Nr. 3. (Liehen, 3. Sonntag nach Epiphanias, 25. Januar 1914. 3. Jahrgang. Auf des Meisters 5puren. Lriej des Apostels Paulus an die Römer 12. 17 — 21. haltet euch nicht selbst für klug, vergeltet nicht Böses mit Bösem. Fleitziget euch der Ehrbarkeit gegen jedermann. Ist es möglich, so viel an euch ist, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächet euch selbst nicht, meine Liebsten, sondern gebet Raum dem Zorn Gottes: denn cs steht geschrieben: Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr. So nun deinen Feind hungert, so speise ihn: dürstet ihn, so tränke ihn. wenn du das tust, so wirst du feurige Rohlen auf sein Haupt sammeln. Latz dich nicht das Böse überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. Wie das Licht eines Scheinwerfers manchmal den bis dahin weniger beachteten Russchnitt einer Landschaft plötzlich in hellste Beleuchtung setzt und man nun inne wird, daß gerade dieser Teil dem Gesamtbilde ein charakteristisches Gepräge gibt, so ist es mit manchen Schriftstellen im Neuen Testament, wenn man unvermutet darauf stößt, daß sie wörtliche Zitate von solchen aus dem Riten sind. Ts durchzuckt einen dann wohl wie ein Strahl ehrfurchtsvollen Verständnisses, warum der Heiland der Ivelt gerade aus dem Volk Israel hervorgehen mußte, lvenn auch bisweilen nur wie verborgene, unterirdische Ninnsale, Roch halb verschüttet und überwuchert von störendem Gestrüpp, so rieselten hier doch schon lpuellen einer Gotteserkenntnis höchster Rrt, die wie geheime Spuren zu dem noch zu erwartenden Messias hin anmuten und es als eine erhebende Gerechtigkeit Gottes begreifen lassen, wenn er diese äußerlich schon verstoßene Nation doch innerlich noch höher bewertete, als das hochentwickelte Volk eines Sokrates und Plato. Und wenn wir wiederum den Gedankengängen eines Paulus bis in einzelne Feinheiten folgen, dieses letzten großen Juden und ersten noch größeren Thristen, und dann wieder und wieder finden, wie tiefinnerlich er mit seines über alles verehrten Herrn Rrt zu denken vertraut war, wie feinfühlig er sich auf des Meisters Spuren zu bewegen verstand, dann verstehen wir den ausschlaggebenden Einfluß, den die Paulinische Rrt auf die Entwicklung des gesamten späteren Thristentums bis auf den heutigen Tag ausgeübt hat. Vas ganze 12. Kapitel des Uömerbriefes ist gesättigt von getreuer und doch neu individualisierter Denkungsart Jesu. Stoßen wir aber auf eine Stelle darin wie die: „Wenn deinen Feind hungert, so speise ihn, dürstet ihn, so tränke ihn", und bemerken wir plötzlich, daß sie samt dem berühmten Wort vom Sammeln der feurigen Kohlen aus des Feindes Haupt ein wörtliche; Zitat aus dem goldenen Schatz uralter Sprüche des jüdischen Königs Salomo (Sprichw. 25, 21 ff.) ist, dann verstehen wir das Wort Jesu in neuer Ergriffenheit: „Ich bin nicht gekommen, das Gesetz und die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen." Und sehen wir dann wieder, wie Paulus es versteht, die ungezählten Regeln christlicher Liebestätigkeit im gleichen 12. Kapitel wie lauter einzelne Spruchperlen des Ulten Testaments aneinanderzureihen, um sie schließlich in dem einzigen genialen Wort zusammenzufassen, mit dem er zugleich das Generalproblem praktischen Thristentums stellt und löst: „Laß dich nicht das Löse überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten", dann sehen wir ihn bewundernd auf seines Meisters Vollspur. So verstand nur Jesus noch, mit einem einzigen Wort die Summe jahrtausendealter Weisheit von Gesetz und Propheten zu erschließen, um sie dann als neue Offenbarung der Menschheit für all ihre weitere Zukunftsentwicklung nach dem Willen Gottes in das Herz zu senken! Du! Du ungeschaute Schöpferkraft, die hinter allem rastlos schafft, daraus der Weltenozean dahinstürmt seine sichre Bahn, daraus in Ruhe Raum und Zeit zerrinnen in die Ewigkeit! Bist selber ewig, unfaßbar, bist das, was niemals ward noch war, nein! bist kein „was", du bist ein „Wer", bist Gott, bist Geist und bist ein Der, ja! bist ein Vater und ein Du und deinen Kindern recht die Ruh! Bensheim a. d. 6. K. E. Knodt. Zehnsucht. Gott hat eine wunderbare Sehnsucht in ein noch fernes Land in unsere Kerzen gelegt, einen Heimatszug, der alle Lust und Last dieser Welt überdauert, einen 3ug so groß und stark, so fest und klar wie nichts in dieser Sichtbarkeit. Venn was sichtbar ist, das ist zeitlich, dieser Zug aber ist ewig und will Ewigkeit haben. Ist es nicht über alle Beschreibung herrlich, zu wissen, daß Gott die Sehnsucht nach dem Ewigen, nach etwas völlig Unvergänglichem uns in das Herz gegeben hat, einem jeden von uns, dir und mir und allen, die wir lieben, ja auch allen denen, an welchen wir gleichgültig vorüber gehen? Weißt du nicht, daß dies allein, daß wir alle dieselbe Gabe, dieselbe himmels- sehnsucht in das Herz bekommen haben, daß dies allein uns alle zu Brüdern und Schwestern macht? Du wirst mir sagen, das kann wohl nicht fein; denn der und der und die und die das weißt du genau — leben nur für ihr Vergnügen, für raschen Erwerb von möglichst viel Geld und Gut, sie haben nie Freundlichkeit für ihre Nachbarn, sondern nur Hochmut und Geringschätzung. Nun, weißt du das so ganz genau? Weißt du wirklich, ob in ihren Herzen nicht mitunter der feine Glockenton erklingt, der ihnen die Erinnerung daran bringt, wie sie in ihrer Nindheit, wo sie noch frei von bewußter Schuld und Sünde waren, zu Füßen der Mutter oder eines treuen Lehrers saßen, die ihnen davon sprachen, daß es eine ewige Heimat gibt, zu der wir alle berufen sind, und daß Gott die führen will, denen es ernst darum ist, und daß er in seiner nie ermüdenden vaterliebe uns diese Himmelssehnsucht in das Herz gepflanzt hat, die schon in jungen, reinen Kinderherzen fühlbar ist? Und dann kamen sie heraus aus dieser Heimatsatmosphäre, in die Welt hinaus, die sie so lockte und rief, wo Keine liebe Stimme mehr da war, sie zu warnen, und war sie da, fo war sie zu schwach gegenüber den lauten Stimmen, die sic umgaben, die nur von vergänglichem Genuß sprachen, laut, immer lauter, je schaler der Genuß wurde. Schließlich waren sie zu weit gewandert von der Heimat fort, und die Sehnsucht war erloschen - vielleicht nicht ganz ; denn sie fühlten, daß sie wieder aufleben würde, wenn nur irgend jemand mit sanfter Stimme ihnen davon spräche. Gewiß, da würde die Eisrinde ihres Herzens schmelzen, und sie würden wieder froh und glücklich werden und brauchten nicht mit dem finstern Gesicht mehr einherzugehen. Gibt uns das nicht zu überlegen, ob irgend jemand, der uns bisher völlig gleichgültig war, nicht eines freundlichen Wortes von uns bedarf, unseres steten Helsens und Bemühens, kurz, eines hilfbereiten Herzens, um ihm erst einmal wieder Wärme in sein Herz zu bringen, damit er dann vertrauen zu unserer Aufrichtigkeit bekommt? Dftmals bedarf es anfangs gar keiner Worte, sondern nur ein freundlicher Blick, ja ein Nicken des Nopfes genügt, um den innerlich vereinsamten zu erfreuen, ihm das Gefühl zu geben, daß andere mit ihm wandern, mit denselben Hoffnungen und Wünschen, mit demselben Sehnen an Gottes Vaterherzen dereinst ausruhen zu können. Ts war vor mehreren Jahren, als ich auf der Durchreise in einem großen Bahnhofe an einige Nngestellte und Fremde kleine Schriften verteilte, d. h. im Gehen sie den Einzelnen in die Hand gab, mitunter mit einigen Worten, oft auch nur mit einem freundlichen Nicken. Die meisten dankten freundlich. Als ich dann still in meinem Abteil saß, darüber nachdenkend, wer wohl unter den vielen Neisenden, Angestellten, hastenden den Weg zur Heimat suche oder schon wandere, öffnete sich plötzlich die schon geschlossene Tür meines Abteils, und ein Gepäckträger, den ich sonst persönlich nicht kannte, reichte mir die Hand und sagt«, er wolle mir nur für das Schriftchen danken und mir sagen, daß auch er den Heiland liebe und den Weg zpm Himmel suche. Sch konnte ihm nur erwidern, daß wir da den gleichen Weg hätten und daß wir hoffen wollten, uns einstens in lichteren Sphären wieder zu begegnen, hierauf setzte mein Zug sich in Bewegung. Wir sehen daran, daß manche diese Sehnsucht im Herzen tragen, an denen wir gedankenlos vorübergehen. Wie schön es aber ist, unerwartet einer sehnsuchtsvollen Seele zu begegnen, das wird mir ein jeder glauben. Er wird mir auch glauben, daß man dann noch freudiger wird und noch mehr zu suchen und zu ersehnen wünscht. Im Lärm des Lebens und im Geräusch des Alltags mit seiner Arbeit muß es besonders schwer sein, eine innere Stille sich zu bewahren. Db die alles durchdringende göttliche Liebe da nicht besonders hilft und stärkt und aufrichtet, wer darf wagen, das zu bezweifeln? Sch fuhr damals weiter „fröhlich meine Straße", war ich doch einem „Königskind" begegnet. Baronin N. Gießen im 50jährigen Nriege. (Fortsetzung statt Schluß.) 1636. Das Sterben ließ nach, man zählte in diesem Jahre hier überhaupt 336 Tote, unter welchen 65 aus dem Hospital waren. Unter den verstorbenen waren viele Fremde, welche in der Festung Schutz gesucht hatten. Durch das große Sterben waren manchen Leuten Erbschaften zugefallen, an die sie nicht gedacht hatten. Ls fanden sich daher auch manche heiratslustige; den 29. Februar u. a. wurden nach gehaltenem Gottesdienst 13 paar Eheleute in der Nirche zusammengegeben. Der Kaiserliche Gberfeldherr Graf von Gallas ließ alle Früchte in den Nhein- und INaingegenden abmähen und verkaufen, wodurch viele Familien in Hungersnot gerieten. Zu den überall verbreiteten Kriegsbedrängnissen kam eine erstaunliche Menge Mäuse und das sehr überhand nehmende Wild, welche den größten Teil der Ernte verzehrten. Auch Frösche gab es damals in außerordentlicher Menge. Es entstand nun eine allgemeine Teuerung und Hungersnot, viele Leute starben aus Mangel. Und doch war in der Stadt der Mangel weit weniger als auf dem Lande, weil Landgraf Georg II. für Anschaffung von Magazinen und Unterstützung der Armen väterlich sorgte. Eben dieses tat Landgraf Philipp in Butzbach. Die reichsten Leute hatten damals das Brot unter ihrem Schloß und schnitten den Kindern und dem Gesinde die Stückchen eigenhändig zu. Die armen Leute aßen Brot au; gemahlenen Eicheln, Leinsamen, Uübschnitzen und 0)bfl- schnitzen: Kleienbrot galt für einen Leckerbissen. 1637. Die Hungersnot nahm gegen das Frühjahr so zu, daß die Leute Hunde, Katzen und Natten als Leckerbissen verzehrten. Die Armen folgten dem Karren des Abdeckers, wenn er ein gefallenes Vieh hinausführte, scharenweise, und um den Besitz einör Schweinekeule gab es damals blutige Köpfe. Ja sie kamen oft dem Abdecker zuvor, zogen ein krepiertes Vieh ab und verteilten es. Man erzählte sogar, daß in der Wetterau eine Nlutter, welche mit zwei Kindern vor Hunger und Elend rm Bette lag, von ihrem zuerst gestorbenen Kind ein Stück ge- — 19 — kocht und davon gegessen, auch dem andern Kinb davon gereicht habe. Line alte Gießener Nachricht erzählt folgendes: Da starb Johann Velten Beplern, dem INüller, ein Schwein, die armen Leute, so umb die Mühl her lagen, schunden es und aßen das Fleisch. Zu des Müllers Frau kam ein Weibs- mcnsch, der hat sie die Naß geschenkt, sie zu kochen, da kam des Müllers Frau dazu und sah, daß der Kopf noch in der haut stack, sie schlug deswegen die arme Frau mit der haut auf den Kopf. Manche Dörfer standen ganz leer, und da, wo sonst Menschen wohnten, wuchs Gras und lief lvild umher. Der Dauer, den das Landsterben verschont hatte, nahm Kriegsdienste, indem er es für leichter hielt, sich unterhalten zu lassen als andere zu unterhalten. Die, welche noch hin und wieder auf dem Lande wohnten, waren Einbrüchen und Straßenraub ausgesetzt. Deswegen flüchteten viele bei Annäherung eines Heerhaufens mit ihrem Vieh und wenigen Habseligkeiten in die Wälder und Gebirge. Über auch hier waren sie nicht völlig gesichert, weil die Soldaten, besonders die Schweden, Hunde mit sich führten, welche auf das Kufspüren von Menschen abgerichtet waren. Line sichere Zuflucht für die Bewohner der umliegenden Gegend gewährte die hiesige Stadt und Festung, die im Laufe des ganzen 30jährigen Krieges unerobert blieb. Die Volksmenge wuchs dadurch jo sehr, daß die Stadtkirche für den Gottesdienst nicht Raum genug hatte, weshalb dem geflüchteten Landvolk im juristischen Auditorium gepredigt wurde. In der Folge wurde das Ballhaus zur Kirche (Burgkirche) eingerichtet. Man zählte in diesem Jahre 304 verstorbene, worunter 268 aus dem Hospital waren. Der Geborenen waren es nur 212, und unter diesen waren etwa ein vierteil Uneheliche. Vas junge Volk lief nach Gefallen zusammen, trennte sich auch bald wieder. Line große Wohltat für manche Familie war die ausnehmend frühe Lrnte. Denn schon um Bartholomae (24 flu= gush fand man um die Stadt keine Frucht mehr im Felde, und auf die Gießer Kirmes (Ende Kugust) trank man schon neuen Wein. Da an Zugvieh gänzlicher Mangel war, so begnügten sich die Leute, das Feld zu hacken. Kndere spannten zusammen und pflügten. 1638. In diesem Jahre entstand ein Sterben unter dem Kind- vieh und unter den Schafen. Das erstere stieg dadurch so sehr im Preise, daß man eine Kuh mit 24 Talern bezahlen mußte. Den 24. Februar fing man schon überall im Kmt Gießen an zu zackern, gegen den 28. Februar wurde Hafer gesäet. >639. Das gegenwärtige Frühjahr war ausnehmend kalt. Den 19. Mai erfror das Korn an allen (Orten, so daß man nicht einmal die Saatfrucht bekam. 1641. Landgraf Georg II. ließ von hier am 24. März eine Verordnung ausgehen: „daß die Untertanen sich gegen die Plünderer, Straßenräuber, Mordbrenner und herrenloses Gesindel ernstlich zur wehr setzen und mit dem Geläute der Glocken ihre Nachbarn jedesmal zur hülfe rufen sollten, auch daß die veamten, (Offiziere und Soldaten die Untertanen mit genügsamer hülfe sekundieren (helfen) und die räuberischen Parteien äußerst verfolgen helfen, niederwerfen und, damit sic mit dem Schwert, Strang und Nad ihrem verbrechen nach abgestraft werden mögen, zu peinlichem Halsgericht einliefern sollen." Ts geschahen hier viele Hinrichtungen, und noch wird heutzutage in dem hiesigen Zeughaus ein Schwert gezeigt, das dunkelrot gefärbt ist und mit welchem der Sage nach ein Scharfrichter sich frei, d. h. ehrlich, gerichtet hat. Lin Bube von 16 Jahren in Wieseck hatte seiner Mutter, weil sie ihm kein Geld geben wollte, 9 Wunden mit dem Beil geschlagen, so daß sie auf der Stelle tot blieb. Lr wurde zweimal mit glühenden Zangen gezwickt, geköpft, gevierteilt, die Stücke an vier Straßen aufgehängt und der Kopf bei Wieseck auf einen Spieß gesteckt. Bei geringeren vergehen wurden andere auf eine mildere Weise zur Besserung gebracht, indem sie Kirchenbuße tun, d. h. unter der predigt mit entblößtem Haupt und mit einer brennenden Kerze in den Händen vor dem klltare stehen mußten. Die Schweden und Niederhessen sprengten die alte, massive, von dem Grafen von Ziegenhain herrührende Burg Staufenberg durch Pulver, so daß man den Knall und die Erschütterung weit und breit empfand. 1643. Den 3., 4. und 5. Januar fiel unaufhörlich starker Kegen, Schnee und Lis brach auf, und es entstand dadurch ein solckes Wasser, daß die Lahn den 4. nachts zwischen 12 und I Uhr in den Wallgraben brach. Das Wasser nahm in der Stadt so zu, daß es an einigen (Orten zwei mannstief stand und vieles Vieh ertrank. Vas Wasser ging an allen Toren über die Wallgräben, und man konnte von dem Siechhaus an, am Fuß des Selzersberges, mit Nachen über die Schoor bis an den Wallberg fahren. Die Leute fuhren allenthalben auf den Straßen mit Nachen und mit Backtrögen, nur auf dem Markt allein blieb es trocken. In Wetzlar und Weilburg hat die Lahn viele Häuser niedergerissen. Die zwei jungen Fürsten konnten damals nicht in die Stadt kommen, sondern mußten einige Nächte auf dem Schiffenberg bleiben. Der Landgraf, um den Folgen des vielen stehenden Wassers und Schlammes zu entgehen, zog mit seinem Hofstaate nach Küsselsheim. Den 2. Februar, nachdem ein starker Frost eingefallen war, stand das Wasser so hoch mit Grundeir, daß sich das Wasser daselbst verstopfte und auf der einen Seite an der Mühle vorbeifloß. Nuf der anderen Seite schoß es über den Schießplatz (jetzt Bleiche), und niemand konnte auf die Brücke kommen. Nach gepflogenem Kat ließ der platzobristleutnanl von Buseck eine halbe Karthaune hinausfahren und zwei Schüsse auf das Lis tun, aber ohne Erfolg. Die Eifer rammelten an der Schleuse mit Lishebern, aber sogleich fror wieder Lis mitten auf der wehre. Die wehre sowie die Brücken nahmen glücklicherweise keinen Schaden. Zu den traurigen Begebenheiten dieses Jahres gehört der Tod des allgemein geliebten Landgrafen Philipp zu Butzbach, der bei allen Bedrängnissen als ein Vater unter seinen Untertanen standhaft ausgehalten hatte. Ls waren ihm Dampf- oder Schwitzbäder verordnet worden, und man setzte ihn in einen Behälter von gebackenen Steinen, der um den hals geschlossen war und aus welche bloß der Kopf Hervorstand. Unten setzte man Becken von heißem Branntwein hinein. Da der Schweiß nicht sogleich kommen wollte, befahl der Fürst, den Branntwein stärker zu erhitzen. Vieser fing Feuer, die Dämpfe entzündeten sich, und der Fürst war, ehe bis man ihn Herausreißen konnte, jämmerlich verbrannt. Lr starb nach drei Tagen, den 29. Kpril, unter großen Schmerzen. In Wetzlar entstand durch Unvorsichtigkeit beim Flachsdörren ein starker Brand den 14. September, so daß bei einem starken Winde in einer Stunde 60 Gebäude in Feuer aufgingen. 20 Die ganze Gegend litt in diesem Jahre durch die verschiedenen Kriegsunruhen. Der schwedische Generalwachtmeister Graf von Königsmark brandschatzte Stadt und Land, die Franzosen unter Turenne standen einige Zeit zwischen Marburg und Gießen und die Bayern in der Wetterau. (Fortsetzung folgt.) Griechische Erinnerungen. Dritte Folge. von Geh. Gberkonsistorialrat D. W. petersen in Darmstadt. Nachdem ich in meinen früher erschienenen „Griechischen Erinnerungen" die Vorverhandlungen geschildert habe, die in dem heutigen Griechenland einer Eheschließung vorausgehen, gehe ich heute dazu über, von der Verlobung, der Brautzeit und der ksochzeit zu reden. Ohne eine Mitgift ist in Griechenland Kaum eine Eheschließung denkbar, selbst die Dienstmädchen sind zur Ehe nur dann begehrenswert, wenn sie im Koffer recht viele im Lause der Jahre ihnen geschenkte Kleider und wenigstens einige hundert Drachmen bar oder verzinslich angelegt haben. Diese Verhältnisse tragen entschieden dazu bei, den haushälterischen Sinn und die Sparsamkeit zu fördern, lvenn eine griechische Magd nicht an die Zukunft denkt, nicht Geld zurücklegt, ist es mit ihr nicht weit her. Nuf die Mitgift sieht eben die ganze Welt, und die Bezeichnungen polipkornos, wörtlich vielbringend, viel mitbringend, eindringlich, und kalä peprikismeni, mit reicher Mitgift ausgestattet, ist eine ganz gewöhnliche lobende Kennzeichnung einer Braut. Bei uns heißt es „klls Verlobte empfehlen sich", in Griechenland besorgen die Zeitungen das Empfehlen. Uns muten diese öffentlichen Hervorhebungen der Tugenden der Verlobten seltsam, oft geradezu komisch an, aber wenn der Südländer (nicht bloß der Grieche) feierlich wird, hascht er nach schmückenden Beiwörtern. Die Braut ist meistens okarisstati, höchst anmutig, okaritöloritos, eigentlich vor Unmut überquellend, ofl ist sie ,,'mit vielen Tugenden geschmückt". Ich entnehme einer beliebigen Zeitung eine Verlobung: „vorgestern abend wurden im Kreise von verwandten und Freunden die Uinge gewechselt zwischen dem anmutigen und durch außerordentliche Schönheit ausgezeichneten Fräulein Ssmene 3E., der Tochter des hervorragenden Politikers und früheren Ministers des Innern, Herrn X., mit dem durch mannigfache Gaben geschmückten und durch Bildung ausgezeichneten Udvokaten panos I). Mit den vielen verwandten und Freunden der Verlobten wünschen wir alle, daß die das wohl und glücklich assortierte paar jetzt schmückenden natürlichen und erworbenen Gaben auch nach der glücklichen Hochzeit reichlich ihnen erhalten bleiben mögen mit immer frischen Beizen und Kränzen, wie die immer grünen Bäume, die zu jeder Jahreszeit kräftig sind und nie ihre Blätter verlieren." Mr verstehen schon, daß da von den Herren Zcitungsredakteuren resp. Neportern arg mit der Ivurst nach dem Schinken geworfem>wird; und dann gehört in Griechenland alles mögliche in die Deffentlichkeit, was wir für uns behalten. Blso der Ehekontrakt ist fertig bis auf das Sofakissen und das Staatspapier. Bei den mittleren Ständen kann man in 5lthen wohl eine Nrt Parade der Nussteuer erleben. Denken wir uns einmal, wie ich es gesehen habe, gegen ZO Landauer hintereinander ihre Nundfahrt durch die belebtesten Straßen Nthens halten. Der Fremde weiß natürlich erst gar nicht, was er denken soll, wenn er die fröhlichen Menschen in den Wagen sichte die veilchenbekränzten Nthener, welche viel mehr auf den Straßen lustwandeln als wir, und zudem auf den großen freien Plätzen zu Hunderten ihren Kaffee trinken, wissen das ganz wohl und freuen sich besonders auf den Einblick in die Geheimnisse des künftigen Hausstandes, die da auf den Wagensitzen ausgebreitet liegen. Man begreift es, daß ein ganzes Bett mit den hübsch gestickten Paradekissen, auf denen man, wohlgemerkt, nicht schläft, sondern die nur tagsüber als Zeugen der Neinlichkeit und des Wohlstandes auf dem Lagerparadieren, in einem Landauer ausgebreitet liegt, statt eines Menschenkindes, etwa darauf ein Spiegel,' aber eine Kommode und Stühle im Wagen wirken komisch. Jedenfalls ist das ganze ein offenes Geständnis, was man in Griechenland als die notwendige Grundlage des Ehebundes ansieht. Lange Verlöbnisse kennt man in Griechenland nicht. Das hat seinen guten Grund. Nllein dürfen die zwei Betreffenden nicht miteinander sein. Huf Spaziergängen muß immer noch ein anderes menschliches Wesen mit dabei sein, und ich denke mir das für Verlobte recht langweilig. Nuf die Verlobung folgt in wenigen Monaten, zuweilen nur Wochen, die Trauung. Tachia stepsis!, „schnelle Trauung", ist der Wunsch, den man einem Brautpaar darbringt. Die Trauung wird, wie die Taufe, in Griechenland oder besser wohl rn Nthen, sehr oft, wenn nicht meistens, im Hause vorgenommen. Man kann nicht sagen, daß sie einen feierlichen Eindruck mache, selbst in der Kirche nicht. Nicht als ob es an sich der kirchlichen Feier, insbesondere den Gebeten, an Weihe zu fehlen brauchte, aber wie so oft in der griechischen Kirche verderben die Menschen, die die feierliche Handlung vollziehen und die Gebete sprechen, alles. Die Gebete sind reichlich lang, und heben meistens das Nlttestamentliche, die Uaturseite der Ehe hervor, und man hört immer die Namen der Frommen des Nlten Bundes heraus. Die Handlung selbst bewegt sich in sehr schönen Symbolen. Was einem Evangelischen gleich auffällt, ist das scheinbare Fehlen der Traufrage. Diese ernste Frage, das Ja des Brautpaares, der darauffolgende Segen sind der Mittelpunkt der Trauung bei uns. Der Ernst des Schrittes und die Heiligkeit der Handlung machen sich darin dem empfänglichen Gemllte fühlbar. Dies alles ist bei der griechischen Trauung fortgefallen, oder tritt doch so in den Hintergrund, daß man es nicht bemerkt, und ich glaube, daß das der Grund ist, weshalb es an Weihe fehlt. Nichts wird den Beteiligten direkt nahe gelegt, an Herz und Gewissen gebracht. Sie haben nichts zu sagen, es wird an ihnen eine Handlung vollzogen und auch diese noch in möglichst unpersönlicher Form. Man hat, wenn man eine griechische Hochzeitsgesellschaft bei der Trauung ansieht, wirklich den Eindruck einer heiteren Karncvalsgesellschaft, die einer klufsüh- rung beiwohnt. Bei der Symbolik der Trauung spielen Ninge und Kränze eine hervorragende Nolle. Diese Symbolik ist eine natürliche und vielen Völkern gemeinsame. Die griechische Kirche hat gewiß manche Gebräuche des Nltertums einfach christianisiert, so daß wir darin Uraltes vor uns haben. Die Bekränzung mit Blumen, der Ning am Finger als Pfand der Treue ist uralt, findet sich bei Griechen und Nömern. Nn die Stelle der alten Hochzeitsfackeln bei den Juden und Griechen traten in der Kirche die Lichter. Selbst in den von der volks- sittc verbotenen Trauzeiten ist Nltes erhalten: der wunderschöne Monat Mai, da alle Knospen springen, sieht in Griechenland noch heute keine Hochzeit. Bei der griechischen Hochzeit heutzutage fallen Verlobung und Trauung zusammen. Der Name für die Verlobung, mni- stron tu arrawonos, weist auf eine alte Volkssitte hin, da z. B. bei den Juden die Morgengabe von dem Bräutigam an den Vater der Braut entrichtet wurde. Bei den Griechen der 21 ältesten Zeit fand ebenfalls ein Lraulkauf statt. Das hat sich geändert. Wie wir gesehen haben, ist die Ausstattung der kraut, die prika, der Gegenstand ernstlicher, der Hochzeit vorhergehender Bemühungen und Abmachungen,^ und die kontraktliche Feststellung derselben geht der Feier voraus. Jetzt ist cs nicht mehr Litte, einen arrawön, d. h. ein Pfand, ein die Familienverbindung besiegelndes Geschenk zu geben. Rn die Stelle dieser massiven Gabe ist der poetischere Ringwechsel getreten. Wenn die Feier in der Kirche stattfindet, liegen die Ringe, jetzt zwei goldene, früher ein goldener für den Mann, ein silberner für die Frau, aus dem Rltar. Wenn das zu vermählende paar, gefolgt von den Brautführern, den Freunden des Bräutigams, vor den Priester tritt sich bemerke dabei, datz in der griechischen Kirche der Laie keinen Zutritt in das durch den ikonostäs, dieBilderwand, vondemSchiffederkirche getrennte RIlerheiligste hat, zu dem in der Mitte die sogenannte königliche Tür, aus der das Evangelium und die Sakramente und auch diese nicht von dem Diakon, sondern nur von dem Priester herausgetragen werden, und außerdem rechts und links zwei kleine Türen führen), so übergibt er ihnen die Kerzen, deren Dicke, Länge und Kostbarkeit sich nach den Vermögensverhältnissen richten. Nachdem er mit denselben dreimal das Zeichen des Kreuzes an die Stirn des Paares gemacht hat, beräuchert er sie kreuzweise mit dem silbernen Weihrauchfaß. Nach einem Gebet nimmt der Priester die Ninge und spricht sman achte aus die ungewöhnliche Form): Ts wird der Knecht Gottes, sagen wir Themistokles, verlobt mit der Dienerin Gottes, sagen wir Rphrodite, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Dreimal wiederholt er das bei jedem der beiden, macht mit den Ringen das kreuz an ihren köpfen und tut die Ringe an ihre rechte Hand, worauf der Brautführer, der paränimpkos, sie wechselt. Daran schließt sich ein Gebet, in welchem an die Werbung Tliesers um die Rebekka und an den Gebrauch des Ringes im Riten Testament erinnert wird. Wieder beräuchert der Priester das paar, und man darf dabei gewiß daran denken, daß bei den Römern Weihrauch und Blumenkränze dem Hausgotte dargebracht wurden, damit er die The zu einer glücklichen mache. Dann rezitiert der Priester den Psalm 128: ,,Du wirst dich nähren von deiner Hände Rrbeit, wohl dir, du hast es gut. Dein Weib wird sein wie ein Weinstock, deine Kinder wie die Delzweige um deinen Tisch." Dann erbittet der Priester den Segen Gottes über die Verlobten, in einem Gebet, das überreich an Rainen aus dem Riten Testament ist: „Segne sie, wie du segnetest Rbraham und Sarah, Isaak und Rebekka, Jakob und alle Patriarchen, IRoses und Zippora, Joachim und Rnna, Zacharias und Elisabeth. Erhalte sie wie du erhieltest Roah in der Rrche, Jonas im Bauche des Wallfisches, die drei Männer im feurigenGfcn. Gedenke an sie, wie du gedachtest an henoch, Sem, Elias, an deine vierzig heiligen Märtyrer und sende ihnen Kronen vom Himmel. Gedenke an ihre Eltern, an die Brautführer, an deinen Knecht Themistokles und deine Magd Rphrodite, erhöhe sie wie die Zedern des Libanon und wie den fruchtbaren Weinstock." Run folgt die Krönung; denn stephänoma, stephänosis, stepsis, Krönung, nennt der Grieche, was wir Trauung nennen. Rach kurzem Gebet, daß Gott das paar vereinigen wolle, nimmt der Priester die Kronen. Ich bemerke, daß die Braut geschmückt ist mit einem Kranz von Grangeblüten. Ich war erstaunt, diesen Kranz in Darmstadt wiederzufinden, während in meiner Heimat die Myrte herrscht. In Griechenland ist die Myrte tnassenhaft zu finden. Mit Vergnügen denke ich an ein Myrtengebüsch in der Rähe unsere; Sommeraufenthalts auf dem Gebirge Parnaß, welches im Juni und Juli von Blüten weiß war wie ein riesiger Schneeball von 2 Meter Durchmesser. Die griechische Braut trägt die lebende, stark duftende Grangeblllte im haar unter dem Brautschleier, der die ganze Gestalt bis auf das Gesicht einhüllt. Die Kirche hat ihre Kronen und diese Kronen, die oft kostbar und mit Edelsteinen besetzt sind, sind durch entsprechend breite Schleifen untereinander verbunden und werden von Braut und Bräutigam getragen, was gewöhnlich unter den Rnwesenden Heiterkeit hervorruft, wie auch die seltsame Zeremonie, wenn der Priester diese untereinander verbundenen beiden Kronen auf den köpfen je dreimal wechselt mit den Worten: Es wird gekrönt der Knecht Gottes Themistokles mit der Magd Gottes Rphrodite und umgekehrt, wobei die verbindende Schleife dem paar gewöhnlich zu schaffen macht, ebenso wie die großen meterlangen brennenden Wachskerzen, welche das paar während der ganzen eine Stunde dauernden Feier zu tragen hat, wahrlich keine kleine Rufgabe! Ruch die Brautführer haben ihre Rrbeit mit den Kronen, die nicht auf den köpfen sitzen bleiben, sondern von ihnen über denselben gehalten werden müssen, wobei sie manchmal einen Stellvertreter brauchen. Rach der Krönung segnet der Priester dreimal das paar: ,,Du Herr, unser Gott, kröne sie mit Glanz und Ehre!" Run werden zwei Rbschnitte aus dem Reuen Testament verlesen, darunter der Rbschnitt von der Hochzeit zu Kana und nach einem Gebet und Vaterunser folgt der „gemeinsame Kelch" mit Wein und Wasser, den der Priester segnet und aus dem die vermählten dreimal wechselweise trinken. Dann faßt er ihre über das kreuz verbundenen Hände mit seiner Hand und führt das Paar, hinter dem die Brautführer mit den hochgehaltenen Kronen gehen, im kreise herum, rund um eine Rrt Tisch von Westen nach Osten. Unwillkürlich denkt man sich an dem Platz einen heidnischen Hausaltar, und die herum- führung vertritt die Stelle eines Reigens, wobei die Priester ein seltsames Lied singen, das so anfängt: Jesaias tanz' den Reigen! Darauf nimmt der Priester dem Bräutigam die Krone und sagt: „Du, Bräutigam werde groß wie Rbraham und gesegnet wie Isaak; werde gemehret wie Jakob, im Frieden wandelnd und in Rechtschaffenheit die Gebote Gottes übend. Und du, Braut, werde groß wie Sarah, und freudeerfüllt wie Rebekka, und gemehrt wie Rahel, fröhlich in deinem Wanne, bewahrend die Grenzen des Gesetzes, denn also gefällt es Gott wohl." Rach einem Gebet, daß Gott ihren Rusgang und Eingang segnen möge, geht der Priester an den Rltar. Die vermählten küssen sich, werden von den Rnwesenden geküßt und werden dann von dem Priester mit einem Segen entlassen. Das Hochzeitskleid der höheren Klassen unterscheidet sich nicht von dem bei uns gebräulichen. Das Volk liebt die bunten Farben. Die Fest- und Brauttracht der Rthenerin aus dem Volke ist der weite seidene Rock in möglichst lebhaften Farben. Ulan erkennt daran leicht die Jungvermählten, wenn sie ihre Besuche nach der Hochzeit machen. Wie bei der Tauffeier ist die an die Trauung sich anschließende Feier eine einfache. Rnstatt der kostspieligen Gast- mähler, von denen die Neuvermählten sich wegstehlen müssen, um sich auf die Hochzeitsreise zu begeben, gehen im griecki- schcn Hause die großen Platten mit Konfekt und Bonbons herum,' ein jeder nimmt sich, soviel die Hand fassen kann, und außerdem hat jeder das Recht, ein aus Gaze oder Seide gemachtes Säckchen gefüllt mit Süßigkeiten mitzunehmen. Die griechischen Priester handeln da mit Unbefangenheit,' sie lassen 22 in ihre großen und liefen Taschen ihres Gewandes gleiten, was diese fassen mögen. Mandelmilch und wein, Tis und Limonaden erquicken die Festgäste. sFortsehung folgt.) Lin pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechäolsheimer. (Fortsetzung.) Da der Vater der Ansicht war, daß wir wegen des anhaltenden Regens an diesem Tage doch nicht mit dem hafer- fchneiden beginnen könnten, so begaben wir uns wieder zur Ruhe und schliefen bis ungefähr 6 Uhr. Rls wir erwachten, floß der Regen noch immer hernieder, und die ganze Landschaft war in ein einziges Grau gehüllt, ver vonnersberg lag, von einem leichten Nebelschleier umgeben, vor unseren Rügen. Gerade saßen wir beim Raffee, da stürzte Fritz ganz verwirrt in das Wohnzimmer und sagte: ,,3n unserer Scheuer liegt ja noch ein Soldat, wie ich eben Stroh holen wollte, bin ich beinahe über ihn gestolpert." wir sprangen bei dieser Nachricht auf und eilten hinaus auf die Tenne. Ruf der Streu, die wir am Tage zuvor zurecht gemacht hatten, ganz hinten im Winkel, wo es etwas dunkel war, lag in der Tat ein Soldat, und es schien uns zuerst, als ob er noch schliefe. Der Vater trat näher, faßte den Mann am Rrm und sagte: ,.haben Sie denn den Rlarm nicht gehört, das ganze Militär ist ja schon seit 3 Uhr abgerückt." Der Mann stöhnte leise, versuchte sich aufzurichten, sank aber sofort wieder in das Stroh zurück, dann sagte er mit leiser Stimme: „Sch habe alles gehört, konnte mich aber nicht erheben, weil ich zwischen den Schulterblättern so furchtbare Stiche verspürte. Meine Rameraden sind so schnell hinaus- gceilt, daß ich keinem mehr etwas sagen konnte." Ich lief auf der Vaters Geheiß rasch zum Nachbar Rei- per hinüber und bat ihn, den kranken Mann in unser Haus tragen zu helfen. Ruch Gottfried Reiper kam mit, und nun wurde der Soldat von seinem Lager aufgerichtet. Sch hatte ihn am Tage vorher gar nicht genau in das Rüge gefaßt, nun, als er herausgetragen wurde, sah ich beim Tageslichte im Hofe, daß es ein groß gewachsener Mann war, der ganz hellblonder, beinahe weißes haar und einen Bart von qleicher Farbe hatte. Er klagte über große Schmerzen auch in den Beinen und war nicht fähig, auch nur einen Schritt zu gehen. Mein Vater, mein Bruder Fritz, Nachbar Reiper und dessen Sohn Gottfried hatten große Mühe, den starken Mann die steile Stiege zu unserem Giebelzimmer hinaufzutragen. Dort zogen sie ihm die Uniform aus und legten ihn in das Bett. Die Mutter brachte rasch einen Topf warmen Raffee und gab dem Rranken zu trinken, der dadurch sichtlich gestärkt wurde. Unten im Wohnzimmer beratschlagten die Männer, was zu tun sei. Dem Truppenteil des kranken Soldaten, dar stand bei ihnen fest, konnten sie von dem Grunde seines Zurückbleibens, das unterdessen wohl schon bemerkt worden war, keine Nachricht zukommen lassen; denn die Soldaten, die in Ruppertsecken im (huartier gelegen hatten, waren jetzt schon 4 Stunden auf dem Marsche, und niemand wußte, wohin sie sich von Rockenhausen aus gewandt hatten. Darum hielt man es für das geratenste, nach Rockenhausen zu Dr. Walter zu schicken, und Fritz erhielt den Ruftrag, diesen Gang zu machen. Spät am Nachmittag kam der Rrzt mit seiner Halbchaise den Berg heraufgefahren. Dr. Walter war ein Mann, der seit 40 Jahren zwischen Teschenmoschel, Heiligenmoschel, Hefersweiler bi; hinüber nach Ruppertsecken, Gerbach und Würzweiler hin und her fuhr und wahrlich kein leichtes Leben hatte. Dft hielt sein Fuhrwerk abends um 10 Uhr noch in meinem Geburtsorte, wie oft habe ich den alten Rrzt im Winter im langen, blauen Radmantel, den Ropf unter der Schirmmütze noch mit einem Tuche verhüllt, über die Gassen schreiten sehen. Cr kannte alle Leute im Dorfe, und es gab nur wenige, die er nicht mit ,,du" anredete. Sein freundliches Gesicht richtete manchen Rranken auf, wenn er nur in das Zimmer trat. Er verschmähte es auch nicht, wenn er seinen Rundgang gemacht hatte, eine Stunde im Wirtshause, wo die Bestellungen für ihn aufgegeben wurden, mit den Leuten zusammenzusitzen und mit ihnen über der Welt Lauf und Händel und über die neuesten Ereignisse in den Dörfern des Umkreises zu reden. Eine ganze weile beschäftigte er sich mit dem Rranken. RI; er mit dem Vater wieder herunterkam und in die Wohnstube trat, war sein Gesicht sehr ernst. ,,Du hast einen schwerkranken wann im Hause, Hannes", sagte er zu meinem Vater. „Ver Soldat hat eine schwere Lungenentzündung und überdies Rheumatismus, der ihm in den Gelenken heftige Schmerzen macht. Den Rheumatismus hat er wahrscheinlich schon in seiner Heimat gehabt, ohne viel davon zu spüren. Durch die lange Eisenbahnfahrt von Flensburg bis nach Biebrich und dann durch den zweitägigen Marsch rm kalten Regen ist die Rrankheit erneut und sehr heftig zum Rusbruch gekommen. Dazu hat sich die Lungenentzündung gesellt. Rber du kannst den wann nicht hier im Hause lassen, das Stübchen ist viel zu eng für einen Rranken, und dann auch machen deine Rinder zu viel Tumult. Sch will einmal mit dem Bürgermeister reden, der muß dafür sorgen, daß wir den wann in das Zimmer auf dem Gemeindehause bringen. Vas war nun für Dr. Walter eine schwere Rufgabe; denn unser alter Bürgermeister Rodenbecher war zwar ein herzensguter wann, aber in allen wichtigen und dringenden Sachen verlor er gleich den Ropf und war hilflos wie ein Rind. Rls die Einquartierung angesagt worden war, hatte er auf der Straße gejammert wie ein Rind: „Um Himmelswillen, was fang ich an, es kommen 400 wann in das Grt, und ich habe meine Brille dem Brillenmanne zu Grehweilcr zum Rusbes- sern gegeben." Zum Glück kam der Honeck von Dielkirchen, ein früherer Notariatsschreiber, der sich bei den vielen Versteigerungen und Testamentserrichtungen hin und her in den Dörfern am Donnersberge das Trinken angewöhnt hatte, und nun, weil ihn kein Notar mehr zum Rktenschreiben haben wollte, den Landbllrgermeistern in der Runde die schriftlichen Rrbeiten besorgte oder, wie man dort in Erinnerung an die französische Zeit sagte, das „greffier" machte. Ghne den Honeck konnte der alte Rodenbecher so viel ausrichten wie damals das deutsche Heer ohne Moltke, der „Greffier“ schrieb jeden hciratsakt und jede Bekanntmachung, die dem Gemeindediener zum Russchellen übergeben wurde. So hatte er denn auch mit den (Quartiermachern die Wannschaft auf die einzelnen Grtsbllrger verteilt und die (huarlierzettel geschrieben. Ruch diesmal wollte der Bürgermeister auf den nächsten Tag vertrösten, bis der Honeck käme, aber Walther ließ nicht nach. Er redete so lange auf Rodenbecher ein, bis er seinen Schlüsselbund vom Nagel nahm und das Zimmer, in dem sonst der Gemeinderat seine Sitzungen hielt, Herrichten ließ. Die Rltpctcr-Lene gab ein Bett her, das ihr aus der Gemeindekasse bezahlt wurde. Sn der Rbenddämmerung wurde der kranke Soldat, den man in Decken gehüllt hatte, auf einer Bahre aus unserem Hause weggebracht, was mich am meisten 23 wunderte, das war, daß die Männer aus Ruppertsecken, die bei diesem Transporte halfen, so zart und behutsam den Kranken anfaßten, als ob sie ihr Lebtage Kranke gepflegt oder Stickcreiarbeiten gemacht hätten, während ihre Hände doch fortwährend die schweren Acker- und Waldgerätschaften: Karst, Pflug, Senfe und Axt zu führen gewohnt waren. Ts bildete sich sofort eine Art Bruderschaft, die sich erbot, den Kranken abwechselnd zu pflegen, mein Vater aber war der, der am meisten am Bette des Soldaten weilte. Uührend war es, wie man im Dorfe wetteiferte, diesem Liebe zu erweisen. vor dem Gemeindehause hatte man Stroh über die Straße gebreitet, damit das Pollern der Fuhrwerke nicht zu merken war. Wir Schulkinder hüteten uns in diesen Tagen, den gewohnten Lärm zu machen, lvenn ja einer von uns Buben laut wurde, so wurde ihm alsbald gesagt: „Kreisch nicht so, dort oben liegt der kranke Soldat!" Die Frauen brachten herbei, was nach ihrer Meinung dem Kranken dienlich sein konnte: Gbst und frische Butter, Fleischbrühe und den letzten Best von der im letzten lvinter hergestellten Wurst. (Fortsetzung folgt.) Allerlei Neues aus der Mission. Die Erbauung eines Tropengenesungsheims in Tübingen ist schon seit längerer Zeit ein Bedürfnis. Die aus den Tropen krank Zurückgekehrten sollen in einem auf freier, sonniger Höhenlage zu errichtenden Hause durch ein im Tropendienst ausgebildetes Personal sachverständig verpflegt werden. Durch eine in Preußen gesammelte Kirchenkollekte und eine Zuwendung aus der Nationalspende zum Kaiserjubiläum ist der Grundstock vorhanden. Man rechnet nun damit, daß die noch fehlenden 100000 Mark durch Liebesgaben bald Zusammenkommen, um noch vor Ende 1014 den zunächst für 30 Betten berechneten Bau schuldenfrei zu vollenden. Als zweiter Direktor neben Dr. GIpp ist mit Beginn dieses Wahres der Herausgeber der Zeitschrift „Die ärztliche Mission", Dr. Feldmann, eingetreten. Missionsausstellung. Koch im Januar wird im Kcichstagsgcbäude zu Berlin eine Missionsausstellung, vornehmlich für Ueichstagsabgeordnete, slattfinden. Sie will das Interesse für die deutschen Missionen in unseren Kolonien und in der Südsee wecken. Die Vorbereitungen zu ihr liegen in den Händen berufener Fachmänner, hauptsächlich gelangt Material aus dem deutschen Missionsschulwesen unserer Kolonien zur Ausstellung. Die evangelische und katholische Kirche beteiligen sich gemeinsam an der Ausstellung. Worte zum Nachdenten. Schaue das Ziel an! „lvie drückend ist die lvüste, der Weg so öd und hart, So einsam oft die Reife, so rauh die Pilgerfahrt!" Getrost du müder Pilger! Bald ist das Ziel erreicht: Des cw'gen Morgens Böte sich schon am Himmel zeigt. Getrost! Bald ruhst du droben von allen Mühen aus, Bald führt dein Herr und Heiland dich cheim ins Vaterhaus. Drum, will dein Fuß ermüden, brennt heiß der Sonne Glut; So blick' hinauf zum Ziele, das gibt dir frischen Mut. Und sieh, des Herren Güte ist jeden Morgen neu: (Ob Freund und Bruder weichen, Er bleibt dir immer treu. Er kann dich niemals täuschen, Er läßt dich nie allein, Er schenkt trotz aller Feinde den Becher voll dir ein. Er fühlt, wie keiner fühlet mit dir auch jeden Schmerz, Enttäuschung, Kummer, Sorgen Er kennt dein banges Herz. Er schenkt dem Schwachen Stärke, dem Müden neue Kraft: Er wird auch dich nicht lassen auf deiner Pilgerschaft. harr' aus drum, müder Pilger! Bald ist das Ziel erreicht, Der ew'gen Morgens Uöte sich schon am Himmel zeigt. harr' aus! Die Wüstenreise kürzt täglich, stündlich ab: Auf sel'gen Friedensauen ruht bald dein Wanderstab. (Aus: Bibel-Lesezirkel von v. viebahn.) Uirchliche Anzeigen. Sonntag, den 25. Januar, 3. nach Epiphanias. Gottesdienst. In der Stadttirche. vormittags 9\]> Uhr: Professor D. S ch i a n. vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Markusgemeinde. Pfarrer Schwabe. Abends 5Uhr: Pfarrer D. Schlosser. Montag, den 26. Januar, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Matthüusgemeinde. Dienstag, den 27. Januar, vormittags 10' i Uhr: vereinigter Zivil- und Militärgottes- dienst zur Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers. Pfarrer Bechtolsheimer. Donnerstag, den 29. Januar, abends 8 Uhr, im Mar- kussaal: Bibelstunde. (Brief des Apostels Jakobus.) Pfarrer Schwabe. Uächstkünftigen Sonntag, den 1. Februar, findet im Abcndgottesdicnst Beichte und heil. Abendmahl für Matthäus- und Markusgemeinde gemeinsam statt. Anmeldung vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. In der Johanneskirche, vormittags 9 x k Uhr: Pfarrer Ausfeld, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Johanncsgemcind«. Pfarrer A u s f e l d. Abends 5 Uhr: pfarrasststent hoffmann. Beichte und heil. Abendmahl für Lukas- und Johannesgemeinde gemeinsam. Anmeldungen vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. Abends 8 Uhr: Versammlung und Bibelbesprechung im Johannessaal. Mittwoch, den 28. Januar, abends 8 Uhr: Bibelstunde im Johannessaal. Pfarrer Ausfeld. Freitag, den 30. Januar, abends 1 ->6 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Lukas- und Johannesgemeinde. ein rosiges, jugendfrisches Antlitz und einen zarten, blendend schönen 'lViot £ n es d'*»s erzeugt die echte - 1 ?« *.»«♦«» Li ienmilchseile von bergmann & Co, Radebeul, ä St 50 Pfg Wenn wir einem jvicnfchen begegnen, wenn wir ihn grüßen, mit ihm sprechen, so schauen wir ihm ins Gesicht. Wir brauchen ihn nicht unverwandt und starr anzusehen. aber wir müssen doch in der Hauptsache unsere Blicke auf sein Gesicht konzentrieren, das erfordern die Regeln des Anstands. So ist es denn ganz natürlich, daß die Gesichtsfläche eines Menschen der Beobachtung seines Gegenübers am meisten unterliegt, und wir die aer nqste Hautunrcinigkeit im Gesicht e>nes anderen viel leichter bemerken, als etwa ein Defekt seiner Kleidung, das kleinste Gesichtspickelchen viel eher wahrnehmen, als eine Beule an seiner Hand. Diese Tatsache läßt in jedem Menschen den begreiflichen Wunsch aufkeimen, eine möglichst reine, glatte, frische Gesichtshaut zu besitzen, die sympatisch und angenehm wirkt Doch es ist leicht, sich diesen Wunsch zu erfüllen, wenn man sich an tägliche Waschungen mit der bewährten Steckenpferd-Teer schwefelseife von Bergmann 6c Co.. 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