Dummer 34t GnsklprelS LL Montag, den 14. Oktober 1918 _11. Jahrgang. Diottisck-en Hafen, mti er seine Truppen landete. Nach Privatmeldungen war haß Wetter bei dem Zusammenstoß zwischen „Otranto" und „Kaschmir" sehr schlecht. Beide Schiffe gerieten außer St'-'rß "ud verloren einander aus den Augen. Ein Torpedojäger eilte auf den Funkspruch herbei und rettete 27 Offiziere unb 239 Mann. Außer Amerikanern waren auch noch 30 ficmzö- fische Soldaten an Bord; alle wurden in einem Hafen von No cd Irland gelandet. „Otranto" strandete an der Insel .Jslay und wurde völlig zertrümmert. 16 Ueberlebende wurden auf Jslay gelandet. Mastenstnchl ans Kille. Berlin, 13. Okt. (WTB. Amtlich) Auf Ansuchen der Obersten Heeresleitung hat die deutsche Regierung vorgestern die Schweizer Regierung gebeten, sie möge sich um- gehend an die französische Regierung wenden und ihr mir- teilen, daß sick der Einwohner von Lille und der umliegenden Arbeiterstädte eine ungeheure Errgung bemächtigt habe. Die Furcht vor einer Beschießung dieser Städte durch die Entente mache eine allgenieine Panik wahrscheinlich Falls es infolgedessen zu einer Massenflucht von vielen Tausenden von Menschen komme, mit welcher mit Sicherheit gerechnet werden müsse, so werde die deutsche Heeresleitung nicht imstande sein, für diese Massen annähernd zu sorgen, so sehr sie bemüht sei, das Los dieser Unglücklichen zu erleichtern. Gleichzeitig ist unter Mitteilung des oben geschilderten Sachverhalts die holländische Regierung befragt worden, ob es ihr möglich fein würde, für die Unterbringung der Flücht- linge Sorge zu tragen. Die holländische Regierung hat auf unsere Anfrage ihre Bereitwilligkeit erklärt, nach Möglichkeit zu helfen. Von der französischen Regierung ist bisher keine Mitteilung eingegangen. Mittlerweile hat die be« fürchtete Massenflucht eingesetzt. Was Wir für Bulgarien taten! Der bulgarische Ministerpräsident Malinow hat dem Abfall von den Dundesgenoffen jetzt in feiner Rede in der Sobranje noch den Vorwurf ungenügender Unterstützung hinzugefügt. Deutschland ist, so wird dazu in den Blättern festgestellt, in seiner Hilfe für die Vefieiung der bulgarischen Gebiete viel weiter gegangen, als seine Bundespflichten ihm auferlegten. Allein die deutschen Verluste betrugen 1700 Offiziere und etwa 60 000 Soldaten. Davon starben 336 Offiziere und 9500 Soldaten den Heldentod auf den Schlachffeldern in Serbien, Mazedonien und in der Dobrudscha. Was kann Herr Malinow als bulgarische Gegenleistung dafür anführen? Alles, was das bulgarische Heer für seine Ausrüstung außer den Landesprodukten brauchte, wurde von den Mittelmächten geliefert. Allein die Lieferungen Deutschlands erreichen mit den Kreditvorfchüffen zusammen die Summe von über 2 Milliarden Mark. Keinen Pfennig davon hat Bul- garien bisher dafür bezahlt. Für 820 Millionen Mark oder für rund eine Milliarde Lewa wurde allein bis zum Herbst 1917 Kriegsmaterial geliefert. Diese Summe verteilt ück, aus 161 Millionen Mark Bekleidung und Ausrüstung. 400 Millionen Mark FeldarLilleriematerial. 98 Millionen Fußartillericmaterial, 161 Millionen verschiedene Lieferungen für Heereszwecke. Die Lieferungen Bulgariens an die Mittelmächte waren dagegen ganz unerheblich. Die Ausftchr von Eetteide und Futtermitteln ist sogar hinter dem Friedensdurchschnitt zurückgeblieben- Mit diesen Leistungen vergleiche man folgende Nachricht: Berlin. 11. Ott. Herr Kaufmann, der durch 30 Jahre das Haus Krupp in Sofia vertrat, ist in Berlin eingetroffen. Er teilte mit, daß die bulgarischen Behörden die zugesicherte Frist von 4 Wochen für die Ausreise der Deutschen elnhalten wolle, daß aber die deutschen Behörden selbst ihren Landsleuten rieten, Sofia möglichst ball, zu verlaßen Die deutsche Kolonie, die einschließlich Frauen und Kinder etwa 300 Personen umfaßt, reiste daher sofort in zwei Zügen ab, außerdem verließen zwei Züge die bulgarische Hauptstadt, die die Sanitätsabordnungcn. die Aerzte imd die Geistlichkeit zurückbeförderten. Dis Herren Bulgaren. Berlin, 12. Ockt. Die „Norddeutsche" schreibt: Die Agence Bulgare veröffentlicht einen formellen Protest dev bulgarisck)en Regierung, wonach sich die deutschen Truppen, die Bulgarien verlassen. Vorräte und Materialien der bulgarischen Armee gewaltsam aneigneten, daß sie Material und Ausrüstungsgegenstände des Roten Kreuzes Mitnahmen und die verwundeten bulgarischen Soldaten zwängen, ihre Kleider und Stiefel auszuziehen und sie halb nackt auf der Landftraßs liegen ließen. Der Ton dieses Protestes läßt darauf schließen, daß der französische Propagandadienst die Leitung der Agence Bulgare übernommen hat. Eine Erwiderung auf den In-,' halt erübrigt sich. Flucht Dadoslawoms. Wie dem „Berl. Lokalanzeiger" berichtet wird', erhalten' englische Blätter aus Sofia folgende Nachricht, der frühere Premierminister Nadoslawow soll am 9. Oktober, als deutscher Offizier verkleidet, aus Sofia entflohen fein.' Die Serben in Ursküb. Kopenhagen, 11. Okt. Nach einem Londoner Telegramm ist der serbiscke Kronprinz mit seinem Hauptquartier in Uesküb eingerückt. Auch die serbische Regierung wird sich sobald als möglich in dieser Stadt vereinigen und dort Wehn sitz nehmen. Dnngersnol in Montenegro. Bern, 12. Okt. Das „Berner Tagbl." meldet, Mon- ^ene^ro habe sich mit einem flehentlichen Hilferuf an die Schweiz gewandt und sie um Lebensmittel gebeten, da feine Bevölkerung sonst dem Hungertode preisgegeben fei Per Abfall der Türkei Mi den Vier- bezw. Dreiverband wird immer wahrscheinlicher. Zum mindesten ist ein Teil der neuen Männer durchaus ententefreundlich In der „D. Ztg." finden wir Besprechungen über die Ursachen dieser Vorgänge. Zunächst haben die militärischen Vorgänge, die der Türkei die Verluste ihrer reichsten Provinzen gebracht haben, dazu beigetragen. Dann ist es die Lebensmittelteusrung und der Wucher, der. ganz wie bei uns, tm Innern herrscht. Es heißt dann weiter: Sehr verbitternd wirkte weiterhin die Bereicherung einzelner auf Kosten der Gesamtheit. Der Kriegsgewinnler wurde In der Türkei in noch weit höherem Maße als bei uns zur überall unzutreffenden, ab-r nicht c .chn.en Gestalt, die Art und Weise, wie sich diese „neuen Reichen" kundgaben, mußte auf Kreise, die immer mehr verarmten, provozierend wirken. Hierbei mag betont sein, daß Talaat Pascha selbst nicht zu Viesen ..neuen Reichen" gehörte, daß er das nicht immer befolgte Beispiel eines Mannes gab. der seine bohe Stellung nicht zu selbstsüchtigen Zwecken auenutzte. Die Feinde Enver Paschas dagegen wiesen mit dem Finger auf den Kriegsminister als einem Manne hin, der zu gute Geschäfte mache und einen persönlichen Aufwand treibe, der der Not der Zeit wenig angepaßt sei. Sei dem, wie ihm wolle, sicher ist es. daß infolge der Be- reiärerung einzelner große Unzufriedenheit geschaffen wurde. Zu diesen Momenten kamen die bekannten auslandpoli- ttschen und kriegerischen Ereignisse. Mesopotamien blieb immer noch von dem Feinde besetzt. Palästina ging verloren, ihm folgte das südliche Syrien, Damaskus, die eiaentlicke Hochburg des Islam, fiel in die Hand der Feinde, und bisher neutral oder treuaebliebene Araberstämme ergriffen gegen die türkischen Trurwen die Waffen, während sich die Macht des „Königs des Hedlchas" von Englands Gnaden immer weiter auszudehnen schien. Anderseits wurde von gewisser Seite aus eine Kauka- fnspolitik betrieben, die man in einigen ihrer Kundgebungen als abenteuerlich bezeichnen konnte und die auch von vielen einflußreichen Persönlichkeiten des Komitees „Einheit und Fortschritt" selbst verurteilt wurde. Derart war die Laae. als Talaat Pascha eben wegen der Regelung dieser Kaukasusfrage nach Brlin kam. Damals schon, also vor wenigen Wochen, war sich der türkische Großwesir seiner Lage vollkommen bewußt. Kurz vor seiner Abreise nach Deutschland hatte im Komitee eine Sitzung statt- gesunden, in der sein Rücktritt verlangt worden war. Talaat Pascha erwiderte, daß er gerne gehe, doch solle man ihm denjenigen nennen, der an seine Stelle treten könnte. Man wußte niemand, und Talaat Pascha blieb vorderhand. Der Abfall Bulgariens, das Wettrennen um den Frieden innerhalb des Vierbundes und die Furcht, der letzte zu sein, den die Hunde beißen — all dies ist schließlich ausschlaggebend für den Rücktritt Talaat und Enver Paschas anzuführen, denn mit diesen beiden Männern, das mußte fa jedermann klar sein, würde die Entente keinen Frieden schließen. Man ist in der Türkei gegenwärtig bestrebt, eine ihr günstigere internationale Atmosphäre zu schaffen — hierbei steht ja das osmanische Reich nicht vereinzelt da. Wieweit bei diesen Aenderungen der neue Sultan eine Rolle spielt, wird erst später zu beurteilen sein. Auf jeden Fall war es von vornherein sicher, daß der neue Herrscher von Anfang an nicht gewillt schien, die gleich passive, etwas verwischte Rolle zu spielen wie sein Vorgänger. Die 116 er iw gelobten Fand Bei den Rückzugskampsen der türkischen Armee am Jordan Zeichneten sich das hessische Infanterie-Regiment 116. sowie ander« deutsche Truppen unter Oberst v. Oppen und Major Mu- ther besonders aus. Erfolgreich schlug-n sie sich durch die Umzingelung durch und gingen in guter Ordnung von Ausnahmestellung zu Ausnahmestellung zurück. Memme Amnestie warn politischer Verbreche,,. verlm. 12. Okt. (WB.) Der Kaiser und König hat den Reichskanzler und den preußischen Iustizminister beauftragt, solche Personen, die vom Reichsgericht oder von preußischen Zi- vilgerichten, einschließlich der außerordentlichen Krieg^erichte, wegen politischer Verbrechen und Vergehen zur Strafe verurteilt find, insbesondere wegen Straftaten aus Anlaß oder bei Gelegenheit von Streiks. Straßendemcnstrationen. Lebensmit- telurrruhen und ähnlichen Ausschreitungen bestraft sind, in weitem Umfange ihm zur Begnadigung oorzuseblagen. Ein gleicher Auftrag ist von den deutschen Bundesfürsten und Senaten der freien Städte wegen der in ihrem Gebiet begangenen gleichartigen Straftaten ergangen. Kn zeitgemäß! Die Nummer- 5 der in Berlin erscheinenden „Albanischen Nachrichten" teilt der Welt folgende erfreuliche und bedeutsame Begebenheit mit: Seine Hobeit Fürst Wilhelm von Albanien hat seinem Kabinettsrat Dr. v. Stockhausen die Komturklasse des Albanischen Schwarzen Adlerordens verliehen. Se. Königliche Hoheit der Großherzog von Hessen hat Dr. v. Stockhausen die Erlaubnis zur Annahme und zum Tragen dieses Ordens erteilt. Kommen denn gewisse Kreise gar nicht einmal zu der Ein- daß für derartige Spielerei unsere Zeit zu ernst ist! Kaiser nnd Sozialdemokratie. In der Frankfurter „Volksstimme" leistet sich ein Herr Moritz „von" Stern folgende reizende Verse: Herunter die Fetzen vom morschen Thron! Herunter die Götzen von Babylon. Ob Krone, ob Fetisch: es gilt uns gleich! Es tagt majestätisch ein neues Reich! Dasselbe Blatt leistet sich die Boshaftigkeit unter der Ueber- fchrift: „Kleine Nachrichten zur großen Wendung" den Erlaß des Kaisers an Heer und Flotte zu bringen. Bemerkenswert ist auch folgende Nachricht, die durch die Blätter geht: Den neuen Staatssekretären ohne Portefeuille Scheidemann. Erzberger und Gröber sind jetzt Arbeitsräume zugewiesen worden. Das Arbeitszimmer des Staatssekretärs Scheidemann ist im Reichsamt des Innern belogen. Das Entgegenkommen gegenüber seinen parteipolitischen Anschauungen ist so weit gegangen, daß man vor der Zuweisung — aus dem Raum das Kaiser- bild entfernt hat. Wlilörftienst uiift MylmMf. Auf verschiedene, in letzter Zeit laut gewordene Klagen, daß die militärische Ausbildung ungünstig auf das Körpergewicht der im Sommer dieses Jahres eingestellten jungen Mannschaften einwirke. baben wir Erkundigungen bei der maßgebenden Stelle eingeholt. Diese hat uns das Ergebnis der monatlichen Wiegungen im Korpsbezirk zur Verfügung gestellt. Danach haben an Gewicht zugenommen: im Monat Juli 57,51 Prozent und Zwar durchschnittlich 1,95 Kg. tm Monat August 65,40 Proz. und zwar durchschnittlich 2,19 Kg. Abgenommen baben: im Monat Juli 26,22 Proz. und zwar durchschnittlich 1.44 Kg. im Monat August 20.80 Proz. und zwar durchschnittlich 1,86 Kg. Bei 16.27 Prozent im Juli und 13.89 Prozent im August war das Körpergewicht das gleiche wie bei der Einstellung geblieben. Besonders bemerkenswert ist, daß im Monat Juli 1 Mann 10,5 Kg., 2 Mann je 10,00 Kg., '1 Mann 9 Kg. im Monat August 1 Mann 11,5 Kg.. 2 Mann je 11,00 Kg., 1 Mann 10. Kg. an Körpergewicht Angenommen haben. Ans der Heimat, Heldenbergen, 14. Okt. (Das begreife, wer kann!) Wir waren jüngst Zeuge, wie auf dem hiesigen Bahnhof verschiedenen Hamsterern die eingehamsterten Kartofeln von der Polizei beschlagnahmt worden sind. Der hiesige Wachtmeister lat dies in durchaus einwandfreier Weife, er machte den Leuten klar, daß er den Befehl dazu bo.be und daß er nicht anders als nach dem Gesetz handeln könne. Er sprach freundlich mit de« Leuten und erreichte auch, daß kein böses Wort bei dem ganzen Vorkommnis gefallen ist. Trotzdem merkte man den Betroffenen an, wie bitter ihnen die Beschlagnahme anfiel. Zeit, Mühe und Geld waren vergebens geopfert. Während hier ein Organ der Behörde gesetzlich zum Vorgehen g^wungen wird, lesen wir, daß von Frankfurt 3.02 Uhr nachm, ein neuer Zug. ab hier 4.47 Uhr nach Altenstadt eingelegt worden sei, weil die Hamsterfahrten nach Kartoffeln so zugenommen hätten. Von Altenstädt fährt dieser Zug wieder ab 5.55 Uhr nachmittags. Das begreife, wer kann! Erst legt der Staat Züge ein. damit das Hamstern bequemer wird und dann fängt er die Hamster ab? Frankfurt a. 11. Okt. Unter Vorzeigung einer gefälschten Bescheinigung, daß er zum Ankauf einer Kuh zu Zucht- zwecken befugt sei. hatte der Mechaniker Daniel Gelsheimer von einem Niederräder Landwirt eine Kuh gekauft. Die Schwarzschlachtung wurde durch das Dazwijchenkommen der Polizei verhindert. Gelsheimer wurde von der Strafkammer wegen Schleichhandels und Urkundenfälschung zu 5 Monaten Gefängnis und 1000 Mark Geldstrafe verurteilt. Bei dem Handel waren noch beteiligt der Bäcker Heinrich Kindler und der Pferdehändler Friedrich Sparr. Sie erhielten wegen Schleichhandels je vier Monate Gefängnis und 1000 Mark Geldstrafe. Der Mitangeklagte Landwirt wurde freigesprochen. Frankfurt-Bonames, 11 . Okt. Auf dem Bahnhof Bonames waren schon zweimal Koffer, die in Eisenbahnwagen standen, rrbrochen und zum Teil ihres Inhalts beraubt worden. Als sie zum dritten Male an einer Kiste operierten, wurden die Diebe erwischt. Es waren die Bahnarbeiter Franz Sczepanskß und Martin Gabrian. Sie wurden rsn der Strafkammer zu fjf 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Lin Mitangeklagter Weichensteller, der nach ihren Angaben mit ihnen unter einer Decke gesteckt haben sollte, wurde mangels ausreichenden Beweises freigesprochen. Frankfurter Landwirtschaft. Wir brachten neulich einige kurze Nachrichten über die Zustande, die in den Frankfurter landwirtschaftlichen Betrieben herrschen. Näheres darüber erführen wir aus den Ausführungen des sozialdemokratische« Stadtverordneten Wittich. Er machte dem früheren Leiter der Schweinehaltung den Vorwurf, daß ihm nicht allein das Verständnis für die Sache gefehlt habe, er hatte mich Leute an der Seite, die keine Freunde, sonidern Gegner der Regieleitung waren. Die unglaublichsten Dinge sind, so.fu.hr er fort, dort vorgekommen. Der Leiter ist auch von dem Oberverwalter getäuscht worden. Ziegen und Stallhasen sind angeschafst worden, ohnp die Voraussetzung einer richtigen Fütterung. Die Folge war, daß nicht allein viele Ziegen, sondern auch in einem halben Jahre 800 Schweine eingegangen sind. Geradezu unverständlich ist es. daß man bei den Schweinen auch noch Kühe hielt und den Schweinen Vollmilch fütterte. Fachleute schütteln den Kopf über solche Wirtschaft, denn Schweine werden doch sonst nur mit Magermilch gefüttert. Ein trauriges Kapitel bedeuten die vielen „Notschlachtungen". Interessant wäre, festzustellen, wieviel Tiere tatsächlich gefchlachtet und gestohlen worden sind, und wieviel Fleisch im Schleichhandel verschwunden ist. Die tollsten Dinge sind vorgekommen. 700 Zentner Kartoffeln, die angeblich zur Schweinemast bestimmt waren, haben herrenlos bis zum Frühjahr auf dem Niedhof gelegen; wer Kartoffeln brauchte, konnte sich dort holen Das Lebensmittelamt hat den Fehler gemacht, daß es die Mißwirtschaft zu lange anstehen li^ß. In der Voruntersuchung, die übrigens sehr langsam vor sich ging, ist denn auch von den Leitern der Schweinehaltung versucht worden, die Untergebenen in ganz ungehöriger Weise zu beeinflussen und zu falschen Aussagen zu verleiten. Es ist festgestellt worden, daß die Stadt vom Betriebsleiter bis zum Tagelöhner bestohlen und betrogen worden ist. Aus Starkenburg. Darmstadt, 11. Okt. Für 7000 Mark Zigarren und Zigaretten wurden in der Nacht zum Mittwoch in dem Meyerschen Zi- aarrengeschäft am Mathildenplatz. Ecke der Zeucchausstraße. durch Einbruch gestohlen. Die Diebe taten ihre Arbeit so gründlich, t-aß der Geschäftsinhaber gezwungen war. vorerst den Laden zu schließen, um wieder neue Ware herbeizuschaffen. Darmstadl, 11. Okt. Ueber die Frage der Vertretung von Handel und Industrie im hessischen Parlament sprach gestern Abend in der hiesigen Ortsgruppe mitteldeutscher Industrieller der Verbandssyndikus Dr. Linse, wobei er besonders darauf hinwies, daß nach der Berufszahlung von 1917 die in der Landwirtschaft tätige Bevölkerung etwa 28 Prozent gegen 44 Prozent industrieller Bevölkerung ausmachte. In der Zweiten Hessischen Kammer seien aber von 37 Mitgliedern 20 dem Großgrundbesitz angehörend. darunter 16 Standesherren, gegen 1 Vertreter des Handels und der Industrie. der durch den Handelskammertag präsentiert wird, vertreten, außerdem 6 durch den Großherzog ernannten lebenslänglichen Mitgliedern. Aehnlich wie in Preußen und Sachsen, müsse hier eine Umänderung erfolgen, damit Handel und Industrie eine ebenbürtige Stellung erfahren. Eine lebenslängliche Mitgliedschaft halt Redner nicht wir empfehlenswert. In der folgenden Aussprache schließt sich Abg. Dr. Osann den Ausführungen des Vorredners an: auch er hat schon früher bedauert, daß in der Hesi. Kammer nur ein Industrieller sitze, was wohl auch damit Zusammenhänge, daß es sehr schwer fei, in der Industrie geeignete Männer zu finden, welche sich in entsprechender Weise auch für die Politik interessieren und hinreichende Kraft und Zeit hierzu haben. Auch Landtagsabg. und Beigeordnete Henrich hält die Mitarbeit von Männern aus dem Handel und Industrie in den Kammern für sehr wichtig. Es wird ein Vorschlag angenommen, nach welchem man sich an den Vorstand des Verbandes mitteldeutscher Industrieller und die Handelskammern in diesen Fragen wenden soll. Birkenau i. Od^ 11. Okt. Wegen Verfehlung gegen bas Hrlfsdisnstgesetz war s. Zt. der etwa 50 Jahre alte Handelsmann Benjamin Löb von hier angeklagt, ober vom Schöffengericht freigesprochen worden, da es von der Feststellung aus- ging, daß der Angeklagte kränklich und seine Dienste keinen besonderen Wert haben könnten. Auf die Berufung des Staatsanwalts wurde er aber zu einer Geldstrafe von 5 Mk. verurteilt. da er der Aufforderung einfach nicht Folge leistete, ohne hinreichende begründete Einwände gegen seine Einberufung au. der geeigneten Stelle zu veranlassen. Aus der Pfalz. FC. Aus -er Pfalz, 10. Okt. Die Gemeindeverwaltung ln Weifenhetm a. S. hat beschlossen, die Gemeindeumlagen von 130 auf 100 Prozent herabzusetzen. — Als Folge des Waffen-, stillstands- und Fridensangebots sind die Preise im Weißmostgeschäft noch weiter gefallen. Im Durchschnitt glaubt man im Vorderpfälzischen Weinbaugebiet auf 80—100 Mark pro 40 Liter zu kommen. In Mußbach wurden vorgestern 55 Mark du-, für geboten. Viele Winzer legen den Wein jetzt selbst ein. In Vad-Dürkheim wurden 60—80 Mark für 40 Liter geboten, in Kirrweiler und Eßlingen 65—75 Mark. Briefkasten. Gefr. H. aus Reichelsheim, z. Zt. beim Stab der 22. Land» wehrdivision. Wir bedauern, Ihnen darüber keine Auskunft geben zu können, da aus militärischen Gründen keinerlei Mitteilungen über den Standort der betr. Regimenter gemacht werden dürfen. Im übrigen die besten Grüße, auf baldiges Wiedersehen! Verantwortlich für den politischen und lokalen Teil: Otto Hirsche!. Iriedberg: für den Anzeigenteil: R. H ey n er. I gliedberg. Truck und Verlag der „Neuen Tageszeitung* A- G., Friedberg i. 9. Herzenskiimpse. ; Roman von Helene Schütky, geb. von Eersborff. (Gopzlrigbt 1915 by C. Ackermann-Stuttgart.) 12) Nachdruck verboten. „D, wie sehr Recht haben Sie mit dieser Meinung, mein gnädiges Fräulein!" sagte Neinhold freudestrahlend. „Und ich bitte Sie innigst. wenn Sie jemals in irgend eine Bedrängnis, ln eine schwierge Lage geraten sollten. — was Gott verhüten wöge! — so denken Sie an mich, Ihren wahrhaft ergebenen und treuen Freund! Ich werde zu jeder Zeit bereit sein, Ihnen mit Rat und Tat, mit allem, was Ich bin und weiß, zu Hilfe zu eilen!" „Ich danke Ihnech Herr von Germshoff, o, ich danke Ihnen von ganzem Herzen! Niemals hätte ich gedacht, daß dies ein so schöner Tag für mich werden würde", setzte sie froh hinzu. »Ich fühle mich nämlich nie einsamer, als bei solchen pompösen Festlickcheiten, wo es von Menscheu wimmelt, die mir alle so innerlich fremd sind. Unsere gute Tante Ella versteht das nicht, sie schwimmt so vergnügt in diesen Nichtigkeiten herum, wie ein Fisch im Wasser. Und es ist gewiß auch gar nicht recht von mir, denn es mögen ja viele gute, kluge, nette Leute darunter sein. Aber ich kann mir nun einmal nicht helfen, mir ist viel wohler zu Hause an meinem Klavier, mit einem guten Buch oder mit wenigen, aber wahren Freunden zusammen. Doch heute ist es ganz anders, heute habe ich gerade Sie hier bei diesem Getümmel als Frcifird gefunden, während wir zu Hause immer fremd aneinander vorbei gegangen find! Wie eigentümlich das ist! Aber da wir nun einmal Freunde geworden sind, wollen wir es auch bleiben, nicht wahr?" fuhr sie in wahrhaft kindlichem Tone fort, „es darf nicht nur ein schöner Traum, der vergeht, eine Seifenblase, die zerplatzt, sein. Missen Sie. ich bin eigentlich eine sehr ernste Natur nehme alles sehr schwer. Das würde mir ein großer Kummer sein, wenn Sie es mit unserer neuge- schloffcnen Freundschaft nicht auch ernst nehmen wollten." „Vorhin sagten Sie, daß Sie mich schon ein wenig kennen. Fräulein Hilde", die vertrauliche Anrede kam' ihm ganz von selbst über die Lippen, ohne daß weder er noch sie es bemerkten! — „O, wenn das zvtrifft, so muffen Sie auch wiffen, wie wahr uwd treu ich es meine, nein, oberflächlich bin ich nicht. Also, topp! Freunde wollen wir sein in des Wortes verwegenster Bedeutung!" , „Welch ein Engelsgemüt in dieser schönen Hülle!" dachte Reinhold entzückt. „Nicht eine Spur kleinlicher, gekränkter Eitelkeit über meine scheinbare Vernachlässigung, nicht eine Spur von Falsch. Welch ein guter Kamerad würde sie auf dem Lebensweg sein? Wenn sie nur nicht diese schauderhaften Millionen hätte! Aber ist wenigstens etwas» daß wir nun gute Freunde sind. Und wie famos, wie einfach und selbstverständlich sie das fertig gebracht hat! Denn sie war es doch eigentlich, die diese Wendung herbeiführte." Schnell wie der Blitz fuhren ihm diese Gedanken durch den Kopf, während er laut sagte: „Gnädiges Fräulein, leider darf ich nicht zu diesem Augenblick sagen: „Verweile doch, du bist so schön?" — denn die Pflicht ruft mich ins Weltgetummel zurück. Sie wiffen ja, wenn ich nicht da bin, um dem Orchester den notigen Wink zu geben, f° stockt der ganze Rummel, alle die kleinen unge-duldigen Füßchen warten auf den Beginn ves zweiten Tanges ttn3>, --- was am wichtigsten ist, — Ihre Majestät darf man nicht warten laffen. Es wird ohnedies der letzte Tanz sein, dem sie beiwohnt. Nachher zieht sie sich in ihre Gemacher zurück " „Also kommen Sie schnell, schnell! bringen Sie mich zu Tante Ella?" sagte Hilde sehr eifrig. „Das wäre mir schrecklich, wenn ich schuld an irgend einer Versäumnis wäre." Sie nahm seinen Arm, den sie im Eifer des Gesprächs hatte fallen laffen und zog ihn fast laufend dem Schloß zu. Gleich nach ihnen trat der Marquis hinter einem hohen Dusch hervor, wo er offenbar, wenigstens teilweise ibr Gespräch belauscht hatte. Er hatte sie während des Tanzes nicht aus den Augen gelaffen und als er sah, daß sie miteinander in den Park gingen, war er ihnen lautlos gefolgt, wobei er nicht einmal sehr vorsichtig zu sein brauchte, da sie so versunken ineinander waren, daß sie überhaupt für nichts anderes Sinn hatten. Als sie hier bei einem BoZket stehen blieben, versteckte er sich schnell und geräuschlos dahinter und wurde so Zeuge der neugeschloffenen Freundschaft. Ein hämisches Lächeln verzerrte seine an und für sich schönen Züge. „Also darauf gehts hinaus! Unter der Maske der Freundschaft sucht sich der schlaue Fuchs den Geldvogel zu fangen! Die scheinbare Gleichgültigkeit sollte das arglose Wild nur täuschen und sicher machen. O, ich erkenne dich, deutscher Edelmann mit der treuhechigen Miene!" murmelte er in verbiffener Wut. Da ihm selber eine vornehme Gesinnung vollständig fremd war. konnte er selbstverständlich auch an andere nur seinen eignen, niedrigen Maßstab anlegen. Heucheln. Lügen, Intrigen und Ränkeschmieden schienen ihm die natürlichsten Dinge auf der Welt. „Aber warte nur", zischte er zwischen den Zähnen, „die Sache kann noch anders kommen! Ich habe noch verschiedene Trümpfe in der Hand, von denen du nichts weißt." Auch er eilte schnellen Schritts dem Schlöffe zu, um die von ihm engagierte Dame nicht warten zu laffen. Als er den Ballsaal wieder betrat, hätte niemand in dem süß lächelnden Antlitz des Franzosen eine Spur von den leidenschaftlichen Gefühlen von Haß, Wut, Eifersucht und Rachsucht finden können, die ihn noch soeben durchlobt hatten. Es war Käthe Trontheim, vor welcher er sich gleich darauf mit strahlender Miene und angelegentlichstem Eifer verbeugte, als gäbe es für ihn nichts Wichtigeres, als diesen Galopp mit dem jungen Fräulein. Die Kleine gefiel ihm auch wirklich ausgezeichnet. Ihre beweglickie pikante Lieblichkeit, umweht von der köstlichen Frische der allerersten Jugend zog ihn stark an. Ihre muntere Naivität, ihr lustiges, kindliches, unüberlegtes Geplauder, ihr Helles, fröhliches Lachen machten ihm eigentlich viel mehr Spaß als Hildes ernsteres/ reiferes Wesen, wo es immer galt, mit jedem Wort auf seiner Hut zu sein. Aber ihr Reichtum und ihre große Schönheit machten Hilde doch viel begehrenswerter. Ueberhaupt würde er nie daran denken, einem kleinen, unbedeutenden, wenn auch noch so niedlichen deutschen Mädchen mit einem mittleren Vermögen seine Marquis-Krone mitsamt seiner in seinen eigenen Augen sehr wichtigen Persönlichkeit zu Füßen zu legen. Aber so ein kleiner Flirt nebenher, das vertrug sich mit seinen leichtfertigen Lebensanschauungen, auch noch vor größeren moralischen Abweichungen nicht zurückschreckten, ganz gut. Nur mutzte er vorsichtig sein, daß Hilde nichts davon erfuhr: das könnte ihm das ganze Spiel verderben. War sie erst feine Frau, dann brauchte er sich nicht mehr so in acht zu n-chmen, denn er gedachte dann keineswegs auf die Freuden des Lebens, wie er sie allein verstand, zu verzichten, sondern die großen Mittel, die ihm mit ihrer Hand zufallen sollten, dazu in ausgiebigster Weise zu benützen. Er glaubte sich diese Genüffe durch die lange Warte- und Werbezeit redlich verdient zu haben. „Gnädiges Fräulein, der schönste Moment dieses denkwür- digen Tages ist gekommen, indem mir gestaltet ist. diese Elfen- gestalt in den Wogen des Tanzes wiegen zu dürfen" sagte er, sich übertrieben galant vor Käthe verbeug-nd. „O, meine Elfengestalt läßt sich mit dem größten Vergnügen wiegen. Herr Marquis", lachte Käthe übermütig, „kommen Cie. ich bin froh, daß das langweilige Herummarschieren der feierlichen Polonaise vorüber ist. Run gibts doch endlich einen anständigen Galopp und Bewegung, man kann sich austummeln? Ah!" Der Marquis betrachtete mit unverhohlener Bewunderung ihr reizendes, von Lust und Uebermut strahlendes Eesichtchen mit den großen, blitzenden schwarzen Augen, in denen hundert kleine Schelme und Bosheiten zu flimmern schienen. „Entzückende kleine Hexe!" dachte der Marquis, während er die leichte graziöse kleine Gestalt im Tanz viel fester an sich preßte, als es sonst üblich ist. Dabei murmelte er wie in Selbst- vergeffenheit.fianzösiiche Liebesworte in ihr Ohr. „Petit anae? mais vous etes charmante! . . comme elle danse! . . fraiche comme une rose! . Käthe, die schon als Kind eine fianzöstfche Bonne gehabt hatte und außerdem in einem französischen Pensionat gewesen war, verstand natürlich jedes Wort, und sie fand es sehr amü- sant und lustig, daß dieser schöne, elegante, soviel ältere Mann ihr so viele Komplimente machte und so schöne schmeich-dhafie Dinge zuflüsterte Sie lachte daher vergnügt und bewilligte ihm gern noch einen anderen Rundtanz, über den sie noch verfügen konnte. * ll. Kapitel. 9?a