Nr. 5. Bietzen, Sonntag Septuagesimä, 8. Februar 1914. 3. Jahrgang. Der Kampf um den Glauben. 1. Brief bes flpojtels Paulus an bie Korinther 9, 24-27. TOijfet ihr nicht, batz bie. so in ben Schranken lausen, bie lausen alle, aber nur einer erlanget bas Kleinob. Ein jeglicher aber, ber ba kämpfet, enthält sich alles Dinges; jene also, baß sie eine vergängliche Krone empsahen, wir aber eine unvergängliche. Es läßt sich kein Ziel, auch nicht das bescheidenste, in äußeren Dingen und im Beruf, es läßt sich keine Grundlage für eine wissenschaftliche Ueberzeugung, für irgend eine Lebens- oder Weltanschauung erreichen, ohne den Willen dazu. Und wenn bei all diesen Dingen, so verschiedenartig sie sind, irgend etwa Gescheites, etwas Gefestetes, Bleibendes herauskommen soll, muß sich zum Willen die Tatkraft gesellen, muß Energie vorhanden sein. Kein vernünftiger wird dies für fast die gesamten Lebensgebiete bestreiten; die schlichteste Erfahrung lehrt es ja. Bur Gott und dem Göttlichen, dem Heiland und dem Evangelium, dem Ueberweltlichen und Religiösen gegenüber glaubt man anders verfahren zu können. Ulan verschanzt sich da hinter den „Glauben", der nicht jedermanns Ding sei, wobei man unter „glauben" überdies noch ein möglichst verwässertes „für wahr halten" versteht, und redet sich damit heraus: „Ich möchte ja ganz gern glauben, ich kann nur leider nicht." Nein, mein Lieber, du willst einfach nicht! Du denkst, das höchste, was es überhaupt für das Menschen- dasein gibt, das Erleben Gottes, müsse dir gedanken- und mühelos im Schlaf beifallen; du hast keine Energie aufs Göttliche hin! Dabei ist die Busrede mit dem „nicht glauben können" noch besonders eitel Gerede. Ruf allen Gebieten des Geistes, der Wissenschaft wie der Lebens- und Weltanschauung, ist Glauben die unerläßliche Vorbedingung. Denn bei allen Disziplinen der Wissenschaft wie allen Systemen der Philosophie kommst du an eine Grenze, wo das Wissen aufhört und an deren Stelle die Voraussetzung, das Rxiom (in der Mathematik der nicht mehr beweisbare „Grundsatz"), die Prämisse, die Theorie tritt. Ohne sie ist kein physisches noch logisches Gesetz denkbar, auf sie ist alles gegründet, daher der Mensch recht eigentlich ein Glaubenswesen ist. Der Monist und Rlheist muß so gut glauben wie der Pantheist und Ehrist. Und nicht bloß beim Christen, sondern bei ihnen allen hängt die ganze Energie ihrer Ueberzeugung ab von der Energie ihres Glau- benwollens, Paulus hat in seiner heute vorliegenden wundervollen Stelle über die Energie aufs Göttliche hin die überzeugende parallele direkt dem — Sport mit seinem „Training" entnommen, wie er den Uorinthern von den weltberühmten Wettspielen auf dem Isthmus von Korinth besonders bekannt war und uns Modernen wieder besonders vertraut geworden ist. Und zugleich hat er damit das innerste Lebenselement auch aller echt evangelischen Energie verraten, die Selbstverleugnung. Es ist ergreifend, wie er in den vorausgehenden Kapiteln den Weg dazu beschreibt: Verzichtleistung auf Rechte, auf die er in der Gemeinde durchaus Rn- spruch hätte, Verzichtleistung selbst auf das, was er als das höchste des durch Jesus Gewonnenen preist, auf die Freiheit des Ehristenmenschen. Und dies alles, „um des Evangeliums willen, auf daß ich seiner teilhaftig werde". Darum weg mit der Phrase: Ich kann nicht glauben; sage dem, ders behauptet, mutig ins Gesicht: „Nein, du willst bloß nicht! Und warum nicht? Weil dir des Paulus Energie nicht gefällt: „Für einen ew'gen Kranz dies arme Leben ganz!"" Gietzen im ZOjährigen Kriege. (Schluß.) Die Schilderungen des leider unbekannten Verfassers, die wir in Ur. 2—4 des „Sonntagsgrußes" zum Rbdruck gebracht haben, geben ein anschauliches, wahrheitsgetreues Bild von den Drangsalen, die im ZOjährigen Kriege über die Stadt Gießen und ihre Nachbarschaft gekommen sind. Was wir hier vernehmen, das stimmt ganz mit dem überein, das aus anderen Teilen Deutschlands berichtet wird, namentlich mit dem, was Gustav Freytag uns in seinen „Bildern aus der deutschen Vergangenheit" in so fesselnder Form mitteilt. Eine Tatsache ist besonders bemerkenswert. Im ganzen verlaufe des Krieges ist die Stadt Dießen nicht ein einziges Mal von einer feindlichen Nrmee eingenommen worden. Mithin müssen sich ihre Festungswerke damals in gutem Zustand befunden haben, und ihre Besatzung tat allezeit ihre Schuldigkeit, hochinteressant ist die Schilderung der Belagerung der Stadt durch die Schweden im Jahre 1646 und ihre Errettung durch eine Naturkatastrophe. Wer denkt, wenn er das liest, nicht an die Errettung der Stadt Jerusalem von einer Belagerungsarmee, wie sie uns Psalm 46 in so ergreifender Weise schildert. Die 34 Ähnlichkeit der Lage hier wie dort ist so groß, daß sie jedem, der das machtvolle Gotteslied kennt, sofort in die Augen springt. Aber wenn Gießen auch nie den Feind in seinen Mauern gesehen hat, so hat die Stadt doch das Glend, das der große Krieg mit sich gebracht hat, in ausgedehntem Maße zu fühlen gehabt. Die Pest ist eingedrungen, wiewohl man pestver- dächtigc an den Toren zurückgewiesen hat, diese Leuche hat die Zahl der Bewohner sehr herabgemindert. Grauenhaft sind die Schilderungen der Hungersnot in den Jahren 1636 und 1637. wie der lang andauernde Krieg die Menschen verwildert hat, sehen wir an der entsetzlichen Art, in der der Knabe aus Wieseck, der seine Mutter ermordet hatte, hingerichtet worden ist. wir verstehen es, daß der hessische Bauer schließlich keine Lust mehr hatte, sein Feld zu bestellen, weil die Früchte allemale doch von feindlichen Soldaten geerntet worden sind, und daß er es vorzog, selber Soldat zu werden und sich von anderen Leuten ernähren zu lassen. Gustav Freptag weist auf diese Tatsache öfters hin, namentlich teilt er dabei mit, daß die schlimmsten Bänder die Troßbuben gewesen sind. Das waren die Zungen, die dem Heere zuliefen, die die Beiter bedienten und durch ihr unverschämtes Stehlen der Schrecken der unglücklichen Dorfbewohner gewesen sind. Daß die Heere damals einen großen Troß nachführten, nämlich Weiber, Kinder und Troßbuben, geht auch aus der Angabe hervor, daß man 1645 auf den Gleiberg 50 Soldaten mit Weibern und Kindern gelegt hat. Die Soldaten des 30jährigen Krieges waren zum größten Teile verheiratet. Daß ihre Familienglieder sich nicht durch gute Sitten auszeichneten, läßt sich denken. Nachdem in den ersten Zähren der Krieg in Böhmen geführt worden war, hatten von 1623 an auch die Bewohner Mitteldeutschlands sein Glend zu fühlen. Unwetter, Ueber- schwemmung, Mißernte machten das Wort wahr, daß ein Unglück selten allein kommt. Unsere Kriegschronik tritt der herkömmlichen Geschichtsbetrachtung in manchen Punkten entgegen. Diese, wie sie bis vor kurzem auch in den Schulen vertreten worden ist, teilt mit, daß der 30jährige Krieg im Zahre 1648 zu Gnde gegangen sei. Vas trifft nicht zu. Bis zum Zahre 1650 war Hessen schwer gedrückt durch die schwedischen und französischen Friedensexe- kutionstruppen, darum hat man die eigentliche Friedensfeier, was seither wenig bekannt war, erst am 26. Zuli 1650 abgehalten. Interessant sind auch einzelne Gpisoden aus unserer Kriegschronik. Bei den Friedensverhandlungen zu Münster und Osnabrück war im Aufträge des Landgrafen der Kanzler Antonius wolff von Totenwart tätig, der mit gleichem Aufträge, leider vergebens, 1635 schon in Prag geweilt hatte, während dieser Zeit starb in Gießen seine Gattin, zu ihrem Gedächtnis errichtete er eine Stiftung (Totenwartstiftung), deren Zinsen heute noch in jedem Zahre am 10. Zuni, morgens zwischen 5 und 6 Uhr, in der Sterbestunde der Frau, in der Stadtkirche ausgeteilt werden. Zur Zeit des 30jährigen Krieges hat Gießen noch seine Kirmes gehalten und zwar Gnde August, wenn die Grnte eingebracht war. Ist doch die Kirmes allenthalben in deutschen Landen aus dem Grntefeste entstanden. wann dieses Volksfest eingegangen ist, ist nicht bekannt, heute liegt keine Veranlassung mehr vor, es zu feiern,' denn die Vergnügungen sind so zahlreich geworden, daß man die Kirmes entbehren kann. In der alten Zeit hat man ferner, wie die Notiz aus dem Zahre 1637 bezeugt, bei Gießen Weinbau getrieben, wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir annehmen, daß der „Gießener" ein säuerliches Getränk gewesen ist. Alles in allem zeigt uns die mitgeteilte Kriegschronik, daß die Zeit des großen Krieges eine furchtbare Zeit gewesen ist. Um das Zahr 1650 betrug die Bevölkerungszahl in Deutschland nur noch ein Fünftel der Zahl des Zahres 1618, Städte und Dörfer lagen in Schutt und Asche, grauenhaft war die Verwilderung der Litten, und erst um das Zahr 1840 hat unser Volk wieder den Grad des Wohlstandes erreicht, den es am Anfang des 17. Zahrhunderts bereits erreicht hatte. h. B. Griechische Erinnerungen. Dritte Folge. von Geh. Gberkonsistorialrat D. w. petersen in Darmstadt. (Fortsetzung.) Sichtbare Zeichen spielen überhaupt in der Volksreligion eine große Bolle. Ich möchte auch die heiligen Bilder, die iko- nss, zu diesen sichtbaren Zeichen zählen. Die offizielle Kirche hat natürlich eine eigene Theorie, wodurch sie den verdacht des Götzendienstes abzuwehren sucht. Gin Bild ist kein Idol, kein Götzenbild. Der Bilderdienst ist nur eine ehrende huldi- gung des Abgebildeten,' durch denselben wird die Verbindung mit den Originalen lebendig erhalten, so wie etwa ein Kind in der Ferne durch Betrachten und Küssen des Bildes seiner Mutter sich in lebhafterem Gemütsverkehr mit derselben erhält. Bilderdienst ist Huldigung, nicht Anbetung, weil die Originale ehrwürdig sind, wird auch den Bildern Ghre erwiesen. Das ist die Theorie, aber die Praxis redet eine ganz andere Sprache. Gs hat ja eine Zeit gegeben, wo die bpzan- tinischen Kaiser gegen den Bilderdienst gekämpft haben, teils aus aufklärerischen Motiven, teils um Zuden und Mohammedanern, die unter den Griechen wohnten oder ihre nächsten schon gefürchteten Nachbarn waren, den Anlaß zu nehmen, um der Bilderverehrung willen das Ghristentum zu verabscheuen. hundert Zahre (726 842) dauerte der Kampf, in welchem, man kann nicht anders sagen, die rohe Gewalt auf der Seite der Bilderstürmer war und die Frömmigkeit eine mißleitete, aber doch immerhin Frömmigkeit auf Seiten der Verteidiger der Bilder war. Den Sieg der Bilderfreunde feiert die Kirche offiziell jedes Zahr am „Sonntag der Orthodoxie" ; den Sieg sieht man in jeder Kirche in der Bilderwand, dem ikonostusion, der das Allerheiligste von dem Schiff der Kirche trennt und vor deren Bildern die ewigen Lampen brennen. Man sieht ihn in jedem Hause an dem heiligenschrank der Schlafstube, in der das schlummerlose Licht brennt, vor dem der Grieche von Kindesbeinen an seine Andacht hält und sein Gebete morgens und abends verrichtet. Die kirchliche Theorie hat aber die Praxis des Volkes nicht ändern können. Die Verehrung der Bilder macht doch den Gindruck der „Anbetung". Gr ist wie ein Tribut, den das siegende Thristentum dem langlebigen heidnischen Altertum hat zahlen müssen. Der große heilige Gott, ja selbst der so hoch und oft gepriesene Grlöser, den keine christliche Kirche so beständig mit Lobpreisungen überhäuft, treten für die religiöse Praxis des Volkes doch sehr zurück gegen die Mutter Gottes und die heiligen, deren Bilder daheim im Hause und in der Kirche von den Andächtigen verehrt und geküßt werden. Gs ist da unendlich vieles, was einen unmittelbar in das Altertum zurückversetzt. Grinnern nicht an die alten xoarm die häßlichen Holzbilder der ältesten Zeit, die den alten Hellenen so heilig und die unmittelbare Gabe der Götter waren, jene alten häßlichen Bilder, die je häßlicher und älter sie sind, um so höher in der Verehrung des Volkes stehen? wie es im Altertum für die einzelnen Götterbilder 35 lokale Beinamen gab, die Apfyrobite an dem einen ®rt gewissermaßen eine andere war, als die an dem andern, so ist es auch heute mit den besonders geehrten Bildern. Me es einen delischen Apoll, eine samische Hera, eine Artemis (Diana) von Ephesus gab, so gibt es auch heute für die einzelnen Grte oder Landschaften oder Inseln Lokalheilige; und wiederum derselbe heilige bekommt einen Beinamen nach dem Grte, wo sein Bild steht, besonders wenn diesem Bilde besondere Kräfte zugeschrieben werden. Die Herrscherin unter den heiligen ist entschieden die Mutter Gottes. Sie hat Einfluß bei ihrem Bohne. Kein Gottesdienst ohne Anrufung ihres Kamens. ohne Bitte um ihre Fürbitte. Me oft, wo wir etwa dem Gebet den Schluß geben würden: „Durch Jesum Christum, deinen lieben Lohn, unsern Herrn" heißt es: „Durch die Fürbitten der allheiligsten Gottesmutter." Man darf ganz getrost sagen, daß sie dem Herzen des Volkes näher steht, als Thristus. Er ist der Weltrichter, bei dem die Mutter ihren Einfluß geltend machen soll zu Gunsten ihrer Schützlinge. Ihr Name, Kanajia, „Allheilige", ist in aller Munde. Der Grieche führt Gott und die heiligen mehr im Munde als wir. lvie wir, wenn auch seltener, D Gott! Gott bewahre! und ähnliches sagen, führt der Grieche aber ungleich öfter die panajia im Munde. Die Allheilige bewahre! Meine Kanazia! ist Ausruf des Schreckens oder Erstaunens. Die Pa- najia behüte und segne dich! Entsetzlich sind die Schimpfworte, die man im Sinne der Griechen Blasphemien nennen müßte, die im Zorne wohl ein Grieche auf die Kanazia des anderen häuft. „Ich pfeife auf deine Kanazia." Alles das zeigt, wie sehr die Kanazia trotz der kirchlichen Theorie, daß ihr nur Verehrung nicht Anbetung gehöre und gewährt werde, im Vordergrund des religiösen Denkens und Empfindens des Volkes steht. Und war die Kirche an Gebeten zuläßt, das widerspricht im Grunde auch ihrer Theorie und muß unserem evangelischen Empfinden Anstoß erregen. Ich will Prädikate anführen, die ihr in Gebeten beigelegt werden: Entzückender Engel - Maria, reinstes goldenes Nauchfaß, der nngeschiede- nen Dreieinigkeit Gefäß - die Hoffnung, die Zuflucht der Christen die uneinnehmbare Mauer der sturmlose Hafen der Bedrängten bist du meine Gottesmutter, die du durch deine unablässige Fürbitte die Welt rettest! - Mil wir keine Freudigkeit haben wegen unserer vielen Sünden, bitte du den aus dir Geborenen, jungfräuliche Gottesmutter: denn viel vermag die Bitte der Mutter bei dem Wohlwollen des Herrn — Unerschütterliche Mittlerin bei dem Schöpfer Mutter des unaussprechlichen Lichts •— Allheilige Herrin, Gottesmutter, Licht meiner verfinsterten Seele, meine Hoffnung, meine Zuflucht, mein Trost und meine Uuhe, ich danke dir, daß du mich Unwürdigen gewürdigt hast, teilzunehmen an dem reinen Leib und teuren Blute deines Sohnes. Bringe unser Gebet vor deinen Sohn und unseren Gott und bitte ihn, daß er durch dich unsere Seelen rette — Das genügt, um zu zeigen, daß ich nicht zu viel behauptet habe von dem Platz, den die Maria in der Volksreligion und in der Kirche einnimmt. Da nun aber die Maria dem Volke am nächsten tritt in ihren Bildern und Bilder ihre Grte, ihre Geschichte haben, so begreift man, daß gerade so wie bei den altgriechischen Göttinnen dem Namen der Gottesmutter örtliche Beinamen beigelegt wurden, wenn man so sagen'darf die Mutter Gottes in verschiedenen Verbildlichungen dem Volke sich darstellte, und daß dasjenige, was man der lokal verehrten Maria oder ihrem Bilde zuschrieb, eine besondere Seite ihres Wesens hervorhob. Sie ist aller Wahrscheinlichkeit nach nicht bloß die Erbin einer einzigen altgriechischen Göttin gewesen. In'Athen nahm im Mittelalter die ewige Jungfrau den Tempel der Athene auf der Burg, den Parthenon (das Jungfrauenhaus), in Besitz. Anderswo mag eine andere Göttin ihr gewichen sein. Das festzustellen würde eine eingehende geschichtliche Erforschung der lokalen Kulte an jedem Grte erfordern. Auf der Insel Milo gibt es eine panazia tbalassitria (Meerkönigin). Das erinnert lebhaft an die auf den Inseln gerade im Altertum herrschende Verehrung der schaumgeborenen Aphrodite: die suploia, pontia, etwa gute Schiffahrt gebende, meerbeherrschende genannt wurde. Das berühmteste fjeiligtum der Mutter Gottes in Griechenland ist die Kirche der panangelistria auf der Insel Tinos, wohin alljährlich am 25. März viele Tausende wallfahrten, wo Kranke, wie im Altertum in den Göttertempeln, unter dem Bilde der heiligen ihren Tempelschlaf halten, um von einer Krankheit, z. B. Erblindung, geheilt zu werden. Um diese Zeit werden immer in den Straßen Athens die Wunder der Tvan- gelistria, der Mutter Gottes von Tinos, ausgerufen, und Leute, die dort Heilung suchen, betteln einen an, wie es mir mehr als einmal widerfahren ist, um Beihilfe zur Keife. Der 25. März war der Tag, wo die Griechen ihren Aufstand 1822 anfingen, so ist er religiös und national von großer Bedeutung. Nach den Grten oder Grtseigentümlichkeiten gibt es eine große Menge panagier, z. B. in Athen die Ehpsospiliotissa, die Goldgrottige usw. (Fortsetzung folgt.) Erinnerungen eines alten Mannes. von Dr. Kappefser. 15. Ein Volksgericht. Um falschen Deutungen vorzubeugen, will ich gleich hier bekennen, daß ich den modernen Antisemitismus*) als ein bedauerliches Nebenprodukt unseres neuesten Volksaufschwungs ansehe, das gerade so, wie einst die Wanderratte und der Hamster und so manches zweibeinige Ungeziefer der Neuzeit fremd über die deutsche Gstgrenze eingewandert ist. Andererseits soll aber nicht geleugnet werden, daß wenn ein erheblicher Teil des Bürgerstandes, der energisch an den ihm zustehenden Kech- ten und Pflichten festhält, hartnäckig darauf besteht, sich als fremd eingesprengte Ader im Gefüge des deutschen Volkes zu dokumentieren, indem er an fremdartigen Sitten und Gebräuchen festhält, welche die Väter vor Jahrtausenden beim Ausziehen aus dem gelobten Lande mit sich nahmen, wo sie vielleicht durch Klima und Herkommen geboten waren, was hier und heute kaum mehr gerechtfertigt erscheint, — daß, sage ich, für eine fachliche Beurteilung dieser Tatsachen niemanden das Kecht abgesprochen werden darf. vor vielen Jahren war ich einmal in der weit bekannten Germannschen Weinwirtschaft zu Messel eingekehrt und erfuhr dort im Gespräch, daß in diesem, rings von Wald und Wildpark gleichsam von der Außenwelt abgeschnittenen Grt seit unvordenklicher Zeit alljährlich ein besonders strenger Buß- und Bettag gefeiert werde, der seine Entstehung von einer Heimsuchung durch die Pest herleite, von damals her soll es kommen, daß fast alle Bewohner, mit wenigen Ausnahmen auf drei Namen hören: Germann, heberer und einen dritten, den ich vergessen habe. Es sollen damals nur die Träger dieser drei Namen übrig geblieben sein. Dreimal war an *) Wir bitten unsere Leser, die interessanten Schilderungen des Lebens der alten Zeit, die unser ehrwürdiger, im 84. Lebensjahre stehender Mitarbeiter hier gibt, vorurteilslos aufzunehmen. Oer Herr Verfasser will hier nicht für und nicht gegen eine politische Partei reden, sondern Erinnerungen aus seiner Jugendzeit geben. Wir halten uns nicht für berechtigt, von seinen originellen Llufzeichnungen etwas zu streichen oder abzuändern v. Red. 36 dem Tag Gottesdienst und sogar die jüdischen Einwohner durften an demselben das Weichbild des Dorfes in Geschäften nicht verlassen, sondern mutzten am allgemeinen Gottesdienst sich beteiligen. Das führt mich hinüber zu einem derb klingenden, aber den Nagel auf den Nopf treffenden Nusspruch eines Negiments- kommandeurs meines Negimentes, den ich als einen echten Edelmann und frommen Menschenfreund in ehrendem Gedächtnis bewahre. Derselbe sagte eines Tags gesprächsweise: Der vorfjude gehört zum Dorfbauern, wie der Floh zum Hund. So lange dieser gesund ist, hält er diese, seine Gäste, in Schran- ken und diese verhüten, datz er in Trägheit verkomme,' wird er aber krank, so nehmen sie zu an Größe und Zahl, und so kann man manchmal sehen, daß da, wo die jüdischen Mitbewohner plötzlich und ohne wahrnehmbare äußere Veranlassung das Uebergewicht erhalten, der Bauernstand selbst von innerer Fäulnis ergriffen ist." heutzutage ist ja diese strenge, ständische Gliederung, wie überhaupt der Unterschied zwischen Dorf und Stabt, verloren gegangen. Uber au? meinen weit zurllckreichenden, eigenen Erinnerungen ist mir manches im Gedächtnis geblieben, was mir solches zu bestätigen scheint, und es ist vielleicht nicht ohne Interesse, diese Bilder einer lang vergangenen Zeit festzuhalten. In meinem Geburtsort Jugenheim in Nheinhessen wie in dem nahen Partenheim hatten sich von alther, vielleicht durch größere Toleranz der Herrscher, der Uassau-Laarbrücker Negierung wie der früh auf die evangelische Leite getretenen Familie Wallbrunn, israelitische Gemeinden gebildet, welche mit den christlichen Mitbürgern von jeher in einem bestimmten Verhältnis standen und sich gegenseitig gleichsam ergänzten. Ja man konnte wohl sagen, daß die rein ackerbauende Bevölkerung der Mitwirkung ihrer Dorfgenossen zum Verkehr mit der Nußenwelt gar nicht entbehren konnte. Die Juden mit mehr weltmännischem Gebaren bildeten gleichsam den bunten Einschlag in das eintönige Grau des Bauernstandes. Tharakteristisch für das Zusammenleben war, daß ich mich erinnere, wie bei besonderer Veranlassung, z. B. bei Beerdigung eines angesehenen Grtsangehörigen, ich den Salme und den Mosche auf der Emporbühne unserer Nirche sah, wo sie mitten zwischen den jung verheirateten Grtsbürgern andächtig der Leichenrede zuhörten. Nm deutlichsten aber zeigte sich das in dem nahen Dörfchen Engelstadt, wo mein Vater geboren wurde und seine Vorfahren laut Nirchenbuch seit Jahrhunderten in Ehren und Nn- sehen gelebt haben. Dort hat niemals ein Jude gewohnt, mit einer kurzen Nusnahme zu Nnfang des vorigen Jahrhunderts. Da hatte einer vielleicht geglaubt, in seinem und seiner Xund- schaft Interesse zu handeln, indem er sich ein bescheidenes Eigentum dort erwarb. Man begegnete ihm auch von Seiten der Einwohner nicht feindlich, aber die mutwillige Jugend konnte sich an den fremden Vogel nie gewöhnen und tat ihm so viel Schabernack an, daß er schließlich sein Domizil wieder wo andershin verlegte. Dafür hatte aber dort jedes Haus seinen stetigen, jüdischen Geschäftsfreund. Ich erinnere mich manchmal in strengen lvintern, wenn alle Wege beschneit waren, da hat mein Vater, der auf Bewegung in freier Lust bestand, wohl gesagt: lvir wollen ein bißchen nach Engelstadt gehen, dorthin haben die partenheimer Juden wohl schon den lveg gebahnt. Bei meinen Großeltern bekleidete dieses Hausamt der alte Seligmann zu Jugenheim, dessen ich mich aus frühster Jugendzeit noch erinnere. Er trug auch, im Gegenteil zu anderen, die alte Judentracht: kurze Lederhosen und einen kaftanartigen Nock und hatte einen ungepflegten Zottelbart, während damals alle Mannsleute noch von der französischen Zeit her bis auf einen kleinen Nest vor den Ohren glatt rasiert gingen. Er scheint gewisse Stammesvorrechte bei seinen Glaubensgenossen gehabt zu haben und in dem hinterbau seines Hauses war ein Gelaß zu Gemeindegottesdienstzwecken eingerichtet (Schule). lvir NBE-Schllhen haben uns einander das Geheimnis anvertraut: Beim Backen der vielbegehrten Maz- zen müsse allemal eine Zottel von Seligmanns Bart in den Teig gerührt werden, damit derselbe koscher werde. (!) Das hat uns aber nicht abgehalten, tapfer hineinzubeißen in das kracheliche Gebäck, wenn Salmes Frummot oder die Sorle uns, sauber in eine Serviette eingeschlagen, die Probe von ihren Osterkuchen brachten, wofür sie durch Produkte aus unserem hllhnerstall entschädigt wurden. Bei dieser Gelegenheit erinnere ich an einen alten, jetzt wohl vergessenen Brauch, den ich aber noch selbst gesehen habe. Ivenn es gelungen war, einen Marder, diesen gefährlichen Feind der Hühnerzucht, zu erlegen, dessen Nrt trotz aller Verfolgungen sich noch in Scheuern und Ställen erhielt, dann wurde die Jagdtrophäe an einer Stange aufgehängt, welche zwei Buben auf die Schultern nahmen und dann, gefolgt von den anderen, vor die einzelnen Häuser zogen mit dem lärmenden Gesang: Nier (Eier) raus, Nier raus, Der Madel (Marder) hupt ins hinkelhaus, Säuft die Nier alle aus! Dafür erhielten sie dann hier und da ein Ei oder ein Stück Speck als Fangprämie. Nach dem Tod des alten Seligmann ging dessen Nmt bei meinen Großeltern auf dessen Sohn, des Seligmanns Männche, in Erbgang über. Da geschah es wohl, wenn wir Buben auf der Bank hinterm Ofen uns drückten, wo auch der Uhrkasten mit den Spazierstöcken des seligen Großvaters stand, da hieß es: weg ihr Buben, das Männchen kommt. Dann kam er, eine untersetzte Figur mit einem lächelnden, glatt rasierten Vollmondsgesicht, dessen untere Hälfte bläulich angelaufen war. Er saß eine Zeitlang auf der Bank, meine Großmutter auf der anderen Seite des Ofens in ihrem Sorg- stuhl, die Naffeemllhle neben sich, deren Verwendung sie sich stets Vorbehalten hatte. Es wurden nur hier und da ein paar Worte gewechselt, dann ging er wieder. Nber kein lebendes Haupt kam aus dem Stall oder hinein und die Verwertung des Inhaltes von Speicher und selbst des Nellers ging durch seine Hände, und es wäre ihm übel geraten, wenn er jemals seinen eigenen Nutzen vor dem des Hauses gesetzt hätte. Sogar beim Einkauf der Einlegschweine und deren Gewichtsabschätzung vor dem Schlachten hatte ein solcher Berater mitzuwirken. (Schluß folgt.) Hrühlingswehen. Eine Erzählung von Hanna Nrüger. (Fortsetzung statt Schluß.) Eine eigenartige Beleuchtung hatte in dem Nusstellungs- raum hinter der großen Glasscheibe den Schleier der Dämmerung verdrängt und in die Winkel geschoben, von der gegen- überslehenden Laterne fielen Streiflichter und -schatten herein und spielten leicht bewegt auf den Bildwerkgruppen. Eine Büste von Naiser Friedrich stand jedoch in vollem Lichtglanz, von keinem Dunkel berührt. Der Vater hatte dereinst eine Büste des großen Dulders nach dem Leben geschaffen. Ich sage absichtlich: nach dem Leben, trotzdem er ihn nie gesehen hatte 37 und sich in seiner Bescheidenheit niemals zu dieser Ehre gedrängt haben würde! Aber es gab Bilder und Photographien, getreu nach dem Leben. Lin solches Bildchen hatte dem schlichten Künstler zum Vorwurf gedient. Liebevolles Studieren der Linzeizüge und ein Sichhineinversenken weckten das ganze, heldenhaft getragene Leid des unglücklichen Herrschers mit Macht und herzzerreißender Wucht wieder auf. Lin schönes Werk mußte auf solche Weise entstehen. Und der Sohn schuf feine Büste nach der des Vaters, während der Arbeit sich loslösend und Ligenes gestaltend. In ihm hatte sich der Genius der Kunst voll entfaltet, der in dem Vater nur behutsam die fvlügcl regte und versuchte. Schon als Kind hatte er sehnend und ehrfürchtig vor dem Kaiser gestanden, dunkel dessen schweres Schicksal empfindend, das einen Vornenkranz um die Stirne flocht. Dann als Heranwachsender Knabe war er hinaufgeschlichen in sein Kämmerchen, nachdem er mit einem langen, ernsthaft wollenden Blick sich die Züge eingeprägt, und hatte heimlich, das Bild im Herzen und vor Augen, mit Hammer und Meißel in dem spröden, leblosen Stein gearbeitet, bis er endlich den Vater mit Betteln und Schmeicheln und flehen umgestimmt hatte und seine geliebte Kunst offen hegen und üben durfte! So mußte das Ganze, aus vielen ineinander- gefllgten Linzelheiten hervorgegangen, sich groß und herrlich gestalten, weil die einzelnen versuche schon heiße Kämpfe im Grübeln und Nachsinnen durchgefochten hatten; es mußte erschütternd und erhebend wirken, erschütternd besonders in diesem Linzelfalle, vie stillen Augen des Kaisers leuchteten kein körperlicher Schmerz, kein Seelenkampf hatte den Glanz trüben können unter den leicht zusammengezogenen Brauen. — „prachtvoll hat der Alfred das zuwege gebracht! Man erkennt deutlich, nur durch das feine Merkmal der Brauen, Kaiser Friedrichs Heldentum des Leidens, das geradezu übermenschliche schweigende Sichzusammenraffen, um dem niederzwingenden Schicksal würdig begegnen zu können und dem Volk nicht Bangen und Mutlosigkeit einzuflößen! Ja, prachtvoll und ergreifend!" Lrnst hertwig hatte laut gedacht, denn eine Stimme sagte bestätigend und in innerer Bewegung ein wenig zitternd hinter ihm: „Nicht wahr! Wie freue ich mich, daß es Ihnen wie Vater und mir ergeht! vie Büste ist Alfreds Bestes und sein Lieblingswerk. Auch ich liebe sie so sehr." Lrnst hertwig drehte sich um — aus Höflichkeit und ein klein wenig aufgeschreckt, aber auch ein gutes Teil aus Neugierde. Lin Ltwas in der Stimme fesselte ihn und erweckte seine Teilnahme für den Menschen, dem sie zu eigen war. Lr sah in zwei Augen, in denen das ganze Fühlen und Meinen eines gehaltvollen und kampftüchtigen Lebens stand, und die jetzt tief und warm auf ihn gerichtet waren. Und von den Aug»n glitt sein Blick herab auf die weiße schmale Hand und verharrte darauf eine lange Weile. Uun wußte er es, weshalb ihn die junge Gestalt seltsam ergriff und wunderbar anzog, wie dasselbe ihn mit ganzer Seele zu dem Freund gezogen hatte! vie Hand führte eine beredte Sprache: Bewußtsein, Kraft, Freudigkeit drückten die feinen Finger und die anmutig geschwungene Linie des Handrückens aus. Vas war es: Auch die Schwester diente der Kunst mit ungeteilter Liebe! „Guten Abend, Fräulein Llisabeth, und verzeihen Sie bitte, daß ich Sie nicht schon eher begrüßt habe! Ihr Bruder hat mich gleich angestellt" ein wissendes Lächeln huschte bei diesen Worten aus Llisabeths Augen — „und dann hierher befohlen. Wissen Sie, Fräulein Llisabeth, Sie verstehen mich und verstehen den Grund dazu bitte kein Wort der Lrklärung, ich sehe es und fühle es mit dem Herzen , Sie wissen, welch großes Leid, welch inniges Glück in der Kunst lebendig wird und lebenspendend wirkt!" „holla, Lrnst, schon Kameradschaft geschlossen?" Lin blonder Kopf mit lustigen lachenden Augen tauchte im Kähmen der Türe auf. vie wanderten von der Schwester zum Freund und blieben auf dessen Gesicht haften, ver Freund errötete. Llisabeths Züge blieben unverändert,' sie sagte kein Wort, aber in ihren Augen glomm ein lichter Strahl auf. „Nicht, Schwesterlein, du sorgst für eine Lampe!" va wandte sich Llisabeth und ging. Wie gut, daß sie nicht sah, welche Veränderung in den Blicken des brüderlichen Freundes vorging! Sie folgten ihr schmerzlich. Aber sie hätte nicht betrübt sein dürfen, sondern merken müssen, daß seine Traurigkeit aus einem guten, leidverstehenden Herzen kam! — ver Bruder zog den Arm seines Lrnst vertraulich durch den seinigen und sagte: „Ich wollte dir die perle unseres Hauses eigentlich selbst zeigen und den Lindruck, den sie auf dich macht, mit eigenen Augen wahrnehmen. Na, ich bin nicht böse, daß es auf eine andere Art geschehen ist. Komm, wir wollen jetzt hinaufsteigen in unser gemeinsames Keich." An diesem Abend lag Llisabeth noch lange wach. Vas Schwatzen und Lachen der Freunde in der geräumigen Giebelstube mit der einen schrägen Wand scholl durch das offene Fenster zu ihr herein. Linmal wurde es für ein Weilchen still, dann schwebten süße, schwermütige Geigentöne in die Nacht hinaus. Ls war bald wie ein seliges Träumen, bald wie ein trauriges Schluchzen! va stand Llisabeth auf und schloß das Fenster. Lin unnennbares Weh erfüllte plötzlich ihr Herz und verdunkelte den Glanz, den die gütigen Augen Lrnst hertwig? und seine herzlichen Worte in ihren Augen hervorgerufen hatten. (Schluß folgt.) Lin pfälzischer Musikant. Lrzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) Ls kamen trübselige Kegentage. Grau lag der Himmel über Berg und Tal, auf den Straßen standen große Wasserlachen. höchstens am späten Nachmittag verzogen sich die Wolken etwas, und matt blinkte die Sonne durch den vunst hervor. Klit dem haferschneiden war es vorläufig nichts, zum Glück hatten wir nur einen Acker mit dieser Frucht bestellt, vie alten Leute sagten: „Gottlob, daß die Lrnte in der Scheuer ist, sonst hätte es wieder ein sechzehner Jahr gegeben." Und die Zahnlosen, Kunzligen, an ihrem Stock vahinschleichen- den erzählten, wie es in diesem Notjahre gewesen sei. Nlit dem kranken Soldaten ging es in der ersten Zeit leidlich. Zwar konnte er sich kaum rühren, seine Glieder waren steif, auch quälte ihn der husten, und das Fieber stieg bis zu einem hohen Grade, aber er war bei Bewußtsein und konnte sprechen. Mein Vater war, wie ich schon berichtet habe, ein fleißiger Mann, der unverdrossen sein ganzes Leben lang in schwerer Arbeit sich abgemüht hat, aber in den Tagen, da der norddeutsche Soldat krank in dem Gemeindehause lag, war ihm die Arbeit nicht das Wichtigste. Ich weiß, wie er einmal sagte: „Thristenpflicht geht über Geldverdienen, ver Soldat war unser Csuartiergast, wir dürfen ihn jetzt nicht im Stiche lassen. Ich habe auch einen Sohn, der im Felde steht, und wenn dem etwas zustößt, so wünsche ich auch, daß gute Leute sich um ihn kümmern". So widmete sich der Vater der Pflege des Kranken, so gut er konnte. Beinahe in jeder Nacht wachte er bei ihm, und vr. Walter sagte einmal: „Hannes, das hätte ich an dir nicht gesucht, vaß du Bäume umhauen und Klee mähen kannst, habe ich gewußt, aber daß du mit einem 38 Kranfeen so behutsam umgehen kannst, hätte ich nicht geglaubt." Der kranke Soldat hietz Niels Iwer Hansen. Den Namen Hansen konnten sich die Leute in Ruppertsecken leicht einprägen, aber die beiden Vornamen machten ihnen schwer zu schaffen. Solche Vornamen war in der Pfalz unerhört, da hießen die INannsleute Georg, Peter, Philipp, Hannes oder hennerich, wie man nach alter Nlode den Namen Heinrich aussprach und wie er auch in den alten Kirchenbüchern verzeichnet war, aber Niels Iwer! Iver hätte je so etwas gehört? INanchmal durfte ich den Vater nach dem Gemeindehause begleiten. Mit scheuen Rügen sah ich nach dem kranken Manne, der unter der rot geblümten Bettdecke lag. In den Tagen, an denen es ihm gut ging, erzählte er von seiner Heimat. Tr war ein Landmann aus Nordschleswig, hart am Nande eines Buchenwaldes lag sein Hof, und wenn man durch den Buchenwald eine Stunde nach Osten wanderte, so kam man an die blaue Ostsee. Dort im Norden stehen die Gehöfte nicht unmittelbar nebeneinander wie in Südwestdeutschland, sondern sie sind weit voneinander getrennt. Jeder Landmann hat seine Becker und wiesen dicht um sein Haus her. wie Niels Iwer Hansen schilderte, so war sein Haus ein langgestrecktes, einstöckiges Gebäude, das mit Stroh gedeckt war, auf dem Dache hatten Störche ihr Nest gebaut, vor dem Hause lag ein Ziergarten, und in dem Ziergarten stand auf einem starken Pfahle eine große Glaskugel. Unweit des Hauses dehnten sich die wiesen aus, eingefaßt von dichten Hecken, auf den wiesen weidete, wenn es die Witterung nur erlaubte, das Rindvieh, das zum Hofe gehörte. Die Tiere hatten am halse ein Stück Holz hängen, das ihnen allemale zwischen die Vorderbeine schlug und sie hinderte, weite Sprünge zu machen. Dann erzählte der Soldat von seiner Familie. Er war schon 28 Jahre alt und war als Reservist beim Rusbruch des Krieges zum Regimente nach Flensburg eingezogen worden. Tr hatte eine Frau, zwei kleine Kinder und eine alte Mutter zu Hause. Rls ich von den beiden Kindern hörte, wollte ich gern wissen, wie sie hießen. Da sagte der Kranke - es dauerte lange, bis ich den Namen recht verstanden hatte —, der Knabe hieße Jens Jürgen und das Mädchen Thora. Rls er mir die Namen nannte, wischte er sich die Tränen aus den Rügen. Ich hörte ihn sagen: ,,In drei Wochen hoffe ich wieder zu Hause zu sein. Mit meinem Rheumatismus kann ich doch nicht mehr zu meinem Regimente kommen, aber die Heimreise wird mir möglich sein". — von Georg hörten wir nichts. Er war immer ein schlechter Briefschreiber gewesen, nun gar auf dem Marsche und in dem Feldzuge kam er erst recht nicht mehr an das Schreiben. Den einzigen Brief, den wir von ihm bekommen hatten, hatte er von München aus an uns gerichtet. Tr hatte mitgeteilt, daß er in seine frühere Kompagnie gekommen sei und auch seinen alten Hauptmann, den Grafen Dllrckheim, wieder habe, worüber er sich sehr gefreut habe. Längst hatte die Schule wieder begonnen, da kam eines Morgens um 10 Uhr, als wir Schiefertafel, Griffelbüchse und Lesebuch unter dem Rrme hatten und nach Hause gingen, ein Reiter den Berg heraufgesprengt. Schon von weitem rief er: „Hurra, Sieg! Die Bayern haben bei Weißenburg die Franzosen geschlagen." wir Knaben riefen auch Hurra, und mit dem Glöcklein, das sonst zum Gemeindeläuten diente, wurde Viktoria geläutet. Zwei Tage später geschah dasselbe, diesmal wurde ein noch größerer Sieg, den die Bayern mit den Preußen bei Wörth erfochten hatten, verkündet. Und so ging es den ganzen Feldzug hindurch. Telegraph und Telephon erreichten damals meinen Geburtsort noch nicht, allenthalben in der Rheinpfalz und auch in Rheinhessen sprengten, wenn ein Sieg gemeldet wurde, aus den hauptorten der Kantone Reiter nach den benachbarten Dörfern. Da sie Pferde ritten, die sonst im Rcker gingen, so erfolgte die Uebermittelung der Siegesnachrichten nicht immer mit wünschenswerter Schnelligkeit, wir Kinder freuten uns am meisten, wenn ein Sieg gemeldet wurde,- denn dann wurde sofort der Schulunterricht geschlossen. Nach ungefähr zehntägiger Dauer hatte der Regen aufgehört, und wir konnten unseren Hafer schneiden. Die Repfel, die an den Bäumen hingen, gingen von der grünen zur roten Farbe über und wurden allmählich reif, das Wiesengras war infolge des Regens sehr in die höhe geschossen. Jeden Tag kam Dr. Walter angefahren und saß lange" am Bette des Kranken. Im Rnfange hatte er gehofft, diesen durchzubringen, aber eines Tages sagte er zu meinem Vater: „Ich glaube, der Mann macht es nicht durch, das Herz ist durch den Rheumatismus zu sehr angegriffen." Die Voraussage des Rrztes traf bald ein. Rn einem Sonntag im Rugust kam in das Gemeindehaus der Tod. Mein Vater und der alte Nachbar Gerhäuser saßen an dem Bette des Kranken. Draußen lag das Sonnenlicht über Berg und Tal, von Marienthal her läuteten am Nachmittage die Glocken zur Thristenlehre, in dunkelgrüner Färbung lag der vonnersberg, da war das Gesicht des fremden ^Soldaten ganz eingefallen und auffallend verändert, nur mit Mühe konnte er reden, wie es mit seinen letzten Lebensstunden gegangen ist, hat mir der Vater, auf den sein Sterben einen tiefen Eindruck gemacht hat, später erzählt. Der Kranke hatte lange an seiner Brust herumgezerrt, gleich als ob er dort etwas suche, und auf die Frage des Vaters hatte er mühsam und stockend gesagt: „Ich wollte sehen, ob ich meine Erkennungsmarke noch hätte, die uns gegeben worden ist, als wir ausrückten, viele von uns haben sie weggeworfen, weil sie sagten, daß die Marke den Tod bringe. Ich habe sie in Kassel nachts aus dem Zuge geworfen. Rber nun muß ich doch sterben." Die beiden Männer, die bei dem Kranken waren, fragten ihn, ob er noch etwas auf dem Herzen habe und wie der Ort heiße, wo seine Familie wohne. Rber da wurden seine Gedanken wirr, „holt das Vieh von der Koppel herein!" sagte er, „es kommt die Nacht, es wird so dunkel, daß ich gar nichts mehr sehen kann. . . . Bring mir die Kinder hinaus auf den Rcker, wo ich pflüge, ich will noch einmal meine Hand auf ihre blonden Köpfe legen . . . Mutter, verlaß meine arme Frau nicht, sie kann allein auf dem Hofe nicht fertig werden, der Knecht ist faul und trinkt." Nachbar Gerhäuser, der mit dem Vater am Sterbebette saß, hatte seine Starckebuch geholt und sprach dem Sterbenden Worte aus der heiligen Schrift vor: „Fürchte dich nichts denn ich habe dich erlöset, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." - „Nein, ich fürchte mich nicht," sprach der Kranke, dessen Geist einen Rugenblick lang ganz klar war, „Gott wird mit meinen kleinen Kindern sein." Der Nachbar sprach weiter: „Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn, darum wir leben oder wir sterben, so sind wir des Herrn." „wir sind des Herrn", sprach der Kranke nach. Dann verwirrten sich seine Gedanken wieder. „Ts braust und rauscht mir in den Ohren, das ist das Meer, es kommt durch den Buchenwald. Mutter, wir kriegen Sturmflut, wenn nur der Damm standhält!" (Fortsetzung folgt.) 39 Kleine Mitteilungen. flnneroö. Beiche Belehrung und neue Freude an ihrer evangelischen Kirche nahmen die Glieder unserer Gemeinde am letzten Sonntag abend von dem Familienabend des Evangelischen Bundes mit nach fjaufe. Professor D. Diehl vom Predigerseminar in Friedberg hielt einen Vortrag über „Die hessische Besormation als soziale Tal". Lehr klar und echt volkstümlich wußte es der Bedner den Zuhörern verständlich zu machen, wie die Einführung der Besormation in Hessen durch Landgraf Philipp den Großmütigen wirklich eine soziale Tat war, d. h. den Brmen und Geringen im Volke, auch dem Bauernstände, reichen Legen brachte. In vier Bichtungen wurde das im vortrage nachgewiesen. Einmal war damals das Land fast allenthalben völlig verarmt. Der größte Teil von Feld und Wald war im Besitze der zahlreichen Klöster des Landes. Buf dem wirberg in Grünberg, auf dem Schiffen- berg, in Blsfeld, in hainchen, in Hirzenhain, allenthalben waren Klöster. Ihnen gehörte das Land, der Bauer besaß nichts oder nur wenig. Dazu galt nach der Anschauung jener Zeit das Nichtstun und Betteln als etwas Frommes und heiliges : hier hat die Beformation unser Volk zur Wertschätzung der Brbeit, zur Freude an der Brbeit erzogen. Bber den reichen Landbesitz der Klöster hat der Landgraf nicht, wie es damals die meisten Fürsten in Deutschland getan haben, an sich gezogen und sich damit bereichert, sondern er hat ihn verwandt für das Volk. In jeder Pfarrei wurde ein „Kasten" eingerichtet, d. h. eine Kirchenkasse, welche in erster Linie für die Brmen des Kirchspiels zu sorgen hatte. In Hofheim entstand ein Spital, in welchem Elende aller Brt: Zieche, Blinde, Lahme, Taube usw. unentgeltliche Aufnahme fanden. Daher gibt es heute noch in manchen Gemeinden Becker, welche die Bezeichnung „Hospitaläcker" führen, weil ihr Ertrag dem Hospital zufiel, und die Gemeinde hatte dafür das Becht, einen oder zwei Kranke unentgeltlich ins Spital zu schicken. Ferner entstanden in allen kleineren Städtchen sogenannte Lateinschulen. Die Bufnahme in diese Schulen geschah ebenfalls umsonst. Die Kosten wurden bestritten von dem Ertrag von überflüssigem Kirchengut. Später kamen dann die jungen Leute zum Bbschluß ihrer Bildung auf das Gymnasium und die Universität nach Marburg, wo sie in der Stipendiatenanstalt unentgeltliche Bufnahme fanden. Diese Bnstalt bestritt ihre Busgaben durch Stipendien, welche zahlreiche Gemeinden des Landes aus ihren Einkünften für die Bnstalt gestiftet hatten. Dafür hatte jede Gemeinde das Becht, einen oder zwei junge Leute, je nach der Größe der Stiftung, in die Stipendiatenanstalt zu schicken. Dadurch konnten wirklich begabte Kinder auch von armen Leuten studieren. Die künftigen Beamten des Landes setzten sich aus allen Schichten der Bevölkerung zusammen, es bestand zwischen den Beamten und dem Volke keine solche Kluft und Verständnislosigkeit wie heute. Endlich schuf der Landgraf mit Hilfe von Martin Butzer die Konfirmation in Hessen und dadurch die hessische Volksschule, welche durch die Konfirmation ein klares Ziel und ein festes Bückgrat bekam. Die hessische Volksschule hat den 30 - jährigen Krieg glänzend überstanden, und nur die Konfirmation hat sie erhalten. Zum Schlüsse wies der Vortragende darauf hin, daß wir Hessen auf einen so sozial gesinnten Landesfürsten wirklich stolz sein können. Zur Verschönerung des Bbends trugen bei die Lieder der ersten Schulklasse unter Leitung von Lehrer Müller und der Kirchenchor unter Leitung von Lehrer Both. Bus den Lichtbildervortrag, den Missionar Gsell nächsten Sonntag abends 8 Uhr im Markussaal hält, wird hier nochmals aufmerksam gemacht. Die Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Lukasgemeinde findet für den Best des winters alle 14 Tage Sonntags abends V'28 Uhr statt, zum ersten Male nächsten Sonntag, den 8. Februar. Bm vorigen Sonntag wurde im Hauptgottesdienste der Johanneskirche der neugewählte Kirchenvorsteher der Lukas- gemeinde, Herr Bechnungsrat Mentzel, verpflichtet und in sein Bmt eingeführt. Kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 8.Februar, Septuagesimä. Gottesdienst. In der Stadtkirche. vormittags 9 Vs Uhr: Pfarrer Schwabe. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Bbends 5 Uhr: Missionar Gsell. Bbends 8 Uhr im Markussaal: Vortrag von Missionar Gsell mit Lichtbildern. Montag, den 9 . Februar, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Matthäusgemeinde. Montag, den 9 . Februar, abends 8 Uhr: Versammlung der Frauen-Vereine der Matthäus- und Markus-Gemeinde. Vortrag über Versicherungswesen, I. Teil. Donnerstag, den 12. Februar, abends 8 Uhr, im Markussaal: Bibelstunde (Brief des Jakobus). Pfarrer Schwabe. In der Johannestirche. vormittags W/e Uhr: Professor D. Eck. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johannesgemeind«. Pfarrer Busfeld. Bbends 5 Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Bbends 7 Ve Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Lukasgemeinde. Bbends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Johannessaal. Mittwoch, den 11. Februar, abends 8 Uhr: Bibelstunde im Johannessaal. Pfarrer Busfeld. Freitag, den 13 . Februar, abends Vsb Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Johannesgemeinde. Nächstkünftigen Sonntag, den 15 . Februar, findet im Bbendgottesdienst Beichte und heiliger Bbendmahl für die Lukas- und Johannesgemeinde statt. Bnmeldungen dazu werden vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. „Wartburg", evangelischer Jünglings- und Männer-Derein. (viezstraße 15.) Dienstag, abends 8V2 Uhr, Bibelstunde, Mittwoch, abends 8 Uhr, Turnstunde, Donnerstag, abends 8V2 Uhr, Lese- und Spielabend, Samstag, abends 8V2 Uhr, Versammlung der älteren Bbteilung, Sonntag, 8. Febr., abends 8 Uhr, Vortrag des Herrn Missionar Gsell im Markussaal. v. Bergmann £ Co., Radebeul ist die beste Llllenmllohselfe 1 «arte,weißeHautu.blendendschön.Teint St.SOPf Überall z. bab 40 ^Ankündigungen empfehlenswerter Firmen ^ Rudolf Richter Gießen, Marktstraße 24 — 26 hüte und Mützen Reichhaltige Auswahl. BilligePreise :: Rabattmarken. Reparaturen :: Zrdr. Teipeu ,’= 16 Markt (6 = < «' vorteiltzastevcznarqneile ) ; Strumpfroarcii und ^ Unterzeuge, Wäsche^ $ Rinder-Ausstattungen { en gros KOffCttS en detail ^ Filiale: Frankfurter Strahe. Sport. Schneeschuhe — Stöcke Rodelschlitten = mit 10 Prozent Nachlaß. = C. Zimmermann, Schreinermeister, Neuen Baue 15, Carl Loos Kirchenplatz 13 : Telephon 797 Manufaktur- und Weißwaren Herren- n. Knabenkleider JJ / 7? / Schuhlager, n c/l. 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