Nr. 4. Gießen, 4. Sonntag nach Epiphanias, 1. Februar 1914. 3. Jahrgang. Untertanenpflichten. Blies des Apostels Paulus an die Börner 13, 1 — 5, jedermann sei untertan der Dbrigkeit, die Gewalt über ihn hat, Venn e; ist keine Dbrigkeit ohne von Gott; wo aber Dbrigkeit ist, die ist von Gott verordnet wer sich nun wider die Dbrigkeit sehet, der widerstrebet Gottes Drdnung; die aber widerstreben, werden über sich ein Urteil empfahen, Venn die Gewaltigen sind nicht den guten Werken, sondern den Bösen zu fürchten, willst du dich aber nicht fürchten vor der Dbrigkeit, so tue Gutes, so wirst du tob von derselbigen haben, Venn sie ist Gottes Dienerin dir zu gut. Tust du aber Böses, so fürchte dich: denn sie trägt das Schwert nicht umsonst, sie ist Gottes vienerin, eine Uächerin zur Strafe über den, der Böses tut, varum ijt’s not, untertan zu sein, nicht allein um der Strafe willen, sondern auch um des Gewissens willen, Sn dieser Woche haben wir den Geburtstag unseres Kai- sers gefeiert. Gerade in diesem Jahre nimmt das deutsche Volk an allem, was sich auf seinen Kaiser bezieht, lebhaften Anteil,' denn durch Gottes Gnade konnten wir im vergangenen Sommer den Tag feiern, an dem der Kaiser vor 25 Jahren den Thron seiner Väter bestiegen hat, feiert man schon den Tag, da der Privatmann und der schlichte veamte ein Vierteljahrhunderl ersprießlicher Tätigkeit hinter sich hat, so ganz gewiß den Tag, da der Herrscher eines mächtigen Staates auf 25 Jahre der Regierung zurücksieht, Lin Fürst ist in unseren Tagen viel mehr der Kritik ausgesetzt als in alter Zeit, Friedrich der Große hat es nicht erlebt, daß seine Regierungsmaßnahmen Gegenstand der Debatte in der Deffentlichkeit gewesen sind. Was dagegen Kaiser Wilhelm getan und al; seine Meinung kundgetan hat, hat Parlamenten, Zeitungen und Rächern Stoff zu eingehender, nicht immer liebevoller Diskussion gegeben, Rber unser Kaiser braucht keine Kritik zu fürchten, Lr hat stets das Reste mit seinem Volke gewollt, er hat oftmals unter schwierigen Umständen — den Frieden erhalten, er hat der Kunst, der Wissenschaft, dem Handel, dem Rckerbau und der Industrie wertvolle Rnregungen gegeben. Die Geschichtswissenschaft wird sicher in der Zukunft klarlegen, daß seine Verdienste weit größer sind, als die meisten unter uns heute ahnen, Rndere Völker, wie die Franzosen und die Engländer, beneiden uns um unseren Kaiser und um die lebendigen Wirkungen und Rnregungen, die von ihm ausgehen, Kaiser Wilhelm ist nun 55 Jahre alt, längst liegt die Jugendzeit hinter ihm, Rber, wie auch für ihn die Jahre dahinschwinden, die Liebe seines Volkes schwindet nicht dahin, von einem Jahre zum andern verbindet ein immer festeres Rand, das Rand der Treue und der Verehrung, das Volk mit seinem Herrscher, Der Kaiser ist der erste Vertreter der Dbrigkeit, Da mag es sich aus Rnlaß seines Geburtstages geziemen, einmal von den Pflichten zu reden, die wir der Dbrigkeit gegenüber haben. Die vorliegende Stelle bringt des Paulus berühmtes Wort über die Pflichten des Thristen der Dbrigkeit gegenüber, Das ist ein großes und schwieriges Kapitel, welches, will man es in seiner ganzen Tiefe erfassen, den Raum dieser kurzen Retrachtung weit überschreiten würde. Immerhin seien einige Rndeutungen grundsätzlicher Natur gestattet, politische Ratschläge will der Rpostel nicht erteilen. Tr faßt das Gbrig- keitsproblem bei seiner tiefsten Wurzel an und stellt den Fundamentalsatz auf: Die Dbrigkeit ist eine Ordnung Gottes, Damit macht er sie unabhängig von der Parteien Streit und Lärm, Und seine Ruffassung deckt sich mit der eines weit höheren: mit derjenigen des Heilandes selbst, Rls Pilatus zu diesem sagt: „Weißt du nicht, daß ich Wacht habe, dich zu kreuzigen, und Macht, dich loszugeben?" erwidert er: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht wäre von oben herab gegeben!" Rn der Grundstellung, daß alle Dbrigkeit eine Grd- nungGottes, ist also unbedingt sestzuhalten, Rberpaulus schiebt mit seiner Forderung an die Untertanen auch aller Obrigkeit eine überaus hohe Verantwortung zu: sie muß sich selbst bewußt bleiben, daß sie eine Ordnung Gottes ist. vergißt sie es dennoch, so ist des Paulus Rat noch in ganz anderem Sinne, als er hier im Zusammenhang gemeint ist, von ausschlaggebender Redeutung: „Willst du dich aber nicht fürchten vor der Dbrigkeit, so tue Gutes," — auch selbst dann, fügen wir in unserm Sinn hinzu, wenn du dafür nicht Lob von ihr haben wirst. Das wird in Gewissenskonflikten der Dbrigkeit gegenüber jedenfalls stets ein wahrhaft befreiender Weg sein. Diese Forderung, welche in allen Lebenslagen auf dem Weg des Rechten erhält, ist zugleich der Rusfluß einer letzten, höchsten Uorm, somit auch der Dbrigkeit gegenüber, Rber freilich, um eben deswillen darf sie nun nicht gleich zu einer oberflächlichen Reschwichtigung und Rusrede des Gewissens in schwierigen Fällen werden, sondern sie greift nur dann Platz, wenn es sich auch im politischen Leben um höchstes und Letztes 26 handelt. Diese Norm machte Petrus selber einer Obrigkeit gegenüber geltende „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen." Daß Petrus aber im allgemeinen ganz im Sinne des Paulus, wonach jede Gbrigkeit an und für sich eine Ordnung Gottes ist, gedacht hat, hat er in seinem l. Briefe (2, 13) klar gekennzeichnet: „Seid untertan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen." Und das Line ist gewiß: U)er dem Bmt der Gbrigkeit als innerstes Element der Berechtigung die göttliche Berufung abstreiten, wer in der Gbrigkeit nicht eine göttliche Zulassung anerkennen will, der bestreitet letzten Endes, daß noch Gott, der Bllmächtige, im Uegimente sitzt. Meine Seele ist ein warten Meine Seele ist ein Marten auf ein unerfülltes „Mas"; nicht ersehnt sie dies und das, nein! in ihren stillen Garten hofft sie, daß ein Ewiges trete, Einer, der das Letzte bringt und das große „Bmen" singt ihrem innersten Gebete. Lensheim a. d. 6. K.E.Knodt. Treu bis an den Tod. Uns allen ist noch die grausige Katastrophe in Erinnerung, die vor wenigen Jahren die Zeche Uadbod in Mestfalen heimgesucht und so vielen Hunderten von braven Bergleuten den Tod gebracht hat. Bis man nach dem Unglück mit den Buf- räumungsarbeiten beschäftigt war, fand man unter den vielen Toten tief unten in der Grube auch einen, dessen Hand eine Bibel fest umklammert hielt. Nach altem, frommem Bergmannsbrauche hatte er seine Bibel zur Brbeit mit hinunter in die Grube genommen. Ihre Blätter waren am Bande stark von den Flammen angesengt, sonst aber war das Buch unversehrt geblieben. Bls kurz darnach in Uadbod der Grundstein zu einer evangelischen Kirche gelegt wurde, hat man diese Bibel mit in den Grundstein eingemauert. Menn in kommenden Tagen, in einer Zeit, die noch in weiter Ferne liegt, diese Kirche einmal niedergelegt werden sollte, etwa damit sie einem Neubau Platz mache, so werden die, die nach uns sein werden, inne werden, daß einst, am Bnfang des 20. Jahrhunderts, ein Mensch seinem Gott treu war bis an den Tod, daß er an Gott und an seinem Worte halt und Trost gefunden hat im letzten Kampf und Strauß. Mit dieser Bibel wurde ein Gedicht in den Grundstein eingemauert, das jemand zur Erinnerung an diese Begebenheit verfaßt hatte. Dieses schöne Gedicht hat folgenden Wortlaut: In deinen Mauern ruhet nah dem Grunde Vas Buch der Bücher wohl verwahrt, Ein Knappe hat in seiner Todesstunde Draus Kraft geschöpft zur letzten Fahrt. Es kam der Flammen Meer, ihn zu vernichten, Umnagte schon des Buches Band, Ein still Gebet nur konnte er verrichten, Da reichte ihm der Tod die Hand. Und aus des Berges grausig dunklen Tiefen Trug ihn der Engel Schar empor zum Licht, Wo ihm die Sel'gen ein Willkommen riefen Nach einer letzten schweren Schicht. Sein Bibelbuch soll uns ein Denkmal bleiben von Bergmannsarbeit, Bergmannsnot Und uns ins Herz die ernste Mahnung schreiben: Buch ihr sollt treu sein bis zum Tod. Siesten im 30jährigen Uriege. (Fortsetzung.) 1644. Es fiel ein frühzeitiger, heftiger Frost ein, schon 14 Tage vor Martini fing es an zu frieren, die Bürger mußten den 9. November auf dem Wallgraben eisen. 1645. Die französisch-weimarische Brmee stand im Frühjahr auf der Bu im Lager, die Schweden unter Künigsmark zu Blten- und Großen-Buseck, die Niederhessen zu Beuern. Diese haben damals die Stadt sehr geängstigt, doch unternahmen sie nichts Ernstliches gegen sie. Landgraf Georg II. setzte sich in Verteidigungszustand, ließ Truppen anwerben und ein Bufgebot ergehen, auch die Bergschlösser Gleiberg, Blankenstein und Königsberg mit Garnison versehen. Bus Gleiberg wurden 50 Mann Soldaten mit Weibern und Kindern gelegt, das Schloß und der Turm ringsum mit Palisaden befestigt und von hier aus Stücke (Kanonen) und Doppelhacken hinaufgeführt. 1646. Die Schweden forderten von den Landgrafen, daß er ihnen Gießen einräumen und die kaiserlichen Regimenter wegschicken sollte. Beides wurde verweigert. General Eberstein zog sein Heer unter den Wällen von Gießen zusammen. Da wegen anhaltender Dürre der Wallgraben ziemlich seicht war, gedachten die Schweden den 12. Juli in der Morgendämmerung die Stadt zu überrumpeln und kamen mit Faschinen und anderen Werkzeugen, um Graben und Wälle zu übersteigen. Sie fanden aber die Garnison und Bürgerschaft auf dem Wall zu ihrem Empfang bereit und zogen daher ab. Sie machten hierauf Bnstalten, Bomben in die Stadt zu werfen. Jedermann bangte vor dem Schrecken einer Belagerung und Beschießung, als Gottes Güte auch dieses Unglück von der Stadt abwendete. Nämlich es entstand den 14. Juli ein so starkes Gewitter mit Hagel und Platzregen, daß das Wasser tief in allen Feldlagern stand und die angebundenen Pferde sich losrissen und teils in der Lahn umkamen, teils sonst zerstreut wurden, so daß die Soldaten selbst bekannten, Gott streite für diese Stadt. Die Feinde hielten sich daraus wegen des andauernden Regens und Morastes ziemlich ruhig. Den 29. schickte der Landgraf den Superintendenten I). Feuerborn als Bbgesandten in das schwedische Lager nach Heuchelheim, welcher von dem schwedischen Gencralfeldsuperintendenten Michael Ludovici freundlich ausgenommen wurde. Bm nächsten Morgen wurde er zu dem Generalfeldmarschall Wrangel gebracht, hier sprach er mit solcher männlichen, eindringenden Beredsamkeit dem Landesfürsten und der Stadt zum Besten und stellte die allgemeine Bot so dringend vor, daß der schwedische Bssistenzrat Blexander Erskine mit ihm in die Stadt geschickt wurde zum Landgrafen. Worauf Sonntags, den 2. Bugust, die ganze schwedische Kriegsarmada aufbrach und wegzog. Die lang ersehnte Vereinigung der Schweden mit der französischen Brmee unter Turenne war den 31. Juli bei Gießen erfolgt. verstorbene zählte man in diesem Jahre in der Stadt 517, Getaufte ungefähr die Hälfte. 1647. Landgraf Georg II. beschickte den allgemeinen Friedenskongreß zu Münster und Osnabrück durch seinen Kanzler Bnton Wolfs von Totenwart und den Universitätsvizekanzler Just Sinolt, genannt Schütz. Bei diesen Friedensverhandlungen herrschte Krieg und Zerstörung im Lande. In Königsberg wurde wenige Tage vor Pfingsten Turm und Schloß von den 27 Schweden mit Pulver gesprengt, wobei auch die Kirche in Trümmern zusammenfiel und die Hälfte der Stadt abbrannte. 1648. Den 29. November wurde im ganzen Sande da; frohe Dankfcst wegen des abgeschlossenen Friedens zu Münster und (Osnabrück gefeiert. 1649. Die schwedischen sowohl als die französischen Friedens- exekutionsvölker drückten das Sand hart. Da man die großen zur Befriedigung dieses Militärs erforderlichen Summen im Saufe des ganzen Jahres nicht aufzubringen vermochte, so dauerte die Exekution fort. Venn die Einkünfte des Landes hatten sich vermindert, da in den meisten Städten und Dörfern die Zahl der Einwohner kaum den vierten Teil derjenigen betrug, welche beim Anfang des 30jährigen Krieges vorhanden war. Endlich fand man durch Anleihen Mittel, die Summen zusammenzubringen, die Truppen zogen ab, der Friedensexekutions-Hauptrezeß wurde in Nürnberg aufgesetzt, und den 28. Juli 1650 wurde deswegen im ganzen Lande das freudige Lob- und vankfest gefeiert. (Schluß folgt.) Griechische Erinnerungen. Dritte Folge. von Geh. Gberkonsistorialrat E>. ED. petersen in varmstadt. (Fortsetzung.) Auf dem Lande gestaltet sich natürlich alles noch volkstümlicher, und dort hat auch der im Freien getanzte hochzeits- reigen, an dem das ganze Dorf teilnimmt, seinen Platz. Wenn der Bräutigam seine Braut aus einem anderen Dorfe holt, gibt es dann einen feierlichen Hochzeitszug mit der einfachen Musik der Hirtenflöte und der großen Trommel, der timpa- non, deren gellende und dumpfe Töne vereint die Kunde von dem, was vorgeht, in weite Ferne tragen. Bei derartigen Hochzeiten mag es dann auch Vorkommen, daß der Bräutigam die Braut bei der Hochzeit zum ersten Male sieht. Hochzeitszüge eines Nomadenvolkes, das mit seinen Herden im Winter in den Ebenen am Meerufer, im Sommer auf den hohen Bergen in härenen Zelten und Laubhütten haust und der Käsebereitung obliegt, haben wir öfters gesehen. Ls ist ein merkwürdiger 3ug, solch ein Hochzeitszug, der oft 7 8 Stunden Wegs von dem Haus der Braut bis zu dem des Bräutigams zurückzulegen hat. (Oft sah man die Braut matt und bleich von dem langen Weg in der Hitze und dem Sonnenbrand. Gewöhnlich sitzt sie auf einem weißen Nasse, umhüllt von einem Schleier, in ihrer selbstgewebten häreneu Kleidung von brauner Farbe. Schön gewirkte Teppiche sind über den Sattel ihres Tiers gelegt. Wehmütig und traurig auszusehen ist ihre Pflicht,' denn sie darf nur zeigen, wie schwer es ihr fällt, zu scheiden aus der väterlichen Hütte,' die Erfüllung der Pflicht mag ihr oft nicht sehr schwer fallen. So gefeiert sitzt sie nur als Braut hoch zu Noß. Ist sie verheiratet, sitzt gewöhnlich der Mann, die Krone der Schöpfung, auf dem Tier, und die Frau trottet, die Gabel mit der ungesponnenen Wolle unter dem linken Arm und mit der Rechten den durch einen Spinnwirbel nach unten gezogenen Faden drehend, hinterher. Sie muß wehmütig aussehen, und ihr Tier darf nur langsam gehen, als fühle es die Zurückhaltung feiner Gebieterin mit. In den (Orten, welche solch ein Zug durchzieht, wird hall gemacht. Pfeifer und Trommler stellen sich in die Mitte des sich bildenden Kreises und wirken künstlerisch im Schweiße ihres Angesichts. Da werden dann die Tänze von den Männern ausgeführt und der Anführer jedes Reigens, der Vortänzer, belohnt die Musikanten, indem er auf die feuchte Stirne der Pfeifer sein Geldstück klebt. Wenn sie durch das königliche Gut Tatoi auf dem Parnaß zogen, wo ich im Sommer zu Gaste war, kamen zum Silber die Goldstücke der königlichen Familie, die sich etwas vortanzen ließ. Unter den griechischen Volksliedern befinden sich manche schöne Hochzeitslieder, die bei solchen Gelegenheiten zum Reigen gesungen werden oder gesungen worden sind: denn was man in den Sammlungen findet, gehört oft schon der Vergangenheit an, und neue Zeiten brjngen neue Lieder. Ich kann mir nicht versagen, einige mitzuteilen, die ich, so gut es gehen wollte, und es geht meistens recht schlecht, übersetzt habe. Zum Beispiel folgendes Lied, dessen Verse immer mit einem Zahlwort anfangen. 1. Ein Gott uns schuf, so dich wie mich, o süße Wachtel mein, Komm' laß mich küssen doch die Lippen dir und dein hold' ENündelein. 2. Zwei Augen hast du, liebes Kind, so tintenschwarz, geheimnisvoll, Sie geben Schönheit dir, doch mich mich machen sie am Ende toll. 3. Drei Gnaden gab dir Gott, ich schwör's bei der Dreieinigkeit, Die Schönheit und die Wohlgestalt und all die Lieblichkeit. 4. vier Arme hat das Kreuz, ich seh's an deinem halse hangen, Und küssen alle nur das Kreuz, ich küsse deine Wangen. , 5. Fünf Messer wehte ich auf Scherenschleifers Steine, Die tat ich in mein Herz, daß Schmerz durchzucke mich alleine. 7. Siebenmal fiel ich, o Liebste mein, in (Ohnmacht heut, das glaube, Dreimal zur Früh, dreimal zur Nacht, um dich, du gold'ge Taube. 8. Acht Füße hat der Krebs, er schreitet hin und her gelassen, Ich hoff' zu Gott, daß er mir hilft, daß ich dich könne lassen. 9. Neun Schiffe habe ich gebaut, bewehrt mit Kupferwänden, Die Ruder zog ich nur um dich, wann wird die 2. 30blättrige Rose pflanzte ich, Ellädchen, in deine Seele, Die Blätter deines Herzens mit Wasser zu tränken ich erwähle. 13. 40 Ruthen grab ich den Hof dir, mein Kind, Um Rosenwasser zu schöpfen, daß es dich kühle lind. 14. 50kantiger Edelstein, eiskaltes Blei, EReine Jugend gab ich in deine Hand, nun ist es vorbei. 15. öOftängig mag das Gefängnis sein, zu dem sie uns verdammen, Der Türke nehme den Schlüssel mit, wenn wir nur bleiben zusammen. 16. 70 Versuchungen habe ich, der Arme, schon bestanden, Für dich, du süßes Liebchen mein, die du mich hältst in Banden. 28 17. 80 ITtarmorftufen betret' ich, in Fensterparaden Für dich, mein Kleinod du, dich lassen war' mein Schaden. 18. 90 Kirchen betret' ich, um zu beten unterdessen Für dich, o goldne Liebe mein, die ich nicht macht' vergessen. 19. Lei hundert Wasserquellen und hundert Lergesschlünden, 20. Ich sag' dir nimmer ab, mein Lieb, ich trage dich in meines Herzens Gründen. Der Keigenfllhrer und Vorsänger singt jede Strophe vor, und der Chor singt sie nach, wobei alle sich in gemessenem Tanzschritt nach dem Rhythmus bewegen. (Oder ein anderes, das man oft abends in den Straßen von den oantaäores in Rthen zu hören bekam. Der Vorsänger singt eine halbe Ltrophe und bricht auch mitten im lvorte ab, worauf der Thor mit einem Rusruf einfällt, aber auch die vorgesungene ganze Ltrophe nachsingt, etwa in der 5lrt: Tin Läumchen ha holde Drimändo Mädchenname) Tin Läumchen hatte ich in meinem Hofe drinnen. Zum Trost für dich) die ich tu herzlich minnen. Und nicht wei heda Drimändo Und nicht weiß ich, was das für eins mag sein Denn die Llätter hat's von purem Golde Und die Zweiglein sind von eitel Silber Rn der Wur heda Drimändo Rn der lvurzel eine frische (huelle Wer sagt mir, was das bedeute jetzt zur Stelle? Daß ich trinken und zur Tjuelle mich mög' neigen Und die Rügen küssen, die sie nennt ihr eigen. Derartige Ueigenlieder gibt es eine große Menge, manche so geheimnisvoll wie einzelne unserer deutschen Volkslieder. Tin Hochzeitslied möchte ich noch mitteilen, weil darin das gewissermaßen alles, was an der Lraut und um sie her vorgeht, sich widerspiegelt. Ts ist eine Perlenschnur von sieben Distichen: 1. Wenn man die Lraut kämmt. Goldblonde Locken wallen dir vom Haupte auf die Schulter, holde, Und Tngel kommen und kämmen sie dir mit Kämmen von lauterem Golde. 2. Wenn man die Lraut anzieht. Rls dich die Mutter einst gebar, da blühte es auf allen Bäumen Und in den Resten auch die vögelein, die zwitscherten in Träumen. 3. Wenn man die Lraut schmückt. Rls dich die Mutter einst gebar, es stieg die Sonn' herab in Glut entglommen, Gab dir die Schönheit strahlend klar und ging, woher sie war gekommen. 4. Wenn man der Lraut den Schmuck abnimmt, heut' leuchtet der Himmel, heut' leuchtet der Tag heut' vermählt sich die Taube, der Rdler mit Flügelschlag. 5. Wenn man die Lraut dem Bräutigam übergibt. Wir nahmen das Rebhuhn, das schöngefiederte, an die Hand Und ließen der Uachbarschaft zurück nur ein verödet Land. 6. Lied der Mutter. Trschlossen sieben Himmel sind, 12 Tvangelien senden Verheißungen der Tochter mein, die sie mir wanden aus den Händen. Doch genug von der Hochzeit! Die Gäste trennen sich und jedem unverheirateten Menschenkinde wird der Wunsch dargebracht: „und auf die eigene Hochzeit!" von den geschlossenen Zeiten wollte ich noch ein Wort sagen. Während den Fasten, also in den vier Wochen der Rd- ventszeit und in den großen Fasten der Passionszeit, darf keine Hochzeit stattfinden, durch kirchliches Gesetz und durch die Sitte verboten ist die Hochzeit im Monat Mai. Ruch die Römer hielten die Hochzeiten im Mai für böse. Warum, weiß ich nicht zu sagen, auf eine Frage nach dem Grunde lautete einmal die Rntwort, ston Iläion panäreveontä, im Mai heiraten die Tsel. Die Folge davon ist, daß kurz vor den Fasten und gleich nach (Ostern die meisten Hochzeiten stattfinden. Wenn man, wie ich es ja tue, das Leben eines Griechen von der Wiege bis zum Grabe verfolgt, würde man es nicht recht erfassen, wollte man übersehen, wie sehr dasselbe durch die Kirche sein Gepräge bekommen hat. Die Frömmigkeit der Rthener war im Rltertum bekannt, ebenso ihr verlangen nach Neuigkeiten. „Ich sehe," mußte ihnen Paulus sagen, nachdem er ihre mit Tempeln und Rltären reich geschmückte Stadt durchwandert hatte, „ich sehe, daß ihr gar sehr clisiclämones seid", d. h. gottesfürchtig oder abergläubisch. Leider trifft noch heute zu. Rberglaube lebt in jedem Volke, auch in dem unseren, wenn er auch sich nicht so ungeniert gibt, wie bei den Griechen. Gottesfürchtig sind die Griechen wohl noch heute zu nennen, wenigstens mit eben demselben Rechte, wie Paulus sie äisiäämonos nannte. Rur darf man nicht große Innerlichkeit suchen, wo ein ganzes Volk durch seine Kirche nicht zur Innerlichkeit angeleitet wird, sondern seine Religion in der Teilnahme an kirchlichen Festen und Feiern und in der strengen Befolgung kirchlicher Satzungen sieht. In der griechischen Kirche ist der Laie, das Volk, passiv, untätig, man möchte fast sagen, auch geistig untätig. Da die predigt etwas seltenes ist, obgleich nach dieser Richtung hin in letzter Zeit mehr getan wird, so bleibt dem Laien auch nichts zu denken. Tr sieht jahraus jahrein alle Zeremonien von seinen Priestern vollziehen, und was er selbst dabei zu tun hat, ist wenig mehr als das Kreuz schlagen und der Rusruf kirie eleison. Durch das Trstere eignet er sich das Gesagte oder Gehandelte zu, versiegelt es für sich, durch das Zweite erbittet er es sich. Der Gebrauch des Kreuzeszeichens ist ein grenzenloser. Der Grieche schlägt das Kreuz anders als der römisch-katholische Lhrist. Lr legt die drei großen Finger der rechten Hand zusammen und berührt damit Stirn, Brust, rechte und linke Schulter. Mit dem Schlagen des Kreuzes begleitet der Grieche die gottesdienstliche Liturgie. Wenn er an einer Kirche oder an einem Heiligenbild vorbeigeht, oder wenn ein Leichenzug an ihm vorüberzieht, bekreuzigt er sich. Wenn etwas ihm Trstaunen und Verwunderung erregt, macht er sein Kreuz. Ts ist die Bewegung ihm so mechanisch geworden, daß sie ihn in seinen sonstigen Beschäftigungen nicht stört. Der Hausierer ruft seine koräelles kä tsitia, Land und Laumwollzeuge, oder seinen moskolivano, Weihrauch, aus, während er das Kreuz schlagend an einer Kapelle vorübergeht. Dem Kreuze wohnt die Kraft inne, das Gottwidrige und Dämonische zu bannen. Durch Kreuzschlagen schützt sich das Weib aus dem Volke gegen den üblen Einfluß, der ihm etwa von einem arglos vorübergehenden Europäer, einem Franken, einem „Ungetauften", d. h. nicht ganz Untergetauchten, droht. Speisen, Getränke, 29 Gefäße werden durch das Kreuzeszeichen vor äußerer Ansteckung geschützt. __ (Fortsetzung folgt.) Hrühlingrwehen. (Eine Erzählung von Hanna Krüger. Oie DIocken läulen ein hohes Lied. vom Leben und Tode singen sie: wie aus dem Tode das Leben steigt Und lächelnd und lieblich den Menschen sich neigt Zn heiliger Melodie! Durch die Leihen der Grabhügel zittert es am Totensonntag wie tiefes tiefes Atemholen. Spüren die Menschen. deren Ueberresten man die Hügel errichtet hat, daß alle Gedanken nur zu ihnen wandern und sich mit ihnen beschäftigen und ihr verlöschtes Leben wieder aufrichten und neu entzünden an dem heiligen Feuer der Erinnerung? - kln dem einen Tag! von leisen Schritten wogt es zwischen den stillen Stätten, und auf den Gräbern selbst schimmert und grünt es von Waldkränzen und blumengefüllten Kreuzen und Schalen. Die Lebendigen feiern mit den Toten das alljährliche Fest der Liebe und der von Tod und klbschiedsleid nicht zerstörbaren Gemeinschaft! Der Freund feiert mit dem Freunds der Einsame feiert mit dem Einsamen: die Mutter mit dem Kind, das Kind mit der Mutter; der Einzelne wiederum mit allen! Ist die herrliche Prophezeiung nicht jetzt schon in ihrer Grundbedingung erfüllt, wenn auch für das Luge noch nicht voll und ganz sichtbar, doch mit dem Herzen deutlich zu fühlen und zu ergreifen? Die unsterbliche Seele verbindet schon auf Erden alle, und dar eine große Ziel schlingt das Land der Zusammengehörigkeit um alle. Das Ziel, das der eine sich erkämpft und erringt im Dunkel der Anfechtung und der Ungewißheit, und das der andere als unverwelklichen Lefitz, seine Erdentage verklärend, in der Brust trägt. Was sag ich! Tote! Dahingegangene sollte man immer die nennen, deren menschliche hülle in der Grabeskammer ruht! Die Seele müßte mit vermodern und verderben, aber sie hat längst die Flügel gebreitet, sonst wäre unsere lebendige Hoffnung ein verwelkend und verwesend Blatt! Lob und Preis dieser Hoffnung und warmer Dank dem gütigen Gärtner, der sic in unser Erdendasein gepflanzt hat! von einer Dahingegangenen will ich erzählen. Es ist Frühling. Die Frühlingssonne leuchtet über den Gräbern, und noch schimmern die Epheudecken und hängenden Zweige der Tränenweide feucht von Tropfen geschmolzenen Schnees. Uber aus dem Grün lugen lächelnd feidengewandete Schneeglöckchen, lugen hervor auch aus den Gläsern, die treue Hände vor vereinsamten Urnen aufgestellt haben. Ein warmer Wind zieht über die stille Friedensstätte und bewegt die Blumen und die Blätter. Jedoch er ist nicht mehr wind für mich. Sein Säuseln und das Launen der Natur wandeln sich in Stimmen, freundliche Stimmen derer, die für geraume Zeit schlafen und im Traume reden und sagen von Glück und Leid der Erdenstunden, von Glück ohne Weh der Ewigkeit! Und das Flüstern und Launen führt mich vom Friedhof fort, an die Stätte, wo die Dahingegangene gewirkt und gelitten und Segen gespendet hat. Elisabeth! Ich stehe in der Werkstatt eines schlichten Grabmalkllnstlers. Es ist Übend. Die Dämmerung webt ihre feinen Gespinste; doch die letzten lichten Strahlen der scheidenden Sonne mögen den friedlichen Laum noch nicht verlassen und wollen sich gar nicht loslösen von dem Bildwerk, das nahe dem Fenster auf einem hohen Sockel steht. Es stellt einen feinen, ausdrucksvollen Mädchenkopf dar. Er ist leicht auf die schmale Brust gesenkt; über der reinen Stirne wölbt sich das blonde haar; von einem Land gehalten, fällt es in weichen Wellen auf die Schultern und den Lücken und verbirgt so - mit voller Absicht des Künstlers und zeigt zugleich an, den häßlichen Höcker, das Erdenleid des jungen Mädchens. „Das ist meine Elisabeth," sagt der ergraute Künstler, „ich habe die Büste in ihrer besten Zeit geschaffen, kurz vor der letzten Todeskrankheit." Um den sprechend geformten Mund liegt ein Lächeln; mir wird dabei weh und froh zugleich zu Mute. — Wir brauchen nicht viel zu fragen. Der Künstler erzählt gerne; er hat uns schon viel gezeigt und erzählt von seinem Schaffen, und zeigt uns nun sein Liebstes und heiligstes: den Friedensengel und Schutzgeist seines Hauses und seiner Werkstatt. Der alte Mann spricht zu meiner Tante weiter, denn ich höre kaum noch hin der Mädchenkopf in seinem engelhaften Liebreiz ergreift mich, zieht mich in seinen Bann — und die Stimme des Ulten klingt wie eine traurig zarte Volksweise an mein Dhr, wie man von einem geschiedenen Menschen spricht, der einem nahe gestanden hat, und er zieht beim Erzählen einen Schleier über sein innerstes Fühlen. Uber der Schleier ist durchsichtig; mir ist, als ob ich spürte, wie das Herz schmerzlich in jedem Wort zuckt! Und in einem schlichten, ach so geduldigen Ton spricht er, wohl wissend, daß des Schicksals Härte sich leichter gefaßt und ohne Murren ertragen läßt! Einmal muß ich mich doch umwenden und ein Kunstwerk betrachten, das zwischen vielen anderen, begonnenen und fertigen, und gesammelten Steinwundern auf dem Tisch längs der Wand steht. „Elisabeths letzte Urbeit!" hat der Ulte eben erklärt. Es ist ein feines, reizendes Upmphenfigürchen; es trägt das Untlih und den Uusdruck seiner Schöpferin. (D, welch wundervolle Begabung spricht sich in dem kleinen Werk aus! Ein herrlicher Ersatz gewiß für vieles, was du entbehren mußtest, arme, o, und doch so reiche Elisabeth! Schön ebenmäßig setzt sich die Lückenlinie der Figur bis zu den weichen, anmutig gerundeten Hüften fort, und die Uugen sind sinnend und träumerisch in die Ferne gerichtet wie bei der jungen Elisabeth selbst. So mag sie wohl gesonnen und geträumt haben in ihrem Leben; siehe, das Licht der Erfüllung ist ihr frühe entzündet worden! Ein hauch ihres Wesens geht von der kleinen Lpmphe aus, und ich betrachte sie länger, als ich eigentlich wollte, dann gleitet mein Blick wieder auf das Untlitz der jungen Elisabeth hinüber. Die Sonne küßt zum letztenmal an diesem Tage Uugen und Mund und haar des jungen lieblichen Geschöpfes. Da steigt aus dem Dunkel und Schweigen die Geschichte eines entbehrungsvollen und doch reich gesegneten Mädchenlebens vor mir auf. Elsie, wie man sie als Kind gerufen hat, wurde mit einem wohlgestalteten und gesunden Körper geboren; sie war das Glück ihrer Eltern und der Gegenstand zärtlicher Liebkosung ihres unbändigen Bruders. Niemand ahnte, daß eine dunkle Wolke über dem kleinen, lachenden Leben hing und unsägliches Leid, harten Kummer und Kampf herabsenden würde! Die Umme ließ das Kind im zarten Ulter von einem halben Fahr fallen. Geschah es, weil sie die Bewegungen ihres Schützlings in unglücklicher Stunde nicht bewachte, war es Leichtsinn beim tändelnden Spiel? Wer will das sagen und gedankenlos richten? Das Lied Hub traurig an und wurde erschütternd durch Schuld! hätte die Frau rechtzeitig ein Wörtchen von dem Geschehnis gesagt, so hätten die Eltern, im Verein mit den Aerzten, ihrem Liebling noch helfen, ja ihn vor dem entsetzlichen Geschick bewahren können! chualvolle Lei- denrjahre folgten; qualvoll durch die ohnmächtigen versuche, den Lücken des Kindes wieder zu glätten. Ich weiß nicht 30 viel von Elisabeths Kindheit. Zu welchem Zweck auch die See- lenschmerzen eines noch weichen, unbewußt lebenden Menschen schildern? Wie mag man sich ein Kind mit Seelenleid vorstellen! Kinderschmerzen sind nur flüchtig und vorübergehend. Rber ein Kind mit einem Höcker, mit einem niederdrückenden Buckel .... es ist so traurig, daß ich es nicht weiter ausmalen mag. - Dornig wird wohl auch die Schwelle gewesen sein, über die Elisabeth mit all den gesunden Genossinnen in die Jugend eintrat mit ihren schimmernden Gaben und Freuden! Der Kindheit Schmerzen hatten überreiche Elternliebe und verdoppelte Zärtlichkeit des Bruders und der Freundinnen gelindert. Nun war dies verflossene, doch nicht vergessene Schwere selbst ein starker Rückhalt für das erwachsene, für das im Leiden gereifte Mädchen: all das sich Rufbäumen gegen ein Los, das das Kind nicht begreifen konnte noch wollte, sondern das es in ermüdenden Kämpfen als eine Ungerechtigkeit empfand, all die heiß verweinten Stunden, bis endlich wohltätiger Schlaf sich herabsenkte. Me blickten Elisabeths Rügen voller Frieden und Glück! Niemand sollte unter ihrem Schicksal mitleiden, und nur selten vernahm ihre Umgebung einen Seufzer oder eine Klage. So schien es ein reiches Glück zu sein, was doch lange erzwungen und erbeten war, bis es endlich wurzelte und das ganze Mädchensein erfüllte und seine Strahlen weithin verbreitete, daß 'die Umwelt das Bemitleiden vergessen lernte. U)ie dankbar war Elisabeth für den Lohn ihres Kämpfen;! Nun erst hatte sie wahre Freude am Leben und spürte wahren Drang zur Tätigkeit. Sie wußte sich einen edlen, sonnigen Kreis zu schaffen und liebe Freundinnen darinnen festzuhalten und anzuspornen, indem sie ihnen leuchtendes Vorbild wurde, hatte die Natur ihr eine Last in die Welt mitgegeben, so hatte sie doch, gütig und weise, ihr herrliche Gaben des Geistes und des Gemütes nicht versagt! Elisabeth hatte eine Stimme, echtes Gold war in der Stimme; und sie wurde ihr erst ein Trost und dann, nicht nur ihr, sondern vielen anderen mit ihr, eine unbeschreibliche Lust. Bald, nachdem sie die Kinderschuhe abgelegt hatte, sang sie im Ehore mit. Ihre Stimme schwang sich auf und breitete ihre Schwingen über all die anderen, hell jauchzend und tief traurig wie eine Glocke in Lust und Leid. Noch eine andere Kunst nannte Elisabeth, als schönsten Besitz, ihr eigen. Sie schuf mit ihren Händen Wunder: die Bildhauerwerkstatt des Vaters legte Zeugnis ab von der Tochter hohem, geniusdurchdrungenem Wirken. Die beiden Götterkünste vereinten sich alsbald. Die stille Rrbeitsstätte wurde lebendig: zwischen dem Klopfen und hämmern und dem Bohren des Meißels trillerten, weinten und lachten die Töne des Liedes, das eine Menschenseele hatte und darum Freude und Weh der Menschtums durch das Fenster mit seinen Rebenrankenhinaus- trug in Gottes Welt, wo es Wiederhall fand in den anderen klopfenden und fühlenden Herzen! - - - Und noch andere Klänge konnte man zu Zeiten in dem Rrbeitsraume, dem Heiligtum der jungen Elisabeth, vernehmen: Scherzen und Lachen und plaudern. Junge Mädchenherzen, herzfrohe Mädchengefllhle! So war es fröhliche Zeit, ein nie versagendes Kommen und Gehen im rebenumsponnenen Häuschen, im liederseligen und kunstbeglückten Dasein des Künstlerkindes. Und dann trat das Große in Elisabeths Leben ein, das dies Leben krönte und zu blauen, lichtflutenden höhen hob! Das war an einem Frühlingsabend. Elisabeth saß noch fleißig feilend und formend bei geöffnetem Fenster in der Werkstatt. Sie schuf gerne die Modelle zu des Vaters Rufträgen. Line Brunnenschale für einen privatgarten sollte diesmal geliefert werden Die Schale war schon vollendet. Eine anmutige Mädchengestalt saß auf dem Rand, und in den hocherhobenen Händen eine Krone haltend, beugte sie sich über den Grund. Ruf einer steinernen Kugel inmitten der Schale saß ein Frosch mit menschlich leuchtenden Rügen. Englein und Putten kletterten am Rande und streckten die offenen Händchen in das köstliche Naß, das aus den Zacken der Krone fließen und an dem lieblichen Hindernis, den verlangenden Kinderhänden, zerstäuben sollte. Die junge Künstlerin hatte Freude an ihrem Werk und war ganz vertieft in das lebendig aus Form und Stein wiedererstehende Märchen vom Froschkönig. „Nun, Bruderherz, Hab ich's bald bewerkstelligt und darf Feierabend machen, wenn; Euer Gnaden erlauben!" Eli abeth war ganz erschrocken aus ihren Träumen ausgefahren. Da waren auf einer Leiter, mitten vors offene Fenster gestellt, zwei Beine zu sehen. Zu wem sie gehörten, war nicht ersichtlich, denn die Gestalt ragte noch über das Fenster hinaus. Sie zeigte sich auch noch nicht sogleich. Rb und zu fiel ein ganz verschrumpf- tes, vergessenes Herbstblatt herab, das schon im Fallen wie Zunder zerstäubte. Dann schwirrte ein Zweig hernieder, noch lebensfrische Keime tragend, das war traurig; der letzte Frühlingssturm hatte arg gewirtschaftet. Und nun mußte unter dem Rankenwerk Ordnung geschafft werden und Fürsorge walten, daß größerer Widerstand sich entgegensetze in kommenden Tagen und Rächten. - „Ja, Ernst, glaubst du denn, ich sei ein Tyrann? Sch danke dir schön für deine Hilfe: sieh dir nur einstweilen meine Rrbeiten hinter dem Glas in der Nähe an. Ich komme bald nach. Ein herrlicher Rbend liegt vor uns für den Rustausch der Gedanken und die gegenseitige Eröffnung der Herzen! Juchhe!" Fröhliches pfeifen begleitete die letzten Worte. Elisabeth hatte das Zwiegespräch, das unbefangen, nicht extra laut oder leise, geführt wurde, mit angehört. Nun mußte der Fremde gleich erscheinen: sie saß wie angewurzelt an ihrem Platz in ängstlicher Scheu. Rber nein, er war ja gar kein ganz Fremder für sie. Daß sie nicht gleich daran gedacht hatte! Lange abwesend in der großen Kunststadt, war er nun in die Heimat zurückgekehrt, gerade heute, Bruder Rlfreds geliebter, liebster Freund! Die Leiter geriet in schwankende Bewegung, und das Ende des Bastfadens tanzte und baumelte zwischen den Sprossen. sSchluß folgt.) woher hat Luther in seiner Bibelübersetzung das wort „Zcherslein" ? Eine Rntwort auf diese Frage gibt der Erfurter Stadtarchivar Professor Dr. Gvermann in der „Zeitschrift des Vereins für Kirchengeschichte in der Provinz Sachsen". Er weist darauf hin, daß zu Ende des 15. und zu Rnfang des 16. Jahrhunderts in der Stadt Erfurt, welche eigene Münzgerechtig- kcit hatte, eine Münze namens „Scherf" geprägt wurde. Sie hieß wahrscheinlich so wegen ihres scharfen Randes und war die geringste unter allen bestehe den Münzen, im Werte von ’/ä Pfennig. Rls Student und aus einer Klosterzeit, wo Luther um Rlmosen bettelnd durch die Stadt zog, hat er gewiß zur Genüge Gelegenheit gehabt, diese kleinste aller Erfurter Münzen kennen zu lernen. Es lag deshalb auch bei seiner Bibelübersetzung für ihn nahe, als Rusdruck für die geringste Münze das Wort „Scherflein" einzusetzen. Kleine Mitteilungen. Der Frauenverein der Lukasgemeinde gedenkt, kommenden Dienstag, den 3. Februar, nachmittags 5 Uhr, im Konfirmandensaale sLiebigstr. 56) eine Mitgliederversammlung zu 31 halten, (Begenitänbe ber Beratung werben hauptsächlich sein ber Urbeitsnachweis unb bie Fürsorge für arme Familien, Nicht bringenb genug können wir unsere Gießener Ge- meinbeglieber immer wieber bavor warnen, unbekannten Leuten, bie bettelnb vor bie Tür kommen, etwas zu verabreichen. Folgenber Fall läßt biese Warnung als berechtigt erscheinen, In ber vorigen Woche kam ein schulpflichtiger Knabe in ein Geschäft in ber Lubwigstraße unb bat um Gelb für Brot, ba sie zu Hause nichts zu essen hätten. Der Geschäftsinhaber schenkte bem Jungen 5 Pfennig, ein im Laben anwesenber Herr spenbete ben gleichen Betrag, Nun begab sich ber Junge in bie in bemselben Hause liegenben Wohnungen, In ber einen bekam er lO Pfennig, in ber anberen ein großes Stück Brot, ba er wieberum angegeben hatte, baß es zu Haufe an Brot fehle, Uls ber Geschäftsinhaber eine halbe Stunbe später in seinen Keller kam, fanb er bas Stück Brot auf ben Kohlen liegen, Der „hungrige" Junge hatte es burch bas offen stehenbe Kellerfenster hinuntergeworfen, Unb eine Stunbe später sah jemanb aus bem Hause, in bem ber Junge gebettelt hatte, biesen mit schwarz umränbertem Ulunbe — er hatte bas erbettelte Gelb in Schokolabe umgesetzt auf ber Straße stehen. Seit geraumer Zeit schon treibt ber Junge bieses Wesen, er versäumt bie Schule unb geht auf ben Bettel, obgleich seine Familie sich zumeist aus gesunben, arbeitsfähigen Personen zusammensetzt, vaß ein Kinb, bas es so treibt, unbebingt sittlich zugrunbe gehen muß, liegt auf ber hanb. Man weise bes- halb alle berartigen Bettler, namentlich auch bie Erwachsenen unter ihnen, ab unb schicke sie an bas Urmenamt ober an ben Pfarrer ber Gemeinbe, zu ber sie gehören. Dann wirb ber Fall regelrecht untersucht werben unb, wenn Not oorliegt, wirb Ub- hilfe stattfinben. Die Wohltätigkeit ist in Gießen so gut organisiert unb verfügt über so reiche Mittel, baß niemanb zu bar- ben braucht, Nber ben charakterlosen Bettlern unb Bettlerinnen, bie ihr Leben lang ihrem uneblen Gewerbe nachgehen, sollte man nach Möglichkeit bas hanbwerk legen. Zur Beachtung. Nus Raummangel mußten wir biesmal bie Fortsetzung ber Erzählung „Ein pfälzischer Musikant" bis zur nächsten Nummer zurückstellen, v, Neb, Worte zum Nachdenfen. Du bist bie Kraft, bie uns gebricht; Wir sinb im Dunkel, bu bist Licht, Komm, bringe uns ben Tag! Lösch aller falschen Lichter Schein, Gib, baß wir folgen bir allein Unb Thristo ziehen nach! hast bu noch keinen Zrieben mit Gott, so laß ihn bir von Jesus schenken,' hast bu ihn, so gehe Jesu Wege unb stifte Frieben, wo bu kannst. Der Weg ber Pflicht ist ber weg ber Sicherheit unb bes Segens. Tarlyle, * * * Ueber allen anberen Tugenben steht eine: bas bestänbige Streben nach oben, bas Ringen mit sich selbst, bas unersättliche verlangen nach größerer Reinheit, Weisheit, Güte unb Liebe, Goethe, Die Wochentage kommen mir vor wie eine rauchgeschwärzte Kammer; ber Sonntag ist bas Helle Fenjterlein, burch bas man Hinausgucken kann in bie weite Welt, ja sogar ein wenig in bie Ewigkeit hinein, Rosegger. Ruf bie Wasserwogen Folgt ein Regenbogen, Unb bie Sonne blickt. So muß auf bas Weinen Lauter Freube scheinen, Die bas Herz erquickt. Laß es sein, Wenn Nngst unb Pein Mit bir schlafen, mit bir wachen — Gott wirbs boch wohl machen. Zwei Dinge lern' gebulbig tragen: Dein eigen Leib, ber anbern Klagen. Der Ulten Rat, Der Jungen Tat, Der Männer Hut War allzeit gut. kirchliche Anzeigen. Sonntag, ben I.Februar. 4. nach Epiphanias. Gottesbienst. In ber Stabtkirche. vormittags W/s Uhr: Pfarrer D. Schlosser, vormittags 11 Uhr: Kinberkirche für bie Matthäusgemeinbe. Pfarrer D. Schlosser, flbenbs 5 Uhr: pfarrassistent hoffmann. Beichte unb heil. Ubenbmahl für bie Matthäus- unb Markusgemeinbe. Unmelbung vorher bei bem Pfarrer jeber Gemeinbe erbeten. Ubenbs 8 Uhr: Vereinigung ber konfirmierten männlichen Jugenb ber Matthäusgemeinbe. Dienstag, ben 3. Februar, nachmittags 4 Uhr, im Matthäussaal: Frauenmissionsverein. Mittwoch, ben 4. Februar, abenbs 8 Uhr: Vereinigung ber konfirmierten weiblichen Jugenb ber Markusgemeinbe. Donnerstag, ben 5. Februar, abenbs 8 Uhr, im Matthäussaal: Bibelstunbe. ft. Mos, 16 u. 4, Mos. 12.) Pfarrer D. Schlosser. In ber Johanneskirche. vormittags 9V- Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Vormittags l l Uhr: Kinberkirche für bie Lukasgemeinbe. Pfarrer Bechtolsheimer. Ubenbs 5 Uhr: Pfarrer Uusfelb. Ubenbs Vs8 Uhr: Vereinigung ber konfirmierten männlichen Jugenb ber Lukas- unb Johannesgemeinbe. Dienstag, ben 3. Februar, abenbs 5 Uhr: Versammlung bes Frauenvereins ber Lukasgemeinbe im Lukassaal. Mittwoch, ben 4. Februar, abenbs 8 Uhr: Bibelstunbe im Lukassaal. fl.Brief Petri.) Pfarrer Bechtolsheimer. Freitag, ben 6. Februar, nachmittags 4 Uhr: Frauenmissionsverein ber Lukasgemeinbe. sowie Schoppen und Spalten der Haare wird beseitigt durch tägliches Waschen mit der echten -‘JeercchroefeL-'d'eijfe, v Bergmann & Co., Radebeul Bestes Mittel z Stärkung u Kräftigung d. 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