Gemeinüeblatt fiiröif evangelische Airchengemeinöe Gieszerr Nr. 15. Gießen, Sonntag Quasimodogeniti, 19. April 1914. 3. Jahrgang. Hrühlingsrauscheii. Jelaia 38. 17. Siehe, um Trost war mir sehr bange, du aber Haft dich meiner Seele herzlich angenommen, daß sie nicht verdürbe. Wer die vorstehende Ueberschrift mit der nachfolgenden Tcxtangabe gedanklich Zusammenhalt, dem mögen sie nach landläufigen Begriffen roohl schlecht zueinander zu passen scheinen. Venn nach diesen ist der Frühling die Zeit der Hoffnung, atmet das Herz auf, weil des Winters Bangigkeit vorüber ist, und neuer Leb nsmut durchströmt die Adern. 5lber es gibt Herzen, aus denen auch der Frühling die Bangigkeit nicht vertreiben kann, die der Finken- und Amselschlag, anstatt sie die Dual vergessen zu machen, nur um so peinvoller an ihr unstillbares Leid erinnert. Ts gibt nichts Trüberes, als mit solch einem Herzen durch die lachende Frühlingswelt zu gehen. Ihm war der Ausblick in die Wintcrlandschaft viel wohltuender und stimmungsgemäßer. Für solche Herzen ist der Nachsatz unsres Textes da: vu aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, daß sie nicht verdürbe. Wenn wir unsre Thristengemeinschaft gegenwärtig auf ihre Herzensstimmung prüfen, so scheint auch ihr die Lenzeshoffnung wenig zu sagen zu haben. Ihr Gemüt ist durchaus nicht auf Hoffnung gestimmt, sondern eher auf Klage. Sie fühlt sich innerlich zerrissen, um Trost ist ihr bange, weil der Geist des Abfalls durch ihre Neihen geht. Alle INächte der Welt scheinen sich gegen sie verschworen zu haben, politische Strömungen werfen ihre Wellen auf das Gebiet der Kirche herüber und wirken da in einer Weise, die man auf den ersten Blick hin als eine verheerende ansehen muß. vie Wissenschaft, oder wenigstens das, was sich heute den Anstrich gibt, es allein zu sein, wird vor den Wagen der Kirchenflucht gespannt, um als Zugpferd zu dienen, die Glieder der Kirche mit größerer oder geringerer Eile aus deren Bereich hinaus zu führen, und sie läßt sich zum Teil zu diesem vienste nur zu gerne verwenden, vie Staaten lösen unter dem Einfluß der öffentlichen politischen Meinung mehr und mehr ihre Verbindung mit der Kirche und wagen fast nur noch unter vier Augen, ihr achselzuckend ihr Beileid über die ungünstige Wandlung der Verhältnisse auszusprechen. ver Zeitpunkt scheint nicht mehr fern, wo der Kirchenzuschuß aus dem Staatshaushalt verschwindet, und die Kirche versuchen muß, sich völlig aus eigenen Kräften zu erhalten. Wahrlich, die Zeichen der Zeit sind derart, daß manchem über der Zukunft unsrer Kirche, die wir alle lieben, bange werden kann, vennoch ist für denjenigen, der die Kraft der Thristengemeinschaft kennt, das alles nur Frühlingswehen, vie alten Verbindungen mögen brechen, neue treten dafür ein. Wenn nur die Augen aufgehen und die Herzen sich auf sich selbst besinnen ! Darauf aber laufen die Stürme der Zeit hinaus. Sie rütteln, an den Türen der Kirche und rufen hinein: Thmi-nr»a'- erwache! Kann es eine frohere Botschaft geben? Wir hören in dem gegenwärtigen Brausen den Schlag der Flügel Gottes. Ts muß doch Frühling werden. _ K. G. Zur Geschichte der Dorfes Albach. von Pfarrer T>. Koehler-Steinbach. (Schluß.) 1654 werden die Stühle im Thor neugemacht. 1656 wird eine neue Altarbekleidung angeschafft, hierzu hat Hans Georg Tuler, Tinwohner zu Albach, 2 Reichs- taler geschenkt. Auch Ausgaben für Unterhaltung der Glocken finden sich. 1679 „dem Schmitt I Albus 4 Heller der kleinen Glock das Ghr anzuschlagen". „Dem Schmitt 7 Albus für Tisen und Nägel an die kleine Glock zu machen." In demselben Jahre schlägt der Blitz in die Kirche, vie Herstellung des vaches kostete 2 fl. 16 Albus. In allen Rechnungen aus jener Zeit findet sich als ständige Ausgabe die Unterhaltung des Kirchendaches. 1684 wird eine Uhr angeschafft. „1684 den 13. Marti, ist allhier die Uhr aufgerichtet worden von der Gemeinde bei Bartholomaeus Stempeln, Uhrmacher zu Lich. kostet 20 Neichstaler. Johann Georg Arnold, Bürgermeister." 1696 findet eine durchgreifende Wiederherstellung der Kirche statt, vie Kosten betragen 220 Gulden. 1770 ging ein Hagelwetter über die Gemeinde nieder. In der Kirchenrechnung dieses Jahres finden sich 3 fl. 15 alb. verzeichnet „vor ein neu Kirchenfenster, welches die Kissel völlig entzwei geschlagen". >771 wird dieselbe Ausgabe erwähnt für „ein neu Kirchenfenster, welches die Kisseln ganz entzwei geschlagen". 114 - Die Reparaturen an der alten Kirche hören nicht auf. Die Kastenrechnungen von 1699 bis 1772 zeigen, wie jährlich bald hier, bald dort Reparaturen nötig waren. Rls man 1772 sich anschickte, das Mauerwerk an der Kirche auszu- bessern, zeigte sich dasselbe so schadhaft, daß sich die Gemeinde entschloß, das alte Kirchengebäude niederzulegen und eine neue Kirche zu bauen. Den plan zur jetzigen Kirche hatte der Rauverwalter Rockstroh von Lich entworfen. Die örtliche Rauleitung war von Pfarrer örück dem Kaspar Zchaefer junior und Kaspar Kraemer übertragen worden. Dieselben waren von Pfarrer Drück verpflichtet worden, genau nach dem Riß zu bauen. Die Maurerarbeiten machte Peter Datum. (Woher dieser war, wird nicht gesagt.) Die Zimmerarbeiten machte Zimmermeister Zpar von Lich, die Zteindeckerarbeiten Peter Rimber von Gießen, die Glaserarbeiten Rdam Gierharth und die Zchreinerarbeiten Ludwig Dierharth. (Woher diese waren, wird nicht gesagt.) Die Fenster und Türrahmen wurden von Zteinhauern in Trais hergestellt. Die lveißbinderarbeiten besorgte Maler hisgen von Lich. Derselbe befestigte auch die an der Empore befindlichen biblischen Rilder, die in Frankfurt gekauft worden waren. Sie sind nach Rnsicht und Urteil von Zachverständigen sehr wertvoll. Der Zchalldeckel über der Kanzel wird von einem Zchwanen gehalten, dieser wurde in Gießen angefertigt. Zn der Kirchenbaurechnung heißt es: „bezahlt an den Zchlosser zu Gießen vor den schwahnen zu machen an die Kantzell 9 fl". Leider erfahren wir nicht, wie dieser Zchlosser hieß. Nachdem Dach und Turm aufgeschlagen waren, wurde Richtfest gefeiert. Oie Zimmerleute erhielten „Zchmandt, boder und Warmbiehr". Ein Zimmergesell hatte den Ztrauß aufgesteckt und dabei aus einem „grün halb Podel-Glas Gesundheit getrunken und dann das Glas auf die Erde geworfen". Mit besonderer Feierlichkeit wurde der Hahn auf dem Turme durch Dachdecker Rimber von Gießen aufgesetzt. Für diese Rrbeit erhielt er noch extra 1 paar Ztrümpfe und I paar Schuhe. Diese mußte er aber oben auf dem Turm in luftiger höhe anziehen, dabei sprach er die Worte des Zöllners: „Gott sei mir Zünder gnädig!" Rußerdem erhielt er noch l'/-Maß guten Wein. „3 Gläßer verwarf er auf dem Turm, als er den Gickel hat aufgesteckt." Rußerdem warf er noch eine Hand voll Heller von dem Turm herunter und 1009 Nüsse, „den jungen Leuten zum Gedächtnis". Während dieses Vorganges sang die versammelte Gemeinde das Lied: „Rllein Gott in der höh sei Ehr!" Dann erhielten die Zimmerleute und Zteindecker eine Mahlzeit, die von einer eigens zu diesem Zwecke angenommenen Kochfrau bereitet war. Endlich war die Kirche vollendet und konnte am 23. Oktober 1774, den 21. p. Irin, eingeweiht werden. Wechselweise von der ganzen Gemeinde und allein von „den Weibspersonen" wurde zunächst das Lied: „Rllein Gott in der höh sei Ehr" gesungen, Pfarrer Rrück hielt die Weihepredigt über Matth. 17,4: „Petrus aber sprach: Herr hier ist gut sein, willst du, so wollen wir 3 Hütten bauen, dir eine, Moses eine und Elias eine!" Die Kosten des Kirchbaues betrugen 10 016 fl. 15 albus 7 Heller. Sie wurden zum großen Teil durch Rbholzung eines Waldes, „roter Erdenkopf" genannt, aufgebracht. Während der Erbauung der Kirche wurde der Gottesdienst, wenn es die Witterung zuließ, beim Leiterhaus unter der Linde, da, wo heute das Rackhaus steht, gehalten. Rn Rauholz zu seinem Kirchbau erhielt Rlbach von jeder Gemeinde des Ruseckertales einen Eichbaum geschenkt. Der von Reuern soll so schwer gewesen sein, daß ihn 5 paar Dchsen ziehen mußten und der Fürst von Lich auf untertänigstes Litten der Rlbacher seinen Raumwagen zum Transport lieh. Ruch das Kloster Rrnsburg schenkte Holz aus seinem Mönchwald. Die Grgel aus der alten Kirche wurde in der neuen Kirche wieder aufgestellt. Sie war 1741 für 120 fl. von Orgelbauer K. Wagner von Rllendorf an der Lumda geliefert worden. Die jetzige Grgel wurde 1862/63 von 3. G. Förster in Lich für 1200 fl. gebaut. * Soviel über die Geschichte der alten und jetzigen Kirche. Ueber die sonstigen kirchlichen Verhältnisse der Gemeinde teile ich noch folgendes mit: 3m Gemeindenotizbuch, das Rufzeichnungen eines Rl- bachers namens Rrück aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts enthält und für unsere Drtsgeschichte von großem Wert ist, heißt es: „Was das hl. Predigtamt verlangt, so ist solches, wie wir von unseren Eltern und Voreltern wissen, eine lange Zeit von den Herrn pfarrherren zu Rödgen verwaltet worden." Ferner heißt es darin: „Diese parr ist niemals kein Filial bei keiner Kirch gewesen, sondern war sich selbst eine Mutter- kirch und keiner unterworfen laut Russage unserer Eltern und Voreltern." Zu den kirchlichen Laulasten in Rödgen hatten die Rlbacher nichts beizutragen. Rur mußten sie, wie schon oben erwähnt, dem Pfarrer 10 Gulden geben, „wofür er sich ein Pferd mieten könne wegen des weiten Weges". Der Gottesdienst wurde von altersher von Michaelis bis Dstern des mittags um 12 Uhr abgehalten. Rur am ersten Wcihnachtstag fand er um 7 Uhr statt mit darauf folgender Kommunion. Pfarrer hoffmann änderte dieses alte Herkommen und hielt am ersten Weihnachtsfeiertag mittags Kirche und im Rnschluß hieran Reichte, am zweiten Feiertag morgens dann Gottesdienst und Rbendmahl. Die übrigen Rbendmahls- feiern wurden am zweiten Gster- und pfingsttag, sowie an Michaelis gehalten, von Dstern bis Michaelis fanden die Gottesdienste vormittags 7 Uhr statt. 5o blieb es bis auf unsere Zeit. Fetzt werden die Gottesdienste von Michaelis bis Pfingsten um 12'/-Uhr gehalten, von Pfingsten bis Michaelis um 8 Uhr. Die Rbendmahlsfeiern werden abwechselnd mit Zteinbach zwischen Dstern und Pfingsten stets vormittags gehalten, im herbst zwischen Michaelis und Totensonntag. Die Kinder wurden in Rlbach konfirmiert. Die Konfirmandenstunde dagegen in Rödgen gehalten. Doch wurde auch wiederholt versucht, die Konfirmation der Rlbacher Konfirmanden in Rödgen abzuhalten. 1780 führen die Rlbacher Klage, daß ihre Kinder in Rödgen konfir- mirt würden und nicht in Rlbach. Ihrer Beschwerde wurde stattgegeben und verfügt, daß die Kinder in Rlbach informiert und auch dorten konfirmiert werden sollten. Letzteres geschah auch. Die Konfirmandenstunde wurde jedoch nach wie vor in Rödgen gehalten, wohin die Rlbacher Konfirmanden gingen bis zum Filialtausch im Fahre 1838. Durch den Filialtausch wurden die kirchlichen Verhältnisse der Gemeinde neu geregelt, und Rlbach erhielt seine selbständige kirchliche Verwaltung, die es heute noch hat. Rur das pfarrvermögen blieb bei Rödgen und alle Bemühungen der Rlbacher, das pfarrvermögen in eigene Verwaltung zu bekommen, scheiterten. Erst 1902/3 gelang es Pfarrer haacke nach langwierigen Verhandlungen, daß Rödgen das Rlbacher 115 Pfarroermögen an Albach auslieferte. Nun wird es von dem hiesigen Kirchenvorstand verwaltet. Zu dieser Zeit wurde auch das letzte Süicfc des Albacher Pfarrgutes, die INariekel- wies in der Gemarkung Nödgen verkauft, nachdem das übrige Pfarrgut schon 1865 für 8900 fl. verkauft worden war. Vas Albacher pfarrgut hatte um 1680 etwas über 10 INorgen. ,,1 INorgen der Teichacker,' 1 INorgen 2 U der Acker am Steinbadjer Weg, stößt vor die Hasenlochsäcker, i U gegen den vorigen Acker über, liegt wüst) I INorgen bei dem Birkenstrauch, vertauscht gegen die INa- riekelwies in der Nödger Terminer),' I Morgen der Kohlkrautsacker, vertauscht gegen die INa- riekelwies; I Morgen der Lindenacker am Gppenroöer lveg; s / 4 hinter der Tlaus: V» auf der Näuterheck; s /, die Teichwieß hinter dem Mühlberg bei dem kleinen EDeg; ■ i die Zapnwieß, vertauscht gegen die Mariekelwieß,' '/^viertel die hasenlochswieß: , die hasenlochswieß, stößt auf die Komthurwieß; - , hinter der Kirch, als hinter der Tlauß gelegen,' , Pfarrgarten im Dorf gelegen. Summa des ganzen Pfarr- landes 10 Morgen und 1686 wurde der Pfarrgarten, im volksmunde „der Pfaffengarten" genannt, und die Wiese hinter der Klauß gelegen, von der Gemeinde käuflich für 100 Gulden für die ncuerrichtete Schulstelle erworben, so daß von da ab das Pfarrgut nur noch 8 Morgen, 1 viertel und 56 Nuthen hatte. * Sch füge nach dieser Schilderung der kirchlichen Verhältnisse zum Schlüsse noch einiges aus der Geschichte der Gemeinde an. Als 1805 das Kloster Arnsburg aufgehoben wurde, kam der oben erwähnte Mönchwald an Solms-Lich. Der damalige Fürst von Lich, der zu seinem Pariser Aufenthalt sehr viel Geld brauchte, verkaufte ihn für 40 000 Gulden an Albach und Burkhardsfelden, welche ihn 1810 unter sich teilten. Durch diesen Kauf und die Kriegskosten aus der Napoleonischen Zeit hatte sich Albach eine große Schuldenlast aufgeladen, die 1820 26 000 Gulden betrug. Burkhardsfelden konnte seinen Wald nicht halten und verkaufte ihn an den Fürsten Ludwig von Solms-Lich. Die Albacher aber hielten fest an ihrem Besitz. Durch Fleiß, Sparsamkeit und durch Tragung hoher Gemeindeumlagen, so daß ein einzelner vermögender Gemeindsmann jährlich 90 Gulden zu zahlen hatte, und dadurch daß die jungen Leute hinausgingen, um bei den Straßenbauten Anfang der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts Geld zu verdienen und dadurch daß jahrelang alle Gemeindearbeiten umsonst getan wurden, brachten es die Albacher dahin, daß bis 1858 alle Schulden abgetragen waren. Auch wurde damals ein großes Stück Wald zur Schuldentilgung abgeholzt und als Ackerland angelegt. Durch diesen Gemeinsinn und diese Gpferwilligkeit wurde der Grund zu dem heutigen Wohlstand der Gemeinde gelegt. von den triegsgefangenen Hottentotten. von Missionar Heinrich Walther. (Fortsetzung.) Da hielt ihnen unser Heinrich eine Andacht. Neben dem Heimweh nach der irdischen Heimat gebe es noch ein viel schöneres Heimweh, das Heimweh nach dem Vaterhause droben, nach dem himmlischen Jerusalem, viele ermunterten sich wieder und stimmten das Lied an: „Jerusalem, du hochgebaute Stadt, wollt Gott ich wär in dir". Ts ist doch was Großes, welcher Segen im Kreuze liegt. Wie richtet sich da der Blick nach oben, zu den Bergen, von denen die Hilfe kommt. Wie vergißt man da die Welt mit ihren Freuden und schaut aus nach dem Land, wo man ewig ungetrübt wohnen darf, vor einigen Tagen war ich auf einer Reife. Sn Banseng besuchte ich eine kranke,'ver- krüppelte Frau. Als ich ihr von der himmlischen Heimat erzählte, wo kein Leid und kein Geschrei mehr ist, wie leuchteten da ihre Augen, vertrauensvoll blickte sie nach oben und über ihre Lippen kamen die Worte: Herr laß mich' bald zu dir kommen! Wollen wir doch immer dankbar sein für das Kreuz, das uns der Herr auferlegt und möchte es immer unsere Herzensstimmung sein: Dennoch bleibe ich stets an dir. Nach einigen Tagen Wanderung kamen unsere lieben Freunde in Duala, der Hafenstadt, an. Außer, daß einige von der Seekrankheit befallen worden waren, war die Reife gut verlaufen, hier in Duala nun mußten sie am andern INorgen früh an Land. INit pinassen (Dampfbooten) wurden sie wieder an das Land gebracht. Die See war ziemlich bewegt, und so ging es nicht zum besten. Doch glücklich kamen sie am Land an. Da, welch ein Schreck! IDie sie an das Land kommen, stehen links und rechts Soldaten mit aufgepflanztem Seitengewehr. Da müssen sie mitten hindurch. Unsere lieben Freunde waren freilich der INeinung, hier würden sie nun erstochen, und ergaben sich in ihr Schicksal. Aber es kam nicht so weit. Sn Duala wurden sie in ein Gehöft gebracht, wo sie einige Tage zubringen mußten,' sie waren noch über 200. Sn diesen Tagen nun ging es unseren Freunden ziemlich schlecht. Das naß-heiße Klima waren sie nicht gewöhnt, und so waren sie froh, als sie den Weitermarsch fortsetzen durften. Ts ging nach Dschang, einer Regierungsstation, ziemlich weit im Snnern des Landes. Der Weg dahin war recht beschwerlich, zwei Frauen und drei Kinder erlagen den Anstrengungen ; trauernd standen die andern an ihren Gräbern. Doch unser Heinrich richtete Trostworte an sie und erinnerte sie an die herrliche Ruhe, die auch ihnen noch verheißen sei, an die Ruhe des Volkes Gottes. Me herrlich ist so eine Tr- quickung auf dem Wege, und auch unsere Freunde waren dankbar für den herrlichen Trost, der ihnen gewährt wurde. Tndlich, nach sechstägiger Wanderung, kamen sie in Dschang an. hier sollten sie bleiben bis zu ihrem Tnde. Sn Plantagen mußten sie arbeiten, und es sei zum Lobe der Beamten gesagt, daß sie für die Gefangenen sorgten. Not und Hunger hatten sie nicht zu leiden, nur das mörderische Klima nagte an ihrer Gesundheit und lichtete ihre Reihen. Abends und morgens hielt ihr Lehrer Heinrich ihnen Andachten und am Sonntag die Gottesdienste,' die Kinder unterrichtete er in den Schulen. INittwoch abends, und Sonntag nachmittags, hatte er Singstunde mit ihnen. Da sangen sie denn die herrlichen Lieder zum Preise des Herrn. INancher Turopäer lauschte so manchmal ihren Weisen,' denn singen können die Hottentotten gut. Auch deutsche Lieder wurden hier eingeübt. Jahre vergehen. Vas Jahr 1910 kommt heran, und immer sind sie noch in der Gefangenschaft, fern von der lieben Heimat! Wann wird die Trlösung kommen? Werden sie überhaupt je wieder in ihre Heimat zurückkehren? Tndlich kommt das Jahr 1915. Tin Hoffnungsstrahl geht in der Ferne auf, er kommt immer näher und näher. Und dieses Jahr, der 16. Juni, sollte ihnen Befreiung bringen. Tin Telegramm 116 kam: „heute an diesem hohen Festtage, wo so viel Freude mich umgibt, sollt auch ihr an dieser Freude Teil haben und freigegeben werden und in die Heimat zurückkehren dürfen. Wilhelm II., Deutscher Kaiser." Wer kann die Freude beschreiben, die unsere Freunde bei dieser Kachricht hatten! Freudentränen liefen über die Gesichter. Unser Heinrich aber ging sofort mit ihnen in ihr schlichtes Kapellchen, und hier dankten sie kniend dem, der sie befreit hatte von der Gefangenschaft, und daß sie nun die Freiheit hatten, in ihre Heimat zurückkehren zu dürfen, Auch ein Gebet für unseren Kaiser kam in diesen Tagen vor den Thron Gottes von den lieben Hottentotten. Die Vorbereitungen für die Heimreise wurden getroffen. Immerhin vergingen noch einige Tage; Anfang August wurde die Heimreise angetreten. So kamen sie etwa Mitte August in Duala an. Aber was sahen wir? Das Häuflein ist sehr zusammengeschmolzen, von den 200 kehren nur noch 53 zurück. Die anderen sind dem Klima erlegen. Das Grab hat sich in Dschang für manchen unter ihnen geöffnet. Fern von der Heimat harren sie dem großen Auferstehungstag entgegen, bis der Herr sie aus dem Grabe aufwecken wird. Dann ist alle Gefangenschaft beendet und voll und ganz können sie das Wort „frei" verstehen. Besonders hart ist eine Frau unter ihnen mitgenommen worden.. Mit ihrem Manne und drei Kindern war sie nach Dschang gekommen. Allein muß sie zurückkehren, alle vier sind dem mörderischen Klima erlegen. Ihr verlangen nach der himmlischen Heimat ist noch größer. „Wann werde ich dahin kommen, daß ich mit meinen Lieben gemeinsam den Herrn loben darf ohne Ende?" so spricht sie vielmals. Der Herr wird wohl bald ihren Wunsch erfüllen. hier in Duala nun hatte ich die Freude, wie schon erwähnt, unsere lieben Freunde zu sehen und ihnen mit dem Worte zu dienen. Unser Freund Heinrich, der sehr gut Deutsch sprechen kann, spielte den Dolmetscher und übersetzte das, was ich sagte, in ihre Sprache. Ihre Sprache ist so interessant, besonders interessant sind die vielen Schnalzlaute, die diese hat. viel Liebe durften sie hier in Duala erfahren. Die Missionare luden sie ein, und einige schöne Sonntage dursten wir mit ihnen verbringen. Wie haben sie uns erfreut mit ihren schönen Liedern, und manches deutsche Lied erinnerte un; an die Heimat und an frühere Zeiten. Wie schön erklang doch vierstimmig das Lied: „Preis und Anbetung sei unserem Gott", oder „Herr, deine Güte reicht so weit" und andere mehr. Wenn jemand der Liebe bedürftig ist, so waren es unsere lieben Freunde. Keichlich sind sie auch hier beschenkt worden,' auch ich durfte ihnen drei Kleidchen, die ich vom lieben Leuerner Missionsverein noch hatte, schenken, vielen Dank sage ich den freundlichen Gebern im Auftrag der Freunde. Unser Heinrich wurde besonders erfreut durch eine Geige, die Missionar Wiedmaier ihm von Europa mitgebracht hatte. Es war ein Geschenk einer lieben Familie in Württemberg. Noch sehe ich seine dunklen Augen leuchten, als er das Geschenk erhielt, und von ähnlicher Freude mag er erfüllt gewesen sein wie unsere lieben Kleinen am heiligen Weihnachtsabend. _ (Fortsetzung folgt.) In der Stadt Sonderburg auf Alsen findet Ende Juni dieses Jahres die allgemeine Landeserinnerungsfeier statt. Für diese große Erinnerungsfeier wählte man das Ende des Junimonats (am 29. Juni 1864 war der berühmte Ueber- gang der Preußen nach Alsen), damit sich dann den vielen fremden Fcstteilnehmern die herrliche Umgebung Sonder- burgs in ihrem schönsten Sommerkleid zeigen kann. Ueber tausend Veteranen, die einst entweder im brandenburgischen oder westfälischen Armeekorps oder im Gardekorps am Feldzug des Jahres 1864 teilnahmen, werden nach Sonderburg kommen. Weshalb aber gedenkt man, und zwar besonders in der Provinz Schleswig-Holstein, mit Freude und Jubel des Jahres 1864? Weil dieses Jahr Schleswig-Holstein die Befreiung von der dänischen Knechtschaft brachte und Schleswig und Holstein zu einem ungeteilten („up ewig unge- deelt") deutschen Lande von der Elbe bis zur Königsau machte. Seit 1460 war Schleswig-Holstein in Personalunion mit Dänemark verbunden (der König von Dänemark war Herzog von Schleswig-Holstein), und bis gegen das Jahr 1830 hin war diese Verbindung eine höchst friedliche. Das Königshaus in Dänemark (Oldenburger) war deutscher Abstammung, die Sprache am Hofe war ebenso viel deutsch wie dänisch. Die amtliche Sprache in den Herzogtümern war die deutsche,' in ganz Schleswig-Holstein mit Ausnahme von Nordschleswig, in welchem die dänische Umgangssprache herrschte, wurde vor Gericht, in Kirche und in Schule nur die deutsche Sprache gebraucht. Aber selbst in Nordschleswig war man damals so wenig sprachlich empfindlich, daß schles- wigsche Generalsuperintendenten in Hannover, Braunschweig usw. beheimatet und daher, obwohl der dänischen Sprache nur wenig mächtig, doch in den nordschleswigschen Kirchen visitieren konnten. Fast alle Gebildeten in Dänemark waren der deutschen Sprache mächtig; bekannt ist die Doppel- sprachigkcit des dänischen Dichters Baggesen, des Freundes und Verehrers unseres Schiller. Junge Dänen studierten auf deutschen Universitäten, die deutschen wissenschaftlichen Werke wurden in Dänemark cifrigst benutzt. Als ein Beweis dafür, wie freundlich das Verhältnis zwischen Schleswig- Holsteinern und Dänen war, mag die Tatsache angeführt werden, daß der Verfasser des ursprünglich für den König von Dänemark gedichteten Liedes „heil dir im Siegerkranz" rin Schleswig-Holsteiner, der in Flensburg beheimatete holsteinische Pastor (Pfarrer) harries war. Einige Störung in das gute Verhältnis zwischen Dänemark und Schleswig-Holstein hatte schon Dänemarks unglückliche politische Haltung in den napoleonischen Kriegen hineingebracht. Dänemark war ein treuer Freund Napoleons, für sein Bündnis mit Frankreich aber mußte es schwer büßen (die Engländer nahmen die dänische Flotte weg! Norwegen ging an Schweden verloren). Wohl kämpften die Schleswig- Holsteiner gemeinsam mit den Dänen tapfer auf Seiten Napoleons, wohl sahen die Schleswig-Holsteiner die plündernden Kosaken, die das von Napoleon zu Frankreich geschlagene Hamburg mit größtem Jubel als Befreier begrüßt hatte, als schlimme Feinde an (Brentanos Gedicht „Die Gottesmauer"), als aber nach den Schlachten bei Leipzig und bei Waterloo ganz Deutschland twU von patriotischer Begeisterung war, ging diese Begeisterung auch über den Elbstrom hinüber bis Schleswig-Holstein hinein, und recht viele Schleswig-Holsteiner wurden sich dessen bewußt, daß sie doch Deutsche und nicht Dänen seien. - Ein Gegensatz aber, der im Laufe der Jahre immer schärfer wurde, entstand gegen 1830 hin, als sich wie bei fast allen Völkern Europas Erinnerungen eines alten Schleswig-Holsteiners an das Jahr (864. Zur 50. Wiederkehr des Tages von Düppel. Am 18. April dieses Jahres wird in allen Gemeinden Schleswig-Holsteins südlich der Linie Flensburg Tondern die fünfzigste Wiederkehr des Düppeltages gefeiert werden. 117 so auch beim dänischen Volk das Nationalitätsprinzip mächtig geltend machte. Vas dänische Volk verlangte für Schleswig die Gleichberechtigung der dänischen Sprache mit der deutschen, die chauvinistischen Kopenhagener wollten schon damals Schleswig von Holstein abtrennen und mit Dänemark vereinigen. Der damalige König von Dänemark, Christian VIII., ein feingebildeter Mann, hatte freilich keine Sympathien mehr für das Deutsche wie einst seine Vorgänger auf dem Thron, er erließ den berüchtigten sogenannten „Offenen Brief", wollte aber aus berechnender Klugheit den dänischen Chauvinisten in ihren Plänen gegen Schleswig-Holstein nicht immer folgen. Die Schleswig-Holsteiner wurden auf das Unrecht, das ihnen von den Dänen geschah die viel schärfere Besteuerung in den Herzogtümern als im Königreich, die Däni- sierung Schleswigs und seine Trennung von Holstein, die Bevorzugung der Dänen bei Besetzung der einträglichsten Remter usw. — von dem Syller Landvogt Uwe Jens Lornsen, der vordem in der Ueichskanzlei zu Kopenhagen gearbeitet hatte, durch eine Schrift aufmerksam gemacht. Lornsen wurde von der dänischen Uegierung mit Gefängnis und Rmtsentsehung bestraft, wanderte mittellos nach Südamerika aus, kehrte aber nach einiger Zeit nach Europa zurück und beendete in Seelenumnachtung sein Leben im Genfer See, da er glaubte, daß sein Werk, für das er so schwer büßen mußte, wirkungslos in Schleswig-Holstein verhallt sei. Lornsen hatte sich getäuscht, Schleswig-Holstein war wach geworden, überall regte sich die Mißstimmung gegen Dänemark. Um lautesten kam diese Mißstimmung zum Rus- druck in dem bekannten Liede „Schleswig-Holstein, meerumschlungen" Dichter war der in Rltona verstorbene Rmtsrichter Chemnitz, Komponist der schleswigsche Kantor Bellmann , das zum ersten Male auf einem großen Sängerfest in der Stadt Schleswig im Jahre 1844 gesungen wurde und dann so unzählbar viel und mit Begeisterung trotz seiner nicht hohen poetischen Wertes. Die Feindseligkeit zwischen Dänemark und den Herzogtümern wurde so groß, daß es zwischen ihnen zum Kriege kommen konnte. Ts kam zum Krieg, als 1848 der Dänenkönig Christian VIII. starb und sein ihm in allen Stücken unähnlicher Sohn Friedrich VII. König wurde. Friedrich VII. gab der Deputation, die eine Kopenhagener Volksversammlung an ihn abschickte, mit der Bitte um eine Verfassung für Dänemark die Rnt- wort: „Kinder, eine Verfassung wollt ihr haben, die sollt ihr haben, ihr könnt zwei bekommen, wenn ihr wollt." Der Kopenhagener Pöbel zwang Friedrich VII. zur Däni- sierung Schleswigs und zur ungerechten Behandlung der Herzogtümer. Da sagten sich die besten und die tüchtigsten vlänner in den holsteinischen und schleswigschen Ständen (Klammern), der schleswig-holsteinische Rdel, die hervorragendsten Männer unter den Universitätsprofessoren in Kiel, den Beamten und den Geistlichen des Lander, daß jetzt Dänemarks Vorgehen gegen die Herzogtümer unerträglich geworden sei. Uoch einmal versuchte eine schleswig-holsteinische Deputation in Kopenhagen das Landesrecht auf friedlichem Wege zu erreichen, aber vergebens. Da erfolgte am 24. März 1848 die schleswig-holsteinische Erhebung. E? war eine Volkserhebung für sein Recht, keine Revolution, kein Rufruhr, wie die Dänen noch immer die Erhebung nennen. Die drei Männer, welche sich an die Spitze der Regierung stellten, nannten sich „Statthalter", Statthalter für den König-Herzog, der durch den Kopenhagener Pöbel behindert sei, den Herzogtümern ihr Recht zu geben, in des Königs-Herzogs Hände wollten sie die Regierung wieder legen, sobald er den Herzogtümern ihre Rechte sicher gewähre. Ganz wunderbar war die Erhebung der Herzogtümer. Der Krieg war nicht vorbereitet, durch schnelles handeln gewann man die Bataillone in den Herzogtümern, die Festung Rendsburg durch Ueberrumpelung, die meisten schleswig-holsteinischen Soldaten hatten lange keine regelrechten Uniformen, aber das Volk war einmütig zu den größten Opfern bereit. Eine Volksanleihe brachte große Erträge, die Kieler Studenten und andere gebildete Jünglinge meldeten sich freiwillig, aus ganz Deutschland kamen Freischärler, Frauen und Jungfrauen aus den besten Häusern verpflegten freiwillig verwundete und Kranke in den Lazaretten. Das ganze Volk war von der nationalen Bewegung so hingerissen, daß strafwürdige verbrechen fast gar nicht vorkamen. Rnfangs verlief der Kampf aufs günstigste für die Herzogtümer, besonders damals, als die deutschen Bundesstaaten, in erster Linie Preußen, ihre hilfs- Iruppen schickten, die Schleswig-Holsteiner kamen als Sieger bis ins Jütland hinein. Ruf Drängen aber der übrigen europäischen Großstaaten nötigten die Preußen und die Gesterreicher die Schleswig-Holsteiner, welche fast drei Jahre so heldenmütig gekämpft hatten, zum Niederlegen der Waffen. Nun war Schleswig-Holstein den Dänen auf Gnade und Ungnade ausgeliefert. Es begann die dänische Gewaltherrschaft. Es wurde nach der Vorschrift des Hauptes der Eiderdänenpartei, Grla Lehmann, gehandelt: „Es soll den Schleswigern mit blutigen Striemen auf den Rücken geschrieben werden, daß sie Dänen sind." Die Beamten und Geistlichen, welche sich nach Rnschauung der Dänen zu sehr bei der schleswig-holsteinischen Erhebung („Rufruhr!") hervorgetan hatten, wurden kurzen Prozesses ihrer Remter entsetzt. Hunderte von Familien, bis dahin in guter Lebensstellung, waren jetzt auf einmal völlig brotlos. Schleswigholstein wurde mit Schulden und Steuern überlastet, da es außer der eigenen Kriegsschuld auch noch seinen Teil an der dänischen Kriegsschuld tragen mußte. Die zum INilitärdienst ausgehobenen Schleswig-Holsteiner mußten in dänischen Garnisonen dienen und Schleswig-Holstein war dafür von dänischem INilitär besetzt. Der Gebrauch der schleswig-holsteinischen Landesmünzen und auch des in Schleswig-Holstein gangbaren Hamburger Kourants wurde verboten und dafür die dänische Landesmünze eingeführt. Die schleswigholsteinischen Landesfarben Blau-Weiß-Rot und das schleswig-holsteinische Landeswappen durften nicht mehr gezeigt werden. Dänische Beamte, die kaum gebrochen deutsch sprachen, kamen selbst nach Holstein,- in Schleswig gab es nur dänische Beamte. Die dänischen Beamten quälten die Bevölkerung in schämlichster Weise mit polizeistrafen, da die erlegten Gelder in ihre Tasche flössen (Sporteln); ebenso waren die Zollbeamten die grimmigsten Rufpasser, da die Strafgelder eine Zulage zu ihrem Einkommen waren. Sn Holstein mußte man die deutsche Sprache in Kirche und Schule belassen, Schleswig aber teilte man in drei Teile für die Sprache in Kirche und Schule: Nordschleswig mit einer dänischen Sprache, INittelschlerwig mit gemischter Sprache und Südschleswig mit deutscher Sprache. Die Rbsicht aber, in kurzer Zeit in dem ganzen Schleswig nur in dänischer Sprache predigen und lehren zu lassen, lag ganz offenkundig in der Rnweisung, daß die künftigen Pastoren für Schleswig an der Kopenhagener Universität studieren mußten und daß die meisten der künftigen schleswigschen Lehrer auf dänischen Seminaren ausgebildet wurden. (Forts, f.) 118 Lin pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) 7 . ver herbst brachte vermehrte Rrbeit, und ich mußte dabei Kräftig mithelfen. Zuerst wurden die Kartoffeln ausgemacht, da stand ich den ganzen Tag mit meinem Mit- knechte Karl und einem Taglöhner auf dem Rcker und wühlte mit dem schweren Karste die Kartoffeln aus der Lrde. Dann wurden diese zusammengelesen, in Zücke gefüllt und nach Hause gefahren. Ich tat diese Arbeit gern, ist er doch überhaupt etwas schönes, wenn man auf dem Felde, in Gottes herrlicher Natur, arbeiten kann, Wie manchesmal habe ich in meinem späteren Leben die Leute bedauert, die immer im dumpfen Zimmer oder in der Werkstatt oder im Fabrikraum verweilen und arbeiten müssen und während ihrer Arbeit die Sonne beinahe gar nicht zu sehen bekommen. Wie herrlich war der Trdgeruch, der uns beim Kartoffelausmachen umgab, wie weit der Fernblick, wenn wir uns einmal von unserem Karste aufrichteten, wie frisch und herb kräftig die Luft, die wir bei der Arbeit einatmeten. Und dann hat man bei der Feldarbeit immer Unterhaltung. Ts gehen Leute vorbei, die dem Rr- beitenden einen freundlichen Gruß oder ein heiteres Wort zurufen. Arbeitet man nahe der Landstraße, so sieht man da Menschen aller Rrt vorüberziehen. Der Metzger kommt im blauen Kittel, mit dem derben Knotenstock, an dem der Strick angebunden ist, mit dem er das erhandelte Vieh nach Hause geleiten will. Ver Hausierer kommt mit seiner Kiepe, der Aufkäufer mit dem Korb, in dem er Tier und Butter trägt, dann rasselt auch einmal eine feine Thaise vorüber. Und wie schmeckt es erst, wenn man sich zum Frühstück an den Straßengraben oder unter einen Daum seht, das Taschenmesser herausholt und in das mit weichem Käse bestrichene Brot einschneidet. Läutet dann die Clfuhrglocke, so begibt man sich nach Hause, trifft auf dem Heimwege andere, die auch von der Arbeit kommen, und redet mit ihnen von der Feldarbeit und den Tagesereignissen. Wenn der Übend kam, zündeten wir das Kartoffelkraut an, dann stieg allemale dichter Uauch auf, der weithin über die Felder zog, und wenn wir heimgingen, so sahen wir das Feuer in den dunklen Übend hinausleuchten. Wenn wir abends die Kartoffeln in den Keller trugen, so war er schon stichdunkel' eine Laterne erleuchtete den Weg, der die Kellertreppe hinunterführte. Allerdings tat mir, wenn wir endlich fertig waren, der Rücken recht weh, und ich war froh, wenn ich mein Lager aufsuchen konnte. Rls wir mit der Kartoffelernte fertig waren, wurden die Rüben nach Hause geschafft. Ich habe manchen Karren mit Gelb-, Weiß- und Dickrüben beladen helfen und habe im Felde Gruben gegraben, in denen die Dickrüben überwintern sollten. Ungefähr gleichzeitig nahmen wir die Weinbirnen von den Räumen. Mit langen Stangen schlugen wir in die Räume; denn diese Birne ist keine feine Frucht, sie kann schon etwas vertragen und ist ja nur dazu bestimmt, in der Kelter ausgepreßt zu werden, damit man daraus einen etwas bitteren Obstwein gewinnt, der besonders in der Frühjahrszeit dem auf dem Felde Rrbeitenden gut mundet. i Meine größte Freude war es immer, wenn mich Herr Hinkel mit zur Jagd nahm. Oft durfte ich milgehen, wenn er ausging, um Rehböcke zu schießen. Das ist jedoch nicht immer eine pläsierliche Jagd; denn im Stein-Rockenheimer Walde gibt es nicht viele Rehe. Einem Rehbocke gingen wir lange Zeit hindurch zu Gefallen. Jeden Rbend kam er aus dem Walde heraus, um sich an einem davor liegenden Rübenacker satt zu fressen. Wir postierten uns regungslos hinter einem dicken Birnbaum, Herr Hinkel setzte sich auf seinen Jagdstuhl, ich legte mich auf den Roden, so schauten wir aus, ob der Rehbock aus dem Dickicht hervortreten würde. Rber der Bursche war gescheiter, als wir dachten. Rbends, so gegen 6 Uhr, kam er aus dem Walde, aber er stürzte nicht blind auf das Futter los, sondern schaute sich zuerst sehr vorsichtig um, und immer schien er uns zu wittern,' denn er floh, wenn wir kaum seinen Kopf gesehen hatten, mit raschen Sätzen zurück in den Wald. Wir hörten die Zweige knacken und mußten unverrichteter Sache nach Hause gehen. Herr Hinkel sagte dann in der Regel: ,,Das muß ein alter, gewiegter Kerl sein, ich glaube, der lebt länger als wir." Da, als wir eines Rbends nach Hause gingen, da gerade das letzte Tageslicht über dem Walde lag und die Schleier sich schon von Stamm zu Stamm Hinüberspannen, sahen wir den Rehbock mitten auf der Schneise, auf der wir gingen, stehen. Tr muß keine Gefahr von unserer Seite gefürchtet haben,' denn er blieb stehen und sah uns, wie ich zu erkennen glaubte, mit seinen großen Rügen etwas spöttisch an. So schnell, wie der Blitz herniederzuckt, hatte Herr Hinkel das Gewehr von der Schulter gerissen, ehe ich es noch für möglich hielt, krachte der Schuß, und der Rehbock brach zusammen. Das war eine unverhoffte, aber schöne Jagdbeute. Ich rechnete e; mir zur großen Ehre an, den Rehbock nach Hause tragen zu dürfen. Ich nahm ihn über die Schultern, daß die Vorderläufe über die rechte und die Hinterläufe über die linke Schulter nach der Brust hingen. Rber dieser Gang ist mir sehr sauer geworden,' denn der Bock hatte ein kapitales Gewicht. In dieser Zeit hatte ich mancherlei von den jungen Stein-Bockenheimer Burschen zu leiden. Weil ich fremd und noch jung war, machten sie mich, wo sie nur Gelegenheit dazu fanden, zur Zielscheibe ihrer Witze. Weil ich ein armes Knechtchen war, so hielten sie mich für dumm und glaubten, mir alles mögliche aufbinden zu können. Wenn ich Sonntags einmal unter sie geriet, so erzählten sie mir die tollsten Geschichten in der Rnnahme, daß ich alles glauben werde. Sie berichteten, ein großes Wildschwein treibe sich an der Straße, die nach dem Walde führt, umher, oder ein Wolf sei in der Gemarkung gesehen worden. Tiner von ihnen schenkte mir gelegentlich eine Zigarre, ich glaubte, diese nicht abweisen zu sollen,' denn ich fürchtete, an Rchtung zu verlieren, wenn die anderen merken würden, daß ich noch nicht rauchen könne. Rls ich einige Züge aus der Zigarre getan hatte, zischte sie auf, ein Sprühregen von Funken flog umher, und es roch sehr übel. Rlle, die dabei standen, lachten, daß es mir mit der „Vexierzigarre" so ergangen war. Tin andermal, da man in allen Straßen die Zwetschen- latwerge roch, .die die Hausfrauen kochten, wollten meine Peiniger mir den Ruftrag geben, zu meinem Herrn zu gehen und mir das „Latwergleiterchen", mit dem man in den Kessel hinuntersteige, für eine Rachbarsfamilie geben zu lassen. Rber ich war längst so gewitzigt, daß ich auf diesen alten Witz nicht hereinfiel. 119 Ich war immer einfach und altmodisch gekleidet, so wie man es in meiner, weit von großen Städten obliegenden Heimat gewöhnt war. Sonntags trug ich meinen Konfirmandenanzug, an den Wochentagen bei der Arbeit im Sommer einen blauleinenen, im Winter einen baumwoll- biebernen Bnzug. Damit wurde ich viel gefoppt. Wenn ich mit der blauen Jacke daherkam, riefen sie mir 3U: „Da sieht man, daß der ein Bayer ist, weil er blau trägt, das ist seine Landesfarbe." Wenn ich in Vaumwollbieber ging, riefen sie höhnend: „Da seht nur, der läßt alle seine Kleider in Mainz machen, das merkt man an dem feinen Schnitt und dem guten Stoff." Gder meine Peiniger suchten mich 311 foppen, weil sie mich für arm hielten. Sn dieser Beziehung mußte ich sehr schlimme Beden anhören. „Wenn der zu Hause etwas zu essen hätte, so wäre er in Buppertrecken geblieben, aber dort gibt es nur Efuellkartoffeln und Sauermilch, und die Häuser sind so groß, daß ein Mann, der auf der Straße steht, durch den Schornstein herunterlangen und von innen die Haustür aufmachen kann. Wenn dort einer einen Tisch, eine Lankkiste und einen Zinnteller hat, so meint er, er Könne Familienvater werden. Dort gibt es nichts als Korbmacher, die sich die Weiden holen, ohne sie zu bezahlen, und Besenbinder, die sich die Beiser im Walde stehlen." Wenn ich diese Beden hörte, so wurde ich sehr betrübt. Gewiß, meine Eltern waren unbemittelte Leute, wenn sie auch ein kleines Gut ihr eigen nannten, aber sie haben sich und ihre Kinder stets ehrlich durchgeschlagen und Mangel haben wir, Gott sei Dank, nie gelitten. Wie wohl habe ich mich im Elternhause stets gefühlt und wie habe ich meine Eltern geliebt! Sch halte es für schändlich, einen Brmen seine Brmut fühlen zu lassen. Es gibt leider Menschen, die das tun, und allermeist tun sie das dem Wehrlosen gegenüber. Sie foppen dann einen anderen, wenn sie in großer Zahl zusammen sind und jeder Witz gebührend belacht wird,' sind sie aber allein, so wagen sie sich nicht an einen anderen heran. Bber ich fand einen Helfer in meiner Bedrängnis, dieser Helfer war mein Dienstherr. Durch Zufall hörte er eines Tages mit an, wie man mich sogar vor dem Gottesdienste, als wir vor der Kirchentreppe standen, mit rohen Spässen kränkte. Da nahm er sich meiner wacker an. „Schämt euch," sagte er, „daß ihr einen braven Bub verspottet und auslacht. Shr seid nicht mehr wie der Peter auch. Und daß ihr ihn gerade in dem Bugenblick zum Barren halten wollt, da ihr auf das Läuten der Glocken wartet und in die Kirche gehen wollt, ist doppelt schändlich. Wer noch einmal den Peter foppt, kriegt es mit mir zu tun." (Fortsetzung folgt.) Meine Mitteilungen. hohe, heilige Festtage liegen hinter uns. Sn Stadt und Land sind die Gotteshäuser überfüllt gewesen, und andächtige Menschen haben der Botschaft vom gekreuzigten und auferstandenen Heiland gelauscht. Leider haben die hinter uns liegenden Tage auch manches gezeigt, das unerfreulich ist. Smmer mehr wird es in Deutschland zur Gewohnheit, daß man an den großen christlichen Festen Busflüge macht. Gewiß ist ja jedem arbeitenden Menschen, der die Woche hindurch in der Werkstatt und im Brbeitszimmer seine Schuldigkeit getan hat, zu gönnen, daß er an Sonn- und Festtagen sich an Gottes herrlicher Natur erfreut, die gerade in diesen Frühlingstagen ihren größten Reiz entfaltet, aber früher hat in Deutschland immer die gute Sitte geherrscht, daß man erst dann in das Freie ging, wenn man vorher im Gotteshause geweilt hatte, heute tun viele leider so, als ob es ein Gotteshaus gar nicht mehr gäbe. Für diese unsere Volksgenossen läuten die Glocken nicht mehr, öffnet die Kirche nicht mehr ihre Pforten. Wenn jemand früher schon während oder vor der Zeit des Gottesdienstes in das Freie ging, so tat er das fo, daß er nur von sehr wenigen gesehen wurde, heute scheinen unsere Touristen Wert darauf zu legen, sich in ihrem für Blpentouren berechneten Kostüm und mit dem mächtigen Bucksack auf dem Rücken gerade unter die Kirchenbesucher zu mischen, als ob sie damit sagen wollten, daß für sie der Gottesdienstbesuch ein überwundener Standpunkt ist. Sehr zu bedauern ist, daß gerade die Jugend ihre Wanderfahrten zurzeit des Gottesdienstes unternimmt und durch auffallendes und geräuschvolles Treiben die Bewohner unserer Dörfer ärgert. Uns tun diese unsere Volksgenossen leid, die nicht wissen, was zur Bereicherung ihres Snnen- lebens, zur Stärkung ihres Gemlltslebens nötig ist. Eine Jugend vollends, die Gottes Wort nicht mehr wertschätzt und keine Ehrfurcht mehr vor dem hat, was früher unserem Volke ehrwürdig und heilig erschien, ist entschieden auf falschem Wege. Unsere Nation wird von denen, die es so in der Jugend treiben, nichts zu hoffen haben, wenn die jungen Leute von heute einmal in das reifere Klier gelangt sind. Worte zum Nachdenten. Ein Stück unserer Lebensaufgabe erfüllen wir durch das, was wir leisten, in der Kraft und mit den Gaben, die Gott uns schenkt. Das andere erfüllen wir dann, wenn wir leiden in Bewahrung unseres Gehorsams. Bur in einem in Gott gesammelten und gefaßten Herzen, das stark ist in seiner Kraft und durch ihn einen festen halt hat in sich selbst, sind wir gerüstet und gewaffnet für die schweren Kämpfe des Lebens, für die Bnfechtungen dieser Zeit. Kirchliche Anzeigen. Samstag, den 18 . Bpril. Sn der Stadttirche. Nachmittags 2 Uhr: Beichte. Pfarrer Schwabe. Sn der Johanneskirche. Nachmittags 2 Uhr: Beichte. Pfarrer Bechtolsheimer. Sonntag, den 1 9 . Bpril (Duasimodogeniti). Kollekte für die Brmen. Sn der Stadtkirche, vormittags 91/2 Uhr: Konfirmation der Kinder aus der Markus- und Militärgemeinde. Feier des heiligen Bbendmahls. Pfarrer Schwabe. Bbends 6 Uhr: Pfarrer I). Schlosser. Feierliche Entlassung der Ehorschüler. Sn der Zohanneskirche. vormittags 9 Ve Uhr: Konfirmation der Kinder aus der Lukasgemeinde. Feier des heiligen Bbendmahls. Pfarrer Bechtolsheimer. Bbends 6 Uhr: pfarrassistent hoffmann. Bbends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Johannessaal. JiAfl/ Dame welch, eine zarte,weiße Haut a. blend.achön Teinterlang u.erhalten will, wäscht sich nur mit ‘ftßtbaxvpferö -Velfz die beste Lilienmilchseife von Bergmanna & Co., Rad« boul. Stck.SOPf. Ueberall erhältlich. 120 ♦ kudolf Richter Bietzen, Marktstratze 24—26 hüte und Mühen Reichhaltige Auswahl. BilligePreise :: Rabattmarken. Reparaturen : Carl Loos Kirchenplatz 13 : Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider 2/ r ~D 1 Schuhlager, n ch. JJ /um, Neustadt 19 Besonders billiger zfefiuh - Tferkauf 15 ° Io bis SO 0 jo Reparaturen billigst Gescliw. 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