Nr. 2. Giehen, 2. Sonntag nach Epiphanias, 18. Januar 1914. 3. Jahrgang. Christliche Heiterkeit. Vrief des Apostels Paulus an die Römer 12, 8, 10 u. 12—15. Uebet jemand Barmherzigkeit, so tue er es mit Lust. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Seid fröhlich in Hoffnung! verberget gerne! Segnet und fluchet nicht! Freuet euch mit den Fröhlichen! Was? Christliche Heiterkeit? Kann es denn dergleichen überhaupt geben? So haben wir schon manchen fragen hören, der selber durchs Leben höchst sauertöpfisch einherging, aber sich nicht genug darin zu tun wußte, auf die „muckerischen und kopfhängerischen Frommen" zu schelten. Das eine ist gewiß: Begegnen wir solchen allewege salbungsvollen und melancholischen „heiligen", da ist ein geheimes Mißtrauen, obs auch mit ihrem Christentum recht bestellt sei, gar sehr am Platze! Biblisch ist solch Benehmen am allerwenigsten! Me sagt doch Paulus, einer der größten Christen zweier Jahrtausende? „Uebet jemand Barmherzigkeit, so tue er's mit Lust" wie Luther übersetzt! noch jinngemätzer heißt's nach dem Urtext: mit Heiterkeit! Und wenn wir die ganze Skala echt christlicher Liebesdienste mit sinnendem Geiste betrachten, die der Upostel im heutigen klbschnltt den Seinen auf die Seele legt: ja, so recht eigentlich läßt sich kein einziger erfüllen ohne jene erquickende Heiterkeit der Seele, die man gcradeswegs «in Kennzeichen wahren Christentums nennen kann. Gder meinet ihr, Jesus sei mit ewig schwermütig umwölkter Stirn und gleichsam betrüblich auf den Fußspitzen schleichend durchs Leben gegangen? Oer das unsterbliche Wort prägte: „So ihr nicht werdet wie die Kinder, könnet ihr nicht in das Ueich Gottes kommen!" den können wir uns gar nicht denken ohne ein sonniges Lächeln, ohne einen geheimen Zauber bezwingender Heiterkeit, der auf seiner reinen Stirn lagerte. Und wenn sein großer Schüler uns heute Worte zuruft wie: „Oie brüderliche Liebe unter einander sei herzlich! Seid fröhlich in Hoffnung! herberget gerne! Segnet und fluchet nicht! Freuet euch mit den Fröhlichen!" so soll das uns erst mal einer vormachen, wenn nicht aus seiner Seele verklärte kjeiterkeit wie Sonnenschein vom Himmel lacht! Wir kennen eine Krankenpflegerin, die jahraus jahrein die bewährte Gehilfin eines berühmten Chirurgen bei dessen täglichen Operationen auf Leben und Cod ist. Doch wenn sie bloß ins Krankenzimmer tritt, dann meint man schon, es ginge ein Strahl heilenden, erleichternden Frohsinns von ihr aus, und wenn sie lacht, klingt's wie das heitere Trillern der Lerche durch's Haus! Oas ist die Heiterkeit, die Paulus meint, die Heiterkeit des echten Thristen- Menschen. Besitzen freilich kann sie nur der, der sich gebettet weiß sein Leben lang in nimmermüde heilandsliebe und nie- oersagende Gottesgnade. Allein aus der Zamilie! Jüngst hört' ich ein merkwürdig Wort Sag, magst du auch dran glauben? — „Familien können nicht zu Gott, nicht mehr"......„Oie Zeiten rauben uns heute solch gemeinsam Gut."____ Und ja! ich mußt' es sehen, selbst auf dem kleinsten Dorf: Oen Weg will heute keins mehr gehen, den Weg herzein'ger Frömmigkeit____ Cs läuft ein Geist der Schrecken durch unsre aufgeklärte Zeit, — der will zu gleichem wecken die Freien und die Fröner.....Ooch „Weh! Denen, die den Blinden des Lichtes Himmelsfackel leihn" Sie wird noch heute „zünden", nicht strahlend einen neuen Weg zur alten Wahrheit weisen..... Nein Volk, mein deutsches Volk, sieh klar, und laß dich nicht zerreißen! Noch jetzt blüht, wie zu aller Zeit, allein aus der Familie der echten deutschen Frömmigkeit lichtreine, heilige Lilie. Bensheim a. d. 6. K. C. Knoöt. Ans der Tätigkeit eines Reisepredigers in Ramerun. von Missionar Heinrich Walther in Mangamba. (Schluß.) Freude bei Verlobungen, wie daheim, sieht man nicht. Oas Mädchen Kann ja nicht, wie ich schon erwähnt, nach seinem 10 Herzenswunsch entscheiden. Dem Bräutigam, dem es der Vater verkauft, muß es in die Ehe folgen. Bls ich noch in Bone- bela war, kam eines Morgens unser ältestes Mädchen, Ton- ginia mit Barnen, etwa 12 Jahre alt, und sagte, es habe einen Bräutigam bekommen, von Freude habe ich gar nichts auf dem Bngesicht gesehen. Und dann, wie verachtet ist die Frau! — Das Mädchen wird Frau, nachdem die Lachen alle bezahlt sind. Der Bräutigam muß dafür aufkommen, und das bringt diese jungen Leute manchmal in Verlegenheit. Doch ich will annehmen, es geht alles gut vonstatten, die beiden kommen zusammen. Der Hochzeitstag kommt heran. Da finden vorerst Bingkämpfe statt. Darüber brauche ich mich nicht weiter zu verbreiten, da ich in einem früheren Bericht schon darüber geschrieben habe. Lind die Brautleute Thristen, so werden sie in der Kirche getraut. Dieses kann öffentlich, aber auch im Stillen geschehen, ganz wie es die Brautleute wünschen. Bach der Trauung gibt es ein großes Festessen, wozu die ganze Verwandtschaft eingeladen wird. Manchmal geht am Hochzeitstag schon das Palaver los. Bis ich in Bonebela war, konnte ich eine Hochzeit, ich glaube es war an einem Blochentag, mitmachen. Während der Trauung kamen die verwandten der Braut, und direkt nach der Trauung fingen die verwandten an, dem Bräutigam vorzuhalten, wie er wagen könne, einfach die Braut zu nehmen, ohne daß alles bezahlt sei. Diese verwandten wollten nur noch etwas herausschlagen, und wie ich nachträglich erfuhr, soll der Bräutigam auch noch etwas bezahlt haben, trotzdem alles schon in Bich- tigkeit war. Ls kommt sogar vor, daß ein Mädchen einige- male verkauft wird. Ist das Mädchen bereits bezahlt, so verkauft es der Vater wieder anderwärts, und so macht er das manchmal drei- oder viermal. Buch die Braut macht es manchmal so. In neuerer Zeit ist es nämlich so, daß die Be- gierung den Mädchen hilft, um sie vor bösen Männern zu bewahren, lvenn sie Beschwerden gegen ihren Bräutigam Vorbringen, so können sie für 20 Mark einen Schein bekommen, der sie von ihrem Bräutigam befreit. Dadurch wird zum Glück manche unglückliche The vermieden. Bber von manchen Mädchen wird das ausgenutzt. Der Bräutigam beschenkt nämlich reichlich seine Braut und einer will es dem anderen zuvortun. Ist nun die Braut reichlich beschenkt worden, so geht sie hin, läßt sich einen Schein ausstellen, läßt sich an einen anderen verkaufen, und so geht es dann weiter. Im großen und ganzen aber geht es besser. — Wieviele Zerwürfnisse aber gibt es zwischen Braut und Bräutigam. Etwa im Mai war es, da kam ein Mädchen zu uns auf die Station, es war zu Haus fortgelaufen, da es die zweite Frau eines Mannes werden sollte. Die Mutter war für diese Heirat, bas Mädchen wollte nichts davon wissen. Ls kam zu uns und suchte Schutz bei 'uns, den wir ihm auch gern gewährten. Bach einigen Tagen kam die Schwester des Mädchens und bearbeitete es, daß es mit ihr gehen solle, die Schwester war nämlich in der Bähe des Wohnortes dieses Mannes verheiratet. Ich glaube, daß das Ganze eine abgemachte Sache war. Das Mädchen ging mit, zwei Tage nachher trafen wir den Mann und fragten ihn, ob er seine Braut bekommen habe, da sagte er: Morgen will ich sie holen lassen. So wird sie doch mit ihm zusammengekommen sein. Dadurch, daß es von uns wegging, hat sich das Mädchen von unserem Schutze losgesagt, und so war es ein leichtes, es in die Gewalt ihrer verwandten zu bekommen. Bch, sie sind unglücklich, diese armen Geschöpfe. Freilich, man trifft auch schon glückliche Ehen an, und die Sauerteigskraft des Evangeliums macht sich auch hier schon bemerkbar. Selten aber ist es, daß eine Frau die einzige Frau bleibt. Gewöhnlich heiratet der Mann noch einige Frauen dazu. Ich fragte einmal in meiner Schule in Bonebela die Schüler, wieviele Frauen ihre Väter hätten. Da hieß es: 2 , 3, 5, 6, 8 usw. heiratet ein Thrist eine zweite Frau, so wird er aus der Gemeinde ausgeschlossen, daher hat man auch so wenige Männer in den Gemeinden. Wie viele Kämpfe auf diesem Gebiet durchgekämpst werden, glaubt der, der fern steht, kaum. Da ist ein Mann ein Thrist, er hat nur eine Frau. Bun stirbt sein Bruder, und nach der Bnschauung der Schwarzen fällt ihm die Frau seines Bruders zu, er erbt sie einfach. Und nun, was soll er machen? Die verwandten kommen und reden ihm zu, er solle doch die Frau heiraten. Ist doch die Frau in den Bugen der Schwarzen ein vermögen, da er sie gut für die Feldarbeit brauchen kann, da die Frauen die Arbeit allein tun müssen. Was soll er machen? Tr steht in einem schweren Kampf, er ist Thrist, möchte in der Gemeinde bleiben, und nun tritt die Frau dazwischen. Bimmt er sie, so wird er aus der Gemeinde ausgeschlossen. Tr möchte gerne in der Gemeinde bleiben, da lockt dann auch der Satan und schließlich heiratet er die Frau noch dazu. Ist einmal der Schritt abwärts getan, so geht es immer tiefer. Zu der zweiten Frau kommt dann die dritte hinzu, und so geht es dann weiter, und für die Gemeinde ist ein solcher Mann verloren. Linen derartigen Fall hatten wir vor einigen Wochen in Bonebela. Durch den Tod seines Bruders war einem Mann dessen Frau zugefallen. Was sollte er machen? Bach dem Sonntagnachmittagsgottesdienst blieb er in der Kirche mit einigen Beltesten, um mit ihnen zu beten, daß er doch Herr bleibe und nicht diesen Schritt tue. Bun ist das bei den Schwarzen gar keine Sünde, eine zweite Frau zu nehmen. Wie es in diesem Fall gegangen ist, weiß ich nicht, aber ganz bestimmt war es dem Manne ernst, in der Gemeinde zu bleiben. Der Herr gebe ihm Kraft, daß er den Sieg davon trägt. heute nun, am 15. Oktober, durfte ich eine Trauung in Kunang, einer Bußenstation, vollziehend Ls war eine schöne Feier. Morgens um Vr8 Uhr ging ich von hier weg, der Weg ging durch einen Wald. Die Vögel und sonstigen Tiere ließen ihre Stimmen erschallen. Ich kann nicht sagen, von welchen Tieren die Laute kamen, da ich sie noch nicht unterscheiden konnte. Freilich, so kühl wie zu Hause um diese Zeit im Sommer war es nicht: denn kaum ist die Sonne heraus, so steht sie auch schon hoch und macht einem schon ganz gut heiß. Biemand traf ich auf dem Wege, und so konnte ich ruhig über meine Traupredigt Nachdenken. Ts ist nicht leicht, in einer fremden Sprache zu predigen. Wer sich der Zeit erinnert das gilt besonders von denjenigen, die Latein und Griechisch getrieben haben -, in der es schriftliche Brbei- ten sKlassenarbeiten) gab, der kann mitfühlen, daß das nicht leicht ist. Freilich, das ist der Vorteil des Dualas, es ist eine lebende Sprache. Bn einer ganz schönen, stillen Stelle kniete ich nieder und bat den Herrn um seinen Beistand. So zog ich denn auch getrost hin, und der Herr half mir über Bitten und verstehen. Um 10 Uhr war die Trauung. Ich sprach über die Worte Tvang. Joh. 2, 2: Und Jesus und seine Jünger waren auch auf die Hochzeit geladen. Ich fragte, ob auch sie, die Brautleute, den Heiland eingeladen hätten, und führte dann die Segnungen an, die ihnen, wenn Jesus ihr ein und alles im Ehestände sein sollte, zuteil würden. Dann mahnte ich sie, jeden Tag ihre Knie vor Gott zu beugen und erinnerte sie daran, wie eins dem andern helfen müsse zur ewigen Seligkeit. Bach der Trauung prüfte ich die Schule und zog dann fröhlich meine Straße heim, mittags um 1 Uhr kam ich in 11 Mangamba an. Der Bräutigam war ein Lehrer von Pabossi, seine $rau war mir bekannt, da sie eine Tochter des Dber- häuptlings von Bonebela ist. Beide Eheleute waren sehr nett angezogen. Buch die Gemeindeglieder von Kunang wohnten der Trauung bei. Der fjcrr segne die Eheleute und mache sie recht glücklich! hie und da findet man ja ganz glückliche Ehen, wie schon erwähnt, besonders viele Lehrer gehen mit einem guten Beispiel voran. Doch bei vielen Männern ist die Frau ein verachtetes Geschöpf, die mitunter keines Wortes gewürdigt wird. Ihr deutschen Frauen, dankt Eurem Gott, daß Ihr in einem christlichen Lande leben und den Legen des Ehristentums genießen dürfet! Doch der Herr wird auch diese armen Geschöpfe noch zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes bringen. Möchte doch bald diese Zeit anbrechen! Und nun noch etwas, was ich im Felde sah, als ich heute diesen Weg machte. Bei den bebauten Beckern sah ich kleine Hütten errichtet, immer vier kleine Ltöcke, über denselben war ein Dach und unten in dem Baum sah ich verschiedenes, so ein Haus von den Leleke-Termiten, dieselben errichten von Erde kleine Wohnungen, die gerade wie Pilze aussehen. Warum sie nun gerade diese nehmen, konnte ich nicht ausfindig machen, vielleicht trauen sie diesem Bau zu, daß er besonders geeignet sei, einen Geist aufzunehmen. Bn einem Pfosten in diesem Häuschen hingen, in Blätter eingewickelt, haare, Krallen, Federn von Hühnern und andere Lachen mehr. Blso, in dieser kleinen Hütte wohnen die Geister, die das Feld behüten vor Dieben und Tieren, die es beschädigen wollen. Große Furcht haben sie davor. Kein Mensch würde es anrühren, dieses Häuschen, und noch viel weniger zerstören. 5o erzählen sie sich darüber grausige Geschichten. Ein Mann von Kunang, einer Bußenstation von Mangamba, soll einmal im Felde ein solches Häuschen angerührt haben. Da auf einmal kamen die bösen Geister heraus und verfolgten ihn. Bis sie ihn ein Stück Wegs verfolgt und ihn bereits eingeholt hatten, streckte er seine Hand in die höhe, und plötzlich entstand ein großer Sumpf. Da konnten ihn die Geister nicht mehr verfolgen. Bber auch die Geister hoben ihre Hände in die höhe und der Sumpf verschwand. Zum zweitenmal wurde die Verfolgung ausgenommen. Da, als die Geister den Mann bereits eingeholt hatten, streckte der Mann wieder die Hände aus, und es entstand eine große Hecke. Buch diese wurde wieder, nachdem die Geister ihre Hände ausgestreckt hatten, beseitigt. Und zum drittenmal wurde die Verfolgung ausgenommen. Wieder hatten ihn die Geister bereits eingeholt, da streckte er zum drittenmal die Hände in die höhe. Es entstand ein Stein, der bis an den Himmel reichte und so konnten sie ihn nicht mehr einholen. Wie die Schwarzen aber immer in Furcht sind, das kann man sehen, wenn man an so einem fflrt vorbeigeht, von dem man weiß, daß eine Gottheit, ein Geist, darinnen wohnt. Der Herr Jesus allein kann dieses Volk frei machen von der Geisterfurcht und aller Bngst. Bn der Küste sind sie ja auf diesem Gebiet schon weiter. Doch auch hier wird es noch so weit kommen. Der Herr segne immer mehr und mehr unsere Br- beit zum Wohle des Volkes und zur Verherrlichung des teuren Jesusnamens. In der letzten Zeit ging es mir nicht ganz gut. Ich hatte einen Busschlag an Händen und Füßen, es entwickelten sich kleine Geschwüre, angefüllt mit Eiter, die mir sehr viele Schmerzen verursachten. Es muß Malaria gewesen sein. Diese tritt auf, indem sie sich als Fieberkrankheit äußert, oder auch in einem Hautausschlag. Ich machte deshalb sogleich eine Ehininkur, das heißt, ich nahm einige Tage hintereinander Thinin ein, und so hoffe ich, daß es bald vorüber ist. Ls geht mir ja, Gott sei Dank, wieder besser. Meine geplante Reife mußte ich verschieben und gedenke erst am Donnerstag mit Missionar Köngeter eine vierzehntägige Reife in das pabasii- gebict zu machen. Näheres darüber dann in meinem nächsten Bericht. Leider muß ich schon wieder den lieben Freunden von dem Tode eines Missionars berichten, vor einigen Wochen starb an Schwarzwasserfieber unser lieber Eberl auf der Goldküste. Tbert ist ein Klassengenosse von mir. Das wäre der zweite Missionar aus meiner Klasse, den der Herr vom Kampfplatz hinweggerufen hat. Gerade jetzt fehlen uns so viele Streiter. Warum nimmt uns da der Herr sie hinweg? Wir wissen es nicht, der Herr weiß es, und er macht alles recht. Ferner muß ich schon wieder von der Erkrankung einer Missionarsfrau berichten, von derErkrankung der liebenFrau Keller. Frau Keller muß mit dem Dampfer, dem ich meinen Brief übergebe, auch in die Heimat zurück. Das ist die vierte Missionarsfrau seitJanuar hier inKamerun, diewegenKrank- heil in die Heimat zurückgehen muß. Der Herr sende uns doch wieder bessere Zeiten! Und nun Gott befohlen! Gott sei bei Euch und segne Tuch! Betet für mich, ich habe im Bnfang dieses Berichtes mitgeteilt, daß meine jetzige Brbeit wegen des ungesunden Klimas schwerer ist als die, die ich im ersten Jahre meiner Missionstätigkeit getrieben habe, herzlich grüßt Luch alle Euer Heinrich Walther. Gießen im 30jährigen Kriege. 3m Jahrgang 1813 des „Gießener Bnzeigers" fand ich durch Zufall die irn Nachfolgenden mitgeteilten Bufzeich- nungen über die Geschicke der Stadt Gießen im dreißigjährigen Kriege. Diese Bufzeichnungen teilen uns Tatsachen mit, die zum großen Teil heute unbekannt, aber von großem Interesse sind. Wer diese Kriegschronik niedergeschrieben hat, konnte ich bis jetzt nicht ermitteln, im Blatte selbst ist der Name des Verfassers an keiner Stelle genannt. Ich gebe das, was uns der unbekannte Thronist ausgezeichnet hat, wortgetreu hier wieder, indem ich nur hier und da einen Passus, der für uns kein Interesse hat, weglasse, und behalte mir vor, am Schlüsse einige erläuternde Bemerkungen geschichtlicher, besonders kulturgeschichtlicher Brt hinzuzufügen. h. B 1621 . Herzog Thristian von Braunschweig, Bdministrator von Halberstadt, hatte zur Verteidigung des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz ein Heer zusammengebracht, welches er durch Erpressungen und Baub unterhielt. Nachdem mehrere Fürsten in Nieder- und Gbersachsen sich zur Vertreibung desselben verbunden hatten, zog er sich nach dem Main zu und bemächtigte sich der Stadt Bmöneburg durch List, indem er vorgab, er verlange bloß den Einlaß, um Proviant zu kaufen. Er besetzte auch das Mainzische Städtchen Neustadt und das Buseckertal, um einen offenen Weg nach der Pfalz zu haben. Landgraf Ludwig V., ein Freund des Kaisers, wollte ihm den Durchzug nicht gestatten,' es wurden von beiden Seiten Botschafter geschickt und Schriften gewechselt, worauf der Herzog dem Landgrafen den Krieg erklärte, zum Beweis desselben zwei Dörfer in die Bsche legte und die Bemter Blsfeld und Homberg an der Dhm besetzte. Während dieser Unterhandlungen hatte Tillp Zeit gewonnen-, den bayerischen Gene- 12 ral Grafen von Inhalt mit spanischen and bayerischen Truppen, zu denen sich noch einige Bataillone hessen-varmstädter und Mainzer gesellten, nach der Pfalz zu schicken. Dieses Heer zog den 20. Dezember durch Gießen, unid eben an diesem Tage fiel ein Treffen vor. Die Braunschweiger, ungefähr 16 000 Mann stark, hatten sich auf dem Felde zwischen Alten- Buseck und Großen-Buseck sn einer Wagenburg verschanzt, und ein Teil stand vor derselben in 5chlachtordnung. Die Ar- mee der Verbündeten, ungefähr von gleicher Stärke, griff diese von mehreren Seiten mutig an, und es gelang ihr, sie zu überwältigen. Der Erfolg war, daß die Braunschweiger, mit Zurücklassung von etlichen hundert Toten ihren Bückzug nach Westfalen nahmen und diesen mit Mord und Brand bezeich- neten. In Gießen herrschte damals große Furcht vor einer Belagerung, selbst die Studenten schickten sich an, die Universität zu verlassen, der damalige Uektor E>. Winkelmann stellte ihnen vor, daß die Gefahr weder nahe noch furchtbar sei. Sie beschlossen sämtlich, nicht nur in der Stadt zu bleiben, sondern auch bei einer Belagerung den Wall zu verteidigen. Sie ließen sich daher eine Fahne von grünem und gelbem Taft verfertigen, auf welcher mit goldenen Buchstaben stand: Ditsris et arinis ad utrumque parati (bereit zur wissenschaftlichen Ar- beit wie zum Kriegsdienste). Die Fahne wurde nach Entfernung der Gefahr feierlich in der Bibliothek aufgestellt. 1622. Herzog Thristian von Braunschweig brandschatzte nach seinem UUckzug die geistlichen Stifter und Bistümer. 5lls ihm auch hier der Graf von Anhalt folgte, zog er sich nach dem Fuldischen und von da nach dem Main. Während dieses Zuges, welcher die Wetterau traf, hatte varmstadt und die umliegende Gegend einen furchtbaren Feind. Mansfeld überfiel, nachdem er in der Gegend von varmstadt Früchte, Vieh, Wein u. a. weggenommen hatte, plötzlich diese Stadt feindlich, nahm sie ein und führte den 23. Mai den Landgrafen Ludwig V. und dessen zweiten Sohn, den Prinzen Johann, gefangen weg. Der Verlust der Schlacht bei höchst machte den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, der damals Mansfeld für seinen Feind erklärt hatte, nachgiebiger, und er gab nach einer Gefangenschaft von 4 Wochen dem Landgrafen und dem Prinzen die Freiheit wieder. 1626. Den 16. Mai ist das Korn und das Gbst in den Lahn- und Maingegenden erfroren, so daß bei der Ernte eine Menge gar nicht ausgedroschen wurde. Vas Korn, wovon das Achtel um Ostern noch 2 Bthlr. (Beichstaler) galt, schlug so geschwind auf, daß Ende Mai ein Achtel mit 4 Bthlr. bezahlt werden mußte. Das Bind- und Schafvieh war dagegen nicht teuer. Erst nach Michael nahm diese Teuerung ab. Die Pest zeigte sich im Hüttenberg, hauptsächlich in Bllen- dorf, auch in Leihgestern und Watzenborn. Es wurde niemand, der aus diesen Ortschaften kam, an den hiesigen Toren eingelassen. 1628. In diesem Jahre wuchs Kein Apfel, keine Birne und nichts von Büben, Wicken, Bohnen, weil alle Früchte in der hiesigen Gegend erfroren waren. In keiner vorfschenke war Wein zu haben, obgleich in jenen Zeiten an den meisten Orten unserer Gegend Wein gebaut wurde. Gleich nach Ostern zeigte sich die Pest in hiesiger Stadt. Sie herrschte von Jakobi bis Batharinentag und starben daran 61 Personen, allemale mehrere aus einem Haus. Man machte die Anordnung, daß diese ohne Klang und Gesang begraben wurden, und diejenigen, welchen man das öffentliche Begräbnis nicht versagen mochte, wurden auf einem Karren hinausgefahren. verstorbenes Gesinde wurde durch den Bettelvogt auf einem Karren hinausgefahren. 1629. Auch in varmstadt brach die Pest aus, Landgraf Georg II. zog deswegen mit seinem ganzen Hofstaat und seiner Kanzlei nach Lichtenberg. Wegen der Pest sowohl als wegen der überhand nehmenden Kriegsgefahr wurden 6 allgemeine Buß-, Fast- und Bettage angeordnet. Auch wurde von dieser Zeit an um 10, um 11 und um 5 Uhr zum Gebet geläutet. Den 22. Oktober brach in der hiesigen Fürstlichen hofscheuer Feuer aus, und alle Früchte, Heu und Stroh verbrannten. Man berechnete den Schaden auf mehrere tausend Taler. 1631. Landgraf Georg zog wegen des Krieges, der sich nach der Schlacht bei Leipzig in die Maingegenden gezogen hatte, mit seinem Hofstaate nach Gießen und nahm seine Wohnung im Kolleggebäude. Er reiste einigemale von hier nach Frankfurt, um dem König Gustav Adolf einen Besuch zu machen. Der Landgraf erklärte sich für neutral, welches jedoch dem Könige nicht gefallen wollte. Die Schweden nahmen im Lande hin und wieder nur auf etliche Tage Ouartier, ihr Betragen war nicht feindlich. Auch für dieses Jahr wurden 4 Buß-, Fast- und Bettage angeordnet. 1632. Da die Schulen sehr in verfall gekommen waren und daher die Menschen roh und unwissend aufwuchsen, da in manchen Dörfern gar keine Schulen mehr gehalten wurden, so ordnete Landgraf Georg II. eine allgemeine Schulvisitation an, zum Kommissar wurde der Superintendent Feuerborn ernannt. 1633. In Marburg brach die Pest aus, und es starben viele Menschen daran. Deswegen wurde die Universität um Martini wieder hierher verlegt,' sie blieb ungefähr ein Jahr hier. Kaiserliche Truppen nahmen Gleiberg ein, plünderten und verwüsteten das Schloß und die Wohnhäuser, weil Graf Ernst Tasimir von Uassau-Weilburg ein Freund Frankreichs war und sich in Frankreich aufhielt. 1633. Der Prager Friede zwischen dem Kaiser und Kursachsen, in den auch hessen-varmstadt eingeschlossen war, war das einzige freudige Ereignis in diesem Jahr. Sonst war es verhängnisvoll, und dieser Friede selbst war das Signal zu verstärkten Verheerungen und Grausamkeiten. Die Pest, welche an den meisten Orten im Umkreise herrschte, brach im Juni auch in der hiesigen Stadt aus. Im Juni starben daran 85 Personen, im Juli 147, im August 304, im September 311. Ueberhaupt starben in diesem Jahr in Gießen 1503 Personen, fremde, unbekannte Personen ungerechnet, welche aus dem Hospital hinausgefahren wurden. Die verstorbenen sind sämtlich ohne Klang und Gesang begraben worden, sie konnten nicht alle in das Kirchenbuch eingetragen werden, weshalb besondere Pestregister geführt wurden. In Lich starben gegen 500 Menschen, in Steinberg 110, in Watzenborn 52, bloß Einheimische, die Fremden ungerechnet. Kurz, es war ein erschreckliches Landsterben weit und breit, so daß sogar an einigen Orten Menschen unbegraben liegen blieben und von den Baubtieren gefressen wurden. Manche Menschen fielen plötzlich tot nieder, andere brachten 2 und 3 Tage oder noch länger zu. Da jedermann sich des Lebens verzieh, so scheute man sich auch nicht mehr vor der Seuche, wer sich die Pestbeulen sogleich aufschnitt und mit gebrannten Zwiebeln zur Zeitigung brachte, kram meistenteils glücklich davon, war jedoch nicht vor einem zweiten Unfall sicher. Schluß folgt.) Lieb Vaterland, kannst rüstig sein! Oie Bürger der Gemeinde heim stehen, was vaterländische Gesinnung betrifft, hinter Keiner ihrer Schwestergemeinden der Provinz zurück, und so hat denn auch sofort der Grtsvorstand sich bereit erklärt, als das Kreisamt durch Bundschreiben sich erbot, für gemeinsame Beschaffung von Lrinne- rungsbäumen für die Jahrhundertfeier des 18. Oktober Sorge zu tragen, sich hierbei zu beteiligen. wie aber der Baum ankam es war eine stattliche, hochgewachsene Linde — da gab es allgemeine Enttäuschung; denn der Sinn der Mehrzahl war für eine deutsche Eiche. Da zogen einige hinaus und gruben in dem nahen Wäldchen eine solche aus. wie sie aber damit heimkamen, waren wieder etliche unzufrieden, weil sie an Stattlichkeit zu sehr hinter der kreisamtlichen Linde zurückstand. Diese zogen dann abermals hinaus und holten eine noch größere Eiche heim. Damit hatte man denn glücklich drei Festbäume, zwei Eichen und eine Linde, zum festlichen Zweck. Sie wurden aber auch alle drei richtig angepflanzt, der eine auf dem Marktplatz mitten im Dorf, der zweite neben dem Kriegerdenkmal und der dritte soll den neuen Oemeindebrunnen vor der Dberpforte beschatten. Nun ist nur zu wünschen, daß alle drei wachsen und gedeihen, was wohl zu hoffen ist, da jeder seine besonderen freunde und Beschützer hat. Mögen sie alle drei nach abermals hundert Jahren den Kindeskindern von dem patriotischen Eifer ihrer Väter bei der Jahrhundertfeier am 18. Oktober 1913 erzählen! Dr. D. K. (Ein pfälzischer Musikant. Erzählung von Heinrich Bechtolsheimer. (Fortsetzung.) Ich lief, nachdem ich meine Neuigkeit der Mutter mitgeteilt hatte, wieder weg und erinnere mich genau, daß ich am Nachmittag mit anderen Jungen im Wald war, wo wir leider Vogelnester ausnahmen, uns Stecken schnitten und nach Erdbeeren suchten. Nls am nächsten Tage der Vormittagsunterricht zu Ende war, ging ich hinaus auf das Feld, wo meine Eltern mit Futtermachen beschäftigt waren. Es dauerte lange, bis wir mit unseren Kühen auf dem Heimwege wieder den Berg hinaufgekommen waren und unsere Fjofreite erreicht hatten. Da der Vater nachmittags wieder bei guter Zeit auf dem Felde sein wollte, so halsen wir Kinder ihm in der Scheuer beim Nbladen des Futters, und die Mutter machte sich im Stalle zu tun. wie wir alle so beschäftigt waren, knarrte das fjoftor, und kurz daraus kam unser Bruder Georg zu uns in die Scheuer. Ich sehe ihn heute noch, wie er da vor uns stand. Er hatte seine Mütze tief in den Nacken zurückgeschoben, trug in der rechten Hand seinen Stock und in der linken einige Habseligkeiten, die er in ein großes, buntes Taschentuch eingepackt hatte. Seine Miene war ernst, aber er sagte nichts. Der Vater war es, der ihn zuerst anredete: ,,Na, Georg, hast du heute am Montag Feierabend gekriegt, weil du so unerwartet kommst?" „Feierabend habe ich nicht gekriegt," war die Nntwort, „aber da der Krieg jeden Tag erklärt werden kann, so will ich hier bei euch warten, bis ich einrücken muß." „Nch, du allmächtiger Gott," rief meine Mutter und schlug die Hände vor das Gesicht, „ich habe es mir ja die ganze Zeit gedacht, daß du, wenn es Krieg gibt, wieder einrücken mußt. Jetzt bist du gesund von München zurückgekommen, und wer weiß, was dir bevorsteht!" weinend setzte sich die Mutter auf den großen Futterhaufen, der in der Scheuer lag, wir Kinder weinten mit ihr und sahen unseren großen Bruder schon in Not und Gefahr. Keinem von uns wollte an diesem Tage das Mittagessen schmecken, stumm saßen wir vor unseren Tellern. Zwei Tage darauf fing mein Vater an, die Gerste zu schneiden. Georg ging mit und half ihm dabei,' auch der nun Ibjährige Bruder Fritz griff bei der Nrbeit fest zu. Ningsum auf den Feldern lag die Sonnenglut. Die Männer hatten Nock und Weste ausgezogen und hieben mit den Sensen in das wogende Getreide, die Frauen hatten sich mit großen, weißen Tüchern gegen den Sonnenbrand geschützt und handhabten eifrig die Sichel. Emsige Tätigkeit herrschte ringsum auf den Feldern. Ich trug unseren beiden Schnittern das Essen hinaus auf das Feld und brachte ihnen in der Negel auch einen Krug Birnenwein, von dem der Vater vom Jahre zuvor ein Füßchen im Keller liegen hatte. Da unterdessen die Ernteferien begonnen hatten, so fing ich mit der Arbeit an, die mir jeden Sommer zukam: ich las Nehren. Eines Morgens lag ich mit anderen Kindern eifrig dieser Tätigkeit ob, da hörten wir aus der Ferne ein dumpfes Dröhnen, das sich in regelmäßigen Zwischenräumen immer wieder erneuerte. Ein größerer Junge meinte, das käme irgendwoher aus einem Steinbruche, in dem die Steinbrecher mit Sprengen beschäftigt seien, vielleicht aus dem Steinbruche, der zwischen Kirchheimbolanden und Dannenfels liegt. Nber ein Mann, der vorüberging, sagte uns, daß jetzt im Sommer in den Steinbrüchen nicht gesprengt würde, das sei eine Nr- beit, die man sich für den Winter Vorbehalte. Mit einem Male stand es für uns Kinder fest, daß das der Krieg sei. wir meinten, es sei eine Schlacht im Gange und das dumpfe Dröhnen rühre von den Kanonen her. Eine große Nngst überfiel uns, und in meiner Nngst lief ich zum Vater, der nicht weit davon mit Georg und Fritz Gerste abmachte. Nlle drei saßen beim Morgenessen, das ihnen diesmal der Bruder Jakob gebracht hatte. Zwischen ihnen stand der Krug mit Birnenwein, nicht weit von ihnen lagen Sensen und Wetzstein. „Vater, hörst du auch, wie es schießt?" rief ich ihm schon von weitem zu, „es knallt in einem fort, das sind große Kanonen, und die Franzosen sind nicht weit." Georg lachte bei meiner ängstlichen Nede und gab für den Vater die Nntwort: „Du hast recht, Peter, große Kanonen sind das, aber der Schall kommt von Mainz her. Dort liegt preußische Artillerie, und die hat heute große Schießübung, wir haben Slldwestwind, darum hört man den Knall so weit." Da war ich wieder beruhigt und fürchtete mich nicht mehr vor dem Krieg, zumal ich auch im Dorfe die Leute nicht mehr davon reden hörte. Sie hatten auch gar keine Zeit zum Beden: denn die Arbeit drängte. Oft ging der Vater noch abends um 7 Uhr mit den beiden großen Brüdern hinaus an einen Kornacker, den sie schneiden wollten, er hatte nämlich Arbeit auch für andere Leute übernommen. Gern begleitete ich die fleißigen Schnitter hierbei und saß dann, während sie arbeiteten und ringsumher auf den Feldern die Grillen zirpte», am 14 Straßenrande. Manchmal schlief ich dabei ein und mußte geweckt werden, wenn endlich bei Mondschein der Heimweg angetreten wurde. Da andauernd schönes Wetter war, so Konnten die Bauersleute, Kurz nachdem sie mit dem Schneiden begonnen hatten, sich schon an das Binden des Getreides machen. Mein Vater hatte einen Rcker, der zwischen Marienthal und dem Vastenhaus, einem hofgute am Fuße des Donnersberges, lag. Rls dort das Rorn gebunden werden sollte, gingen wir Geschwister allesamt mit. Der Vater und Georg trugen auf der Schulter die schwere Last der Strohseile, die sie dort brauchten, wir Kleineren halfen auf dem Rcker, indem wir die Strohseile einzeln auf den Rcker legten und dann so weit wir dazu imstande waren, das Getreide zum Binden darüberschichteten. Der Vater und der große Bruder packten die Garben zusammen, Knüpften die beiden Ende des Strohseiles, indem sie auf der Garbe Knieten, aneinander und drehten das Seil mit dem Rnebel fest zu. Ueber dieser Arbeit schwand uns die Zeit rasch dahin. Wir hatten Kaum darauf acht, daß im Südwesten eine weiße Wolkenwand aufstieg und daß sich über sie kleine weiße Wolken lagerten. Der Vater hatte einmal nach dieser Richtung hingesehen und nur kurz gesagt: „Es kommt ein Wetter herauf." Der Landmann läßt sich durch ein aufsteigendes Gewitter nicht nach Haufe scheuchen, sondern sieht zu, daß er mit seiner Arbeit fertig wird. Wir waren eben daran, die letzten Garben zu einem Haufen zusammenzutragen, da gewahrten wir, daß auch von der entgegengesetzten Richtung, vom Rheine her, eine Wolkenmasse langsam in diehöhe wuchs. Ehe wir es uns versahen, hatten die Wolkenmassen über unserem Scheitel sich erreicht, und wie wir uns gerade zum Weggehen anschickten und Röcke und Westen, die wir bei der Rrbeit abgelegt hatten, anzogen, da rollte der Donner weithin hallend über uns weg. Gleichzeitig fielen dicke Tropfen, der Regen prasselte mit aller Macht nieder. Wir liefen, so schnell wir konnten, nach Marienthal. Gleich am Eingang des Dorfes stand eine Scheuer, die wir uns als Zufluchtsstätte ausersehen hatten. Vas Tor stand offen, Leute, die gleichfalls auf dem Felde von dem Wetter überrascht worden waren, hatten sich dorthin geflüchtet. Bei ihnen stand ein Mann aus Dannenfels, der als Maurer in Rockenhausen arbeitete, und aus seinem Munde vernahmen wir die Runde: „Frankreich hat den Rrieg erklärt." von den nächsten Tagen, die uns in großer Unruhe vergingen, weiß ich nur noch, daß die Einberufungsorder für Georg kam und daß er zu seinem alten Regimente nach München einrllcken mußte. Um der Mutter Herzeleid zu ersparen, war er ohne Rbschied von ihr weggegangen, wir Geschwister und der Vater hatten ihn nach Marienthal begleitet, wo er mit anderen Einberufenen auf einem Leiterwagen von dannen fuhr. Die Leute, die Pferde besaßen, zogen einige Tage darauf mit diesen nach Rockenhausen, wo Musterung war und die tauglichsten Pferde fürMilitärzwecke angekauft wurden. Rastlose Tätigkeit herrschte auf den Feldern, man wollte die Ernte möglichst schnell in die Scheuer bringen. Man war in Ruppertsecken noch nicht damit fertig, da kamen vom Rheine her die großen Massen des preußischen Heeres und zogen durch das Bergland der Nordpfalz nach Lothringen. Eines Morgens standen wir auf dem Schloßberge und sahen hinunter in das Tal. Dort blitzte es, so weit wir sehen konnten, von Waffen und Helmen, es war, so weit das Rüge reichte, eine glänzende Linie. Wir eilten hinunter und sahen Soldaten von jeder Waffengattung an uns vorüberziehen, Infanterie, Rrtillerie, Ulanen und Husaren. Lustige Worte flogen aus der Rolonne heraus der zuschauenden Menge entgegen. Manches Mädchen, das noch nie aus dem Bereiche der umliegenden Dörfer herausgekommen war, war sehr erstaunt, wenn ein Füsilier oder Grenadier ihm zurief: „Ti, Manschen, kennst du mich denn nicht mehr, wir sind doch früher so gute Freunde gewesen." Die pfälzischen Landleute bewunderten die musterhafte Ordnung, die in diesem Heere herrschte, den vorzüglichen Geist der Mannschaft, die Freundlichkeit und das feine Betragen der Offiziere. Nur einer, ein etwas verwachsener Lteinhauer aus Würzweiler, machte damals eine schlechte Erfahrung. In seiner gewohnten, dummen Dreistigkeit hatte er, als eine Rbteilung gerade im Dorfe rastete, einen Feldwebel an der Schulter gefaßt und zu ihm gesagt: ,,he, Vetter, kommen heut' noch mehr?" Da war der Rngeredete aufgebraust und hatte mit Donnerstimme erwidert: „Bin ich Ihr Vetter, Sie unmanierlicher Mensch? Wenn Sie mich noch einmal anrühren, so Kriegen Sie eins hinter die Ohren." Der Vorbeimarsch der Truppen hinderte die Einwohner nicht, ihre Lrntearbeit zu Ende zu bringen. Den ganzen Tag gingen die Erntewagen auf den Landstraßen und den Feldwegen hin und her, leer rasselten sie hinaus, schwer beladen kamen sie zurück. Obwohl ich erst ein Junge von 10 Jahren war, so half ich doch fleißig mit / denn die Stelle, die Georg seither inne gehabt hatte, mußte ausgefüllt werden. Ich schleppte auf dem Rcker Garben zum Wagen, half in der Scheuer beim Rbladen und las außerdem noch Rehren zusammen, diesmal viel flinker als in den früheren Jahren. Gerade waren wir mit der Ernte fertig geworden der Hafer allerdings war noch nicht geschnitten - da Kam der Regen, und es regnete anhaltend einige Tage lang. In diesen Tagen bekam auch Ruppertsecken, das, abseits von der Heerstraße liegend, seither noch nicht belegt worden war, Einquartierung. Es waren mehrere Rompagnien Infanterie, die im strömenden Regen von Rirchheimbolanden gekommen waren. Schöne Leute, Leute von feinem Betragen waren diese Soldaten, aber es ging merkwürdig zu, als sie nach Ruppertsecken .gekommen waren. Sie sprachen deutsch und die Rup- pertsecker sprachen deutsch, aber es wollte nur schwer gelingen, daß die Einheimischen und die fremden Soldaten einander verstanden/ denn die Leute aus meinem Dorfe sprachen die derbe pfälzische Mundart, die da hinten am vonnersberg und bis hinein nach Rheinhessen gesprochen wird, einen ganz besonderen Tonfall hat und so viele Endsilben wegläßt, und die Soldaten waren Schleswig-Holsteiner, die „s-pitz" und „s-tehen" sagten und mitunter friesische und plattdeutscheLaute in ihr hochdeutsch mengten. Manche Verständigung fand mehr durch Zeichen als durch Worte statt. Rber die Leute aus der deutschen Nordmark hatten bald herausgefunden, daß sie in dem pfälzischen Dorfe herzliche Gastfreundschaft erfuhren. Ich weiß nicht, durch welche Umstände es gekommen war, daß dieses Ouartier ein Notquartier war, vermutlich geschah das infolge des starken Regens. Wir hatten allein 8 Mann. Das war zu viel für uns, nur zwei Mann es waren zwei ältere Unteroffiziere konnten wir oben in dem Giebelzimmer auf Betten, die die Mutter auf dem Stubenboden zurechtgemacht hatte, unterbringen, die übrige Mannschaft mußte in der Scheuer kampieren. Rber die Leute waren zufrieden. Rls sie vom Vater hörten, daß er auch einen Sohn habe, der in das Feld gerückt sei, da nannten sie ihn alle „Vater", und beim Mittagessen erzählten sie von ihrer meerumschlungenen Heimat. Ich befand mich den ganzen Nachmittag in ihrer 15 Gesellschaft, half ihnen beim Gewehrreinigen und war stolz, als ich einem von ihnen das Gewehr zum Appellplatze tragen durfte. 6m nächsten Morgen lagen wir noch im festen Schlafe, und es war noch ganz dunkel, als plötzlich anhaltender Trommelwirbel durch das Dorf ging. Den Soldaten war am Tag zuvor befohlen worden, um 6 Uhr anzutreten, und es war, als wir nach der Uhr sahen, erst halb drei. Die Mannschaft, die in unserem Hause lag, machte sich in aller Eile fertig, einer von ihnen sagte: „Ls wird schlecht s-tehen an der Grenze, weil man uns so plötzlich alarmiert." viele Jahre später habe ich gehört, man habe tatsächlich auf deutscher Seite die Lage bei Saarbrücken als sehr ungünstig angesehen und die raschere Vorwärtsbewegung der auf dem Marsche befindlichen Truppen angeordnet. So war nach Uuppertsecken mitten in der Nacht ein Meldereiter gekommen, und der Tambour hatte die Soldaten aus dem Schlafe geweckt. Meine Mutter kochte in aller Eile noch Kaffee, die Soldaten schütteten ihn heiß hinunter, und dann hörten wir das Aufschlagen der schweren, mit Nägeln beschlagenen Stiefel, als sie zum Appellplatz eilten. Kommandorufe drangen durch die Nacht, im strömenden Negen marschierte die Schar ab. (Fortsetzung folgt.) Kleine Mitteilungen. Die Konfirmationsfeiern der Gießener Kirchengemeinden finden in diesem Jahre an folgenden Tagen statt: Matthäusgemeinde am 29. März (14 Tage vor Gstern), Vorstellung und Prüfung am 22. März. — Markusgemeinde am 19. April (Sonntag nach Gstern), Vorstellung und Prüfung am 13. flprtl (2.(Dftcrtag). - Lukasgemeinde am 19. April (Sonntag nach Gstern), Vorstellung und Prüfung am 13. April (2.Dstertag). - Johannesgemeinde am 13.April (2.Dster- tag), Vorstellung und Prüfung am 9. April (Gründonnerstag). Die Konfirmationsfeier beginnt jedesmal um Vs 10 Uhr, die Prüfung um 2 Uhr mit der alleinigen Ausnahme, daß die ' Prüfung der Johannesgemeinde am Gründonnerstag umVslO Uhr ihren Anfang nimmt. von der nächsten Woche an beginnt durch Frau Müller die Erhebung der Beiträge zur Gustao-Adolf-Stiftung. Um des großen Werkes willen, das der genannte Verein innerhalb der evangelischen Kirche treibt, wird gebeten, die seitherigen Beiträge weiter zu zahlen oder da, wo es möglich ist, sie zu erhöhen. Jedenfalls darf über den vielen Beiträgen, die unsere Gemeindeglieder für andere Zwecke geben, der Verein, der nach dem großen Schwedenkönige genannt ist und deMdie Evangelischen in der Diaspora (in der Zerstreuung unter solchen, die einen anderen Glauben haben) kirchlich versorgt, nicht vergessen werden. Worte zum Nachdenken. Laßt uns des Herrn und Gottes Kinder werden, Und wär die Schar auch noch so klein,' Es bleibet dennoch köstlich hier auf Erden, von Gott erwählt, sein Eigentum zu sein. Ueberall, und in jeder Lage, nach allen Beziehungen, zu jeder Zeit soll alles in uns und an uns sich richten „nach Gottes Wort", wer allein Gottes Wort zum Grunde seines Glaubens und zur Stütze seiner Hoffnung, wie zur Nichtschnur seines Wandels macht, der ist schon hienieden ein seliger Mensch. Lehr' uns, wie wir selig werden, Lehr' uns, wie wir unsre Zeit, Diese kurze Zeit auf Erden, Nützen für die Ewigkeit. Geld und Gut ist das geringste, was du besitzen kannst in dieser Welt; aber die Tränen der Armen damit trocknen, Gebundene damit lösen, das ist ein schönes Stück vom Reiche Gottes. wenn du keinen Heiland hast, dann hast du nichts, ob du gleich alles hättest. Ist aber Jesus dein Hirte, so fehlt dir nichts, ob du gleich nichts hast. wer wahre Liebe zu Jesus hat und sein ganzes Eigentum zu werden sich bestrebt, der wird ohne viele Worte, durch sein Beispiel, durch sein häusliches und öffentliches Leben ein Arbeiter im Weinberge des Herrn sein. Er wird leuchten, weil er ein Licht ist, ohne darauf auszugehen fein Licht leuchten zu lassen. Ein Licht, sei es auch ein Kleines, leuchtet! L. hofacker. „Gott ist treu", was sagt dir das? 1. Er Kann dich nicht vergessen. 2. Lr Kann das angefangene Werk in dir nicht liegen lassen, ohne es zu vollenden. 3. Er kann dir nichts oor- enthalten, was dir gut sein könnte. 4. Alles, was er dir schickt, muß einen Zweck haben zu deiner Erziehung. kirchliche Anzeigen. Sonntag, den 18. Januar, 2. nach Epiphanias. Gottesdienst. In der Stadtkirche. vormittags 9Ve Uhr: Pfarrer D. Schlosser, vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Matthäusgemeind«. Pfarrer v. S ch l o s s e r. Abends 5 Uhr: Pfarrer Schwabe. Abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Matthäusgemeinde. Dienstag, den 20. Januar, nachmittags 4 Uhr, im Matthäussaal : Frauenmissionsverein. Mittwoch, den 21. Januar, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Markusgemeinde. Donnerstag, den 22. Januar, abends 8 Uhr, im Matthäussaal: Bibelstunde. Pfarrer D. Schlosser. In der Johannestirche. vormittags 9V- Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer. Vormittags 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde. Pfarrer Bechtolsheimer. Abends 5 Uhr: pfarrassistent hoffmann. Abends Vs8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukas- und Johannesgemeinde. Mittwoch, den 21. Januar, abends 8 Uhr: Bibelstunde im Lukassaal. (1. Brief Petri.) Pfarrer Bechtolsheimer. Freitag, den 23. Januar, nachmittags 4 Uhr: Versammlung des Frauenmissionsvereins der Lukasgemeinde. Nächstkünftigen Sonntag, den 25. Januar, findet im Abendgottesdienst Beichte und heiliges Abendmahl für die Lukas- und Johannesgemeinde statt. Anmeldungen vorher bei dem Pfarrer jeder Gemeinde erbeten. <3