am Stocke ging, hörte ich wieder spöttische Zurufe, oder ich wurde, so lange der Schnee lag, mit Schnee- ballen bombardiert, wo ich mich auch sehen ließ. Einmal flog mir sogar ein Stein am Kopfe vorbei, als ich in der Rbenddämmerung vom Feld nach Hause ging. Sch sah keinen Menschen auf der Straße, hörte aber hinter einem verschlossenen Hoftore jemand in roher lveise lachen und glaubte an dem Lachen meinen Widersacher, den Maurer, zu erkennen. Sn das Wirtshaus war ich seither noch nicht gegangen,' denn dazu hatte ich kein Geld, da ich alle meine Kreuzer für meine Eltern aufsparte, Ruch war ich viel zu schüchtern, um mich allein in eine Gesellschaft fremder Menschen zu wagen. Sch konnte es nicht machen wie viele meiner Rltersgenossen, die die kurze Pfeife zwischen die Zähne nahmen, die Mütze in den Nacken schoben und im Wirtrhause im Tone eines forschen Kerls einen Schoppen Bier forderten, um dann beim Solospiel kräftig auf den Tisch einzuhauen. Rn einem Sonntag nachmittag aber, als meine Dienstherrschaft den Besuch auswärtiger verwandten hatte und ich im Hofe Herumstand, ohne zu wissen, was ich anfangen solle, nahm mich Valentin mit in das Wirtshaus, indem er mir sagte: „Die Zeit, bis es Rbend wird, dauert dir ja so lange wie ein Jahr. Komm mit, ich habe einem Feld- zugskameraden versprochen, ihm etwas Gesellschaft zu leisten." Der Feldzugskamerad war aus irgend einem Grunde weggeblieben, und wir setzten uns im Wirtshause bescheiden an einen Tisch, der nahe an der Tür stand. Rn einem anderen Tische saßen die Riten,' sie redeten von den viehpreisen, vom Gewicht der Schweine, die sie geschlachtet hatten, von den Reckern und ob auch der Frost nicht den Bäumen und Neben geschadet habe. Rn einem dritten Tische saßen die Jungen und redeten vom Kartenspiel, von nächtlichen Streichen, die sie ausgeführt, und von Kraftleistungen, die sie vollbracht haben wollten. Der Maurer saß unter ihnen und führte das große Wort. Rite und Jungen rauchten ihre kurezn Pfeifen, so daß die Stube in bläulichen Rauch eingehüllt war. Wir Knechte saßen still an unserem Tische und hörten den Gesprächen zu, die in der Wirtsstube geführt wurden. Der Maurer erzählte davon, was er erlebt habe, als er in Mainz, Mannheim, Ludwigshafen und Kaiserslautern gearbeitet hatte. Sn Mainz war er zweiten Präsident eines Ruderklubs gewesen, in Ludwigshasen hatte er den Bau einer großen Fabrik selbständig geleitet, in Mannheim hatte er in einer Schlägerei mit Soldaten sich siegreich behauptet, in Kaiserslautern hatte ihn die Tochter eines reichen Metzgermeisters absolut heiraten wollen, er hatte aber vorgezogen, ein freier Mann zu bleiben. Die andern jungen Leute, die noch nicht aus dem Umkreise der nächsten Dörfer herausgekommen waren, hörten ihm aufmerksam zu und schienen ihm alles zu glauben. Dann kam man an dem Tisch der Jungen auf den deutsch-französischen Feldzug zu sprechen. Ruch da führte der Maurer das große Wort, obwohl er nie Soldat gewesen war, weil der Zeigefinger seiner rechten Hand steif war. von Weißenburg und Wörth fing er an und kam dann auch auf Gravelotte zu sprechen. Er erzählte viel von den Turkos, die sich in Gravelotte verschanzt hätten und erwähnte, daß der Marschall Mac Mahon diese Turkos befehligt habe. Valentin hatte schon ein paarmal den Kopf geschüttelt und leise zu mir gesagt: „Der spricht wie ein Blinder von der Farbe." Der Maurer hatte dieses Kopsschütteln nicht wahrgenommen, er kramte weiter seine Kenntnisse über den Verlauf der Schlacht bei Gravelotte aus. „Ja, und dort in der Schlucht bei Gravelotte," so fuhr er fort, „ist ein ganzes bayerisches Ulanenregiment von den Franzosen zusammengeschlagen worden." „Lei Gravelotte ist kein einziger Bayer gewesen", sagte Valentin ruhig von seinem Platze aus. Rlle Köpfe drehten sich nach uns um, der Maurer warf meinem Mitknechte einen wütenden Blick zu, dann sagte er: „Willst du auch etwas wissen, du Bettelmann?" Linen Rugenblick war Valentin ganz still, aber ich sah ihm an, wie es in ihm arbeitete. Dann stand er auf, trat vor den Beleidiger und sagte mit einer Stimme, die vor Zorn bebte: „Einen Bettelmann nennst du mich, du trauriger, dummer Lügner! Was du vom Feldzuge erzählt hast, ist Unsinn von vorn bis hinten. Du nennst mich einen Bettelmann Das ist-wahr, reich bin ich nicht, ich muß mein Brot bei anderen Leuten suchen, aber gebettelt habe ich mein Lebtag noch nicht. Sch habe meinem Großherzoge drei Jahre treu gedient und habe im Feldzuge manchmal die Kugeln pfeifen hören. Rugenblicklich nimmst du zurück, was du gesagt hast, sonst kriegst du vor der ganzen Stube voll Leuten, was dir gehört." Der Maurer wollte sich verteidigen und machte immer noch Miene, den Geschwollenen zu spielen, da trat Valentin einen Schritt näher und sprach: „Sch zähle jetzt bis drei, hast du dann deine Worte nicht zurückgenommen, so fasse ich dich am Kragen." Furchtlos und entschlossenen Blickes stand der junge Mann, der in so manchem Gefechte und auf Vorposten seine Schuldigkeit getan hatte, vor seinem Gegner und zählte langsam eins. . . zwei. . ., gleichzeitig hob er die rechte Hand, aber er brauchte nicht zuzuschlagen. Ehe er drei gezählt hatte, sagte der Maurer langsam: „So bös war das ja gar nicht gemeint, wenn du es absolut willst, dann nehme ich zurück, was ich gesagt habe." Ohne ein Wort zu sagen, trat Valentin an seinen Tisch zurück, bezahlte, gab mir einen Wink, ünd wir gingen nach Hause. Mir ist diese ganze Rngelegenheit so gut im Gedächtnisse geblieben, weil der nächste Tag tief in mein Leben eingriff. Ls war ein sonnenklarer, herrlicher Winterlag. Eiszapfen hingen von den Dächern, die Kinder glitschten auf den Schleifen dahin, der Boden war fest gefroren. Sch hatte am Vormittage mit Valentin im Felde an den Obstbäumen gearbeitet, wir hatten mit Baumsägen die unnützen Triebe weggesägt und hatten damit zu tun gehabt, bis es elf Uhr läutete. Nach dem Essen ging ich mit Valentin in den Pferdestall und setzte mich, während dieser die Pferde tränkte, auf den Futterkasten. Tine Weile mochte ich so gesessen haben, da hörte ich Herrn Hinkel an seinem Stocke durch den Hof gehen. Gleich darauf klopfte er an die Stalltür. Rls ich den oberen Flügel der Tür zurückschob, sah ich, daß das Gesicht meines Dienstherrn sehr ernst war. „Peter, komm gleich," sagte er, „dein Bruder ist von Ruppertsecken gekommen." 143 Mein kruder sei gekommen, ich konnle diese Mitteilung zunächst gar nicht recht fassen. Im hineingehen überlegte ich mir, welcher meiner Brüder wohl gekommen sei, Fritz oder Jakob. Im Wohnzimmer sah ich Fritz stehen. Er war nun 20 Jahre alt und groß und stark von Statur. Um den hals da; weiß ich heute noch — hatte er ein grau-weißes Tuch geschlungen, in der Hand trug er seinen Spazierstock. Vieser unerwartete Besuch überraschte mich so sehr, daß ich Fritz weder die Hand reichte noch ihm guten Tag sagte. „Peter, du sollst gleich mit mir nach Hause kommen, der Vater ist krank und will dich noch einmal sehen." So redete mein Bruder mich an. Allmächtiger Gott, dachte ich, der Vater will mich noch einmal sehen, er wird doch nicht im Sterben liegen, vor wenigen Wochen hatte ich ihn noch gesund und munter zu Hause getroffen. „was fehlt ihm denn?" rief ich in meiner Angst aus, „seit wann ist er krank?" Fritz sagte langsam und stockende „ver Vater wollte gestern im Wald eine Lärche umhauen, da ist der Baum auf ihn gefallen." Alles, was im Zimmer war, der Tisch, die Wanduhr, die Hängelampe drehte sich um mich her im Kreise, ich glaubte, den Boden unter meinen Füßen zu verlieren. Tine weile hielt dieser beängstigende Zustand an, dann hörte das tolle Drehen rings um mich her auf. Ich dachte daran, daß der Vater in jedem Winter Bäume aller Art fällte, Eichen, Buchen und Lärchen. Dft schon hatte er auch Bellen, wie wir in der Pfalz die Pappeln benennen, gefällt, und immer war es bei dieser Arbeit ohne Unfall zugegangen. „Steht es denn schlimm um den Vater?" fragte ich in meiner Angst. Fritz zuckte die Achseln und sagte: „Man kann noch nichts sagen, ver Stamm ist dem Vater gerade auf die Brust gefallen, und der vr. Walter hat der Mutter gesagt, sie solle alle ihre Rinder nach Hause kommen lassen. Der Jakob ist schon da, und der Annmarie haben wir gestern einen Brief geschrieben." Auf das Zureden meines vienstherrn ging ich in meine Kammer, um mich für den weg nach meinem Heimatorte fertig zu machen. Ts wollte gerade Dämmerung werden, als wir nach stundenlanger Wanderung Ruppertsecken auf dem Berge vor uns liegen sahen. Glutrot lag der Sonnenball auf dem Höhenzuge, der nach Westen das Alsenztal abschließt, die Leute gingen zum viehfüttern in ihre Ställe. Ts ist ein schwerer Gang, wenn man aus der Ferne an das Bett eines lieben Kranken gerufen wird. Da schnürt einem die Angst die Brust zusammen, da ist es einem, als ob man keinen Schritt mehr machen könne, wenn man das Haus sieht, in dem der Kranke liegt. Als wir über die Schwelle unseres Elternhauses traten, kam gerade die Mutter aus dem Zimmer, in dem der Vater lag. weinend gab sie mir die Hand. „wie geht es dem Vater?" fragte ich. „Es geht nicht gut," antwortete die Mutter, ,,seit heute mittag 12 Uhr hat er kein Wort mehr gesprochen." Ich trat ein und sah den Vater bleich im Bette liegen. Seine Lippen waren blau, der Schweiß stand ihm auf der Stirn, im Schüttelfrost schlugen ihm die Zähne aufeinander. Aber er erkannte mich doch, mühsam reichte er mir die Hand und wollte etwas sagen, aber nur verworrene Laute waren zu vernehmen. (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. In Stadt und Land hat wiederum die Thristenlehre ihren Anfang genommen. In Gießen findet die Ehristenlehre in Verbindung mit dem Frühgottesdienst um 8 Uhr statt. Diese Einrichtung zur religiösen Unterweisung der konfirmierten Jugend ist sehr nötig und heilsam. Alle Eltern werden deshalb gebeten, ihre christenlehrpflichtigen Kinder regelmäßig zu dieser Veranstaltung zu schicken. Besonders sei auch an die Dienstherrschaften die Bitte gerichtet, christenlehrpflichtigen Dienstmädchen die Zeit zu diesem Gottesdienste sreizugeben. Es ist für die Pfarrer, die in den vier Gießener Kirchengemeinden mit Arbeit überlastet sind, immer eine tvenig erfreuliche und zeitraubende Arbeit, wenn sie säumige Thristenlehrpflichtige zur Erfüllung ihrer kirchlichen Pflicht mahnen müssen. Sonntag, den 10. Ulai, dem Tage des Frankfurter Friedens vom Jahre 1871, soll in den beiden Gießener Kirchen eine Kollekte zum Besten des Roten Kreuzes erhoben werden. Bekanntlich verfolgen die Vereinigungen vom Roten Kreuz die pflege der im Kriege Erkrankten und verwundeten. Worte zum Nachöenlen. wollte Gott, daß wir in allen Dingen, die uns anfechten, zum ersten mit unserm Gebet zu Gott liefen. (!) wie leicht würden wir die Anfechtungen überwinden und überflüssig (reich) sein in Freude und Friede. Denn indem wir durch Danksagung die Wohltaten Gottes erzählten, würden wir durch das Gedächtnis des Guten getröstet und Lust zu beten haben, und so wir mit Lust beteten, würden wir unsere Bitte leichtlich erhalten, und so wir unsere Sorgen auf Gott würfen, würden wir Freude und Friede haben. Dr. Martin Luther. kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 10. Rlai, Kantate. Kollekte für die Zwecke „des roten Kreuzes". Gottesdienst. In der Stadtkirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer O. Schlosser. Zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Nlatthäusgemeinde. vormittags yr/r Uhr: Fest-Gottesdienst anläßlich des 50- jährigen Jubiläums der Genfer Konvention. Pfarrer Schwabe. vormittags I I Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. In der Johanneslirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Zugleich Thristenlehre für die Ueukonsirmierten aus der Lukasgemeinde, vormittags 9 % Uhr: Fest-Gottesdienst anläßlich des 50- jährigen Jubiläums der Genfer Konvention. Pfarrer A u s f e l d. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeinde. Pfarrer Ausfeld. Nächstkünftigen Sonntag, den 17. Mai, wird in beiden Kirchen die alljährliche Kollekte für die kirchliche Versorgung der evangelischen Deutschen im Auslande erhoben werden. <3di Jbtn, J&eJfreifc von allen Hautunreinigkeilen und Hautausschlägen, wie Blütchen, Finnen, Pickel, Hautröte usw. durch tägl Gebrauch der echten - TcjerscKroefaL- pfeife. V Bergmann & Co , Radebeul. b. Stück 50 Plg Überall zu haben. 144 ^Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Rudolf Richter Gießen, Marktstraße 24—26 hüte und Mützen Reichhaltige Auswahl. BilligePreise Rabattmarken. 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