Nr. 13. Gießen, Sonntag Palmarum, 5. April 1914. 3. Jahrgang. vutz- und Vettag. Evangelium des Lukas 13, 6—9: „Cr sagte ihnen aber dies Gleichnis: Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberge: und kam und suchte Frucht daraus und sand sie nicht. Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang alle Jahre gekommen und habe Frucht gesucht auf diesem Feigenbaum und finde sie nicht: haue ihn ab, was hindert er das Land? Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, laß ihn noch dieses Jahr, bis daß ich um ihn grabe und bedünge ihn, ob er wollte Frucht bringen, wo nicht, so haue ihn darnach ab " Dadurch, daß unser Landesfllrst nach alter, schöner Sitte die biblischen Texte für die Rußtagspredigten bestimmt, bekommt der Tag auch einen Teil seiner besonderen Bedeutung. Tr wird dadurch aus der gesamten Reihe der kirchlichen Festtage herausgehoben als ein Tag, an dem Fürst und Volk in einzigartiger weise gemeinsam vor Gott sich beugen. Tine „Reformation an Haupt und Gliedern" war ja nicht nur zu Luthers Zeit und nicht nur in der Katholischen Rirche nötig. Sie ist immer nötig. Die Unterschiede zwischen Fürst und Volk, hohen und Niederen haben ihr Recht und mögen für diese Erde bestehen, — vor Gott sind wir alle gleich, auch alle Sünder und verloren, wenn seine Heiligkeit und Gerechtigkeit es nicht erlauben, daß er sich unser erbarmet. So ziemt uns allen vor Gott Dank und Ruße. Und das freilich nicht nur am Ruß- Rettag, jeder Tag muß für den Thristen ein Ruß- und Ret- tag sein. Uber was ist das wort Ruße vielen ein unausstehliches wort! Ja, man hält schon deshalb die Ruße nicht für nötig, weil man überhaupt die Sünde leugnet. Ts gibt wohl Unarten, Verirrungen, Entgleisungen, aber sie ergeben sich aus der Raturanlage. Dafür kann der Mensch im Grunde genommen nichts, ist deshalb auch nicht dafür verantwortlich und braucht sich darüber kein Gewissen zu machen, wer sich, wie ja jetzt der Thrist soll, ein wenig mit Rndacht in die Betrachtung der Leidens und Sterbens Jesu versenkt, wird leicht eines anderen belehrt werden und müßte einen klaren Begriff bekommen von der Entsetzlichkeit der Sünde, wegen der der heiligste, den die Erde trug, ans verfluchte Rreuzesholz geschlagen wurde. Und weil die Sünde der Welt am Tode Jesu schuld war, und wir doch auch zur Welt gehören, so ist eben jeder einzelne von uns mitschuldig an Jesu Tod. Diese einfache Erwägung sollte uns doch wohl auf das Gewissen fallen. was hilft es uns am Ende, daß wir auf allen Gebieten des irdischen Wissens und Rönnens so herrliches leisten, daß wir ein Volk von Denkern, Dichtern, Rünstlern, Erfindern, Technikern, Fliegern sind, daß wir Meer und Luft beherrschen und die Eingeweide der Erde durchforschen, — wir fallen doch alle unter das Gotteswort: es ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer. Gott hatte Großes mit dir vor. Er pflanzte dich in seinen Weinberg. Er nahm dich durch die heilige Taufe in seine Rirche, in sein Reich auf. Er prägte dir das Siegel seiner Rindschaft auf, worin zugleich die Verheißung des ewigen Lebens lag. Und als du unterscheiden gelernt hattest, was gut und böse ist, da kam er und suchte.Frucht an dir, 3 Jahre, 20 Jahre, vielleicht schon 50 oder 60 Jahre. Fand er die Frucht, die er suchte? Du meintest ihn vielleicht damit zufrieden stellen zu können, daß du dich ihm als einen sogenannten ehrbaren und tüchtigen Menschen vorstellen konntest, dem niemand etwas Böses nachsagen konnte. Du hattest ja noch niemand tot geschlagen oder bestohlen, warst mit groben Fleischessünden unverworren, mochtest keinen Streit leiden, ja du warst auch ein religiöser Mensch, der sich von Zeit zu Zeit in der Rirche blicken ließ und regelmäßig zum Rbendmahl kam, sahst auch streng daraus, daß deine Rinder beten lernten, — warst du nicht ein vortrefflicher Mensch, an dem der liebe Gott seine Helle Freude haben mußte? Sähe es in der Welt nicht tausendmal besser aus, wenn es recht viele solcher Leute gäbe? — (Es könnte leicht sein, daß du mit dieser Vortrefflichkeit zu den Toren gehörtest, denen der Herr am jüngsten Tag zurufen zu wollen gedroht hat: weichet von mir, ihr Uebeltäter, ich kenne euch nicht, daß du dem Feigenbaum glichest, der wohl heute schon verdiente, abgehauen zu werden und nur noch bleibt, weil der Weingärtner, dein Mittler und Versöhner Jesus Thristus, für dich bat, und weil die Hoffnung ja noch nicht aufgegeben zu werden braucht, daß du mit der Zeit vielleicht doch noch richtige Frucht bringst, wo nicht, dann müßtest du allerdings danach abgehauen werden. Und was für Frucht sollst du denn bringen? Die hat schon der Vorläufer und Wegbereiter Jesu den Leuten, die zu ihm in die wüste kamen, vortrefflich anzuraten verstanden: 98 tut rechtschaffene Früchte der Buße, wie aber soll in aller Welt in einem Menschen, der so von seiner Tüchtigkeit durchdrungen ist, kaum sein für Buße? Und doch ist da; die Frucht, die den Früchten des Glaubens vorausgehen muß und die Gott so gerne sieht. „Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist". — So hast also doch auch du trotz deiner vortrefflichkeii cs nötig, Lutze zu tun, Sünden zu erkennen und zu bereuen. Dielleicht sind es wirklich nicht viele Tatsünden, aber Wortsünden sind es doch gewitz viele und Gedankensünden noch viel mehr. Gott aber weitz nichts von einem Unterschied zwischen großen und kleinen, groben und feinen Sünden, er kennt nur Sünden, und es genügt eine einzige, die nicht bereut und darum auch nicht vergeben ist, um dich vom Reich Gottes auszuschließen. Uber wie steht es mit dem vielleicht furchtbarsten Unklagewort aus der heiligen Schrift: wer da weiß, Gutes zu tun und tut es nicht, dem isf Sünde? hält uns das nicht eine unendliche Zahl von Sünden vor? Ja, dieses Wort macht uns zu Mitschuldigen an allen groben und Kleinen Sünden und traurigen Erscheinungen unserer Zeit und unseres Volkes, der Sonntagsentheiligung, den Lustmorden und Selbstmorden, dem Geburtenrückgang, dem Unmaß an sündigen Lustbarkeiten aller Urt, den Sünden gegen das 6. Gebot, und wenn es nur deshalb wäre, weil wir nicht ernstlich, vielleicht überhaupt nicht um ihre Verhütung und Ubwendung gebetet haben, wer will bestreiten, daß in der Tat es in unserem Volk viel besser aussähe, wenn fleißig für es gebetet würde? Und wenn wir das nicht bestreiten und allen Ernstes sonst nicht; tun könnten, warum tun wir nicht wenigstens dies, da wir doch noch glauben, daß ein Gott droben im Himmel wohnt, der Gebete erhören kann und will? wenn der Buß- und Bettag nur in vielen Herzen die Erkenntnis weckte, welche Kraft und welcher Segen im Gebet, auch in der Fürbitte, liegt, dann wäre schon viel gewonnen. Gott bessere es in Gnaden mit unserem Volk und jedem einzelnen von uns, er lasse uns bedenken zu dieser unserer Zeit, was zu unserem Frieden dient, er schaffe in uns, was vor ihm gefällig ist, um Jesu Thristi willen! G. B. Zur Geschichte des Dorfes Albach.') von Pfarrer O. Koehler-Steinbach. Das einst zum Busecker Tal und zum Busecker Gericht gehörende Dorf Ulbach ist wohl eine der ältesten Siedelungen, die es in unserer Gegend gibt. Ls soll schon zur Zeit Karls des Großen bestanden haben, doch läßt sich solches urkundlich nicht Nachweisen. Der Name des Dorfes weist auf sein hohes Uller hin,' jedenfalls ist das Dorf älter als die vorhandenen Urkunden. Ulbach wird im 13. und 14. Jahrhundert Ulb-bach oder Ulpach genannt. Die Deutung dieses Ulamens läßt zweierlei zu, entweder Ultbach, also soviel als Dorf zum alten Bach oder Ulahbach, soviel als zu dem Bache, an welchem eine Ulah, d. i. eine heidnische Kultstätte oder eine geheiligte Gerichtsstätte sich befand. Uus den Unsiedelungen an dieser alten Kult- oder Gerichtsstätte ist dann wohl nach und nach das Dorf Ulbach entstanden. Urkundlich werden zwei Grle dieses Namens erwähnt: Gber-Ulbach (Albaok supsrior) und Uieder-Ulbach (Albach inferior). Letzteres scheint schon Ende des 15. Jahrhunderts *) Nachstehende Ausführungen bildeten die Grundlage eines Vortrages über die Geschichte des Dorfes Albach, den der Verfasser aus einem Zamilienabend des Albacher Sweigvereines des Lvang. Bundes am 1. März d. I. hielt und die hiermit aus Wunsch der tvessentlichkeit übergeben werden. wüste gewesen zu sein. Lin Teil der Gemarkung dieses aus- gegangenen Ortes bildet das heutige hofgut Ulbacher Hof, der in den Kirchenbüchern von Steinbach als Uieder-Ulbacher hofgut schon um 1640 erwähnt wird. Den anderen Teil der ehemaligen Gemarkung Uieder-Ulbach haben die Ulbacher in Besitz, und diese mußten bis in die 50er Jahre de; vorigen Jahrhunderts eine Fruchtabgabe an die Fürstliche Nentkammer in Lich bezahlen. Die Gemarkung Uieder- Ulbach gehörte halb zu Lich, halb zu Hessen. Der hessische Unteil wurde an Lich verkauft, über welchen verkauf im Fürstlichen Urchiv zu Lich die Urkunden noch vorhanden sind. Uieder-Ulbach lag also in der Gegend des heutigen Ulbacher Hofes, rechts und links von der Steinbach-Licher Straße. Dem Ulbacher fjof gegenüber befindet sich ein Walddistrikt, „am kirchenstumpf" genannt, vermutlich hat hier die Kirche von Uieder-Ulbach gestanden. Pfarrer Völker schreibt in der Stcin- bacher Thronik (um 1855): „Ulan zeigt noch den kirchenstumpf, nach welchem auch ein lvalddistrikt genannt ist, auch zeigt sich anderes lUauerwerk daselbst und die Ruinen eines Beinhauses, wie der Forstlaufer Petri versichert." Forstlaufer Petri hatte den russischen Feldzug im Jahre 1812 mitgemacht und ist am 23. Februar 1859 vermutlich von Wilderern im Ulter von 78 Jahren im höhler, rechts oberhalb des Ulbacher Hofes, ermordet worden. Un der Stelle, wo der Ermordete aufgefunden wurde, steht ein Gedenkstein, im volksmunde der Petristein genannt. Un der Stelle, an welcher heute die Brücke im Straßenzug Steinbach-Lich über die Ulbach geht, lag in alter Zeit eine Ulühle, weshalb auch der gegenüber liegende Berg der IRühlberg genannt wird. Bei Erbauung der Brücke in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts fand man im Wasser noch Holz und Gebälk von dieser ehemaligen Mühle. Westlich vom alten Friedhof soll nach Völker eine Stelle auf einer Unhöhe sich befunden haben, die der Junkernhof genannt worden sei, auch habe sich dort altes Gemäuer gefunden. Ls ist nicht unmöglich, daß sich hier eine Burg der Herren von Ulbach befand. Denn die Herren von Ulbach, die urkundlich schon früh erwähnt werden, hatten neben dem Kloster Schiffenberg und Urnsburg Güter in Ober- und Nieder-Ulbach. Gber-Ulbach kommt urkundlich schon im 13. Jahrhundert vor. Sn den Zins- und Güterverzeichnissen des Erzstiftes Mainz aus dem 13. Jahrhundert wird der Zehnte in Ulbach ermähnt (Dsvima in Ailspaek). 1280, den 16. November, tragen Wernher, gen. Dun- nibir, Bürger zu Grünberg, mit seiner Gemahlin kunigundis dem Kloster Urnsburg einen Hof mit zugehörigen Ueckern in Aldaek superiori auf. 1290, den 24. Februar, verkauft Ritter Johannes vil- licus in Nidehe, gen. von Linden mit Zustimmung seiner Gemahlin Jutte dem Kloster Urnsburg gewisse Güter in Al- bach superiori auf. 1295, den 12. März, verkauft Eckehard, Sohn weilands Heinrichs von Hattendorf, Bürgers zu Grünenberg mit Willen seiner Gemahlin Gyse Güter zu Albaob superiori dem Kloster Urnsburg. 1326 wird Ulbach in einem Schiedsspruch über streitige Güter zwischen dem deutschen Hause zu Marburg und dem Nonnenkloster Telle unterm Schisfinberg erwähnt: „zu Ult- pach wald und rodt sinkt gemein". 1332 wird eine Kirche zu Dber-Ulbach erwähnt. Sn einem Kaufbrief vom 14. März 1332 heißt es: „Gerlib, Priester, die Rektoren der Fabrik der Kirche und die ganze Ge- 99 meinde des Dorfes Albach superioris bekennen zur besseren Mederherstellung ihrer Kirche dem Kloster Krnsburg für 2 pfd. Heller einen Morgen eines Hains, gelegen an dem ©rte „Wydinse“ genannt, verkauft zu haben." Wydinse, gelegen zwischen Klbach und Hartenrod, wird heute „weiden- see" genannt. ! 1315, den 10. Mai, vertauschen Mengelo, Gela und Jutta, Kinder des weiland Mengelo, wohnend zu Lyche mit dem Kloster Krnsburg eine auf ihren Gütern ruhende Gülte zu Klbach. Der Name „Menge!" ist erst im 19. Jahrhundert in Klbach ausgestorben. Ich erwähne der Vollständigkeit halber hier noch die Urkunden über Kieder-Klbach. 1318, den 12. März, beurkunden Schultheiß, Burgmän- ner und Schöffen der Stadt Lyche den verkauf eines Hofes zu Lyche und benannten Gefällen zu Alpach inferior von Seiten der paza, Witwe Mengots Konemesere an das Kloster Urnsburg. 1333, den I I. Dezember, vergleicht sich Konrad, frawin pazen son von Kiedern-Klpach mit dem Kloster Urnsburg wegen rückständigen pachtes. 1335, den 17. Uugust, verkaufen Gernand Propst zu Schiffinberg und Luearde Magistra und das Convent zu Schiffinberg dem Kloster Urnsburg ihren Fjain in der Gemarkung des Dorfes Alpach inferioris. Später wird Meder-Ulbach urkundlich nicht mehr erwähnt. Che wir weiter gehen, müssen wir erst kurz des adligen Uittergeschlechtes derer von Ulbach gedenken. Dasselbe urkundlich sehr frühe erwähnt, ist um 1400 ausgestorben. 3n einer Urkunde vom 9. November 1310 wird ein Ritter Conradus von Ulpach erwähnt. 1318, den 5. Dezember, bekennen lviegand von Ulpach, Johannes von dien, Burgmannen von Friedberg, Trafto zu Seabe, Burgmann zu Stauffinberg, Kitter und andere, daß Dylo von Ulpach, lväppner und seine Frau Hellinborge dem Kloster Urnsburg Güter zu Unninrode vermacht haben. 1336 wird ein Bruder henerich von Ulpach, des Tutzin ordinis voith (des deutschen (Ordens Vogt) erwähnt. 1343 vergleicht sich Megand von Ulbach mit dem Kloster St. Kuppert von Bingen wegen des patronatsrechtes St. Ki- colaus und St. Leonhard zu Friedberg. Derselbe wird nochmals erwähnt in einer Urkunde vom Upril 1355. Uuch in einer Urkunde des Klosters Schlüchtern vom 29. September 1349 wird dieser Megand von Ulbach erwähnt: „Die andere gülte soll uns geben alle iar, wer das gut hat, das wygands Son von Ulbachs war, da jetzund hentze Unselm ufsitzet." 1369, den 1. Uugust, verkauften Conrad von Ulpach und Katharine, sine eliche vrouwe, wohnend zu Grunyngen dem Kloster Urnsburg I malter Korngeldes um 24 Pfund Heller, die ihre geworden sind für ein Seelengerede von dem Kitter Cuno Kulbindensel von Beldersheim und setzen zum Unterpfand benannten Ucker zu Grüningen. 1371 wird ein hirdan von Ulpach erwähnt. 1387, den I. Februar, verkaufen hirdan und Megand von Ulpach ihren Teil des großen und kleinen Zehnten zu Ginnheim und Cschersheim. Kach dem Protokoll des Friedberger Burggerichtes ist Megand von Ulpach 1391 gestorben. 1397 starb Konrad von Ulpach als der letzte seines Geschlechtes. Dann kam Ulbach an die Herrn von Trohe, die schon 1383 in Ulbach begütert waren. Um 24. Upril 1383 klagt Johannes von Trohe in einer Beschwerde an die Herrschaft zu Hanau: „zu demselben male schinten sie mir zween kirchhoff in dem Busecker Dale, mit namen zu Ulpach und zu Burghartsfelden. der schade, der mir und mynen armen luden da geschah, das schadet mir me dan hundert gülden." Die von Trohe verkauften später Ulbach an die Klünche von Buseck. Koch sei hier erwähnt, daß nach einem Musterbuchs- regifter des Busecker Tales Gber-Ulbach 1568 zu stellen hatte 6 Mann mit Langspieß, 4 mit Büchsen und 13 mit Kurzgewehr. Soviel über die allgemeine Geschichte von Ulbach aus alter Zeit. Ich wende mich nun im folgenden speziell zur Betrachtung der kirchlichen Vergangenheit von Ulbach. Ulbach gehörte von altersher zum Kirchspiel Winnerod. Dasselbe wird 1245 zum ersten Male als sedes Winderode erwähnt. Kach einem Synodalregister des Urchidiakonats 8t. 8tephani zu Mainz aus dem 14. Jahrhundert gehören zur sedes winderode: hartenrode, Ulpach, Burghartsfeld, winderode und Bernsrod. Im Unfang des 17. Jahrhunderts kam Ulbach zu Ködgen. 1619 wird der erste gemeinsame Pfarrer von Ködgen und Ulbach erwähnt. In dem Kirchenbuch von Ködgen heißt es: „1619 wurde maxister Oerlaous Boppins eingesegnet und 39 Jahre allhier gestanden". Cbenso wird daselbst erwähnt, daß er zu Ulbach eingesegnet worden sei. Bopp war also Pfarrer zu Ködgen und Ulbach bis 1658. Tr hat mit seinen Gemeinden die schweren Zeiten des dreißigjährigen Krieges getreulich getragen. Da unsere Kirchenbücher erst nach dem dreißigjährigen Kriege anfangen, so läßt sich leider über diese Zeit nichts angeben. Doch dürfen wir als sicher annehmen, daß Ulbach vor den Drangsalen des Krieges nicht verschont blieb und daß Hunger, Pest und eine verwilderte Soldateska auch hier, wie in Steinbach, gehaust haben. ___ (Fortsetzung folgt.) Griechische Erinnerungen. Dritte Folge. von Geh. ©berkonsistorialrat D. w. petersen in Darmstadt. (Fortsetzung.) Des öfteren wird der kecke Lebensübermut geschildert als ein herausfordern des Charon, als ein Triumphieren, daß man ihn nicht fürchte, das endet natürlich immer mit dem verzweifeltem Kingen gegen ihn und mit der Kiederlage. Undere Lieder führen uns in die Unterwelt und malen die nie verlöschende Sehnsucht nach des Lebens Lust oder auch nach den Lieben droben. Drei Männer wollen den Hades verlassen. Tine junge Frau bittet dieselben, sie mitzunehmen, damit sie ihr Kind stillen könne. Sie antworten: wie können wir dich mitnehmen? Cs rauschen deine Kleider ja, es sauset dein haar, Cs klappt dein Schuh und Charon hört's von Mitleid bar: Ub tu ich die Kleider, ab schneid' ich mein haar, Kn der Treppe laß' ich der Schuhe paar, (!) nehmt, ihr Tupfern, nehmt mich mit in jene Welt dort oben, Dort ließ ich ja mein kleines Kind, im Wägelein verlassen, Cs weint die Kacht nach meiner Brust, zur Früh nach seiner Mutter, Und wenn der Morgen wieder graut, wer soll mein Kleines bündeln? Der Charos überrascht sie und faßt sie an den haaren. © Charos, laß doch los mein haar, fass' mich an den Händen, Gib du nur Milch dem Kindelein, will mich von dir nicht wenden. 100 - Die Wohnung des Lharos wird so geschildert: Don draußen lieb' ich Rot am Zelt, von drinnen doch das Schwarze, Rls pflöcke dienen mir die Hand' der jungen Männer, Rls Seile und Schleifen die Flechten der Mädchen. Der Lharos und feine Mutter. Lharos beschlägt sein Roß da draußen in dem Mondschein, Da fragt ihn seine Mutter, die Mutter spricht zu ihm: „Mein Sohn, wo gehst du auf die Jagd, wo suchst du dir dein Wildbret? Nimm doch nicht Mütter mit Rindern und Brüder mit Schwestern, Rimm doch micht junge Lheleut' mit Hochzeitskranz geschmückt !" Wo drei ich finde nehm ich zwei, wo zwei, nehm ich den einen, Und find ich einen ganz allein, so nehme ich auch jenen. Nachricht aus dem Hades. Lin vöglein kam hervor einst au; der Welt da unten, Ls hatte Rrallen purpurrot und schwarze, schwarze Federn, Die Rrallen rot von rotem Blut, die Federn schwarz von Erde. Da laufen Mütter schnell herbei zu sehn und Schwestern um zu hören, Und Weiber guter Männer auch, die Wahrheit zu vernehmen. Die Mutter bringt den Zucker her, das Schwesterlein den Moschus Und guter Männer Weiber auch Rmaranth in ihren Händen. Friß vögelejn den Zucker doch und trinke von dem Moschus, Rieck auch an unsrem Rmaranth und, was du weißt, das künde! „Ihr Rrmen, ach, wie sag ich nur, was dort ich sah, wie künd' ich's? Sch sah den Lharos, hoch zu Roß' wohl über Felder jagen, Die Jungen schleppt er an den haaren, die Riten an den Händen, Und all die kleinen Rinderlein am Sattelgurt ihm baumeln. Grausig ist folgendes: Der Lharos. Rch sage, sag', Geliebte, mir, wie nahm dich auf der Lharos? Sch halte ihn auf meinen Rnien, er lehnt an meiner Brust, Und wenn nach Speise er begehrt, frißt er an meinem Leibe Und kommt nach Wasser ihm der Durst, trinkt er aus meinen Rügen. Den Zorn des Lharos über den kecken Lebensübermut malt das folgende: Der Lharos und das Mädchen. Linst rühmt sich eine schlanke Maid, daß sie Lharos nicht fürchte, Sie habe neun der Brüder ja und Ronstantin zum Gatten. Das hörte Lharos irgendwo, ein Döglein täts verraten Und ging und traf sie just beim Mahl, beim Mahl tat er sic treffen. „Gott grüße euch, ihr Herren mein, allsamt ihr edlen Gäste!" „Lei uns gegrüßt, Herr Lharos hier, willkommen doch Herr Lharos." Sitz nieder und genieß des Mahls, des Mahls wallst du genießen !" „Sch kam nicht her für euer Mahl, noch kam ich für das Lfsen, Sch kam nur für die schlanke Maid, die nicht den Lharos fürchtet!" Rn ihren haaren faßt er sie, wirft sie auf seinen Rücken Laß ab von meinen haaren doch und faß mich an den Rrmen, Daß ich der Mutter Lebewohl und meiner Schwester sage, Dem Dater sage Lebewohl, Lebwohl auch meinem Bruder Und Mutter ! kommt mein Ronstantin, wollst nicht sein Herz betrüben ; Nicht' ihm das Mahl zum Rosten zu, sein Mahl laß du ihn essen, Sch gehe mit dem Lharos jetzt und nie sieht er mich wieder. Die Lvgenula. Die Lvgenula, tausendschön und jüngst erst Neuvermählte, Rühmt laut vor all den Shrigen, daß Lharos sie nicht fürchte. Denn sie hat neun Brüder fein, mannhaft starke Helden Der Lharos hört das irgendwo, ein vöglein täts ihm sagen Schnellt seinen Pfeil und wirft sie jäh zu Boden. Die Rerzte eilen schnell herbei, kein Mittel gibt; zum heilen. Bestürzt die Mutter stürzt herein, rauft sich das haar mit Händen. „Du stirbst, o Lvgenula mein, was willst du auf mir tragen? — " „ Welch einen Ruftrag hält' ich noch, was soll ich dir auftragen ?" „D Mutter, kommt mein Ronstantin, wollst nicht sein Herz betrüben!" Und sieh, da kommt der Ronstantin über Feld und stolz beritten, Die Hirsche bringt er lebend mit, und wild Getier gebändigt, Hirschkälbchen führt gefesselt er an seinem Sattel hängend: Lr sicht ein Rreuz an seinem Tor, und Priester in dem Hofe DicMutter hält erfragend an:„Was stehen dort diepriester?" „Rch, starb nicht Lvgenula dir?" Man geht sie zu bestatten. Rur Silbcrscheide goldnes Schwert hat er herausgerissen, hebt's hoch empor und wild durchbohrt er dann sein eigen herze. Wo man begrub den jungen Mann, da schießt empor 3y- pressenbaum, der stolze: Wo man begrub das junge Weib, ein Röhricht sah man sprießen. Und wenn Herr Nordwind fährt durchs Land, da neigt sich die Zypresse, Und wenn der Zephir linde saust, da schmiegt sich leis das Röhricht, Das Röhricht schmiegt sich, die Zypresse küßt. fSchluß folgt.) Zgnatius von Loyola. Schon feit Jahresfrist ziehen die Vorgänge im katholischen Lager die Blicke der Rndersgläubigen mit zunehmender Nachhaltigkeit auf sich. Dort, im Schatten des bisher für unanfechtbar gehaltenen Zentrumsturmes, herrscht eitel Streit und Unfriede. Ls ist Verwirrung in die sonst so wohlgeordneten Reihen gekommen. Rufgeregt laufen die Scharen durcheinander, weil keiner weiß, wohin er gehört, und auch diejenigen, die im Sturmgebraus die angenommene Richtung fcfthalten, sind innerlich unsicher, weil sie nicht wissen, was die Zukunft bringen, und wie lange es so weiter gehen wird. Rirchcnfllrsten sagen sich gegenseitig in durchsichtigen, diplomatischen Redewendungen die Meinung und geben nachher vor, nicht zu wissen, was sie gesagt haben. Ls ist der Streit um die christlichen Gewerkschaften oder darüber, ob deren katholische Glieder mit den andersgläubigen verbandsgenos- scn auch weiterhin ihre gemeinsamen beruflichen Interessen verfolgen und verfechten dürfen. Man will nämlich den end- giltigen Trennungsstrich ziehen: hie Ratholik, hie Protestant, und das wollen sich die deutschen Ratholiken einstweilen noch nicht gefallen lassen. Wie lange der Widerstand dauern wird? 101 Das Rückgrat der römischen Weltanschauung ist der Ie- suilismus. Wer diesen nicht kennt, der kennt auch Rom nicht und wird es nie lernen, die politischen Wege Roms richtig zu überschauen. Der Jesuitismus vertritt das Prinzip der Internationalität. Rationales Denken und handeln ist in seinen Rügen mit dem Verrat an der Rirche gleichbedeutend. Infolgedessen sind in seinen Rügen die Bestrebungen der christlichen Gewerkschaften schon längst gerichtet. Demjenigen, der seinen allbeherrschenden Einfluß in der römischen Rirche kennt, kann daher das schlietzliche Schicksal der letzteren nicht zweifelhaft sein. Der Jesuitismus aber hat seinen geistigen Vater in Ignatius von Loyola. Wer diesen Wann nicht Kennt, der kennt auch den Jesuitismus und damit den politischen Ratholizis- mus nicht. Darum hat eine Schrift, die mit jenem Wanne bekannt macht, ein Recht, auch auf Beachtung im evangelischen Lager Rnspruch zu erheben. Diese Schrift ist unter dem Titel „Ignatius von Loyola" in dem Sammelwerk von Gustav pfannmüller „Die Rlassiker der Religion" erschienen und hat Philipp Funk, den Herausgeber des „Reuen Jahrhunderts", in München zum Verfasser. Daß die Jesuiten auch gesetzmäßig in das deutsche Reich ihren Wiedereinzug nehmen, nachdem sie ihn tatsächlich bereits gehalten haben und unter den Rügen der Staatsbehörden fortwährend halten, dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Danken wir Gott, daß es wenigstens die ersten vierzig Werdejahre unseres Reiches hierdurch gelungen ist, sie sernzuhalten. Rn dem Schaden, den sie nun in der Zukunft anstiften werden, wird sich das deutsche Volk selbst als den Hauptschuldigen zu erkennen haben. Seine Schuld wird umso größer sein, je mehr es versäumt, die Macht des Gegners einzuschätzen. Tin gutes Hilfsmittel hierzu ist die gemeinverständlich geschriebene, von jedem überflüssigen, gelehrten Beiwerk freie Schrift Funks. Tr hat die schwere Rufgabe, an dem Lebensbilde Loyolas Licht und Schatten in gerechter, vorurteilsloser Weise zu verteilen, in mustergiltiger Weise gelöst. R. G. weitere Erinnerungen an Moltke. In meinem alten Sammelbuche finde ich folgende Erinnerungen an den Feldmarschall Moltke, die es wohl wert sind, in die Geffentlichkeit gebracht und besonders all denen zugänglich gemacht zu werden, welche diesen Helden noch gekannt haben, ja, allen, denen die Trinnerung an ihn noch lebendig und wertvoll ist. Rber auch denjenigen, welche die glorreiche Zeit, die sich um dieses Heldenleben webt, nur durch Hörensagen kennen, muß es wertvoll sein, zu sehen, wie die Mitwelt dieses Mannes ihn verstand in all seiner Größe und Schlichtheit, vielleicht kann diese Erkenntnis manch einem von Vorteil für sein ferneres Leben werden, indem er nämlich erfährt, daß ein wahrhaft großer Mensch keiner prunkvollen Rußendinge bedarf, sondern daß er durch sich selbst wirkt im engen Rnschluß an Gott. Leider weiß ich nicht, wer diese beiden verschiedenen Dichtungen einstens schuf, wir müssen aber den beiden unbekannten Dichtern, von denen ich nicht einmal weiß, ob sie noch unter den Lebenden weilen, aufrichtig dankbar für diese warm empfundenen Worte sein. Baronin R. Rn Moltke. Zu seinem 70. Geburtstage am 26. (Oktober 1870. Treu durch siebzig lange Jahre, Jüngling du im weißen haare, Rühmend preist die Welt dich so: Schlachten sinnend Rnd gewinnend, Wortverachtend, tatenfroh, Laut wie Sturm in heißer Fehde, Rnd am Tag des Sieges stumm, Schufst du nach der eig'nen Weise Ihm zum heil und dir zum Preise Mächt'gen Griffs ein Volk der Rede In ein Volk der Taten um! Die zweite Dichtung hat folgende Zeilen als Einleitung: Der Bildhauer Professor Franz hat die rechte Hand des Feldmarschalls Grafen Moltke geformt. Dieselbe wird vermutlich einst öffentlich zur Schau gestellt und vielleicht durch folgende Zeilen bemerklich gemacht werden: Die Hand, die fest den Stab des Marschalls trug, Die mehr als hundert Schlachten siegreich schlug, Die Hand, vor der, als sie noch war belebt, Gai mancher Fürst auf seinem Thron gebebt,' Die Hand, an deren Fingern hier im Land Der „Finger Gottes" oftmals ward erkannt, Die Hand, an deren Dräuen oder Wink Das Los von tausend Menschenleben hing, Die Hand, die schlicht und recht gedient dem Staat, Rnd niemals wußte, was die Linke tat! Ein pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) Rm späten Rachmittag ging ich wieder den weiten Weg nach Hause zurück, glücklich, nun eine Stelle zu haben. Ramentlich freute ich mich darauf, an Weihnachten den Titern meinen Lohn zu bringen. Freilich die Füße schmerzten mich auf dieser Rückwanderung, und als es Rbend wurde, als die Dämmerung ihre Schleier durch den Wald wob und die Grillen zirpten, da bekam ich es mit der Rngst. Rlle die Geschichten, die ich früher von der Rltpeter-Lene gehört hatte, wurden in mir wach. Ich glaubte den wilden här ohne Ropf durch den Wald reiten zu sehen und vernahm schreckhafte Stimmen aus dem Waldesdickicht. Line Stunde mochte ich noch von Ruppertsecken entfernt sein, da tauchte auf einmal an einer Wcg- biegung eine Gestalt vor mir auf. Da der Wald dort abgeholzt war und der Weg etwas anstieg, so erschien mir die Gestalt, die von der höhe herab auf mich zukam, riesengroß. Jäh durchfuhr meine Glieder der Schreck, diese Gestalt könnte ein Räuber sein, der den Wald durchstreife, oder ein Zigeuner, der auf Raub ausgehe, oder eine geheimnisvolle, gespenstische Erscheinung. Fortlaufcn konnte ich nicht mehr,' denn ich war durch den weiten Weg zu sehr ermüdet, und wenn ich auf einen Stein trat, hätte ich vor Schmerzen laut aufschreien mögen. So gab ich mich gefaßt in mein Schicksal und ging dem Manne näher entgegen. Ich sah, daß dieser einen Stock in der rechten Hand trug, und da durchfuhr mich eine große Freude,' denn an der Rrt, wie der Wanderer den Stock auf den Boden setzte, erkannte ich meinen Vater. Trotz meiner müden Rnie und wundgelaufenen Füße lief ich ihm entgegen und rief: „Vater, der Wilhelm Hinkel will mich für 40 Gulden nehmen." „Ts ist gut, daß du da bist, Peter," erwiderte der Vater. „Die Mutter hatte Rngst um dich, darum bin ich dir entgegen- gcgangen." Ich glaube, niemals in meinem Leben habe ich mich so wohl behütet und so traulich geborgen gefühlt, als damals, 102 -J da ich am Sommerabend, während der Mond aufging, mit dem Vater nach Hause ging. In der rechten Hand trug der Vater seinen Schwarzdornstock, im Munde hatte er die Kurze pfeife, deren Lauch in die Klare Lbendluft stieg. Jetzt hätte der Schinderhannes mit dem schwarzen Peter und seiner ganzen übrigen Lande Kommen Können, ich hätte mich nicht gefürchtet, ich hatte zu dem Vater ein unbegrenztes vertrauen. Glückliche Zeit, in der man noch zu anderen, die über einem stehen an Liter, Lebenserfahrung und Tüchtigkeit, aufschauen kann und bei ihnen sich Lat und Hilfe holen darf. Sie vergeht sehr rasch, und bald kommt der Tag, an dem man in der weiten lvelt auf sich allein angewiesen ist. Zwei Tage darauf kam der Karl mit dem Lordwagen, an den der Hektar und der Keil gespannt waren, und holte mich und die Liste, die meine Habseligkeiten enthielt. So froh ich in den letzten Tagen gewesen war, so tat es mir nun doch leid, aus dem Tlternhause scheiden zu müssen, viele lvorte wurden beim Lbschied nicht gewechselt, die Eltern reichten mir die Hand, und die Mutter sagte: „Peter, denke immer an deinen Lonfirmationsspruch: Bleibe fromm und halte dich recht, denn solchem wirds zuletzt wohl gehen." Oie Pferde zogen an, und der Ivagen rollte den Berg hinunter. — Ich hatte es gut in meiner Dienststelle. Uebermäßig zu arbeiten brauchte ich nicht. Herr Hinkel, der keine Linder hatte, hat mich immer gut behandelt, er hat nie geflucht und gewettert und hat seinem Gesinde keine ungebührliche Arbeit zugemutet. Er hat es nicht gemacht wie jener Lauer aus Marienthal, der sein ISjähriges Lnechtchen Lorngarben gabeln ließ und, wenn der Lleine unter der Last der schweren Garben zusammenbrach, ihm zurief: „Immer weiter im Text, nur keine Schwäche gezeigt!" Jeden Sonntag durfte ich in die Lirche gehen. Da stieg ich denn die vielen Stufen, die zu dem hochliegenden Lirch- hofe. dem neuen, schlanken Turm und der alten Lirche hinaufführen, hinan und saß still und andächtig unter den konfirmierten Jungen. Fromm zu bleiben, war ja die Losung, die mein Lonfirmationsspruch angab. Der große Lnecht, der Larl, war, auch wenn er mich von den Pferden fernhielt, ein gutmütiger Lursche. Er stammte aus Lechenheim, einem Dorfe, das am Lande des Vorholzes liegt, eines großen Ivaldes, der sich südlich von Llzey an der pfalzbaycrischen Grenze erstreckt. Lbends saß ich mit ihm auf einer Lank, die im Hofe vor dem pserdestalle stand. Da führte Lar! das große Wort. Er war, wie ich das bei vielen Dienst- Knechten gefunden habe, etwas prahlerisch angelegt und erzählte gern von seiner Lraft und seiner Geschicklichkeit. Da bekam ich zu hören, wie er mit störrischen und bissigen Pferden, die sonst niemand zähmen konnte, fertig geworden sei, wie er einen wütenden Stier, der sich im Stalle losgerissen hatte, gebändigt habe. Ein andermal hatte der Larl beim Lartenspiel so wuchtig auf einen Tisch gehauen, daß die Tischplatte. einen Sprung bekommen hatte. Leim Dreschen hatte er sich selbst einen Maltersack auf die Schulter gehoben und diesen hinauf zum Speicher getragen. Soldat war er nicht gewesen, aber als er in der Musterung war, hatte der Major gesagt: „Das ist ein schöner Mann," daraufhin hatte man ihn der reitenden Artillerie zugeteilt. Lls Larl dann aber in varmstadt zum Militär eingerückt war, hatte man gefunden, daß er Plattfüße habe, uird hatte ihn wieder nach Hause geschickt. Luf der Lirchweihe in Lriegsseld war er gewesen, da hatte er bei der Tanzmusik mit einigen Steinhauern aus Llsenz Streit gekriegt. Da hatte er sich einen Stempel von einem Stuhle abgebrochen und die ganze Gesellschaft aus dem Wirtshause hinausgeprügelt. So saßen wir an den langen Sommerabenden im Hofe, hörten nebenan im Stalle die Pferde schnaufen und gegen den Stand treten und warteten, bis unser Dienstherr in der Haustür erschien und uns zurief: „Ich meine, es wäre jetzt Zeit, daß ihr in das Lett geht." Lm 1. September ging endlich die Jagd auf, schon seit langer Zeit hatte ich diesen Zeitpunkt ersehnt. Lls ich eines Sonntags aus der Lirche nach Hause kam, sagte Herr Hinkel: „Mach dich fertig, nach dem Mittagessen will ich sehen, ob ich ein paar Hühner schießen kann." Lei dieser Mitteilung hüpfte ich beinahe hochauf vor Freude, und um ein Uhr stand ich! fix und fertig im Hofe. Ich bekam die Jagdtasche umgehängt und durfte Tyras, den langhaarigen, braunen Jagdhund, an der Leine führen, wir gingen zuerst nach dem Lreitenfeld, einer Flur, in der viele Dbstbäume stehen. Dort wurde der Hund von der Leine losgemacht. Sofort lief er uns voraus und hatte die Schnauze, indem er hin- und herschnupperte, fortwährend auf dem Loden hinter dem Hunde kam mein Herr, und ich machte den Schluß. wer zur Jagd geht, darf keine engen Schuhe anziehen: denn da geht es kreuz und quer über frisch gepflügte Lecker, über Lartoffelfelder, durch Lübenanpflanzungen hindurch, bis eine wiese kommt, auf der man mit dem Fuß leicht in einen Maulwurfshaufen geraten kann. Gerade überstiegen wir einen Graben, der rechts und links mit Zwetschenbäumen eingefaßt war, und wollten einen Lartoffelacker durchschreiten, da blieb Tyras stehen und wedelte mit dem Schweife. Ich sah gerade, daß Herr Hinkel das Gewehr schußfertig in die Hand nahm, da machte es schwirr-schroirr, und eine Lebhühnerkette flog schwerfällig auf. Zweimal krachte es aus dem doppelläufigen Gewehre, pulverrauch flog auf, und zwei Hühner stürzten zu Loden. Der Jäger hatte gut in die Lette hineingetroffen, kleine Federn flogen durch die Luft, und Tyras brachte sofort ein Huhn herbei. Die beiden anderen holte ich aus den Lartoffelstauden heraus. Stolz knüpfte ich unsere Jagdbeute an die Tasche, dann ging es weiter über Stock und Stein, wieder blieb der Hund stehen, diesmal vor einem Lllbenacker, und wieder schwirrte eine Lebkühnerkette auf. Lber diesmal hatte der Schütze weniger gut getroffen, nur ein einziges Lebhuhn fiel zu Loden. Lun kam uns an diesem Tage nichts mehr vor das Gewehr, auch durchstreiften noch andere Jäger das Feld, aus allen Lichtungen fielen die Schüsse, und wir gingen nach Hause. Ich durfte mir einige der schönen Lebhuhnfedern ausrupfen und schmückte damit meinen Hut. wenn wir Hasen jagten, hatte ich meist größere Mühe; denn zwei große Feldhasen — oft aus weiter Entfernung - nach Hause tragen, war doch nicht so einfach. Lber, ich wäre um nichts in der Welt zu Hause geblieben,' denn das war mir eine eigentümliche Freude, die Hasen in großen Sätzen über das Feld hinsausen und sie dann Purzelbaum schlagen zu sehen, wenn sie getroffen waren. Laum waren sie gefallen, so stürzte ich auch schon hin, um sie aufzuheben und in die Jagdtasche zu stecken. LIlerdings war Tyras weit schneller als ich, wie der Llitz sauste er auf das wild zu und brachte cs seinem Herrn. Er war gut dressiert und ließ sich nie einfallen, einem Hasen nachzulaufen, bevor der Schuß des Jägers gefallen war. Meine Freude an der Jagd kam mitunter auf eine so unbändige Lrt zum Lusdruck, daß Hinkel eines Tages sagte: „Lub, ich weiß nicht, ob ich dich noch mitnehmen soll: 103 denn ich fürchte, du wirst später dich auf das Wildern verlegen." Ich versprach ihm hoch und heilig, daß ich das niemals tun werde, und so durfte ich ihn weiter begleiten. Mein Mitknecht Karl hatte gar kein Interesse an der Jagd. Kn Sonntagnachmittagen saß er, die Pfeife rauchend, auf der Bank vor dem Pferdestall und las. Kber was las der Karl? Ts war damals die Zeit, da weit mehr fahrende Leute durch das Land zogen als jetzt. Gft erschienen Bärenführer, die auf das Tamburin schlugen, dem braunen Ungetüm, das sie mit führten, eine Stange über den Kücken legten, worauf der Bär, durch einige Stöße ermuntert, zu „tanzen" anfing, indem er die Stange mit dem Vorderpranken festhielt und dumpfe Laute ausstieß, häufiger aber kam eine andere Gattung dieser Umherziehenden, die man gleichfalls jetzt nicht mehr sieht, das waren die Grgelleute, dis ein Bild zeigten, auf dem irgendeine Mordtat dargestellt war. Der Grgelmann drehte sein Instrument und erklärte das Bild, während die Grgelfrau das Geld einsammelte und gedruckte Beschreibungen der Mordtat verkaufte. Karl gehörte zu dem regelmäßigen Käufern dieser Beschreibungen, mindestens 20 davon bewahrte er in seiner Kiste auf. In seinen Freistunden las er, wie ein Unhold in Warschau seine ganze Familie abgeschlachtet, wie ein Käuber in Venedig einen Postwagen ausgeraubt, eine Frau in Paris ein ganzes Dutzend Menschen vergiftet habe und wie alle diese Uebeltäter zum Schlüsse den verdienten Lohn bekamen, indem sie durch das Beil des Scharfrichters vom Leben zum Tode gebracht wurden. Mich widerten diese Geschichten an, der Karl kannte keinen größeren Genuß, als sie immer wieder zu lesen und sich den Schauer über den Kücken rinnen zu lassen. (Fortsetzung folgt.) Worte zum Nachdenken. Frage nicht, wo in der ganzen Welt Ts besser für dich wäre. Da, wo der Herr dich hingestellt, Da blüh' zu seiner Ehre. Kirchliche Anzeigen. Sonntag Palmarum, den 5. Kpril. Landes-Buß- und Bettag. Kollekte für Hess, evang. Gemeinden in Grten mit überwiegender katholischer Bevölkerung. Gottesdienst. In der Stadtkirche, vormittags < 0/2 Uhr: Pfarrer Schwabe, vormittags 11 Uhr: Beichte und heil. Kbendmahl für die Militärgemeinde. Pfarrer Schwabe. Kachmittags 2 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Kbends 6 Uhr: Pfarrer D. Schlosser. Kbends Uhr im Markussaal: Vortrag von Dberbibliothe- kar Dr. hepding über „Tine hellenistische Großstadt" (zum Verständnis der Ueutestamentlichen Schriften) mit Lichtbildern, wozu die Mitglieder der Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Matthäusgemeinde und des Wartburgvereins eingeladen werden. In der Johannerkirche. vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Kusfeld. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeind«. Pfarrer Kusfeld. Kbends 6 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Beichte und heil. Kbendmahl für Lukas- und Johannesgemeinde gemeinsam. Knmeldungen vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Kbends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Johannessaal. Gründonnerstag, den 9. Kpril. In der Stadtkirche. Kbends 6 Uhr: Beichte und heil. Kbendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam. Knmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Pfarrer Schwabe. In der Johannerkirche. vormittags M /2 Uhr: Vorstellung und Prüfung der Konfirmanden aus der Johannesgemeinde. Pfarrer Kusfeld. Kbends 7 3 A Uhr: Beichte und heil. Kbendmahl für Lukas- und Johannesgemeinde. Knmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Pfarrer Kusfeld. Karfreitag, den 10. Kpril. Kollekte für die evangelischen Knstalten zu Jerusalem. In der Stadtlirche. vormittags M /2 Uhr: Pfarrer V. Schlosser. Beichte und heil. Kbendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam. Knmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags 11V* Uhr: Kinderkirche für Matthäus- und Markusgemeinde: Pfarrer D. Schlosser. Kbends 6 Uhr: Liturgischer Gottesdienst. Pfarrer Schwabe. Km 2. Gsterfeiertag, nachmittags 2 Uhr, findet die Vorstellung und Prüfung der Konfirmanden aus der Markus- gemeinde statt. Die Konfirmation findet am Sonntag Guasi- modogeniti, den 19. Kpril, statt, in Verbindung damit die Feier des heil. Kbendmahls. Die Beichte dazu wird am Samstag, den 18. Kpril, nachmittags 2 Uhr, gehalten. In der Johannerkirche. vormittags 9Vs Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Beichte und heil. Kbendmahl für Lukas- und Jo- hannesgemeinde gemeinsam. Knmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten, vormittags I v/i Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Kbends 6 Uhr: Siehe Stadtkirche. Km 1. Gsterfeiertag wird in beiden Kirchen eine Kollekte für die Kirchenkasse erhoben werden. Km 2. Gsterfeiertag findet im lfauptgottesdienst die Konfirmation der Kinder aus der Johannesgemeinde statt, in Verbindung damit Feier des heil. Kbendmahls. Oie Beichte wird am 1. Gsterfeiertag im Knschluß an den Kbendgotter- dienst gehalten. Ebenfalls am 2. Gsterfeiertag, nachmittags 2 Uhr, findet Vorstellung und Prüfung der Konfirmanden aus der Lukasgemeinde statt. Die Konfirmation derselben findet am Sonntag Guasimodogeniti, den 19. Kpril, statt, in Verbindung damit Feier des heil. Kbendmahls. Die Beichte wird am Tage vorher, nachmittags 2 Uhr, gehalten. v. Bergmann t Co., R»deb«ul ist die beste Llllenml loh seife f zarte, weiße Haut u.blendend schön Teint St.ftOPf Überall z. hab 104 [ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ] Niidols Nicht« Bietzen, Marktstratze 24— hüte und Nützt Reichhaltige Auswahl, BilligePi :: Rabattmarken, Reparaturer :r Carl Loos 20 Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 »zz Manufakturen und Weitzwaren Herren- u. Knabenkleider Bch.b'/uwX Ä Besonders billiger zfehuh* Verkauf 15°Io b ‘ s 20°/o Reparaturen billigst Gescliw. Holberg Hi. empfehlen Trauerhüte, Trauerschleier, moderne Gürtelbänder, Schleierund Uebergangshüte i Zrdr. Seipel ^ H ,6 Markt m — < vorteiltzasteBezugzquell / für ? Ztrumpswaren uni i Unterzeuge. 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