Nr. 12. Gießen, Sonntag Iudika, 29. März 1914. 3. Jahrgang. Geheimnisse der Glaubenshelden. 2. Brief des flpojtels Paulus an die Korinther 12 , 7-10. Huf daß ich mich nicht der hohen Gffenbarungen überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satanas Engel, der mich mit Fäusten schlage, auf daß ich mich nicht überhebe. Dafür ich den Herrn dreimal geflehet habe, daß er von mir ujidje; und er hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Dnade genügen: denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf daß die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheiten, in Schwachen, in Nöten, in Verfolgungen, in Nengsten, um Christi willen: denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark. In der heutigen Schriftstelle lüftet Paulus einmal den Schleier ein wenig vor dem geheimen Innenleben der Glaubenshelden. Und da ergibt sich etwas Eigenartiges. Ulan begegnet solchen wahrhaft Großen im Geiste ja nur sehr selten. Uber wer die Gnade gehabt hat, in seinem Leben einen ihrer Urt kennen zu lernen und tiefer in sein Wesen ein- dringen zu dürfen, wer dann geschichtliche Zeugnisse von anderen Helden des Glaaubens, so von Luther, Melanchthon u. a., daneben hält und sie mit den vorliegenden Gffenbarungen des Paulus vergleicht, der findet eine merkwürdige Uebereinstimmung all dieser Erfahrungen, wie sie in dem Heiland zweifellos am deutlichsten in die Erscheinung traten: Gewisse außerordentliche innere Erlebnisse, die das normale Ulaß des Erlebens der sozusagen Durchschnitts-Neligiös- gesinnten überschreiten, aber auf Kosten von Leiden Körpers und der Seele, die zumeist ebenfalls das Erleben der Durchschnittsgläubigen weil überragen. Es tritt da ein Martyrium zutage, das durchaus nicht immer erst mit der Verfolgung durch bös oder fanatisch gesinnte Gegner einzusetzen braucht, sondern das ein Grundzug ihrer ganzen Persönlichkeit und ihres Lebensschicksals ist. Man kann sagen: kurze, allerdings überwältigend herrliche Blicke von den Gipfeln menschlich möglichen Erfassens in die Welt des Unsichtbaren, in ein Erleben Gottes von höherer Urt, werden mit furchtbarsten Gegensätzen, wie aus einer direkten Welt der unsichtbaren Finsternis herausgeboren, so teuer bezahlt, daß es wenige gelüsten mag, gleiche Wonnen mit gleichen Schmerzen auszutauschen. Und das kann man weiter sagen: Nicht das unsagbar hohe eines noch dazu rein innerlichen Erlebnisses, das nur wie ein gleichsam verirrter Gottesstrahl auf kurze Nugenblicke die Menschenseele in unaussprechliche Lichtwonne taucht, macht diese Helden des Glaubens zu dem, was sie sind, sondern gerade das Nndauernde des Gegenteils, eine fast ununterbrochene Kette eigenen Leidens und des Mitleidens für andere. Ein unheimlich geschärfter Blick so für die Nachtseiten des eigenen Ich wie für die der Menschheit überhaupt, gibt ihnen jene überragende, einfach ehrfurchtgebietende Neife des Geistes. Und die Frucht dieses Geistes ist jedesmal eine Demut ihrer Seele, ja ihres ganzen Menschen, die uns weniger Begnadeten einfach ein Nätsel, eine unbekannte Welt bleibt. Wofür uns höchstens in besonderen Gnadenstunden einmal ein lichtvolles Verständnis aufgeht und selbst dann als ehrliches Bekenntnis kaum gewagt wird: „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark", das ist die tägliche Atmosphäre jahrein jahraus, in der sich jene Großen im Geiste bewegen und ohne die sie nicht glauben würden weiterleben zu können! Uber freilich, aus dem Vollgefühl dieser Schwäche heraus wird auch in ihnen ein Vollgefühl für die Gnade Gottes von so ungeheurer Stärke geboren, daß es ist, als wäre ihre Seele, eben weil sie sich vor Schwäche wie entleert fühlt, selbst ganz von dieser Gnade Gottes bis in den letzten Winkel angefüllt, von diesem Erlebnis des göttlichen Gnadenstroms in der Seele der Glaubenshelden trinken wir Kleinen dann oft noch jahrhundertelang und werden nur deswegen satt, weil ihre Seele so unauslöschlich nach Gott dürstete! Nur heute! Du brauchst nicht mehr zu tragen, Als nur die Last von heut', Und sollst nichts weiter fragen, Als was Gott jetzt gebeut. Mehr soll dein Fuß nicht gehen, Als nur den nächsten Schritt, Mehr nicht dein Herz verstehen, Als was es heute litt. Nicht weiter darfst du sorgen, Als was Gott heut' gefällt, Das „Später" und das „Morgen" Sei ihm anheimgestellt. 90 Drum trockne deine Tränen, Der Herr ist dir ja nah, Tr Kennt dein tiefstes Lehnen, Wenn's auch Kein Buge sah. heut' sollst du ihn erfahren, heut' will er bei dir sein, heut' nicht in fernen Jahren Nein, jetzt, wo du allein ! heut' trägt er deine Bürde, fjeut’ ebnet er den Pfad; Das; heute Trost dir würde, Tr längst beschlossen hat. Für heut' — nicht spätre Zeiten Gibt er dir Kraft und Mut, Gibt Macht und Möglichkeiten — Ja, er macht alles gut. Für heut quillt dir sein Bronnen, Für heut' strahlt dir sein Licht,' Bald find'st du ew'ge Wonnen Vor seinem Bngesicht. f). v. kedern. Griechische Erinnerungen. Dritte Folge. Don Geh. Qberkonsistorialrat D. ID. petersen in Darmstadt. (Fortsetzung.) Einige Totenklagen seien an dieser Stelle noch mitgeteilt: Eine Frau an ihren Mann. Niemals gedacht ich je daran, ein Totenmal zu loben, Jetzt hat mir's Lehnsucht angetan, daß ich es rühm' hier droben: ® silbern Mal, o Mal von Gold, o Mal von lautrem Golde, Derzehre nicht der Lippen Not, der Bugen Schwarz, das holde, verzehre nicht sein Züngelein, voll Sangs der Nachtigallen, Ein Vorbild zwitschernden Getön; .den lieben vöglein allen. Du hattest Bugen schwarz wie Nacht und Brauen wie Blutigel, Ein Liebling warst du Mägdelein, du ihrer Sehnsucht Siegel, Noch feiert man dein hochzeitsfest, tut man den Wein kredenzen, Noch duften süß vonWeihrauchduftdieBlumenindenKränzen. Ein Mädchen an ihren Geliebten. Sch bin das vöglein, das man nennt Kanarienvogel, Buf meinen Federn leuchtets grün, doch schwarz ist ganz mein herze. Denk' ich an dich und ruft mein Herz zurücke dich ins Leben, Dann schluchz' ich auf wie tiefes Meer, am Strand die Wogen beben. EinetrauerndeFrau. Nicht freuen darf ich mich fürwahr, noch trinken edlen Weines, Zn Einsamkeit nur muß ich sein, auf einem Marmorberge: Buf meinem Bntlitz lieg ich da, vergieße dunkle Tränen Und werde See und werde Meer und werde kühle Quelle, Da kommen denn die edlen Fraun zu waschen und zu bleichen, Zu waschen ihre Füße drein und ihren hals, den weißen. Zm Tartarus. Da drunten tief im Tartarus, im eis'gen Erdeninnern Da sitzen fünf der Mägdelein und fünf der jungen Knaben. Es Hallen ihre Totenklag' die Schlanken, die jungen Knaben weinen: Q waren wir nicht einmal jung, warn wir nicht starkeKnaben Und fuhren wir nicht als zur See auf phariotenschiffen? Die Hochzeit im Hades. Mein Mütterlein rüstet ein Freudenfest, ach, meines Sohnes Hochzeit, Geht zu den Quellen Wasser holen und Schnee von hohen Bergen, Geht zu den Gärtnerinnen fein um Bpfel und um Quitte. Gebt mir, ihr Quellen, kaltes Naß, und euren Schnee, ihr Berge, Und du, des Gartens Pflegerin, gib Bpfel mir und Quitte,' Mir kommt ein Freund aus der Qberwelt, Nicht erus der Fremde kommt er mir und nicht aus fernem Lande, Er ist ja nur mein Kind, mein Sohn, mein Sohn der Diel*, geliebte. Die Witwe. Bch weh, mir Brmen ziemt allein die Träne, Totenklage, Daß ich des Bbends weine still, und ohne End am Morgen, Und auch im Morgenschein noch zieh endlose Totenklage. Ja weinet, Bugen, weinet mir, daß ich zum Flusse werde, Zu See und Meer, daß sie hinab zur Unterwelt gar fluten, Daß all die Unbenetzten sein benetzt und trinken Durstverzehrte, Daß Wasser für ihr Tintenfaß die Schreiber sich gewinnen Und schreiben all die Herzenspein der einst so viel Geliebten, Die übern Fluß gefahren sind und tranken seines Wassers Und nun vergessen hau; und Weib und die verwaisten Kinder. Der Sohn. Zhr Eltern laßt das Trauern sein, Daß ich euch jetzt muß lassen Zch ziehe in den Hades ein, Dort will ich auf euch warten. Kommt ihr, so bringt, ich bitt euch, mit Die Eine, die ich liebte, Bls in der Welt ich lebte noch, Mit ihr will ich Hochzeit halten. Die Hirtin. Da drüben auf jenem Berge, Wo Sturm um Gipfel wütet, Bm Fuße Nebel brütet, Da ist das Kraut Vergessenheit, Das fressen Mutterschafe, vergessen ihre Lämmchen. Nupf dir eins aus, o Mutter mein, Da wirst du mein vergessen! Und äß' ich tausend Kräuterlein Doch nimmermehr vergäß ich dein. Der st erbende Geliebte. Geliebtes Mädchen, hörst du einst, daß ich zum Sterben krank bin, Dann komm, so schnell du immer kannst, und finde mich im Sterben,' Und wenn du kommst, und wenn du trittst herein zur großen Pforte Dann, herzgeliebte, löse auf des Hauptes duftge Flechten Und frage du mein Mütterlein: Wo ist dein Sohn, o Herrin? Mein Sohn ist dort im Kämmerlein, allein auf seinem Lager, Bch, mach mir gleich ein Kissen du, daß gleich mein Leib sich strecke Und fasse du mein armes Haupt, bis meine Seel' entfliehet. Und wenn du dann den Priester siehst die Stola sich anlegen, Dann küsse mich, Geliebte mein, auf meine bleichen Lippen: Und wenn mich heben dann die vier Genossen mein, die jungen, 91 Und wenn sie tragen mich vorbei an deinem trauten Hause, Dann schneide ab, Geliebte mein, schneid' ab die lieben haare. Und setzen sic am Kirchentor mich nieder, an dem hohen, Dann raufe dir die haare aus, wie federn sich die Hennen, Und singen sie den Ubschiedspsalm und löschen meine Kerzen, Dann Hab ich dich, Geliebte mein, in meinem treuen Herzen. Die junge Witwe. Lin junges U)cib sang einst sein Lied herab aus schönem Zensier, Und soviel Schiffe es gehört, die legten sich vor Unker; Doch furchtbar anzuschaun ein Schiff, ein Schiff des blutgen Krieges, Vas reffte nicht die Segel ein, wollt' nicht vor Unker gehen. Ueff'ein die Segel, stolzes Schiff, reff ein, die Segel berge; Venn was ich sang, das war nicht Lust, war eitel Totenklage; Ich Hab' nen Mann, der Mann ist krank, ist todesmüd zum Sterben Ich suchte mir ein heilend Kraut, daß essend er genese, von wilder Hirschkuh sucht ich Salb' und Milch der wilden Ziege. Bis daß ich stieg auf Berges höhn, durchschweifte alle Felder, Mir Hürde baute und Geheg', die Hindin mir zu fangen; va nahm mein Mann ein andres lvcib, Hochzeit mit ihr zu halten, Vas Grabmal nahm zur Schwieger er, zum Weib die schwarze Erde. Vas Uebhuhn. Um Morgen früh, da steh ich auf, zwei Stunden noch vor Tage, va nehm ich Wasser, wasche mich, und mach mich wach mit lvasser Und wandle eilend mein weg, den weg, das schöne pfädchen, Bis daß ich find' 'nen losen Stein, mich strecke und mich lege, Zu hören Habichts wilden Uuf und Udlers schrilles Pfeifen, Zu hören auch des Ucbhuhns Ton, wie Uachtigallenzwitschern: ® Udler in dem Fclsgestein, Steinadler auf den Feldern Ihr nahmt mir den Geliebten mein, und ließet mich alleine! Doch der Tote ist der Erde übergeben, wir kehren zurück ins Trauerhaus. Bund herum an den wänden sitzen und stehen die Leidtragenden, und nur tiefe Seufzer der Leider oder Beileider lassen sich hören. Eine Tasse Kaffee wird gereicht, und dann verabschiedet sich eins nach dem andern mit dem Wunsche, der gerade hier seltsam berührt, narisis, mögest du leben! Eigentliche Seelenmessen kennt die griechische Kirche nicht, sondern nur sogenannte mnimösina, Gedächtnisfeiern, vieselbcn finden statt durch Gebet mit Uennung des Namens am Z., 9., 20., 40. Tage, nach Z und 6 Monaten und endlich nach einem Jahre, übrigens auch öfter, wenn die verwandten cs wünschen, wird das mnimosinon am Grabe gehalten, dann werden die sogenannten koliwa mitgenommen, die Lcichengcrste, ein Gemisch von leicht gekochter Gerste mit Zimt und Korinthen, da; in Kuchenform auf einem Tablett auf den Friedhof genommen wird, um nebst wein neben das Grab gesetzt zu werden, wer an der Feier teilnimmt, kann davon nehmen. Sollte das vielleicht eine letzte Erinnerung an frühere Leichenmahlzeiten in der heidnischen Zeit sein, wie sie bei den Körnern an der parentalia stattfanden, wo man Blumen, Zweige, Kränze auf die Gräber niederlegte, einfache Mahlzeiten hielt und (Opfer für die Manen darbrachte? Sind die koliwa etwa eine Erinnerung an diese (Opfer selbst? heutzutage dienen die koliwa auch zur Speisung der Urmen, die sich an den jährlichen gemeinsamen mnimösina zahlreich einfinden, um davon zu genießen. Schon Uugustin erwähnt sie und erklärt, daß sie dazu dienten, nicht nur die Manen zu befriedigen, sondern damit die Urmen oder die viener der Kirche zu Gebeten für die Toten bewogen werden. Vas ist gewiß durchaus richtig, sachlich und psychologisch. Man will die guten wünsche gewinnen: otksos makarisi tus, Gott mache sie selig! vie gemeinsamen mnimösina werden in den Fasten gehalten, immer an einem Sonntag, der dann psicho- sawaton heißt, Seelensabbat, wie die koliwa: psieböpita, Scelenkuchen. Manche lassen es auch nicht an den Gedächtnistagen ihrer Toten an diesen einfachen koliwa genügen, sondern schenken 100 Brote an die Urmen, oder sonst Gaben an Fleisch usw. an die öffentlichen Wohltätigkeitsanstalten, jedenfalls immer mit dem Gedanken, dadurch auch den verstorbenen heil zuzuwenden. Ich kann übrigens von diesem letzten Ende der Griechen nicht scheiden, ohne noch einiges über den daran sich knüpfenden Volksglauben zu sagen. Ich habe schon des öfteren auf das vramatische der vorstellungsweise hingewiesen, das in allem sich bei den Griechen geltend macht, vies macht sich auch geltend in der verwendurlg, die der gute alte Totenfährmann der Alten, Tharon, der die Seelen über den Todesfluß hinüberführt in das Totenreich, in dem vorstellungskreis der Ueugriechen gefunden hat. Er ist nicht mehr der Totenfährmann, der ja immerhin eine freundliche Gestalt ist, der im Vienste der Götter stehend den (Obolus für die Uebsr- fahrt, der dem Toten in den Mund gelegt wurde, empfängt. Bei den Ueugriechen ist Tharon, oder wie er bei ihnen mit leichter Veränderung heißt, Eharos oder Tharontos, die Personifizierung des furchtbaren Todeskampfes und des Todes und der Totenwelt überhaupt, vorgestellt wird er als ein starker, rüstiger Mann, ,,er trägt die haare der Sonne, die klugen des Blitzes", seine Farbe ist wie Feuer, dann aber auch wieder schwarz wie Erde. Er reitet auf einem schwarzen Boß, dessen Hufeisen fürchterlich dröhnen. Bewaffnet mit Schwert und Pfeilen geht er auf die Menschenjagd, oder wie ein Winzer übt er mit der Sichel sein grausiges Werk, vie Wunden, die er schlägt, sind unheilbar, wie ein Distichon sagt: ,,vcs Eharos Wunden heilt kein Kraut, va hilft nicht klrzt noch heil'ger." Der Todeskampf wird von der plastischen volksphan- tasie gedacht als ein Bingen mit dem Eharos. va heißt es palewi ms to Charo, er kämpft mit dem Eharos, oder in ein Wort sogar zusammengezogen: okarupalöwi, oder im Epirus kawali nerö, tu Chäru, er schleppt Wasser für den Tharos, wahrscheinlich eine dichterische Umschreibung des Todcsschweißes. Mit dieser grausigen Gestalt hat die Phantasie des Volkes, das ja immer gern gruseln will, sich mit besonderer Vorliebe beschäftigt. Sie kann sich nicht genug tun in immer grausigeren Schilderungen. Mir ist es immer so vorgckommen, als habe der Grieche noch eine besondere Furcht vor dem Tode außer der allen Menschen gemeinsamen, und daß diese den Griffel geführt hat bei der Zeichnung des Eharos. Um besten lasse ich die Volkslieder selbst reden, die da; Denken des Volkes wiedergeben: warum sind doch die Berge schwarz und stehen tief verdunkelt ? Bestreicht sie wohl des Sturmes hauch, des Kegens kalte Strahlen ? Nicht Sturm, nicht Kegen ist's, der Eharon ist's mit seinen Toten. Er schleppt die Jungen vorn, die Ulten hinten, vie zarten Kinderlein am Sattel aufgereiht, 92 Die Greise flehn, kniefällig flehn die Knaben. D Tharos, verweile dich im Dorf, verweil' an frischer Ouelle Damit die Ulten Wasser trinken, die Jungen Steinchen lesen Und all die kleinen Kinderlein die süßen Blümlein pflücken. Im Dorf verweilen tu ich nicht, noch an der frischen Ouelle, Da kommen die Mütter um lvasser zu schöpfen und erkennen ihre Kinder, Da erkennen sich die Gatten wieder und wollen nimmer scheiden. Tharon und der Hirte. Ziehst du den Berg dort hoch und groß, Lein Haupt im Sturm, sein Fuß im Nebel? von dorten stieg herab ein stolzer Knab, Trägt schief das Fez und seinen Mantel umgeschlagen, Und Tharos lauerte auf hoher lvarte Und traf ihn in der Schlucht der engen. Guten Tag, mein Tharos. — Guten Tag, o Knabe, wo kommst du her, sag an, wo gehst du hin? Ich? von den Schafen komme und in mein Haus nun geh ich, Ich geh', mir Brot zu holen und zurückzukehren, ffl Knabe, Gott hat mich gesandt, die Seele dir zu nehmen. Doch ohne Krankheit, ohne Grund will ich die Seel' nicht geben. wohlan, auf jener Tenne dort sei uns der Kampf ums Leben! Bin ich der Sieger, Tharon mein, dann nehm' ich deine Seele, Doch siegest du, o Tharon mein, so sei dein meine Seele. - Sie faßten sich und rangen nun zwei Nächte und drei Tage; Um dritten Tag, er war kurz vor dem Tssen, Da tat der Knabe einen Schlag, dem Tharon schien'? vermessen, Da faßt' er an den haaren ihn und schleudert' ihn zur Trden, Da seufzte tief, da seufzte schwer der Jüngling auf und flehte: ® laß mich, Tharon, laß mich doch drei Tage noch, drei Nächte, Daß ich die zwei noch ess' und trink', am dritten noch lustwandle, Daß ich die Freunde schauen mag, die Lieben all, die Meinen,' Ich Hab' ein Weib, ist gar zu jung, sie dürft' nicht Witwe werden. Zwei Kleine Hab' ich noch daheim, verwaist dann auf der Erden, Noch ungeschoren sind die Schaf' und noch der Käs' im Kübel. Es half ihm nichts, am Übend führt' zur Tiefe ihn der Tharos. (Fortsetzung folgt.) Räuberleben in Mechessen vor 100 Jahren. (Schluß.) Eine sehr dunkle Erscheinung unter diesen dunklen Ehrenmännern ist ein Näuber, dessen Persönlichkeit man nie mit Sicherheit festgestellt hat. Er nannte sich Ubraham Moses, auch Raphael Gottschalk aus Hungen. Buch bediente er sich de; Namens Gottschlich, während ihn seine Spießgesellen das „getaufte Jüdchen" nannten. Angeblich war er ein Findelkind, das im Frankfurter Waisenhause erzogen worden war. Später nahmen ihn herumziehende Puppenspieler zu sich. In Marburg wurde er wegen Diebstahls zur Ausstellung an den Schandpfahl, zu Stockprügeln und zur Landesverweisung verurteilt. ®b diese Rrt der Bestrafung dazu angetan war, sein Ehrgefühl zu wecken und bessernd auf ihn einzuwirken, mag dahingestellt sein. Er war darauf Knecht in Westfalen bei einem Rbraham Moses, dessen Namen er sich beilegte, ohne die erforderliche, obrigkeitliche Erlaubnis dazu zu haben. Dieser Näuber hatte ein anderthalbjähriges Kind, das er auf seinen Kreuz- und Ouerzllgen mit sich führte. Rls das Kind ihm lästig wurde, ermordete er es im Walde bei Rein- hardrhain. Leute aus der dortigen Gegend fanden es erdrosselt unter einem Haufen welker Blätter. Ein rechter Bösewicht war auch der „Schrammbacken", auch der „große Ludwig" genannt, dessen eigentlichen Namen wir hier aus den gleichen Gründen, wie das bei dem har- bacher Hannes geschah, verschweigen wollen. Er begann in seiner Jugend als Landstreicher, wurde oft in' Gewahrsam gebracht und dann an auswärtiges Militär „abgegeben". Nuf diese Nrt scheint man sich um das Jahr 1800 renitenter, gewalttätiger Burschen entledigt zu haben. Uber dem Schrammbacken gefiel das Militärleben nicht, er ging der Reihe nach den Holländern, Preußen und Gesterreichern durch und verlegte sich auf das Stehlen. Den hauptschlag führte er in der Nacht vom 12. auf den 13. September 1803 aus. Mit einer Bande, die 15—20 Mann stark war, drang er bei dem Schultheißen Dillmuth zu hainchen ein. Nach damaliger Näubermanier stieß man die Haustür mit einem starken Pfahl oft benützte man hierzu auch einen ausgerissenen Wegweiser ein, die Gauner drangen ein und raubten 1500 Gulden. Ein Nachbar des Schultheißen, Valentin Schäfer mit Namen, wurde durch das Einstoßen der Tür geweckt und eilte zur Hilfe herbei, aber ein Näuber, der an der Tür wache stand, verletzte ihn schwer durch einen Schuß, 15 Schrotkörner drangen dem bedauernswerten Mann in den Körper. Schon vorher hatte der Schrammbacken sich eines schweren Verbrechens schuldig gemacht. Nm himmelfahrtstage 1803 waren die Handelsleute David Benjamin von Bellersheim und Samuel Schmul von Obbornhofen bei Melbach unweit des Galgens auf offener Straße beraubt worden. Einer der beiden Beraubten wurde dabei lebensgefährlich verletzt. Diese Tat hatte der Schrammbacken gemeinsam mit dem „kleinen Ludwig" verübt. Der „kleine Ludwig" wurde in der wetterau von einem Streifkommando ergriffen, wollte entfliehen und wurde dabei erschossen. Erst im Iahre 1811 gelang es, den gefährlichen Menschen zu ergreifen. Er wurde am 30. Dezember 1812 zu Gießen hingerichtet, von seiner Hinrichtung handelt eine kleine Schrift, die für sieben Kreuzer von dem Kriminalgerichtsdiener Geißmar und dem Buchbinder Baiser verkauft wurde, heute erfolgt eine Hinrichtung in wenigen Minuten/ vor hundert Iahren vollzog sich der traurige Nkt unter großen und weitschweifigen Formalitäten. Das Gericht versammelte sich, der Delinquent wurde oorgefllhrt, dann geschah ein Schlag mit dem Gerichtsstabe und ein Zeichen mit der Schelle, und der erste Kriminalrichter eröffnete die „feierliche Sitzung" im Namen des Großherzogs. Dem Näuber wurde sein ganzes Sündenregister vorgehalten, die Urteile erster und zweiter Instanz wurden verlesen. Zum Schlüsse richtete der erste Kriminalrichter an den armen Sünder folgende lange Nn- sprache, von der der Nngeredete in seiner Todesangst wohl wenig erfaßt hat: „Iohann Georg Ludwig G.! Ihr steht hier vor dem Großherzoglich hessischen Kriminalgericht. Kraft unseres Nmtes führen wir die Untersuchungen und lassen auf höheren Nuftrag die Urteile erstrecken. Seht diesen zerbrechlichen Stab ! Er ist das Bild des menschlichen Lebens. Ein Nugenblick genügt, um beide zu vernichten. Ihr habt das Leben anderer Menschen und ihr Eigentum nicht geachtet. Ihr habt Handlungen begangen, die das Gesetz mit dem Tode verpönt, 93 und darum wird Luch das Leben abgesprochen. Ihr wart in vieler Einsicht ein gefährlicher Mensch, und darum ist Luch keine Gnade geworden. So wie ich diesen Stab verbrechen werde, seyd Ihr unter der Hand des Nachrichters. Lr wird die verlesenen, höchsten Drtes bestätigten Urteile auf ver- ordneter Stelle an Luch vollziehen. Gehet reuevoll, sittsam und standhaft zum Tode! Wendet Luch zu Gott! Uuf dieser Welt habt Ihr nichts mehr zu hoffen. Zum Zeichen, daß dem so ist, daß Ihr in letzter Instanz verurtheilt seyd und daß Lucr Urtheil in Gemäßheit Allerhöchster Bestätigung unwiderruflich vollzogen wird, breche ich Luch hiermit den Stab. Der Uachrichter hat sein Amt zu verwalten." Gewiß war der ,,Schrammbacken" ein verabscheuungs- würdigcr Bösewicht, aber die Formalitäten bei seiner Einrichtung entsprechen nicht dem humanen Lharakter unserer modernen Strafgesetzgebung. h. Bt~j* ■ Lin pfälzischer Musikant. Lrzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) Als ich einen Tag später, wie gerade die Feierabend- glockc läutete, mit meinem Vater vom Felde nach Hause Kam, war die Lene wieder zurückgckehrt und saß bei meiner Mutter im Zimmer, vie Uede floß ihr von den Lippen, wie ein Mühlbach sich auf die Schaufeln ergießt, wenn die Schleuse aufgezogen ist. In aller Breite schilderte sie das Begräbnis des Konrad Hinkel. Die ganze Straße sei schwarz von Menschen gewesen, von weit und breit seien sie herbeigekommen, und der Pfarrer habe eine Uede gehalten, daß alles geweint habe. Nach dem Begräbnis habe sie mitgehen müssen zum Ims in das Trauerhau;, da habe es Uaffee und Uuchen gegeben, und alle Leute, die die Lene von früher her gekannt hätten, seien hcrbeigekommen, um ihr die Hand zu geben und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Der Frau des jungen Wilhelm Hinkel habe sie versprechen müssen, sie recht bald wieder zu besuchen. So floß der Uedestrom der Ultpeter-Lene. Ich hörte längst nicht mehr zu, sondern schaute hinaus auf die Straße, auf der Uinder spielten und der Gänsehirte gerade seine Herde vorübertricb. Mit einem Male aber wurde meine UufmerK- samkeit rege, als die Lene sagte: „Ja, und was ich noch sagen wollte, Hannes, der junge Herr Hinkel hat mir gesagt, ob ich ihm keinen jungen Burschen wüßte, der bei ihm Knecht werden wolle. Tinen großen Knecht hat er schon, er sucht jetzt einen Bub, der leichtere Nrbeiten besorgt und ihm, wenn er auf die Jagd geht, die Hasen nach Hause trägt." Vas letzte Wort fiel mir in die Seele, vie Jagd hatte von jeher mein Interesse erregt. Ich konnte nicht müde werden, von Fuchsjagden, vom vachsgraben und vom Schnepfenstrich zu hören. Gar zu gern wäre ich schon einmal mitgegangen, wenn die Nehböcke im Walde bei Nuppertsecken geschossen wurden, aber es fand sich keine Gelegenheit dazu: denn die Feld- und Waldjagd der Gemarkung meines Geburtsortes hatte ein reicher Herr aus Ludwigshafen gepachtet, und der nahm keine Buben mit, wenn er mit dem Gewehre hinausging. Jetzt auf einmal war mir ein begehrenswertes Ziel greifbar nahe gerückt, ich sprang von der Bank hinter dem Tische, auf der ich gesessen hatte, auf und sagte: „Vater, das wäre eine Stelle für mich." ver Vater gab mir keine Antwort, sondern sagte zur Lene: „Sind das auch ordentliche Leute?" „Vas sind Leute," gab Lene zur Antwort, „so gut gibt cs keine mehr in der ganzen Pfalz, vie halten ihr Gesinde, als ob es ihre Kinder seien, voriges Jahr hatten sie einen kleinen Knecht, der hatte den Notlauf im Finger, da ist der Wilhelm Hinkel selbst für ihn in die Apotheke gegangen, und seine Frau hat ihm jeden Tag Leinsamen gewärmt und den Finger verbunden. Was die Herrschaft selbst ißt, das kriegt auch das Gesinde, und niemand braucht sich dort krumm und lahm zu schaffen." „Wenn das so ist", meinte der Vater, „so hätte ich nichts dagegen, wenn der Peter sich zu dem Wilhelm Hinkel verdingt. Wenn er dort eine Zeitlang gewesen ist, kann er immer noch ein Handwerk lernen." vie Mutter seufzte: „Sollen wir denn schon wieder ein Kind aus dem Hause weggeben?" Ihre ängstlich sorgende Frage hörte ich kaum,' denn mir war der Kopf voll von der Jagd, bei der ich helfen ' sollte. Ich sah schon die Hasen über da; Feld dahinsausen, hörte, wie die Nebhühnerkette aufschwirrte, und marschierte im Geiste schon mit der schwer bepackten Jagdtasche über die Landstraße. Sonst dachte ich an nichts und sagte: „Vater, wir wollen gleich morgen nach Stein-Bockenheim gehen, damit mir keiner die Stelle wegschnappt." Meine Litern beratschlagten eine Weile, sie sprachen hin und her, endlich sagte die Mutter: „In Gottes Namen, Peter, ich habe nichts dagegen, wenn du dich verdingst, vu bist freilich noch ein bißchen jung, um schon zu fremden Leuten zu gehen. Aber großes vermögen können dein Vater und ich dir nicht mitgeben, du mußt lernen, dein Brot selbst zu verdienen." So war über meine nächste Zukunft Beschluß gefaßt, ver Vater konnte in den nächsten Tagen nicht abkommen, da er dem Nachbar Gerhäuser versprochen hatte, ihm einen Brunnen graben zu helfen, aber ich erklärte, ich könne allein gehen, um mir die Dienststelle auszumachen. Woher ich den Mut hierzu genommen habe, weiß ich nicht, genug, ich ging am nächsten Morgen, als kaum der Sommertag graute, ab und marschierte durch den Wald nach Kriegrfcld, von da nach Mörsfeld und dann über die Grenze nach Stein-Bockenheim. Auf der hochgelegenen Straße, die an einem großen Steinbruche vorüberführt, sah ich da; Dorf, dem ich zustrebte, zu meinen Füßen liegen und dahinter weithin das rheinhessische Hügelland sich ausdehnen. Deutlich hob sich das hofgut auf dem Wiesberge ab, dahinter ragten die Berge auf, die am Ufer des Nheins liegen. Heller Sonnenschein lag über der schönen Landschaft, üppig standen die Klee- und Getreideäcker zu beiden Seiten der Straße, grüne Aepfel hingen in dichter Fülle an den Bäumen. An einem Wirtshause, da; am Lingang des Dorfes liegt, fragte ich eine alte Frau nach der Wohnung des Wilhelm Hinkel und erhielt die Antwort: „Geradeaus, die Gasse an der Kirche hinunter, bis dorthin, wo die Bach ist, dort steht ein großes Haus mit grünen Läden, das ist es." Ich hatte das bezeichnete Haus bald gefunden. Gffen stand das große Hoftor, das nach pfälzischer Bauart die hofreite ganz von der Straße abschließt, so daß kein neugieriger Blick von außen hineindringen kann und das ganze Unwesen gewissermaßen den Lharakter einer Burg hat. Lin mit grünem Futter beladener Wagen stand mitten im Hofe, und daneben stand ein großer, kräftiger Mann mit braunem Vollbarte. Lr rauchte die kurze Pfeife und war von zwei Jagdhunden umgeben, die, als ich den Hof betrat, langsam auf mich zugingcn und mich umschnupperten. „Na, mein Lieber, was willst du?" rief der große Mann mir freundlich zu. 94 „Ich will mich als Knecht zu dem Herrn Wilhelm Hinkel verdingen", erwiderte ich etwas zaghaft. „Li, da kommst du ja gerade recht, wer hat dich denn hergeschickt?" „Ich bin von Ruppertsecken, dem Johannes Wiltinger sein Lohn, und die Rltpeter-Lene, die gestern hier mit zur Leiche war, hat mich hergeschickt." „5o, die Lene hat dich geschickt. Na, als Knecht werde ich dich noch nicht brauchen können,' denn du bist noch ein bißchen klein, und ich glaube, wenn meine zwei Braunen einmal mit dem Pfluge draußen im Felde durchgingen, du würdest sie mit dem Leitseile nicht halten können. Korngarben kannst du auch noch nicht gabeln. Rber als kleinen Knecht will ich dich gern nehmen. Da kannst du im Felde und im Stalle helfen, und was du nicht packst, das läßt du einfach sein." „Ich bin nicht so schwach, wie Ihr glaubt," sagte ich dem Manne, in dem ich inzwischen den Wilhelm Hinkel erkannt hatte, „ich habe in der Heuernte den ganzen Tag gemäht." „Das ist schön. Und dann brauche ich auch einen, der mit mir auf die Jagd geht, sobald die wieder auf ist, ich brauche einen, der mir die Hunde an der Leine führt und die Hasen und die Rehböcke nach Hause trägt." „Das macht mir gerade Lpaß," sagte ich freudig, „ich gehe sehr gern mit auf die Jagd." „Ua, dann komm vor allen Dingen einmal herein, du wirst Hunger und Durst haben, da du einen so weiten Weg gemacht hast." Ich merkte, daß ich in ein reiches Dauernhaus gekommen war. Der Hausflur war mit schönen Mettlacher Platten belegt, die Küche war hell und geräumig, in dem Herde, der ringsum von glänzenden Messingstangen umgeben war, flackerte das Feuer. Das Wohnzimmer, in das wir traten, war gleichfalls groß, zwei Fenster gingen hinaus auf die Straße, hinter dem Tische stand eine Lehnenbank, an den Wänden sah ich die Dilder von Kaiser Wilhelm, von dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm, von Dismarck, Roon und Moltke. Damals, im Rnfang der 70er Jahre, waren die Namen dieser großen Männer in aller Munde, und ihre Dilder waren auch in dem abgelegensten Dorfe zu finden. Sonst sah ich noch an den Wänden Jagdbilder und Nehgeweihe. Was mein Interesse besonders erregte, war der Gewehr- schrank, der in der Tcke stand. Dreit schob sich der große Gfen, an dessen Wänden Dilder aus der Bibel zu sehen waren, in dar Zimmer hinein, er war in die Wand eingebaut und wurde von der Küche her geheizt. Wir waren kaum eingetreten, da kam eine mittelgroße Frau mit schlicht gescheiteltem haare in das Zimmer, und Hinkel sagte zu ihr: „Das ist ein junger Bursche aus Ruppertsecken, der will sich zu uns verdingen. Geh' hin, Sann- chen, und hol' ihm etwas zu essen, er hat Hunger." Frau Hinkel sah mich freundlich an, dann ging sie weg, brachte rasch Brot, Lutter, Käse und alten Schwartemagen und forderte mich auf, zuzulangen. Vas ließ ich mir nicht zweimal sagen und hieb kräftig ein,' denn ich stand in dem Rltcr, in dem der Mensch einen gesunden Appetit entwickelt. Hinkel ging in den Keller und holte mir einen halben Schoppen Dirnenwein. Rl; ich gegessen hatte, fragte er mich nach meinen Eltern und Geschwistern und sagte dann, er wolle mich nehmen, wenn ich bis zum zweiten Weihnachtstage, dem Tage, an dem die Knechte in der Pfalz wandern, mit 60 Gulden und einem paar Schuhe zufrieden sei. Freudig sagte ich zu,' denn mein Vater hatte gemeint, ich werde nur 40 Gulden Lohn bekommen. „Na, dann ist es gut, Peter," meinte Herr Hinkel, „übermorgen kann mein großer Knecht, der Karl, deine Kiste holen, und du bleibst dann bei uns. Rber, ehe du wieder nach Ruppertsecken zurückgehst, ißt du mit uns zu Mittag, vorher kannst du einmal in den Hof hinaus gehen und dir ansehcn, was da geschafft wird." Im Hofe fand ich den „großen" Knecht, den Karl. Er war ein dicker, stämmiger Bursche mit etwas fallendem Gang und schief stehenden Füßen. Gerade war er in der Scheuer dabei, das Futter abzuladen. Lr hatte bereits erfahren, wer ich sei, und so forderte er mich kurzer Hand auf, ihm zu helfen, das Futter in den benachbarten Kuhstall zu tragen. Im Stalle war es peinlich sauber, zehn Kühe und zwei Kälber standen miteinander in zwei Reihen angekettet und zupften an dem Futter, das wir ihnen in das Reff warfen. „hier im Kuhstall kannst du helfen," sagte Karl, „aber, das sage ich dir gleich, von den zwei Gäulen bleibst du weg. Die putze ich und die füttere ichl, und ich allein fahre auch mit ihnen. Das habe ich mir gleich ausgehalten, als ich mich verdingt habe." Stumm hörte ich zu, wie der Karl seine Rechte geltend machte. Ich wußte schon, daß es allen vienstknechten eine große Ehre ist, das Fuhrwerk zu lenken und daß sie selten es ihrem Dienstherrn zukommen lassen wollen, die Zügel zu halten. Rber Karl würdigte mich doch der Lhre, mir „seine" Pferde zu zeigen. Vas dunkelbraune hieß Hektar, das sei ein Massik,*) ein Heimtücker, meinte Karl, vor dem man sich in acht nehmen müsse. Wenn er übler Laune sei, so schmeiße der Hektar aus, auch bleibe er gern mit dem schwer beladenen Wagen stehen, nicht, weil er nicht mehr ziehen könne, sondern nur, um den Fuhrmann zu ärgern. Wenn man dann in die Speichen der Rades greife, um den Wagen weiter zu schaffen, so könne der Hektar so recht schadenfroh wiehern. Rber der dunkelbraune Gaul, Keil genannt, sei gut, nur sei er ein Leckermaul, der Hafer lieber fresse als Häcksel, am allerliebsten aber Zucker aus der hohlen Hand seines Herrn. Was ich damals an dem Karl beobachtet habe, ist mir später noch oft an Menschen entgegengetreten, die viel mit Tieren umgehen. Sie betrachten sie als Ihresgleichen, schieben ihnen menschliches Seelenleben unter, nehmen an, daß sie von Liebe und haß, von Neid und Schadenfreude genau so getrieben werden, wie die Menschen. Der alte Posthalter Scholl zu Gerbach sprach, als er im Rlter etwas kindisch war, mit den Postpferden, als ob sie Menschen seien. War schönes Wetter, so sagte er, wenn sie angeschirrt vor der Post standen: „heute ist aber schönes Wetter, da kann mein Gäulchen schön springen." Fielen im Dezember, wenn die Straßen aufgewcicht waren, Regen und Schnee vom Himmel herunter, so streichelte er zärtlich die Tiere und sagte: „Ihr armen Gäulchen, ihr dauert mich im Herzen drin." Gb die innigen Beziehungen des Karl zu den Pferden daher rührten, daß er auch im Pferdestalle schlief, weiß ich nicht. Jedenfalls sah ich damals zum ersten Male sein Bett, das in Mannshöhe im Stalle auf vier Pfosten ruhte und in das er nur mit einer kleinen Leiter gelangen konnte. Die Dicnstknechte in der Pfalz waren damals nicht verwöhnt. *) Der Ausdruck stammt aus dem hebräischen und bedeutet so viel wie Narr. 95 Als wir wieder aus dem Pferdestalle heraustraten, sahen wir zwei Mägde geschäftig mit großen Bütten über den Hof laufen. Sic wollten die Schweine füttern. Karl sagte, indem er auf mich deutete: „Vas ist das neue Knechtchen." Die Mägde forderten mich auch gleich auf, ihnen zu helfen. Sch wurde mit in die Küche genommen, dort bekam ich eineBütte, die mit Milch und zerstoßenen Kartoffeln gefüllt war. Vas schüttete ich den Schweinen in den Trog, die Tiere steckten eng die Köpfe zusammen und nahmen, schlürfend und schnalzend, ihr Futter zu sich. (Fortsetzung folgt.) Meine Mitteilungen. ver Gottesdienst in der Johanneskirche wird in den letzten Jahren immer mehr durch das Tuten der vorüberfahrenden Automobile gestört. Ts ist wirklich äußerst lästig, wenn mitten in das Gebet hinein das laute, aufdringliche Signal erklingt, vie Automobilisten können ihre Rücksichts- losigkeit nicht damit entschuldigen, daß sie nicht wüßten, wann Gottesdienst ist. Jedes Kind weiß, daß an den Sonntagen von Vs10 Uhr die Gemeinde zum Gottesdienst versammelt ist, und abends zeigen dies ja die hell erleuchteten Fenster an. Vas Auto herrscht ja unbestritten auf der Landstraße, in den Straßen der Stadt aber könnte es sich etwas mehr Mäßigung auferlegen. Wenn die vorbeiratternden und übel riechenden Kraftwagen Sonntags in der Nähe der Kirchen ihre Gangart etwas verlangsamen, um nicht zu diesen häßlich tönenden Signalen genötigt zu sein, so wäre das weiter kein großes Unglück. Wir wünschen die Zeiten nicht mehr zurück, da in Gießen während des Gottesdienstes die Kirchensenioren auf den Straßen auf und ab gingen und jedweden Passanten aufschrieben, aber wir wünschen, daß man auf unseres Gottesdienst mehr Rücksicht nimmt. Worte zum Nachdenken. Man kann ruhig durch die Stürme des Lebens fahren, wenn man im Gefolge Jesu, im Bewußtsein seiner Gnade und im vertrauen auf seine Macht steht. Mein Auge braucht die Wege nicht zu sehen, Gott sieht sie ja! vrum darf ich immer ruhig vorwärts gehen, Tr ist mir nah! Wie die Sterne in der dunkelsten Nacht am schönsten leuchten, so leuchten die Gottesverheißungen in der Dunkelheit der Prüfungen am herrlichsten. Ls ist noch keine Nacht in der Trdenzeit gewesen, auf die nicht mit absoluter Gewißheit der Tag gefolgt wäre. So wird auch auf deine Nacht der Tag folgen, dafür bürgen die Verheißungssterne. R. Wenger. Wenn wir mit ganzem Trnste bitten: „Dein Wille geschehe auf Trden wie im Himmel", so wird uns Gott auch immer freudiger und tüchtiger machen, seinen willen zu erkennen und auszurichten, und an unsrem Grte, zu unserer Zeit am Bau seines Reiches helfen. G. Benz. Wen Gott einen köstlichen Weg führt, dem gibt er weder Fühlen noch Schauen, sondern großen Glauben. Fehlt euch etwas, wohlan, schüttet euer Herz vor ihm aus, saget es nur frei, berget nichts. Ts fei, was es wolle, er höret es gern, will euch gern helfen und raten. Scheuet euch nicht vor ihm und denket nicht, es sei zu groß oder zu viel. vr. M. Luther. Vas ist deine Aufgabe: Glaube, was unsichtbar,' hoffe, was zukünftig,' trage, was gegenwärtig. kirchliche Anzeigen. Samstag, den 28. März, in der Stadtkirche, nachmittags 2 Uhr: Beichte. Sonntag, den 29. März, Judika. Gottesdienst. Sn der Stadtkirche. Kollekte für die Armen, vormittags 91/2 Uhr: Konfirmation der Kinder aus der Matthäusgemeinde. Feier des heil. Abendmahls Pfarrer I). Schlosser. Nachmittags 2'/ 2 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. pfarrassistent hoffmann. Abends 6 Uhr: Pfarrer Schwabe. Mittwoch, den l. April, abends 6 Uhr: 6. Passionsandacht. Pfarrer Schwabe. Nächstkünftigen Sonntag, den 5. April, abends 8 V 1 Uhr, findet im Markussaal ein Vortrag des Herrn Dberbibliothe- kar vr. hepding über: Tine hellenistische Großstadt (zum Verständnis der Ueutestamentlichen Schriften), mit Lichtbildern statt. Dazu werden besonders die Mitglieder der Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Matthäusgemeinde und des Wartburgvereins eingeladen. Weitere Abendmahlsfeiern finden statt: Am Gründonnerstag, abends 6 Uhr, und am Tharfreilag im Hauptgottesdienst. Sn der Johanneskirche. vormittags 91/2 Uhr: Pfarrer Bechtolsheims r. Vormittags N Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Abends 6 Uhr: Pfarrer Ausfeld. Abends 1/28 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukas- und Johannesgemeinde. Uächstkünftigen Sonntag, als am Sonntag Palmarum, feiern wir den Landes-Buß- und Bettag. An diesem Tage jwird in beiden Kirchen die alljährliche Kollekte für bedürftige hessische Gemeinden, die an Orten mit überwiegender katholischer Bevölkerung bestehen, erhoben werden. An demselben Tage wird im Abendgottesdienst Beichte und heiliges Abendmahl für die Lukas- und Johannesgemeinde gemeinsam gehalten werden. Anmeldungen vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Weitere Abendmahlsfeiern werden gehalten am Gründonnerstag im Abendgottesdienst um 7 3 /k Uhr, am Tharfreitag im hauptgollesdienst. Am Gründonnerstag ist im Vormittagsgottesdienst Vorstellung und Prüfung der Konfirmanden aus der Johannes- gcmeinde. vie Konfirmation derselben ist am 2. Osterfeiertag im Hauptgottesdienst und in Verbindung damit Feier des heiligen Abendmahls, vie Beichte dazu wird am l. Dsterfeier- tag im Anschluß an den Abendgottesdienst gehalten werden. sowie Schuppen und Spalten der Haare wird beseitigt durch tägliches Waschen mit der echten j £ fce&hjtt n pferO -'JeerschrocM.-'fejÜfe. v Bergmann & Co., Radebeul Bestes Mittel z Stärkung u Kräftigung d. Haarwuchses äSt. 50 PI Überall z. haben# 96 [ Ankündigungen empfehlenswerter Firmen j Rttöolf Nicht, Gießen, Marktstraße 24- hüte und Mtzi Reichhaltige Auswahl. BilligeP :: Rabattmarken. Reparature er Carl Loos 26 Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 >|| Manufaktur- rci[c und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider 7/ / 2? / Schuhlager, /7 c/?. D/um, Neustadt 19 Besonders billiger kfefiuh - Verkauf 15° Io bis SO 0 Io Reparaturen billigst Virniijf iinii 'Mette : in allen Preislagen : bei schnellster Lieferung reichliche Auswahl Gärtnerei Wittninnn Marburger Sir. 98 - Fernspr. 303 8rdr. Teipe ) m 16 Markt 16 — / empfehle für die Schneider (Spitzenstofft :: vefa ^ Stickereien :: Spitze ( Einsätze :: Borde ? 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