Nr. 17. Gießen, Sonntag Jubilate, 3. Mai 1914. 3. Jahrgang. habt acht aus eure Worte! Brief des Rpojtels Paulus au die lioloffer 4, 6. Eure Rede fei allezeit lieblich und mit Salz gewürzet, datz ihr wisset, wie ihr einem jeglichen antworten fallt. Die heilige Schrift warnt sehr häufig vor dem Mißbrauch der Zunge und schärft uns ein, in unseren Reden vorsichtig und behutsam zu sein. Die Frommen des Riten Bundes sangen in hohen Tönen das Lob der Weisheit, die sich nach ihrer Meinung hauptsächlich im Reden offenbarte,' davon handelt beispielsweise ein ganzes Rapitel der Sprüche Salomos, das die Ueberschrift trägt: Weisheit und Torheit, besonders im Reden. Rber auch die Evangelisten und Rpostel warnen vor den Zungensünden, und der Herr Thristus hat gesagt, daß wir Rechenschaft ablegen müssen von einem jeden unnützen Worte, das wir geredet haben. Rechenschaft von einem jeden Worte! Ist diese Forderung, so fragen viele, nicht übertrieben? Wieviele Worte, so denken sie, entgleiten uns im Laufe des Tages, harmlose, gleichgültige Worte, die man schon am anderen Tage vergessen hat. Ts kann doch unmöglich um ein Wort etwas so Großes sein. Gewiß, eine Tat, die man vollbringt, sie sei gut oder böse, eine Unterlassungssünde, die man sich zu Schulden kommen läßt, sie können weittragende Folgen haben, aber ein Wort, das wird geredet, sein Schall schwingt fort in der Luft, er verfliegt, und das Wort ist spurlos verschwunden. Wer die Welt und die Menschen kennt, weiß, daß das nicht zutrifft. Im Guten wie im Lösen wirken Worte unendlich lange nach. Ts ist manchmal, als ob sie in der Seele schliefen, dann wachen sie wieder zum Leben auf und entfalten eine gewaltige Macht. Das Trostwort, das in dunkler, leidvoller Stunde ein älterer Freund an uns richtet, bleibt in unserer Seele haften. Das Mahnwort, das Dater oder Mutter ihrem in die Fremde ziehenden Rinde mitgeben, ist unvergeßlich. Nicht minder aber auch ein Wort im Bösen. Wenn die Menschen wüßten, wie schwer ein böses, liebloses Wort verletzen kann, sie würden sich zehnmal besinnen, ehe sie ein solches Wort unbedacht aussprechen. Ts gibt Menschen, die einen unpassenden Scherz nicht unterdrücken können, die stets den Nächsten, sofern er sich das gefallen läßt, zur Zielscheibe ihres Spottes machen müssen. Rndere wiederum haben keine Herrschaft über ihr Lachen und bedenken nicht, daß dreistes, spöttisches Lachen über einen anderen viel verletzender wirkt als ein Wort des Tadels, das sehr gut aus wohlwollender Gesinnung hervorgehen kann. Ein Wort der Rränkung wirkt wie ein vergifteter Pfeil, tief bohrt es sich ein und bringt dauernden Schmerz. Rber auch ein Wort der kalten Rbweisung tut weh. Sicherlich beruhen Wortsünden nicht immer auf bewußter, böser Rbsicht, aber es geht doch nach dem Dichterworte: „Und hüte deine Zunge wohl, bald ist ein böses Wort gesagt, o Gott, es war nicht bös gemeint, der andere aber geht und klagt." Reine Entschuldigung, keine Reue kann das böse Wort wieder aus der Welt schaffen. Darum hat das Wort besonderes Gewicht, das Paulus schreibt: Eure Rede sei allezeit lieblich und mit Salz gewürzet, daß ihr wisset, wie ihr einem jeglichen antworten sollt. Lieblich, das heißt nicht süßlich. Unter süßlicher Rede verbirgt sich oft ein falsches Herz. Lieblich heißt vielmehr freundlich, wohlwollend, gütig. Wenn aber der Rpostel meint, daß unsere Rede mit Salz gewürzet sein soll, so will er damit sagen, daß wir keine unnützen, geistlosen Reden führen sollen, an denen niemand Freude hat. Vas salzlose Reden ist eine Sünde unserer Zeit. Stundenlang gleitet die Rede bei geselligen Zusammenkünften dahin; über alles Tiefe, Gehaltvolle, für den Menschen Wichtige geht man rasch hinweg, keinen Rugenblick darf die Rede stocken. Früher bestand in vielen Mönchsklöstern das Schweigegebot. Das war eine gute Regel,' denn der, der es gelernt hat, zu schweigen, der hat auch Gewalt über sich selbst, er lernt auch denken und beobachten und sammelt sich einen Schatz an frommen, guten Gedanken. Wenn dann die Stunde kommt, da er reden soll und muß, so redet er zum Segen für andere und weiß nach den Worten des Rpostels, was er einem jeden antworten soll. Lieblich und mit Salz gewürzt zu reden, ist eine große Runst. Man lernt diese Runst, wenn man an sich arbeitet, um die Sünde abzulegen und dem Heiland immer mehr nachzufolgen. Der fromme Mensch, der sich in Gottes Gnadenratschluß vertieft, lernt auch seine Zunge gebrauchen zur Ehre Gottes und zum Segen der Menschen und wird gern mit dem psalmisten beten: Laß dir Wohlgefallen die Rede meines Mundes und das Gespräch meines Herzens vor dir, Herr, mein Hort und mein Erlöser. h. B. 130 von den kriegsgesangenen Hottentotten. von Missionar Heinrich Walther. «Schluß.) Nach dem Nbendessen hat unser Heinrich noch Singstunde. Lin großer Gesangchor hat sich gebildet. Nlles jauchzet ja in der Gemeinde. Leben, neues Leben aus Gott ist überall zu finden. Wem muß da das Herz nicht aufgehen! Mir lauschen ein wenig. Ls ist sehr schön; denn die vierstimmigen Lieder werden mit Wärme und Liebe vorgetragen. Wir hören bekannte Melodien. Sie erinnern uns an die Heimat. Ein leises Zehnen beschleicht uns. Wir denken, wie mag es erst im Himmel sein, wenn die heiligen und Zeligen alle mit reinen und heiligen Lippen das Lob anstimmen, das kein Ende nimmt. Herr bringe uns dazu, so bitten wir! — Fünf Jahre sind vergangen, daß beide miteinander verheiratet sind, da schenkt ihnen der Herr Llternfreude. Lin kleines, gesundes, kräftiges Knäblein wird zur Welt geboren. Heinrich kniet am Kettchen nieder und dankt dem Herrn für diese Freude. Frieda betet leise mit. Besonders beten sie, daß Gott es zu seinem Ligentum mache und nicht verloren gehen lasse, viel Freude durften sie erleben. Der Herr schenkte ihnen nachher noch zwei Buben und zwei Mädchen. Freilich, mit den Kindern kamen auch neben den Freuden viele Sorgen ins Haus. Zwei Kinder wurden schwer krank und manche langen Nächte mußten sie an ihren Kettchen zubringen. „Herr, wenn es doch sein kann, laß uns doch diese Lieben," so flehten sie damals. Und der Herr erhörte und schenkte sie ihnen zum zweitenmal. Linige Zeit daraus wurde ihre kleine, vierjährige Maria krank. Die hatte der Herr zu lieb, und er nahm sie nach viertägiger Krankheit wieder zu sich Wie bekümmert saßen beide am Kettchen ihres Lieblings. Die Mutter hielt die heißen Händchen ihres Lieblings in ihrer Hand. Manche Träne rollte auf dieselben. „Mutter, weine nicht. Ich werde zum Heiland gehen. Du hast mir doch immer davon erzählt." „Ja, das ist wahr, mein Kind, aber ich liebe dich doch zu sehr." „Laß mich gehen, Mutter, ich liebe den Heiland. Ich freue mich sehr, daß ich bald zu ihm kommen darf. Wenn ich zu ihm komme, dann werde ich ihn bitten, daß er dich auch bald in Himmel nimmt." — Der Vater faltet ihm die Händchen und betet mit ihm: „Weil ich Jesu Schäflein bin". Keim letzten Verse war das gestorben. 5lm anderen Tage war die Keerdigung, an der sich die ganze Gemeinde beteiligte. Nahmen doch alle Gemeindeglieder herzlichen Anteil an dem Verluste, der ihren Lehrer und seine Frau betroffen hatte. Ts ist aber kein Lärmen auf dem Friedhof wie in früherer Zeit,' ganz still geht es zu. Da auf einmal tritt jemand ans Grab — der Sarg ist schon hinabgelassen — , es ist unser Heinrich. Und über die Stille des Friedhofs ertönt es: „Darf ich nicht sein, in den des Meines Vaters ist. So tönt es uns entgegen von unserem Kinde. Darum wollen wir nicht klagen) unser Liebling ist bei Jesus, wo es kein Leid und keine Traurigkeit mehr gibt. Wir aber wollen uns bemühen, dorthin zu kommen, -wo wir ihn, unseren Heiland, und unsere Lieben wieder sehen dürfen. Und so wollen wir am heutigen Tage dem Heiland geloben: Dennoch bleibe ich stets an dir." Nach einem Gebet ist die Feier beendet. Der Lehrer und seine Frau nehmen Nbschied von ihrem Liebling) sie sind traurig, aber gefaßt. Die Frau blickt gen Himmel und spricht: „Ja, Heiland, bei dir bleibe ich. Ich liebte ja mein Kind, aber da du es haben wolltest, so gebe ich es dir. Ich weiß, du liebst mich, und das genügt mir." Dann gehen beide gemeinsam heim. Ls war im Monat Juni, da sie ihren Liebling in das Grab betteten. Monate vergehen. Die Ndventsglocken läuten wieder in das Land hinaus, es werden Vorbereitungen für das herrliche weihnachtsfest getroffen, will doch der Missionar von der Station Uehoboth kommen, das Abendmahl austeilen und eine große Schar durch die Taufe in die Gemeinde Thristi aufnehmen. Lange hat man geharrt, da kommt endlich der Tag. Der Missjonar kommt angeritten und ist erstaunt, das vürflein so schön geschmückt zu finden, palmzweige umwinden die Häuser, das Kirchlein ist innen und außen geschmückt. Da kommt der erste Feiertag. Schon in früher Morgenstunde sehen wir viele Leute, die ganz weiß angezogen sind. Wer sind diese? Ts sind die Taufkandidaten. Schon in der Frühe wollen sie im Gotteshaus sein, mit Singen und Keten wollen sie sich vorbereiten für diese heilige Handlung. Um 9 Uhr ertönten die Glocken, sie rufen in das Gotteshaus. Schon vor dem Läuten hatte sich das Kirchlein bis auf den letzten Platz gefüllt, ja viele müssen noch im Hofe stehen. Da ertönt es zu Beginn des Gottesdienstes durch die Kirche hindurch: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Lhren." Man spürt, daß das Lied aus vollem Herzen gesungen wird, hier ist, so muß der Ulissionar bekennen, der Geist Gottes mächtig, dann besteigt er die Kanzel. Ls ist ganz stille geworden, als er den Text verliest: Gsfenb. 2, 10. Sei getreu bis in den Tod usw. Die Treue belohnt der Herr, so führt der Prediger aus, darum lasset uns treu sein. Wenn die Versuchungen kommen, wenn die Welt lockt, wenn Satan uns zu Fall bringen will, sei getreu, halte aus, werde nicht mutlos. Und wenn deine Kraft nicht ausreicht, und sie reicht nicht aus, dann findest du Kraft bei ihm, der immer Kräfte darreicht zum Ueberwinden. Nndächtig lauschen alle, und jeder gelobt im Herzen Treue, besonders gilt das von den Taufkandidaten. Nach der Predigt wendet sich unser Heinrich noch einmal an die Täuflinge: „Bleibet treu, dann werdet ihr gekrönt. Ihr könnt ihm nicht treu bleiben, wenn die Versuchung xuch lockt, ihr könnt nicht überwinden ohne den Ueberwinder. Mit ihm werdet ihr gekrönt, durch ihn werdet ihr siegen und die Welt überwinden." Zum Schluß sagt er: „Möchte es heute eure Losung sein: .Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich!'" Dann sang der Thor das Lied: „Sei getreu bis an dein Lnde" und die heilige Handlung wurde vollzogen. Betend und stehend wohnte die ganze Gemeinde dieser Feier bei. Lin Täufling nach dem anderen trat hervor an den Nltar, dann knien alle nieder, und auf den Namen des dreieinigen Gottes werden sie getauft. Besonders fällt uns eine alte Frau auf. Sie ist schon im hohen Nlter, so daß eine andere Frau sie führen muß. Mit Tränen in den Nugen empfängt sie die heilige Taufe. Sie hat sich den Namen Magdalena ausgewählt. Zur Lr- innerung an die herrliche hülfe des Heilandes in ihrer Slln- dennot, der einst auch der reumütigen Magdalena geholfen hat, hat sie sich diesen Namen erwählt. Sie will ihre kurze Lebenszeit nur noch ihm dienen, ihm allein. Die Tauffeier ist beendet, im Nnschluß daran wird das heilige Abend- mahl gefeiert. Welch eine erhebende Feier! Der Missionar merkt, hier ist ein höherer am Werk. Nach dem Abendmahl wird gebetet, alle knien nieder, haben sie doch genug zu danken, wie hat sich doch der Herr über sie erbarmt, er hat sie herausgerettet aus der Macht der Finsternis, ihnen Frieden in das Herz gegeben und sie glücklich gemacht für Zeit und für Lwigkeit. Die Täuflinge bleiben im Gotteshaus 131 bis zum flbenb. Sie wollen ben ganzen Tag an dem Drt sein, der ihnen so lieb und teuer ist. Sie stimmen mit dem psalmisten überein: „Lins bitte ich vom Herrn, das hätte ich gern, daß ich im Hause des Herrn bleiben möge mein Leben lang." Sie erbauen sich durch Lied und Gebet. So verlief diese Feier. Unsere Litte zu Gott ist es, daß er den Täuflingen helfen wolle, daß sie Sünde und Welt überwinden, Glauben halten und dereinst gekrönt werden. In dieser Rrt gingen noch zwei Jahre glücklichen Gemeinschaftslebens hin, da kam der Rufstand und nach demselben die Gefangenschaft, von der ich im Eingang meines Berichtes erzählt hatte. So nehmen wir nun Rbschied von unseren Freunden. Der Herr segne sie, lasse sie immer sein Uahesein verspüren und helfe ihnen weiter Kämpfen, bis sie zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes kommen und an der Freude teilnehmen, die kein Ende nitnmt. wir aber wollen uns bemühen, auch immer mehr dem Heiland ähnlicher zu werden, bis wir ganz in sein Bilb verklärt werden. Erinnerungen eines alten Schleswig-Holsteiners an das Jahr J864. Zur 50. Wiederkehr des Tages von Düppel. (Fortsetzung statt Schluß.) In Elmshorn (Knotenpunkt an der Rltona—Kieler Eisenbahn) fand für Holstein die Landeshuldigung für den Herzog statt und später, nach der Schlacht bei Düppel, in Rendsburg an der Lider die Landeshuldigung für Schleswigholstein Bezeichnend für die Innerlichkeit der Schleswig- Holsteiner trotz scheinbarer Kälte und Nüchternheit war es, daß diese Versammlungen, an denen sich Zehntausende von Iberischen beteiligten, mit Rbsingung des Ehorals „Lin feste Burg ist unser Gott" begannen und mit dem Lhoral „Nun danket alle Gott" schlossen. Täglich mußte der Herzog in Kiel Huldigungsdeputationen empfangen, da alle Gemeinden des Landes, auch die kleinsten, ihre Rbordnungen an den Herzog sandten. INan sollte meinen, daß es dem Herzog, der so von der aufopferndsten Rnhänglichkeit des ganzen Volkes getragen war, leicht hätte gelingen müssen, sich in den tatsächlichen Besitz des Landes zu bringen, namentlich beim Beginn des Krieges des Jahres 1866. Tr hätte nur sein Volk aufrufen können, und eine Erhebung des Volkes wäre 1866 ebenso gut erfolgt wie 1848. Rber der Herzog, ein so vortrefflicher Eha- rakter er war, war kein energischer Mann, war kränkelnd, wollte nicht das Blut seines Volkes für seine Interessen opfern. Er war eine passive Natur, erwartete alles davon, daß sein Recht sich durchsetzte. Im Jahre 1866 hat er alle Schleswig-Holsteiner von ihrer gelobten Verpflichtung ihm gegenüber entbunden. Rn der Vertreibung der dänischen Beamten aus Holstein, soweit diese sich nicht schon selber nach dem Norden begeben hatten, mußten wir Jungen in erster Linie Mitwirken. wir mußten vor den Wohnungen dieser Beamten mordsmäßig johlen, Janhagel warf dann die Fenster ein, eine Rb- ordnung von Bürgern forderte die Beamten auf, Holstein zu verlassen, hier sei ihres Bleibens nicht mehr und sie gingen zunächst ins Ungewisse hinaus. Die Volksmenge kann grausam sein. Erst im wiener Friedensschluß wurde eine Million Taler zur Entschädigung für die verjagten dänischen Beamten und Geistlichen verrechnet. So war Holstein von den Dänen geräumt. In der Stadt Rendsburg, die zu beiden Seiten der Eider liegt, standen im südlichen Stadtteil die Sachsen und die Hannoveraner, im nördlichen Stadtteil die Dänen, die Feinde sahen sich täglich, taten sich aber nichts. Dann Ende Januar 1864 hieß es: Die Preußen und die Gesterreicher wollen gegen die Dänen weiter Vorgehen. Den Preußen und Desterreichern, die 1850 die Schleswig-Holsteiner zum Niederlegen der Waffen genötigt hatten, trauten wir Schleswig-Holsteiner nicht. RIs der Gberkommandierende der verbündeten preußischen und österreichischen Rrmeen, her alte wrangel, auf seinem Durchzuge durch Hamburg in einem Hotel an der Rlster übernachtete, erblickte er hes Morgens vor seinem Fenster auf einem Boot eine große schleswig-holsteinische Fahne mit Trauerflor, wrangel sagte dann zu seiner Umgebung: „Ihr könnt ganz ruhig sein, wir machen nicht wieder, was wir 1850 gemacht haben." Rm I. Februar rückten dann die Preußen und die Gesterreicher über die Eider in Schleswig ein, da die Dänen trotz drohenden Ultimatums das Gesetz über die Trennung Schleswigs von Holstein und über die Einverleibung Schleswigs in Dänemark nicht ausheben wollten. Die Gesterreicher hatten einen tüchtigen Führer, den General von Gablentz, der seine Leute richtig und schnell vorwärts führte und sich auch nötigenfalls um die Befehle des alten wrangel nicht kümmerte. Ruch der Führer der preußischen Rrmee, Prinz Friedrich Karl, der rote Prinz, war ein schneidiger, tüchtiger Dffizier, leider konnte er sich nicht so unabhängig vom alten wrangel machen, wie der Gesterreicher Gablentz. wrangel, seiner Zeit auch ein tüchtiger Soldat, war überalt geworden, hatte immer Bedenklichkeiten, wollte nichts mehr wagen, wenn wrangel den Prinzen Friedrich Karl nicht gehindert hätte, würde er, als die Gesterreicher gegen das Danewerk vorrückten, schnell über die Schlei gegangen sein, wäre den Dänen in den Rücken gefallen und hätte die ganze dänische Rrmee beim Danewerk gefangen genommen, wrangel trägt die Schuld dafür, daß die Preußen erst beim zweiten versuch und zu spät über die Schlei kamen. In Berlin durchschaute man es bald, daß wrangel nicht mehr der geeignete Oberführer war und stellte ihm den Kronprinzen, den späteren Kaiser Friedrich, zur Seite, der jederzeit die Entscheidung geben konnte, was die Preußen konnten, zeigten sie dann bei Düppel und fast mehr noch durch den Uebergang nach Rlsen. während die Gesterreicher immer weiter nordwärts in Jütland hineinzogen, übernahmen die Preußen die Eroberung der zehn Schanzen bei Düppel, die auf recht beträchtlichen, steilen höhen lagen und zu ihrem Schutze mit allen möglichen gefährlichen Hindernisse versehen waren. Die Bauern aus der ganzen Umgegend hatten ihre Eggen ausliefern müssen, die umgekehrt in die tiefen Gräben vor den Schanzen zwischen die Palisaden gelegt wurden. In den Nächten mußten die preußischen Soldaten die parallelen auswerfen, und es waren böse Nächte in dem schlimmen Winter, einem zweiten Kosakenwinter: der Schnee lag stellenweise haushoch und der Frost drang tief in die Erde hinein. Rls aber die Vorbereitungen fertig waren, zeigte die preußische Rrtillerie ihre unfehlbare Treffsicherheit. Die Pioniere und die Infanteristen stürmten mit Todesverachtung, in wenigen Stunden war alles von ihnen genommen. Das war der 18. Rpril 1864. Nach der Einnahme Düppels fühlten die Schleswig- Holsteiner sich erst wahrhaft frei von den Dänen. In allen Kirchen des Landes wurden Dankgottesdienste abgehalten, 132 die meisten Kirchen waren für die Zahl der Besucher zu klein. Jetzt kamen auch die noch lebenden der schleswig-holsteinischen Beamten und Geistlichen, die, 1850/54 von den Dänen aus ihren Nemtern vertrieben, außer Lander hatten leben müssen, stilles Heimweh im Herzen, nach Schleswig-Holstein zurück. Stabt und Land nahmen ihre alten Beamten und Geistlichen mit Freuden wieder auf. Namentlich in NNttelschleswig (Nngeln!> war es ein großer Festtag, wenn die zurückgekehrten tüchtigen deutschen Prediger zum erstenmal wieder in den geschmückten Kirchen auf den Kanzeln standen. Mittelschles- wig liebt Gotteswort, hatte aber jahrelang der dänischen Prediger wegen die Kirche schlecht besucht. Die heimkehrenden Beamten und Geistlichen konnten die leeren Nmtsplätze bei weitem nicht ausfüllen, da nun auch aus Nüttel- und Süd- schleswig alle dänischen Beamten und Geistlichen vertrieben waren. Nlle alten Kandidaten der Theologie und auch der Jurisprudenz, die schon 60 Jahre und darüber alt waren und in früherer Zeit bei der Fülle der Bewerber ihres mäßigen Prüfungszeugnisses wegen niemals auf eine Nnstellung rechnen konnten, kamen nun noch ins Nmt, freilich nicht zum Legen der Bevölkerung. Ihr Geistesöl war verbraucht, und das Lampenfieber konnten sie nicht mehr überwinden, viele gewandte, weltkluge Männer, die nur eine gute Volksschulbildung hatten und keinerlei Prüfungen bestanden hatten, kamen damals zu einträglichen Stellen in der Verwaltung, bei der Post, beim Zoll usw. Sie blieben auch dann in ihren Nemtern, als Lchleswig-Holstein eine preußische Provinz wurde und haben allermeist ihre Nemter recht gut verwaltet. Merkwürdigerweise haben die bekannten schleswig-holsteinischen Dichter Ltorm, Groth, Geibel (Lübeck) usw. die Taten von 1864 nicht poetisch behandelt, wie die von 1848 und dann auch wieder die von 1870. Zu erklären ist dies wohl daraus, daß 1864 das schleswig-holsteinische Volk zur Passivität verurteilt war und darum den Dichtern die allerinnerste Bewegung und Teilnahme fehlten. Lpottverse auf die Dänen verfaßte damals in großer Zahl ein schleswig- holsteinischer Kämpfer von 1848, der von den Dänen verbannte, in Hamburg bei der hapag angestellte Nethwisch. poetischen Wert hatten diese Lpottverse gar nicht, waren aber trotzdem beim ganzen Volke äußerst beliebt und wurden vom Morgen bis zum Nbend gesungen. Mehrere dieser Lieder weiß ich noch auswendig von damaliger Zeit her. Tin Lied fing an: ,,(D, Hannemann, o, Hannemann, wie klein sind deine Länder, du hast kein Lchleswig-Holstein mehr und leihst dir Geld auf Pfänder usw. Tin anderes Lied behandelt die Trauer eines Dänen über den von deutschen Turnern heruntergestürzten dänischen Löwen auf dem Friedhof zu Flensburg' die Sprache soll die eines Dänen sein, der gebrochen deutsch spricht: „Men Latans Nngst og Nöd, den Löwe ihm is död" („o Latans Nngst und Not, der Löwe ist jetzt tot"). ll)ie diese Nethwischschen Lieder bis zum Ueberdruß gesungen wurden, so wurde der Düppeler Lturmmarsch, an dessen Geschichtlichkeit wir nicht im geringsten zweifelten, auf jedem haurpiano, auf jedem Ballfeste gespielt, bis es mit ihm zu viel wurde. Die Dänen verboten in kleinlicher Meise das Lingen und Spielen der schleswig-holsteinischen Lieder, und ohne Tnde wurde heimlich gesungen und gespielt. Nls nachher kein verbot mehr vorhanden war, nahm die Lust von selbst ein Tnde. Ich habe daraus den.Schluß gezogen, daß Negierung und Polizei das beste erreichen, wenn sie nicht zu kleinlich verfahren. Die besten dichterischen Darstellungen der Taten von 1864 haben preußische Dichter gegeben, z. ö. Fontane und hesekiel. Ihre Gedichte sind in unsere Schullesebllcher ausgenommen und verfehlen ihre Wir- kung auf die jugendlichen Gemüter auch jetzt noch nicht. Das ganze preußische Volk war freudig erregt über die Heldentaten der Nrmee, nach fünfzigjähriger Waffenruhe hatte die Nrmee gezeigt, daß der alte preußische Loldatengeist noch nicht ausgestorben war. Was aber das ganze preußische Volk fühlte und dachte, sprachen seine Dichter aus. (Schluß folgt.) Erinnerungen an Düppel. Ueber die letzten Wochen vor dem Sturm auf die Düppeler Schanzen und diesen selbst schreibt uns ein alter „Düppelstürmer": Unsere Kompagnie lag eines Februartages im Jahre 1864 in einem Gehöft an der Thaussee Grafenstein-Sonder- burg in höhe der Nübelmühle und schickte tüchtig Patrouillen aus, um die Stellung des Feindes in und um die Büffelkoppel zu erforschen. Mit einer solchen Patrouille ging ich direkt auf diese los und kam in der Dunkelheit auch ohne Schwierigkeiten um dieselbe herum, bis der Spitzberg vor uns lag. Da er feindlich besetzt war und die dänische Postenkette dicht vor uns lag, mußten wir zurück. Nls wir die Lüffelkoppel wieder hinter uns hatten, sahen wir rechts seitwärts Licht, schlichen uns näher und fanden ein kleines Gehöft. Wir hielten es für unbesetzt und hofften, dort vielleicht wichtige Nufklärungen zu erhalten. Das Gehöft wurde umstellt, und ich schlich mich an das Fenster. Draußen war alles mäuschenstill drinnen aber saßen drei Dänen, also eine Patrouille: die hieben tapfer ein. Grütze und Buttermilch stand auf dem Tische; auf diese hatten sie den Nngriff eröffnet. Die Gewehre standen in der Stube neben der Tür. The die Dänen Böses ahnten, waren wir im Zimmer, die Gewehre in unserm Besitz, und am Fenster standen zwei Mann meiner Patrouille im Nn- schlag Da half nun kein Lamentieren, das Nbendbrot blieb unoerzehrt und im Triumph ging es mit drei Gefangenen zurück zur Kompagnie. Nbwechselnd mit Patrouillendienst, Schanzarbeiten, Faschinenbuschhauen, kleinen Gefechten und Plänkeleien verstrich die Zeit. Nachdem der Spitzberg genommen und dann die Hammelmark-Batterie aufgestellt war, sollten Laufgräben und Parallelen gegen die Schanzen aufgeworfen werden, hierzu war es nötig, die zwischen unserer Stellung und den Schanzen liegenden (Ortschaften vom Feinde frei und in unsere Hände zu bekommen. Dies wurde am 17. März durch einen Nngriff unsererseits bewirkt. Dieser Tag hat für mich eine besondere Bedeutung. Wir hatten den Befehl bekommen, die Düppelkirche und das Dorf zu nehmen, hierzu ging es zunächst von „Knick zu Knick" (Trdwälle mit Hecken auf dem Felde). Wir nahmen hinter einem solchen Nufstellung in Schützenlinie: uns gegenüber hinter dem nächsten Knick lag der Feind. Nach einleitendem Feuergefecht machten wir uns bereit, mit Hurra den freien Zwischenraum zu nehmen. Da, als ich mich aufrichtete, um meine Gruppe auf das kommende Kommando vorzubereiten, bekam ich ganz unbemerkt eine Kugel in den gerollten Mantel über der linken Brust. Ich ahnte nichts davon, bis wir wieder hinter dem neuen Knick lagen und mich jemand darauf aufmerksam machte. Schnell riß ich den Nock auf, fand aber zu meiner Freude alles unverletzt und schließlich die Kugel in der Brusttasche mit gespaltener Spitze. Sie war auf einen Mantelknopf geraten, hatte sich an der Kante desselben gespalten und die Kraft verloren. Zum zweiten Male an demselben Nachmittage 133 rettete mir mein Gefreiter das Leben, indem er einem Dänen, der auf mich anschlug, als wir über den letzten Knick sprangen, das Gewehr hochschlug und ihm das Bajonett in die Brust rannte. — Nun kam der letzte Anlauf, und Kirche und Dorf waren unser. Mr blieben die Nacht über unter Gewehr. Am nächsten Tage bezogen wir Vorposten im Dorf Düppel, während noch die Geschosse aus den Schanzen ihr Zerstörungswerk an den Gebäuden fortsehten. Nun gab es bis zum 10. April viel Abwechslung: vorpostendienst, Schanzarbeit, auch Ruhetage und Ballspiel. Am Abend des genannten Tages rückten wir in die 2. parallele und sind von da ab bis zum 18. fast nie mehr aus den Laufgräben hinausgekommen. Nachts hieß es, Gräben auswerfen Schanzkörbe wurden uns gebracht — und des Morgens, die feindlichen Vorposten um 50 100 Schritt zurückwerfen, bis wir endlich 200 Schritt weit vor Schanze I und zirka 300 Schritt vor Schanze 3 die dritte und letzte parallele auswarfen, von hier aus erfolgte dann am 18. April der weltbekannte Sturm auf die Schanzen, der so überraschend schnell vor sich ging, daß eigentlich nichts dabei passieren konnte, als totgeschossen zu werden oder unverletzt lebendig hineinzukommen. Erst drinnen konnte man etwas um sich blicken, um auch von der Tätigkeit der Sanitätskolonnen etwas zu sehen, die vor den Schanzen aufräumten und die braven Kerle unter die Messer der Aerzte trugen oder in die Feldlazarette nach Broacker fuhren. Nach vollendeter Blutarbeit gingen wir zunächst in ein Zeltlager in der Büfsel- koppel, schliefen tüchtig und besichtigten am nächsten vormittag das Schlachtfeld, fjier waren die Tvten bereits teilweise in die große Gruft gelegt, andernteils zusammengetragen- auch dänische Krankenträger holten ihre gefallenen Offiziere nach Alsen über. Am folgenden Tage kam der König auf das Schlachtfeld, und wir hatten Parade vor ihm und kamen dann auf Broacker in Ouartier bis zum Beginn der 6 wöchigen Waffenruhe. Ts ist übrigens merkwürdig, wie einem die Gefahren nach und nach gleichgültiger werden. Als uns am 1. Februar die ersten Flintenkugeln um die Ohren zischten, kam uns die Sache unheimlich vor. Da erfolgte das Signal: „Schwärmen und schießen!" und sobald unsere Zündnadelgewehre knallten, änderte sich die Sachen man kümmerte sich nicht mehr um die Gefahr und sann nur, wie man dem Feinde eins auswischen konnte. Nächsten Tag vor Mpssunde machten wir mit Granaten und Kartuschen Bekanntschaft, es gab auch Tote und verwundete, und wir sehnten uns nach Deckung. Als wir erst solche hatten, fühlten wir uns aber schnell wieder sicher und knallten frisch drauf los bis zur Dunkelheit, während der Belagerung von Düppel hatten wir uns bereits so an das Geschützfeuer gewöhnt, daß wir, wenn wir in den Laufgräben einmal dienstfrei waren und schliefen, erst dann aufwachten, wenn gerade einmal eine Pause im Knallen und Sausen eintrat. Tin halbes Jahrhundert ist nun dahingegangen, aber doch stehen all diese Tindrücke noch so lebendig vor meiner Seele, als wäre ick erst vor wenigen Jahren INitzeuge des weltbekannten Düppler Feldzuges unter der Devise „INil Gott für König und Vaterland" gewesen. T. K. „Vater ist da!" vor vielen Jahren habe ich einmal eine eindringliche, mir unvergeßliche kleine predigt zu hören bekommen, und zwar von einem kleinen Jungen, dessen Namen ich nicht einmal weiß, eine predigt, die nur die drei Worte umfaßte: Vater ist da! - kein Wort mehr oder weniger. Zu diesem kurzen Text nun habe ich mir die Auslegung selber machen können, und das war nicht schwer - denn wie ich schon sagte, der kurze Text war tief eindringlich und ebenso anschaulich. Ts war bei einem Spaziergang in einem fernen Drt in den Bergen, als ich an einem entlegenen, völlig einsamen ljaus unwillkürlich meine Schritte hemmte und vor einem Sandhaufen stehen blieb, an dem ein Junge von vielleicht fünf Jahren gespielt haben mochte. Zur Zeit saß er still und nachdenklich da, ohne sich zu rühren. Seine strohgelben kjaare standen wie Bürsten in die kföhe, sein Anzug ließ, was Reinlichkeit und Ordnung anbelangte, manches zu wünschen übrig, seine blauen Augen aber machten alles gut, sie waren so klar und blickten uns so vertrauend an. Diesen Kinderaugen sah man es an, daß sie weder Lüge noch Ungehorsam kannten, daß sie nur die Liebe wiederstrahlten, die sie aufnahmen. Sch fragte den Knaben, was er hier mache, erhielt aber keine Antwort, weiter fragte ich, wie er heiße, aber wieder kam keine Antwort. Dann stellte ich die Frage, die man - nebenbei bemerkt — niemals an Kinder richten soll, nämlich, ob er sich nicht fürchte so allein? — Da sagte das Kind in dem Sdiom seines Landes: „Vater ist da!" wie rührend, ja ergreifend klang diese kurze Antwort! Ts lag das ganze kleine Seelenleben dieses Kindes darin. Auf alle andern Fragen hatte es nicht geantwortet, nur hierbei, wo es sich offenbar für den kleinen Jungen darum handelte, zu zeigen, daß er einen Vater habe, dem er völlig vertraue, gab er diese kurze, so vielsagende Antwort. Sch wußte bisher nichts von diesem Vater, aber nun wurde es mir zur Gewißheit, daß das Kind einen guten Vater haben müsse, da es ihm so völlig vertraute. Und nun wurde mein Interesse rege, etwas näheres über Vater und Kind zu hören. So erfuhr ich denn, daß, seitdem des Kindes Ulutter gestorben war, dieses stets nur bei dem Vater sein wollte, der es nun überall mitnahm, wohin seine tägliche Arbeit ihn führte. So war das Kind viel allein, aber es zog diese Tin- samkeit allem Spiel mit Altersgenossen vor, um in der Nähe des Vaters zu sein. Sch habe diesen Tindruck nie vergessen können, denn die kurze, vielsagende Antwort dieses Kindes hat mir viel zu denken gegeben. „Vater ist da!" Gilt das nicht auch für einen jeden von uns? Könnte denn im Leben je wieder ein Gefühl der Angst, der Unruhe, der Besorgnis vor irgend etwas Unbekanntem uns unterjochen, das unbestimmte Ahnen von irgend einem Unglück uns bedrücken, wenn wir, wie dieses Kind, uns bewußt wären, daß auch für uns unser Vater immer da ist? wir wollen uns von diesem Kinde nicht beschämen lassen, nicht wahr? Sagen wir uns doch stets in allen Stunden unseres Lebens, in guten und bösen Zeiten: wir wollen uns nicht fürchten, wir sind nicht einsam, nicht verlassen, denn „Vater ist da!" Baronin R. Ein pfälzischer Musitant. Trzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) Ts war in der Tat ein wenig angenehmer Gang, den wir in der Winternacht machten. Der Schnee lag schon ziemlich hoch, es war ein mühsames Gehen, da der Fuß bei jedem Schritte wieder etwas zurückrutschte. Nur an den Bäumen, die dicht am Straßengraben, auf den Acckern standen, konnten wir erkennen, wie die Straße lief. Ohne dieses Rlerkzeichen hätten wir schnell jede Richtung verloren. 134 Ganz still war es ringsumher, es war die rechte Mater, einsamkeit. Gehen dort schon am Tage in der verkehrsarmen Gegend nicht allzu viele Leute, so ist die Straße in der Mnternacht völlig leer. Ruch kein Tier oder ein Vogel ließ sich hören, fast glaubte man, das Fallen des Schnees zu hören. Kasch waren die Umrisse der Gebäude des Dorfes verschwunden, auch der hochragende, spitze Kirchturm war hinter Uns zurückgeblieben. Der Schneefall wurde stärker, öfters mußten wir stehen bleiben, um die weiße Ulasse von unseren Kleidern und Mützen abzuklopfen. Gerade streiften wir wieder mit unseren dicken Fausthandschuhen den Schnee von Urmen und Schultern, da sagte Karl: „Ich gehe nicht weiter, dort vorn steht ein Kerl, der will uns anpacken." Ich sah nach der Richtung, nach der Karl mit seinem Stocke deutete, da stand tatsächlich seitwärts von der Straße, auf einem Ucker ein dunkles Etwas, das die Figur eines Mannes hatte. „Das ist ein Räuber, der lauert auf uns," sagte Karl. Mir selbst wurde es bei den Reden meines Mitknechtes unheimlich zu Mute, aber ich überlegte, daß wir ja zwei gegen einen waren und daß es uns nichts helfen würde, auch wenn wir die Flucht ergreifen würden, da der unheimliche Mensch, der wartend auf dem Ucker stand, uns leicht einholen konnte. Darum faßte ich meinen Stock fester und sagte zu Karl: „Rur weiter, wenn der Kerl dort etwas von uns will, so werfe ich ihm die Laterne in das Gesicht." D3ir gingen weiter, ich behielt die dunkle Gestalt fest im Uuge, da gewahrte ich beim Nähertreten, daß der „Räuber" ein Raumstrunk war. Nun erinnerte ich mich auch, daß ich in der guten Jahreszeit an diesem Strunke oft vorübergegangen war. weiter gingen wir im glitschigen Schnee der höhe zu, auf der rechts ein großer Zandsteinbruch liegt. Uuf das neue kam die Ungst über meinen Regleiter. „Im Zteinbruch sitzen Zigeuner," sagte er mit leiser Zlimme. „Du bist nicht gescheit," erwiderte ich, „bei einer solchen Kälte bleiben auch die Zigeuner nicht im Zteinbruche, die wären ja bis morgen früh alle erfroren." „Uber im Zteinbruch ist es nicht just," fuhr Karl fort, „ach, wenn der alte konrad Hinkel jetzt dort heraus käme, ich würde Feuer kreischen." Daß Karl diese gräßliche Ungst vor dem toten Manne hatte, daran war ich ja mit schuld, weil ich im Zommer meine Possen mit ihm getrieben hatte, als er noch im Pferdestalle schlief, nun aber redete ich ihm Mut ein: „Lei doch kein Narr, ein Toter ruht still in seinem Grabe, vor den Toten brauchen wir uns nicht zu fürchten, aber vor den Lebendigen." Raid hatten wir den kahlen Wald erreicht. Karl drängte sich dicht an mich heran und flüsterte mir in das Ohr: „Dort, wo der dicke Eichbaum steht, ist vor hundert Jahren ein Handelsmann von einem Holzmacher erschlagen worden, und der Holzmacher geht dort noch mit seiner Uxt um." Ungefähr zehn Zchritte waren wir von dem Baume entfernt, da flatterten Raben auf, die seither auf seinen Resten gesessen hatten und vermutlich durch unser Näherkommen aufgescheucht worden waren, in demselben Uugenblicke fiel in einiger Entfernung ein Lchuß. Da war der Mut des Karl völlig an seinem Ende angelangt. „Die Zache ist nicht geheuer," sagte er mit einer Stimme, die vor Ungst bebte, „die Raben bedeuten Unglück, eben ist im Walde einer totgeschossen worden." Karl machte kehrt, und mit einer Schnelligkeit, die ich seinen krummen Reinen und seinen schiefen Füßen gar nicht zugeiraut hätte, lief er davon. Ungefähr zwanzig Zchritte war er gelaufen, da purzelte er in den Schnee, aber er hatte sich schnell' wieder erhoben und war bald im Schneetreiben und in der Winternacht verschwunden. Ich stand allein vor der dicken Eiche. Ruch mich, das will ich ruhig gestehen, überfiel die Ungst. kein Wunder,- denn ich war ein Junge von 14 Fahren. Nicht die Raben hatten mir Schrecken eingejagt, wohl aber hatte der Schuß bewirkt, daß mein Herz lebhaft klopfte. Um diese Zeit, das wußte ich, waren Jäger nicht mehr draußen. Ich überlegte einen Uugenblick, ob ich nicht auch umkehren sollte, aber da dachte ich an die Ungst und Sorge der Frau Hinkel um ihren Mann, und ich entschloß mich, auf alle Fälle nach Mörsfeld zu gehen und dort im Notfälle in einem Stalle zu übernachten. Es war etwas Heller geworden, auch schien es mir, als ob die Schneeflocken spärlicher fielen. Ich sah zurück und gewahrte, daß der Mond aufging. Da faßte ich neuen Mut und ging weiter. Im rechten Winkel biegt die Straße in südlicher Richtung ab nach der pfalz-baperischen Grenze. Da, wo sie die seitherige Richtung verläßt, hat man ein großes Rondell angelegt, und eine Eiche strebt mitten daraus hervor. Un dieser Stelle war ich angelangt, da hörte ich nicht mehr weit von mir einen zweiten Schuß fallen, und eine Stimme, in der ich sofort die meines Dienstherrn erkannte, rief laut: „Hilfe, Hilfe!" Da eilte ich, so rasch als es der Schnee und die Laterne erlaubten, vorwärts. Uls ich dahin gekommen war, wo der Wald ein Ende nimmt und der Weg sich jäh nach Mörsfeld heruntersenkt, sah ich, daß ein Mann auf einem Steinhaufen, wie ihn der Straßenwart aufrichtet, saß. Es war Herr Hinkel. „Peter, bist du es?" rief er mir zu, „dich hat der liebe Gott hierher geführt. Ich kann nicht mehr weiter, seit zwei Stunden sitze ich auf dem Steinhaufen, ich habe um Hilfe gerufen und mehreremale das Gewehr abgeschossen, aber kein Mensch hat es gehört." „Gelt, Herr Hinkel, Sie sind von Zigeunern angepackt worden?" fragte ich hastig. „Gott bewahre," entgegnete der Mann, „Zigeuner sind jetzt weit und breit nicht zu sehen, ich habe mir den Fuß vertreten. Uls ich den Rerg herauf war, bin ich mit dem rechten Fuße in ein festgefrorenes Wagengeleise getreten, der Fuß knackte um, und ich konnte keinen Schritt mehr gehen. Mit Mühe und Not bin ich bis an diesen Steinhaufen gehumpelt." Ich sah, daß Herr Hinkel sich seinen Muff und seine Jagdtasche zum Sitzen untergelegt hatte. Er trug eine sehr dicke Fagdjoppe und war auch sonst warm angezogen, aber er sagte doch: „Peter, wenn du nicht gekommen wärest, so hätte ich heute Nacht hier erfrieren müssen." Ich erzählte ihm, daß mich Karl aus übergroßer Ungst im Stiche gelassen habe, da wurde Herr Hinkel ernstlich böse. „Vas hätte ich doch von dem Ungstlappen nicht gedacht, daß er dich im Walde allein lassen würde. Uber, dem Feigling ist alles zuzutrauen. Läßt der alte Esel aus Gespensterfurcht dich im Stich, du bist ja noch ein halbes Kind. Peter, das werde ich dir danken, was du für mich getan hast. Nun will ich einmal sehen, ob ich auf den Fuß treten kann, komm ganz dicht an mich heran, ich will mich auf dich stützen." Hinkel trat mit dem linken Fuße auf, faßte mich um die Schulter und richtete sich auf. Uber kaum hatte er den rechten Fuß auf den Roden gesetzt, da sank er mit einem Uuf- 135 — schrei zurück auf den Steinhaufen und hätte mich beinahe dabei umgerissen. „Ls geht nicht," sagte er, „Peter, lauf nach dem Forst- hause — es liegt hier am Waldrande einige hundert Meter von hier entfernt - und hole Hilfe herbei!" Noch nie zuvor war ich an dem bezeichneten Hause gewesen, aber es war leicht zu finden, da der Mond mittlerweile hoch gestiegen war und das Schneien aufhörte. Ich ging den Waldrand entlang und sah nach kurzer Frist das einstöckige Haus mit seinen grünen Fensterläden aus den waldbäumen hervortreten. Nun ging ein wütender Gebell und Gekläff im Hause selbst und in dem nebenan liegenden Hofe los, die Hunde des Försters hatten meine Schritte gehört und meldeten mein Kommen. Nls ich gar mit meinem Stocke gegen einen der Läden klopfte, erhob sich ein Höllenlärm. Gin Laden wurde aufgemacht, und ein bärtiger Mann - es war der Förster -- fragte mich mit tiefer Stimme, was ich wolle. Nasch setzte ich ihm alles auseinander, es dauerte kaum fünf Minuten, da kam er heraus und hatte einige Wolldecken über dem Nrme. Zwei Dachshunde liefen dem Manne nach. Nls wir an die Unfallstelle gelangt waren, war das erste, das der Förster tat, daß er Herrn Hinkel in die mitgebrachten Decken einhüllte, damit er nicht länger bewegungslos der Kälte preisgegeben sei. Mich ließ er bei dem verletzten zurück, er selbst begab sich nach Mörsfeld, um Hilfe zu holen. Herr Hinkel zündete, trotzdem er Schmerzen im Knöchel verspürte, seine kurze Pfeife an, und ich lief im Kreise hin und her, um mir die Füße zu erwärmen. Line halbe Stunde verging, da hörte man aus der Tiefe einen wagen heranrasseln. Der Förster hatte ein Fuhrwerk aufgetrieben, mehrere Männer kamen mit. Ls kostete uns einige Mühe, den schweren Mann auf den wagen zu heben. Vorsorglich, hatte man einige Federdecken auf den wagen gepackt, so daß der verletzte einigermaßen bequem lag und nicht bei jedem Stoß des Fuhrwerks neue Schmerzen empfand. Ich weiß nicht mehr, wieviel Uhr es war, als wir endlich wieder in Stein-Bockenheim anlangten, aber das weiß ich noch, daß es eigentlich eine schöne Fahrt war, als wir uns beim Mondschein durch den leuchtenden Schnee die höhe hinunterbewegten. Frau Hinkel, die die Zwischenzeit in großer Nngst zugebracht hatte, erschrak gewaltig, als das Fuhrwerk in der Nacht vor ihrem Hause ankam, sie meinte zuerst nicht anders, als daß wir ihren Mann tot nach Hause brächten, beruhigte sich aber rasch, als sie ihn munter und guter Dinge fand. von Karl war in dieser Nacht keine Nede mehr. Lr hatte sich, ohne Frau Hinkel Kescheid zu sagen, leise nach seiner Kammer begeben und beschäftigte sich wohl schon lange in unruhigen Träumen mit den fürchterlichen Ereignissen, die er auf unserem Gange durch den winterlichen Wald erlebt hatte. In aller Frühe wurde- ich am nächsten Morgen nach Wöllstein zum Nrzte geschickt. Dieser kam rasch in seinem Schlitten herbei und stellte fest, daß Herr Hinkel den Knöchel gebrochen habe. Nber es sei ein gutartiger vruch, der in einigen Wochen heilen werde. Das muß ich sagen: mein Dienstherr war dankbar. Lr machte es nicht, wie die Menschen, die ich seit diesen Ereignissen in großer Menge kennen gelernt habe, er vergaß nicht den Dienst, den ich ihm erwiesen hatte. So oft ich zu ihm in das Zimmer trat, sagte er zu mir: „Peter, du hast mir dar Leben gerettet". Seine Frau und er behandelten mich von dieser Zeit an, als ob ich. das Kind des Hauses sei. Frau Hinkel ließ mir beim Schneider neue Kleider machen, und wenn sie in die Gbstkammer ging, brachte sie mir stets einige Nepfel mit. Jede freie Stunde brachte ich in dem Zimmer zu, in dem mein Herr im Nette lag. Nuf feinen Wunsch las ich ihm mancherlei vor, und so verfolgten wir beide in diesem Winter den Lebenslauf Ulis, des Knechtes und des Pächters. Sehr oft forderte mein Dienstherr mich auch auf, meine Trompete hervorzuholen. So kam es, daß ich mich in diesem Winter recht in der Musik vervollkommnete. Nm zweiten weihnachtstage bekam ich meinen Lohn und durfte nach Hause gehen, um meine Litern zu besuchen. Das war für beide Teile eine große Freude. Nuf Heller und Pfennig legte ich den Lohn meinen Eltern auf den Tisch. Der Vater, den ich etwas gealtert fand, sagte zur Mutter: „Nn dem Peter haben wir Freude, der wird uns eine rechte Stütze sein, wenn wir nicht mehr arbeiten können." Frohgemut ging ich am nächsten Tage wieder zurück: denn ich wußte, daß ich im Dienst bei guten, dankbaren Leuten war. (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Nm 25. Npril feierte im Kreise seiner Kinder und Enkelkinder Herr Geh. Forstrat Prof. Dr. wimmenauer seinen 70. Geburtstag unter lebhafter Nnteilnahme der Universität. Der genannte Herr ist seit einem Vierteljahrhundert Mitglied des Kirchenvorstandes der Lukasgemeinde und seit der Teilung der evangelischen Gemeinde Gießen in vier Einzelgemeinden auch Mitglied des Gesamtkirchenvorstandes. Möge es ihm noch recht lange vergönnt sein, für seine Familie, seine Wissenschaft und seine Kirchengemeinde zu wirken! Nm 17. Mai findet nachmittags um 2 Uhr wieder Taubstummengottesdienst im Lukassaale statt. Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 3. Mai, Jubilate. Gottesdienst. In der Stadttirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Schwabe. Zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Markusgemeinde, vormittags M/s Uhr: pfarrassistent Hoffmann. vormittags II Uhr: Militärgotterdienst. Pfarrer Schwabe. Nachmittags 2Vs Uhr: Kinderkirche für die Matthäurge- meinde. pfarrassistent Hoffmann. In der Johannerkirche. vormittags 8 Uhr: Pfarrer Nusfeld. Zugleich Thristenlehre für die Neukonfirmierten aus der Johannesgemeinde, vormittags SV- Uhr: Pfarrer Nechtolsheimer. Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Nechtolsheimer. Nbends 8 Uhr: Versammlung und Nibelbesprechung im Johannessaal. %cKöf\hoiUt verleiht die echte < #3Ü2tbj2nprfejr'0 - bttteLilienmilchselfef. zarte, weisse Hautvon Bergmann & Co. .Radebeul 136 ^Ankündigungen empfehlenswerter Firmen^ Rudolf Richter Gießen, Marktstraße 24—26 hüte und Mützen Reichhaltige Auswahl. VilligePreise :: Rabattmarken. Reparaturen :: Hrdr. Seipel j —- ,6 Markt 16 - < vorteilhastevejuqzquelle ) für \ /Strumpfroaren uttö$ , Unterzeuge. Wäsche Rinder-Ausstattungen f «n gros KOfjCttS en detail e: Frankfurter Strahe. ? empfehlen Trauerhüte, Trauerschleier, moderne Gürtelbänder, Schleier und Uebergangshüte Jfran) Sette Wusburg 10 ssernsprech-Illr. 666 spepsl-ikefchsfl in kuri-,!lvoll-u. Weißwaren lkrstlings-Kusstattungen fluswahltenüimgen brreitwilligfl Carl Loos Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. 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