Nummer 219 10 Pfennig \gpr-r « die Nummer UMtmoch, ven 18. Septemver 1918 11. Iahrgattg« Urne TagesierLNR Die „Lteue Tageszeitung" erscheint jeden Werktag. Regelmäßige Beilagen „Der Zauer aus Kelsen", „Die Spinnstube". Bezugspreis: Bei den Postanstalten vierteljährlich Mk. 2.40 hinzu tritt noch das Bestellgeld: bei den Agenten monatlich 90 Pfg. einschließlich Trägerlohn. Anzeigen: Grundzeile 25 Pjg., lokale 20 Pfg^ Anzeigen von auswärts werden durch Postnachnahme erhoben. Erfüllungsort Friedberg. Schriftleitung und Derlag Friedberg (Hessen), Hanauerstraße 12. Fernsprecher 48. Postjcheck-Lonto Nr. 4859. Amt Frankfurt a. M. Die Aufnahme der Kriedensnofe. Heftige Angriffe der Feinde im Westen abgeschlagen. — Erfolgreiche Unternehmungen an derCote-Lorraine 44 feindliche Flugzeuge abgefchoffen. — Mißlungene Italienerangriffe. .— " . — . Der deutsche Generalstad 8======: meldet: — =s W. T. S. Großes gairptqrrartier, >err 17. Septemker Amilich. Westlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppen Kronprinz Nupp recht und V o e h n. In Flandern rege Erkundungstätigleit. Südlich von Ppern scheiterten Angriffe des Feindes. An der Kanalstellung brachten pommersche Grenadiere von erneuten Vorstößen gegen den Feind bei Sauchy-Eauchy Gefangene zurück. In der Gegend von Havrincourt steigerte sich der Artilleriekamps am frühen Morgen vorübergehend zu großer Stärke: keine Infanterietätigkeit. Heeresgruppe Deutscher Kronprinz. Zwischen Ailette und Aisne dauerten die heftigen Angriffe des Feindes fort. Wir nahmen den Ostrand der Höhe östlich von Vauxaillon, aus der der Feind Fuß faßte, wieder. An der von Lcrffaux nach Osten führenden Straße drückte uns der Feind etwas zurück. Am Nachmittag nach stärkstem Artilleriefeuer erneut verbrechende Angriffe des Feindes scheiterten an den Gegenstößen der hier kämpfenden hannoverschen, braunschweigischen und ol- Äenburgischen Reserve-Regimenter. Sie schoben am Abend ihre Linien zum Teil wieder vor Auch die südlich anschließende Brandenburger fünfte Infanterie-Division schlug mehrfach durch Panzerwagen unterstützte Angriffe des Feindes ab. Im Südteil von Vailly dauerten Kleinkämpfe an. In der Champagne wurde ein nächtlicher Vorstoß des Feindes südlich von Riponl aboewiesen. Heeresgruppe Gollwitz. An der Gotes-Lorraine, bei St. Hilaire udn westlich von Ionville führten wir erfolgreiche Unternehmungen durch. Teilangriffe des Feindes gegen Haumont und nordöstlich Thiaucourt wurden abgewiesen. Die Artillerietätigkeit beschränkte sich auf Ctörungsfeuer. Wir schossen gestern 44 feindliche Flugzeuge ab. Oberleub nant Lörzer errang seinen 40., Leutnant Rumey seinen 35. und Leutnant Thuy seinen 30. Luftsteg. Der erste Generalquartiermcister: Ludendorff. Abendbericht. Berlin, 17. Sept., abends. (WTB. Amtlich.) Zwischen Ailette und Aisne scheiterten erneute Angriffe des Feindes. Von den anderen Fronten nichts Neues. Der österreichische Generalstab 1 ======== meldet: ===> Wien, 17. Sept. (WTB. Nichtamtlich) Amtlich wird verlautbart: Italienischer Kriegsschauplatz: Zwischen der Brenta und dem Monte Solarolo fetzten die Italiener gestern früh nach starkem bis zum Trommelfeuer gesteigerten Artilleriefeuer zum Angriff an. Ihre Sturmkolonnen wurden im Brenta-Tal und vor dem Col Caprile durch unser Feuer zurückgetr leben. Auf dem Asolone vermochten sie unter Wirkung unserer Batterien ihre Graben überhaupt nicht zu verlassen. Auf dem Monte Pertica, dem Solarelo und auf dem Tasson-Nucken kam es zu erbitterten Kämpfen, in denen der Feind gleichfalls restlos weichen mußte. In anderen Abschnitten vielfach lebhafte Fliegertätigkeit. Westlicher Kriegsschauplatz: Bei den österreichisch- ungarischen Truppen keine größeren Kampfhandlungen. Albanien: Bei Pojani scheiterten erneute italienische ' Vorstöße. Der Chef des GeneralstabeS. « Wien, 16 Sept. (WB.)' Vom Kriegsministerium, 'Marinesektion wird verlautbart: Ani 15. September, mittags, versuchte ein amerikanisches Landkampfslugzeug die Anlagen von Fiume zu erkunden. Es wurde in großer Höhe von einer der Marineabwehrbatterien getroffen und stürzte brennend ab. Der Rest des Flrrgzeugetz 'Wurde geboraen. Der bulgarische Gcneralstab - meldet: =========* Sofia, 16. Sept. (WB.) Generalstabsbericht vom 15. September. Mazedonische Front: Westlich des Ochridasees Patrouillenunternehmungen. An der Pelister und an der Cervena-Stena heftige Feuerüberfälle auf feindlicher Seite. Nördlich von Bitolla versuchten französische Kampagnien nach anhaltender Artillerievorbereitung sich unseren vorgeschobenen Grüben zu nähern. Sie wurden durch Feuer vertrieben. In: Cerna^Boden während des ganzen Tages heftiges Artilleriefeuer auf beiden Seiten. Im Abschnitt Grade- lchnitza bis zur Höhe von Bahovo fanden erbitterte Kämpfe statt. Feindliche Bataillone griffen an mehreren Punkten unsere Stellungen südlich von Gradeschnitza an, wurden aber mit beträchtlichen Verlusten zurückgewiesen. Eine Anzahl von französischen Gefangenen blieb in unseren Händen. Weiter östlich griffen nach besonders heftiger Artillerievorbereitung französische und serbische Divisionen heute früh unsere Stellungen bei Sokol, Dobropolje und Vetrenj an. Nach einem hartnäckigen Ringen gelang es ihnen, diese Punkte zu besetzen, wobei sie schwere Verluste erlitten. Um unseren Truppen unnötige Opfer zu ersparen, nahmen wir unsere Einheiten in diesem Abschnitt in neue Stellungen weiter nördlich zrrrück. Südlich von Huma hält das Artilleriefeuer heftig auf beiden Seiten an. Die an^bsotmeldnng. Berlin. 16. Sept. (WB. Amtlich.) Im Sperrgebiet um England wurden von unseren U-Booten 7000 Bruttoregister- tonnen versenkt. Der Chef des Admiralstnbcs der Marine. Die Versenkung des „Galway Castle". London. 15. Sept. (WB.p Reuter. Das Torpedo traf die „Ealway Castle" zwischen Maschinen- und Herzraum. Sie wurde bis zum Oberdeck aufgeristen und drohte in zwei Teile zu brechen. Ein Boot wurde von einer großen Woge auf die sich drehenden Schraubenflügel des Propellers geschleudert, die es in Stücke rissen. Ein zweites Boot ist nur mit Mühe demselben Schicksal entgangen. Die „Ealway Castle" hatte 749 Pastagiere, wovon die große Mehrheit aus Frauen und Kindern bestand. Die Aufnahme der Friedensuote. Aiiie!,uende Aattnng drr Entente. Basel, 17. Sept. Die heute aus den alliierten Ländern hier vorliegenden Prestestimmen verstärken den Eindruck, daß die Entente die Note Burians ablehnen wird. Zweifelhaft dürfte nur noch die Form der Ablehnung fein. In Paris gehen die sozialistischen Blätter mit den nationalistischen in der Ablehnung einig. Der deutsche Fliegerangriff auf Paris am Montag morgen habe das Mißtrauen der Franzosen nur noch erhöht. Frankreich. Basel, 16. Sept. Wie die Havas-Agentur mitteilt, wurde die österreichische Friedensanregung am 15. abends in Paris bekannt. Sie hat in diplomatischen Kreisen keine große Überraschung hervorgerufen und wird als eine Folge der von den Alliierten feit zwei Monaten errungenen Erfolge angesehen. Allgemein herrscht die Meinung vor, daß sich die Lage tatsächlich in letzter Zeit bedeutend verändert habe. Es sei ein großer Unterschied zwischen dem heutigen Vorschlag und der Rede des Kaisers mit seiner Auffassung über den „preußischen Frieden" fostzustellen. Man glaubt jedoch, daß die neue Friedensoffensive unter den gegenwärtigen Umständen zu keinem Ziele führen wird. Im Palais Bourbon erschienen trotz des Sonntages einige Abgeordnete und wiesen darauf hin, daß die Kriegsziele Frankreichs und seiner Alliierten bekannt seien: Ulwersehrtheit des Vaterlandes, Gleichgewicht der Welt, Befreiung aller unterdrückten Völker, Wiedergutmachung des verursachten Schadens. Trotz aller Wechselfälle habe das Programm Frankreichs keine Aenderung erfahren. Die Mittelmachte glaubten heute nicht mehr an einen Frieden durch einen Sieg. Frankreich und feine Alliierten feien anderer Ansicht. Sie zweifelten nicht daran, daß ihre siegreichen Waffen ihnen die Verwirklichung ihres Programms bringen würden, ohne daß von einer Aenderung ihrer Friedensbedingungen die Rede sein könne. Paris, 17. Sept. Das „Echo de Paris" schreibt: Wahrscheinlich wird Spanien den Kabinetten von London und Paris die österreichische Note übermitteln. Es ist nicht zweifelhaft, daß sie in Frankreich, den Vereinigten Staaten, England und den übrigen alliierten Ländern eine Abweisung erfahren wird, es ist nur noch unsicher, wie diese Abweisung formuliert werden wird. Da sich Elemenceau und Pichon zur Zeit nicht in Paris aufhalten, wurden sie sofort von dem Schritte Oesterreichs telegraphisch in Kenntnis gesetzt. Nach dem „Petit Parisien" soll die Antwort nur im Einverständnis mit allen alliierten Regierungen abgefaßt werden. Diese Note wird sich mehr an die feindlichen Völker als an ihre Regierungen richten. England. Haag, 16. Sept. Der „Daily Expreß" schreibt: Die österreichische Note bringt uns dem wirklichen Frieden nicht näher. Die vorläufigen Friedensbedingungen sind wiederholt aufge- zählt worden. Sie sind, Rückzug der deutschen Truppen aus Belgien und Frankreich, Aufhebung der Verträge von Brest-Li- tcrvsk und Bukarest. Sicherheit der Rückgabe und Wiederherstellung und Anerkennung aller Völker auf Selbstverwaltung. Die österreichische Note enthält nicht die leiseste Andeutung, daß die Zentralmächte diese vorläufigen Bedingungen anzunehmen bereit sind. Solange Deutschland seine Phrasen von einem Verteidigungskrieg nicht cmfgibt, solange ist die Atmosphäre für Friedensverhandlungen nicht gegeben. Der „Daily Telegraph" schreibt u. a., die österreichische Regierung hat einen Schritt getan, der beweist, daß sie nichts gelernt hat, aber alles vergesien hat. Der Vorschlag ist auf den ersten Blick unaufrichtig. London, 1^ Sept. (WB.) Reuter. Dee . Dail'r Chronicle" schreibt zur österreichischen Friedensnote' Das österreichische Angebot ist die erste dtreköc Annäherung der Kriegführenden, die seit Kriegsbeginn unternommen worden ist. Als solcher kommt ihr bosoivdere Bedeutung zcr. Es wird jetzt zum erstenmal zugegeben, daß die Mittelmächte unmöglich den Krieg gewinnen können. (!) An Stelle der übertriebenen Siegesprcrhlerei, die den Beginn der großen Kaiserschlacht verkündete, trat die Furcht vor der Niederlage. Die österreichische Note geht jedoch von der Annahme aus, daß auf keiner Seite die Wahrscheinlichkeit eines militärischen Sieges l'esteht. Von diesem Standpunkt aus tritt die Note für einen Verftändlgungsstieden ein. Niemand, der einen Funken von Mitgefübl besitzt, würde auch nur für einen einzigen Tag die Fortsetzung der Agonie dieses Krieges wünschen, wenn sie nicht: absolut notwendig ist. Aber nach allen ihren Leiden beabsichtigen die Ententemächte nicht, sich mit einem Scheinfrieden abspeisen zu lasten, der nur einen neuen Krieg zu einem Zeitpunkt, der den Militaristen Mitteleuropas genehm wäre, bedeuten würde: Die freien Nationen der Welt sind entfchlosten, zusammenzuhalten, bis die unselige Bedrohung (!) endgültig beseitigt ist. SiUsorrrs Antwort. London. 16. Sept. (WB.) Bei einem Festesten der Preste besprach Balfour die österreichische Note und sagte u. a.. er sehe in den gemachten Vorschlägen nicht die leiseste Hoffnung, daß das Friedensziel wirklich erreicht werde. Der Sinn seiner Rede war, daß diese Vorschläge zu nichts führen könnten. Amerika. New-Pork, 15. Sept. (WB.) Meldung des Reuterfchen Bureaus. Der Vertreter der Astociated Preß in Washington telegraphiert: Die allgemeine Ansicht der amtlichen Kreise in Washington von dem österreichisch-ungarischen Vorschläge auf eine Besprechung des Friedens ist folgende: Oesterreich-Ungarn ist am Zvsammenbrcchen. Anstatt die Zeit mit einem Friedensgeschwätz zu vergeuden, das schlimmer als nutzlos sein würde, ist es jetzt die richtige Zeit, es aufs härteste zu treffen. Solange eine förmliche Besprechung des österreichisch-ungarischen Vorschlages nicht möglich ist, da der amtliche Wortlaut noch nicht eingegangen ist, soll doch von befugter Seite festgestellt werden, daß jeder Schritt, der von den Vereinigten Staaten getan wer^ den könnte, im Einverständnis mit den Alliierten geschehen wird. Amtliche Regicrungskreife lasten bekannt werden, daß gegenüber der in der Preste erschienenen Fastung des österreichischungarischen Angebotes nur eine Antwort möglich ist und daH sei der Schlußsatz aus Wilsons Rede in Baltimore im April: „Deshalb ist für uns nur eine Antwort hierauf möglich: „Ge- I wall! Gewalt bis zum Aeußersten! Gewalt ohne Begrenzung ■ und Beschränkung!" Wilson gegen eine Besprechung. 3* ö l tt, 17. Sept. Der amerikanische Staatssekretär LaustvH jäßt nach einer Meldung der „Köln. Ztg." folgende Erklärung veröffentlichen: Ich bin von Präsident Wilson ermächtigt. zu erklären, datz unsere Regierung aus die österreichisch- ungarische Note, worin zunächst eine nichtamtliche Besprechung der kriegführenden Länder vorgeschlagen worden ist, wie folgt antworten wird: Die Regierung der Bereinigten Staaten ist der Ansicht, datz sie nur eine Antwort auf den Vorschlag der k. und k. österreichisch-ungarischen Negierung erteilen kann. Sie hat wiederholt und in voller Aufrichtigkeit die Bedingungen bekauutgegebea» unter denen die Vereinigten Staaten den Frieden erörtern werden, und sie kann und will sich nicht mit einem Besprechungsvorschlag btzü-glich einer Angelegenheit beschäftigen, worin sie ihren Standpunkt und ihre Ansicht sehr klar dargclegt hat Italien. Die Anregung Durians wird als eine neue Falle hingestellt und das Volk aufgefordert, sie nur mit Mißtrauen aufzunehmen. Der „Corriere della Sera" schreibt: Es hat ganz den Anschein, daß der Vorschlag die Krönung des Friedensfeldzuges der Zentralmächte bilden soll. Da die Reden auf die Masie einen unmittelbaren Endruck nicht ausübten, war eine kurze wirkungsvolle Formel nötig. Dieser Versuch unterscheidet sich jedoch von ähnlichen der früheren Jahre nur durch seine feierliche diplomatische Art. In diesem Schriftstück findet sich jedoch kein Wort, das im geringsten auf irgend eine grundsätzliche Annahme des Friedensprogramms für das der Vierverband ungeheure Opfer gebracht und für das Amerika feine Heere nach Europa schickt, hinweist. Der österreichische Vorschlag ist ohne Zweifel von der einzig wirklichen Macht ausgegangen, die in Oesterreich besteht, nämlich von der deutschen Regierung. Diesem Umstande muß man Rechnung tragen und muß dem Vorschläge von vornherein das größte Mißtrauen entgegenbringen. Der listige Vorschlag sucht außerdem den Papst ins Spiel zu ziehen, in der Hoffnung, daß seine versöhnliche Antwort wenigstens in einem der Ententeländer die frühere Wirkung der päpstlichen Note wiederholen könne. Zum Schlusie ermahnt das Blatt Heer und Zivilbevölkerung nachdrücklich, daß die erste Pflicht fei, zu mißtrauen. Bern, 16. Sept. (WB.) „Perseveranza" erklärt, daß einige Monate vergehen müssen, bevor das feindliche Friedensprogramm dem Ententeprogramm so nahe sei, um die Eröffnung ersprießlicher Verhandlungen zuzulassen. Die Entente werde erst verhandeln, wenn die Mittelmächte sich darin fügten, den Frieden von Brest-Litowfl als nicht abgeschlossen anzusehen, den Balkan, Venetien, Frankreich und Belgien, zu raumen, mindestens die Schäden in Belgien wieder gut zu machen und die nationalen Probleme zu lösen, die im italienischen und französischen Jrredentismus bestunden. Neutrale Auffassungen. Schweiz. Bern, 16. Sept. Es gibt, soweit sich im Augenblick schon ubersehen läßt, in der deutsch-schweizerischen Presse kein Blatt, das die Friedensnote Oesterreich-Ungarns nicht aufs Wärmste begrüßte. Bei allen begreiflichen Zweifeln will man auch vorläufig die Hoffnung auf einen Erfolg nicht aufgeben. Die „Neue Zürcher Zeitung" schreibt: Die Neutralen, die selbst unter dem Kriege immer mehr leiden, werden den Schritt der Leitung der Donaumonarchie begrüßen, hoffentlich ohne sich gegen den Vorwurf parteiischer Gesinnung verwahren zu müssen, denn sie ersehnen einen Frieden, der auf das Recht gegründet ist, einen Zustand, der nicht im trügerischen Gleichgewicht der Völker, sondern in der starken Einigkeit der Staaten ruht, im 'Bunds gleicher und freier Völker. Die Lage fei ja ganz anders, als beim Friedensangebot oom 12. Dezember 1916. Heute habe einer, der damals neutral gewesen sei, als Beteiligler zu sprechen. Mit banger Sorge blickten Millionen auf den Lenker einer Welt, der sie gegen und nach ihrem Willen regiere, auf den Präsidenten Wilson. Der „Bund" meint, es werde der österreichischen Anregung förderlich sein, daß es dieses Mal allein vorgegangen sei, ebenso datz die Anregung nicht unmittelbar auf Friedensverhandlungen abziele, sondern bloß auf Besprechungen. „Oesterreich-Ungarn" \o schreibt das Berner Blatt, ist für die Vermittlerrolle berufen. Widerstände, die Deutschland bei der Entente findet, bestehen gegenüber Oesterreich-Ungarn nicht. Es begegnet nicht dem Verdacht, daß es Eroberungen machen wolle. Die Note richtet sich an Freund und Feind. Sie stellt nicht die Kriegführenden einander gegenüber, sondern spricht zur Menschlichkeit, zur ganzen Well. Die „Züricher Post" schreibt: „Selbst wenn eine Aussprache nicht zu wirklichen Friedensverhandlunqen führen würde, so wäre es ein Verbrechen, den Versuch nicht gewagt zu haben." Holland. Amsterdam, 17. Sept. (WB.) Die holländischen Blätter widmen der östrrreichischcn Friedensnote, die hier das größte Aussehen erregt, ausführliche Besprechungen. Der „Nieuwe Notterdamshe Tourant" schreibt, die Friedensfreunde müßten mit größter Spannung der Wirkung des österreichisch-ungarischen Vorschlages, die Vertreter der kriegführenden Mächte zu einer gemeinsamen Besprechung zu vereinigen, entgegensehen. Dieser Vorschlag bietet jedenfalls Gelegenheit dazu, binnen absehbarer Zelt zu Friedensverhandluugen zu gelangen, die, selbst wenn sie mißglücken sollten, dazu beitrügen, daß der Friede etwas weniger unerreichbar würde. Wird man aber in Amerika genug Idealismus besitzen, um die hingehaltene-Hand zu erfassen? Die joziakdemokratische Zeitung „Het Volt" schreibt: Sicher besteht aller Anlaß, die Erwartungen nicht zu hoch zu spannen, denn z» große Erwartungen könnten nur zu großen Enttäuschungen &ibr*^ Schwede«. Stockholm, 16. Sept. Die in den ersten Nachmittagsstunden bekannt gewordene Nachricht von der österreichffchen Friedensinitiative wird hier mit der größten Bewegung ausgenommen. Ueberall wird davon gesprochen. Man empfindet den Schritt der österreichischen Diplomatie als eine große Tat. Mit äußerster Spannung erwartet man die Antwort der Entente. Eine Ablehnung würde dieser bei der heutigen Stimmung des schwedischen Volkes aufs stärkste schaden. Dänemark. Kopenhagen, 16. Sept. (WB.) Die dänische Presse widmet heute dem österreichisch-ungarischen Friedensschritte ausführliche Besprechungen. Sie spricht sich im allgemeinen bezüglich der Aussichten eines wirklichen Erfolges ziemlich zweifelnd aus. Die „Politiken" schreibt u. a.: In den neutralen Ländern sollte man sich keine allzu großen Hoffnungen darüber hingeben, daß dieser sehr kräftige und bedeutungsvolle Friedensschritt zu einem unmittelbaren baldigen Ergebnis führen wird, so brennend der Wunsch in der neutralen Welt auch sein mag. den Abschluß des Wahnsinns zu sehen, der weite Gebiete Europas in rauchende Trümmerhaufen verwandelt und unseren ganzen Weltteil zu vernichten droht. Auf deutscher Seite wird hervor- gehoben, daß die Note als ein Sondcrschritt aufgefaßt werden müsse. Förmlich ist sie dies auch unzweifelhaft, da sie sich an beide Parteien wendet, sowohl an den Freund als an den | Feind. In Wirklichkeit kann man jedoch annehmen, daß Oester- j reich-Ungarn den epochemachenden Schritt nicht unternommen hat, ohne sich vorher zu vergewissern, daß der mächtige Bundesgenosse ihn nicht abweist. Wenn er abgewiesen wird, so geschieht I dies durch den Verband, jedoch wird er nicht vergebens getan worden fein, so sicher, wie keine Handlung, die im Namen des j Friedens getan worden ist, kein Wort, das für den Frieden gesprochen wurde, vergebens gewesen ist. Alles trägt dazu bei, den Willen nach dem Frieden zu stärken, bis er so stark ist. daß er durchdringt und siegt. Die Frage ist. ob der Augenblick hier- ! für gekommen ist. Wir hoffen es, wissen es aber nicht mit! Sicherheit. Mit größter Spannung wird die Welt die Antworten aus Paris und London und Washington erwarten. Dir ..Berlrngske Tidende" stellt die Frage: Ist die Lage für einen Friedensschritt der Mittelmächte günstig? Das Blatt gibt folgende Antwort darauf: Vielleicht, da die Mittelmächte unzweifelhaft geneigt sind, bedeutend größere Zugeständnisse zu machen als früher. Die Verbandsmächte werden wahrscheinlich mit der Forderung antworten, daß die don ihnen wiederholt verkündeten Friedensziele die Grundlage für die unverbindlichen Verhandlungen lein müßten. Darauf iss man in Dutschland und Oesterreich-Ungarn up. zweifelhaft vorbereitet. Daß Oesterreich-Ungarn trotzdem den Schritt unternommen hat, ist eine Tatsache, die vielleicht »üner kleinen Friedenshoffnnng Raum geben könnte. Der ..Socialdemokraten" schreibt: Mit der gleichen großen Aufmerksamkeit, mit der die Welt die österreichische Friedensnote anfnahm, wird sie nun die Antwort der Ver- ! bandsmächte abwarten. Diese haben nun die Wahl, ent- j weder das Blutvergießen fortzusetzen oder den Versuch zu machen, ihm ein Ende zu bereiten, wie es die Friedensnote vorschtzigt. Und man sollte meinen, daß es kaum einen verantwortlichen Staatsmann gibt und geben wird, der diese Note zurückweisen kann. Die Mittelmächte werden nach dem Vorschläge sittlich stark dastehen, während die Verbandsmächte, wenn sie ibn zurückweisen, eine sittlich schwache Haltung einnehmen. Weisen die Verbandsmächte den Vorschlag zurück, so werden die Mittelmächte sich zum Kampfe um ihr Bestehen enger zuwmmenschließen und der Krieg wird furchtbarer und erbitterter werden als bisher. Andererseits werden weite Kreise der Bevölkerung der Verbandsmächte sich in Gegnerschaft gegen ihre Negierungen erheben, weil sie die Friedensmöglichkeit zurückwiesen, was vermutlich auch nicht ohne Einfluß ans die Haltung der Soldaten sein wird. • Das Äe-peUschreUen rttt den Papst. Wien, 16. Sept. (WB.) Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten Graf Burian hat an den apostolischen Nuntius Monsignore Valsre di Vonzo am 14. September eine Note gr- richtet, welche in deutscher Uebersetzung lautet: Nach vier Jahren eines unerhörten Ringens und ungeheurer Opfer hat der Kampf, der Europa verheert, noch keine Entscheidung zu bringen vermocht. Die k. u. k. Regierung, stets von dem Geiste der Versöhnlichkeit geleitet, der schon in ihrer Note vom 12. Dezember 1916 zum Ausdruck kam, beschloß an alle krieg- führenden Staaten heranzutreten und sie einzuladen, durch einen vertraulichen und unverbindlichen Gedankenaustausch einem für alle Teile ehrenvollen Frieden die Wege zu ebnen. Hierbei gedenkt die k. u. k. Negierung voll Dankbarkeit des ergreifenden Appells, den Seine Heiligkeit der Papst im verflossenen Jahre an alle Kriegführenden mit der Mahnung richtete, eine Verständigung zu suchen und wieder in brüderlicher Eintracht zu leben. Zn der sicheren Ueberzeugung, der Heilige Vater ersehne auch heute noch, daß die leidende Menschheit bald wieder der Segnungen des Friedens teilhaftig werde, hoffen wir zuversichtlich, datz er unseren Schritt mit Sympathie begleiten und mit seinem auf der ganzenErde anerkannten moralischen Einfluß unterstützen werde. Von diesem Gedanken geleitet, bitte ich Eure Exzellenz, den beiliegenden Text der Note Seiner Heiligkeit unterbreiten zu wollen. Der gßkrreichijche Kriegsimnister über die fw. Wien, 15. Sept. (WB.) Meldung des k. k. Wiener Korrespondenz-Bureaus: Im Laufe der dem Vertreter der „Neuen Freien Presse" gewährten Unterredung erklärte der Kriegsminister v. Stöger-Steiner u. a.: Durch den Friedensschluss mit Russland fanden wobl die Kampfhandlungen im ora- tzen an dieser Front ein Ende, aber die auch heute noch ungeklärten Verhältnisse und fortdauernden Wirren im Innern Russlands zwingen uns, wachsam zu sein und «^sehnliche Kräfte an dieser Front weiter zu erhalten. Die trotzdem an der Ost« grenze freigewordenen Formationen mußten aber der Südwestfront Angeführt werden, um Vas dort bis dahin sehr zu unseren ungunsten vorhandene Kräfteverhältnis auszugleichen. Ein« tatsächliche Reduzierung der Armee im Felde konnte also nicht eintreten, wohl aber wurde die Kampffront kürzer. Die stets zunehmende Intensität der Kampfführung ließ aber keine Materialersparnis zu. Auf die Frage, welches Urteil der Kriegsminister über die militärische Lage im Westen habe, erwiderte er: „Der französische Angriff zwischen der Ancre und der Avre war zweifellos sehr geschickt vorbereitet worden und hat die deutschen Truppen einigermaßen überrascht, dementsprechend auch einen Anfangserfolg gezeitigt, den auch mein preußischer Kollege gelegentlich als „Schlappe" bezeichnet hat. Diese Aufrichtigkeit rechtfertigt schon die größte Zuversicht. Die Deuschen zogen radikal aus der eingetretenen Lage die günstigste Konsequenz. Bei steter und intensivster Abnutzung der fortgesetzt schwer angreifenden feindlichen Massen nahmen sie ihre Hauptträfte auf die starke tiefgegliederte Minterstellung van 1917/18 zurück, wodurch nicht nur erhebliche Kräfte durch die kürzere Linie frei wurden, sondern auch dem Feinde ein Kampfgebiet aufgezwungen wurde, in dem das voraussichtliche Ueberwintern umsomehr Schwierigkeiten bereiten wird, als es den Deutschen meisterhaft glückte, bei dem planmäßigen Zurückweichen sämtliches Material zu eigenem Nutzen zu bergen. Bei diesem Manöver gelang es der deutschen Zährgkeit, dieselbe Strecke durch die Nachhuten viermal solange zu behaupteu, als die Hauptkräfte des Feindes im Frühjahr dies unfern Verbündeten gegenüber vermochten. Aus dieser kurzen Darlegung der letzten großen Ereignisse kann wohl jeder sehen, daß die Initiative nach wie vor bei den Deutschen verblieb, und zwar in taktisch vorteilhafter Art, da die empfindlichen Ausbauchungen der ganzen Front wegsallen. Nun steh^r beide Parteien vor neuen Entschlüssen. Ich glaube, man brouckn kein Stratege zu sein, um mit einem Blick auf die Karte zu er. kennen, daß unsere Bundesgenossen hierbei den hoffnungsvolle, ren Einsatz haben. Hinrichtung Kiichomlinows» Wien, 17. Sept. Wie die Blätter indirekt aus Petersburg melden, ist der frühere Kriegsminister Suchomlinow am 8 September vom Kriegsgericht zum Tode verurteilt und am gleichen Tage erschossen worden. Was liniere Feinde mit \m nor|n!ieii! Für unsere Friedenswinsler um feden Preis sind zwei Kundgebungen von Wert, die erst dieser Tage erfolgt sind und die wieder einmal den Beweis liefern, was man drüben für Pläne gegen uns schmiedet, falls wir besiegt am Vodeu liegen sollten. Bei einem Frühstück der britischen Seemannsvnicm, an dem tausend Personen teilnahmen, waren Hughes und Gompers Ehrengäste. Hughes hielt eine Rede, in der er nach abfälligen Worten über den Patriotismus der Seeleute darauf hinwiss. daß Henderson zugegeben habe, daß er sich über das, was Schei. demann meine, getäuscht hätte; sowohl die Deutschen wie ihre Agenten, die Holländer, lögen Deutschland habe versucht, die Welt zu zermalmen. Jetzt, wo es in gleicher Münze zurückbezahlt bekomme, winsele es nach Frieden. Gewisse Elemente feien für einen Derständigungsftieden. aber es gebe nur eine Hoffnung für die Arbeiterschaft, nämlich den Sieg über Deutschland Außerdem müsse Deutschland für die Ermordung der See- leute bestraft werden. Unter großem Beifall schloß Hughes: „Strafe muß fein und beim Himmel, laßt uns Zusehen, daß Deutschland sie zahlt" Gompers, begeistert empfangen, führte aus: Amerika habe nicht am Kriege von Anfaug teilgenommen und einige Amerikaner seien höchst ungeduldig geworden. Aber das Urteil des Mannes, der am Steuer der Vereinigten Staaten stehe, sei dag richtige gewesen: er habe auf die Einheit des Volkes hingearbeitet und im psychologischen Augenblick die Anklage gegen das mörderische Deutschland dem Kongresse unterbreitet. Die Arbeiterschaft aber trage aus freiem Willen ihr Bestes für den Kampf bei. Ich glaube die einstiinmige Ueberzeugung der amerikanischen Arbeiterschaft und Bürgerschaft auszudrücken, rief Gompers aus, wenn ich sage, daß der Krieg gewonnen und bis ans Ende dnrchgefochten werden muß. Lieber würde iff im Kampfe ftir das Recht sterben als nicht kämpfen und wenn wir uns treu bleiben, kann der Krieg nur ein Ende habem Die zweite Kundgebung leistete sich der ehemalige Präsi. dent der Vereinigten Staaten. Roosevelt. Er hielt in City Hall anläßlich der Feier des Jahrestages von Lafayette eine Ansprache und erklärte, daß die Alliierten beim Friedensschluss die völlige Wiedergutmachung aller Verbrechen fordern müssen, die Deutschland gegen die Welt vollbracht hat. Die deutschen Kolonien, die von Großbritannien und Japan erobert wurden, dürfen nicht mehr zuruckgegeben werden. Im einzelnen sagte Roosevelt in bezug auf die Friedensbedingungen: Was Bulgarien, Serbien und Rumänien genommen hat, mutz diesen Ländern zurückerstaitet werden. Oesterreich-Ungarn und die Türkei müssen aufgeteilt werden. Alle unterworfenen Völker-, schäften müssen befreit werden. Die Türken müssen aus Europa vertrieben werden. Das Effatz muh Frankreich zurückgegeben werden, Belgien mutz wieder hergestellt und entschädigt werden. Die italienischen Provinzen Oesterreichs müssen Italien und die rumänischen Provinzen Ungarns müssen Rumänien gegeben werden. Polen mutz als ein wahrhaft unabhängiger Staat wieder hergestellt werden, wobei Preußisch-Polen vereinigt werden sollen, und wobei diesem Staate ein Zugang zur Ostsee gewährt werden sollte. Die Freiheit Lithauens, Livlands und Finnlands muß garantiert werden. Kein Teil des früheren russischen Reiches darf unter deutschem Joche bleiben. Nordschleswig muß zu Dänemark zurückkehren. Armenien muß befreit werden. Valästina mutz ein jüdischer Staat werden. Die Cbr!-- fteit in Syrien müssen befreit werden. Roosevelt forderte auch die Bildung unabhängiger Staaten der Tschecho-Slowaken mH der Südslawen, u Nochmals die Rede Payers. Treffend beurteilt die „Deutsche Tageszeitung" den Erfolg der Rode des Vizekanzlers, indem sie schreibt: „Diesmal nun ist uns der Vizekanzler außenpolitisch, hochpolitisch gekommen, und dementfprecheitd ist der Erfolg nach der negativen Seite größer, tiefgreifender, unverwischbarer und bedauerlicher. Unterstellt man selbst die Möglichkeit, daß die Rode des Vizekanzlers sich wesentlich bester angchört hat als sie sich liest, so ändert das doch bezüglich ihres sachlichen Inhalts nichts an der Tatsache, daß der Erundton durchweg auf müde Resignation gestimmt ist, daß kaum irgendwo ein Emporreißen der Stimmung, ein Appell an die reichen Kräfte deutschen Ge- miites, ein Anfeuern, Starken und Stützen versucht wird. Auch Herr v. Payer ist doch durch seine Exzellenzwerdung nicht so weit den Empfindungen und Stimmungen des Volkes entrückt, daß er nicht wrsten könnte und müßte, welcher Art diese sind, daß er sich nicht sagen dürfte und sollte, nach wie ganz anderer geistiger Nahrung die deutsche Volksseele in diesen Tagen und Wochen hungert als nach den Steinen, die gestern in Stuttgart ihm geboten wurden. Der Kaiser in seiner Essener Rede traf den rechten Ton, wußte an die Seele des einzelnen zu greifen, auf dem Instrumente der Volksstimmung zu spielen; der aus dem Volke Erwachsene, vom Volke Erwählte, nach den Anschauungen der Anhänger parlamentarischen Regimes in und mit ihm nach wie vor Verwurzelte und Verankerte wußte es nicht. In einer Zeit, da selbst im Radikalismus unserer Linken die Erkenntnis von der Notwendigkeit restlosen Zusammenraffens der physischen und seelischen Kräfte dämmert und man auch dort nur die erste und eine Aufgabe vor sich sieht, die feindliche Welt von der ehernen Festigkeit deutschen Widerstandes zu überzeugen, weiß der Vizekanzler des Deutschen Reiches nichts besseres, als mattherzig die Bereitwilligkeit der deutschen Regierung zu Konzessionen und Verzichten zu verkünden. Und nebenbei Gründe für die Berechtigung jener Stimmungsdepression herbeizusuchen, deren tatsächliche Unbegründecheit dem deutschen Volke vor Augen zu führen durch den Hinweis auf den Gang der Ereignisse der rückliegenden Kriegsjahre wahrlich nicht allzu schwer und ein Ziel ist, dem neben Hindeirburg auch führend sein wollende und sollende Staatsmänner zuftreben dürften. Herr v. Payer hat es für seine Aufgabe erachtet, in diesem Augenblick vor süddeutschen Zuhörern die Frage der preußischen Wahlreform in einer Weise zu traktieren, wie sie von ihm nach seiner politischen Vergangenheit nicht anders zu erwarten war. Er hat dabei die Bedenken gegen die Entfesielung eines Wahlkampfes mitten im Kriege auf die leichte Achsel genommen, was ihm sicherlich den Beifall der Sozialdemokratie eintragen wird, worüber man aber noch ein sehr ernstes Wort wird sagen müsien. Et hat dann, übergehend zu den Friedensfragen, über die Zukunft Belgiens und die Gestaltung der territorialen Ver- hältnisie Ausführungen gemacht, die fraglos vom Auslande als eine Erweiterung der Iuli-Auslaffungen des Reichskanzlers betrachtet werden und damit den Charakter eines neuen, wenn auch indirekten Friedensangebotes haben, das um so mehr, als er an sie den Verzicht auf jegliche Kriegsentschädigung angeschloffen hat, der in dieser bedingungslosen Form nicht verfehlen wird, in der deutschen Oeffentlichkeit den niederdrückendsten Eindruck zu machen, bei unsereir Feinden aber die Ueberzeugung unseres bevorsteheitden Ausgepumptseins zu festigen. Ueber all .das wird im einzelnen noch zu reden sein; für heute genügt es, die allgemeinen Grunktzüge des Auftretens des Vizekanzlers ,charakterisiert zu haben. Er hat zu der Unersreulichkeit der 'Solfschen Rede eine weitere schwere hinzugefiigt. Der Stimmung im deutschen Volke abermals einen empfindlichen, kaum auszugleichenden Stoß versetzt, den Flau- und Miesmachern Waffer auf ihre Mühlen geleitet; und über die Wirkungen seiner Rede auf das feindliche Ausland werden wir in den nächsten Tagen aus der Verbandsmaffe das Nötige entnehmen können." (Das ist inzwischen in reichlichem Maße eingetroffen, in den Ententestaaten wurde die Rede allgemein mit Hohn und Spott, als ein Beweis der Ohnmacht Deutschlands aufgenommen. D. Schrift!.). Mmlnmiffe auf MniWe SMc. Frankfurt, 17. Sept. (WB.) Gestern abend nach 10 Uhr fand ein erneuter feindlicher Fliegerangriff auf Frankfurt statt. Die Alarmierung erfolgte rechtzeitig. Die abgeworfenen Bomben richteten Sachschaden an. Mainz, 17. Sept. (WB.) Die Stadt Mainz wurde am 16. September nachmittags und in der Nacht zum 17. September wegen drohender Fliegerangrifse alarmiert. Während Mainz nicht.angegriffen wurde, verursachten die feindlichen Flieger heute nacht in Oppenheim und Gau Odernheim durch Bombenabwurf Sachschaden. Menschen sind nicht verletzt worden. Karlsruhe, 17. Sept. In der Nacht vom 15. zum 16. September wurde Rastatt von feindlichen Fliegern mit einer größeren Anzahl Bomben belegt, die auch hier meistens auf freies Feld fielen. Lediglich an einer Stelle wurde größerer Schaden ange- richtet. Personen wurden nicht verletzt. Karlsruhe, 17. Sept. Gestern nachmittag zwischen zwei und drei Uhr wurden Mannheim und Ludwigshafen in drei Wellen ron einer größeren Anzahl feindlicher Flieger mrt Bomben angegriffen. Durch Flakfeuer und Kampfflieger stark behindert, mußten sie ihre Bomben wahllos auf Stadt und Umgebung abwerfen. 'Eine Person wurde schwer, acht leicht verletzt. Der Sachschaden ,ist im allgemeinen gering. Zwei feindliche Flugzeuge wurden ab- geschoffen. Stuttgart, 17. Sept. Die schon gemeldete Zerstörung eines Privathauses durch eins englische Fliegerbombe bei dem Angriff vom Sonntag vormittag hat leider mehr Opfer gefordert, als bis .Sonntag abend bekannt geworden war. Bei den Aufräumungs- arbeiten lind noch fünf weitere Tote geborgen worden. Zwei von den Schwerverletzten find im Spital gestorben. Zwei Personen werden vermißt. Feindliche Flieger gelandet und gkflüchlet. Frankfurt tu M., 17. Sept. (WB.) Heute nacht ging zwischen Hähnlein uird Zwingenberg i. H. ein feindliches Flugzeug nieder. Dis beiden Insassen, möglicherweise auch drei, sind entkommen. Im Betretungsfalle möge die nächste militärische oder polizeiliche Diensfftelle schleunigst benachrichtigt werden. Für die Ergreifung ist von dem stellver- tretenden Generalkommando des 18. Armeekorps eine Belohnung aus gesetzt. Parlamentarisches ans Kesten. Darmstadt, 16. Sept. Zur Frage der Kartoffelversorgung hat der Abg. R e u m a n n an die Zweite Kammer eine dringliche Anfrage gerichtet, die lautet: Rach Zeitungsnachrichten soll die diesjährige Kartoffelration wieder auf sieben Pfund pro Kopf und Woche festgesetzt werden. Es ist unmöglich, mit einer derartigen Nation auszukommen. Die Folge einer solchen Festsetzung wäre erhöhter Schleichhandel und im Zusammenhang damit eine schwere Belastung der Eisenbahnen. Hat die Eroßherzogliche Negierung Kenntnis von der Absicht dieser Festsetzung und was gedenkt sie zu tun, um der Bevölkerung eine höhere Ration sicherzustellen. Uom Felde der Ehre. Nieder-Florstadt. Dem Landsturmmann Richard Schau- bach, z. Zt. im Landst.-Bataillon Friedberg, wurde die Hessische Tapferkeitsmedaille verliehen! Unseren herzlichen Glückwunsch ! Aus der Htirnak. Friedberg. 19. Sept. (B ea m t e n v e r e i n i g un g.) Di- hiesige Beamtenvereinigung hat als einen wichtigen Punkt ihrer Satzungen die beamtenpolitische Schulung ihrer Mitglieder bezeichnet. Damit sollen durch Vorträge und in Aussprachen die Fragen behandelt werden, welche den Inhalt der Veamtenpolitik nach der wirtschaftlichen und sozialen Seite ausmachen. Es ist die Einführung in die eigenen Interessengebiete und deren \ gründliche Durcharbeitung im engsten Zusammenhang mit den die Gesamtheit bewegenden großen innerpolitischen Fragen. Der erste Vortragsabend mußte daher grundlegender Art sein. Es galt die Beamtenfragen in ihrer geschichtlichen Entwicklung zu erfassen und zugleich nutzbare Ausblicke in die Zukunft zu gewinnen. Herr Lehrer Jung aus Darmstadt löste diese Aufgabe in bester Form. Jede große Staatsumwälzung hat ihre bedeutenden Wirkungen auf die Gestaltung des Beamtentums aus- geübt. Don der griechischen Geschichte bis zu den großen innerpolitischen Umwälzungen, welche das Erlebnis unserer Tage sind, ließ der Redner an markanten Beispielen diesen Zusammenhang erkennen. Aus dem mittelalterlichen Staate, der durch rein kirchliche Beamtenschaft verwaltet wurde, entstand durch die Wehen der Reformation und des 30jährigen Krieges der weltliche Staat mit rein weltlichen Beamten, die allerdings nur als Diener der Fürsten erschienen. Der Beamte als Staats- diener und dann weiterhin auch seine Ausstattung mit Staats- bürgerrechten bedeuten neuere Stufen der Entwicklung. Die kommenden Staatsreformen, welche als Folgeerscheinung der jetzigen Weltkrisis sich vorbereiten, werden auch auf die Stellung aller Beamtengruppen im Staatskörper besonders aber in der Frage des Beamtenrechts von weittragendem Einfluffe sein. Es werden auch neue Formen in der sozialen Stellung und der gehaltlichen Wertung des Beamtentums geschaffen werden müffen. Bei allen Hörern hinterließen die wiffenschaftlichen und großzügigen Ausführungen, die dazu noch in klarer anschaulicher Form geboten wurden, eine tiefen und sicher nachhaltigen Eindruck. Herr Landtagsabgeordnete Bach gab als zweiter Redner einen Ueberblick über die bisherige Tätigkeit des hessischen Beamtenverbands und des Reichsbundes deutscher Beamten. Die hier bezüglich des Besoldungsproblems geleisteten Arbeiten wurden besonders eingehend behandelt. Die Schwächen der seitherigen Be- amtenentlohnung wurden klar gezeichnet und die Richtlinien entwickelt, welche die Beaintenorganisationen in ihren Forderungen zu gehen haben. Es sind Grundsätze, welche dem sozialen Frieden dienen wollen und von den verantwortlichen gesetzgebenden Faktoren beachtet werden müffen, wenn die Beamtenschaft ohne besondere Gehaltskämpfe eine ihrer Kulturbedeutung, den wirtschaftlichen Verhältnissen und dem Geldwerte entsprechende Entlohnung finden soll. In treffender Weise verstand es Herr Direktor Strecker, beide Vortage als sich ergänzende Darbietungen nebeneinander zu stellen. Geschichtliche und volkswirtschaftliche Orientierung und klare, bestimmte Herausarbeitung der Zukunsts. aufgaben müffen auch bei der Lösung der Veamtenfragen die Leitlinien sein. Es gilt daher als dringende Pflicht der Beamtenschaft, sich in allen Fragen der Politik im besten Sinne zu orientieren, damit sie wachse an Weite und Tiefe der politischen Auf- faffung und in Kraft und Geschloffenheit der politischen Betätigung im eigenen Jntereffe und zum Vesten der Volksgesamtheit. Treue in der Pflichterfüllung und ideale Auffassung des Berufes, das sollen für alle Zeiten die Zierde und der Stolz des deutschen Beamtentums sein. Es wurden zwei Stunden ernster Anregung, welche die Teilnehmer verlebten. Man schied mit der Erkenntnis, daß noch reichliche Aufklärung in den Fragen des Beamtentums notwendig ist und daß die Fülle von Aufgaben nur ersprießliche Bearbeitung und Lösung finden kann, wenn in den lokalen Veamtenvereinigungen reger Geist und eifriger Wille zur Tat die gemeinsamen Veranstaltungen beseelen. Das Jagdschloß Kranichstein, deffen großartige Eeweihsamm- lung von verschiedenen unserer jagdliebenden Eroßherzöge her- ■ rührend, das schon immer ein großer Anziehungspunkt von Iagd- liedhabern war, ist nunmehr, nach -teuordnung und Ergänzung der Bestände aus anderen hessischen Schlöffern durch wertvoll« Icvgdgemälde und Geweihe durch den Eroßherzog zur Besichtigung freigegeben und gegen ein Eintrittsgeld, das zu Wohl- fahrts- und Unterstützungszwecken bestimmt ist, vom 19. d. M. ab täglich zu besichtigen ist. Aus StarkenburK. Darmstadt, 16. Sept. Wegen Postdiebstahls wurden hier verschiedene Personen festgenommen, welche sich während ihrer Beschäftigung Unredlichkeiten aller Art haben zu schulden kommen lassen. FC. Eberstadt, 15. Sept. Der Eemeinderat beschloß di« Kriegsteuerungszulagen für die Gemeindebeamten je nach der Gehaltsklaffe von 25 bis 60 Prozent zu regeln und bewilligte den Betrag von 2395 Mark für Wechnachtsliebesgaben für die Truppen im Felde. Aus RheinheffeNc Mainz, 15. Sept. Eine Versammlung des „Mainzer Gast- wirte-Vereins" sprach sich einsttmmig dafür aus, den Preis des Weines im Glas, den halben Schoppen auf 2 Mark 50 Pfg. (mindestens 2 Mark 20 Pfg) festzusetzen. Infolge der am 1. Oktober eintretenden Biersteuer von 5.50 Mark auf den Hektoliter und eines Vefchluffes der vereinigten Brauereibesitzer von Mainz und Umgebung den Bierpreis um 6 Mark den Hektoliter zu erhöhen, wurde eine Erhöhung des Schoppen Vieres um 5 Pfg. das ist ein Aufschlag von 25 auf 30 Pfg. in Aussicht genommen. Mit dem Vierauffchlag wird sich-die Preisprüfungsstelle zu beschäftigen haben. FC. Mainz, 15. Sept. 14 Viehhändlern aus 13 verschiedenen Orten Rheinheffens wurden die Ausweiskarten entzogen und ihnen ^der Handel mit Vieh untersagt. FC. Mainz, 16. Sept. Die 20jährige Köchin Klara Meh- ling aus Wald-Algesheim geriet am Hauptbahnhof zwischen zwei elektrische Straßenbahnwagen und erlitt lebensgefährliche Verletzungen. — Die Einbrüche und Diebstähle nehmen fortgesetzt zu. So wurden nachts in der Leibnizstraße zwei Gänse, sieben Enten und ein halbes Dutzend Hühner, in der Rheinstraße drei Enten und mehrere Hühner gestohlen. In einer Villa im Stadtpark drangen Einbrecher in ein Zimmer, in dem zwei Jungen von 11 und 16 Jahren schliefen und stahlen mehrere Anzüge, Stiefel, Uhr und dergl. Der Diebstahl wurde derart geräuschlos ausgefühtt, daß die Jungen nicht in ihrem Schlaf gestört wurden. FC. Gonsenheim» 15. Sept. Die Eheleute Sekretär Neu- gebauer dahier begehen morgen das Fest der Goldenen Hochzeit. Ans Hessen-Raffan. FC. Wiesbaden, 16. Sept. „Mei Säuche hat nett gefreffe, deshalb Hab' ichs abgestoche und notgeschlachtet" mit dieser Entschuldigung, die jetzt allgemein bei den Schwarzschlächtern Gang und Gäbe ist, suchte der Hausdiener Walter Bath dahier eine Geheimschlachtung zu entschuldigen. Die Schöffen ließen dies nicht gelten, setzten ihm aber den Strafbefehl von 200 M. auf 100 Mark Geldstrafe herab. — Da sie Suppenwürfel, ein Gegenstand des täglichen Bedarfs, die noch obendrein zur Täuschung geeignet waren, mit einem sehr hohen Gewinn verkauft hatte, nahm das Schöffengericht die Händlerin Marie Hausmann in eine Geldstrafe von 50 Mark. FC. Wiesbaden, 16. Sept. Auf ein Huldigungstelegramm der Freiherrlichen Familie von Stein-Liebenstein in Varchfeld in Kurheffen an den Kaiser mit dem erneuten Treugelöbnis zu Kaiser und Reich, sandte Kaiser Wilhelm durch das Geheim« Zivilkabinet von Schloß Wilhelmshöhe aus an Amtsgerichts, rat Dr. Freiherr von Stein-Liebenstein in Wiesbaden ein Dank-- telegramm, das auf den Jahrestag des sechshundertjährigen Familienbesitzes in Barchfeld bezugnehmend die Wünsche für weitere Jahrhunderte kräftigen Blühens und Gedeihens der Familie im Frieden in einem glücklichen Deutschland ausfpricht. FC. Wiesbaden, 16. Sept. Gestohlen wurden in einer hiesigen Fabrik zwei Treibriemen von achteinhalb Meter Länge. Vom Dieb keine Spur. — Die Glocken der Marktkirche sind nach neuester Entscheidung in die erst in letzter Linie in Anspruch zu nehmende Klaffe der Glocken eingereiht worden, sodaß ihre Beschlagnahme bis auf weiteres nicht in Frage kommt. FC. Aus dem Westerwald, 16. Sept. Drei mit Säcken beladene Spitzbuben wurden nachts in Freirachdorf von der Polizei abgefaßt und bis zum Eintreffen der Gendarmerie in dem Spritzenhaufe inhaftiert. Einer der drei Spitzbuben wurde schon seit längerer Zeit als Fahnenflüchtiger verfolgt und kam nach Limburg ins Militärgsfängnis. Die beiden anderen wurden dem Amtsgerichtsgefängnis nach Höhr-Grenzhaufen zugeführt. FC. Dotzheim, 15. Srpt. In die Fauth'fche Oelmllhle waren in der vergangenen Nacht drei junge Burschen eingedrungen und waren im Begriff, eine Kanne mit Oel zu Men, als sie von Arbeitern dabei abgefaßt wurden. FC. Flörsheim, 15. Sept. Das sechsjährige Töchterchen der Familie Josef Volmer spielte gestern an einem Rollwagen, wobei der Wagen sich in Bewegung setzte und mit voller Wucht gegen das am Ende der Rollbahn vorbeiführende Bahngeleise rannte. Durch den Anprall wurde das Kind an einen dort stehenden Eisenbahnwagen geschleudert, wodurch es so schreckliche Verletzungen daoontrug, daß es kurz danach verstarb. FC. Wetzlar. 15. Sept. In der Scheune des Mühlenbesitzers Peter Amend in Werdorf brach Großfeuer aus. Die reich gefüllte Scheune drängte vollständig nieder. FC. Schierstein, 15. Sept. Die beiden Opfer der schauerlichen Familientragödie dahier, Heinrich und Elisabeth Thiele, wurden heute nachmittag unter großer Beteiligung von der Leichenhalle des hiesigen Friedhofs aus zu Grabe getrager?- FC. Vom Spessart, 15. Sept. Ein Großfeuer vernichtete in Rothenbuch die Anwesen von fünf Landwirten, die sämtlich nicht versichert sind. Die Entstchungsurfache des Brandes ist noch nicht aufgeklärt. Verantwortlich für den politischen und lokalen Teil: Otto Hirsche!, Friedberg; für den Anzeigenteil: R. Heyn er. Friedberg. Druck und Verlag der „Neuen Tageszeitung, < A> G., Friedberg iz.H. Uerfemt. Roman von AnnyWoihe. I $2) Nachdruck verboten. Mit einem schluchzenden Laut ritz er sie an seine Brust. Einen Augenblick ruhte sie auch wie in selbstvergeffener Seligkeit an seinem Herzen, dann aber richtete sie sich aus seinen Armen empor und sagte weich: „Und nun laß uns scheiden/' ' , „Scheiden?" „Ja, für immer. Du hast andere Pflichten. Erfülle sie gl»t, und hilf Mirena, daß sie gut, datz sie anders wird. Mein Leben, das weißt du, gehört nicht mehr mir. Eine schwere Mission habe ich zu erfüllen, Hansi zu retten, wenn sie noch zu retten ist, oder sie zu rächen. Ein Recht auf mich selbst habe ich nicht mehr. Ich erwarte noch heute Nachrichten von Jen Nielsen. Nach allen Richtungen hin sind Telegramme geflogen, um Hansis Spur zu finden. Vielleicht bin ich morgen abend nicht mehr in Berlin." „Aga," bat Holger leidenschaftlich, „laß mich teil haben an der Nachforschung, laß mich dir das Kind zurückbringen, dann wirst du anders deuten, daun wirft du —" „Nie!" entgeguete Aga bestimmt. „Unsere Wege, Holger, sind klar vorgezeichnet, sie führen nicht zu einander. — Lebe wohl!" Er breitete weit die Arme nach ihr aus, aber sie winkte nur leise abwehrend mit der Hand. Stumm bot sie ihm aber dann die blasie Stirn zum Kuffe, und Holger drückte seine Lippen darauf, keusch, fromm, zart, als küsse er ein Heiligenbild. „Ich lasie dich nicht," sagten seine Augen. Aga sah es nicht. Cie hatte den Blick gesenkt. Holger Mte die Tränen nicht schon, die darin standen. „Grüße Mirena," sagte sie leise, „und halte sie hoch. Sie ist vielleicht noch unglücklicher als wir." Er nickte stumm. Dann schritt er hinaus. Sein Schritt verhallte draußen auf den Kieswegen des Gartens, dumpf, als fielen Erdschollen auf einen Sarg. „Vorbei!" schluchzte Aga auf. „Alles vorbei!" Eine Meile stand sie im tiefsten Schweigen. Dann aber ging sie und schloß die Fenster. Eine eisige Ruhe war über sie gekommen, und kalt und fast drohend hob sich ihr Auge zu dem goldenes Abendftern auf, der bereits am Himmel flammte. „Die Sterne lügen wie das Leben," murmelte sie „ Dann ging sie schlafen, ohne Schlaf zu finden. 23. Kapttek. Eine hohe Frauengestalt wandelte durch die herbstliche Heide. Ein Teppich blühenden Heidekrautes ihr zu Fützen, und zu Häupten das leise Rauschen der Föhren. Wie still und einsam es war ringsumher, und welche feinen, durchsichtigen Schleier spannen die Sommerfäden. Agas Blick irrte suchend über die Heide. Wie lange war sie hier nicht gewandelt auf heimatlicher Flur. Von fernher klang das Murmeln der Wellen durch die Einsamkeit. Der Müggelsee mit seinen wald- nmkränzten Ufern, der Vertraute ihrer Kinder- und Mädchen- traume, ihn sollte sie Wiedersehen? Würde er nicht Rechenschaft von ihr fordern, der alte Geselle? Würde er nicht fragen? Wo Haft du das dir anvertraute Kleinod gelaffen? Wie hast du den kostbaren Schatz gehütet? Aga hätte aufstöhnen mögen vor Schmerz und Weh, aber tapfer schritt ihr Fuß weiter. Nur nicht schwach werden, jetzt, wo die Entscheidung so nahe war. Ein dunkles, unheimliches Feuer loderte in ihren Augen auf. „Ich werde, ich mutz sie finden," murmelte ihre Lippen, „und ich werde ihn zwingen, mir Hansi wieder zu geben, Hansi, Hansi!" Wie ein Schluchzen kam es aus ihrer Brust. Die Heideglocken in ihrer roten Pracht senkten tief ihre Köpfchen, und die blauen Glockenblumen schwankten leise im Winde. „Wenn Jen sich getäuscht hätte," grübelte Aga, „wenn die Spur, die hierher zu unserer Heimat führte, ihn irregeleitet hätte?" Aufseufzend zog sie im Weiterschreiten einen Brief aus der Tasche, den sie schon so oft gelesen und mit fiebernden Augen las sie wieder: „Verehrte Freundin! Endlich habe ich eine Spur. Sie führt in Ihr Heidedorf nach Schloß Berghausen. Wir haben ja diesen Punkt selbst oft ins Auge gefaßt, aber nachdem wir erfahren, datz Graf Verg- houfen nach der Schweiz abgereist und Verghaufen leer stand, immer wieder verworfen. Der Berliner Det^tiv, den ich engagierte, hat man aber ganz sicher in Erfahrung gebracht, datz Graf Nordkirch in Verghaufen gesehen worden ist, obgleich er sich offiziell in Berlin als nach dem Engadin gereist, abgemeldet hat. Ob er allein oder in Begleitung einer Dame sich befindet, hat bis jetzt nicht festgestellt werden können. Ich eile sogleich nach Verghaufen, denn sonst verwischt sich vielleicht wieder wie schon so oft die Spur. Ich bitte Sie, mir so bald wie möglich zu folgen. Pfarrer Hayrtwig, der Nachfolger Ihres Herrn Vaters, den ich sofort aufsuchen, und dem ich mich arrvertrauen werde, kann uns vielleicht behilflich sein, Licht in die dunkle Angelegenheit zu bringen. Nehmen Sie aber bitte auf der Station keinen Wagen, sondern vermeiden Sie jedes Aufsehen, damit uns Nordkirch nicht wieder entwischt. Der Gedanke, daß er sich in unserer so unmittelbaren Nähe aufhält, hat zu viel Unwahrscheinliches, aber möglich ist es dennoch, da er sicher annimmt, datz wir ihn überall suchen werden, nur nicht in Ihrer Heimat. Also Mut, Verehrteste, und auf Wiedersehen! Ihr getreuer Jen Nieffen." Aga hätte auffubeln mögen beim Lesen dieser Zeilen, und doch drückte ihr eine beklemmende Angst fast das Herz ab. Wenn Jen sich doch täuschte. Wenn wieder alles vergeblich war? Nein, es konnte ja ntcht fein. Wenn Hansi hier in der Heimat weilte, wo sie jeder Baum, jeder Strauch an die Schwester erinnerte, hätte sie da wohl schweigen können? War es überhaupt denkbar, daß ^in so junges, zärtliches, warmherziges Geschöpf, wie Haust, nicht ein Wort für die betrogene Schwester fand, nicht eine Silbe der Aufklärung, des Trostes? Was hatte dieser Mensch aus dem Kinde gemacht? Wie mutzte er ihre reine Seele vergiftet haben, datz sie aus den Irr- tÜmern ihres Herzens heraus nicht zur Wahrheit kam? Wie die rote Heide im Sonncngolde flimmerte! Wie es wogte und wallte, das Heidekraut, und welch herber Duft Aga umwehte! Und da schimmerte es auch tiefblau zwischen den dunklen Fichten auf, die Müggel? Aga stand mit gefalteten Händen Unfc starrte über den! See. Da lag es, ihr Hermatsdorf. Ink Kranze der Birken grüßte das schlichte Pfarrhaus und das Kirchlein herüber, in dem sie als Kind so oft gebetet. — Die blauen Wogen der Müggel hatten leick^e Cchaumkämme und rollten neckend gegen die waldigen Ufer, die schon zum Teil den bunten Schmuck des Herbstes trugen. „Heimatluft," sagte Aga leise vor sich hin, „wie bist drk bitter, und doch, wie bfft du süß." Sie schritt an der ehemaligen Oberförsterei vorüber, einem alten, schon lange nicht mehr bewohnten Jagdhaus, das, ganz im Evün versteckt, wach dem Müggelsee hinaussah. Wie ein Märchenbild erschien es ihr. Hier hatten sie als Kinder so oft Räuber und Prinzessin gespielt, und in stillen Mondnächten hatten sie von der kleinen Terrasse des Hauses weithin über den Müggelsee hinaus gesungen, und den dämmrigen Müggel- bergen da drüben Grütze geschickt. Wie lange war das her? { Graf Verghaufen hatte das Häuschen nie benutzt. Nur wenn Gäste kamen, die im Schlöffe selbst nicht mehr Unterkunft finden konnten, dann hatten sich die grünen Läden des Forsthauses weit geöffnet, und fröhliches Lachen war aus den blanken Fenstern hinaus über den See und in den Wald gedrungen. Auch heute waren alle Läden fest verschloffen, und doch hing Agas Blick wie gebannt an den grünumrankten Fenstern. Es war ihr, als zöge irgend eine geheime magnetische Kraft sie an, als könnte sie nicht weiter, als müßte ihr Fuß hier rasten. Einen Augenblick lehnte sie dann auch lautlos an der Schwelle. Was war das? Hatte sie wirklich die Türpfosten geküßt? Noch einmal umfaßte Agas Blick das stille Haus. Kein Laut, kein Hauch, nur dämmerndes Herbstesweben ringsumh^. und das leise Murmeln der Wellen. Aufseufzend schritt Aga weiter, den schmalen Weg am entlang, dem Dorfe zü. Seitwärts schimmerte der Park v Verghaufen im goldenen Schmuck des Herbstes auf, Aga mar* den Blick und schlug den Weg nach dem Pfarrhause ein, wo Je: ihr im Pfarrgarten entgegentvat. Jens Antlitz war totenbleich, und in seinen Augen flackerte ein eigenes Licht. „Ich ahnte nicht, daß Sie so schnell kommen konnten." sagt^ er, „sonst wäre ich Ihnen durch die Heide entgegengekommen. Bitte, treten Sie hier ein," fuhr er fort, die Tür zu des Pfarrers Stndierstube öffnend, „unser alter, würdiger Freund weiß alles, und er will uns helfen, so viel in seinen Kräften steht." Und Aga küßte dem alten, weißhaarigen Manne, dem Nachfolger ihres Vaters, die Hand, und ein Schauer schüttelte ihren Körper. Da stand sie an derselben Stelle, wo sie einst ihres Lebens größte Lust und ihres Lebens tiefstes Leid durchlebt, wo des Vaters Wort, als er den Geliebten entlarvte, sie zu Boden schlug, und des Vaters Hand sie tröstend emporhob, um sie den rechtem Pfad zu führen. „Der Herr segne Ihren Eingang und Ausgang, liebes Kind," sagte der Pfarrer, aber es klang nicht salbungsvoll, sondern voll warmer Herzlichkeit. „Möchte Ihr Vaterhaus Ihnen eine Stätte des Friedens sein." Dunkel stieg es in Agas Augen auf. „Von hier aus, Herr Pfarrer," sagte sie hart, „gehe ich einen schweren Gang, und ich glaube nicht, daß er ein Weg des Friedens fein kann. Haben Sie erfahren, lieber Doktor, ob Nordkirch sich auf Verghaufen befindet?" Fortsetzung folgt. üiöis Statt besonderer Anzeige. Todes-Anzeige. Heule verschied sanft nach kurzem Leiden unser geliebter Vater, Schwiegervater, Bruder, Schwager und Onkel Ludwig Müller im fast vollendeten 80. Lebensjahre. Friedberg (Hessen), den 15. September 1918. 2m Namen der trauernden Hinterbliebenen: Rudolf Müller Anna Müller geb. P-ppi-r. Die Beerdigung findet statt am Donnerstag, den 19. September, nachmittags 4 Uhr, von der Friedhofs-Kapelle au«. Kekaunimachirng 2ch bringe hierdurch zur öffentlichen Kenntnis, datz bei der am b.Sepiember 1918 vorgenommenen Auslo-ung von Aktien des Stadt. Schwimmbades die nachstehenden «kümmern gezogen worden sind: Lit. A. J]t. 27, Lit. B. Rr. 32, 39, 45, 53, 104, 11«, 131, 139, 151. . Die Einlösung der gezogenen Aktien erfolgt vom 1. April 1919 ab bei der Stadtlasse. Ariedberg. den 16. Sept. 1918. . Der BUrgeMleister ' 2. V.: schick. « iUiMe. 9 . Geschäftsstelle Frankfurt a. M., Kronprinzenstraffe 41. (Kronprinzenbau.) — Fernruf Römer Bürostunden: Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag, nachmittags von 2—4 Uhr. — Eeschäitsanzeigen in diesem Raum nur für unsere Mitglieder: dieselben sind kostenlos, jedoch mutz bei Auf- gäbe der Anzeige auf die Mitgliedschaft hingewiesen werden. Einen gebrauchten, noch gut erhaltenen Landauer zu verkaufen. Zu erfragen in der Geschästs- Üelle der „Neuen Tageszeitung". Ein junges Fohlen (etwa sechs Monate alt) steht preiswert zu verkaufen bei Frau Fritz Peter Wwe., Anspack t. Ts.. Langgasse. Wiedersehen war seine und unsere Hoffnung. Jung und einfach war dein Leben, Treu und fleißig deine Hand, Und so wollt'ft du weiter streben, Mutzt nun ruhen im fremden Land; Dein treues Herz hört' auf zu schlagen, Hörst nicht mehr deiner Lieben Klagen. plötzlich und unerwartet erhielten wir die schmerzliche Nachricht, datz unser lieber guter Sohn und treuer Bruder Musketier Ad-ls Gras am 28. August nach 19monatiger treuer Pflichterfüllung infolge schwerer Verwundung im blühenden Alter von 21 Jahren den Heldentod fürs Vaterland gestorben ist. Wohnbach, den 17. September 1913. Lic liefttaucrutieii HintttblikbMii: Familie Heinrich Graf. waren In best. Ausführ, zu billigsten Preisen. Graufuchs. Zobelfuchs, Alaska fuchs. Feh, Opossum. Maulwurf. 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