Nr. 6. Gießen, Sonntag Sexagesimä, 15. Februar 1914. 3. Jahrgang. Zugend von heute. Psalm 119, 9. wie wird ein Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält nach deinen Worten. Seit mehreren ITionaten sieht man durch die belebten Straßen deutscher Städte Jünglinge gehen, die den Hut in der Hand tragen und auch durch strenge Winterkälte sich nicht bewegen lassen, ihr Haupt zu bedecken. Man weiß zunächst nicht recht, warum sie das tun. Tun sie das aus Gesundheitsrücksichten? wir haben in unseren Tagen Gesundheitsfanatiker genug, die mit ängstlicher Behutsamkeit für die Gesundheit ihres Körpers mehr sorgen als für die Gesundheit ihrer Seele und alle Welt zwingen wollen, sich ihrer Ansicht über Pflanzen- oder Milchkost und über den Nutzen der wollkleidung anzuschließen. Line Jugend, die es der grämlichen Hypochondrie gleichtut und ewig sich um ihre Gesundheit sorgt, könnte uns leid tun. Da müßte man sich fragen: werden die, die heute den Hut in der Hand tragen, einmal viele Stunden, ja Tage lang einen Helm tragen können, werden sie, wenn das Vaterland ruft, Hunger und Durst, Strapazen, Unbequemlichkeiten und die Unbilden der Witterung ertragen können? Uber e; scheint, daß Gesundheitsrücksichten hierbei nicht in Betracht kommen. Nichts als die liebe Eitelkeit ist der treibende Grund; denn auffallend ist das gespreizte Wesen, das die Barhäuptigen zur Schau tragen. Sie tun ungeheuer wichtig, fühlen sich als Herren der Situation, sind sich bewußt, im Mittelpunkte der Beachtung der Umwelt zu stehen. Sie wollen beachtet sein, und da man das nicht immer durch positive Leistungen, durch gute Schulzeugnisse, durch Strebsamkeit in der Rr- beit und Berufsausbildung erreichen kann, so gefällt man sich in einem Tun, das die Lachlust eines jeden natürlich Empfindenden weckt. Die Jugend ist eine schöne Zeit. Noch steht der Mensch nicht im harten Kampfe um die Existenz, noch sorgen andere für ihn, noch blüht ihm das Leben, noch ist sein Herz voll von Idealen. Uber nicht alle junge Menschen wissen von ihrer Jugend den rechten Gebrauch zu machen, viele unter ihnen sind von unleidlichem Hochmute erfüllt. Die Jungen sind es, die die scharfe Kritik an dem Lebenswerk der Uelteren üben, die dreiste Worte gegen die reden, die unter bitteren Lebenskämpfen Werke geschaffen haben, die vielen zugut kommen. Sie laufen Sturm gegen das Ulte, Bewährte, Verdienstvolle; in ihren Reihen sind die unpraktischen Weltverbesserer und Reformer zu suchen. Und eins darf nicht vergessen werden, so hart es klingt: Verhängnisvolle Taten, über die sich die Welt entsetzt, werden zumeist von den Jungen begangen, die noch nicht erkannt haben, daß die Sünde nichts als Elend im Gefolge hat. Die heutige Jugend ist gewiß nicht schlechter als die der vergangenen Jahrzehnte, aber ihr schadet es, daß man so viel aus ihr macht. Einst hieß es — und das ist ein echt biblischer Grundsatz —, daß das Ulter regieren und die Jugend gehorchen und sich bescheiden zurückhalten soll, bis sie selbst erfahren und lebenstüchtig genug ist, um anderen die Wege zu zeigen, heute soll die Jugend sich ausleben und sich selbst erziehen. Die männliche und weibliche Jugend soll längst vor der Zeit, da der Eharakter gefestigt ist und da Geist und Gemüt über einen gewissen Besitz verfügen, im öffentlichen Leben hervortreten. Die Bestrebungen, die man heute unter demRamen „Jugendpflege" zusammenfaßt, sindgewiß segensreich, und die Männer, die sich diesen Bestrebungen widmen, verdienen alle Rnerkennung, aber mit Jugendpflege kann man nicht alles machen. Im letzten Grunde wird hierdurch nur auf einen Mangel aufmerksam gemacht, nämlich darauf, daß das Elternhaus in unseren Tagen versagt, was Luther, Goethe und Bismarck geworden sind, das wären sie gewiß nicht durch Jugendvereine geworden, wenn es in ihrer Jugend schon solche gegeben hätte. Gerade die tüchtige Jugend will nicht immerdar am Gängelband geführt werden, sondern sucht in der Rnlehnung an große Muster und im Gehorsam gegen ihre Erzieher sich den weg selber. Das nur wird immer eine gesunde Jugend sein, die sich nach dem Gotteswort richtet, daß ein Jüngling dann seinen weg unsträflich geht, wenn er sich hält an Gott. Besonders in der Jugendzeit braucht der Mensch einen festen halt, den halt, den ihm Gottes Gnade darbietet, wer diesen halt hat, der bemüht sich auch, Gottes willen zu erfüllen. Er führt den Kampf mit der eigenen Sünde, er arbeitet an sich selbst, um mit jedem Tage reiner, besser und reifer zu werden, und hat ein Rüge dafür, daß man sich durch anmaßendes Wesen weder Freundschaft noch Rchtung erwirbt, sondern nur durch ernsthaftes Streben vorankommt. h. B. 42 Griechische Erinnerungen. Dritte Folge. von Geh. Bberkonsistorialrat D. w. petersen in varmstadt. (Fortsetzung.) was von der Gottesmutter gilt, gilt auch von den hei- ligen. Ich mutz mich da beschränken. Der sogenannte Theseus- tempel in Nthen, einer der besterhaltenen alten Tempel, wurde zur Kirche des heiligen Georg, des Lindwurmtöters. Tr ist der Lieblingsheilige der Krieger, zugleich aber auch der Innungsheilige der Gärtner und Gemüsehändler, was ich mir nur erklären kann aus der Bedeutung seines Namens Geor- gos, d.h. Landmann. Lr vereinigt also in sich Wehrstand und Nährstand. Nn die Stelle Poseidons oder Neptuns ist der hei- lige Nikolaus getreten, der Beschützer der Seeleute. Sie nennen ihn Ai Niköla näwti, he Nikolaus, Schiffer! Nuf paros heitzt er tckalassitis, was auf die tkälassa, das Meer, deutet. In einem Liede zum h. Basiliustage, d. h. zum Neujahr, wird offenbar einem Seemann ein Schiff gewünscht mit eisernem Nlast und Raenwerk und seidenen Segeln. Im Luge sitzt der h. Thrist, in der Mitte die panajia Und hinten am Steuer sitzt der h. Nikolaus. Einst in stürmischer Zeit ein umsichtiger Kirchenleiter, hat er auf Bildern ein Schiff (Symbol der Kirche) auf stürmischer See zur Seite, so wurde er dem Volke Ersatz für Poseidon, in der Sprache unserer INarineverwaltung: Ersatz-Poseidon. Für allerlei Nöte gibt es allerlei vertrauensheilige. In Pestilenz wendet man sich an den h. Eharälampos. Nuf Zanta sucht man Heilung von den Blattern bei der h. Maura. Geschwüre bekommt man, wenn man an ihrem Fasttag Nlltagswerk treibt. „Lahme und Blinde zum heiligen pantoleimon" heißt ein Sprichwort. Ino ja ton ti Jänni, der ist für den h. Johannes, würde dasselbe bedeuten, wie „der muß nach Heppenheim". Der Prophet Ilias (Elias) hat, weil er auf dem Berge Karmel sein Wesen hatte, überall von der Bergen Besitz genommen und den wolkenversammler Zeus verdrängt. Griechenland, das so reich an Bergen ist, hat eine Unmenge von dem h. Ilias geweihten Kapellen. Da wo eine Kirche auf einem Berge steht, die nach einem anderen heiligen ihren Namen hat, ist er doch mit zu Gaste. So steht sein Bild in der Kapelle des Agios Georgios auf dem Lchkabettos bei Nthen, von wo aus man herrliches Land und herrliches Meer sieht, von den Bergen auf dem Isthmus bis zur Hälfte des Peloponnes, und gegenüber auch einen Ilias grüßt, die höchste Berg- spitze nämlich auf der Insel Negina, die im Nltertum nach dem Zeus ihren Namen hatten Viesen heiligen wird Dienst erwiesen wie im Nltertum. Ein gut Stück heidnischer Sitte ist da unter sehr durchsichtigem christlichen Gewände uns erhalten. Weihgeschenke zu bringen, ist alter Brauch. Daß man bildliche Darstellungen der kranken Glieder oder Tiere, für die man bei den Göttern Heilung suchte, in die Tempel vor das Kultbild brachte, ist althellenisch. Der christliche Grieche tut dasselbe bei seinen heiligen. Nn der alten Straße von Eleusis liegt ein Kloster Dapknis, dessen Name an einen Lorbeerhain des Npoll erinnert, dort hat der h. Strybanos, wenn ich mich recht erinnere, sein Kapellchen, wo ich zum erstenmal kleine Pferdchen und menschliche Gliedmaßen in plattiertem Silber sah. Dankbar versilbert wohl der Grieche der Mutter Gottes die milden Mutteraugen oder die segnende Mutterhand. Mit den Bildern Prozessionen zu machen, kannte auch das heidnische Nltertum. Nuch heute noch geschieht das z. B. mit dem heiligenbilde und dem zur Mumie zusammengeschrumpften Körper des h. Spyrodon auf Korfu. (Fortsetzung folgt.) Erinnerungen eines alten Mannes. von Dr. Kappesser. l5. Ein Volksgericht. (Schluß.) Eine charakteristische Wahrnehmung konnte ich übrigens noch in jüngster Zeit machen, als ich vor etwa zehn Jahren noch einmal die alte Heimat aufsuchte und auf kleinen Spaziergängen alte Erinnerungen auffrischte. Ein solcher Gang führte inich auch auf den alten jüdischen Friedhof, der für die Volksgenossen auf mehrere Stunden Wegs der Umgegend dient. Da fand ich anstatt der altgewohnten orientalischen Steinplatten mit hebräischen Inschriften auf einem neueren Teil Denksteine modernster Nrt in Urnen- und Säulenform, wie man sie jetzt auf christlichen Legräbnisplätzen sieht. Nus einem dieser Steine stand in deutscher Sprache, daß der hier Begrabene der p. t. Müller von Jugenheim sei. Nuf Erkundigung hörte ich, daß das ein dortiger Bürger und Hausbesitzer gewesen sei, der Produktenhandel, besonders mit Honig betrieb, den ich aber nie anders hatte nennen hören als „der Jure" (Jude). Sein Vorfahre hatte wohl in der Zeit, als das neue französische Gesetz auch den Israeliten die Wahl eines Familiennamens zurpflicht machte, sich diesen sehr verbreiteten Namen gewählt, der aber, weil so gar nicht semitisch, von den Dorfbewohnern nicht als berechtigt angenommen wurde, weshalb man seinen Träger einfach nach seiner Nbstammung benannte. Gegen die vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts war ein israelitischer Bewohner zu Partenheim, der sich in der Welt umgetan hatte, ich kann ihn nur nach seinem volkstümlichen Namen „der Jesel" bezeichnen, in seine Heimat zurückgekehrt und hatte dort Neues, wenn auch nicht immer Lobenswertes, aufgebracht. Es war in der Zeit, von der ich in der Geschichte vom „Spatzenkrieg" berichtet habe, da durch nicht immer zweckentsprechende Negierungsverträge besonders für die rheinhessischen Bewohner eine Beschränkung der Nbsatzgele- genheit ihrer Produkte, besonders des Weinbaus, entstanden war, wodurch besonders die vorherrschend mit letzterem beschäftigten Drte ins Gedränge kamen, zumal bei mangelndem Kredit. Venn da mußte oft ein gutes Weinjahr für mehrere Fehljahre aufkommen und gegenseitige Hilfe für die Schwachen, wie sie jetzt die winzervereine bieten, gab es damals nicht. Schlimm war es noch, daß einzelne, auch christliche vorfinsassen in richtiger Beurteilung der Zeit, statt mit ihren Ersparnissen ihren Grundbesitz zu mehren, sie lieber an weniger begünstigte Mitbürger zu nicht immer christlichen Zinsen ausliehen. Für solche scheint der genannte Handelsmann, der ja selbst keine Kapitalien besaß, eine bequeme Deckadresse gewesen zu sein. Da war nun damals zu Jugenheim ein Schneiderlein, den man, weil er ziemlich unter dem Maß geblieben war, mit dem Kosenamen der „Gumperich" benannte. Trotz seines niedrigen Wuchses gingen seine Gedanken hoch hinaus. Er hat in frühester Zeit, so gut er es von seinem Vater gelernt hatte, denn in eine fremde Werkstatt hatte er nie geschaut, für mich und meine Brüder aus Stoffen, die man von Mainz mitbrachte, die Kleider gemacht, die auf das wachsen eingerichtet waren und bei denen manchmal Zweifel entstehen konnte, wa; vorn und was hinten war. Klein Vater hat ihm manchmal während der Lese den Ertrag seines Wingerts gegen bar abgekauft, wobei es meist nicht ohne Zank abging, weil verdacht entstand, daß dem Ertrag mittels Wasserkanne aufgeholfen worden sei. Das Zuckern kannte man damals noch nicht. Dieser kleine Streber fing dann Geschäfte mit dem genannten Geldgeber an und ließ sich auch verleiten, sein er- 43 erbtes Häuschen, das sonnig und frei am Vachufer lag, gegen eine größere hofreite zu vertauschen, welche abgelegen, am Ende einer nach Norden gerichteten Lackgasse liegend, unmittelbar an den damals noch dicht mit Tffen (Riijtern) bestandenen Dorfgraben grenzte. 3n kurzem war der Gumperich aber so verstrickt, daß ihm die Rehle zuging und er seine habe dem Geldgeber zu eigen überlassen mußte. Ts geschah das etwa um das Jahr 1850. Lolch grausame Rbschlachtung eines eingesessenen Grtsbürgers, wenn man auch im übrigen sein unkluges Gebaren nicht billigte, machte aber doch einen üblen Eindruck bei der gesamten Vevölkerung, zumal bei dem Gedanken, daß so eine gefährliche Persönlichkeit sich im Grt jetzt festsehen werde. Da geschah etwas Rußergewöhnliches: In einer Nacht entstand in der abgelegenen, jetzt leer stehenden hofreite ein unheimliches Numoren. Neugierige, welche sich nähern wollten, wurden mit Schelten und Drohungen verjagt, und am andern Morgen bildete das ganze Gehöft nur noch einen Trümmerhaufen. Logar der gewölbte Torbogen lag auf der Lrde. Ls sollen starke Männer mit einem Durchzugsbalken auf den Lchultern wie mit einem antiken Mauerwidder im Taktschritt gegen die gemauerten Pfeiler angerannt sein, bis sie umstürzten. Rndern Tags kam der Friedensrichter mit Gendarmenbegleitung zur Untersuchung. Da war aber niemand, der etwas gesehen hatte, zumal ja, wie gesagt, die Neugier mit Gewalt fern gehalten worden war. Ruch eine Haussuchung bei einigen verdächtigen nach verschleppten Vaumaterialien verlief erfolglos. Ts sollen damals ganze Valken zwischen den Mngertzeilen eingegraben gewesen sein. Nach und nach scheint sich, zumal in der damals politisch bewegten Zeit, die Zache im Land verlaufen zu haben, wenigstens habe ich nie von Vestrafung eines Lchuldigen gehört. Jahr und Tag nachher aber, ich weilte gerade in den Herbstferien zu Hause, ereignete sich wieder etwas Merkwürdiges. Ls war an einem Lamstag abend. Meine Litern hatten sich schon zur Ruhe begeben, und ich war im Vegriff, es ihnen nachzutun, da hörte man plötzlich auf der Straße Lärm, und auf mein Fragen erhielt ich Vescheid, daß das Häuschen des Itzig an der Unterpforte brenne. U)ie ich dann dorthin kam, fand ich nur eine schreiende Menge, auch die Feuerspritze war da, aber von Feuer sah man nichts. Ich ging dann wieder nach Hause zum Schlafen, und am andern Morgen hörten wir, daß die Feuerlöscher, die sich gleichsam gefoppt sahen, das ganze Häuschen dem Erdboden gleich gemacht hatten. Rus den erregten Reden, welche ich an jenem Übend gehört hatte und weiteren Nachfragen habe ich dann das folgende zusammengestellt: wie anfangs der dreißiger Jahre auf Rosten der Gemeinden die Landstraße von der Napoleonschen Heerstraße bei Nieder-Glm ausgehend nach Jugenheim und eine kurze Ltrecke darüber hinaus hergestellt und damit, wenn auch mit einem Umweg, eine notwendige Verbindung mit der Provinzialhauptstadt Mainz geschaffen werden sollte, da fielen den Launen des staatlichen Vauleiters, der auch sonst recht schrullenhaft sich gebärdet haben soll, die beiden überbauten Dorfeingänge, die Gber- und die Unterpforte, zum Gpfer, die nach den Verichten älterer Leute einen malerischen Zugang durch die damals größtenteils noch erhaltenen und dicht mit Rüstern bepflanzten Dorfumwallungcn gebildet hatten. Sie mußten als angebliches Verkehrshindernis abgerissen werden, obgleich sie dem damaligen Verkehr noch lange genügt haben würden, zumal die neue Ehaussee für die nächsten 50 Jahre eine kurze Strecke oberhalb des Dorfes im freien Feld endete. Die überbaute Gberpforte hatte einem Schuhmacher und seiner zahlreichen Familie als lvohnung gedient, der sich dann daneben ein kleines Häuschen erbaute, aber den Namen: der Gberpörter Schuster behielt. Ich halte ihn im Gedächtnis als eines der frühesten Gpfer der Pest, genannt Frankfurter Lotterie, welche sich damals in Rheinhessen, besonders in den weinbautreibenden Grten ausbreitete und so viel trauriges Unglück angerichtet hat, ein Rapitel, das auch noch als Ergänzung bei meinen „Dorftragödien" Platz finden könnte. Neben der ehemaligen Unterpforte war dann ein einstöckiges Häuschen mit einigen Rammern unter dem Ziegeldach gebaut worden, das, so lange ich zurück denken Kann, im Besitz eines jüdischen Geschäftsmannes war, der sich und die Seinen mit Rälberhandel ernährte, und von dem ich nur noch den Namen „der Itzig" behalten habe. N)ie einmal in einem Sommer ein vaganter Tanzmeister in das Dorf kam, der unsere Jugend in die Runst Terpsichores einzuführen versprach, da waren seine Tochter, etwa zwei Jahre älter als ich und ein stattliches Frauenzimmer, das sich städtisch kleidete, und einige ihrer Glaubensgenossinnen die Hauptteilnehmerinnen. Später gingen seine Heranwachsenden Söhne nach Rmerika, wo sie gutes Ruskommen fanden, und die Schwester folgte ihnen nach. Dem Vater scheint es dann kratzig gegangen zu sein, so daß er in Schulden geriet und zuletzt sein Häuschen dem Hauptgläubiger, dem genannten Jesel, überließ und seinen Rindern übers lvasser nachfolgte. Jetzt war also wieder Gefahr, daß der Gefürchtete im Grt Fuß fassen werde. Er hatte diesmal zur besseren Bewahrung seines Besitzes einem herabgekommenen Schreiner Unterstand darin gewährt, der sich mit seiner Familie und seiner Hobelbank in den Rammern unter dem Dach einrichtete. Me gesagt, ich war gerade wieder in Ferien zu Haus, und wieder an einem Samstag abend entstand auf der Straße Lärm und eiliges Rennen und auf meine Frage hörte ich: dem Itzig sein Häuschen an der Unterpforte brenne. Ich begab mich dahin und traf dort eine Ulenge, die, wie gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten, unverständig durcheinander schrie. Ruch die Dorffeuerspritze war schon da, aber von Feuer sah ich nichts. Ich hörte dann, ein noch spät vorbeigehender habe durch die Ritzen der Türe Feuer gesehen und sofort Lärm gemacht und mit Hilfe von herbeigeeilten Nachbarn dasselbe im Entstehen erstickt. Ulan habe dann auf der Treppe und in den unteren Stuben Hobelspäne, die zum Teil angebrannt waren, gefunden, und sofort erhob sich ein Geschrei über Brandstifter, welche wegen Profit das ganze Dorf hätten in Gefahr bringen wollen. Rm meisten lärmte der zeitweilige Insasse, daß man ihn und seine ganze Familie habe ins Unglück bringen wollen. Da das Dach übrigens nicht viel über Nlanneshöhe lag, wäre die Gefahr nicht allzugroß gewesen. Jedenfalls war der Feuerrufer schneller als der Brand. Ich begab mich dann zur Ruhe, hörte aber am andern Morgen, daß die Löschmannschaft, vielleicht erbost, weil sie sich gefoppt hielt, wieder nach bekanntem Muster das ganze Häuschen dem Erdboden gleich gemacht hatte. Ruch diesmal scheint die Untersuchung keinen Schuldigen gefunden zu haben, lve- nigstens habe ich auch diesmal nicht gehört, daß jemand deshalb gestraft worden sei. vielleicht lag es in mehrfachem Interesse, nicht allzusehr nach einem Schuldigen zu forschen. Neben der Brandstelle, die ja eigentlich keine war, hat dann mein Freund Heinrich Maul den Gasthof zur Traube erbaut, dessen Dach mir noch manchmal, wenn ich die alte Heimat besuchte, freundliche Herberge bot. 44 - Ich habe später in alten Schriften gelesen, daß im achtzehnten Jahrhundert in den politisch so zerfetzten linksrheinischen Landen eine Art Lund bestand, der einigermaßen als Ueberrest der alten Lehme gelten Konnte, am meisten aber Sehnlichkeit hatte mit dem oft geschilderten Haberfeldtreiben im altbaperischen Gebirge. So erzählte ein Ingelheimer Rrzt, hofrat Dr. Fritschler, in den 1860er Jahren im „Ingelhei- mer Blättchen", daß um 1760 herum zu Bubenheim ein Einwohner gewesen sei, von dem die Rede ging, daß er es nicht verstünde, die IVürde des Hausherrn und (Oberhauptes der Familie zu wahren. Da hätte sich in einer Nacht eine Menge, darunter viele aus benachbarten (Orten, vor seinem Hause aufgestellt, die unter greulichem Lärmen und dem Rbsingen von Spottversen ihn an seine Mannespflicht erinnerten und zum Zeichen hätten sie ihm einige Ziegel vom Dach abgedeckt. Wie aber nach einiger Zeit es sich ergeben habe, daß die Ermahnung ohne Erfolg geblieben sei, da habe sich das Ereignis wiederholt. Diesmal sei ihm aber das ganze Scheuerdach abgedeckt worden. Ich habe schon früher einmal in meiner Erzählung vom 1848er Jugenheimer Tintenkrieg darauf hingewiesen, wie gewisse Ideen und Erinnerungen jahrhundertelang in der Volksseele schlummern wie Samenkörner in einem tiefen Lee, und dann plötzlich zu neuem Leben heraufsteigen. So scheint die Erinnerung an Dinge, welche fast ein halbes Jahrhundert vor der französischen Revolution sich abgespielt haben und von denen kein Mensch mehr sprach, den Rnstoß zu solch eigentümlicher Selbsthilfe einer ganzen Dorfgemeinschaft gegeben zu haben. Zrühlingswehen. Eine Erzählung von Hanna Rrüger. (Schluß.) Ts gibt leuchtende, makellose Werte im Walten des Schicksals, die eine Brücke spannen von Menschenherz zu Men- schenherz, eine greifbare Brücke, die nicht wie ein Nebelgebilde beim Zutasten verrinnt, vertrauen und Gemeinschaft heißen die Werte: Gemeinschaft im Denken und Fühlen, gemeinsames vertrauen im handeln und im Bekenntnis. Dazu gesellt sich als Dritter der Glaube: an den Wert des anderen und an sich selbst, und der Glaube an eine unauslöschliche Unvergänglichkeit, die schon in das Trdenleben hineingewoben und darinnen verwurzelt ist! So standen die Dinge bei den jungen Leuten, und darum ist es nicht zu verwundern, daß Elisabeth und Ernst schon beim ersten flüchtigen Rennenlernen Rameradschaft miteinander schlossen. Die Bekanntschaft der Rinderzeit ist nicht gut zu rechnen. Der Mensch entwickelt sich am meisten in den Rindheitsjahren. Jeder Tag bringt einen Fortschritt und einen Verlust,' jeder Tag zeigt aber auch ein neues Gepräge und eine veränderte Form in dem wundersamsten Werk des göttlichen Schaffenswillens, in dem Menschengebilde! — Frohsinn und Tateifer erhielten in der Folgezeit nun erst die rechte Weihe. Die Freundinnen nahmen auch ferner daran teil. Die Stunden aber mit dem Freund allein in der Werkstatt und auf Spaziergängen oder in dem kleinen Hof am Haus, von alten Bäumen bestanden und beschattet, waren geheiligt! - „Das Mitleid ist manchmal furchtbar schwer, wenn man so gar nicht helfen kann, weil die Umstände sich dagegen stemmen und der menschliche Wille selbst sich widersetzt. Vas ist am allerbittersten zu tragen, das letzte! wenn dieser Wille zu seiner trotzigen Festigkeit erst langsam gezwungen wurde! Mein Vater ist ein Beispiel dafür,' wissen Sie keinen weg und Rat, daß seine Runst mehr anerkannt würde?" Elisabeth strich vorsichtig, wie prüfend, über den Kühlen roten Sandstein des Grabmals, das im Hofe seiner Bestimmung harrte, und heftete nun den Blick auf den Strauß Schneeglöckchen, der in der kleinen, in den Stein gehauenen Nische, dem Rltar des liebenden Gedenkens, frühlingszuversichtlich blühte. Ernst hertwig schlug die dunklen grüblerischen Rügen auf, als die Frage an ihn gerichtet wurde. „Fräulein Elisabeth, nicht wahr, Sie denken an den lauten Ruhm und die verdienten öffentlichen Ehrungen, die Ihrem Vater versagt werden, ich weiß, Sie vertrauen meinem Wort, wenn ich sage, daß es ein Glück ist, daß Ihr Vater in der Stille wirken darf! Tr wäre den Stürmen, dem Wetteifern, kurz dem rastlosen, schier fieberhaften Rrbeiten und Neuern des Rllnstlertums der Jetztzeit nicht gewachsen. Seine feine Natur müßte sich aufreiben und in teuer erkauftem Siege dahinsiechen. Das wollen Sie doch nicht? Etwas anderes ist es bei Ihrem Bruder. Jung und stark, ein Feuerkopf, in vollem blühendem Leben stehend und empfindend, wird er das Ziel erringen, und ehrlich, in stetem Rnsporne, es immer weiter stecken, bis er in der Ewigkeit die Vollendung findet!" Ernst hatte sich warm gesprochen und schwieg nun tiefatmend. Elisabeth sah ihn dankbar an: „Sie haben Recht, nun sehe ich es auch ein, daß der stille Friedhof ein gefahrloserer und heiligerer Boden für Vaters Schaffen ist. Meine Liebe zu ihm hat mich auf einen Irrweg geführt, haben Sie warmen Dank für Ihr Wort, das mich zurechtgewiesen hat." Ernst hertwig sang und pfiff, während er zeichnete, droben im gemeinsamen Freundesreich. Rifred sah ein paarmal verwundert zu ihm hinüber. Schließlich stand er auf und stellte sich hinter den Freund. „Ja, sag mal, macht dich der haur- plan, den du da entwirfst, so vergnügt? Ernst, hörst du?" Ernst war in Träumen versunken. - „Du, sei mal aufrichtig und gib mir klare Rntwort. Nicht wahr, du stellst dir etwas ganz Bestimmtes beim Entwerfen vor und kopierst gewissermaßen das Bild, das in deiner Seele steht: habe ich Recht? Und wie es dahin kommt, verrätst du mir später." Rlfred war unermüdlich, doch eine Rntwort bekam er nicht. Tr erreichte bloß, daß der Freund den Bogen mit dem Entwurf zusammenfaltete und zur Geige griff, der Trösterin und - Verräterin. Elisabeth hob den Ropf, als die Geigenklänge sehnsüchtig und fragend am geMneten Fenster vorbei schweiften und auf den Frllhlingswinden in die Ferne zogen. Ihre Rügen rüsteten sich: Wartet, weilet, wir ziehen mit euch ! So groß waren Elisabeths Rügen geworden, so weit. Sie konnten eine ganze große blütenschwere und -prangende Liebe fassen und festhalten. Die Hand spielte mit dem Meißel, und die kleine feine Nymphe, die Elisabeths Züge trug, stand allein und konnte sich ungestört in der flutenden Frühlingssonne baden. Und dann ward die vergessene auf einmal die Ursache zu einem seligen Liebewerben und -gewinnen, in einem Lied, wie es immer frisch und immer neu und froh klingt und singt, solange es eine Erde gibt und solange Menschenkinder die Erde lebendig und gabenreich machen! - Rch, der Mund der jungen Elisabeth hatte nicht lügen können, als der Liebste so eindringlich fragte! Wie sollte das Figürchen für den Bruder sein! hatte ihr Herz doch ständig an den Freund gedacht, derweil die Hände Linie für Linie, Form für Form gestalteten und bogen. Wie zwei liebeselige Menschlein doch küssen können! Die Werkstatt wandelte sich in einen Himmel. War das ein Flüstern und ein Raunen, 45 ein Kegen undSich-Bewegen in dem leblosenGestein bcrKunft, als würde es getrieben, geschwellt und auf und nieder gesenkt von einem pochenden Herzen. Und das alles tat und zauberte eine große und tiefe Neigung zweier glücksfroher Menschenkinder ! — Gottseidank bewahrheitet es sich nicht immer, daß ein großes, zu sonniges himmelsglück trostloses Dunkel und ein zerbrochenes Erdendasein schafft, indem es plötzlich scheidet und ins Grab sinkt! (l)ft aber will eine weise Vorsehung das Glück vor Elend und aller Schande behüten. Oft ist das Glück zu zart und himmlisch, um in der kalten Welt fortblühen und bestehen zu können! Großes war in Elisabeths Leben getreten. Mit einer Krone von perlen und edlem Gold schmückte sie ihr Glück, ehe sie zum letzten Schlummer vor demparadieses-Erwachen die müden Glieder streckte. Sie sollte die peri in Schumanns herrlicher Tondichtung singen. Lange hatte sie gezögert. Nun gab ihr die Liebe eine ungeahnte Kraft und Freudigkeit. Sie lebte ein starkes, heldenhaftes Leben in der Zeit des Uebens, und leise, ungewollt und unbewußt, zerrannen dabei ihre Kräfte und welkten dem Grabe entgegen. Nie war Elisabeth froher und teilte mehr Freuden aus, als in dieser Zeit. Sie sang und jubelte und sog die Schönheit der Berge und der weiten Miesen, die der Strom umspielte und bewässerte, in sich ein. Sie trank das himmelslicht und reifte für die Ewigkeit, während sie sich vom Erdendasein loslöste. Ernst hertwig ahnte schmerzlich, daß sein Glück zart und erdenfremd war und wußte es ganz gewiß von dem Nugenblick an, als fein Lieb auf der Empore stand im strahlenden Kerzenlicht und seine Stimme schon, wie eine erlöste Seele, über die lauschende Menge flog, unaufhaltsam himmelwärts. Er war nicht unglücklich, nur traurig darüber. „Liebster, traurig darfst du sein, das tut mir wohl, bloß nicht verzweifeln, wenn ich einst von dir fort- gehen muß. Sieh' Schatz, du würdest ja meine Kühe mit deinem Jammer stören. Denke, wie glücklich wir waren und bleiben werden, denn unser Glück kann ja nicht mit unserem leiblichen Leben dahinsterben und verstummen!“ So hatte Elisabeth zu ihm gesprochen, und daran mußte er denken, während die dankbare und begeisterte Menge um ihn jubelte und Beifall klatschte. Er saß mitten unter ihr als ein Einsamer und Stiller. Tr sammelte jeden Ton in seine Herzkammer für lange schweigende Tage und sargte sein Leben ein, das Leben, das von der Braut Blut und Kraft empfing, und begann schon jetzt im Vorsatz und Geist das Dasein für die Un- deren in pflichttreuer Arbeit, in wunschloser Mitfreude, in dankbarem, köstlichem Erinnerungsleben. Elisabeth, seine Lebenssonne, würde einst an der Pforte vom Tod zum Leben auf ihn warten, und an ihrer Wärme durfte er dann gesunden und vom freundlichen Sich-Loslösen vom Sch und eigenen Sein zu fröhlich empfangender Wonne schreiten! „In Edens Garten, wo liebende Seelen deiner warten dich ew'ge Wonne umfließt, — sei uns willkommen, sei uns gegrüßt." Das war die Krone, das Geschenk. Wie sie leuchtete, frohlockend, verheißend, und der Glanz glomm und blinkte unvergeßlich, unauslöschlich. Wie der Tag entschwand und die lange tiefe Nacht anbrach. — - Elisabeth!---Siehe, das Licht der Erfüllung ist dir frühe entzündet worden! Die Schneeglöckchen nicken und wiegen sich unter dem leicht gesenkten Mädchenkopf, auf ihrem Grab in Hochrelief aus dem Stein heraus geschnitten, und grüßen und läuten lieblich im Nuferstehungswehen, in leise säuselndem Frühlingswehen. Ein pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) Dann sagte er nichts mehr. Junge Burschen sangen draußen vor dem Dorfe, aber so, daß man es in der Stube auf dem Gemeindehause hörte, die Wacht am Nhein. hell und Klar schmetterten die Töne: „Fest steht und treu die Wacht am Nhein, die Wacht am Nhein." Leute riefen auf der Dorfstraße einander etwas zu, aus den Ställen Kam das dumpfe Brüllen der Kühe, da atmete der fremde Soldat noch einigemale, dann war der letzte Ntemzug entflohen. Drei Tage später wurde er bestattet. Die ganze Gemeinde geleitete ihn zur ewigen Buhe; denn der Pfälzer, mag er auch aufbrausend und leicht erregbar sein, hat ein mitfühlendes Herz. Wir Schulkinder sangen unter der Leitung des Lehrers Winterstein: Jesus, meine Zuversicht und mein Heiland, ist im Leben. Pfarrer Weber sprach über das Bibelwort: „Denn die solches sagen, die geben zu verstehen, daß sie ein Vaterland suchen. Nun aber begehren sie eines besseren, nämlich eines himmlischen." Tr schilderte, wie der fremde Soldat, gehorsam seiner Pflicht, seine Heimat verlassen habe, um für das Vaterland zu streiten, wie ihn Gott fern von den Seinen habe sterben lassen, um ihn in das bessere, nämlich in das himmlische Vaterland zu bringen. Gleich nach dem Nbscheiden des lNannes hatte mein Vater alles, was er bei dem Toten gefunden hatte, seine Geldbörse, seine Uhr, sein Notizbuch zu Bürgermeister Nodenbecher gebracht, damit der der Familie die Sachen zustellen solle. Leider kannte man nicht deren Wohnort, aber man kannte den Truppenteil des Toten. In seinen Kleidern waren Schildchen eingenäht mit der Bezeichnung: „Füsilier Hansen 2/86." Der Tote hatte somit bei der zweiten Kompagnie des Füsilierregimentes Nr. 86 gestanden. Nn diesen Truppenteil sollte geschrieben werden. Nodenbecher versprach, alles zu besorgen, und sagte zu meinem Vater: „Der Honeck macht alles, der hat einen gescheiten Kopf. Geh nur heim, mein lieber Hannes, es wird alles gemacht." — Wiederum drängte die Nrbeit. Der Hafer wurde gebunden und heimgebracht, das Grummet wurde gemäht. Das Futterholen nahm jeden Tag geraume Zeit in Nnspruch. In dieser Zeit holen die Leute in der dortigen Gegend auch das Holz für den Winter aus dem Walde. Das war für mich immer eine Lust, wenn ich mitfahren durfte. INit unseren Kühen konnten wir das nicht machen, darum lieh sich der Vater zum holzfahren das Fuhrwerk des Nachbars Gerhäuser. Das war doch ein anderes Handwerk, wenn der Wagen von zwei starken, mutigen Pferden gezogen wurde, als wenn die Kühe gemächlich ihren Gang dahintrotteten und sich nicht aus ihrer Nuhe bringen ließen. Stolz saß ich diesmal zwischen dem Vater und dem Bruder Fritz, der das Fuhrwerk lenken durfte. Gar zu gern hätte ich selbst Leitseil und peitsche in den Händen gehalten, um mich den Leuten als geschickten Fuhrmann zu zeigen, aber der Vater sagte: „Bub, mach keine Geschichten, wie kann ich dir das Fuhrwerk anvertrauen. Wenn dir die Gäule durchgehen, so gibt es ein Unglück." „Vater, warum kaufen wir uns keine Gäule? Nlit dem Hornvieh, das ist doch ein schlechtes Fahren. Wenn der Bel- mont von Ulzep oder der Simon von Kreuznach noch einmal in das Grt kommt, so sag ihm doch, daß er uns so ein paar Braune in den Stall stellt!" Der Vater und Fritz lachten, und der erstere sagte: „Ja, Peter, wenn du mir das Geld für die zwei Braunen gibst!" 46 „Weißt du, Vater, was ich tue," erwiderte ich, „ich kaufe mir beim Lippert ein Los und dann gewinne ich damit so viel Geld, daß du zwei Gäule kaufen kannst." „Das ist recht, Peter, tu' das nur!" >,,Ia, Vater, du mußt mir aber das Geld für das Los geben." „Dafür habe ich kein Geld, frage einmal deinen petter, der schenkt es dir vielleicht." So nahm ich mir denn vor, bei der nächsten Gelegenheit dem petter meinen Wunsch vorzutragen. Im Geiste hörte ich die beiden Braunen schon im Stalle wiehern, und ich sagte: „Bber, Vater, ich darf die Gäule doch jeden Tag putzen?" „Du würdest das putzen bald satt Kriegen," gab der Vater lachend zur Antwort. Wir hatten weit zu fahren, um an die Stelle zu kommen, wo da; vom Vater ersteigerte Holz lag. Tr war dies in der Nähe der Mordkammer am westlichen Bbhange des Donners- berges. So heißt nämlich eine Bergschlucht zwischen Marien- thal und Falkenstein, die ringsum von hochstämmigen Buchen umgeben ist. Woher der schauerliche Name stammt, weiß ich nicht zu sagen, vermutlich hat hier in alten, grauen Zeiten, vielleicht im dreißigjährigen Kriege oder noch viel früher, in der Zeit der Völkerwanderung ein blutiger Zusammenstoß zwischen zwei kriegführenden Parteien stattgefunden, vielleicht haben reisige Scharen hier im Wiesengrunde friedliche Bewohner niedergemetzelt. Der trauliche Grt gibt davon keine Runde, die zwei (Quellen, die munter bergabwärts rinnen und bei Marienthal sich zum Bppelbach vereinigen, erzählen nichts von dem Wehklagen und Sterben der alten Zeit, vielleicht daß in der Erde, die sich dort so lieblich ausbreitet, noch die Gebeine der Erschlagenen ruhen und, wenn sie einmal durch den Pflug des Landmanns oder den Spaten des Waldarbeiters an das Tageslicht gefördert werden, von der Wildheit vergangener Tage reden. Wir mußten über Narienthal fahren, von hier aus ging es auf schmalen Feldwegen hinauf in die höhe zur Mordkammer. Bald hatten wir unseren Holzstoß gefunden. Der Vater und Fritz luden auf, und ich stand vorn bei den Pferden und wehrte mit dem Peitschenstiele so gut, als ich konnte, von ihnen die Fliegen ab, die sie massenweise umschwärmten. Still und einsam war es an der Stelle, wo unser Fuhrwerk hielt, vorher waren wir durch die sonnbeschienene, Helle Landschaft bergab und bergauf gefahren, hier, in der Mordkammer, war es dunkel. Die Sonne, die im Südosten stand, drang durch das dichte Laubwerk nicht hindurch. In fröhlichem Gespräch hatten wir vorher nebeneinander auf dem Wagen gesessen, nun auf einmal war die fröhliche Stimmung verschwunden. Reiner von uns redete. Tine schwüle Temperatur herrschte im Walde, mir war es, als ob ich gar nicht atmen könnte, ich verspürte einen schweren Druck auf der Brust. Und mit einem Male kam eine so unsagbar traurige Stimmung über mich. Ich war sonst nicht so, daß ich den Ropf hängen ließ, wir Uuppertsecker Buben überließen das Weinen den Mädchen, jetzt aber, mitten im grünen Walde, konnte ich mir vor Wehmut kaum helfen. Ich sah den armen, fern von seiner Heimat gestorbenen Niels Iwer Hansen, dann dachte ich an die Toten, die hier in der Mordkammer begraben lagen, schließlich konnte ich meine wehmütige Stimmung nicht mehr zurückhalten. Gerade als die Turmuhr in Marienthal IO Uhr schlug warf ich die peitsche weg, ließ mich auf den Waldboden fallen und weinte, von geheimnisvollem Schmerze erfüllt, laut vor mich hin. Erschrocken hielt mein Vater im holzaufladen inne und sagte: „Um Gotteswillen, Peter, was ist mit dir?" „Bch, Vater, ich weiß es nicht, mir schnürt es fast das Herz zusammen vor lauter Traurigkeit, ich kann mir nicht helfen, ich muß weinen." „Das ist die schwüle Luft, die hier herrscht, und dann sind die alten Geschichten daran schuld, die von der Mordkammer erzählt werden", gab der Vater zur Bntwort und wollte sich weiter daran machen, dem auf dem Wagen stehenden Fritz das Holz hinaufzureichen. Uber gleich hörte er wieder mit der Brbeit auf, setzte sich auf einen Baumstrunk und sagte: „Mir ist es auch so sterbensangst zu Mut. vorhin bin ich auf den Tod erschrocken,' denn er war mir, als ob eine große Menge Menschen dahinten durch den Wald stürme,' es waren lauter Soldaten, die das Gewehr in der rechten Hand trugen. Ich hörte die Trommel rasseln, dann war alles wie Bauch vor meinen Bugen." Mein Vater, der starke Mann, stöhnte laut auf wie ein Mensch, der von einem schweren Schicksalsschlag getroffen ist, und blieb, indem er den Ropf in die Hand stützte, auf dem Baumstrunk sitzen. Ich weinte laut vor mich hin und wußte doch gar nicht zu sagen, warum ich so traurig sei. Der einzige, der seine Fassung behielt, war Fritz. Ich hörte ihn sagen: „Ihr seid traurig, weil der fremde Soldat in der vorigen Woche gestorben ist, aber wenn wir nicht bald mit dem Bufladen fertig sind, so kommt noch ein Gewitter über uns, und wir werden naß bis auf die haut." Da stand der Vater wieder auf und begab sich weiter an die Brbeit. Buch ich erhob mich und trat wieder zu den Pferden. Langsam, wie der Nebel am Septembermorgen von der Flur weggeht, so wich der Schmerz von meiner Seele, und beim Nachhausefahren konnte ich gar nicht mehr begreifen, was mich so traurig gemacht hatte. - Bm dritten oder vierten Tage darnach, in der Mittagsstunde, als wir gerade vom Grummetmachen nach Hause gekommen waren, kam der Gemeindediener in unseren Hof und sagte zu meinem Vater, er solle gleich einmal zum Bürgermeister kommen. „Was wird das schon wieder sein?" sagte der Vater, „mein letztes Steuerziel habe ich doch richtig bezahlt, und ich bin doch keinem aus der Gemeinde über seinen Bcker gefahren." Wie er gerade war, in Hemdärmeln, ohne einen Bock anzuziehen, ging er weg. Weder er, noch wir anderen ahnten, daß das der schwerste Gang sein solle, den er in seinem Leben gemacht habe. Bls er zu Bürgermeister Bodenbecher kam, lief dieser aufgeregt in seiner Stube hin und her. hinter dem Tische saß der Greffier Honeck und schrieb, beim Eintreten des Vaters legte er die Feder aus der Hand. „Es ist eine Rarte angekommen, Hannes, es ist eine Rarte angekommen", sagte Bodenbecher, nahm die Brille ab und setzte sie wieder auf, aber er wußte nicht, wie er seine Bede fortsehen solle. „Honeck, sagt Ihr doch dem Hannes, was auf der Rarte steht!" mehr brachte der alte INann nicht heraus. Bbcr auch der Honeck fand keine Worte. Langsam stand er auf, nahm eine auf dem Tische liegende Rarte und reichte sie dem Vater, der mir und den Meinen diesen Vorgang später so oft erzählt hat, daß ich ganz genau weiß, was sich damals in der Stube des Bürgermeisters zugetragen hat. Es war eine Feldpostkarle. Bus der Vorderseite trug sie den Stempel: „Röniglich Bayerisches Infanterie-Leibregimcnt, 47 5. Kompagnie", die Adresse lautete: „An die Königliche Bürgermeisterei Kuppertsecken in der Kheinpfalz Bayern." Aus der Kückseite stand: „ver aus Kuppertsecken gebürtige Gardist Georg Wiltinger ist am 1. September in der Schlacht bei Sedan gefallen." Unterzeichnet war die Karte: „Gstermayer, Feldwebel." — Beim Mederschreiben dieser Zeilen zittert mir heute, nach 42 Jahren, nach die Hand, ver Vater ist damals nicht ohnmächtig zusammengesunken. Dazu war er viel zu stark, stark nicht nur am Körper, sondern auch in seinem Seelenleben. Aber kein einziges Wart hat er gesagt. Ohne Adieu zu sagen, ging er aus dem Hause des Bürgermeisters, heute nach meine ich ihn zu sehen, wie er die varfstratze her kam, hemdärmelig, mit etwas steifen Schritten infolge der vielen Feldarbeit, ganz blaß im Gesicht. Die verhängnisvolle Karte trug er in der rechten Hand. Soll ich den Jammer schildern, der damals unser Haus erfüllte? Sch vermag es nicht, das, was nun schon so lange in der Vergangenheit ruht und was vorüber ist, wieder neu aufleben zu lassen, nur einige kurze Angaben will ich machen, damit meine Kinder und Enkelkinder später einmal wissen, was ihre Vorfahren für schwere Lrdenschicksale getragen haben. Die Mutter war am Herde ohnmächtig zusammengesunken und wurde von rasch herbeigeeilten Uachbarsfrauen zu Bett gebracht. Als man sie mit Essig gewaschen hatte, kam sie wieder zu sich. Laut hallte ihr Klagen um den ältesten Sohn durch das Haus. Stumm saß der Vater in der Wohnstube am Tische, seine Hand ruhte auf der Kante, kein Wort erwiderte er den Leuten, die aus den Nachbarhäusern herbeigekommen waren. Meine Geschwister liefen, laut weinend, hin und her, ich verkroch mich in der Scheuer in das Stroh, gleich einem verletzten Tiere, das sterben will. In der Dunkelheit, unter den Strohbündeln, über mir die Dachziegeln und das Balkenwerk, so ließ ich meinem Schmerze freien Lauf. Als ich am späten Nachmittag wieder in das Haus zurückkam nahm mich der Vater an der Hand und sagte: „Jetzt weiß ich auch, Peter, warum wir beide, als wir das Holz in der Mordkammei holten, so traurig gewesen sind. Das war in der Stunde, als dein Bruder gefallen ist. Ich habe ihn und sein Regiment durch den Wald stürmen sehen, und der Kauch, der um die Stämme flatterte, war der Pulverdampf der Schlacht und der Kauch von den brennenden Häusern. Wir haben eine Ahnung gehabt, sein Sterben hat sich uns angezeigt." viel später, als der Feldzug zu Ende war, hat ein Kompagniekamerad unseres Bruders, der aus Nlünsterappel gebürtig war, uns ausführlich den Sachverhalt mifgcteilt. Georg war morgens um 10 Uhr bei dem Sturm auf Bazeilles gefallen, er war durch die Stirn und durch die Schulter getroffen worden. Kurz darauf ging Bazeilles in Flammen auf. In derselben Stunde war er gefallen, da ich in der Mord- kammer auf der Erde gelegen hatte und der Vater die Soldaten durch den Wald hatte stürmen sehen. Ich glaube, frei zu sein von allem Aberglauben, ich habe auch seit dem l. September 1870 keine Ahnungen dieser Art mehr gehabt, aber außer allem Zweifel ist, daß mich und meinen Vater genau in derselben Stunde eine unerklärliche Angst und Traurigkeit befallen hat, da Georg in der großen Feldschlacht sein junges Leben ausgehaucht und die französische Erde mit seinem Herzblut getränkt hat. Wir Menschen des 20. Jahrhunderts sind ungeheuer klug, den verborgensten Kräften der Natur sind wir auf die Spur gekommen, aber die Fäden, die sich von Seele zu Seele hinüberspinnen, und ihr geheimnisvolles Wesen sind für unseren Menschengeist noch unentdeckt. Wir merken wohl ihr Vorhandensein, aber nur Gott kennt ihr verborgenes Walten. (Fortsetzung folgt.) Worte zum Nachdenken. Alles in der Welt ist nur Uebergang. Wir müssen durch. Sorgen wir nur dafür, daß wir mit jedem Tag reifer und besser werden. Königin Luise. Ehristen sollen teilnehmen an dem versöhnenden Wirken ihres Herrn, indem sie Frieden halten, Frieden stiften in einer von Unfrieden zerrissenen Welt, indem sie die Kunst des vergebens und Nachgebens täglich üben und täglich bitten: Friedefürst, laß deinen Frieden stets in unserer Mitte ruhn! Sei mein Anker, der nicht bricht, Sei mein Stern und Helles Licht, Daß ich nie von dir mich scheide Noch am Glauben Schiffbruch leide! Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 15. Februar. Sexagesimä. Gottesdienst. In der Stadttirche. vormittags 9Vs Uhr: Professor D. S ch i a n. vormittags I l Uhr: Militärgottesdienst. Pfarrer Schwabe. Nachmittags 2V- Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeinde. Pfarrer D. Schlosser. Abends 5 Uhr: Pfarrer Schwabe. Abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Matthäusgemeinde. Dienstag, den 17. Februar, nachmittags 4 Uhr im Matthäussaal Frauenmissionsverein. Mittwoch, den 18. Februar, abends 8 Uhr, Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. Donnerstag, den 19. Februar, abends 8 Uhr, im Matthäussaal: Bibelstunde (Die Gesetzgebung auf dem Sinai). Pfarrer D. Schlosser. In der Zohannesiirche. vormittags 97s Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Abends 5 Uhr: Pfarrer Ausfeld. Beichte und heil. Abendmahl für Lukas- und Johannesgemeinde gemeinsam. Anmeldungen vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Abends y*8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukas- und Johannesgemeinde. Mittwoch, den 18. Februar, abends 8 Uhr: Bibelstunde im Lukassaal (1. Brief Petri). Pfarrer Bechtolsheimer. Freitag, den 20. Februar, nachmittags 4 Uhr: Versammlung des Frauenmissionsvereins der Lukasgemeinde. Nächstkünftigen Sonntag, den 22. Februar, wird in beiden Kirchen eine Kollekte erhoben zum Besten des Pfarrhausbaues in der armen evangelischen Gemeinde Bieber bei Gffen- bach a. N. 2€aul- rotfe sowie alle Arten von Hautunreinigkeiten, Hautausschlägen, wie BlUtchen, Mitesser, Finnen, Pickeln, Pusteln etc. veischw.durch tägl.Gebrauch d.echten 'fte&enpferd - Teers chroefel.-'feifo > r &r Ueberall zu haben. 48 ^Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Riiöolf Richter Bietzen, Marktstratze 24—26 hüte und Mühen Reichhaltige Auswahl. VilligePreise :: Rabattmarken. Reparaturen : : iZrdr. Seipel | — u> Markt 16 - / empfehle für die zchneidcrei \ Zpitzenstoffe :: vesatz ) Stickereien :: Spitzen \ Einsätze :: Norden ’ Hutter :: Knöpfe etc. sowie alle einschlägigen Artikel in grotzer Auswahl. i Extra-Rabatt f. Schneiderinnen > Carl Loos Kirchenplatz 13 u Telephon 797 Manufaktur- und Weitzwaren Herren- u. 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