Nr. 8. Gießen, Sonntag Invokavit, I.März 1914. 3. Jahrgang. persönliche Beeinflussung. Brief des Paulus an die Philipper 2, 2. (Erfüllet meine Freude, daß ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einhellig seid. Wer in der Geschichte des christlichen Glaubens Bescheid weiß, dem ist es auch wohlbekannt, daß in alter Zeit, in den ersten Jahrzehnten, in denen es Christen gab, der Wandel der Thristen viel reiner, liebevoller, ehrlicher, mit einem Wort viel christlicher war. Wir kennen wobl alle noch von unserer Schulzeit her das Wort jener Sklavin, welche selbst unter schweren Folterqualen nur zu sagen wußte: „Ich bin eine Christin, und unter Christen wird nichts Böses getan!" Das ist allerdings ein Urteil aus Christenmund selber, allein, was den römischen Staat schließlich gezwungen hat, die Waffen vor dem Christentum zu strecken, das war die Achtung vor dem Wandel von Leuten, die sich verzehrten in uneigennütziger, aufopfernder Liebe und rein waren von den Lastern der damaligen peidenwelt. Daß der Wandel der heutigen Christen weit, weit zurücksteht hinter dem der damaligen Bekenner des Christenglaubens, bedarf kaum eines Beweises. Das fühlen wir an uns selber und sehen es alle Tage, daß Leute, die sich Christen nennen, die sich wohl noch ein besonderes Ansehen zu geben wissen, fähig sind zu schlimmen Dingen, erfüllt sind von grobem Eigennutz und daß sie Unwahrhaftigkeit und Sinncnlust nicht scheuen. Was das Christentum heutzutage so in Mißkredit gebracht hat, das ist gar nicht die Unfeindung und Anfechtung seiner Feinde, sondern der Sündendienst, die Scheinheiligkeit so vieler „Christen". Ganz gewiß hat mancher von uns schon darüber nachgedacht, woher das kommt, warum das christliche Leben damals so rein, so achtunggebietend war und heute so ganz anders. Das hat mancherlei Gründe, hier soll, so weit es der Baum erlaubt, nur auf eine Ursache näher eingegangen werden. In alter Zeit war mehr persönliche Einwirkung der Christen aufeinander, mehr persönlicher Einfluß der Führer auf die Gemeindeglieder. Dieser persönliche Einfluß tritt uns auch in unserem kurzen Texteswort entgegen. „Erfüllet meine Freude", schreibt Paulus aus dem Gefängnis in Uom an seine Gemeindeglieder in Philipp!, von denen er gewiß die allermeisten persönlich gekannt hat. Ihm zu Liebe, um ihm in der Trübsal eine Freude zu machen, sollen die Gemeindeglieder in Philipp! der Liebe und der Verträglichkeit gegeneinander sich befleißigen. Cs läßt sich leicht denken, wie dieser Gedanke an die Bitte, an die drangvolle Lage des Apostels Paulus den Christen in Philipp! ein mächtiger Sporn war, seine Wünsche zu erfüllen, seinen Mahnungen nachzukommen. Gar manche gefahrvolle Situation in seinen Christengemeinden hat Paulus durch den Einfluß seiner Persönlichkeit wieder in das Geleise gebracht, entweder durch einen Brief, welchen er sandte, oder indem er selber kam. Das gilt z. B. ganz besonders von der Christengemeinde in Korinth. Dieser persönliche Einfluß hat heute unter uns Christen sehr nachgelassen. Man wird freilich Gründe dafür anführen können. Zur Zeit des Apostels Paulus war das Häuflein der Christen noch klein, daher waren die Beziehungen der Christen untereinander enger, herzlicher, inniger als heute. Und ferner wird man sagen können, daß Persönlichkeiten wie Paulus, der auf seine Mitchristen ganz besonders nachhaltig einwirken kann, heute selten sind. Uber trotzalledem könnte das persönliche Band auch in unseren Christengemeinden viel enger, nachhaltiger sein, wenn wir nur ernstlich wollten. Pate sein, ein Kind aus der Taufe heben, das war früher viel mehr als heute eine persönliche Sache. Man lese so manche Schrift von Glaubrecht, wie z. B. „Der Zigeuner", wie da zwischen dem Paten und seinem Patenkind wirklich ein Band der Freundschaft, der Treue und des Zutrauens herrschte, wie der Jüngere beim Ael- teren sich Bat holte, wie einer mit dem anderen litt und mit ihm fühlte! Dieses schöne Verhältnis hörte damals nicht mit der Konfirmation des Patenkindes auf, sondern es löste sich oft erst mit dem Tode, es dauerte lebenslang, Heute ist von diesem schönen Verhältnis oft nicht viel mehr geblieben als der Name, und oft noch nicht einmal der. In der Stadt hört man kaum noch ein Kind von seinem Paten reden, den Erwachsenen kommt das Wort nicht mehr über die Lippen. Cs ist eine rein äußerliche Sache, wenn heute in der Stadt jemand ein Kind hebt; am Weihnachtsfest wird irgend ein Geschenk gegeben, ein Löffel und dergleichen, womit dar Kind im Augenblick noch gar nichts anzufangen weiß. 58 Aber es ist kein persönliches Land, welches Pate und Patenkind miteinander verbindet, keine Fürbitte des Paten für das Kinb, kein Gefühl der Mitverantwortlichkeit. persönliche Beziehungen bestanden früher auch zwischen den Kirchenoorstehern und den ihnen anbefohlenen Kirchengemeinden. Wer die Geschichte der Deformation in Hessen kennt, der weiß, wie persönlich diese alten „Senioren" ihr Amt aufgefaßt und geführt haben. Lei Familienzwistigkeiten in einem Hause, wenn Tod und Krankheit irgendwo einkehrten, bei Not und Armut, haben diese Senioren persönlich mitgeholfen, mitgetragen und manches wieder in das rechte Geleise gebracht. Man lese die alten Kirchenkonvents- protokolle, wie diesen Männern das Wohl und Wehe der Gemeinde wirklich persönlich am Herzen lag. Schließlich wäre noch darauf hinzuweisen, wie auch ein rechter Pfarrer sich die persönlichen Beziehungen zu seinen Gemeindegliedern mit aller Kraft soll angelegen sein lassen, sich persönlich soll verantwortlich fühlen für alles, was in seiner Gemeinde Unerfreuliches geschieht. Daß das persönliche Verhältnis der Thristen zueinander enger geknüpft wird, davon hängt zum guten Teil die Neugeburt und Neubelebung des christlichen Lebens in unseren Gemeinden ab. G. G. Hühre uns nicht in Versuchung. vor einigen Jahren hörte ich von einer den besseren' Ständen angehörigen Frau, daß sie die Ehrlichkeit eines neuen Dienstmädchens auf „sehr schlaue" Weise leicht und sicher bald nach dem Eintritt des Mädchens feststelle. Sic lege zu diesem Zweck an irgend einen versteckten Platz - etwa unter einen Teppich oder unter eine Vorlage ein Geldstück. Ast nun das Geld nach einiger Zeit, nachdem das Mädchen an der Stelle geputzt hat, verschwunden, ohne daß es der gnädigen Frau abgegeben wurde, so steht fest: das Mädchen ist unehrlich, und es wird bald entlassen. Ast es aber in seiner Arbeit tüchtig, und man kann im übrigen mit ihm zufrieden sein, dann wird die Probe wohl auch wiederholt, und die Entlassung erfolgt erst, wenn auch das zweite Geldstück wieder verschwunden ist. An diese „kluge" Frau wurde ich in diesen Tagen unwillkürlich erinnert, als ich, nachdem des Tages Last und Hitze getragen war, mich noch ein Stündchen zu den Füßen meines lieben Peter Nosegger setzte, indem ich einige Abschnitte aus seinem neuesten Werke „Heimgärtners Tagebuch"*) las und mir da von ihm ein Erlebnis in seiner schlichten, ergreifenden Weise folgendermaßen erzählen ließ: „Zu Ahnen hätte ich vertrauen", sagte er weichmütig, während es schien, als schäme er sich dessen. „Das Beichten- gehcn habe ich mir schon lange abgewöhnt. Gibt aber halt doch Lachen, die man mit der Zeit nicht ertragen kann. Etwan weil sie schwerer werden oder weil unsereiner schwächer wird. Aber ein schönes Zimmer haben 5'." So unterbrach er sich, als ob ihn der augenblickliche Eindruck des Zimmers die schweren Anliegen schon vergessen ließe. Ein mir wohlbekannter Grobschmied aus dem Murtale wars, der wegen einer geschäftlichen Angelegenheit auf ein paar Tage nach Graz gekommen war und bei dieser Gelegenheit mich besuchte. Tr hatte in der Stadt mancherlei Gänge gehabt und dabei war der Grobschmied, der seine Kraft mehr in den Armen als in den Leinen hatte, etwas müde geworden *) „heimgärtners Tagebuch", Verlag von L. Slaackmann, Leipzig, Preis geb. 5 Mb., sei den Lesern des „Sonnlagsgrußes" zur Lektüre warm empfohlen. und hatte sich gedacht, er besuche den „Herrn Dichter". Es sei ihm bei diesem herumgehen nämlich eine alte Geschichte eingefallen, die sich mit ihm früher einmal in Graz zugetragen, die ihm in schlaflosen Nächten zu schaffen mache und die er gern vom Gewissen haben möchte. — ®b ich mich nicht erinnern könne, wie ihm dazumal auf dem Grazer Lahnhof die Brieftasche gestohlen worden ist? Nein, davon wisse ich nichts. „Es ist geredet worden davon", sagte der Schmied. „Nur die Ursache weiß niemand als ich. Ast es Ahnen recht, wenn ich die dumme Geschicht' erzähle?" „Aber natürlich. Wollen Sie sich dazu nicht eine anstecken !" und schob ihm das Zigarrenkistchen vor. „Vergelts Gott, 's ist nicht der Brauch, daß der INensch beim Sündenbekennen Tabak raucht." „Nun, also legen Sic los." Der Alte neigte sich vor, stützte seine Ellenbogen auf den Tisch, legte die flachen Hände an die Stirn und begann heiser zu lachen. „Wir Gbersteiner tun immer einmal gern Leut foppen", sagte er dann. „Lin auch so einer gewest, aber seit neun Jahren foppe ich nimmer, Hab' mir's abgewöhnt. Na, gewest ist die Geschicht so. Lin dazumal nach Graz gefahren, eines Lisengeschäfts wegen war's. Hab' mich selber noch nicht so ausgekannt in der Stadt und hat mich der Do- natl herumgeführt, von einem meinigen Lruder der Sohn, der beim Militär ist gewest und für die paar Tage Urlaub bekommen hat. Tin gutmütiges Lürschel, ein wenig von der leichten Zeiten, und die Zeit ist einem bei ihm nicht lang worden. Sind auch ins Theater miteinand, ins Wirtshaus und überall hin. So gut wie dazumal Hab ich mich selten unterhalten in der Stadt. Am dritten Tag ist's die höchste Zeit, daß ich heimfahr, schier's ganze Geld ist beim Teuxel gewest. Da fällts mir im Vorwitz ein: halt, heul foppest einen Spitzbuben! Zieh aus dem Leibelsack die leere Brieftasche, ein alter Fetzen, und stecke sie auswendig in den Nocksack, so daß sie ein bissel herausschaut. Will doch einmal sehen, ob's wirklich so schlimm ist mit den Taschendieben in der Stadt. Unterwegs zum Bahnhof schau ich mir noch den Zirkus an, kauf mir nachher ein Glas Lier, und auf dem Lahnhof stellt mein Soldat .sich nochmals ein, um sich bei mir zu verabschieden und mir Grüße an seine Leute daheim mitzugeben, hernach schieb ich mich durchs Gedränge gegen den Schalter hin, um die Fahrkarte zu kaufen, zahle sie mit Silbergeld aus dem Lederbeutel, stecke den wieder in die Hosentasche und denk': So, alte Grazerstadt, jetzt schau dir den Schmiedemeister Neffelbacher von hinten an. Nun höre ich auf einmal Getrappel in der Halle, und die Leute fahren durcheinander. „Was ist denn geschehen?" frage ich. - „Tin Taschendieb!" heißt es, „der Sicherheitsmann hat einen Taschendieb abgefangen. Ach taste nach meiner Brieftasche, richtig die ist glücklich weg. Und Hab heimlich keine schlechte Freud darüber, daß ein Langfinger in den billigen Köder geschnappt hat und dabei erwischt worden ist. Wie ich aber Hinschau o du heilige Mutter Anna! zwei Sicher- hcitswachmänner haben ihn dazwischen und legen ihm Eisen an die Hände und ist's der Soldat, der Donatl, meines Lru- ders Sohn. Seine Mütze tief über die Augen herab und schnappen ihm die Knie ein. Wem was gestohlen ist, der soll sich melden! wird ausgerufen. Ach schau, daß ich durch den Wartesaal komm' zu meinem Eisenbahnzug. Da haben sie mich aber aufgehalten und geschrien: „Der ist's, dem hat er die Brieftasche aus dem Sack gestohlen," und der Wachmann, der es auch gesehen hat, sagt: „Wahr ist's." Aber ich stoß mit dem Ellbogen die Leut weg und sag: „Laßt's mich einsteigen, ich 59 weiß von nichts. Lin dummer Spaß ist's gewest, sonst nichts." Und wie sie den Soldaten zu mir führen, sag' ich ihm's ins Gesicht: „Wegen einer wett ist's hergegangen, gelt, vonatl. Lind ja Vettern zusamm' wir zwei und werden einander bestehlen. Zum Lachen ist's! Daß ich's nicht wahrnehm', hat er gewettet, wenn er mir einmal spaßeshalber so flugs heimlich ----gelt vonatl? Ist ja eh kein Knopf drinnen," sag ich, „schauts nur einmal nach in der Brieftaschen!" Ua ja, da haben sie ihm freilich die Lisen wieder abgenommen, und der Wachmann hat uns noch belehrt, ein andermal sollten wir solche Lpässe unter uns allein treiben und nicht unter den Leuten zum klergernis. Ich spring in meinen wagen, und ist's mir lieb gewest, daß der Zug abfährt." „So ist ja alles noch ganz nett abgelaufen", warf ich"ein. „kluswendig", antwortete der Grobschmied. „Einwendig freilich wohl nicht. Der vonatl hat's halt wohl recht gut gewußt, daß wir nichts verabredet haben und daß ich's weiß, daß er mich allen Ernstes hat bestehlen wollen. Und daß ich ihn nur schandenhalber herausgerissen Hab. hat sich mir auch nimmer unter die klugen getraut, sein Lebtag nimmer. Ist überhaupt nimmer heimgekommen. Uach einem Manöver haben sie ihn tot auf dem Felde gefunden. Erschossen, klus Unvorsichtigkeit oder wie. Man hat nichts rechtes erfahren können. Und das ist die ganze Geschichte." Vieser Schluß war mir gerade genug. So hatte ich's nicht erwartet. „Und da denken Sie halt manchmal dran", sagte ich. „Vas glaub ich, lieber Herr, daß ich daran denke! Schier alle Uacht. Ist sonst ein braves Bürschel gewest, man hat nichts Schlechtes von ihm gehört. Uber leicht, zu wenig Geld, wie es lustigen Soldaten schon geht. Und meine Dummheit hat ihn in Versuchung geführt wie der Teufel selber. Und ich fürcht halt alleweil, die Geschicht ist Ursach, daß er ist gefunden worden — die Kugel durch den hals, weil er wohl gar gemeint hat, ich halt die Sach seinen Eltern erzählt, so hat er sich nimmer heimgewagt. Uber man weiß nichts rechtes. In unserer ganzen Freundschaft ist so eine Unehr' nie vorgekommen." während dieser Erzählung war der Mann immer betrübter geworden, nun saß er eingeknickt da und hielt seine Hände vor's Gesicht. ------ So ähnlich wie es dem obersteirischen Schmiedemeister Ueffclbachcr hier ergangen ist, könnte es der „klugen" Frau auch ergehen, die ihre Ulädchen auf so „schlaue" weise auf ihre Ehrlichkeit prüft. Und wer möchte wohl zeitlebens mit einem so schweren Gewissensdruck einhergehen? viel klüger als dieses Fallestellen und vor allem viel menschenfreundlicher und christlicher ist es, seinen Vienstboten mit freundlichem vertrauen entgegenzukommen. Sie werden es in den allermeisten Fällen mit vertrauen belohnen,' denn „Freundliches Zutrauen erweckt Zutrauen, und Liebe erzeugt Gegenliebe." K. L. Griechische Erinnerungen. Dritte Folge. von Geh. Gberkonsistorialrat v. w. petersen in varmstadt. sFortsetzung.) Die Karwoche heißt die megali ebdomäs, die große Woche. Jedem ihrer Tage wird das Beiwort „groß" gegeben „Der große Montag" und so fort, um sie auszuzeichnen vor den Tagen jeder anderen Woche des Jahres. Sämtliche Tage der Karwoche sind ausgezeichnet durch Fasten und Morgen- und klbendgottesdienste. Vas Volk genießt nur vrot, Salz, Gemüse und Wasser, kllles, was von Palmsonntag bis Gstern in der Kirche geschieht, breitet über das ganze Land eine ernste Stimmung. Die Evangelien, die vorgelesen werden, führen das Volk von Tag zu Tag auf dem Leidenswege des Erlösers weiter. Der Samstag vor Palmsonntag ist der Lazarustag. Die Volkssitte, daß an dem Tage die Kinder armer Leute eine Puppe, genannt „Lazarus", von Haus zu Haus tragen mit einem Vers, um sich Gaben zu erbitten, habe ich oben schon erwähnt, klm Palmsonntag werden in der Kirche die Palmenzweige geweiht und in Prozession von den Priestern und dem ihnen nachfolgenden Volk durch die Kirche getragen, klm Gründonnerstagabend werden in den Kirchen die sogenannten 12 Evangelien gelesen, d. h. 12 klbschnitte der Leidensgeschichte, zu welchen ein großer Zudrang des Volkes stattfindet. Nach jedem Evangelium ertönt ein Glockenschlag. Vas war besonders feierlich bei der russischen Kirche in klthen, deren Glocke einen wundervollen tiefen und ernsten Klang hat. Die „Leiden des Erlösers" werden an dem Tage als Flugblatt verkauft und viel gekauft, so daß man wohl sagen kann, daß dasselbe in jeder weise dem Volke nahe gebracht wird. Besonders eindrucksvoll ist der Karfreitag, die megali paraskewi, der „Küsttag", wie der Tag noch heute im Griechischen heißt. Den ganzen Tag gehen die Glocken sämtlicher Kirchen mit Trauerschlägen. Man muß es wohl merken, daß das ganze Land feiert. In der Kirche ist der epitiaphion ausgestellt, das Bild des heiligen Toten mit Seide und Gold, auf kostbares Tuch gewirkt. Vas Volk zieht von Kirche zu Kirche und kauft die in denselben feilgebotenen Blumensträuße von Kosen und Veilchen, Knemonen und anderen Feldblumen, die man um das im Schiff der Kirche aufgestellte Epitaphion legt, gleichsam als letzte Ehrung für den Toten. Die Fahne auf dem Schloß ist halbmast. Es wird oft geklagt über die Un- gehörigkeiten, die besonders die jungen Leute beiderlei Geschlechts, die sich des öfteren in den verschiedenen Kirchen treffen, treiben. Kber die Klage selbst beweist, daß doch viel ernste und wahre Teilnahme vorhanden ist. In einzelnen Kirchen wird auch über die Leiden gepredigt,' ich habe selbst einmal eine gute Karfreitagspredigt von dem besten Kanzelredner Kthens gehört, der in Deutschland seine theologische Bildung genossen und auch etwas gelernt hat. Der Glanzpunkt der Karfreitagsfeier ist die Prozession mit dem Epitaphion am Kbend. klus jeder Kirche macht eine größere oder kleinere Gemeinde ihren Umzug innerhalb des pfarrbezirks. klm glänzendsten sind die Prozessionen der Hauptkirchen, vor allem der Metropolitankirche. Dort wird die Prozession angeführt von dem Metropolitan, dem geistlichen Haupte der Kirche Griechenlands. Uach dem Ubendgottesdienst zwischen 8 und 9 Uhr bewegt sich die Prozession durch die Hauptstraßen und über die Hauptplätze der Stadt. Ihr voran laufen die Straßenjungen, welche unaufhörlich mit gellender Stimme schreien: Kirie eleison. (Es folgt eine Kcgimentskapclle, welche ernste weisen spielt, wie die Trauermärsche von Beethoven und Thopin,' in den Zwischenpausen hört man feierliche pauken- schläge und den näselnden Gesang der Priester, welche unmittelbar hinter der Musikkapelle gehen, in ihrer Mitte der Metropolitan in glänzender hohcpriesterlicher Tracht, die von Gold strotzt, auf dem Haupte die mit Edelsteinen besetzte Tiara, in den Händen den Bischofsstab, die patcritza, die ihm als einzige Stütze dient auf dem l 1 Stunden dauernden langen Gange in den schweren Gewändern. Es folgt der Epitaphion, dessen Zipfel von den Staatsministern gehalten werden, gerade wie bei einem großen Leichenbegängnis. Dann folgen die höchsten staatlichen und militärischen Spitzen, pro- vinzialdircktor, Kreisräte, Generäle und das Volk zu vielen 60 Tausenden. Jeder trägt sein Lichtlein. 3n der Menge unterscheidet man die Familien. Der Mann mit dem Jüngsten auf dem Am, Mütter und Kinber, Reich und Arm, alle in andächtiger, würdiger Haltung. von den Balkons werden die Feuerwerkskörper unter die Menge geworfen und bengalische Lichter abgebrannt, ein moderner Unfug. Wenn man von dem Verfassungsplatz in die gegen Westen sich absenkende Hermesstraße, die hauptver- Kehrsader Athens, hinabblickt, und die Tausende strahlender Lichter sieht, kann man sich dem zauberhaften Eindruck dieser Grablegung Christi nicht entziehen. 3m Königsschlosse habe ich diese Feier wohl auch mitgemacht. Aus der im obersten Stock gelegenen griechischen Schloßkapelle bewegte sich der Epilaphion durch die Korridore eben dieses Stockwerkes, die königliche Familie schritt hinter her und der Hofstaat. Zum Schluß nahm man von dem Katafalk die Veilchensträußchen mit nach Hause, an denen man aber nicht riechen darf, wenigstens nicht vor den Augen der Griechen. Der folgende Tag, der große Sabbat, wird mit strengem Fasten gefeiert, was doppelt schwer sein mag, je näher das Ende der Fasten ist, und je reichlicher auf dem Markt, den offenen Plätzen und vor den Kaufläden, alles, was den Appetit reizen kann, ausgebreitet ist und für das Mahl der Nacht schon gekauft werden muß. 3n den Höfen werden die Osterlämmer gebraten am Spieß, einem hölzernen Pfahl, der durch das Tier gesteckt, und über einem langsamen Feuer unter Ausstreuung von Pfeffer und Salz gedreht wird. Schon während der ganzen Karwoche haben die Hirten ihre Lämmer- hcrden in den Umkreis der Stabt getrieben. Auf den Hügeln und Triften warten sie der Käufer. Der Vater selbst wählt mit kundigem Auge das Lamm für feine Familie aus. Da finden auch die Kinder zu tun, die ein etwa schon zu Anfang der lvoche gekaufter Lamm mit bunten Seidenbändern schmücken und sorgsam pflegen. Am Gstersamstag reichen die Utetzgcr für die kolossale Arbeit nicht aus. Da bieten sich dann unzuständige Metzger mit lauter Stimme in den Straßen an und kaufen auch die häute der geschlachteten Tiere auf. Das Blöcken der Lämmer und der aufsteigende Rauch der improvisierten herdfeuer geben am Ostersabbat der Stabt ein besonderes Gepräge. Auf den Tischen vor den Kaufmagazinen liegen Lichter in allen Größen und Eier in allen Farben aus. 3n jedem Hause sind die Frauen mit dem Lacken der Kuchen und dem Färben der Eier beschäftigt. So verstreicht langsam der Tag. Abends flutet das Volk in die Kirche. Die ganze Rächt hindurch dauert die Ostervigilie. Die Kirchen sind voll von Menschen und diese stehen bis auf die Straßen hinaus. Man lauscht den Schriftlesungen und Gesängen der Priester und Thöre. vor der Kathedrale und anderen großen Kirchen sind Tribünen errichtet, welche kurz vor Mitternacht von den Priestern betreten werden. Endlich schlägt es Mitternacht. Das Gsterlicht wird angezllndet in der Kirche und hinausgetragen. Ehrist ist erstanden! tönt cs aus priestermund von den Tribünen, und das ganze Volk bricht freudejauchzend in denselben Sieges- und Frcudenruf aus: Dkristos anöste! Die unangczllndeten Lichter, die jeder Festleilnehmer mitgebracht hat, werden angezündct, ein christlicher Bruder reicht das Licht dem anderen, man grüßt sich mit Ruf und Kuß. Gar viele tragen bereit; die hartgesottenen Tier in der Tasche um nach dem Schlag der mitternächtlichen Stunde, das Ende der Fastens mit einem ersten Speisegenuß zu feiern. Run teilt sich die Menge, ein Teil bleibt in den Kirchen, die Ostervigilie bis zu Ende zu hören, ein anderer begibt sich nach Hause, um im Familienkreise das Ostermahl einzunehmcn. Der Gegensatz von Fastcnernst und Fastcnentbchrung einerseits und Osterfreude und Ostergenuß andererseits ist außerordentlich stimmungsvoll. Besonders schön zu sehen ist die fröhliche Heimkehr lichttragender Menschen auf den Straßen oder das herabsteigen der Ostergemeinde von der Georgskirche auf dem Lpkabettos, die wie eine Lichtschlange sich der Stadt zu bewegt. 3n der Metropolitankirche pflegt die königliche Familie der Gsterfeier beizuwohnen, unter dem Donner der Kanonen, der in das verwirrende Getön der vielen hundert Osterglocken sich mischt. Die ganze Rächt hindurch schießt, was eine Schußwaffe hat, seine Freudenschüsse, und wer sie nicht hat, macht sich eine aus alten Flintenläufen. Man kann die Rächt kaum schlafen. Freudenschüsse sind ein morgenländi- schet Brauch bei Thristen und Muhammedanern. Man sagt, daß zur Zeit der türkischen Fremdherrschaft nur am Osterfeste den unterworfenen Christen gestattet war zu schießen: so erklärt sich die besondere Freude, welche Alte und Junge an dieser Rebung haben. Am Gstermorgen ertönt in den Kirchen das in lebhaftem Rhythmus sich bewegende Gster- sicgeslicd, das opinikion: Lkristös anostiek nekrön tbanäto thanaton patisas, Christ ist erstanden von den Toten, durch seinen Tod den Tod unter sich tretend, kätüs en mnimasin zoi'n charisämenos, und denen, die in den Gräbern sind, das Leben schenkend. Ja es ist etwas Erhebendes um die Gster- freude eines ganzen Volkes, von Ostern bis Himmelfahrt an den 40 Tagen des Auferstehungslebens Christi auf Erden ist das der Gruß, den man überall, wo Freunde sich treffen, vernimmt: Okristos anösti und die Antwort alithös anesti! er ist wahrhaftig auferstanden. sFortsetzung folgt.) Noch einige Erinnerungen an Moltte. Als ich kürzlich gebeten wurde, noch weitere Erinnerungen an unseren großen Schlachtenlenker mitzuteilen, war ich aufrichtig erfreut, daraus zu ersehen, daß das Andenken an diese edle Gestalt in einigen noch fortlebt. Freilich wird die Zahl derer, die ihn noch kannten, immer geringer, aber gerade darum macht es mir Freude, von dieser Zeit zu erzählen, die nun schon so weit zurückliegt, die miterlebt zu haben mir. aber so sehr wertvoll ist. Dcr Fcldmarschall war ein großer Kinderfreund,' nun war sein erstes Großnichtchen zugleich sein und auch mein Patenkind. Tr beschäftigte sich gern mit der Kleinen, die ein drolliges Kind war, und wir sprachen wohl mitunter von ihr. Da geschah es, daß beide, der alte Herr sowohl, wie die kleine Großnichte gleichzeitig bei einer Trauung in der Kirche anwesend waren, er als Hochzeitsgast, das Kind als Zuschauer. Run konnte sie ihrer Kleinheit wegen kaum etwa; sehen, und schrieb dann ihrem Großonkel, wie er mir lächelnd erzählte, mit ihrer steilen Kinderschrist, sie habe „funt" ,Pfund) schwere Tränen geweint: denn sie habe die Brau! nicht sehen können. — Einst war der Feldmarschall einmal zur Tafel beim alten Kaiser und der Kaiserin Augusta geladen und saß bei Tisch neben einer jungen Hofdame, die er noch wenig kannte. Cr unterhielt sie, indem er ihr erzählte, wie er einstmals als Gast des Kaisers Rapoleon mit diesem zu einer Jagd ini Walde zu Tompiögne geritten sei. Dabei streifte ein herunter hängender Ast dem Kaiser den Hut ab, und da das kaiserliche Gefolge weit zurückgeblieben war, stieg Mollke vom Pferde, hob den Hut auf und gab ihn dem Kaiser. Da sagte die junge Hofdame: „Ja, Exzellenz, den Hut haben Sie ihm wiedcrgcgebcn, die Krone aber haben Sie ihm ge- 61 nommen." Lin Herr, der mit bei Tisch saß und diese Unterhaltung mit anhörte, hat mir dies später erzählt. Diese Zeiten liegen lang zurück, wie jedermann weiß, so war auch die Stadt Berlin damals noch nicht die Millionenstadt, wie sie es heute ist, und besonders das Leben auf den Straßen in den späten Nachtstunden war durchaus nicht lebhaft. So erinnere ich mich eines Winterabends, an dem tiefer Schnee lag, und mein Weg mich, als ich aus dem Theater kam, gegen elf Uhr die Linden entlang führte, daß ich von weitem schon auf der fast menschenleeren Straße eine hohe Gestalt an den Häusern entlang vor mir hergehen sah. Mein Wagen konnte des vielen Schnees wegen nur langsam fahren, doch erkannte ich sogleich die Persönlichkeit. Ls war Moltke in Uniform, der allein und tief in Gedanken versunken, gar nicht um sich blickend, die einsame, schneehelle Straße nach Hause ging. Mir ist dieser Anblick unvergeßlich geblieben,' denn es strahlte eine solche Hoheit und Nuhe von dieser Persönlichkeit aus, wie er so groß und doch so völlig schlicht einherschritt, daß ich mir sagen mußte, so lange dieser Mann für unser Vaterland dachte und wachte, so lange könnten äußere Feinde uns nichts anhaben. Baronin U. (Eilt pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) Mittlerweile war ich 12 Jahre alt geworden und war für meine Jahre ein recht Kräftiger Junge. Bei der Feldarbeit mußte ich tüchtig mithelfen, namentlich im herbste, wenn wir Schulferien hatten, gab er viel zu tun. Sch habe manchen Wagen mit vickrüben oder Weißrüben ganz allein geladen und dann das Gespann selbständig nach Hause gelenkt. Sn dieser Zeit habe ich auch mein erstes Geld verdient, ich bin nämlich einmal zur Zeit der Weinlese 14 Tage lang bei dem Weinhändler Mahler in Kreuznach beschäftigt gewesen. Das hat sich auf folgende Art gemacht. Notar Graf in Bingen, bei dessen Vater, wie ich schon mitgeteilt habe, mein Vater als Knecht gedient hat, hatte mit Freunden einen Nusflug nach dem Donnersberge gemacht und hatte meinen Vater, an dem er immer noch mit großer Liebe hing, nach Marienthal bestellt. Er wollte den „Nupperts- ecker Hannes", wie er sagte, wieder einmal sehen. Mein Vater hatte mich mitgenommen, und so saßen wir beide denn im Wirtshause „Zur Burg Falkenstein" mit den Herren aus Bingen zusammen, von allem möglichen wurde dort gesprochen, im Mittelpunkte des Gespräches stand der deutschfranzösische Krieg. Mein Vater halte erzählt, daß Georg bei Sedan geblieben sei, und da stellte sich heraus, daß unter den fremden Herren einer war ich weiß nicht mehr, wie er hieß , der einen Sohn im Gefechte bei Artenan am 3. Dezember 1870 verloren hatte. Schließlich war auch die Nede auf mich gekommen. Man hatte mich gefragt, was ich werden wolle, worauf ich froh und stolz erwidert hatte: „Sch will ein Glaser werden." Dann mit einem Male hatte Herr Graf gesagt: „Sag mal, Hannes, ißt dein Peter gern Trauben?" Da hatte mein Vater gelacht und gesagt: „Warum nicht? Herr Notar, der ißt Trauben, wenn er sie hat, aber auf unserem Schloßberge wachsen nur Schlehen und Hagebutten." „Sch weiß aber etwas für den Peter," sagte Herr Graf, „mein Freund Mahler in Kreuznach sucht Leser, er hat seither immer Mädchen aus dem Hunsrück gehabt, die sind dieses Jahr ausgeblieben. Laß den Bub mit uns fahren, Hannes, ich bringe ihn heute noch zu meinem Freunde." „Sch habe nichts dagegen," sagte der Vater, „wenn der - Peter will." Gb ich wollte? Sch sprang beinahe vor Freude in die höhe. Line Weinlese mitmachen und eine Stadt, von der ich schon viel gehört hatte, sehen, das kam mir als ein großes Glück vor. viel Zeit war nicht zu verlieren, da die Herren bald abfahren wollten. So sprang ich denn rasch den Berg hinauf nach Hause, ließ mir von der Mutter, die zuerst über meine Pläne den Kopf schüttelte, die nötigsten Habseligkeiten in ein großes, rotes Taschentuch einpacken und eilte nach Marienthal zurück. Sch bekam meinen Platz auf dem Bocke neben dem Kutscher, hier saß ich hundertmal lieber als in der Thaise selbst, obwohl man das Vach zurückgeschlagen hatte,' denn ich konnte mich frei nach allen Nichtungen Umsehen. Ls war auch ein schöner, milder Herbsttag, und der Kutscher war ein alter, freundlicher Mann, der mir viel erzählte von seinen Kindern, von seinen Pferden und von seinen Erlebnissen. Wir fuhren über Nockenhausen und dann das Nlsenzthal hinab und waren abends in Kreuznach. Sch bekam bei Weinhändler Mahler mein (puartier in einem Seitenbau neben dem Kelterhause, in einem Zimmer, in dem außer mir noch ein Knecht schlief. Vas war nun eine Lust, in den darauf folgenden beiden Wochen bei der Traubenlese mitzuhelfen. Sch lernte alle berühmten Weinlagen der Nahestadt kennen, den hasenrech, den Kauzenberg und den hinkelstein. Lmsig schnitt ich die Trauben ab,' daß ich manche der süßen Beeren in meinen Mund spazieren ließ, brauche ich wohl nicht zu sagen. Meine Fröhlichkeit wurde auch nicht durch einige freche Kreuznacher Buben herabgemindert, die gleichfalls bei Mahler beschäftigt waren und mich, weil ich vom Lande war, nur „Bauer" oder auch „dummer Lauer" nannten. Sch habe mich ja meiner Herkunft von einem kleinen Dorfe nie geschämt, bin vielmehr Gott allezeit in meinem Leben dankbar gewesen, daß ich meine Kindheit nicht in einer großen Stadt verlebt habe, wo ein Kind nicht in Zusammenhang mit der großen, freien und schönen Natur steht. Aber meine größte Freude war, als die Weinlese zu Lnde war und Mahler mir zwei neue, blitzende, preußische Taler gab. Vas war mein erstes, selbstverdientes Geld. Sch ging den weiten weg nach Hause zu Fuß, und zwar ging ich über Alsenz, Gberhausen und Wllrzweiler. Als ich an diesem (Orte den steilen Feldweg hinauf nach meinem Heimatdorfe ging, beschleunigte ich immer mehr meine Schritte, ja den letzten Teil des Weges legte ich im Laufschritte zurück. (Ohne guten Tag zu sagen trat ich in die Wohnstube und sagte zur Mutter, indem ich meine blinkenden Geldstücke auf den Tisch legte: „Mutter, das habe ich verdient, das ist für dich!" „Du bist ein braver Bub," sagte die Mutter, „aber es ist gut, daß du wieder daheim bist." Dann schenkte sie mir Kaffee ein und gab mir ein großes Butterbrot. Sm Winter gab es für mich nicht allzu viel zu tun. Wenn der Vater mit Fritz im Walde arbeitete, hatte ich das Vieh zu besorgen. Sonst aber war ich, wenn die Schule zu Ende war, ganz beschäftigungslos. Da knüpften sich nun für mich Beziehungen an, die für mein ganzes späteres Leben von der größten Bedeutung werden sollten. Der, der mein Schicksal in bestimmte Lahnen lenken sollte, war Gottfried Keiper, der Nachbarssohn, der mir einst, als ich noch klein war, so viel Angst gemacht hatte. Gottfried war nämlich 62 Musikant geworden und hatte sich gleich nach der Entlassung aus der Schule einer jener zahlreichen pfälzischen Musikkapellen angeschlossen, die die ganze EDelt durchziehen. Die Heimat dieser Musikanten, auch ,,Schnorranten" genannt, ist allerdings nicht eigentlich die Nordpfalz, sondern vielmehr der Werrich, das Glan- und Gdenbachtal, die Gegend zwischen dem Donnersberge und dem Oberlauf der Nahe einerseits und zwischen Kim und Kaiserslautern andererseits. Kusel, Wolfstein, Lauterecken, Jettenbach und Kaulbach, das sind die eigentlichen Musikantensitze. Bber das Musikantenland erstreckte sich damals mit seinen Busläufern bis in die Gegend, in der ich geboren bin. Sn der Nähe von Nockenhausen, in den Dörfern Heiligenmoschel, Teschenmoschel und Hefersweiler wurde ebenfalls viel Blechmusik gemacht. So war Gottfried Keiper, der kein Geschäft erlernt hatte, Musikant geworden und hatte nun, am Ende meiner Schulzeit, schon mehrere große Neisen hinter sich. Sm Winter waren die pfälzischen Musikanten allesamt zu Hause, übten auf ihren Instrumenten und verzehrten das Geld, das sie in der guten Jahreszeit erworben hatten. Sobald die Lenzsonne wieder schien und die Bauersleute in der Zeit nach Fastnacht wieder hinaus auf das Feld gingen, taten sie sich zu Kapellen zusammen und zogen in die weite Welt, durch die Nheingegend und Norddeutschland hindurch, nach Belgien, Holland, Frankreich und England, in gleicher Weise nach Norwegen und Schweden, vereinzelte Kapellen spielten in den russischen Ost- sceprovinzen, in den letzten Jahren sind pfälzische Kapellen sogar nach Nfrika und Nustralicn gegangen, nachdem sie den Weg über dar Weltmeer nach Nmerika schon viel früher gefunden hatten. Sch würde mich nicht wundern, wenn Nmundsen pfälzische Musikanten mit nach dem Südpole mitgenommen hätte, die unterwegs den Eisbären aufgespielt hätten. Es wird im Winter 1872/73 gewesen sein, da hatte der Donnersberg eines Morgens, als wir aufwachten, eine weiße Kappe über sein Haupt gezogen, richtiger gesagt, er hatte eine weiße Decke über seinen breiten Bücken gebreitet, und nun schneite es mehrere Tage lang, daß in Feld und Wald nichts auszurichten war. Sn diesen Tagen war Gottfried Keiper von einer Reife, die ihn mit seiner Kapelle nach England geführt hatte, zurückgekommen. Sch hatte mich an einem Nachmittage mit meinen Schulkameraden auf dem Schloßbergc Herumgetrieben. Wir hatten Schneemänner gemacht und schließlich ein Schneeballengefecht geführt, auf einmal stand Gottfried in unserer Mitte. Bber er beteiligte sich nicht an unserem Spiele, sondern tat wie ein fremder, vornehmer Herr. Er trug einen neumodischen, runden, steifen Hut und hatte einen Pelzkragen um den hals gelegt. Buch sprach er nicht mehr in der allvertrauten nordpfälzischen Mundart, sondern sagte „dal" und „wat" und „jejangen" und „jesehen". Sck kann nicht anders sagen, als daß der elegante, vornehm tuende Jüngling uns Buppertsecker Buben, die wir nichts weniger als geschniegelt waren, sehr imponierte. Besonderen Bespekt bekamen wir vor ihm, als er dort oben auf dem Schloßbcrge aus einem Block ein dünnes, weißes Papier hcrausriß, dann einer Dose etwas Tabak entnahm, sich kunstgerecht eine Zigarette drehte, diese in Brand steckte und das Streichholz mit einer eleganten Brmbewegung wegwarf. Den Namen „Zigarette" horten wir damals zum erstenmal aus Gottfrieds Munde. Noch nie hatten wir gesehen, daß jemand solche Dinger rauchte. Die Männer in Ruppertsecken rauchten allesamt die Pfeife, zumeist die kurze Pfeife, die bei der Arbeit nicht hinderlich war und in der Winterkälte hübsch die Nase wärmte. Junge Burschen gingen Sonntags stolz durch das Dorf, wenn sie die mächtige, lange Pfeife, die mit großen Troddeln geziert war, in der Hand trugen, aber selbst Zigarren kannte man damals in meiner Heimat noch nicht. Und es waren auch nur zwei Sorten Tabak bei Krämer Lippert zu haben. Die eine nannte man „Tlephant", weil auf dem Päckchen ein Tlephant abgebildet war, und die andere, die auf der Vorderseite der Umhüllung einen stolzen Beitersmann zeigte, hieß „kl. 8. Beiter", von dieser Sorte ging die Bede: „B. 6. Beiter, drei Züg' do leit er." Buch brachte niemand seine Pfeife mit einem Zündholz in Brand, für diesen Zweck hatten alle Männer Zunder und Feuerstein. Sch betrachtete es als einen großen Vorzug, als Gottfried Keiper an jenem Wintertage mich aufsorderte, mit in das Haus seines Vaters zu gehen, weil er mir die Sachen zeigen wolle, die er von seiner Beise mitgebracht habe. Tr kramte aus der Tischschublade eine ganze Menge von Dingen aus: einen Tabaksbeutel, der in Bmslerdam gekauft sei, ein Stammbuch, in das seine Freunde einschreiben sollten, eine Ziehharmonika, die in Paris, und eine Taschenpistole, die in Brüssel erstanden sei. Was er sonst noch für Gegenstände damals vor mich hinlegte, habe ich vergessen. Dann erzählte mir Gottfried von seinem Wander- und Musikantenlcben. Die Kapelle war 8 Mann stark gewesen, der Ulcister so nennen die pfälzischen Musikanten ihren Direktor, der zugleich Unternehmer ist war aus Bltenglan gebürtig. Gottfried hatte Klarinette geblasen, aber er spielte mitunter auch Baß. von Oberstein an der Nahe hatten sie ihre Wanderung angctrcten, quer durch den Hunsrück waren sie, immerfort musizierend, bis nach Trier gezogen, von Trier ging es die Saar aufwärts bis nach Metz. Buf einem Landgute bei Metz hatten sie bei der Hochzeit der Tochter eines Barons aufgespielt. Bber die Sache war dadurch unangenehm geworden, daß die jungen Damen, die an der Hochzeit teilnahmen, Gottfried zu oft zum Tanze aufgefordert hatten. Und Gottfried tanzte natürlich mit ihnen: Schottisch, Mazurka und Walzer links herum. Da war der Meister wütend geworden, weil ihm die Klarinette fehlte, aber Gottfried, der wußie, daß er dem Meister unentbehrlich sei, hatte sich natürlich nichts gefallen lassen. Energisch hatte er erwidert: „Mein Herr, mäßigen Sie sich, sonst sorge ich dafür, daß Sie aus dem Saale hinausfliegen." Sn Metz hatte Gottfried in einem Tafs ich wußte damals noch nicht, was das sei einen preußischen Leutnant kennen gelernt, der ihn in das Offizierskasino cingeladen hatte. Dort hatte er auf seiner Klarinette blasen müssen, und ein Oberst hatte gesagt: „Sch habe schon viele gute Musiker gehört, aber so ein schönes Klarinettenblaien ist mir noch nicht vorgekommen." Dann war die Kapelle nach Frankreich gewandert, und die Franzosen waren allemale begeistert, wenn sie Gottfrieds Musik hörten. Nur einmal war es dem Gottfried beinahe übel gegangen. Da; war in einer Vorstadt von Paris, da hatte ihn eines Bbends, als er nach seiner Herberge gehen wollte, einige Franzosen verfolgt mit dem Bufe: „un prussien!", aber Gottfried hatte die Bn- greifcr rechts und links in die Straße hineingeschleudert und ruhig seinen Weg fortgesetzt. Was er weiter von seinen Erlebnissen in Belgien, Holland und England erzählte, weiß ich nicht mehr, ich halte cs auch für kein großes Unglück, daß ich das vergessen habe. Bber das ist mir noch in der Erinnerung, daß der junge Musikant erzählte, wie er auf der Rückreise von England einen großen Seesturm erlebt habe. Sch war von diesen Mitteilungen ganz hingerissen. Daß aus Gottfried, der mir früher durch sein Fratzenschneidcn so 63 viel Hng(t eingejagt und der später beim Grasen und Rehren- lcsen uns Kindern so viel Lug vorgemacht hatte, ein so eleganter, selbstbewußter Herr werden würde, hätte ich nie gedacht. Und Geld hatte der Gottfried, seine Börse war gut gespickt. RIs ich ihm sagte: „Ihr Musikanten verdient aber viel Geld", da nickte er zuslimmend. Gleich darauf aber schnitt er eine Fratze, wie ich von früher her sie an ihm kannte, und, während ein höhnisches Lächeln über sein Gesicht zog, sagte er: „Weißt du, Peter, ich war der jüngste in meiner Kapelle, und da mußte ich immer, wenn wir auf der Straße aufspielten, da; Geld in meine Mütze sammeln. Ua, ich wäre ja ein Simpel gewesen, wenn ich das Silber nicht für mich behalten hätte." (Forts. folgt.) Lin Nachwort zum Gietzener Karneval?) Uarrenspicl und Mummenschanz ist ein gutes Ding, und niemand soll es der Jugend rauben. Denn es liegt uns Menschenkindern im Blute, einmal anders zu sein als sonst, uns in ein fremdes Gewand zu hüllen mit buntem Flitterkram, uns unkenntlich zu machen und so selbst neu die Welt von einer neuen Seite zu betrachten. Wenn das Spiel auch nur wenige Stunden währt, wir fühlen uns frei von den Sorgen der Alltags und vergessen dabei gern das Närrische unseres Tuns. So dachten sie fast alle, die da am Dienstag nachmittag auf dem Seltersweg steif und komisch in ihrer ungewohnten Gewandung einherstolzierten, Konfetti um sich streuten und Papierschlangen warfen, um damit die Rufmerksamkeit einer Schönen zu harmlosem Flirt auf sich zu lenken. So dachten wohl auch die meisten Besucher der Maskenbälle und Kaffeehäuser. Und doch gab es auch hier, wie bei allen Dingen, unangenehme Ausnahmen, die es nicht zulassen, daß stillschweigend darüber hinweggegangen wird, und die leider geeignet sind, recht grelle Lichter auf öas Ganze zu werfen. Wenn ein Rudel maskierter Burschen ein nicht maskiertes Mädchen in die Tnge treibt, um es der Reihe nach abzu- küsscn, daß dem armen Dinge die Schamröte in die Wangen steigt wenn in einem Tafö ein völlig nüchterner Student einen Fremden neben beleidigenden Zurufen damit empfängt, daß er ihm einen Schoppen Bier ins Gesicht gießt, das sind denn doch keine Karnevalscherze mehr. Solche Scherze der Scherz treibt in Gießen überhaupt bisweilen gar seltsame Blüten sind bedauerlicherweise imstande, den Gießener Karneval sehr in Mißkredit zu bringen. Uber damit nicht genug. Die erwähnten Fälle sind noch harmlos gegen den widerlichen Huftritt in der Bahnhofstraße, wo gegen 6 Uhr morgens die erhitzten Köpfe jugendlicher Rohlinge, die vom Maskenball kamen, über ein Mädchen in einen Streit gerieten, der in Schlägerei ausartete und endlich den ljauptschreier dazu trieb, mit seinem Revolver auf ein Mädchen, das an dem Zank nicht im mindesten beteiligt war, zu zielen. Ja, leider zu zielen, wie von Rugenzeugen ausgesagt worden ist. Ts war kein unglücklicher Zufall, der es veranlaßte, daß die Bedauernswerte einen Schuß in das *) Vieser flrtihel, der uns aus unserem Leserkreise zuging, stimmt i» seiner Beurteilung der Faschingsfreuden nicht mit dem überein, das wir früher im „Sonntagsgruß" verösfentlicht haben. Ivir konnten uns jedoch nicht entschließen, an diesen Ausführungen um ihres ernsten Inhaltes willen etwas zu ändern. Der Herr Verfasser tadelt mit vollem kechte Vorkommnisse, die unserer Stadt nicht zur Ehre gereichen und die von dem weitaus größten Teile unserer Bevölkerung gewiß mit Entrüstung verurteilt werden. D. Red. Kniegelenk erhielt, der vielleicht das Bein steif werden läßt. Und auch hier ist festgestellt worden, daß keiner der Beteiligten betrunken war. Vas sind die Blüten, die der Gießener Karneval treibt. Traurige Blüten. Sie beweisen, daß der Gießener nichts von dem leichten Frohsinn, von der harmlosen Gutmütigkeit seiner Nachbarn vom Rheine hat, daß Gießen nicht reif ist für den Fasching. Die Zwischenfälle sollten zu ernsten Bedenken Rn- laß geben! K. 6. Kleine Mitteilungen. Die Pfarrstelle zu Pohl-Göns wurde Herrn Pfarrer Ludwig Naumann zu Siefersheim in Rheinhessen übertragen. Der Genannte ist ein Sohn des Herrn Kirchenrates Pfarrer i. p. Dr. Naumann, früher in Gießen, jetzt zu Dieburg im Ruhestande lebend. Sonntag, den I.März, abends 6'/-Uhr, veranstaltet der evangelische Kirchengesangverein zu Gießen in der Stadtkirche bei freiem Eintritte eine geistliche Musikaufführung. Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den I. März, Invokavit. Gottesdienst. In der Stadtlirche. vormittags y'/e Uhr: Pfarrer O. Schlosser, vormittags l l Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer D. Schlosser. Rbends 6 '/-, Uhr: Geistliche Musikauffllhrung des Cvangel. Kirchengesangvereins. Rbends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Matthäusgemeinde. Dienstag, den 3. März, nachmittags 4 Uhr im Matthäussaal : Frauenmissionsverein. Mittwoch, den 4. März, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. Nächstkünftigen Sonntag, den 8. März findet im Rbend- gottesdienst Leichte und heil. Rbendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam statt. Rnmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. In der Johannerkirche. vormittags SVe Uhr: Professor D. E ck. Vormittags ll Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Rbends 5 Uhr: Pfarrer Rusfeld. Rbends Ve8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukas- und Johannesgemeinde. Mittwoch, den 4. März, abends 6 Uhr: 2. Passionsandacht. Pfarrer Rusfeld. Freitag, den 6. März, nachmittags 4 Uhr: Versammlung des Frauenmissionsvereins der Lukasgemeinde. Nächstkünftigen Sonntag, den 8. März findet im Rbend- gottesdienst Beichte und heil. Rbendmahl für die Lukas- und Johannesgemeinde gemeinsam statt. Rnmeldungen dazu werden bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. fDas CiGhflAmnÄs alle Hautanrelnigkeiten und Hautaussohläge, wie Mitesser, Finnen, Blütchen, Hautrötc, Pickel, Pusteln usw zu vertreiben, besteht in täglichen Waschungen mit der echten IftcjChusuioferd - Teers rfunefeL- von Bergmann & Co., Radebeul, ä Stück 50 Pfg Überall erhältlich. 64 [ Ankündit jungen empfehlenswerte r Firmen ] Rudolf Richte Bietzen, Marktstratze 24 — 2 hüte und rNützei Reichhaltige Auswahl. VilllgePre : Rabattmarken. Reparaturen rCarl Loos 6 Kirchenplatz 13 :: Telephon 797 | Manufaktur- [e und Weißwaren Herren- u. Knabenkleider BcA.B/um,%%Xt Besonders billiger zfehuh - Iferkauf 15° Io bis SO°/o Reparaturen billigst Sport. Schneeschuhe — Stöcke Rodelschlitten = mit 10 Prozent Nachlaß. = C. Zimmermann, Schreinermeister, Neuen Baue 15. JZrdr. 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