Nr. 9. Gieren, Sonntag Reminiszere, 8. März 1914. 3. Jahrgang. Zwei Lebenswege. 2. Brief des flpoftels Paulus an die Korinther 6, 1 —10. lvir ermahnen aber euch als Mithelfer, datz ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfanget. Venn er spricht: Ich habe dich in der angenehmen Zeit erhöret und habe dir am Tage des Heils geholfen. Sehet, jetzt ift die angenehme Zeit, jetzt ift der Tag des Heils Und wir geben niemand irgend ein Aergernis, auf daß unser Amt nicht verlästert werde, sondern in allen vingen beweisen wir uns als die Diener Gottes, in großer Geduld, in Trübfalen, in Nöten, in Aengften, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhren, in Arbeit, in Wachen, in Lasten, in Keuschheit, in Erkenntnis, in Langmut, in LreundliGkeit, in dem heiligen Geht, in ungefärbter Liebe, '.. uem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Waffen der Gerechtigkeit zur liechten und zur Linken, durch Ehre und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte, als die Verführer und doch wahrhaftig, als die Unbekannten und doch bekannt, als die Sterbenden, und siehe wir leben, als die Gezüchtigten und doch nicht ertötet, als die Traurigen, aber allezeit fröhlich, als die Armen, aber die doch viele reich machen, als die nichts innehaben und doch alles haben. Meder sind wir in die Passionszeit eingetreten, jene besinnlichen Wochen, die uns das Verständnis für das große Karfreitag-Geheimnis erleichtern sollen. Wirkliche Lehnsucht danach wird freilich nur der schon von Lhristus erfaßte Mensch empfinden können. Gerade an solche Menschen wendet sich aber auch Paulus im vorliegenden Gert, wenn er seine Leser warnt, „nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangen zu haben" oder wenn er sie an die Erfüllung des alten Jesaiaswortes (49, 8) von der „angenehmen Zeit, dem Tage des Heils" erinnert, die natürlich nur die für Nichtchristen unverständliche Lpanne zwischen der Auferstehung Jesu und der Endwiederkunft des Herrn bedeuten kann. Lo gilt denn das Paulus-Wort auch in vollem Umfang noch uns heutigen Thristen, die wir uns alle als seine „Mitarbeiter" betrachten sollten. Und da stellt er uns in der Passionszeit vor die Frage, welchen der zwei Lebenswege wir einschlagen wollen, den des bloß irdischen Erfolges oder den des Ewigkeitsberufs. Wie letzterer durchschnittlich verläuft, das zeigt uns der Apostel in geradezu erschütternden Aufzählungen an seinem eigenen veispiel; und man kann getrost sagen, die Stationen dieses Lebensweges sind dar ausgesprochene Gegenteil von denen, die man bei der Ltufcnleiter irdischen Erfolges sich wünscht und ersehnt: Trübsal, Nöte und Acngste Leibes und der Seele in mannigfachster Abwechslung und Steigerung, mit dem Schluß, daß wir dastehen, „als die nichts haben". Noch wundersamer ist, was der Apostel trotz dieses äußeren Lebensbankerotts bei uns voraussetzt: große Geduld, Langmut und Freundlichkeit, ungefärbte Liebe, verkannt, verleumdet, geschmäht, ausgestrichen aus allen Listen irdischer Ehren, schier zu Tode gehetzt, und doch allezeit fröhlich, dastehend im Schmuck des Lebens und der Kraft Gottes, „als die doch alles inne haben." - Paulus wählte die vei- spiele, die er bringt, aus den Erfahrungen seiner Zeit. Mancher Schrecken jener Tage mag sich in unserem zwanzigsten Jahrhundert gemildert haben, wiewohl auch Hunderten von Vorkämpfern iu der Heide,lwelt noch heute wörtlich jene düs.eien Gefahren drohen. Aber das Line bleibt gewiß: Jede Zeit hat ihre schweren Fährnisse und Versuchungen, äußere und innere Kämpfe, in denen sich der Ehrist von heute genau so zu bewähren hat, wie Paulus und seine Mithelfer in jenen fernen Tagen der ersten Ehristenheit. Und dabei wird es bleiben, so lange Menschen über die Erde wandern. Venn unser ganzes Leben ist, in seiner Fülle erfaßt, weiter nichts als die große Entscheidung, die wir für uns zu wählen haben: Bloß irdischen Erfolg oder Ewigkeitsberuf, Materialismus oder Thristus, vegetieren oder leben. Sn dem großen Entweder-Oder, Staubgeborene oder Kinder Gottes sein zu wollen, begreift sich der Sinn des Lebens, spielt sich das gewaltige Menschheitsdrama ab. Und wohl denen, die sich auf dem Lebenswege emporgerungen haben zu der hohe derer im Sinne des Paulus, „als die nichts haben und doch alles haben!" Lhrifti ttreuz — unser kreuz. Tv. Luk. 18, II. 33. 34. Willst du das tiefe Wort verstehen, vann darfst du nicht im Glücke sein, Dein Aug' nicht lauter Nosen sehen Und nur des Lebens Sonnenschein,' vann mußt du auch die vornen kennen, Vas, was wir Trübsal, Leiden nennen, Und still in deiner Passion Zum Kreuz aufschau'n zu Gottes Sohn. — vem Heiland, der so viel gelitten Geduldig, ohne Klageschrei, Und standhaft für dich hat gelitten, vaß leichter deine Last dir sei, 66 Und du erkennst: Die schönsten Triebe hat unsres Heilands Menschenliebe, Die größte Kraft, den größten Keiz Die Passion, des Heilands Kreuz. Und ohne Kreuz kein Menschenleben, Denn keiner kommt daran vorbei, Da hilft kein Trotz, kein Widerstreben Und auch kein Stolz, wie groß er sei, Und wolltest du das Aug' zudrücken, Daß es das Kreuz nicht möcht' erblicken, Du mußt doch dran, früh oder spat, Wie Thristus es verheißen hat. Und in dem Kreuz, da lernst du beten, Denn ohne Keten geht es nicht, Mit deinem Heiland mußt du reden, Cr gibt in deiner Uacht dir Licht Und Hoffnung, die in Leidensbanden Dich nimmer werden läßt zu Schanden, Ein Sonnenstrahl vom Kreuze spricht: Du Menschenherz, verzage nicht! fl. h. Griechische Erinnerungen. Dritte Folge. Don Geh. Dberkonsistorialrat D. W. petersen in Darmstadt. (Fortsetzung.) Die Dsterfreude kommt in dem Dsterkanon des Johannes Damaszenus zum Ausdruck: ,,Tag der Auferstehung, laßt uns mit Freuden uns rühmen, ihr Völker, Passah des Herrn, Passah, denn aus dem Tode zum Leben, von der Erde zum Himmel hat Thristus, unser Gott, uns erhoben, die wir das Sieges- lied singen. Kommt her, laßt uns trinken neuen Trank, nicht aus unfruchtbarem Feld durch Wunder entlockt, sondern den Ouell der Unsterblichkeit, den Thristus aus dem Grabe den Dürstenden gegeben. Jetzt ist alles von Licht erfüllt, Himmel und Trde und Unterwelt. Die ganze Schöpfung feiert die Auferstehung Christi, darauf wir bauen. Gestern wurde ich mit dir begraben, Thriste, heute werde ich mit dir, dem Auferstandenen, auferweckt. Gestern wurde ich mit dir gekreuzigt, du selbst, o Heiland, verherrliche mich mit dir in deinem Keich." Ein beredter Dolmetscher der Osterfreude ist auch die Gsterrede, die dem Thrysostomos zugeschrieben wird und die am Gstertage zur Verlesung kommt: „Wer fromm ist und gottliebend, genieße dieser schönen und herrlichen Festfeier. Der dankbare Knecht gehe mit Freuden aus zur Freude seines Herrn. Wer fastend sich ab- gcarbeitet, empfange nun den Groschen. Wer von der ersten Stunde an arbeitete, empfange heute den gerechten Lohn. Wer nach der dritten kam, feiere mit Freuden. Wer nach der sechsten kam, zweifle nicht, denn an nichts wird es ihm fehlen. Wer zur neunten Stunde sich verspätete, komme und zage nicht. Wer erst zur elften kam, fürchte nicht wegen der Verspätung, denn der Herr, der ihn liebt, nimmt den letzten wie den ersten auf. . . . Gehet alle ein zu unseres Herrn Freude. Kciche und Arme freuet euch miteinander. Enthaltsame und Leichtlebige, ehret den Tag. Die ihr gefastet habt und die nicht, jubelt heute, das Mahl ist bereitet, genießet alle. Vas Mahl ist reich, keiner darf hungern. Alle genießt das Glaubensmahl. Alle genießet den Keichtum der Güte. Keiner betrauere seine Armut, erschienen ist das allgemeine Heid). Keiner jammere trostlos über seine Sünden, Vergebung ging auf aus dem Grabe. Keiner fürchte den Tod, befreit hat uns der Tod des Heilandes, von ihm umfangen hat er ihn ausgelöscht. Der in den Hades Hinabstieg, hat den Hades gefangen geführt. Der Hades erfaßte den Leib und umfing Gott. Cr umfing die Erde und begegnete dem Himmel. Tod wo ist dein Stachel? Unterwelt wo ist dein Sieg? Christ ist erstanden und du bist zu Loden geworfen. Christ ist erstanden, gefallen sind die Dämonen. Christ ist erstanden, es freuen sich die Cngel. Christ ist erstanden, ewiges Leben wird gelebt. Christ ist erstanden, und kein Toter bleibt mehr im Grabe. Venn Christ ist erstanden von den Toten, ein Erstling derer, die schlafen. Shm sei Chre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!" Mit welchen Empfindungen hat einst das griechische Volk unter dem türkischen Joch diese Klänge gehör!! Wohl hat der Uiann recht, der sie, in die Lage seines Volkes in seinem nationalen Elend sich hineinversetzend, so geschildert hat: Das Schwert hing über dem geknechteten Volk. Seine Geschichte wurde in den Katakomben gelesen. Seine Sprache, die das „Christ erstanden" verkündet hatte, wurde von der Gewalt unterdrückt. Sein zweiköpfiger Adler wurde unter die Füße des Unterdrückers mit dem Halbmond getan, und seine größte Kirche (die h. Sophia) verkündete den Sturz des großen Geschlechtes. Man hörte eine Stimme: „G Herr rette doch, hilf doch! O Mutter, orthodoxe Kirche, rettende Mutter, du hast tausendfältig deine Schuld bezahlt. Du liebst die Sprache und gabst wieder das Dasein — du liebst den Geist und gabst zurück das Leben. Orthodoxe Kirche, wärme- strahlender, himmlischer Herd des unglücklichen Volks, du fürstliches Lebcnszentrum, du Stelloertreterin der Gottheit. G Osterfest jener Zeiten! Osterfest unserer Väter, Ouelle unaussprechlichen Entzückens, geheimnisvoller Gewalt, Süßigkeit, Trost und Hoffnung des unseligen Sklaven, o ve- schwingung der ersehnten Auferstehung unseres Volker, heiliges Osterfest, Christ ist erstanden! Deine Stimme wurde gehört, der ersehnte Tag ging auf, die Sehnsucht wurde erfüllt. Christ ist erstanden! Die Fahne erhebt den Triumph des Sieges, und die Fackel leuchtet in den Händen des vran- ders. Der Kampf des Aufstandes entbrennt und die Freiheit singt: Thristus erstanden!" Sch bemerke, daß der griechische Aufstand, die nationale Auferstehung des griechischen Volkes, am 25. März begann, also kurz vor Ostern. Am dritten Feiertag, dem Gsterdienstag, zieht man gern nach Tleusis und Megara, um den Tänzen zuzuschauen. Festreigen gehören zum Feste. So war es im Altertum und aus den Thören am Dionpsusfeste ist das Drama erwachsen. So ist es noch heute. Ein Tanzlokal für öffentliche Tanzbelustigungen des Volkes gibt es in ganz Griechenland nicht. Aber seine Tänze hat das Volk, und führt sie aus an den großen Festen der Kirche. Sm Altertum waren es Keigentänze an den Festen der Götter, im christlichen Griechenland sind e; Keigentänze an den Festen der Kirche. Vas mag wohl mit dazu beigetragen haben, den öffentlichen Tänzen ein ernstes Gepräge zu geben. Kauschende Tänze kennt das Volk nicht. Durch wilden Tanz in Unordnung gebrachte haare und Kleidung sieht man bei solchen Gelegenheiten nicht. Die Tänze werden in der Festtracht ausgefllhrt, in der Tracht, die nur an den kirchlichen Festen angelegt wird. Sn Cleusis, welches von Leuten albanesischcr Abstammung bewohnt wird, ist cs die 67 albancsische Tracht. Die Frauen tragen einen schlichte» KIeiö= rock, weiß mit zwei Reihen hineingestickter Dorten in bunten Farben, darüber ein jackenartiger Thiton, der bis zur Hälfte des Rleiderrocks hinabreicht, vorn und am unteren Rand mit einer breiten farbigen Rorte und überaus reich gestickten Rer- meln; darunter ist eine weiße Bluse. Der Ropf ist bedeckt mit einer Rappe aus Gold- oder Zilbermünzen, je nach vermögen: über die Rrust hängen ebensolche Münzen- und perlenschnüre herab vom kjals bis zur Taille. Die Rlbanesin wie die Griechin tragen ihren Rarschatz als Schmuck an sich, was ja entschieden die Rrautschau erleichtert, lieber die Rappe legt sich der Schleier, der von der Stirn an über den Hinterkopf geht und um den hals leicht geworfen ist. Line reich gestickte Schürze vollendet die Tracht. Rn den Füßen tragen die Frauen mit Gold gestickte Samtpantoffeln mit weißer Lederfütterung. Zur Tracht der Rthenerin aus dem Volke gehört ein weiter, bauschiger Seidenrock in Hellen Farben, ein goldgesticktes Sammetjäckchen mit den offenen griechischen Rermeln. Das Haupt ist geschmückt mit einem roten Fez, von dem eine goldene Guaste an farbiger Schnur herabhängt, die um so länger ist, je reicher die Besitzerin ist. Megara hat eine alteingesessene griechische Bevölkerung. Dort tragen die Frauen einen Rock ähnlich wie die Tleusinerinnen, doch mit mehr Falten, eine seidene Jacke, MUnzenkappe, Schleier und Pantoffeln. Die Schürze ist weiß mit breiter roter Borte. Tr fiel allgemein auf, daß die Frauen sie vorne trugen, die Mädchen zur Seite, gleichsam als sollten auch für das Rüge, die verheirateten, die heiratsfähigen Mädchen und die Rinder unterschieden werden. Das haar hing bei den Mädchen in langen Zöpfen herab, Wie lange sich die Einfalt der Tänze und der Tanzenden erhalten wird, ist etwas zweifelhaft bei der Rähe Rthens und nachdem die Eisenbahn nach dem Peloponnes da vorüber führt und am dritten Dstertag eine Menge Städter und Fremde in Ertra- zügen dorthin trägt. Sch habe diese Tänze noch erlebt und genossen, als es Keine Eisenbahn gab. Die Eisenbahn führt in einer Stunde nach Eleusis, in zwei Stunden nach Megara. Früher brach man um 5 Uhr morgens mit dem Wagen auf und erreichte Megara um 10 Uhr. Durch die Fahrt Kam man schon in Feiertagsstinrmung. Der Weg führt durch den Gelwald auf der alten heiligen Straße, auf der einst die Rthener zu den Eleusinischen Mysterien wallfahrteten, durch den Paß des Regeleosgebirgs hinunter nach der Bucht von Eleusis mit ihrem stillen, im Morgenlicht geheimnisvoll leuchtenden Wasser, das durch Kleine Inseln gegen die Straße von Salamis, wo einst die Perserflotte zu schänden wurde, abgeschlossen ist und im Westen von der Insel Salamis, im Gsten von der allen thracitischen Ebene, wo Demeter die Menschen den Getreidebau lehrte, im Norden von dem stolzen, in zwei hörnern, den Störata, auslaufenden Randiligebirge, umsäumt wird. Die Straße läuft am Ufer der Bucht entlang, von rechts grüßt der Parnaß, vorüber an dem Brunnen, von dem die Eleusi- nerinnen ihr Wasser in Henkelkrügen auf dem Ropf oder der Rchsel nach Hause tragen, an Eleusis vorüber, und nun immer an dem Meer entlang, rechts die Berge, nach Megara. Me- gara selbst mit seinen niedrigen Däusern mit den Terrassen statt der Dächer gruppiert sich um von Rirchen gekrönte Hügel, malerisch anzuschauen aus der Ferne, drinnen mit un- gepflasterten, oft recht schmutzigen Gassen. Der Tanzplatz ist außerhalb des Grtes auf einem sich zum Meer hinab abdachenden Hügel. Man muß im Glanz der Gstersonne die herrliche Landschaft sehen: das Herz geht einem dabei auf. Im Norden hebt sich die hohe Wand des Rithörongebirges, hinter welchem das rinderreiche öcotien sich birgt. Im Gsten schließ! das hart an das Meer herantretende Randiligebirge das Bild ab. Im westen ragen die Geranien, die Rranichberge, aus, die den Isthmus von Rorinth gegen Nordgriechenland abschließen, ein stolzes Gebirge von etwa 5000 Fuß höhe. In nächster Umgebung eine Rrt von Tälern durchfurchtes Plateau. Dort im Westen, am Meer entlang, zog ein Theseus und hatte seine Rbenteuer auf der engen Straße, von der ein Unhold den Menschen direkt ins Meer hinabstoßen konnte. Wir stehen auf dem Hügel und blicken nach Süden. Da blaut es unabsehbar, das herrliche Meer des weiten Laronischen Busens. Links liegen die attischen Berge, rechts die peloponesischen der Landschaft Rrgolis, im Meere schwimmen, einer Bretzel ähnlich, Salamis, heute Rubai, der Rringel genannt, Regina gipfelnd in dem einst dem Zeus geweihten Berge. Man sieht die Meerstraße zwischen Regina und der wie eine trotzige Felsburg am Meer anzuschauende, vulkanische Halbinsel Methana, und darüber hinaus den ins Meer hineinragenden Landzipfel der gebirgigen Rrgolis und das Meer bis an den fernen Horizont. In nächster Nähe Uisäa, die alte Hafenstadt Megaras in den Zeiten, da es noch mit Rthen über den Besitz von Salamis in Fehde lag. Das ist geschichtlicher Boden und eine großartige Uatur. Die Menschen vergißt man zuerst über diesen Rnblick. Man muß sich aber trennen von dem Rnblick, um die Tanzenden zu schauen. Die Männer tanzen für sich, so auch die Frauen. Die Männer in kleinen Retten von etwa zehn. Der Vortänzer, der immer, wenn er müde ist, einem anderen die Stelle einräumt, ist mit dem nächsten Manne der Rette durch ein Taschentuch wie durch ein leichtbewegliches Glied verbunden. Der Reigen singt, der Tänzer macht die anmutigsten und künstlichsten Bewegungen, aber mit geringer Vorwärtsbewegung. Die Leschuhung mit den Schnabelschuhen ohne hacken ermöglicht leichte und schnelle Bewegung: der schlanke Rörper wiegt sich graziös auf den Hüften. Die Frauen sind in langen Reihen verbunden, die Hände kreuzweis verschlungen. Je zwei Reihen, man möchte sagen Ehöre, tanzen gegeneinander. Der eine Thor schreitet auf den andern, langsam vor ihm zurückweichenden, Thor zu unter Rbsingung einer Strophe, die für unser Ghr recht eintönig klingt, und weicht dann zurück, während der andere Thor sich mit einer Rntwortstrophe auf ihn zubewegt. Die Pantöffelchen der etwa fünfzig Mädchen schlagen im Rhythmus klatschend auf die Erde. Man sieht es, die Tänzerinnen gehen ganz im Tanze auf, aber kein Lachen hört man, ein merkwürdiger Ernst liegt auf all den jugendlichen, von den Schleiern umrahmten Gesichtern. Rlle Bewegungen sind maßvoll. Beim Rnschauen dieser Bilder unter dem blauen Himmel ist mir immer der Gedanke gekommen, ob nicht diese Reigentänze in ihrer würdevollen Einfalt Zusammenhängen mit den rhythmischen Bewegungen der Ehöre in der antiken Tragödie, von denen wir so gern wissen möchten, wie sie beschaffen gewesen sind. Und beneiden muß man dieses Naturvolk um seine Festtänze, denen alle Roheit und Russchrcitung fern liegt, und die in den Rahmen eines kirchlichen Feiertage Hineinpassen. (Fortsetzung folgt.) -\ von kirchlichen Ordnungen der Ztadt Sichen im 18 . Jahrhundert. Davon berichten uns eine Reihe von Verordnungen des Landgrafen, des fürstlichen Ronsistoriurns zu Gießen und des fürstlichen Gberarnts daselbst. Ueber Begräbnisse und Hochzeiten handelt die früheste, eine landgräfliche Verordnung von 1733. Sie weist darauf hin, daß nach einer Verordnung von 1723 mit Rusnahrne 68 von Notfällen die Sonntagsbeerdigungen verboten worden feien. Nun hätten sich auch bezüglich der Sonntagshochzeiten allerhand Mißstände ergeben, viele, die mit der Zubereitung der Mahlzeiten zu tun hätten, würden dadurch vom Besuch des öffentlichen Gottesdienstes abgehalten. Kndere aber würden durch die strspitus musioos (= hochzeits- mu(ift) geärgert. Darum verbietet die erwähnte Verordnung alle Hochzeiten an Sonn- und Feiertagen: sie befiehlt dem Dießener Konsistorium, die; auf allen Kanzeln bekannt machen zu lassen. Ivir können aus dem Erwähnten sehen, in wie hoher Schätzung damals der öffentliche Gottesdienst stand und wie streng damals auf Sonntagsruhe im wahrsten Sinne des Wortes gehalten wurde, heutzutage ließen sich diese Bestimmungen nicht mehr durchführen. Das ging nur in einer Zeit, wo die Eheschließung ganz von den kirchlichen Instanzen abhing und wo hinter diesen die volle Gewalt de; Staates stand. Einige weitere Verordnungen befassen sich mit der Ordnung der Kbendmahlsfeier. So z. B. eine aus dem Jahre 1767. Schon damals bestand die schöne Sitte, daß die Kommunikanten sich vorher bei ihrem Pfarrer damals sagte man „Beichtvater" — anmelden mußten. Nun geschah es nach der erwähnten Verordnung öfters, daß Leute, „so einen ruchlosen und offenbahren ärgerlichen Wandel führen, auch wohl gar wegen wissentlicher Sündenfälle in die Kirchenbuße verfallen waren, ehe und bevor sie solche abgeleget", sich ohne Knmeldung unter die Kommunikanten mischten. Dem gegenüber wurde eingeschärft, daß nur diejenigen, die sich ordnungsgemäß 8 Tage vorher angemeldet hätten, zuzulassen seien. Wir sehen daraus, wie in dieser Zeit die alte Sitte der vorhcranmeldung, auf die vor Zeiten strenge gehalten worden war, im Erweichen begriffen ist. Kuf der anderen Seite können wir aber sehen, wie allgemein die Kbendmahlssitte damals auch noch in städtischen Verhältnissen war, wenn selbst solche, die einen notorisch ärgerlichen Wandel führten, noch zum Kbcndmahl gehen wollten, heute bleiben solche von selber weg. Die in der Verordnung von 1767 gerügten Mißstände müssen von da an dauernde geblieben sein. Im Jahre 1806 nämlich wird die alte Verordnung aufs neue eingeschärft. In dieser Zeit scheint er — wir sehen, wie die Erweichung der Sitte der Vorheranmeldung fortschreitet vorgckommen zu sein, daß überhaupt sich niemand vorher zum Kbendmahl meldete. In diesem Falle sollte auch nicht zur Beichte geläutet werden. Kuf diese Weise wollte man den früheren Usus wieder durchsetzen. Ob es gefruchtet hat, läßt sich nicht feststellen. Jedenfalls wird die Sitte der Vorheranmeldung in der Gegenwart im allgemeinen wenigstens befolgt. Was das gottesdienstliche Leben anlangt, so gab es damals, wie seit der Ueformation ganz allgemein in Deutschland, neben den Sonntagsgottcsdicnsten noch sogenannte Wochcnpredigten. Wegen Mangel an Beteiligung schlief diese Einrichtung Ende des 18. Jahrhunderts, jedenfalls zu Beginn des 19. Jahrhunderts, allmählich ein, so wohl auch hier. Selbst aus dem sonst sehr kirchlichen Württemberg wird berichtet, daß zuletzt nur Kinder dazu erschienen. Man wird ihr allmähliches Kufhören wohl vor allem darauf zurllck- führcn dürfen, daß infolge der gesteigerten Knsprüche des Nrbcitslcbcns die Leute die nötige Zeit nicht mehr hatten wie in den gemütlichen Zeiten des 16. und 17. Jahrhunderts, heute sind an Stelle der sogenannten wochengottcsdienste die Bibelstünden getreten, die zu der günstigen Kbendzeit — die wochenprcdigtcn waren in der Kegel in der Frühe — gehalten mit demselben Zweck (der Schriftvertiefung) jedenfalls mehr erreichen als die alte Einrichtung. Im Zusammenhang mit den Wochengottesdicnslen stand noch im 18. Jahrhundert die Feier des monatlichen ebenfalls an einem Wochentag stattfindenden Bettags, heute feiern wir in Hessen, wie bekannt, nur noch einen Buß- und Bettag, nur noch in Württemberg ist die alte Sitte geblieben, die ursprünglich in mehreren Landeskirchen herrschte. Kuf- gekommen war sie in der Zeit der Türkengefahr, zu ihrer Verbreitung dienten dann die Nöte des schmalkaldischen Krieges. Buch diese Sitte ging Ende des 18. Jahrhunderts in Gießen stark zurück. Line Verordnung des fürstlichen Gber- amts daselbst von 1799 berichtet davon: Schon ehe die Kirche begann, begann der Ladenbetrieb, auch ruhte er nicht während des Gottesdienstes, die Fuhrleute verübten Störung durch herumfahren in den Straßen. Die Verordnung will die Mißstände abstellen, indem sie den Zunft- und Fuhr- mcistern befiehlt, ihre Untergebenen darauf aufmerksam zu machen, daß der Bettag bis zu geendigtem Gottesdienst nach Maßgabe des Sonntags zu feiern sei, daß also während der Kirche das Handeltreiben, das in der Stadt herumfahrsn sowie jede sonstige Hantierung verboten sei. vielmehr solle jeder „tunlichst" den Gottesdienst besuchen. Wer zuwiderhandle, der habe die in der fürstlichen Kirchenordnung festgesetzten Strafen zu gewärtigen. Zwar ist diese Verordnung von (sämtlichen) 23 Zunftmeistern unterschrieben worden, ob sie aber den alten Brauch neu beleben konnte, erscheint fraglich. Buch er wird wohl im Laufe des 19. Jahrhunderts allmählich aufgehört haben. h. h. Erinnerungen eines alten Mannes. von Dr. Kappesser. 16. Dorftragödien.*) M ) Telephon 395 V-zMIxL. fl KJ l\ 1 M Marktstraße 28 Kleiderstoffe Blufen • Stoffe flusftouer=Hrtikel Reffe außergewöhnlich billig Efagengelchflff. 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